Unser  Kaiser  daheim.  563

Detail  seiner  Aufgabe  und  beurteilte  die  Verdienstlichkeit  nur  nach  den
Resultaten  einer  gesamten  Wirksamkeit.  Ruhig  und  unermüdlich  hörte
er  zu,  selbst  wenn  die  vorgetragene  Ansicht  noch  so  weit  von  seiner
eigenen  abwich.  Nur  wenn  es  sich  um  die  Aufrechterhaltung  der  Würde
seiner  Krone  handelte,  ertrug  er  weder  Widerspruch  noch  schwächliches
Vermitteln;  und  auch  in  Armeeangelegenheiten,  die  er  freilich  besser  als
irgend  jemand  verstand,  gab  er  nicht  leicht  nach.  Er  betrachtete  sich
schlicht  als  den  ersten  Diener
des  Staates,  aber  auch  als
dessen  ersten  Soldaten.  Alle—
zeit  erfüllte  ihn  eine  leb—
hafte  Empfindung  seiner  Derpflichtung;
  die  Dflichten,  die
sich  aus  seinem  hohen  Amte
für  ihn  ergaben,  fühlte  er
viel  lebhafter  als  die  Rechte.

Einen  Günstling  oder
auch  nur  einen  Dertrauten,
den  er  durch  über  den  Dienst
hinausgehendes  Dertrauen
auszeichnete,  hat  Kaiser  Wilhelm
  nie  gehabt.  Dersuchte
einmal  jemand  mit  ihm
über  Dinge  zu  fprechen,
über  die  er  keine  Meinung
verlangt  hatte,  so  hörte  der
Kaiser,  zu  wohlwollend,  um
einen  solchen  Dersuch  zu  verbieten
  oder  einen  Derweis
darob  zu  erteilen,  wohl  ruhig
zu,  leitete  aber  sehr  bald  das  Gespräch  auf  etwas  anderes  über.  Man
fragte  den  Kaiser  einmal,  ob  er  denn  nie  einen  Freund  besessen.  „O  jal"
erwiderte  er,  wie  nachsinnend.  „Ich  habe  zwei  Freunde  in  meinem
Leben  gehabt,  und  zwar  in  meinen  frühesten  Mannesjahren,  ja  eigentlich
noch  Jünglingsjahren:  den  Gbersten,  späteren  General  von  Brause,  den
mir  mein  Dater,  noch  1815,  zum  militärischen  Gouverneur  gab,  und
dann  nöder,  der  mit  mir  gleichzeitig  und  in  denselben  Truppenteilen
stand,  über  den  ich  wegavancierte,  wobei  er  dennoch  stets  mein  militärischer
  Lehrer  und  Dorbild  blieb.  Beide  haben  nie  etwas  von  mir

36°

Kaiserin  Kunnsta.