572  Viertes  Kapitel.

ihn  damals  nach  dem  französischen  Kriege  alle  Dichter,  groß  und  klein.
Das  war  dem  Kaiser  aber  gar  nicht  recht.  „Ich  weiß  gar  nicht“,  sagte
er,  „was  die  Menschen  immer  mit  ihrem  Heldengreis“  wollen.  Mache
ich  denn  den  Eindruck  des  Greisenhaften  d  Ich  dächte,  nicht.  Im  Dienst
siellt  mir  hoffentlich  niemand  mein  Alter  an.  Aber  das  ist  auch  so  eine
Dhrase  geworden  wie  Freiheitskriege"“  statt  „Befreiungskriege“  oder  wie
der  „Dohenzollernaar#.  Die  HBohenzollern  haben  gar  keinen  Aar  im
Wappen;  und  zu  einem  Beldengreise  gehört  doch  vor  allen  Dingen  ein
Greis!“  Man  mußte  ihm  recht  geben,  wenn  man,  stattlich  aufgerichtet
—  er  war  1,88  Meter  groß  —  seine  Gestalt  ansah.  Aber  freilich  zehn
Jahre  später  beugte  die  Last  der  Jahre  sie  doch,  ohne  indessen  sein
Wohlbefinden  merklich  zu  beeinträchtigen.

Kaiser  Wilhelm  hielt,  wenn  die  Gelegenbeit  es  mit  sich  brachte,
auf  stattliche  Repräsentation;  aber  für  seine  Herson  war  er  sonst  sparsam
  und  sehr  anspruchslos.  Als  er  zur  Huldigung  der  Stände  nach
Lauenburg  fuhr,  hatte  er  den  Waffenrock  des  2.  Garderegiments  zu  Fuß
angelegt.  Man  riet  hin  und  her  —  denn  er  wählte  stets  diejenige
Uniform  beim  Empfange  von  Deputationen,  die  der  jedesmaligen  Deranlassung
  entsprach  —  was  für  Beziehungen  das  2.  Garderegiment  zu
dem  HBerzogtum  Lauenburg  haben  könnte,  als  der  Koaiser  selbst  lächelnd
den  Streit  löste:  „Gar  keine  Beziebungen!  Wie  wir  heute  früh  aus
Berlin  abfuhren,  drohte  sehr  schlechtes  Wetter,  und  da  ich  wußte,  daß
ich  eine  Deputation  im  Freien  zu  empfangen  haben  würde,  so  zog  ich
den  ältesten  meiner  Waffenröcke  an.“

Die  Lebensweise  Kaiser  Wilhelms  war  sehr  regelmäßig.  Um  7  Uhr
stand  er  auf;  erst  in  den  letzten  Jahren  gab  er  auf  das  dringende  Derlangen
  der  Ärzte  eine  Stunde  zu.  Sogleich  legte  er  Uniform  an.  Ein
Modewarenhändler  in  Frankfurt  am  Main  hatte  ihm  einmal  einen  eleganten
  seidenen  Schlafrock  zugesandt;  aber  der  Kaiser  ließ  ihn  ohne
weiteres  mit  dem  Bescheide  zurücksenden:  „Die  Rohenzollern  tragen  keine
Schlafröcke!“  Dollständig  angekleidet,  nahm  er  in  dem  neben  dem  Schlafzimmer
  liegenden  Bibliothekszimmer  den  Thee  mit  einem  leichten  Imbiß
und  überflog  dabei  die  an  der  Wand  befestigten  Theaterzettel  aller  Berliner
  Theater.  Dann  sah  er  die  Zeitungen  durch,  aus  denen  die  wichtigsten
  Artikel  ausgeschnitten  und  auf  große  Schreibpapierbogen  geklebt
waren.  Mit  einem  großen  Bleistifte  machte  er  dabei  Ausrufungszeichen,
auch  kurze  Bemerkungen  auf  den  Rand  und  sah  dann  die  gedruckten
Dorlagen  für  das  Abgeordnetenhaus  oder  den  Reichstag  durch.  Danach
trat  er  in  sein  Arbeitszimmer,  in  dem  schon  die  Mappen  der  verschiedenen.