Kaiser  und  Reich.  511

für  die  der  Kronprinz  die  Spiegelgalerie  des  Versailler  Schlosses  aus—
gewählt  hatte,  zu  genehmigen.  In  einem  Rundschreiben  an  die  deutschen
Fürsten  legte  er  seine  Auffassung  der  Kaiserwürde  dar.  „Ich  nehme  die
deutsche  Kaiserkrone  an“,  heißt  es  darin,  „nicht  im  Sinne  der  Macht—
ansprüche,  für  deren  Verwirklichung  in  den  ruhmvollsten  Zeiten  unserer
Geschichte  die  Macht  Deutschlands  zum  Schaden  seiner  inneren  Entwicke—
lung  eingesetzt  wurde,  sondern  mit  dem  festen  Vorsatze,  soweit  Gott  Gnade
giebt,  als  deutscher  Fürst  der  treue  Schirmherr  aller  Rechte  zu  sein  und
das  Schwert  Deutschlands  zum  Schutze  desselben  zu  führen.“

Am  Nachmittage  des  17.  Januar  waren  beim  Könige  zu  einer
Sitzung  der  Kronprinz,  Graf  Bismarck  und  der  Minister  des  königlichen
Hauses  von  Schleinitz  versammelt.  Denn  es  war  doch  so  manches  noch
mit  Beziehung  auf  die  neue  Würde  zu  ordnen  und  festzusetzen.  König
Wilhelm  hätte  am  liebsten  sich  fortan  „König  von  Preußen,  erwählter
Kaiser  von  Deutschland“  genannt.  Dagegen  indessen  war  der  Kronprinz
mit  Entschiedenbeit:  ihm  schwebte  vor  „Kaiser  von  Deutschland“.  Riergegen
  wandte  jedoch  Bismarck  ein,  daß  diese  Fassung  auf  eine  Territorialmacht
  hindeute,  die  der  König  von  Hreußen  über  Deutschland  nicht
besäße.  Darum  hätten  auch  schon  die  bafrischen  Bevollmächtigten  dagegen
  Hrotest  erboben,  so  daß  sie  sich  auf  die  Bezeichnung  „Deutscher
Kaiser“  verständigt  hätten.  Dem  KRönige  mißfiel  sie,  ebenso  wie  dem
Kronprinzen;  doch  stimmten  sie  endlich  ihr  zu.  Jedoch  die  Abkürzung
„K.  K."  die  ihm  in  GEsterreich  immer  zuwider  gewesen,  verbat  sich  der
König  ernstlich.  Auch  von  einem  „kaiserlichen“  Heere  wollte  er  nichts
hören,  gab  aber  zu,  daß  die  Mlarine  „kaiserlich"  genannt  würde.  Man
sah  es  ihm  an,  wie  schwer  es  ihm  wurde,  von  dem  alten  Hreußen,  an
dem  er  so  festhielt,  jetzt  Abschied  nehmen  zu  sollen.  Dem  Kronprinzen
dagegen  erschien  die  Kaiserwürde  nur  als  das  Schlußglied  einer  langen
weltgeschichtlichen  Entwickelungsreihe  des  Rauses  Bohenzollern.  „WMein
Sohn",  sagte  der  König  zu  den  Ministern,  „ist  mit  ganzer  Seele  bei  dem
neuen  Stand  der  Dinge,  während  ich  mir  nicht  ein  Haar  breit  daraus
mache  und  nur  zu  Hreußen  halte.  Ich  sage,  er  wie  seine  Nachkommen
mögen  berufen  sein,  das  Bergestellte  Reich  zur  Wahrheit  zu  machen!“

So  fand  denn  am  18.  Januar  1871,  mittags  um  12  Uhr,  dem
170.  Jahrestage  der  Erbebung  Hreußens  zum  Königreiche,  in  demselben
Dersailler  Schlosse,  in  welchem  vorzeiten  so  viel  auf  Deutschlands  Herabwürdigung
  gesonnen  war,  der  Deutschen  höchster  Triumph  statt,  die
Droklamierung  der  Wiederaufrichtung  des  Deutschen  Kaiserreichs.  In
der  Säulenhalle  an  der  „Treppe  der  Hrinzen“  empfing  der  Kronprinz