534  Zweites  Kapitel.

Er  erfüllte  seine  Aufgabe  mit  voller  Hingebung.  Es  bildete  sich  eine
eigene  Landespartei,  die  ohne  Rücksicht  auf  politische  Stellungnahme  lediglich
  die  Interessen  des  Landes  zu  fördern  suchte.  Sehr  förderlich  für  die
Erweckung  deutscher  Smpatbien  erwies  sich  die  Gründung  der  Universität
Straßburg;  und  nicht  zum  geringsten  war  es  die  ebenso  ehrwürdige  wie
herzgewinnende  Hersönlichkeit  Kaiser  Wilhelms,  die,  als  er  1877  das
Reichsland  besuchte,  die  Gemüter  gewann.  Auf  die  freudigste  Weise  gab
die  Bevölkerung  ihre  Liebe  und  Verehrung  kund,  als  er  am  I.  Mai  in
Straßburg,  am  4.  Mai  in  Metz  weilte.  Einem  Triumphzuge  gleich  war
die  Kahrt  durch  das  schöne  Land,  dessen  Bewohner  von  weither  zusammeneilten,
  um  ihren  gütigen  kaiserlichen  Herrn  zu  sehen.  Woblbegründet
war  daher  die  Hoffnung,  mit  der  er  von  den  Reichslanden  Abschied  nahm.
„Um  einer  ernsten  fürstlichen  Oflicht  zu  genügen“,  sagte  in  seinem  Abschiedserlasse
  Kaiser  Wilhelm,  „bin  Ich  in  die  Reichslande  gekommen.
Allenthalben  auf  Meinem  Wege  bin  Ich  buldigenden  Aufmerksamkeiten
mannigfacher  Art  begegnet,  welche  Ich  gern  als  ebenso  viele  Beweise
dafür  betrachte,  daß  das  Dertrauen,  mit  dem  Ich  diese  Lande  betreten,
auf  gutem  Grunde  geruht  hat.  Jetzt  nehme  Ich  von  denselben  mit  dem
Bewußtsein  Abschied,  daß  Mein  Aufenthalt  dazu  beitragen  wird,  die  Beziellungen
  zwischen  ihnen  und  dem  Reiche  zu  befestigen  und  ersprießlich
zu  gestalten."

Auszugleichen  und  zu  versöhnen  lag  ja  Kaiser  Wilhelm  allezeit  besonders
  am  Berzen.  Darum  gereichte  es  ihm  zu  hoher  Zefriedigung,
daß  nach  der  Wiederaufrichtung  des  deutschen  Kaiserreiches  diejenigen
Fürsten,  welche  1866  ihrer  Throne  verlustig  gegangen  waren,  sich  zu
einem  versöhnlichen  Abkommen  bereit  fanden.  Swar  der  Kurfürst  Friedrich
  Wilhelm  von  Hessen  verharrte  in  seinem  Groll;  aber  als  er  1875
gestorben  war,  entsagten  für  eine  angemessene  Entschädigung  seine
Erben  auf  immer  dem  bessischen  Thron.  Auch  Berzog  Adolf  von  Zassau
entsagte,  wie  auch  Herzog  Friedrich  von  Schleswig-Rolstein.  Und  so
herzlich  war  die  Dersöhnung,  daß  sich  die  beiden  ältesten  Enkel  Kaiser
Wilhelms,  Hrinz  Wilhelm,  des  Kronprinzen  ältester  Sohn,  mit  der  Hrinzessin
  Auguste  Dictoria  von  Schleswig-Rolstein  und  der  Erbgroßberzog
Friedrich  von  Baden  mit  der  Hrinzessin  Hilda  von  Vassau  vermählten.
König  Georg  von  Bannover  freilich  widerstrebte  bis  an  seinen  Tod  (1878)
hoartnäckig  jeder  Aussöhnung.

So  war  denn,  was  nach  den  Seitumständen  zum  Ausbau  des  Reiches
geschehen  konnte,  gescheben.  Die  junge  Einheit  der  deutschen  Stämme
war  entwickelt,  ausgestaltet  und  auf  sichere  Fundamente  gestellt.  Und  das