536  Sweites  Kapitel.

hatten,  schloß  wie  ein  unter  der  Asche  glimmender  Kohlenhaufen  eine  Gefahr
  in  sich;  zum  mindesten  hemmte  das  Geschrei  nach  Hergeltung  an
Deutschland,  das  immer  von  Seit  zu  Seit  über  den  Rhein  herübertönte,
die  Abkühlung  der  Gemüter.  In  ruhiger  fester  Haltung  stützte  sich  dem
gegenüber  Deutschland  auf  die  alte  Freundschaft  mit  Rußland  und  auf
die  neu  gewonnene  mit  GEsterreich.  Mit  Recht  saben  daher  die  Dölker,
ols  im  September  1872  Kaiser  Alexander  mit  dem  Kaiser  Franz  Joseph
als  Gäste  in  Berlin  weilten,  in  dem  herzlichen  Verkehre  der  drei  Kaisermiteinander
  eine  Gewähr  des  europäischen  Friedens.  Auch  König  Dictor
Emanuel  von  Jtalien  kam  im  nächsten  Jahre,  um  die  alte  Freundschaft
mit  Hreußen  zu  befestigen,  nach  Berlin.  Kaiser  Wilhbelm  erwiderte  1875
den  Besuch  in  Mailand,  von  dem  Dolke  Jtaliens  mit  wahrhaft  überströmender
  Begeisterung  begrüßt.  Auch  Belgien  und  Schweden  pflegten
gern  die  alten  freundlichen  Beziehungen.  «

Durch  das  Vertrauen,  das  man  von  allen  Seiten  dem  Kaiser
Wilhelm  entgegenbrachte,  war  das  Deutsche  Reich,  ohne  daß  der  Kaiser
es  wollte,  die  führende  Macht  in  Europa  geworden.  Durch  den  Berliner
Kongreß  trat  dies  jedermann  in  die  Augen.  Auf  eigene  Hand  hatte  es
Rußland  versucht,  mit  dem  Schwerte  die  orientalische  Frage  zu  lösen.
Mit  Mühe  war  es  der  Türken  Herr  geworden  und  hatte,  bis  vor  die
Thore  von  Konstantinopel  vordringend,  der  Hohen  Pforte  den  Vertrag
von  San  Stefano,  unbekümmert  um  die  andern  Mächte,  auferlegt.  Von
diesen  aber  sahen  sich  zumal  Esterreich  und  England  so  empfindlich  in
ihren  Interessen  verletzt,  daß  Gsterreich  seine  Armee  mobil  machte  und
England  ein  Kriegsgeschwader  in  die  türkischen  Meere  entsandte.  Ein
Krieg  schien  unvermeidlich:  aber  würde  Rußland  den  neuen  Gegnern  gewachsen
  seind  Da  machte  Ssterreich  den  vorschlag,  den  Dertrag  der
Entscheidung  eines  Kongresses  der  Großmächte  zu  unterbreiten;  als  passenden
  Ort  nannte  es  Berlin.  Denn  von  der  unparteiischen  Dermittelung  des
Deutschen  Reiches  versprach  man  sich  den  besten  Erfolg.  Sögernd  stimmte
Rußland,  bereitwillig  die  andern  Großmächte  zu,  so  daß  am  15.  Juni
der  Kongreß  in  Berlin  zusammentrat.  Aber  die  Bevollmächtigten  Europas
begannen  ihre  Derhandlungen  damit,  daß  sie  dem  lebhaften  Wunsche  für
die  Wiederherstellung  Kaiser  Wilhelms  bewegten  Ausdruck  gaben.  Denn
Grauenvolles  hatte  sich  in  Berlin  zwischen  der  Einladung  zum  Kongresse
und  seinem  Susammentritt  zugetragen:  die  seit  langem  schleichende  sozialdemokratische
  Bewegung  hatte  in  scheußlicher  Schreckensgestalt  sich  erhoben.

Von  einer  Spazierfahrt  im  Tiergarten  kehrte  Kaiser  Wilbelm  mit
seiner  Tochter,  der  Großherzogin  Luise  von  Baden,  im  offenen  Wagen