580  Letztes  Kapitel.

gesunken.  Jetzt  war  auch  in  die  Stadt  die  Kunde  gedrungen,  daß  das
Leben  des  Kaisers  in  Gefahr  sei,  und  eine  bang  schweigende  Menge  von
Sehntausenden  sammelte  sich  vor  dem  Oalais,  angstvoll  einer  Machricht
harrend.

Am  Mittag  ließ  der  Kaiser  den  Fürsten  Bismarck  rufen,  besprach
mit  ihm  die  politische  Lage  und  richtete  Worte  der  Anerkennung  und  des
Dankes  an  ihn.  Dann  begannen  die  Gedanken  sich  zu  verwirren.  In
der  Meinung,  daß  es  Hrinz  Wilhelm  sei,  der  sich  über  sein  Bett  beuge,
sagte  er  zu  Bismarck:  „den  Kaiser  von  Rußland  mußt  du  nur  recht
rücksichtsvoll  behandeln;  das  wird  nur  gut  für  uns  sein.“  Dann  legte
er  ihm  die  Hand  auf  die  Schulter  und  sagte:  „das  hast  du  gut  gemacht!“
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Das  Schlafzimmer  des  Kaisers,  mit  dem  Bibliothekszimmer  durch
einen  kurzen  Gang  verbunden,  lag  nach  dem  inneren  Hofe  des  Palais.
Dem  einzigen  Fenster  des  kleinen  Gemaches  gegenüber  in  einer  Nische
der  Wand  stand  das  Bett  des  Kaisers.  Hier  war  um  den  Kaiser  die
MKönigliche  Familie  versammelt,  BZismarck,  Moltke,  die  General-Adjutanten
und  mehrere  der  obersten  Hofchargen.  In  schonendster  Weise  fragte  man,
als  um  halb  5  Uhr  drohende  Smptome  sich  einstellten,  den  Kaiser,  ob  er
nicht  den  Oberhofprediger  Kögel  sehen  wollte.  „Ach  ja“,  erwiderte  er,
„es  ist  ja  die  Seit  der  nachmittäglichen  Gottesdienste“.  Als  Kögel  erschien,
  sprach  er  dem  von  der  Erde  sich  losringenden  Kaiser  einige  Kernstellen
  der  christlichen  Zuversicht  vor:  „Ob  ich  schon  wandere  im  finsteren
Thal,  fürchte  ich  kein  Unglück,  denn  du  bist  bei  mir;  dein  Stecken  und-Stab
  tröstet  mich.“  „Das  ist  schön!“  bestätigte  der  Kaiser.  Tach  einer
Pause  fuhr  der  Geistliche  fort:  „Es  sollen  wohl  Berge  weichen  und  Hügel
hinfallen;  aber  meine  Gnade  soll  nicht  von  dir  weichen  und  der  Bund
meines  Friedens  soll  nicht  hinfallen,  spricht  der  Herr,  dein  Erbarmer."“
„Das  ist  schön!“  bestätigte  der  Kaiser  wiederum.  Dann  fuhr  der  Ober—
hofprediger  fort:  „Fürchte  dich  nicht,  denn  ich  habe  dich  erlöset;  ich  habe
dich  bei  deinem  Namen  gerufen;  du  bist  mein.  —  Ich  weiß,  daß  mein
Erlöser  lebt.  —  Christus  ist  die  Auferstehung  und  das  Leben.“  „Das
ist  richtig!“  sagte  der  Kaiser.  Noch  andere  Kernworte,  wie  JZesaias
14,.2°  —  Römer  5,1  —  I.  Joh.  1,7  —  Römer  14,  2—9  sprach  der
Geistliche  vor;  dazwischen  fügte  er  Liederverse,  wie  sie  dem  Kaiser  lieb
waren:  „Wenn  ich  einmal  soll  scheiden  —  Christi  Blut  und  Gerechtigkeit,
das  ist  mein  Schmuck  und  Ehrenkleid.  —  Mach'  End,  o  Herr,  mach'
Ende!“  „Herr,  nun  lässest  du  deinen  Diener  in  Frieden  fahren“,  fuhr
der  Oberhofprediger  fort,  „wie  du  gesagt  hast;  denn  meine  Augen  haben