578  Cetztes  Kapitel.

wurde,  bat  der  Kaiser  ihn  dringend:  „Bitte,  nehmen  Sie  mich  mit!  Ich
will  Ihnen  unterwegs  keinerlei  Sorgen  machen;  ich  will  ein  geduldiger
Reisegefährte  sein.“  Aber  ein  Herrscher  gehört  nicht  sich  selber.  Mit
Entschiedenheit  sprachen  sich  die  Ärzte  gegen  die  Reise  mitten  im  rauhen
Winter  aus.

Da  erschütterte  den  greisen  Kaiser  noch  ein  anderer  Schlag.  Sein
Enkel,  Prinz  Cudwig  von  Baden,  wurde  am  22.  Februar  1888  in
hoffnungsreicher  Jugendblüte  durch  eine  Lungenentzündung  plötzlich  dahingerafft.
  Lauer  fiel  die  traurige  Aufgabe  zu,  es  dem  Kaiser  mitzuteilen.
Er  begann  teilnahmsvoll  von  einer  Derschlimmerung  der  Krankheit  des
Orinzen  zu  sprechen.  „Sagen  Sie  mir  alles“,  unterbrach  ihn  der  Koaiser,
„mein  Enkel  ist  totd“  Lauer  gab  keine  Antwort.  Da  rief  er  klagend
aus:  „O,  meine  arme  Tochter!  Meine  arme  Cochter!“  Die  Thränen
brachen  ihm  aus;  er  ging  in  sein  Schlafzimmer  und  weinte  dort  lange
Seit  in  ergreifendstem  Schmerze.

Mit  unentrinnbarer  Gewalt  erfaßte  ihn  jetzt  die  Ahnung,  daß  er
auch  den  geliebten,  rettungslos  leidenden  Sohn  nicht  wiedersehen  würde;
und  der  Seelenschmerz  erschütterte  die  Widerstandskraft  des  immer  noch
nicht  ganz  genesenen  Leibes.  Er  entsandte  des  Kronprinzen  ältesten  Sohn,
den  Hrinzen  Wilhelm,  dem  Dater  in  seinem  Teide  Trost  zu  bringen.
Aber  als  Drinz  Wilhelm  von  San  Remo  zurückkehrte,  wo  der  Kronprinz
mit  wahrer  Seelengröße  gegen  die  übermächtige  Krankheit  standhielt,
fand  er  auch  den  Kaiserlichen  Großvater  auf  das  Sterbelager  gesunken.

Fast  Ratte  es  scheinen  wollen,  als  wenn  die  eiserne  Gesundheit
Kaiser  Wilhelms,  die  er  durch  seine  spartanisch-einfache  und  regelmäßige
Lebensweise  bis  in  die  höchsten  Jahre  sich  erhalten,  noch  einmal  über
die  tiefen  seelischen  Erschütterungen  dieser  Tage  obsiegen  werde.  Das
Mierenleiden,  an  dem  er  seit  dem  Sommer  litt,  ließ  ein  wenig  nach:  am
Sonnabend,  den  5.  März,  konnte  er  wieder  in  gewohnter  Weise  um  die
Mittagszeit  sich  der  zu  Tausenden  vor  dem  Halais  versammelten  Dolksmenge
  am  Fenster  zeigen  und  an  den  huldigenden  Grüßen  seines  treuen
Dolkes  sich  erfreuen.  Auch  am  Montag  hörte  er  noch  in  großer  geistiger
Frische  Dorträge  und  erledigte  verschiedene  Regierungshandlungen.  Der
Dienstag  war  weniger  gut,  gab  jedoch  zu  ernsten  Besorgnissen  noch  keine
Deranlassung.  Allein  in  der  folgenden  Nacht  zog  der  hohe  TLeidende
sich  eine  neue  schwere  Erkältung  zu:  seine  Berzensgüte  brachte  die
Katastrophe.

Der  Ceibarzt  hatte  angeordnet,  daß  bei  dem  Kaiser  während  der
Vacht  stets  einer  der  Kammerdiener  wachen  sollte.  Aber  wenn  der  hohe