546  Drittes  Kapitel.

Das  also  war  es,  was  man  von  diesen  staatsfeindlichen  Rotten  zu
erwarten  hatte.  Nun  hatten  sie  auch  in  Deutschland  in  den  verruchten
Mordanschlägen  gegen  Kaiser  Wilhelms  ehrwürdiges  Haupt  ihr  wahres
Gesicht  gezeigt.  Denn  erst  durch  die  Brandreden  der  sozialdemokratischen
Dersammlungen  war  den  Mordgesellen  der  grauenhafte  Gedanke  aufgegangen,
  den  Berrscher  zu  töten,  in  dem  sie,  weil  er  so  mächtig  und  so
geliebt  war,  das  stärkste  HRemmnis  für  die  Durchführung  ihrer  den  Umsturz
  von  Staat  und  Gesellschaft  anstrebenden  Pläne  sahen.  Wohl  gab
das  Gesetz  vom  19.  Oktober  die  Randhabe,  den  Ausschreitungen  der
Sozialdemokratie  mit  Machdruck  zu  begegnen;  und  Kaiser  Wilhelm  war
auch  gemeint,  daß  es  mit  energischer,  nach  allen  Seiten  hin  gerechter
Handhabung  angewandt  werden  solle.  Aber  sein  Auge,  man  möchie
sagen  sein  Herz  sah  tiefer:  nur  zu  wehren  und  zu  zügeln  genügte  ihm
nicht;  daneben  zu  bessern  und  zu  heilen  war  sein  hoher  Gedanke.  Ihn
durchdrang  die  Uberzeugung,  daß  in  den  Notständen,  unter  denen  der
Arbeiterstand  schwer  rang,  nicht  zum  wenigsten  die  Ursache  für  das  starke
Anwachsen  der  sozialdemokratischen  Bewegung  zu  suchen  sei.  Er  setzte
sich  daher  zum  großen  Siele,  dem  Arbeiter  Sicherung  gegen  die  Not,
die  gewöhnliche  Folge  von  Erkrankung  oder  von  Unfällen,  zu  gewähren
und  eine  Dersorgung  ihm  im  Allter  zu  verschaffen.

Wo  war  ein  solcher  Gedanke  schon  gefaßt  worden:  die  Sozialdemo-=kratie
  durch  Sozialreform  zu  überwinden!  Den  hochberzigen  Kaiser
schreckte  nicht  die  Aussicht,  daß  viele  Millionen  alljährlich  notwendig  sein
würden  zur  Durchführung  des  großen  Werkes.  Schritt  für  Schritt  ging
er  vor:  erst  galt  es  die  Mittel  zu  beschaffen  und  dann  sie  in  zweckmäßiger
  Weise  für  die  ebenso  neue  wie  große  Aufgabe  zu  verwenden.

Seit  1867  herrschte  in  Deutschland  das  Sstem  des  Freihandels.
Es  wurde  aufgegeben  und  1870  ein  neuer  Solltarif  durchgeführt,  der
eine  Menge  von  Einfuhrwaren,  wie  Getreide  und  Eisen,  zum  Nutzen  der
deutschen  Oroduktion  mit  Schutzzöllen,  andere,  wie  Kaffee  und  Tabak,
zum  Besten  der  Reichskasse  mit  Finanzzöllen  belegte.  Damit  wurde  nicht
nur  der  deutschen  Arbeit  in  Ackerbau  und  Gewerbe  zur  wirksamen  För—
derung  Schutz  gewährt,  sondern  auch  eine  jährliche  Mehreinnahme  von
150  Millionen  Mark  erzielt.  So  hatte  auch  die  Derstaatlichung  der
Eisenbabhnen  in  Hreußen  doppelten  Sweck.  Bisher  hatten  die  Eisenbahnen
im  Hrivatbetriebe  lediglich  den  Sweck  verfolgt,  möglichst  hohe  Dividenden
für  die  Aktienbesitzer  abzuwerfen.  Fortan  in  den  Dienst  der  Allgemeinheit
  gestellt,  brachten  sie  für  Waren=  und  Hersonenverkehr  durch  die
Einbeitlichkeit  der  Grundsätze  große  Erleichterung,  ermöglichten  zugleich