576  CLetztes  Kapitel.

16  Jahren  zu  der  Errichtung  des  deutschen  Kaisertums  mit  dem  Schwert,
mit  der  Feder  oder  mit  eindrucksvollem  Worte  mitgewirkt  hatten.  Es
war  ein  Fest  ganz  einziger  Art,  diese  Geburtstagsfeier,  die  Kaiser  Wilhelm
im  hellen  Glanze  der  Abendsonne  beging.  Mit  innigem  Danke  gegen
Gottes  Gnade  schaute  er  auf  sein  langes,  so  reich  gesegnetes  Leben
zurück  und  verkündete  den  versammelten  Fürsten  mit  vor  Freude  leise
bebender  Stimme  die  Verlobung  seines  Enkels,  des  Prinzen  Heinrich  von
Preußen,  mit  seiner  Cousine,  der  Prinzessin  Irene  von  Hessen.

Aber  es  sollte  Kaiser  Wilhelms  letzter  Geburtstag  sein  und  das
letzte  Familienfest,  das  er  mit  ungetrübter  Freude  feiern  durfte.  Der
Tag  neigte  sich.  Ein  leiser  Schatten  legte  sich  vor  die  goldene  Abendsonne
  und  verdichtete  sich  mehr  und  mehr  zu  düster  drohendem  Gewölk.

Es  war  der  eigenste  Gedanke  Kaiser  Wilhelms,  seitdem  er  Schleswig-Rolstein
  genommen,  die  Nord=  und  Ostsee  durch  einen  für  Seeschiffe  jeder
Größe  fahrbaren  Kanal  zu  verbinden,  wie  es  vordem  wiederholt  erstrebt,
aber  niemals  durchgefülrt  war.  Mit  der  Seit  gewann  der  Gedanke
Gestalt;  nach  jahrelangen  Dorarbeiten  wurde  die  Grundsteinlegung  auf
den  5.  Juni  1887  angesetzt.  Miemand  wagte  zu  hoffen,  daß  bei  seinem
hohen  Alter  der  Kaiser  an  der  Feier  würde  teilnehmen  können.  Daraufhin
wurde  das  Drogramm  entworfen.  Als  es  aber  dem  Kaiser  zur  Genehmigung
  vorgelegt  wurde,  war  dieser  nicht  damit  einverstanden.  „Das
ist  ja  sehr  schön,“  sagte  er,  „aber  warum  soll  ich  nicht  dabei  sein?
Erstens  bin  ich  derjenige,  der  den  Kanal  wieder  ausgegraben  hat.
Sweitens  bin  ich  lange  nicht  in  der  Hrovinz  gewesen,  die  ich  sehr  gern
wieder  einmal  besuchen  möchte;  und  drittens  macht  sich  das  jetzt  noch
sehr  gut,  weil  mein  Enkel  Beinrich  noch  unverheiratet  ist.  Denn  wenn
der  erst  einmal  geheiratet  hat,  weiß  ich  nicht,  ob  ich  noch  im  Kieler
Schlosse  unterkommen  kann.“  Somit  wurde  das  HDrogramm  geändert.
Begleitet  von  dem  Hrinzen  Wilhelm,  traf  der  Kaiser  am  Abend  des
2.  Juni  in  Kiel  ein  und  vollzog  am  folgenden  Tage  persönlich  die
Grundsteinlegung  des  Kanals,  der  nach  ihm  heute  mit  Recht  den  Mamen
trägt.  Allein  bei  der  Feier  in  Holtenau  war  der  Koaiser  längere  Seit
mit  entblößtem  Haupte  dem  heftig  wehenden  Winde  preisgegeben.  Er
zog  sich  dadurch  eine  bei  seinem  Alter  sehr  bedenkliche  Erkältung  zu,  die
er  nicht  mehr  überwunden  hat.  Denn  wenn  er  auch,  krank  nach  Berlin
zurückgekehrt,  nach  längerer  Seit  das  Bett  wieder  verlassen  durfte,  so
gewann  er  doch  die  alte  Widerstandskraft  nicht  mehr  wieder.

Dazu  kamen  die  schmerzlichsten  Gemütsbewegungen.  Den  Kronprinzen,
  der  noch  bei  der  Derlobungsfeier  seines  Sohnes,  des  Hrinzen