564  Viertes  Kapitel.

gewollt,  und  beide  waren  vortreffliche  Männer.  An  Röder  habe  ich  sehr
gehangen.“

Man  sieht  aus  dieser  Antwort,  wie  ernst  es  Kaiser  Wilhelm  mit
der  Freundschaft  nahm.  So  faßte  er  auch  die  Verwandtschaft  als  eine
von  Gott  gewollte  Ordnung,  der  er  mit  Innigkeit  sich  hingab.  Mit
herzerquickender  Pietät  bewahrte  er  das  Andenken  an  die  Eltern.  An
ihrer  Ruhestatt  im  Charlottenburger  Mausoleum  hatte  er  an  der  Mutter
Sterbetage  Kraft  und  Trost  gesucht,  als  der  Ausbruch  des  Französischen
Krieges  unmittelbar  bevorstand.  Eine  Öflicht  der  Dankbarkeit  war  ihm
die  Errichtung  des  Denkmals  im  Lustgarten  für  den  schlichten  und
biederen  Dater;  mit  grenzenloser  Derehrung  hegte  er  das  Bild  der  früh
verklärten  Mutter  in  seinem  Herzen.  „„Don  Generation  zu  Generation“,
schrieb  er  1876,  als  man  den  hundertjährigen  Geburtstag  der  Rönigin
Tuise  in  dem  ganzen  Hreußenlande  festlich  beging,  in  einem  Dankesschreiben,
  „hat  und  wird  sich  das  Bild  Meiner  Mutter  vererben,  wie
ihre  Tugenden,  ihr  festes  Dertrauen  auf  Gottes  Gerechtigkeit,  ihre  Liebe
zum  preußischen  und  deutschen  Dolke  stets  unter  allen  Wechselfällen  gleich
leuchtend  dastand  —  wenn  sie  auch  die  Erfüllung  des  Gebhofften  nicht
erleben  sollte!  In  Meiner  Kindheit  und  Jugend  verstand  JIch  noch  nicht,
was  sie  abnte,  und  dennoch  hat  Gott  in  Seiner  Gnade  Mich  ausersehen,
diese  Abnung  zu  erfüllen,  als  Ich  kaum  noch  eine  Ahnung  hatte,  was
sich  ereignen  sollte.“.  Wie  war  es  ihm  Herzenssache,  daß  man  über  den
glänzenden  Erfolgen  des  Jahres  1866  „des  königlichen  Bruders“  und
was  dieser  schon  gewollt  und  vorbereitet  hatte,  nicht  vergäße!  Mit  den
Geschwistern  allen  blieb  Kaiser  Wilhelm  Seit  seines  Lebens  in  herzlichem
Einvernebmen.  Tief  beugte  es  ihn  nieder,  als  in  Dersailles  inmitten
der  Derhandlungen  über  die  Wiederaufrichtung  von  Kaiser  und  Reich
im  Dezember  1870  die  Tachricht  von  dem  Tode  seiner  jüngsten  Schwester
Luise  ihn  traf.  In  stiller  Wehmut  verbrachte  er  den  Tag  zusammen
mit  seinem  Bruder,  dem  Drinzen  Karl.  Und  nicht  viele  Jahre
später  waren  auch  die  Brüder  heimgegangen:  nur  die  Großberzogin
Alexandrine  von  Mecklenburg-Schwerin  hat  ihren  Kaiserlichen  Zruder
überlebt.  Jedes  Jahr  am  21.  März  kam  die  greise  Fürstin  nach  Berlin,
um  den  Bruder  zu  seinem  Geburtstage  zu  begrüßen.  Dann  saßen  die
beiden  ehrwürdigen  Geschwister  im  Schlosse  allein  am  CTheectisch,  vergangener
  Seiten  gedenkend.  Sumal  Allexandrinens  ältester  Sohn,  der
Großherzog  Friedrich  Franz  II.,  hatte  dem  Herzen  Kaiser  Wilhelms  sehr
nahe  gestanden.  Als  er  1885,  noch  in  voller  Manneskraft,  gestorben
war,  gab  ihm  Kaiser  Wilhelm  das  schönste  Seugnis.  „Sie  haben  einen