Unser  Kaiser  daheim.  569

geworfen  hatte,  war  er  so  weit  von  jeder  Verbitterung  der  Stimmung
entfernt,  daß  er  am  andern  Morgen  den  eintretenden  Kronprinzen  mit
dem  heiteren  Wort  begrüßte:  „Na,  Fritz,  hast  du  heute  schon  etwas
regiertd“  «

Anderen  eine  Freude  zu  machen,  war  für  Kaiser  Wilhelm  selbst  die
größte  Freude.  In  den  Tagen  vor  Weihnachten  pflegte  er,  meist  früh
morgens,  ganz  allein  auszugehen,  um  Einkäufe  für  die  Bescherung  zu
machen.  Eigenhändig  suchte  er  für  seine  Familie,  für  die  Hofstaaten,  ja
selbst  für  seine  Diener  die  Geschenke  aus,  mit  denen  er  sie  zu  erfreuen
hoffte.  Selbst  baute  er  dann  am  heiligen  Abend  auf  den  Tischen  alles
auf,  nicht  kostbare  Sachen,  aber  sinnig  gewählt  und  zum  Herzen  sprechend;
und  herzlich  freute  er  sich,  wenn  die  Beschenkten  die  Beziehung  erkannten,
die  er  hineingelegt,  oder  die  Erinnerung  verstanden,  die  ihn  bei  der  Auswahl
  geleitet  hatte.

Der  Leutseligkeit  des  Kaisers  sind  auch  die  großen  Subskriptionsbälle
entsprungen,  die  allwinterlich  zweimal  im  Berliner  Opernhause  zur  Seit
der  Hoffestlichkeiten  stattfanden.  Auf  diesen  sehr  beliebten  Bällen,  die  eine
Dereinigung  der  bürgerlichen  Kreise  und  der  HBofgesellschaft  darstellten,
erschien  der  Kaiser  gern,  um  sich  einige  Stunden  ungezwungen  unter  den
Gästen  zu  bewegen.  Sobald  durch  den  feierlichen  Rundgang  des  Bofes
der  Ball  eröffnet  war,  liebte  es  der  Kaiser,  sich  unter  die  dem  Tanze
Suschauenden  zu  mischen,  und  war  erfreut,  stets  manchen  alten  Bekannten
wiederzuselben  und  zu  sprechen.

Eine  schwere  Orüfung  aber  war  es  jedesmal  für  das  in  der  Tiefe
so  gütige  Herz  Kaiser  Wilbelms,  wenn  er  der  schwersten  Oflicht  seines
hohen  Amtes  sich  beugen  und  bei  gefällten  Todesurteilen  „der  Gerechtigkeit
  freien  Lauf  zu  lassen“  befehlen  mußte.  „Ich  mache  es  Ihnen  zur
heiligen  Hflicht",  hatte  er  beim  Antritt  der  Regentschaft  zu  den  versammelten
  Ministern  gesagt,  „bei  jedem  einzelnen  Falle,  den  ich  mir  in
Gegenwart  sämtlicher  Minister  vortragen  lassen  werde,  wenn  es  sich  um
meine  Unterschrift  zu  einem  Todesurteile  handelt,  auch  den  kleinsten  Umstand
  zu  erwägen  und  mich  auf  denselben  aufmerksam  zu  machen,  wenn
dadurch  die  Hinrichtung  vermieden  und  eine  Wilderung  der  Strafe  herbeigeführt
  werden  kann.“  In  jedem  einzelnen  Falle  nun  las  Kaiser  Wilhelm
mit  größter  Gewissenhaftigkeit  die  Akten  selbst,  prüfte  die  Motive  des
Urteils  und  ließ  sich  dann  von  dem  Geheimen  Kabinettsrat  noch  ausführlich
  über  alle  einzelnen  Umstände  Dortrag  halten.  Danach  wurde
die  Sache  dem  Ministerrate  vorgelegt,  und  nur  wenn  dieser  einig  war,
entschloß  sich  der  Kaiser,  die  Sache  nicht  gleich  zurückzugeben,  sondern  sie