552  Drittes  Kapitel.

von  HBobenlohe-Schillingsfürst,  die  Sügel  der  Regierung  anz  er  wehrte
der  antideutschen  Agitation  im  Lande  mit  Nachdruck  und  unterband  den
allzu  intimen  Derkehr  mit  Frankreich.  Nichts  hemmte  ja  mehr  die  Abkühlung
  der  franzosenfreundlichen  Gemüter  im  Reichslande,  als  das  Geschrei
  der  Franzosen  nach  Vergeltung  an  ihren  deutschen  Überwindern,
das  immer  von  GSeit  zu  Seit  gellend  über  die  Berge  des  Wasgau  herüberschallte.
  Dem  gegenüber  imponierte  die  friedliebende,  uneigennützige  und
würdevolle  selbstbewußte  Raltung  des  Deutschen  Beiches;  und  vollends
nun  dies  Deutschland  an  der  Spitze  des  Dreibundes  machte  auch  dem
glühendsten  Franzosenfreunde  die  völlige  Aussichtslosigkeit  der  Dergeltungshoffnung
  einleuchtend.  Da  schloß  denn  doch  im  Reichslande  gar  mancher
ganz  im  stillen  seinen  Frieden  mit  Deutschland.

Aber  nicht  auf  Deutschland,  nicht  auf  Europa  nur  war  das  weitschauende
  Auge  Kaiser  Wilhelms  gerichtet;  wo  es  auf  der  ganzen  Erde
deutsche  Interessen  zu  vertreten,  den  deutschen  Namen  hochzuhalten  galt,  da
hielt  er  es  für  seine  Regentenpflicht,  fördernd  und  schützend  einzugreifen.  In
großartigster  Weise  hatte  Kaiser  Wilhelm  aus  den  bescheidenen  Anfängen
König  Friedrich  Wilbelms  IV.  die  preußisch-deutsche  Flotte  entwickelt.
In  dem  Schutze  des  Handels  fand  sie  eine  friedliche  Bestimmung  von
weittragender  Bedeutung.  Deutsche  Hostdampferlinien  wurden  zur  Förderung
  des  deutschen  überseeischen  Handels  eingerichtet  und  zahlreiche
RKandelsverträge  mit  fremden  Mächten  abgeschlossen.  Aber  der  allgemach
sich  vollziehende  Übergang  Deutschlands  von  einem  ackerbauenden  zu  einem
Industriestaate  drängte  zu  einer  Sicherung  der  Albsatzgebiete,  die  der
immer  weiter  ausgreifende  deutsche  Handel  sich  erschloß,  um  die  Ausfuhr
der  Industrieerzeugnisse  wie  die  Sufuhr  der  Rohmaterialien  ohne  störende
Belästigungen  oder  Einengungen  sicherzustellen.  Das  aber  konnte  nur
der  Besitz  von  Kolonien  gewähren.  So  ist  aus  dem  Schoße  des  deutschen
Volkes  das  Derlangen  nach  der  Erwerbung  deutscher  Kolonien  hervorgegangen.


Schon  vor  zweibundert  Jahren  hatte  sich  der  Große  Kurfürst  auf
alle  Weise  bemüht,  das  Interesse  seines  Dolkes  für  seine  kolonialen  Bestrebungen
  zu  gewinnen.  Jetzt  war  es  das  Dolk,  das  danach  rief.  Aber
der  geniale  Hohenzoller  war  ein  junger  Mann  von  26  Jahren,  als  er
sich  im  Haag  mit  dem  holländischen  Admiral  Gissels  van  Lier  über  seine
kolonialen  Hläne  beriet,  von  denen  er  sich  eine  ertragreiche  Förderung
der  Wohlfahrt  seiner  Länder  versprach.  Kaiser  Wilhelm  jedoch  war  ein
Greis  von  87  Jahren,  als  die  koloniale  Bewegung  an  ihn  herantrat.
Um  so  bewunderungswürdiger  ist  der  Mut,  mit  dem  er  den  Entschluß  faßte,