Der  Ausbau  des  Reiches.  527

Anerkennung  zu  bringen.  Und  wirklich  unterwarfen,  als  er  fest  auf
seinem  Sinne  beharrte,  die  anfangs  heftig  widerstrebenden  Kirchenfürsten
sich  einer  nach  dem  andern;  und  die  Zahl  der  altkatholischen  Gemeinden,
welche  die  päpstliche  Unfehlbarkeit  nicht  anerkannten,  wurde  bei  weitem
nicht  so  groß,  wie  es  anfangs  bei  der  hochwogenden  Aufregung  den  An—
schein  gehabt  hatte.  Es  war  ein  großer  Sieg,  den  der  Papst  gewann
gerade  zu  der  Zeit,  wo  die  ewige  Stadt,  sein  letzter  Besitz  an  weltlicher
Herrschaft,  ihm  durch  die  Siege  der  Deutschen  verloren  ging.  Denn  das
große  Ereignis  von  Sedan  zwang  die  französische  Regierung,  die  Besatzung
aus  Rom  abzuberufen,  so  daß  nun  die  Jtaliener  die  Stadt  besetzten,
und  der  DHapst  sich  in  seinem  vatikanischen  Halaste  als  einen  „Oefangenen“
  betrachtete.  Da  erschien  denn  im  Großen  Zauptgquartier  in
Dersailles  eine  Deputation  der  deutschen  Katholiken  mit  der  Zitte  vor
Kaiser  Wilhelm,  daß  er  sich  für  die  Wiederherstellung  der  weltlichen
Berrschaft  des  Dapstes  verwenden  möchte.  Allein  der  Kaiser  lehnte  das
ab,  war  überhaupt  so  entschieden  gegen  jede  Einmischung,  daß  er  auch
keinen  katholischen  Geistlichen  hinderte  —  wie  doch  in  mehreren  katholischen
  Staaten  geschah  —  die  Beschlüsse  des  vatikanischen  Konzils  zu
verkündigen.

Durch  das  Dolk,  war  nun  der  Gedanke  der  Jesuiten,  von  denen
der  greise  Hapst  sich  völlig  lenken  ließ,  einen  Einfluß  auf  die  deutsche
Regierung  zu  erstreben.  Für  dies  Siel  entwickelten  sie  jetzt  eine  rührige
Thätigkeit.  Massenwallfahrten  wurden  ins  erk  gesetzt;  die  Jungfrau
Maria  erschien  in  Alarpingen  einem  Kreise  Auserwählter;  erstaunliche
Wunder  geschalen.  Die  Dolksmassen  wurden  fanatisiert  und  durch  die
Kapläne  zur  Wahlurne  geführt.  Das  Ergebnis  war,  daß  die  Sentrumspartei
  als  die  zahlreichste  in  den  Reichstag  eintrat.  Ein  Geist  des  Widerstandes
  gegen  die  Maßnahmen  des  Staates,  von  den  Jegsuiten  geschürt,
machte  sich  bemerkbar.  Der  uralte,  stets  glimmende  Gegensatz  zwischen
Staat  und  Kirche  begann  in  hellen  Flammen  aufzuschlagen.

Mit  klarer  Entschiedenheit  antwortete  Kaiser  Wilhelm  den  preußischen
Bischöfen,  die,  in  Fulda  versammelt,  sich  darüber  beschwerten,  daß  der
altkatholischen  Gemeinde  in  Kattowitz  eine  Motkirche  eingeräumt  war:
„Michts  wird  Mich  abhalten,  auch  in  Zukunft  ebenso  wie  bisher  darauf
zu  halten,  daß  in  Meinen  Staaten  jedem  Glaubensbekenntnis  das  vollste
Maß  der  Freiheit,  welches  mit  den  Rechten  anderer  und  mit  der  Gleichheit
  aller  vor  dem  Gesetze  verträglich  ist,  gewahrt  bleibe.“  Es  handelte
sich  ja  für  die  Regierung  nicht  darum,  ob  sie  das  Dogma  von  der  Unfeblbarkeit
  des  Hapstes  anerkennen  oder  nicht  anerkennen  sollte;  das