530  Sweites  Kapitel.

Aber  Kaiser  Wilhelm  war  nicht  der  Mann,  durch  Überhebung  sich
einschüchtern  zu  lassen.  Am  53.  September  gab  er  bündige,  unwiderlegliche
  Antwort.  „Ich  bin  erfreut,  daß  Eure  Heiligkeit  Mir,  wie  in
früheren  Zeiten,  die  Ehre  erweisen,  Mir  zu  schreiben.  Ich  bin  es  um
so  mehr,  als  Mir  dadurch  die  Gelegenheit  zu  teil  wird,  Irrtümer  zu  be—
richtigen,  welche  nach  Inhalt  des  Schreibens  Eurer  Heiligkeit  in  den
Ihnen  über  deutsche  Verhältnisse  zugegangenen  Meldungen  vorgekommen
sein  müssen.  Wenn  die  Berichte,  welche  Eurer  Heiligkeit  über  deutsche
Verhältnisse  erstattet  werden,  nur  Wahrheit  meldeten,  so  wäre  es  nicht
möglich,  daß  Eure  Heiligkeit  der  Vermutung  Raum  geben  könnten,  daß
Meine  Regierung  Bahnen  einschlüge,  welche  Ich  nicht  billigte.  Nach
der  Verfassung  Meiner  Staaten  kann  ein  solcher  Fall  nicht  eintreten,  da
die  Gesetze  und  Regierungsmaßregeln  in  Preußen  Meiner  landesherrlichen
  Zustimmung  bedürfen.

„Zu  Meinem  tiefen  Schmerze  hat  ein  Teil  Meiner  katholischen
Unterthanen  seit  zwei  Jahren  eine  politische  Partei  organisiert,  welche
den  in  Preußen  seit  Jahrhunderten  bestehenden  konfessionellen  Frieden
durch  staatsfeindliche  Umtriebe  zu  stören  sucht.  Leider  haben  höhere
katholische  Geistliche  diese  Bewegung  nicht  nur  gebilligt,  sondern  sich  ihr
bis  zur  Auflehnung  gegen  die  bestehenden  Landesgesetze  angeschlossen.

„Der  Wahrnehmung  Eurer  Beiligkeit  wird  nicht  entgangen  sein,
daß  ähnliche  Erscheinungen  sich  gegenwärtig  in  der  Mehrzahl  der  europäischen
  und  in  einigen  überseeischen  Staaten  wiederholen.

„Es  ist  nicht  Meine  Aufgabe,  die  Ursachen  zu  untersuchen,  durch
welche  Hriester  und  Gläubige  einer  der  christlichen  Konfessionen  bewogen
werden  können,  den  Feinden  jeder  staatlichen  Ordnung  in  Bekämpfung
der  letzteren  behilflich  zu  sein;  wohl  aber  ist  es  Meine  Aufgabe,  in  den
Staaten,  deren  ZRegierung  Mir  von  Gott  anvertraut  ist,  den  inneren
Frieden  zu  schützen  und  das  Ansehen  der  Gesetze  zu  wahren.  Ich  bin
Mir  bewußt,  daß  Ich  über  die  Erfüllung  dieser  Meiner  königlichen  Oflicht
Gott  Rechenschaft  schuldig  bin,  und  Ich  werde  Ordnung  und  Gesetz  in  Meinen
Staaten  jeder  Anfechtung  gegenüber  aufrecht  halten,  so  lange  Gott  Mir
die  Macht  dazu  verleiht.  Ich  bin  als  christlicher  Monarch  dazu  verpflichtet,
  auch  da,  wo  Ich  zu  Meinem  Schmerz  diesen  königlichen  Beruf
gegen  die  Diener  einer  Kirche  zu  erfüllen  habe,  von  der  Ich  annebme,
daß  sie  nicht  minder,  wie  die  evangelische  Kirche,  das  Gebot  des  Gehorsams
  gegen  die  weltliche  Obrigkeit  als  einen  Ausfluß  des  uns  geoffenbarten
  göttlichen  Willens  erkennt.