Der  Ausbau  des  Reiches.  531

„Zu  Meinem  Bedauern  verleugnen  viele  der  Eurer  Heiligkeit  unter—
worfenen  Geistlichen  in  Hreußen  die  christliche  Lehre  in  dieser  Richtung
und  setzen  Meine  Regierung  in  die  Notwendigkeit,  gestützt  auf  die  große
Mehrzahl  Meiner  treuen  katholischen  und  evangelischen  Unterthanen,  die
Befolgung  der  Landesgesetze  durch  weltliche  Mittel  zu  erzwingen.

„Jch  gebe  Mich  gern  der  Hoffnung  hin,  daß  Eure  Heiligkeit,  wenn
von  der  wahren  Lage  der  Dinge  unterrichtet,  Ihre  Autorität  werden  anwenden
  wollen,  um  der  unter  bedauerlicher  Sntstellung  der  Wahrheit  und
unter  Mißbrauch  des  priesterlichen  Ansehens  betriebenen  Aagitation  ein
Ende  zu  machen.  Die  Religion  Jesu  Christi  hat,  wie  Ich  Eurer  Beiligkeit
  vor  Gott  bezeuge,  mit  diesen  Umtrieben  nichts  zu  thun,  auch  nicht
die  Wahrheit,  zu  deren  von  Eurer  Beiligkeit  angerufenem  Hanier  Jch
Mich  rückhaltslos  bekenne.

„Noch  eine  Äußerung  in  dem  Schreiben  Eurer  Beiligkeit  kann  Ich
nicht  ohne  Widerspruch  übergehen,  wenn  sie  auch  nicht  auf  irrigen  Berichterstattungen,
  sondern  auf  Eurer  Beiligkeit  Glauben  beruht,  die  Äußerung
  nämlich,  daß  jeder,  der  die  Taufe  empfangen  hat,  dem  Papste
angehöre.  Der  evangelische  Glaube,  zu  dem  Ich  Mich,  wie  Eurer
Beiligkeit  bekannt  sein  muß,  gleich  WMeinen  Dorfahren  und  mit  der  Mehrheit
  Meiner  Unterthanen  bekenne,  gestattet  uns  nicht,  in  dem  Herhältnis
zu  Gott  einen  andern  Dermittler,  als  unsern  Herrn,  Jesum  Christum  anzunehmen.
  .

„Diese  Verschiedenheit  des  Glaubens  hält  Mich  nicht  ab,  mit  denen,
welche  den  unsern  nicht  teilen,  in  Frieden  zu  leben  und  Eurer  Heiligkeit
den  Ausdruck  Meiner  persönlichen  Ergebenheit  und  Verehrung  darzubringen.
  Wilhelm.“

Der  Eindruck,  den  diese  mannhafte  Abwehr  der  päpstlichen  Ansprüche
  bei  hoch  und  niedrig  machte,  war  ein  ganz  außerordentlicher;  mit
begeisterter  Zustimmung  begrüßten  sie  alle  Patrioten.  Im  Berliner  Rathause
  wurde  (am  7.  Februar  1874)  eine  großartige  Kundgebung  veranstaltet,
  an  der  auch  Abgeordnete  des  Reichstages  wie  des  Landtages  in
großer  Sahl  teilnahmen.  Aber  auch  im  Auslande,  zumal  in  dem  protestantischen
  England  und  Amerika,  erfaßte  man  mit  lebhaftem  Beifall
die  Bedeutung  des  Kampfes,  den  Deutschland  für  die  ganze  Delt
kämpfte.  Der  greise  Earl  Russel  berief  in  London  eine  nach  Tausenden
zählende  Dersammlung,  um  dem  Deutschen  Kaiser  die  Bewunderung  des
englischen  Dolkes  und  dessen  herzliche  Teilnahme  an  dem  Kampfe  Deutschlands
  gegen  Rom  auszudrücken.  Mit  lautester  Sustimmung  wurde  eine

Resolution  in  diesem  Sinne  gefaßt  und  nach  Berlin  gesandt.
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