514  Erstes  Kapitel.

Mehrer  des  Deutschen  Reiches  zu  sein,  nicht  an  kriegerischen  Eroberungen,
sondern  an  Gütern  und  Gaben  des  Friedens  auf  dem  Gebiet  nationaler
Wohlfahrt,  Freiheit  und  Gesittung!“

Eine  freudige  Bewegung  geht  durch  die  Versammelten.  Der.  Großherzog
  Friedrich  von  Baden  tritt  vor.  Mit  lauter  Stimme  ruft  er:
„Es  lebe  Seine  Kaiserliche  Majestät,  der  Kaiser  Wilhelm!“  Und  dreimal
stimm#e#  die  persammlung  begeistert  ein,  und  die  mächtigen  Klänge  von
„Beil.  Dir  im  Siegerkranz“  durchbrausen  den  Festsaal.  Zuldigend  beugt
der  Kronprinz  ein  Knie  vor  dem  Kaiser  und  küßt  ihm  die  Hand;  aberder
  -aiserliche  vater  hebt.  ihn.  auf.  und  umarmt  ihn  mit  tiefer  Bewegung.
Dann.  die  Reihe.  der  im  Saale  aufgestellten  Truppen  abschreitend,  verläßt
  der  Kaiser  unter  den  Klängen  des  Hohenfriedberger  Marsches  den
für  die  Deutschen  auf  alle  Seiten  geweihten  Raum.

Das  GEroße.  war  geschehen:  Alldeutschland  jauchzte  seinem  Kaiser  zu.
Jetzt.  traf·  auch  die.  Sustimmung  der  bafrischen  Abgeordnetenkammer  ein.
Wonach  sich.  unsere  Ahnen  gesehnt,  worauf  sie  in  langen,  schweren
Jahren  gehofft,  wovon  die  Dichter  geträumt:  im  Kaisertum  war  es  erfüllt;
  Deutschland  hatte  sich  selbst  wiedergewonnen.  Befreit  von  den
Schlacken  des  heiligen  römischen  Unsegens,  stieg  ein  an  Raupt  und  Gliedern
  reformiertes  Reich  unter  dem  altehrwürdigen  Mamen  und  dem
tausendjährigen  Abzeichen  aus  sechzigjähriger  Nacht  empor:  im  glorreichen
  Hause  der  Bohenzollern  war  ein  Kaisertum  aufgerichtet,  glänzender
als  das  der  HBohenstaufen,  kraftvoller,  als  je  eines  in  deutschen  Landen
gewesen  war.

Aber  durfte  man  nicht  meinen,  daß  Esterreich  aus  dieser  gewaltigen
Weugestaltung  der  deutschen  Derhältnisse  einen  Stachel  empfangen  würde?
Dem  zu  begegnen,  ließ  König  Wilhelm  schon  Mitte  Dezember  in  Wien
von  dem  Bevorstehenden  mit  der  Dersicherung  Mitteilung  machen,  daß
Deutschland  nach  wie  vor  wünsche,  seine  freundschaftlichen  Beziehungen  zu
EOsterreich  zu  erhalten  und  zu  fördern.  Und  noch  war  das  Jahr  nicht
zu  Ende,  als  Kaiser  Franz  Joseph  in  seiner  Antwort  dem  rückhaltslosen
Wunsche  Ausdruck  gab,  daß  Deutschland  in  den  neuen  Formen  seines
staatlichen  Daseins  die  wahren  Bürgschaften  einer  glücklichen,  für  seine
eigene  wie  für  die  Wohlfahrt  des  ihm  so  vielfach  verwandten  österreichischen
  Kaiserstaates  gleich  segensreichen  Zukunft  finden  möge.  Kein
Sweifel,  das  Bündnis  der  beiden  Kaiserreiche  bahnte  sich  schon  jetzt  an.

Am  Abend  des  großen  18.  Januar  saß  Kaiser  Wilhelm  wie  alle
Tage  an  seinem  Schreibtische  bei  der  Arbeit.  Graf  Bismarck  hatte  ihm
Hapiere  gesandt,  auf  dem  Umschlag  mit  der  Aufschrift  „An  des  Kaisers