508  Erstes  Kapitel.

Eine  Freude  war  es  dem  Könige,  schon  wenige  Tage  nach  dem
Empfange  der  Kaiserdeputation  einen  Brief  von  dem  Könige  der  Belgier
zu  erhalten,  voll  Sympathie  für  Kaiser  und  Reich,  voll  großer  Erwar—
tungen  von  denselben;  denn  König  Leopold  sah  in  der  Wiederaufrichtung
des  Kaisertums  die  Wiederherstellung  der  Ordnung  und  des  Ziechtsbewußtseins
  in  Europa.  Wahrhaft  herrliche  Aufgaben,  schrieb  er,  harrten
damit  des  Kaisers.

Und  mitten  hinein  nun  in  diese  großen  Dinge  fiel  das  Weihnachtsfest.
  Der  König  ließ  es  sich  nicht  nehmen,  auch  hier  in  Dersailles  —
wie  er  es  in  Berlin  gewohnt  war  —  am  heiligen  Abend  für  seine  Umgebung
  selbst  eine  Bescherung  zu  besorgen  und  aufzubauen;  jedem  wußte
er  eine  Freude,  eine  sinnige  Uberraschung  zu  bereiten.

Die  Reichsverfassung  war  unterdessen  mit  den  notwendigen  Anderungen
  in  Berlin  gedruckt;  der  Deutsche  Kaiser  wie  das  Deutsche  Reich
hatten  darin  ihre  angemessene  Stellung  erhalten.  Mun  meldete  der
Dräsident  des  Bundesrates,  daß  sie  am  31.  Dezember  im  Bundesgesetzblatte
  erscheinen,  und  damit  Kaiser  und  Reich  mit  dem  I.  Januar  1821
verfassungsmäßig  ins  Leben  treten  würden.  Welche  hehre  Weihe  würde
das  Ereignis  erhalten  haben,  wenn  an  dem  gleichen  Tage  in  Dersailles
König  Wilbelm  die  Annahme  der  Kaiserkrone  feierlich  proklamierte!
Alle  Fürsten,  die  Dolksvertretungen  aller  deutschen  Staaten  hatten  ja  zugestimmt;
  einzig  die  Erklärung  der  baprischen  Abgeordnetenkammer  stand
noch  aus.  Allein  dem  Empfinden  des  Königs  widerstrebte  es,  als  eile  er
mit  der  Hroklamation;  er  erklärte,  daß  er  für  den  Neujahrstag  keine  öffentliche
  Kundgebung  beabsichtige.  Dielmehr  wurde  erst  der  18.  Januar,  der
preußische  Krönungstag,  den  der  Kronprinz  vorschlug,  für  die  Kaiserproklamation
  ins  Auge  gefaßt.  Eine  reichliche  Seit  war  damit  den  Bapern  bewilligt.

Aber  doch  blieb  auch  der  1.  Januar  nicht  ohne  Auszeichnung.  Der
König  empfing  die  Abordnung  des  preußischen  Herrenhauses,  die,  von
dem  Grafen  Sberhard  von  Stolberg  geführt,  ihm  eine  Adresse  gleichen
Sinnes,  wie  die  des  Abgeordnetenhauses,  überbrachte.

„Der  Inhalt“,  erwiderte  der  König,  „der  von  Ihnen  verlesenen
Adresse  des  Herrenhauses  kann  mich  nur  erfreuen,  und  Sie  legen  mit
Recht  dem  Orte  und  dem  Tage,  an  welchem  ich  dieselbe  von  Ihnen
entgegennehme,  eine  ihren  Wert  erhöhende  Bedeutung  bei.  Was  das
Berrenhaus  von  den  folgenschweren  Ereignissen  sagt,  welche  uns  hierhergeführt,
  läßt  mich  der  Armee  gedenken,  der  wir  diese  Erfolge  verdanken,
läßt  mich  diesen  Dank  aber  auch  dem  Herrenhause  für  die  richtige  Auffassung
  und  die  patriotische  Unterstützung  meiner  Reorganisation  der