Unser  Kaiser  daheim.  573

Behörden  bereit  lagen.  Der  Kaiser  war  überaus  ordnungsliebend.  Als
einmal  vom  VDortrage  sein  Bibliothekar  in  das  Mebenzimmer  ging  und
die  Feder  weglegte,  ohne  sie  auszuwischen,  sagte  der  Kaiser  mit  guter
Laune  im  berlinischen  Dialekt!  „Ordnung  muß  sind!“  und  wischte  sie
selber  aus.  Scheinbar  aber  widersprach  das  Arbeitszimmer  dieser  Ordnungsliebe;
  denn  alle  Stühle  in  demselben,  selbst  das  Sofa,  waren  mit
Büchern,  Karten,  Akten  bepackt;  aber  der  Kaiser  wußte  mit  Sicherheit,
was  er  suchte,  zu  finden.  Nun  las  er  Depeschen,  Berichte,  Staatsschriften.
  Dazu  benutzte  er  einen  hoben  Reitbock,  auf  dem  er  ohne  Lehne,
wie  zu  ferde,  vor  einem  hohen  TLesepulte  —  erst  in  den  letzten  Jahren
einer  altmodischen  Stahlbrille  sich  bedienend  —  saß.  Couvertierte  Berichte
  sandte  er  in  denselben  Briefumschlägen,  nachdem  er  die  Adresse
kurz  geändert  und  sie  selbst  zugesiegelt  Ratte,  zurück.

Der  erste  Gang  indessen,  wenn  Kaiser  Wilhelm  in  sein  Arbeitszimmer
  trat,  galt  dem  Erinnerungskalender,  der  an  der  zur  Deranda
führenden  Glasthür  seine  Stelle  hatte.  Er  umfaßte  so  viel  Tafeln,  wie
Tage  das  Jahr.  Auf  jeder  stand  oben  ein  Bibelvers,  ein  Sprichwort
oder  ein  Dichterspruch;  darunter  waren  Regierungshandlungen,  Gnaden—
erweise,  Familienereignisse,  Truppenbesichtigungen,  wie  sie  auf  das  Datum
sielen,  verzeichnet,  so  daß  sie  ihm  zurückriefen,  was  für  ihn  ein  besonderes
Interesse  hatte.  Käufig  machte  er  eigenhändig  Susätze  dazu,  so  daß
dieser  Kalender  mit  1707  beginnend,  das  getreueste  Bild  von  dem  Leben
des  Kaisers  gab.

Um  10  Uhr  begannen  die  Dorträge,  die  sich  meist  bis  gegen  I  Uhr
ausdehnten.  Dann  nahm  Kaiser  Wilhelm  das  zweite  Frühstück,  etwas
Bummersalat,  kalten  Aufschnitt,  auch  wohl  einmal  ein  Kotelett;  dazu
trank  er  einige  Gläser  leichten  Mosel,  an  dessen  Stelle  später  auf  das
werlangen  der  Ärzte  ein  Glas  TChampagner  trat.  Nun  machte  er  der
Kaiserin  einen  Besuch  und  fuhr,  wenn  das  Wetter  es  erlaubte,  eine
Stunde  im  Tiergarten  spazieren.  Wie  gut  kannte  jeder  Berliner  das
von  zwei  CTrakehner  Rappen  gezogene  schlichte  Gefährt,  in  dem  der
Kaiser,  einen  grauen  Mantel  umgeworfen  und  einen  flachen  Belm  auf
dem  Kopfe,  saß.  Wach  der  Rückkehr  zog  er  sich  sofort  wieder  in  sein
Arbeitszimmer  zurück.  Nur  Truppenbesichtigungen  oder  Revuen  unterbrachen
  die  Regelmäßigkeit  der  Tagesordnung.

Su  dem  Mittagsmahl  bestimmte  Kaiser  Wilhelm  selbst  die  Speisekarte.
  Sie  entsprach  etwa  der  eines  wohlhabenden  Bürgerhauses.  Denn
er  liebte  Kausmannskost;  zu  seinen  TLieblingsspeisen  gebörte  Krebsragout
und  Kalbskoteletts  mit  gequetschten  Kartoffeln.  Frisches  Obst  und