502  Erstes  Kapitel.

betrachtete  die  Kaiserfrage  als  gar  nicht  in  Aussicht  stehend,  indem  er  sich
auf  die  ÄAußerung  des  großen  Naturforschers  Du  Bois-Rermond  berief,
der  Imperialismus  liege  zu  Boden,  so  daß  es  in  Deutschland  künftig  nur
einen  König  von  Hreußen,  Berzog  der  Deutschen,  geben  könne.  Der
Kronprinz  wendete  dagegen  ein,  daß  die  tausendjährige  Kaiser=  oder
Königskrone  nichts  mit  dem  modernen  Imperialismus  zu  thun  habe,  daß
vielmehr  die  drei  deutschen  Könige  es  notwendig  machten,  den  Supremat
durch  die  Kaiserwürde  zu  ergreifen.  Damit  war  der  Stein  ins  Rollen
gebracht  und  sollte  trotz  des  Widerstrebens  König  Wilhelms  nicht  wieder
zur  Ruhe  kommen.

Unterdessen  vermochte  auch  das  republikanische  Frankreich  nicht  den
deutschen  Waffen  zu  widerstehen.  Am  27.  Oktober  kapitulierte  Wetz;
170000  Mann,  darunter  drei  Marschälle,  gaben  sich  kriegsgefangen.
Infolgedessen  konnte  die  Armee  des  Orinzen  Friedrich  Karl  nach  Haris
zur  Derstärkung  der  Belagerungsarmee  gezogen  werden.  Aber  auch  so
blieb  es  für  diese  eine  schwere  Aufgabe,  zugleich  die  Ausfälle  der  ihr
doppelt  überlegenen  Besatzung  von  Haris  abzuwehren  und  die  zum  Entsatze
  der  Hauptstadt  aufgebotenen  Armeen  zurückzuschlagen.

Swar  gelang  es  der  neugebildeten  Loirearmee,  die  Bayern  von
Orléans  abzudrängen;  aber  am  5.  Dezember  nahm  der  Großherzog
Friedrich  Franz  von  Mecklenburg-Schwerin  Orléans  wieder  ein  und  schlug
im  Derein  mit  der  Armee  des  Hrinzen  Friedrich  Karl  die  Armee  Chanzvs
bei  Le  Mans  in  völliger  Auflösung  zurück.  Nicht  besseren  Erfolg  hatte
die  Armee,  die  unter  Faidherbes  Befehl  von  Norden  her  die  belagerte
Rauptstadt  entsetzen  sollte.  General  von  Manteuffel  schlug  ihn  bei  Amiens,
und  als  er  nochmals,  um  den  Ausfall  bei  Le  Bourget  zu  unterstützen,
angriff,  an  der  Hallue.  Die  Surückweisung  dieses  Ausfalles  hatte  zur
Folge,  daß  am  27.  Dezember  das  Bombardement  gegen  den  Mont  Avron
eröffnet  wurde.  Und  nach  dem  vernichtenden  Erfolge  desselben  begann
am  5.  Januar  1871  die  Beschießung  von  Haris  selber.  Doch  wurden
täglich  nur  200  bis  300  Granaten  in  die  Stadt  geworfen;  denn  es  kam
nicht  darauf  an  zu  zerstören,  sondern  nur  zu  schrecken  und  den  Entschluß
zur  Kapitulation  zu  beschleunigen.  Auch  von  Csten  her  konnte  Daris
auf  keinen  Entsatz  rechnen.  Denn  die  Scharen  Garibaldis  trieb  General
von  Werder  bei  Hasquez  zurück  und  zersprengte  die  auf  Dijon  heranrückende
  Rhonearmee  völlig  bei  Muits.

Nur  allein  die  Wasgauarmee  unter  Bourbaki  stand  gegen  die
Deutschen  im  Felde.  Sie  sollte  durch  einen  Einfall  in  Süddeutschland
den  Entsatz  der  Hauptstadt  bewirken.  Allein  Werder  hielt  an  der  Cisaine