512  Erstes  Kapitel.

den  König  und  geleitete  ihn  in  die  Spiegelgalerie,  in  der  Deputationen
aller  Regimenter  mit  ihren  Fahnen,  die  obersten  Führer  und  Abgesandte
aller  Offiziercorps  versammelt  waren.  Ein  Sängerchor  der  Mannschaften
begrüßte  den  eintretenden  König  mit  dem  Psalm  „Jauchzet  dem  Herrn
alle  Welt“.  Gerade  vor  den  Fahnen  des  Ersten  Garderegiments,  die
ihn  sein  ganzes  Leben  hindurch  begleitet  haben,  nahm  der  König  auf
einem  Hautpas  seine  Aufstellung,  im  Halbkreise  um  ihn  die  zahlreich  anwesenden
  deutschen  Fürsten  und  Hrinzen,  hinter  den  Fürsten  die  Minister
und  Generale.  Der  Kronprinz  kommandiert:  „Helm  ab  zum  Gebetl“"
und  der  Gottesdienst  beginnt.

Nachdem  die  kirchliche  Keier  mit  dem  Segen  und  dem  Choral  „Nun
danket  alle  Gott“  beendigt  ist,  tritt  der  König  etwas  vor  und  verkündet
mit  kräftiger  Stimme,  die  darüber  ausgestellte  Urkunde  verlesend,  die
Wiederaufrichtung  des  Deutschen  Kaiserreichs.  Dann  erteilt  er  dem
Kanzler  den  Befehl,  die  Hroklamation  zu  lesen,  die  der  neue  Kaiser
„an  das  Deutsche  Dolk“  richtet:

„Wir,  Wilhelm,  von  Gottes  Gnaden  König  von  Hreußen  —  nachdem
  die  deutschen  Fürsten  und  Freien  Städte  den  einmütigen  Ruf  an
Uns  gerichtet  haben,  mit  Berstellung  des  Deutschen  Reiches  die  seit  mehr
denn  60  Jahren  ruhende  deutsche  Kaiserwürde  zu  erneuern  und  zu  übernehmen,
  und  nachdem  in  der  Derfassung  des  Deutschen  Bundes  die  entsprechenden
  Bestimmungen  vorgesehen  sind,  bekunden  hiermit,  daß  Wir  es
als  eine  Hflicht  gegen  das  gemeinsame  Daterland  betrachtet  haben,  diesem
Rufe  der  verbündeten  deutschen  Fürsten  und  Freien  Städte  Folge  zu  leisten
und  die  deutsche  Kaiserwürde  anzunehmen.  Demgemäß  werden  Wir  und
Unsere  Tachfolger  an  der  Krone  Hreußens  fortan  den  kaiserlichen  Titel
in  allen  Unseren  Beziehungen  und  Angelegenheiten  des  Deutschen  Reiches
führen  und  hoffen  zu  Gott,  daß  es  der  deutschen  Nation  gegeben  sein
werde,  unter  dem  Wabhrzeichen  ihrer  alten  Herrlichkeit  das  Daterland
einer  segensreichen  Sukunft  entgegenzuführen.  Wir  übernehmen  die
kaiserliche  Würde  in  dem  Bewußtsein  der  Oflicht,  in  deutscher  Treue  die
Rechte  des  Reiches  und  seiner  Glieder  zu  schützen,  den  Frieden  zu
wahren,  die  Unabhängigkeit  Deutschlands,  gestützt  auf  die  geeinte  Kraft
seines  Dolkes,  zu  verteidigen.  Wir  nehmen  sie  an  in  der  Hoffnung,  daß
dem  deutschen  Dolke  vergönnt  sein  wird,  den  TLohn  seiner  heißen  und
opfermütigen  Kämpfe  in  dauerndem  Frieden  und  innerhalb  der  Grenzen
zu  genießen,  welche  dem  Haterlande  die  seit  Jahrhunderten  entbehrte
Sicherung  gegen  erneute  Angriffe  Frankreichs  gewähren.  Uns  aber  und
Unseren  Nachfolgern  an  der  Kaiserkrone  wolle  Gott  verleihen,  allzeit