510  Erstes  Kapitel.

Armee  aussprechen,  die  so  lange  anhaltenden  Widerstand  erfahren  mußte,
daß  fast  unsere  Zukunft  gefährdet  erschien.  Das  werde  ich  dem  Herren—
hause  nie  vergessen!  Noch  eines  anderen  hochwichtigen,  uns  noch  bevorstehenden
  Ereignisses  erwähnt  Ihre  Adresse,  welches  die  so  lange  erstrebte
Einheit  Deutschlands  darzustellen  geeignet  ist.  Mit  Ihnen  sage  ich,
möge  sich  dieselbe  zur  Ehre  Gottes  und  zur  Freude  der  Menschen  be—
festigen  und  bewähren,  möge  es  aber  auch  nie  vergessen  werden,  daß
Preußens  ganze  geschichtliche  Entwickelung  es  ist,  welche  auf  das  jetzt
erreichte  Ziel  hingeführt  hat!“

Wer  irgend  von  den  Fürsten,  die  im  Felde  standen,  sich  freimachen
konnte,  war  nach  Versailles  gekommen,  um  dem  Könige  zum  Jahresanfang
  seine  Glückwünsche  auszusprechen.  Der  Kronprinz  war  der  erste,
der  sie  ihm  darbrachte.  „Möge  es  dir  dereinst  vergönnt  sein“,  erwiderte
sie  der  König,  „die  Friedenssaat  der  jetzigen  Arbeit  zu  erleben!"  Und
als  er  sie  abends  bei  festlichem  Mahle  alle  um  sich  versammelt  hatte,
stand  er  auf.  „Ich  erhebe  mein  Glas“,  sagte  er,  „um  das  neue  Jahr
zu  begrüßen.  Auf  das  vergangene  blicken  wir  mit  Dank,  auf  das  beginnende
  mit  Hoffnungen.  Der  Dank  gebührt  dem  HBeere,  das  von  Sieg
zu  Sieg  gezogen.  Mein  Dank  aber  gebührt  den  anwesenden  deutschen
ürsten,  die  teils  Führer  in  diesem  Beere  gewesen,  teils  sich  ihm  angeschlossen
  HRaben.  Die  HBoffnungen  richten  sich  auf  die  Krönung  des
Werkes,  auf  einen  ehrenvollen  Frieden!“

Sofort  erbat  sich  Großbherzog  Friedrich  von  Baden  die  Erlaubnis
zur  Erwiderung.  Einst  habe,  entgegnete  er,  König  Friedrich  Wilhelm  IV.
gesagt,  nur  auf  dem  Schlachtfelde  könne  eine  Kaiserkrone  errungen  werden.
  Dies  königliche  Wort  habe  sich  heute  glänzend  erfüllt.  Denn  heute
trete  durch  das  amtliche  Erscheinen  der  Derfassung  das  Deutsche  Reich
in  Kraft.  Aber  doch  wolle  ihm  nicht  eher,  als  bis  sämtliche  Stämme
ihre  Sustimmung  erteilt,  der  König  die  Krone  aufsetzen;  und  daß  das
bald  geschehe,  sei  aller  Derlangen.  Mit  einem  Hoch  auf  König  Wilhelm
„den  Siegreichen“  schloß  er  seine  begeisterten  Worte,  die  eines  tiefen
Eindrucks  auf  alle  Anwesenden  nicht  verfehlten.

Ohne  Sweifel  ist  die  Aufrichtung  des  Deutschen  Kaisertums  das
größte  Ereignis  unsfres  Jahrhunderts.  Denn  damit  ist  das  Übergewicht
in  Europa,  nachdem  es  250  Jahre  bei  den  Romanen  gewesen,  fortan
auf  die  Germanen  übergegangen  und  das  ganze  politische  Antlitz  des
Erdteils  verändert.

Allein  König  Wilhelm  entschloß  sich  nur  schwer  dazu,  den  neuen
Stand  der  Dinge  anzuerkennen  und  die  Hroklamation  des  Kaisertums,