Kaifer  und  Reich.  515

Majestät  vom  BZundeskanzler“".  Nach  seiner  Gewohnheit  benutzte  der
Kaiser  zur  Rücksendung  denselben  Briefumschlag,  nur  vertauschte  er  das
An  und  Dom,  strich  „Bundes“  durch  und  schrieb  darüber  „Reichs“.  In
schlichterer  Weise  ist  nie  ein  Reichskanzler  ernannt  worden.

Immer  aber  stand  noch  mit  Frankreich  der  Frieden  aus.  Schon
vier  Monate  hatte  Daris  mit  unerwarteter  Standhaftigkeit  alle  Leiden
einer  Belagerung  ertragen.  Allle  Ausfälle,  alle  Entsatzversuche  waren
gescheitert:  doch  immer  noch  ließ  es  von  der  Roffnung  nicht.  Wieder,
am  19.  Januar,  unternahm  General  Trochu,  der  Kommandant  von
Haris,  mit  100000  Mann  von  der  Südostseite  des  Mont  alerien  gegen
Buzonval  einen  Ausfall,  den  ein  gleichzeitiger  Dorstoß  der  Nordarmee
General  Faidberbes  unterstützte.  Allein  diesen  schlug  Göben  bei  St.  DQuentin
aufs  Haupt,  und  die  Kraft  der  Ausfallsarmee  zerschellte  an  dem  tapferen
Widerstande  des  5.  Armeecorps.  Ihre  Antwort  aber  gaben  die  Deutschen
zwei  Tage  später:  sie  eröffneten  auch  von  der  Nordseite  das  Bombardement
  gegen  Haris.  —-Das

  war  mehr,  als  die  Stadt  ertragen  konnte.  Die  Widerstandskraft
  der  republikanischen  Regierung  brach  zusammen;  mit  der  Bitte  um
Waffenstillstand  sandte  sie  Jules  Favre  am  25.  Januar  nach  Dersailles.
AUlehrere  Stunden  dauerte  die  Derhandlung  mit  Bismarck.  Dann  begab
sich  dieser  nachts  um  11  Uhr  zum  Kaiser.  Als  er  um  Mitternacht
wieder  die  Treppe  herabstieg,  trat  er  noch  auf  einen  Augenblick  bei  dem
Flügeladjutanten,  Graf  Lehndorff,  ein:  er  sagte  kein  Wort,  er  pfiff  nur
die  Ralali-Jagdfanfare  —  aber  alle  verstanden  ihn.  Am  28.  gewährte
donn  auch  als  Einleitung  des  Friedens  Kaiser  Wilhelm  den  Franzosen
einen  dreiwöchigen  Waffenstillstand  unter  der  Bedingung,  daß  die
Dariser  Forts  ausgeliefert  würden,  die  Besatzung  von  Haris  sich  kriegsgefangen
  gebe  und  ihre  Waffen  abliefere,  sowie  daß  in  den  Waffenstillstand
  sämtliche  Departements  mit  Ausnahme  derjenigen  des  Doubs,  des
Jura  und  Cote  d'Or  eingeschlossen  würden.  Denn  in  diesen  Departements
vollzog  sich  gerade  jetzt  das  Schicksal  der  „WMasgau-Armee“.  Manteuffels
kühner  Marsch  hatte  ihr  den  Rückweg  verlegt:  ihr  blieb  keine  andere
Rettung,  als  auf  das  Schweizer  Gebiet  überzutreten,  wo  sie  sofort  entwaffnet
  wurde.  „Was  hier  geschehen“,  rief  Kaiser  Wilbhelm,  als  er  die
Nachricht  erhielt,  freudig  erregt  aus,  „ist  ja  alles  wunderbar  und  verdienstlich;
  aber  was  jetzt  dort  geschehen,  ist  entscheidend.  Tun  wenigstens
ist  Aussicht  auf  Frieden!“

Die  letzte  Hoffnung  der  Franzosen  war  gebrochen.  Das  beschleunigte

die  Friedensverhandlungen  zwischen  Bismarck,  Thiers,  der  von  der  in
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