Zehn  Friedensjahre.  553

unbekümmert  um  die  Eifersucht  Englands,  um  die  Unruhe  Frankreichs,
dem  Deutschen  Reiche  den  kolonialen  Besitz  zu  erwerben,  dessen  es  zu
einer  gedeihlichen  Weiterentwickelung  bedurfte,  wenn  auch  den  vollen  Er—
trag  erst  die  Enkel  davon  haben  konnten.  Mit  weitschauendem  Blick
ermaß  Kaiser  Wilhelm  die  Folgewichtigkeit  einer  solchen  Erwerbung.
1884  wurde  mit  Deutsch-Südwestafrika,  Kamerun,  Togo  und  Deutsch-Ostafrika
  in  Afrika  ein  Gebiet  von  2  ½  Millionen  Ouadratkilometern
unter  den  Schutz  des  Deutschen  ZReiches  gestellt,  wozu  1885  in  der  Südsee
  noch  ein  weiteres  Gebiet  von  1/  Million  Duadratkilometern  trat,  so
daß  das  deutsche  Kolonialreich  insgesamt  um  das-Fünffache  das  Mutterland
  an  Ausdehnung  übertrifft.  "

Ein  Werk  des  Friedens  schloß  sich  daran.  Nachdem  Deutschland
sich  mit  Frankreich  verständigt,  luden  zum  Erstaunen  Europas  die  beiden
alten  Gegner  alle  seefahrenden  Mationen  Europas  und  die  Dereinigten
Staaten  von  Amerika  zu  einer  Konferenz  nach  Berlin  ein,  um  der  Konkurrenz
  der  Mächte  in  Afrika  durch  gemeinschaftliche  Beratung  bestimmte
Wege  zu  weisen  und  Reibungen  und  Susammenstößen  von  vornherein
vorzubeugen.  Das  Ergebnis  der  Beratungen  war  die  Generalakte  vom
28.  Februar  1885,  gewöhnlich  kurzweg  die  Kongo-Akte  genannt.  Sie
stellt  die  Zedingungen  für  die  Gültigkeit  künftiger  Besitzergreifungen  in
Westafrika  fest  und  giebt  eine  Reihe  bindender  Normen  für  die  Derwaltung
  der  in  Afrika  schon  in  Besitz  genommenen  Gebiete.  Aber
darüber  hinaus  zeigte  sie  klar,  daß  England  nicht  mehr  wie  bisber  den
Ausschlag  gebenden  Einfluß  in  überseeischen  Angelegenheiten  ausübte,
daß  fortan  auch  hierin  das  Deutsche  Reich  ein  schwer  wiegendes  Wort,
das  achtsame  Berücksichtigung  verlangte,  mitsprach.

Sur  leitenden  Macht  Europas  —  das  ist  das  Ergebnis  dieser
Friedensjahre  —  war  das  Deutsche  Reich  emporgestiegen  dank  der  Weisheit
  und  Mäßigung  Kaiser  Wilbelms,  dank  vor  allem  des  tief  begründeten
  Dertrauens,  mit  dem  alle  Welt  zu  der  ehrwürdigen  Beldengestalt
emporblickte.