Der  Tag  hat  sich  geneiget.  579

Kranke  seinen  treuen  Diener  —  sie  waren  alle  mit  ihm  alt  geworden  —
mit  dem  Schlafe  ringen  sah,  so  schickte  er  ihn  trotz  aller  Einwendungen
ins  Bett.  „Ich  werde  mir  meinen  Thee  schon  selbst  zubereiten“,  beruhigte
  er  den  Sögernden  —  und  blieb  allein.  In  der  verhängnisvollen
Macht  nun  nötigte  das  Leiden,  an  dem  er  litt,  den  Kaiser  aufzusteben.
Allein  dies  ohne  Hilfe  zu  thun,  reichten  seine  Kräfte  nicht  aus:  er  sank
vor  dem  Bette  auf  den  Teppich  nieder  und  blieb  hilflos  liegen,  ohne
sich  selbst  aufrichten  und  das  Lager  wieder  erreichen  zu  können.  Erst
nach  längerer  Seit  fand  ihn  der  unruhig  nachsehende  Diener  in  dieser
Lage,  brachte  den  Kaiser  nun  rasch  in  das  Bett  zurück  und  ließ  ohne
Derzug  den  Dr.  von  Lauer  rufen.  Der  Alrzt  täuschte  sich  keinen  Augenblick
  über  die  hohe  Gefahr,  in  welcher  der  Kaiser  schwebte.  Die  Erkältung
  war  eine  so  schwere,  daß  auf  der  Stelle  die  bederklichsten
Symptome  sich  zeigten.  Der  Huls  ging  rapide  in  die  Böhe  und  zusehends
  traten  Erscheinungen  hinzu,  die  eine  schnelle  Katastrophe  befürchten
ließen.  Noch  in  der  Vacht  trat  das  ärztliche  Konzilium  zusammen;  aber
es  vermochte  an  der  Lage  nichts  zu  ändern  und  trug  nur  Sorge,  den
Mitgliedern  der  Königlichen  Familie,  zumal  der  Großberzogin  von  Baden
Kenntnis  zu  geben  und  sie  auf  den  voraussichtlich  traurigen  Ausgang
vorzubereiten.

Die  Sorge  um  den  kaiserlichen  Großvater,  an  dem  er  mit  tiefster
Seele  hing,  hatte  den  Hrinzen  Willbelm  nur  wenige  Tage  in  San  Remo
verweilen  lassen.  Am  Wittwoch  Morgen  traf  er  wieder  in  Berlin  ein.
Zu  wiederholten  Malen  im  Laufe  des  Tages  ließ  der  kranke  Kaiser  den
Drinzen  an  sein  Bett  rufen  und  sprach  mit  ihm  eingebend  über  das  Befinden
  des  Kronprinzen,  das  der  Hoffnung  nicht  mehr  Raum  ließ,  und
dann  auch  über  politische  und  militärische  Angelegenheiten.  Denn  der
greise  Kaiser,  dessen  Herzen  Hrinz  Wilhelm  immer  besonders  nahe  gestanden,
  der  große  Menschenkenner,  der  von  der  scharf  treffenden  Einsicht
und  Thatkraft  des  Hrinzen  die  günstigste  Meinung  hegte,  sab  in  dem
klaren  Bewußtsein  seines  nahen  Endes  in  dem  lebensfrischen  Enkel  schon
seinen  Tachfolger.

Am  nächsten  Morgen  (8.  März)  traf  nach  langer  Wachtfahrt  auch  die
Großherzogin  Luise,  des  Kaisers  schwergebeugte  Tochter,  mit  ihrem  Gemahl
in  Berlin  ein.  Mit  inniger  Rührung  sprach  der  Kaiser  mit  ihnen  von
dem  heimgegangenen  Hrinzen  Ludwig  und  von  dem  fernen  Kronprinzen,
dabei  auch  „seines  eigenen  Kranken=  und  fast  Sterbebettes“  gedenkend.  Aber
nach  der  sehr  unruhigen  Nacht  hatte  sich  die  schon  am  Mittwoch  bemerkbare
  Abnahme  der  Kräfte  noch  gesteigert,  die  Eßlust  war  noch  mehr

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