Der  Ausbau  des  Reiches.  539

den  der  verruchte  Verbrecher  gegen  sich  selbst  abfeuerte.  Einen  zweiten
feuerte  er  auf  die  Eindringenden  und  verwundete  den  Hotelier  Holtfeuer.
Man  schlug  ihm  den  Revolver  aus  der  Hand  und  nahm  ihn  gefangen.
Es  war  der  50jährige  Landwirt  Karl  Eduard  Nobiling  aus  Kolno  bei
Birnbaum.  Er  bekannte,  daß  er  seit  Monaten  sozialdemokratische  Dersammlungen
  besucht;  von  dorther  stammte  ihm  die  frevle  Ruchlosigkeit,
mit  der  er  die  grauenvolle  Mkordwaffe  gegen  das  ehrwürdige  Haupt
seines  Kaisers  erhoben  hatte.  In  der  Nacht  versank  er  in  Bewußtlosigkeit
  und  erlag  am  10.  September  der  Wunde,  die  er  sich  beigebracht,
während  Hödel  am  16.  August  auf  dem  Schafott  sein  Derbrechen  fühnte.

Des  schwer  verwundet  daniederliegenden  Kaisers  Stellvertretung
übernahm  am  4.  Juni  auf  6  Wonate  der  Kronprinz.  Alsbald  löste  er
den  Reichstag  auf.  Denn  ein  Empfinden  ging  durch  das  Dolk,  daß  der
zweite  Mordversuch  auf  den  Kaiser  nicht  würde  geschehen  sein,  wenn
rechtzeitig  hätte  gegen  die  Sozialdemokratie  eingeschritten  werden  können.
Den  neu  gewählten  Reichstag  beseelte  daher  ein  völlig  anderer  Geist:
am  10.  Oktober  nahm  er  mit  großer  Akajorität  das  Gesetz  gegen  die
Ausschreitungen  der  Sozialdemokratie  an.

Unterdessen  heilten  die  Wunden  Kaiser  Wilhelms  leicht  und  glücklich
über  Erwarten.  Schon  im  Juli  konnte  er  sich  in  Begleitung  der  Großherzogin
  von  Baden  nach  Teplitz  begeben,  um  durch  dessen  Guellen
völlige  Wiedergenesung  zu  finden.  Sur  Toachkur  nahm  er  einen  mehrwöchigen
  Aufenthalt  in  Gastein.  Als  aber  dann  die  Herbstmanöver
bei  Kassel  bevorstanden,  ließ  er  sich  nicht  halten.  Wiewohl  er  den  Arm
noch  in  der  Binde  tragen  mußte,  nahm  er  doch  mit  gewohnter  Oflichttreue
  daran  teil.  Danach  weilte  er  noch  einige  Wochen  in  Baden-Baden
und  in  Wiesbaden,  dessen  heiße  Bäder  die  günstigste  Wirkung  hatten,
und  kehrte  in  alter  Kraft  und  Frische  am  5.  Dezember  nach  Berlin  zurück.
Die  Freude  und  Liebe  des  Dolks  hatte  den  Weg  vom  Hotsdamer  Bahnhofe
  bis  zum  Kaiserlichen  Halais  in  eine  Triumphstraße  verwandelt,
durch  die  der  Kaiser,  von  dem  hellen  Jubel  der  dichtgescharten  Menge
geleitet,  seinen  Einzug  hielt.  Im  Halais  angelangt,  trat  er  mit  der
Kaiserin  auf  den  Balkon,  dem  freudig  erregten  Dolke  zu  danken;  dann
zog  er  sich  in  sein  Arbeitszimmer  zurück,  um  durch  eine  Reihe  von  Gnadenerweisungen
  seine  glückliche  Heimkehr  zu  feiern.

Im  Emnpfangssaale  des  Halais  hatten  sich  inzwischen,  ihrem  kaiserlichen
  Herrn  ihre  Kuldigung  darzubringen,  die  Minister,  die  Landtagspräsidenten
  und  die  Dertreter  der  Hauptstadt  versammelt.  Der  Kaiser
trat  in  ihre  Mitte.  „Sie  werden  mit  mir  fühlen“,  sagte  er  zu  den  De-