Bweites  Kapitel.
Der  Ausbau  des  Reiches.

(1871—#  1878.)

Für  das  junge  Deutsche  Reich  war  es  ein  außerordentliches  Glück,
daß  dieselben  Männer,  die  es  geschaffen  hatten,  ihm  auch  fernerhin  noch
auf  eine  Reihe  von  Jahren  erhalten  blieben,  um,  nachdem  sie  den  Aufbau
  zum  Erstaunen  der  Welt  zustande  gebracht,  nun  auch  den  Ausbau
zu  leiten,  der  ihm  erst  Sicherbeit  und  Dauerhaftigkeit  verleihen  konnte.
Die  ehrwürdige  Hersönlichkeit  Kaiser  Wilhelms  allein  schon  wirkte
mäßigend  auf  die  Gegensätze  der  Harteien  im  Dolke;  seine  stets  rücksichtsvolle
  Art  trug  auch  viel  dazu  bei,  die  deutschen  Fürsten  mit  den  Opfern
auszusöhnen,  die  sie  zur  Förderung  des  gesamten  Daterlandes  hochherzigen
Entschlusses  dargebracht  hatten,  und  gab  ihnen  die  Gewähr,  daß  nicht
mehr,  als  das  Wohl  des  Ganzen  erhbeische,  von  ihnen  werde  verlangt  werden.

Um  so  gerechter  war  daher  der  Schmerz  bei  hoch  und  niedrig,  als
es  zu  Anfang  des  Jahre  1872  so  scheinen  wollte,  als  wenn  er  zuerst,
wie  er  denn  an  Lebensjahren  allen  seinen  Haladinen  voranstand,  von
dem  großen  Werke,  das  er  geschaffen,  werde  abberufen  werden.  Um  so
größer  aber  war  darum  auch  die  Srende,  daß  Gottes  Gnade  vor  einer
so  schweren  Drüfung  das  teure  Daterland  bewahrte.  Am  15.  Januar
klagte  der  Kaiser  über  ein  allgemeines  Gefühl  von  Unwohlsein,  das  sich
rasch  so  steigerte,  daß  er  dem  GCrdensfeste  fern  bleiben  mußte.  Eine
ernstliche  Krankheit  entwickelte  sich;  seine  Baltung  war  gebrochen,  seine
Stimme  ganz  tonlos  und  seine  körperliche  Schwäche  zwang  ihn,  wiederholt
  den  Tag  über  im  Bett  zu  bleiben.  Während  des  Februar  und
März  nahm  die  Krankheit  so  zu,  daß  die  Ärzte  einen  TLungenschlag  befürchteten.
  Tur  wenige  Stunden  um  Mittag  konnte  er  außer  dem  Bett
zubringen.  Aber  auch  dann  atmete  er  schwer  und  blieb  unter  dem
Banne  trüber  Stimmung.  Nur  auf  einen  Stock  sich  stützend,  konnte  er
sich  berwegen.  Dann  saß  er  an  dem  Miitteltische  in  seinem  Arbeitszimmer