566  Viertes  Kapitel.

Dater  verloren,  ich  einen  Sohn!“  sagte  er  zu  den  auf  dem  Schweriner-Bahnhofe
  ihn  Begrüßenden,  wie  er  dort,  die  Trauernden  zu  trösten,  am
Tage  nach  dem  Hinscheiden  des  Großherzogs  eintraf.

Mit  seiner  Gemahlin  verband  den  Kaiser  ein  Band  herzlicher  Zu—
neigung.  Die  Kaiserin  Augusta  war  eine  geistig  hochbedeutende  Frau,
deren  regstes  Interesse  der  Wissenschaft  zugewandt  war.  Die  Vorurteils—
losigkeit  ihrer  Anschauungen  sprach  ihren  kaiserlichen  Gemahl  sehr  an,
wenn  er  auch  ihren  gemäßigt  liberalen  Standpunkt  nicht  ganz  teilte.
Gern  räumte  er  ihr  in  privaten  Angelegenhkeiten  einen  entscheidenden
Einfluß  ein;  aber  den  Angelegenheiten  des  Staats  blieb  sie  aus  Grundsatz
  fern.  An  den  mit  Arbeit  und  Dorträgen  überreich  besetzten  Vormittagen
  nahm  Kaiser  Wilhelm  sich  doch  die  Seit,  die  eiserne  Wendeltreppe,
  welche  aus  der  Bibliothek  direkt  in  die  Simmer  der  Kaiserin  im
ersten  Stock  führte,  emporzusteigen,  um  eine  halbe  Stunde  in  ihrer  Gesellschaft
  zu  verweilen.  An  sie  richtete  er  aus  dem  Feldlager  ausschließlich
seine  Siegesdepeschen.  Und  wo  er  auch  weilte,  zu  ihrem  Geburtstage  am
50.  September  eilte  er  zu  ihr,  um  den  Tag  mit  ihr  zu  verleben.  Seit
Jahren  pflegte  die  Kaiserin  die  schönen  Berbsttage  bei  ihrer  Tochter,  der
Großherzogin  Luise,  in  Baden-Baden  zuzubringen.  Dann  traf  hier  auch,
meist  von  den  Berbstmanövern  kommend,  Kaiser  Wilbelm  ein;  nur  1870
fehlte  er,  der  liebste,  unter  den  Geburtstagsgästen.  So  nahm  das  ganze
Dreußenvolk  herzlichen  Anteil  an  der  Freude,  mit  der  das  Kaiserpaar  am
I11.  Zuni  1870  das  Fest  der  goldenen  HBochzeit  beging.

Des  Kaisers  ganzes  Glück  waren  die  Kinder:  in  ihrem  Glück  verjüngte
  sich  sein  Herz.  Um  sie  erblühte  im  Laufe  der  Jahre  eine  fröhliche
  Snkelschar.  Und  als  dem  Hrinzen  Wilhelm,  des  Kronprinzen
ältestem  Sohne,  1882  ein  Sohn  geboren  wurde,  da  sah  Kaiser  Wilhelm
auf  Generationen  hinaus  die  Thronfolge  sicher  gestellt.  „Burra!  Dier
Könige!“  rief  er  mit  tiefer  Befriedigung.

Man  würde  den  KNaiser  sehr  wenig  gerecht  beurteilen,  wenn  man
nach  den  Erfolgen  seiner  Regierung  ihn  für  einen  rauhen  Soldaten
hielte,  dessen  Interessenkreis  Militär  und  Holitik  vollständig  ausfüllten.
Dielmehr  ist  unter  keinem  Regenten  in  Hreußen  soviel  für  Kunst  und.
Wissenschaft  gescheben,  wie  unter  König  Wilhelm.  Zatten  dem  Hrinzen
auch  solcherlei  Interessen  ferner  gelegen,  so  erfaßte  er  sie  doch,  sobald
er  den  Thron  bestiegen,  mit  lebendiger  Teilnahme,  die,  aus  Oflichtgefühl
entsprungen,  bei  seinem  empfänglichen  Sinne  sich  bald  zur  Freude  an
dem  Gegenstande  erwärmte.  Allem  Dilettantismus  abgeneigt,  erfaßte  er
mit  Ernst  die  Aufgaben,  die  dem  HBerrscher  auf  diesen  Gebieten  erwuchsen.