582  Cetztes  Kapitel.

schlug  er  die  Augen  auf;  einen  langen  klaren  Blick  richtete  er  auf  die
Kaiserin;  dann  schloß  er  die  Augen,  um  sie  nicht  mehr  zu  öffnen:  sein
letzter  Blick  hatte  der  treuen  Gefährtin  seines  Lebens  gegolten.  Der
Morgen  schaute  trüb  herein.  Die  Atemzüge  des  von  hinnen  strebenden
Kaisers  wurden  immer  kürzer:  die  Anwesenden  sanken  um  das  Sterbe—
lager  auf  die  Kniee;  man  hörte  ein  tiefes  Aufseufzen  —  es  war  um
8  Uhr  28  Minuten  —  und  unter  ihren  Gebeten  hatte  die  große  Seele
Kaiser  Wilhelms  sich  losgerungen;  ohne  Todeskampf  war  sie  eingegangen
zum  ewigen  Frieden.  Mit  stillem  Gebet  geleiteten  sie  die  enteilende;
dann  traten  sie  heran  und  küßten,  Abschied  nehmend,  dem  dahingeschie—
denen  Kaiser  wehmütig  die  erkaltende  Hand.

Kopf  an  Kopf,  nach  Tausenden  zählend,  stand  seit  dem  frühen
Morgen  draußen  eine  dicht  gescharte  Volksmenge  vor  dem  Palais.  In
lautlosem  Bangen  harrte  sie  den  Nachrichten  über  das  Befinden  des  geliebten
  Berrschers.  Da  sank  die  Königliche  Hurpurstandarte  auf  dem
First  des  Daches  leise  auf  Halbmast.  Wie  ein  Aufschluchzen  ging  es
durch  die  Menge;  alle  nahmen  die  Hüte  ab;  manchem  starken  Mann
rannen  die  Thränen  über  die  Wangen.  Die  Glocken  in  der  Stadt  schlugen
an,  das  Sterbegeläut  beginnend;  und  wortlos  im  tiefsten  Schmerze  zerstreute
  sich  die  Menge.  Wie  öde  erschien  die  Welt,  nun  der  Kaiser  nicht
mehr  bei  ihnen  war!

Um  Mittag  trat  der  Reichstag  zur  Sitzung  zusammen.  Gleich  nach
Beginn  derselben  erschien  der  Fürst  BZismarck,  den  die  letzte  Unterschrift,
die  der  heimgegangene  Kaiser  am  7.  noch  mit  zitternder  Hand  gegeben,
zur  Schließung  des  Reichstags  ermächtigte.  In  sichtlich  tiefer  Zewegung
nahm  der  Reichskanzler  das  Wort;  in  ernstem  Schweigen  erhob  sich  das
ganze  Raus.  Wit  Thränen  im  Auge  machte  er  dem  Hause  die  amtliche
Mitteilung  von  dem  Heimgange  des  großen  Kaisers,  von  dem  unersetzlichen
  Derluste,  den  das  Reich  erlitten.  „Es  steht  mir  nicht  zu“,  begann
er  mit  vor  Schmerz  bebender  Stimme,  „von  dieser  amtlichen  Stelle  aus
den  persönlichen  Gefühlen  Ausdruck  zu  geben,  mit  welchen  mich  das  Hinscheiden
  meines  Herrn  erfüllt,  das  Ausscheiden  des  ersten  deutschen  Kaisers
aus  unserer  Mitte.  Es  ist  dazu  kein  Bedürfnis;  denn  die  Gefühle,  die
mich  bewegen,  die  leben  in  dem  Herzen  eines  jeden  Deutschen.“"  Und
Fürst  Bismarck  schloß,  oft  vor  innerer  Erschütterung  inne  haltend  und
laut  aufschluchzend,  mit  dem  herrlichen  Machruf:  „Die  beldenmütige
Tapferkeit,  das  hochgespannte  nationale  Ehrgefühl  und  vor  allen  Dingen
die  treue  arbeitsame  Oflichterfüllung  im  Dienste  des  Daterlandes  und  die
Ciebe  zum  Daterlande,  die  in  unserem  dahingeschiedenen  BHerin  verkörpert