570  Viertes  Kapitel.

beiseite  zu  legen.  Erinnerte  nun  der  Justizminister  in  Berlin  daran,
so  meinte  der  Kaiser,  die  Akten  lägen  in  Babelsberg;  erinnerte  er  in
Babelsberg,  so  hieß  es,  die  Akten  müßten  in  Berlin  liegen.  Und  trat
nun  mittlerweile  etwa  in  der  königlichen  Familie  irgend  ein  frohes  Ereignis
  ein,  so  sandte  der  Kaiser  sofort  die  sämtlichen  bei  ihm  liegenden
Todesurteile  an  den  Justizminister  mit  dem  Bescheide,  daß  alle  Verurteilten
zu  lebenslänglicher  Zuchthausstrafe  begnadigt  seien.  Mußte  aber  dennoch
einmal  der  Gerechtigkeit  freier  Lauf  gelassen  werden,  weil  gar  keine
Milderungsgründe  sich  ergeben  wollten,  so  erwog  dennoch  der  mitleidige
Rerrscher  noch  tagelang  die  Sache  bei  sich,  bevor  er  seine  Unterschrift
zu  geben  sich  entschließen  konnte.  Der  Tag  der  Vollstreckung  aber  durfte
ihm  niemals  mitgeteilt  werden.  «

Wahrheit  und  Wohlwollen  war  allezeit  der  Grundton  Kaiser
Wilhelms  im  Verkehre  mit  jedermann.  Allem  Phrasentum  war  er  durchaus
  abgeneigt;  seine  Sprechweise  war  schlicht  und  sachgemäß.  „Anekdotenkram“
  war  ihm  vollends  zuwider.  Ungern  las  er  in  den  Seitungen
„Charakterzüge“  von  sich;  denn  die  Sache,  meinte  er,  sei  doch  anders
gewesen.  An  der  militärischen  Biographie  —  scherzend  nannte  er  sie
seinen  „Nekrolog“  —  die  sein  Bibliothekar  Schneider  von  ihm  verfaßt
hatte,  lobte  er  besonders,  daß  sie  alles  Anekdotenwesen  vermiede.  „Dergleichen
  Seug“,  setzte  er  hinzu,  „wird  dann  Geschichte,  weil  man  doch
nicht  alles  widerlegen  kann.“

Auf  seine  eigene  Gesundheit  nahm  Kaiser  Wilhelm  niemals  irgendwelche
  Rücksicht.  Den  Mahnungen  der  Arzte  folgte  er  nur,  wenn  er  sich
selbst  wirklich  unwohl  fühlte.  Nach  Karlsbad,  dessen  Kur  gebieterisch
Ruhe  verlangt,  nahm  er  stets  das  Sivil=  wie  das  Militärkabinett  mit
und  ließ  sich  dort  Dortrag  halten,  als  wenn  es  für  ihn  keine  Kurregeln
gebe.  „Ich  weiß  gar  nicht,  was  Sie  wollen“,  antwortete  er  dann  wohl
auf  die  Dorstellungen  des  TLeibarztes.  „Ich  fühle  mich  ganz  wohl  in  gewohnter
  Beschäftigung“.  Auch  im  Winter,  wenn  es  ihm  im  Simmer  zu
heiß  war,  öffnete  er  ohne  weiteres  das  Fenster  und  blieb  ruhig  mit  aufgeknöpftem
  Rocke  vor  dem  offenen  Fenster  sitzen.  Bemerkte  er  aber,  daß
einem  andern  die  zuströmende  Kühle  nicht  behaglich  war,  so  meinte  er
heiter:  „Wenn  Sie  das  bißchen  frische  Luft  nicht  vertragen  können,  so
will  ich  das  Fenster  gleich  zumachen"“  —  und  ließ  es  schließen.

Trotz  dieser  Achtlosigkeiten,  die  freilich  nicht  selten  rheumatische
Schmerzen  zur  Folge  hatten,  war  die  Gesundheit  Kaiser  Wilhelms  bis
in  die  höchsten  Lebensjahre  hinein  die  allerbeste.  Selbst  als  Siebziger
fühlte  er  noch  kaum  einen  Rückgang  der  Kräfte.  Als  HBeldengreis  feierten