Viertes  Kapitel.
Unser  Kaiser  daheim.

An  jedem  Mittag,  wenn  die  königliche  Purpurstandarte  von  dem
Palais  Kaiser  Wilhelms  wehte,  sammelten  sich  bei  dem  Denkmale
Friedrichs  des  Großen  Unter  den  Linden  Gruppen  von  Wenschen  an,  wie
es  schien,  ganz  in  die  Betrachtung  von  Rauchs  WMeisterwerk  vertieft.
Aber  in  Wahbrbeit  galt  ihre  Aufmerksamkeit  dem  „bhistorischen  Eckfenster",
welches  eigentlich  das  zweite  von  der  SEcke  war:  denn  an  diesem  zeigte
sich  zuzeiten,  wenn  auch  nur  auf  einen  Augenblick,  die  HBeldengestalt
Kaiser  Wilhelms.  Tur  wenn  um  1  Uhr  die  Wachktparade  vorübermarschierte,
  blieb  er  am  Fenster  stehen,  bis  sie  vorüber  war.  Dann
gingen  die  Leute  zufrieden  und  glückselig  nach  Hause,  oder  reisten  ab  in
ihre  ferne  Heimat:  sie  hatten  ihren  Kaiser  gesehen,  zu  dem  ja  jeder  in
einem  ganz  persönlichen  Derhältnis  sich  stehend  fühlte.  Die  Bewunderung
für  seine  Großthaten  war  längst  zu  einer  innigen  Verehrung  durchwärmt;
und  in  dieser  empfand  jeder  den  Kaiser  als  einen  Teil  seines  eigenen
Jch.  Es  war  unmöglich  zu  denken,  wie  man  sollte  ohne  den  Mann
dort  leben  können,  der  das  Wohl  aller  auf  dem  HBerzen  trug,  und  zu
dem  ein  jeder  mit  unbegrenztem  Hertrauen  aufschaute.

In  einem  Gespräche  mit  General  Grant  entwarf  Fürst  Bismarck
diesem  ein  Bild  des  Kaisers.  „Miemals“,  sagte  er,  „gab  es  einen
Menschen  von  einem  bescheideneren,  großmütigeren  und  humaneren
Tharakter  als  den  Kaiser.  Er  unterscheidet  sich  ganz  und  gar  von  den
in  so  hoher  Stellung  geborenen  Menschen,  oder  doch  von  den  meisten
derselben.  Sie  legen  wenig  Gewicht  auf  die  Empfindungen  und  Wünsche
anderer;  sie  meinen,  Menschen  ihrer  Abstammung  sei  vieles  erlaubt;  ihre
ganze  Erziehung  scheint  dabin  zu  zielen,  in  ihnen  die  menschliche  Seite
zu  ersticken.  Der  Kaiser  hält  sich  nicht  für  einen  solchen  Glympier;  im
Gegenteil,  er  ist  in  jeder  Beziehung  Mensch  und  unterzieht  sich  jeder
menschlichen  Oflicht.  Er  hat  nie  in  seinem  Leben  jemand  Unrecht  gethan,