568  Viertes  Kapitel.

Den  Universitäten  widmete  er  seine  besondere  Sorgfalt  und  zeichnete  ihre
Vertreter  aus.  Den  großen  Geschichtschreiber  Leopold  von  Ranke  erhob
  er  zum  Wirklichen  Geheimen  Rat  und  schenkte  ihm  zum  90.  Geburtstage
  sein  lebensgroßes  Porträt.  Über  die  neuesten  Erfindungen  der
Elektrotechnik  ließ  er  sich  eingehende  Vorträge  halten.  Er  schuf  das
ethnologische  wie  das  Kunstgewerbemuseum  in  Berlin;  er  gründete  die
deutsche  Seewarte  in  Hamburg.  Don  den  Künsten  blieb  keine  seinem
Interesse  fremd.  Er  studierte  mit  eingehendem  Verständnis  die  Pläne
für  das  neue  Reichstagsgebäude  und  gab  mit  dem  praktischen  Blicke,  der
ihm  eigen  war,  manche  wesentliche  Verbesserungen  darin  an.  Die  Dollendung
  der  Ausgrabungen  in  Olympia  ist  sein  eigenstes  Verdienst.  Die
Ministerialkommission  hatte  sich  dagegen  entschieden.  Dennoch  gab  Kaiser
Wilhelm,  wofür  die  ganze  gebildete  Welt  ihm  unvergänglichen  Dank
weiß,  seine  Entscheidung  dafür.  Über  die  Bedeutung  des  Seusaltars
von  Pergamos  ließ  er  sich  ausführlich  Vortrag  halten;  dann  befahl  er
die  Erwerbung  der  kostbaren  Reste,  durch  die  er  das  Berliner  Museum
mit  einem  Schlage  zu  einem  Kunstinstitute  ersten  Ranges  erhob.  Selbst
in  der  Poesie  hat  er  sich  einmal  versucht.  Am  nächsten  stand  seinem
Empfinden  jedoch  die  Musik.  Er  besaß.  ein  gutes  Gehör,  so  daß  er
jeden  falschen  Ton  heraushörte,  und  damit  ein  sicheres  Urteil.  Nach
dem  arbeitsvollen  Tage  fuhr  er  abends  daher  gern  in  das  Opernhaus,
wo  er,  fast  unbemerkt,  in  seiner  kleinen  Loge  neben  der  Bühne  dem  Gesange
  lauschte.  Mitunter  trat  er  auch  während  des  Swischenaktes  durch
die  kleine  Seitenthür  aus  der  Loge  zwischen  die  Kulissen,  um  den
Sängern  seine  Anerkennung  auszusprechen  oder  auch  irgendwelche  Anordnungen
  zu  treffen.

Das  ganze  Leben  Kaiser  Wilhelms  war  Arbeit,  angestrengte  Arbeit;
aber  es  war  jene  Arbeit,  die  allein  reine  Befriedigung  gewährt,  Arbeit
für  das  Wohl  der  anderen.  Darum  empfand  sie  auch  der  Kaiser  niemals
  als  eine  Last,  sondern  als  eine  reiche  Quelle  wahrhafter  Freude.
Seine  Seele  befand  sich  stets  im  vollen  Gleichmaß;  darum  sah  man  ihn
auch  niemals  ungeduldig,  niemals  ärgerlich;  auch  gegen  seine  Diener
war  er  stets  freundlich  und  rücksichtsvoll:  wie  ein  stiller  Gottesfrieden
lag  es  über  ihm.  Nur  einmal  sah  man  ihn  tief  verstimmt.  Er  hatte
den  Ring  aus  haaren  seiner  königlichen  Mutter,  den  er  stets  an  der
Rand  trug,  verloren  und  vermochte  trotz  allen  Suchens  ihn  nicht  wiederzufinden.
  Aber  die  Wolke  verzog  sich  sogleich,  sobald  der  Ring  wieder
da  war.  Tkachtragen  kannte  seine  reine  Seele  nicht.  Selbst  als  das
ruchlose  Attentat  des  2.  Juni  ihn  auf  das  Schmerzenslager  nieder-