506  Erstes  Kapitel.

daher  den  Grafen  Bray  und  die  Minister  Lutz  und  Pranckh  mit  der
Vollmacht  zur  Wiederaufnahme  der  Verhandlungen  nach  Versailles,  und
König  Ludwig  dachte  daran,  selbst  im  Großen  Hauptquartier  zu  erscheinen,
und  entsandte  den  Grafen  Holnstein,  um  eins  der  Trianons  zur  Aufnahme
  für  den  König  einzurichten.

Durch  eine  eingehende,  stellenweise  etwas  scharf  geführte  Unterredung,
die  er  am  16.  Movember  mit  dem  Grafen  Bismarck  hatte,  war  es  dem
Kronprinzen  gelungen,  diesen  seinem  Standpunkt  näher  zu  bringen.  Zismarck
  nahm  infolgedessen  die  Derhandlungen  mit  Bapern  in  die  Hand,
das  seine  Jorderungen  sehr  herabgestimmt  hatte.  Die  wesentlichsten  der
geforderten  „Reservatrechte“  in  Bezug  auf  Militär,  Derkehrswesen  und
Reimatsgesetzgebung  konnten  ihm  bewilligt  werden;  und  am  25.  November
  wurde  in  Bismarcks  Quartier  der  Vertrag  mit  Bapern  abends
um  10  Uhr  unterzeichnet.  Zefriedigt  trat  er  darauf  zu  einigen  im
Rebenzimmer  wartenden  Freunden.  „Nun  wäre“,  sagte  er  mit  bewegter
Stimme,  „der  baprische  Vertrag  fertig  und  unterzeichnet.  Die  deutsche
Einheit  ist  gemacht  und  der  Kaiser  auch!“  Dann  ließ  er,  seiner  Befriedigung
  Ausdruck  zu  geben,  eine  Flasche  Champagner  bringen.  „Es
ist  ein  Ereignis!“  sagte  er  bedeutungsvoll.  Aber  wie  nachsinnend  fügte
er  hinzu:  „Die  Seitungen  werden  nicht  zufrieden  sein,  und  wer  einmal
in  der  gewöhnlichen  Art  Geschichte  schreibt,  kann  unser  Abkommen  tadeln.
Er  kann  sagen:  „Der  dumme  Kerl  hätte  mehr  fordern  sollen,  er  hätte
es  erlangt,  sie  hätten  gemußt.“  Er  kann  recht  haben  mit  dem  Müssen.
Mir  aber  lag  mehr  daran,  daß  die  Leute  mit  der  Sache  innerlich  zufrieden
  waren.  Was  sind  Derträge,  wenn  man  mußd  Und  ich  weiß,
daß  sie  vergnügt  fortgegangen  sind.  Ich  wollte  sie  nicht  pressen,  die
Situation  nicht  ausnützen.  Der  Dertrag  hat  seine  Mängel,  aber  er  ist
so  fester.  Ich  rechne  ihn  zu  dem  Wichtigsten,  was  wir  in  diesen  Jahren
erreicht  haben.  Was  den  Koaiser  betrifft,  so  habe  ich  ihnen  den  bei  den
Verhandlungen  damit  annebmbar  gemacht,  daß  ich  ihnen  vorstellte,  es
müsse  für  ihren  König  doch  bequemer  und  leichter  sein,  gewisse  Rechte
dem  Deutschen  Kaiser  einzuräumen,  als  dem  benachbarten  Könige  von
Dreußen.“

Zwei  Tage  danach  wurde  nun  auch  der  Dertrag  mit  Württemberg
unterzeichnet,  dem  ebenfalls  nicht  unwichtige  Sugeständnisse  gemacht
wurden,  welche  geeignet  waren,  dem  Dertrage  ebenso  wie  dem  baprischen
mehr  den  Charakter  eines  Bündnisses  zu  geben.

König  Ludwig  als  Beberrscher  des  mächtigsten  deutschen  Staates
nach  Dreußen  nahm  nunmehr  die  Verhandlungen  mit  den  deutschen