542  Zweites  Kapitel.

putierten  Berlins,  „mit  wie  gemischten  Empfindungen  ich  in  diesem  Augen—
blicke  vor  Ihnen  stehe;  denn  Sie  haben  ja  mit  mir  die  Zeit,  seit  jenes
schmerzliche  Ereignis  mich  betroffen,  erlebt.  So  schwer  aber  die  körper—
lichen  Leiden  waren,  die  ich  zu  tragen  hatte,  so  waren  sie  doch  nicht  so
quälend  wie  die  Munde,  die  meinem  Herzen  dadurch  geschlagen  wurde,
daß  es  gerade  in  meiner  Residenz,  und  daß  es  ein  Hreuße  war,  durch
welchen  mir  diese  Heimsuchung  auferlegt  wurde!“

Dann  wandte  der  Kaiser  sich  zu  den  Staatsministern:  „Die  schmerzlichen
  Erfabrungen,  welche  mich  persänlich  betroffen,  haben  aber  auch
wunde  Stellen  in  unseren  gesamten  gesellschaftlichen  Derhältnissen  aufgedeckt
  und  erkennen  lassen,  welche  nur  von  der  starken  Hand  des  Gesetzes
  geheilt  werden  können,  dessen  Einwirken  neuerdings  aufgerufen
werden  mußte.  Wird  dadurch  Beilung  auch  dieser  Wunden  erreicht,  so
will  ich  gern  für  das  allgemeine  Wohl  geblutet  haben  und  mich  freuen,
daß  seitdem  doch  schon  so  vielen  die  Augen  aufgegangen  sind,  die  nicht
an  die  Tiefe  jener  Wunden  glauben  wollten.  Ich  sage  daher  allen
denen  meinen  Dank,  welche  in  der  Gesetzgebung  zu  einer  weiteren  Entwickelung
  dieser  Erkenntnis  mitgewirkt,  und  kann  nur  noch  den  Wunsch
aussprechen,  daß  auch  die  ausführenden  Behörden  mit  energischer  und  nach
allen  Seiten  hin  gerechter  Handhabung  wirken  mögen,  die  Absicht  und  den
Sweck  des  Gesetzes  zu  erreichen.  Ihnen,  meine  Herren  Hräsidenten  der
beiden  Häuser  des  Landtages,  wird  es  eine  gewiß  willkommene  Aufgabe
sein,  in  diesem  Sinne  den  Geist  und  die  Siele  der  Dolksvertretung  zu  pflegen."

Damit  übernahm  Kaiser  Wilhelm  nun  selbst  wieder  die  Sügel  der
Regierung.  Während  der  Stellvertretung,  am  15.  Juli  war  der  Berliner
  Kongreß  geschlossen  worden.  Aber  bald  erhoben  sich  über  die  Ausfüllrung
  seiner  Bestimmungen  Schwierigkeiten.  Da  war  es  denn  für  Kaiser
Wilhelm  eine  große  Genugthuung,  daß  seine  ausgleichenden  Bemühungen
von  allen  Seiten  Entgegenkommen  fanden,  so  daß  noch  im  Dezember  die
vollständige  Durchführung  des  Berliner  Dertrages  gesichert  war.

Mit  diesem  Eindruck  schloß  für  Kaiser  Wilhelm  das  „verhängnisvolle“
  Jahr  1878.  Und  in  der  Stille  der  Neujahrsnacht  finden  wir
ihn  in  seinem  Arbeitszimmer,  wie  er  aufzeichnet,  ein  herrliches  Seugnis
erhabener  Seelengröße  und  edlen,  frommen  Sinnes,  was  am  Schlusse
eines  solchen  Jahres  sein  Berz  erfüllt:

„Berlin,  51.  Dezember  1878,  ½11  Uhr  abends.

„Es  geht  ein  Jahr  zu  Ende,  welches  für  mich  ein  verhängnisvolles
sein  sollte.  Ereignisse  von  erschütternder  Art  trafen  mich  am  11.  Wai
und  am  2.  Junil