Zehn  Friedensjahre.  551

stets  gehegten  Gedanken  aufgeben,  für  den  Fall  eines  Dergeltungskrieges
gegen  Deutschland  Italien  auf  seine  Seite  zu  ziehen.  Damit  war  der
mächtige  Dreibund  geschaffen,  die  Zurg  des  europäischen  Friedens.  Und
auf  der  Sinne  stand  als  getreuer  Wächter  Kaiser  Wilhelms  ehrwürdige
Gestalt!

Der  Unkundige  mochte  meinen,  daß  die  Annäherung  Jtaliens  zu
einer  um  so  größeren  Entfremdung  des  Hapstes  vom  Deutschen  Reiche
führen  würde.  Indes  das  Gegenteil  trat  ein.  Dapst  Dius  war  1878
gestorben.  Sein  KNachfolger  Leo  XIII.,  vorsichtiger  und  besonnener,
wünschte  den  Frieden  mit  dem  Deutschen  Reiche;  war  doch  nirgends  durch
den  Kulturkampf  der  Ultramontanismus  zum  Siege  gelangt.  Aber  doch
durchdrang  die  Mißstimmung  der  Katholiken  tief  das  öffentliche  Leben.=Darum
  war  es  auch  Kaiser  Wilhelms  lebhafter  Wunsch,  mit  der  katholischen
  Kirche  wieder  zum  Frieden  zu  kommen.  Dersähnliche  Schritte
wurden  angebahnt,  die  „Maigesetze“  milder  gehandhabt,  und  der  Kronprinz
  hatte  im  Dezember  1885  eine  persönliche  Susammenkunft  mit  dem
Papste  im  Datikan.  Immerhin  waren  die  nunmehr  eingeleiteten  Friedensverhandlungen
  schwierig  und  langwierig.  Endlich  im  Jahre  1887  wurde
der  Ausgleich  gefunden.  Der  Staat  kehrte  zu  denjenigen  Derhältnissen
zurück,  die  vor  dem  Beginne  des  Kulturkampfes  bestanden  hatten:  wogegen
  ihm  die  päpstliche  Kurie  das  Recht  des  Einspruches  gegen  die  Anstellung
  von  Hfarrern  gewährte,  ein  sehr  weittragendes  SGugeständnis,  das
er  früher  nicht  besessen  Hatte.  Damit  war  denn  der  langjährige  Streit
zur  großen  Befriedigung  für  Kaiser  Wilhelm  beendigt,  wenn  auch  der
tiefer  liegende  Gegensatz  von  Staat  und  Kirche  unausgeglichen  blieb  und
bleiben  mußte.

Auch  die  unerquickliche  Stellung,  die  das  Reichsland  Elsaß-Lothringen
gegen  das  deutsche  Mutterland  eingenommen  hatte,  erfuhr  in  dem  Jahrzehnte
  des  Friedens  eine  erhebliche  Besserung,  wiewohl  noch  nicht  völligen
Ausgleich.  Der  Kaiser  gab  den  lebhaften  Wünschen  des  Landes  nach,
indem  er  1870  den  Sitz  der  Regierung  desselben  von  Berlin  nach  Straßburg
  verlegte.  Sum  Statthalter  des  Reichslandes  wurde  zugleich  der
Feldmarschall  Edwin  von  Manteuffel  ernannt.  Aber  sein  Versuch,  durch
ein  weitestgehendes  Entgegenkommen  die  Frankreich  zugeneigte  Mehrheit
der  Bevölkerung  für  Deutschland  zu  gewinnen,  scheiterte  völlig;  nur  um
so  trotziger  erhoben  die  Franzosenfreunde  ihr  Kaupt,  nur  um  so  dreister
gaben  sie  ihrer  Sehnsucht  Ausdruck,  daß  das  alte  deutsche  Land  unter
die  französische  Fremdberrschaft  zurückkehren  möge.  Oiel  energischer  zog
dagegen,  als  Manteuffel  1885  starb,  sein  Machfolger,  Fürst  Thlodwig