538  Zweites  Kapitel.

Nur  allzusehr  sollte  er  recht  behalten!  Noch  bewegte  die  Trauer—
kunde  alle  Gemüter,  daß  die  Panzerfregatte  „Großer  Kurfürst“  infolge
eines  Susammenstoßes  mit  dem  Hanzerschiff  „König  Wilhelm“  im  Kanal
unweit  Folkstone  gesunken  sei  und  eine  Besatzung  von  250  Mann  mit
in  die  Tiefe  genommen  habe:  als  ein  neuer  Ulordanschlag  gegen  den
von  seinem  Dolke  so  heiß  geliebten  Kaiser  unternommen  wurde,  den
diesmal  die  verruchte  Mörderhand  nicht  fehlen  sollte.

Am  Sonntag,  den  2.  Juni,  fuhr  der  Kaiser  gegen  5  Uhr  in  einem
zweispännigen  Wagen  allein  an  der  Südseite  der  Linden  hinauf,  um  im
Tiergarten  die  gewohnte  Spazierfahrt  zu  machen;  freundlich  und  leutselig
  wie  immer  dankte  er  den  ehrerbietigen  Grüßen  der  Spaziergänger.
Da  fielen  aus  einem  Fenster  des  zweiten  Stockes  des  Bauses  Nr.  18  zwei
Flintenschüsse  auf  den  Kaiser.  Mit  teuflischer  Sicherheit  trafen  sie  ihr
Siel:  durch  mehr  als  50  Schrotkörner  war  der  Kaiser  im  Gesicht,  Kopf,
beiden  Armen  und  dem  Rücken  verwundet.  Auch  Helm,  Mantel  und
Rock  waren  von  Rehposten  durchlöchert.  Mit  dem  Taschentuche  versuchte
er  das  von  der  linken  Wange  niederrieselnde  Blut  zu  stillen;  Totenblässe
bedeckte  das  Gesicht,  als  wolle  er  ohnmächtig  werden.  Sofort  sprang
der  Leibjäger  in  den  Wagen  und  hielt,  den  linken  Arm  um  dessen
Schultern  legend,  seinen  schwer  getroffenen  kaiserlichen  Berrn  aufrecht.
Im  Schritt  kehrte  der  Magen  an  der  Kordseite  der  Linden  in  das
Dalais  zurück.  Es  war  ein  herzzerreißender  Anblick.  Grenzenlose  Bestürzung,
  mit  Sorn  und  Scham  gemischt,  daß  so  verruchte  Schandthat
hatte  geschehen  können,  erfaßte  die  Bevölkerung.  Der  Beldenkaiser,  dem
die  feindlichen  Granaten  in  der  Schlacht  nichts  angethan  hatten,  sollte
er  dem  Mlordblei  eines  nichtswürdigen  Meuchelmörders  erliegend  Reiße
Gebete  bestürmten  den  Rimmel,  und  Gottes  Gnade  wandte  diese  äußerste
Schmach  von  dem  deutschen  Dolke.  »

Sofort  eilten  die  Arzte  herbei.  „Ich  begreife  nicht,  warum  immer
auf  mich  geschossen  wird“,  sagte  der  Kaiser  mit  matter  Stimme  zu  ihnen.
Wann  hatte  je  ein  Berrscher  ein  besseres  Recht  zu  einer  solchen  Fraged  Die
Mitglieder  des  königlichen  Hauses,  alle  hohen  Staatsbeamten  versammelten
sich  alsbald  an  dem  Schmerzenslager  des  kaiserlichen  Dulders;  lautlos,
in  banger  Erwartung  harrte  eine  unabsehbare  Dolksmenge  des  Berichtes
der  Arzte.  Man  atmete  auf,  als  deren  Zulletin  die  Boffnung  auf
Wiederherstellung  nicht  ausschloß:  aber  der  Kaiser  war-  81  Jahrel

In  wilder  Erregung  war  unterdessen  eine  Schar  von  Bürgern  zu
dem  Gimmer  hinaufgestürmt,  aus  dem  die  Schüsse  gefallen  waren.  Sie
fanden  die  Thür  verschlossen;  während  man  sie  einschlug,  fiel  ein  Schuß,