558  Viertes  Kapitel.

Soldat  mit  Hingebung,  sah  Kaiser  Wilhelm  in  seinem  militärischen
Berufe  bis  zur  Regentschaft  seine  Lebensaufgabe.  Als  aber  dann  auch
große  staatsmännische  Aufgaben  an  ihn  herantraten,  offenbarten  sie  bald
die  außerordentliche  Befähigung  auch  für  dies  große  Gebiet  des  Wirkens,
sie  stetig  weiter  entwickelnd,  die  bisher  in  dem  Hrinzen  geschlummert  hatte.
Er  besaß  eine  unbefangene,  realistische  Auffassung  der  Dinge,  die  sich
über  alle  Dorurteile  erhob.  In  der  Derehrung  für  GEsterreich  erzogen,
erkannte  er  doch  schon  als  junger  Hrinz,  daß  der  Koaiserstaat  in  seiner
inneren  Entwickelung  weit  hinter  Hreußen  zurückgeblieben  sei,  weil  dort
alles  „stagnierte“.  Er  schrieb  damals  (1828)  an  seinen  königlichen  Dater:
„Esterreich  hat  eine  unermeßliche  Kluft  zwischen  sich  und  der  Menuzeit
gelassen,  deren  Forderungen  wir  in  Hreußen  schon  1808  begriffen.  Wenn
es  einst  soweit  sein  wird,  diese  Kluft  mit  einem  Satze  überspringen  zu
müssen,  so  mag  es  sich  in  acht  nehmen,  daß  es  nicht  hineinfällt.“  Sbenso
lagen  die  Mlängel  der  deutschen  Bundesverfassung  klar  vor  seinem  Auge;
er  sah,  daß  Hreußens  Geschichte  es  darauf  hinwies,  wie  er  an  General
von  Natzmer  1840  schrieb,  an  die  Spitze  Deutschlands  zu  kommen;  er
beklagte  tief  die  Glmützer  Hunktation  und  war  darauf  gefaßt,  daß  er
es  nicht  mehr  erleben  würde,  Hreußen  in  der  gehofften  Stellung  in
Deutschland  zu  sehen.  Aber  zur  Seit  seines  Sohnes  oder  seines  Enkels,
erwartete  er,  daß  die  Einheit  Deutschlands  unter  preußischer  Führung  sich
verwirklichen  würde.

Auf  praktisches  Wirken  war  das  ganze  Wesen  Kaiser  Wilhelms  gerichtet.
  Er  besaß  die  Besonnenheit,  was  erreichbar  war,  richtig  abzu
schätzen  und  sich  damit  zu  begnügen.  Hhantastische  Luftgespinste  hatten
für  ihn  keinen  Reiz.  In  bewundernswerter  Weise  vereinigte  er  Festigkeit
  in  seinem  Wesen  mit  einer  den  Dingen  gerecht  werdenden  NWachgiebigkeit.
  Als  konstitutionell-konservativ  bezeichnete  er  selbst  einmal  seinen
politischen  Standpunkt.  Ohne  Wanken  blieb  er  den  konservativen  Grundsätzen
  treu,  in  denen  er  groß  geworden  war;  aber  er  sah  zu  hell,  um
nicht  zu  erkennen,  daß  ein  Erhalten  ohne  fortschreitende  Reform  nicht
möglich  ist:  wie  der  stolzeste  Halast  ohne  stetige  Zachbesserung  bald  Ruine
wird.  Anfangs  voll  schwerer  Bedenken  über  den  Ubergang  Hreußens
zur  konstitutionellen  Regierungsform,  hat  er  sie  dech,  nachdem  dieser
UÜbergang  geschehen  war,  aufrichtig  anerkannt  und  in  uneingeschränkten
SEhren  gehalten.  Denn  er  erkannte,  daß  der  veränderte  Geist  der  Seit
auch  eine  solche  Deränderung  der  Staatsform  verlange.  „Ich  will  nicht
untersuchen“,  sagte  er  1860  zu  König  Max  II.  von  Bavern,  „ob  Konstitutionen
  Leilsam  sind;  aber  wo  sie  existieren,  soll  man  sie  halten  und