584  Letztes  Kapitel.

waren  —  mögen  sie  ein  unzerstörbares  Erbteil  unserer  Nation  sein,  das
der  aus  unserer  Mitte  geschiedene  Kaiser  uns  hinterlassen  hat.  Das
hoffe  ich  zu  Gott,  daß  dieses  Erbteil  von  uns  allen,  die  wir  an  den  Ge—
schäften  des  Vaterlandes  mitzuwirken  haben,  in  Krieg  und  in  Frieden,
in  Heldenmut,  in  Hingebung,  Arbeitsamkeit  und  Pflichttreue  treu  bewahrt
wird.“

Als  Fürst  Bismarck  geendet,  lehnte  er  sich,  die  Hand  vor  das
chmerzvoll  zuckende  Gesicht  haltend,  in  seinen  Sessel  zurück.  Ein  tiefes
Schweigen,  eine  lange  lautlose  Pause  folgte.  Dann  schloß  der  Präsident
des  Reichstages  von  Wedell-Hiersdorf  mit  dem  Worte  „Keines  Menschen
Mund  kann  dem  Schmerze  Ausdruck  geben,  der  ganz  Deutschland  erfüllt“
die  Sitzung.

In  kurzer  Frist  trug  der  Telegraph  die  Trauerbotschaft  zu  den
Enden  der  Erde.  Die  Dolksvertretungen  aller  befreundeten  Staaten,
auch  die  Schweiz,  schlossen  beim  Eintreffen  der  Trauerkunde  alsbald  ihre
Sitzungen.  Allle  politische  Erörterung  schwieg  unter  dem  schmerzlichen
Eindrucke.  Eine  beilige  Stille,  gleichsam  ein  Gottesfrieden  legte  sich  für
den  Sterbetag  des  großen  Kaisers  über  Europa.  Das  war  eine  stille
Buldigung,  dem  tiefsten  Herzen  der  Dölker  entquellend,  wie  sie  nie  einem
lorbeerbekränzten  Sroberer  zu  teil  geworden  ist.  Und  in  unzähligen
Trauerkundgebungen  der  Fürsten  und  Dölker  offenbarte  sich  dann  die
Teilnahme  der  ganzen  Welt.  ·

Sur  Mitternacht  des  II.  März  wurden  die  sterblichen  Reste  des
großen  Kaisers  in  feierlichem  Suge  von  seinem  Halais  nach  dem  Dom
überführt.  Bier  fand  die  Ausstellung  vom  15.  bis  15.  März  statt.  Ein
fast  freundlicher  Sug  tiefen  Friedens  lag  auf  den  bleichen  Sügen  des
hohen  Entschlafenen,  während  alle  die  Tausende  in  ununterbrochenem
Strome  an  dem  Hurpursarge,  ibren  so  über  alles  geliebten  Kaiser  noch
ein  letztes  Mal  zu  sehen,  vorüberzogen.

Am  16.  März  fand  im  Dome  die  Einsegnung  der  loiserlichen
Leiche  und  dann  nach  dem  Trauergottesdienste  die  feierliche  Beisetzung
statt.  Es  war  der  imposanteste  Sug,  den  Berlin  je  gesehen,  der  sich  die
Linden  und  dann  die  Charlottenburger  Chaussee  hinab  entwickelte.  Sunächst
  hinter  dem  Sarge  folgte,  da  den  aus  San  Remo  berbeigeeilten
Kaiser  Friedrich  sein  schweres  Leiden  zurückhielt,  Drinz  Wilhelm,  jetzt
Kronprinz.  Dertreter  aller  Fürstenhäuser  und  Staaten  Europas  schlossen
sich  ihm  an,  denen  die  Minister  und  die  höchsten  Diener  des  Staates
folgten.  Und  zu  den  Seiten  gab  eine  unabsehbare  Dolksmenge  in
Trauerkleidung  dem  zu  den  Eltern  heimkehrenden  Kaiser  das  letzte  Ge-