562  Viertes  Kapitel.

wirkung  des  Reiches  auf  die  Politik  Preußens  herauszufordern  versuchten,
trat  Kaiser  Wilhelm  mit  Entschiedenheit  dem  entgegen.  Er  richtete  (am
30.  November  1885)  an  den  Reichstag  eine  Botschaft,  in  der  es  heißt:
„Wir  haben  gleich  jedem  der  verbündeten  Fürsten  wesentliche  und  unbestrittene
  Hoheitsrechte  der  Einheit  der  deutschen  Nation  willig  geopfert
und  dem  Reichstage  bezüglich  Unserer  Staaten  weitgehende  Rechte  eingeräumt.
  Wir  bereuen  die  von  uns  gebrachten  Opfer  nicht.  Wir  haben
die  dadurch  geschaffenen  Rechte  und  Prärogativen  des  Reichstages  stets
unverbrüchlich  geachtet  und  Unsere  gegen  das  Reich  übernommenen
Pflichten  jederzeit  bereitwillig  erfüllt,  auch  den  Frieden  des  Reiches  mit
Erfolg  gewahrt  und  seine  Wohlfahrt  nach  Kräften  gefördert.  Aber  mit
gleicher  Gewissenhaftigkeit  sind  Wir  auch  entschlossen,  die  Rechte  Unserer
angestammten  Krone  so,  wie  sie  nach  den  Bundesverträgen  zweifellos  in
Geltung  stehen,  nicht  minder  wie  die  eines  jeden  Unserer  Bundesgenossen,
unverdunkelt  und  unvermindert  zu  erhalten  und  zu  schützen.  Es  giebt
keine  Reichsregierung,  welche  berufen  wäre,  unter  der  Kontrolle  des
Reichstages  die  Aufsicht  über  die  Handhabung  der  Candeshoheitsrechte
der  einzelnen  Bundesstaaten  zu  üben,  soweit  das  Recht  dazu  nicht  ausdrücklich
  dem  Reiche  übertragen  worden  ist.“

Das  war  eine  Auffassung,  die  besser  als  alles  das  Dertrauen  der
verbündeten  deutschen  Fürsten  zu  der  preußischen  Gberleitung  stärkte;
denn  sie  wehrte  nachdrücklich  dem  Derdachte,  als  wolle  Hreußen  mit
Hilfe  des  Reiches  sich  immer  weiter  greifende  Befugnisse  über  seine
undesgenossen  aneignen.

In  seinem  Buche  vom  Fürsten  rechnet  es  Alacchiavelli  zu  den  wichtigsten
  und  notwendigsten  Eigenschaften  eines  Regenten,  daß  er  es  verstehe,
  die  rechten  Männer  an  die  rechte  Stelle  zu  setzen.  Bei  seiner  fast
irrtumslosen  Menschenkenntnis  besaß  Kaiser  Wilhelm  diese  Gabe  in  ganz
hervorragendem  Maße;  ja  man  darf  sagen,  daß  die  großartigen  Erfolge
seiner  Regierung  sehr  wesentlich  darauf  mit  beruhen.  Und  hatte  er
einmal  jemand  erprobt,  so  hielt  er  mit  wahrhafter  Treue  an  ihm  fest.
Denn  wie  wenige  Fürsten  wußte  er  die  fremde  Überzeugung,  wenn
er  sie  auch  nicht  teilte,  zu  achten;  er  wechselte  nicht  nach  Laune  oder
um  einer  störenden  Kleinigkeit  willen  seine  Ansicht  über  Dersonen.  Um
Unwesentliches  unbekümmert,  drang  er  stets  auf  den  Kern  der  Dinge.
Dabei  hielt  er  darauf,  mit  jedem  nur  zu  besprechen,  was  ihn  anging:
mit  Moltke  nur  militärische  Sachen,  mit  Bismarck  politische  Angelegenheiten,
  niemals  aber  Dinge,  für  welche  sie  ihm  später  nicht  hätten  verantwortlich
  sein  müssen.  Einem  jeden  ließ  er  vollen  Raum  für  das