Der  Tag  hat  sich  geneiget.  577

Heinrich,  in  Kraft  und  strahlender  Mannesschöne  heiter  unter  den  er
lauchten  Gästen  gewaltet  hatte,  ergriff  ein  tückisches  Kehlkopfsleiden.
Monate  vergingen  zwischen  Bangen  und  Hoffen,  bis,  schmerzvoll  verhüllten
  Antlitzes,  die  Hoffnung  von  ihm  wich.  Am  15.  Juni  hatte  der
Kronprinz  sich  von  seinem  noch  krank  daniederliegenden  keiserlichen
Dater  verabschiedet,  um  mit  seiner  Familie  an  dem  Regierungsjubiläum
der  Königin  von  England  teilzunehmen;  von  dort  war  er  nach  dem

Kaiser  Wilbelm,  90  Juhre  ult.

milden  Süden,  nach  San  Remo  an  der  Riviera,  gegangen.  Hier  aber
griff  das  Leiden  so  verderblich  um  sich,  daß  am  0.  Februar  1888  ein
chirurgischer  Eingriff  zur  Gffnung  der  Luftröhre  notwendig  wurde.
Berzerschütternd  waren  die  Klagen  des  schwergebeugten  greisen  Kaisers
um  den  einzigen  Sohn.  Im  Wachen  wie  in  seinen  Träumen  verlangte
er  nach  ihm.  In  der  Sorge  des  väterlichen  Herzens  drängte  es  ihn,  an
das  Schmerzenslager  des  Sohnes  nach  Italien  zu  eilen.  Auf  das
rührendste  bat  er  seinen  Leibarzt,  den  Generalarzt  von  Lauer,  ihn  nach

San  Remo  reisen  zu  lassen.  Und  als  dessen  Assistent  dorthin  gesendet
Kaiser  Wilhelm.  37