518  Erstes  Kapitel.

Wilhelm  verließ  am  Morgen  des  7.  März  Versailles.  Unterwegs  nahm
er  zu  Pferde  bei  Villiers  die  Parade  über  die  württembergische  Division,
das  sächsische  und  das  1.  baprische  Armeecorps  ab.  Dadurch  indessen
hatte  sich,  als  er  abends  in  Ferrières  anlangte,  sein  Befinden  so  verschlechtert,
  daß  er  mehrere  Tage  das  Zimmer  nicht  verlassen  konnte  und
am  10.  sogar  den  größten  Teil  des  Tages  im  Bett  zubringen  mußte.
In  der  bintersten  Scke  des  schmalen  Schlafzimmers  war  sein  Feldbett
aufgeschlagen,  kaum  einen  Fuß  über  den  Boden  sich  erhebend.  Dort  lag,
mit  seiner  grau  und  schwarz  gewürfelten  Decke  zugedeckt,  der  kaiserliche
Reld;  er  klagte  über  heftige  Schmerzen  auf  der  linken  Seite,  sah  sehr
echauffiert  aus  und  sprach  beiser,  so  daß  die  Befürchtung  einer  ernstlichen
  Erkrankung  nur  allzu  begründet  schien.  Seine  Stimmung  war
sehr  weich  und  trübe,  wozu  auch  die  von  den  Truppenteilen  jetzt  eingehenden
  Derlustlisten  das  ihrige  beitrugen.

Indes  der  starke  Wille  des  Kaisers  überwand  die  Schwäche  des
Körpers.  Am  Morgen  des  15.  März  stieg  er  wieder  —  zum  letztenmal  —
in  seinen  Campagnewagen  und  fuhr  nach  Lagny,  von  wo  nun  die  Eisenbahn
  ihn  der  Heimat  zuführte.  Sobald  er  sich  wieder  auf  deutschem
Boden  befand,  fühlte  er  sofort  sein  Befinden  sich  bessern.  Doch  bedurfte  es
im  Sommer  noch  einer  Kur  in  Ems  und  Wiesbaden,  um  die  Folgen  des
Winterfeldzuges  völlig  zu  heben.

Am  Abend  des  17.  März  langte  Kaiser  Wilhelm  wieder  in  Berlin
an.  Er  stand  schon  ausschauend  am  Fenster,  als  der  Sug  in  den  Bahnhof
  einfuhr.  Und  sowie  er  nur  den  Waggon  verließ,  umdrängten  ihn
die  Kaiserin  und  die  andern  Damen  der  kaiserlichen  Familie.  Stürmisch
umklammerten  seine  Enkel  Wilhelm  und  Heinrich,  des  Kronprinzen  junge
Söhne,  seine  Knie  und  hbielten  ihn  fest.  Vor  tiefer  Bewegung  fuhr  sich
der  Katser  wiederholt  über  die  Augen.  Swei  Schritte  zurück  stand  der
alte  Wrangel;  er  schwenkte  den  Federhut  und  wollte  Hurra  rufen:  aber
dem  greisen  Krieger  versagte  vor  Rührung  die  Stimme,  und  Thränen
rannen  ihm  über  die  tiefgefurchten  Wangen.

Dor  seinem  Halais  begrüßte  den  heimkehrenden  Sieger,  am  Denkmale
  Friedrichs  des  Großen  befestigt,  ein  Banner:  „Beil,  Kaiser  Wilhelm,
Heil  Dir  und  dem  tapferen  deutschen  Heere!“  Und  endlos  brachte  die
Kopf  an  Kopf  den  weiten  Hlatz  erfüllende  Menge  auf  den  geliebten
Berrscher  in  der  Kreude  des  Wiedersehens  Hoch  auf  Hoch  aus;  und  immer
wieder  mußte  er  mit  der  Kaiserin  auf  den  Balkon  heraustreten;  denn
immer  wieder  verlangte  das  treue  Dolk  ihn  zu  sehen,  bevor  es  jubelnd
durch  die  festlich  geschmückten  Straßen  sich  zerstreute.