550  Drittes  Kapitel.

So  schieden  die  Vertreter  Rußlands  in  unverhehlter  Unzufriedenheit  von
Berlin.  Unter  zügellosen  Schmähungen  behauptete  die  russische  Presse,
daß  die  Unzuverlässigkeit,  ja  die  Treulosigkeit  Preußens  verschuldet  habe,
was  doch  der  Frieden  Europas  gefordert  hatte.  Ja,  russische  Generale
erdreisteten  sich,  Preußen  mit  Krieg  zu  drohen.

Dieser  Umschwung  in  der  öffentlichen  Meinung  Rußlands  entging
dem  Scharfblicke  des  Fürsten  Bismarck  nicht.  Er  weilte  im  August  1870
in  Gastein.  Dorthin  lud  er  den  Grafen  Andrassy,  den  österreichischen
Staatskanzler,  ein.  In  regem  persönlichen  Verkehre  schufen  hier  die
beiden  Staatsmänner  das  österreichisch-deutsche  Zündnis.  Denn  gegen
das  altverhaßte  Esterreich  in  erster  Cinie  richtete  sich  der  russische  Ingrimm.
Kaiser  Franz  Joseph  war  daher  dem  Dertrage,  der  im  Falle  eines  Angriffs
Rußlands  die  sich  verbündenden  Mächte  verpflichtete,  mit  ihrer  gesamten
Kriegsmacht  sich  beizustellen,  und  im  Falle  eines  Angriffs  von  anderer
Seite  ihnen  mindestens  eine  wohlwollende  neutrale  RKaltung  gegeneinander
vorschrieb,  sehr  zugeneigt  und  unterzeichnete  ihn  am  7.  Oktober.  Kaiser
Wilhelm  dagegen  war  der  Sache  durchaus  abgeneigt.  Er  hatte  mit
seinem  Reffen,  dem  Kaiser  Alexander  II.,  eine  Susammenkunft  in
Alexandrowo  unweit  Thorn,  und  nun  erst,  in  der  Überzeugung,  dem
Frieden  zu  dienen  und  möglichen  Störungen  desselben  wirksam  vorzubeugen,
  entschloß  er  sich  am  15.  Oktober,  den  Bündnisvertrag  auch
seinerseits  zu  unterzeichnen.  Sunächst  war  dieser  nur  auf  fünf  Jahre  geschlossen,
  wurde  aber  dann  ohne  Seitgrenze  erneuert.  Die  freundlichen
Beziehungen  zu  dem  russischen  Herrscherhause  wurden  davon  nicht  berührt.
Zur  Freude  Kaiser  Wilhelms  pflegte  sie  Kaiser  Alexander  III.  ebenso  wie
sein  hochsinniger  Dater.  Unmittelbar  nach  seiner  Thronbesteigung  sandte
er  zum  Geburtstage  Kaiser  Wilhelms  ein  sehr  herzliches  Glückwunschtelegramm.
  „Vom  neuen  Waiser“,  rief  Kaiser  Wilhelm,  als  er  es  erbielt,
freudig  bewegt  aus,  „die  alte  herzliche  Treue  und  Freundschaft:  das  thut
wohl!“  Aber  auch  später  zeigte  der  Zar  bei  wiederholten  Susammen-=künften
  mit  seinem  ehrwürdigen  Großoheim,  in  Danzig  1882,  in  Berlin  1887,
daß  er  Wert  darauf  lege,  ein  gutes  Derhältnis  zu  Deutschland  und  seinem
Berrscher  zu  wahren.

Unterdessen  wurde  Frankreich  nicht  müde,  in  aufdringlichster  Weise
seine  Freundschaft  Rußland  anzutragen,  das  mit  ziemlich  kühler  Berablassung
  das  würdelose  Buhlen  sich  gefallen  ließ.  Darum  war  es  eine
schwerwiegende  Verstärkung  des  deutsch-österreichischen  Bundes,  daß  1887
IJtalien  auf  seinen  Wunsch  unter  den  gleichen  Bedingungen  in  die
Friedensallianz  ausgenommen  wurde.  Denn  jetzt  mußte  KFrankreich  den