Der  Ausbau  des  Reiches.  533

Auch  eine  reichlicher  zugemessene  Ausstattung  der  evangelischen  Kirche
ließ  Kaiser  Wilhelm  sich  angelegen  sein.  Er  sorgte  dafür,  daß  die  Ver—
heißungen,  die  1810  bei  der  Einziehung  der  Kirchengüter  der  Kirche  ge—
macht  waren,  ebenso  in  ihrem  vollen  Umfange  erfüllt  würden,  wie  die
Susicherungen,  die  ihr  1874  bei  der  Einführung  der  Sivilstandsgesetzgebung
erteilt  waren.  Denn  für  die  Kirche  einzutreten,  war  für  Kaiser  Wilhelm
Berzenssache.

Manche  schwere  Sorge  dagegen  bereitete  ihm  die  Einfügung  von
Elsaß-Lotbringen  in  das  Deutsche  Reich.  Dor  zwei  Jahrhunderten  durch
die  Oraktiken  Ludwigs  XIV.  dem  Beiligen  Römischen  Reiche  entrissen,
hatte  doch  die  kerndeutsche  Bevölkerung  bis  in  den  Anfang  unfres  Jahrhunderts
  sich  unversehrt  die  deutsche  Sigenart  bewahrt.  Erst  Tapoleon  I.
setzte  mit  Machdruck  die  Französierung  des  deutschen  Landes  ins  erk;
und  so  nachhaltig  war  der  Erfolg,  daß  nach  zwei  Generationen  die  Bevölkerung
  sich  durchaus  als  französisch  fühlte  und  mit  ihren  Gefühlen
an  Frankreich  hing.  Swar  Gegenliebe  fand  sie  wenig.  Denn  wenn
man  sie  in  Frankreich  auch  als  Soldaten  und  kräftige  Bandarbeiter  zu
schätzen  und  auszunutzen  wußte,  so  galt  doch  dem  echten  Franzosen  der
Elsässer  mit  der  Gipfelmütze  als  Typus  der  Einfalt  und  des  Ungeschicks.
Mit  heller  Freude  begrüßte  sie  dagegen  Deutschland,  als  die  deutschen
Siege  die  entfremdeten  Töchter  zur  echten  Mutter  Germania  zurückbrachten;
  es  schien  undenkbar,  daß  sie  nicht  deutsche  Sympathien  sich  sollten
bewahrt  haben.  Aber  es  war  nicht  anders:  die  Elsaß-Lothringer  wußten
Deutschland  wenig  Dank.  Und  doch,  als  jedem  freigestellt  wurde,  sich
für  die  französische  Mationalität  zu  entscheiden,  that  es  nur  eine  kleine
Sahl:  nicht  mehr  als  50  000  von  1½  Millionen!  Die  große  Menge
gefiel  sich  darin,  den  Mißvergnügten  zu  spielen,  gegen  die  deutschen  Beamten
  sich  ungezogen  zu  betragen  und  in  den  Reichstag  Franzosenfreunde
zu  wählen,  die  ihre  Sitze  entweder  gar  nicht  einnahmen  oder  grundsätzlich
ihre  Stimmen  gegen  Kaiser  und  Reich  abgaben.

Es  kam  also  darauf  an,  zunächst  die  Bewohner  dahin  zu  bringen,
daß  sie  sich  als  Elsaß-Lothringer  fühlten,  um  dann  allmählich  deutsches
Kühlen  und  Denken  auch  in  sie  zu  pflanzen.  Demgemäß  wurde  auch
Elsaß-Lotlringen  nicht  als  eine  neue  Provinz  mit  Hreußen  vereinigt,
sondern  als  unmittelbares  Reichsland  unter  eine  besondere  Derwaltung
in  Berlin  gestellt.  Mit  der  Beendigung  der  Diktatur  trat  am  1.  Januar
  1874  die  Derfassung  des  Deutschen  Reiches  auch  in  dem  Keichslande
  in  Wirksamkeit,  und  noch  in  demselben  Jahre  wurde  ein  Landesausschuß
  zur  Beratung  der  elsaß-lothringischen  Angelegenheiten  berufen.