Drittes  Kapitel.
Zehn  Friedensjahre.

Die  Hohenzollern  haben  von  jeher  das  Prinzip  der  ausgleichenden
Gerechtigkeit  geübt.  Der  Große  Kurfürst  brach  das  Übergewicht  der
herrschenden  Landstände  in  soweit,  daß  er  das  Staatswesen  von  ihnen
unabhängig  machte.  Unter  den  Königen  des  18.  Jahrhunderts  begann
die  Beseitigung  des  Übergewichts  der  privilegierten  Klassen  über  Bürger—
und  Bauerntum.  Friedrich  Wilhelm  J.  und  Friedrich  der  Große  führten
das  Hrinzip  der  Steuergleichheit  ein,  wenn  sie  es  auch  noch  nicht  völlig
durchführten.  Das  Königtum  verschaffte  bereits  den  Domänenbauern
erblichen  Besitz  und  sorgte  für  die  Erhaltung  des  gesamten  bäuerlichen
Besitzes;  selbst  die  Aufhebung  der  Ceibeigenschaft  nahm  im  18.  Jahrhundert
  ihren  Anfang.  Und  die  Bauernbefreiung,  die  das  SEmanzipationsedikt
  vom  0.  Oktober  1807  einführte,  war  kein  Sedanke  der  französischen
Revolution,  sondern  die  Konsequenz  der  Fürsorge,  welche  die  preußischen
Könige  schon  im  18.  Jahrhundert  bethätigt  hatten.  Auch  die  Interessen
der  bürgerlichen  Klassen  wurden  von  den  Königen  wirksam  wahrgenommen.
  In  der  Auflegung  der  Steuern  verfuhr  Friedrich  der  Große
nach  dem  Grundsatz,  daß  sie  „eine  Art  Gleichgewicht  zwischen  den  Armen
und  Reichen  herstellen“  sollten.  Gesellschaftliche  Unzufriedenheit,  welche
aus  dem  Druck  und  der  Herrschaft  der  einen  Klasse  über  die  andere
entstanden  wäre,  gab  es  daher  in  Hreußen  nicht;  namentlich  haben  die
Derirrungen  des  Jahres  1848  nicht  hierin  ihren  Grund.  Dielmehr  ist
der  Frieden  der  Gesellschaft  in  Hreußen  stets  durch  die  vorbeugende
sozialpolitische  Thätigkeit  seiner  Herrscher  erhalten  worden.

Durchaus  in  dieser  Tradition  unternahm  es  nun  Kaiser  Wilbelm,
den  zumal  durch  die  industrielle  Entwickelung  geschaffenen  neuen  Aufgaben
seiner  Seit  gerecht  zu  werden.  Schon  ein  Greis,  hinaus  fast  über  die
gewöhnliche  Grenze  des  MWenschenlebens,  hatte  er  den  Mut  und  das
Gottvertrauen,  das  gewaltige  Werk  einer  Sozialreform,  wie  es  noch