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        <title>Wilhelm der Große, Deutscher Kaiser und König von Preußen.</title>
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            <idno>volz_wilhelm_kaiser_1897</idno>
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        „ilzeim  der  (Oroze,

Deutscher  Kaiser  und  König  von  Hreußen.

Sein  Leben  und  Wirken,

zum  Gedächtnis  seines  hundertjährigen  Geburtstages

dargestellt

von

Berthold  Vohz.

Mit  107  Tert  Abbildungen  und  0  Beilagen.

Springer-Verlag  Berlin  Heidelberg  Gmbl
1897.
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        Vorwort.

Das  Leben  Kaiser  Wilhelms  I.  zu  schreiben,  ist  die  dankbarste  Aufgabe,
  die  ein  Geschichtschreiber  sich  wünschen  mag.  Denn  je  tiefer  er
in  seine  Aufgabe  eindringt,  in  um  so  hellerem  Glanze  strahlt  ihm  des
großen  Haisers  Bild  entgegen.  War  doch  bis  zur  Ungerechtigkeit  gegen
sich  selbst  Maiser  Wilhelm  bescheiden,  stets  selbstlos  hinter  den  Delfern
und  Genossen  seines  Wirkens  zurücktretend,  so  daß  schon  ein  tieferes
Studium  dazu  gehört,  um  zu  erkennen,  daß  des  Naisers  Anteil  an  seinen
großen  Erfolgen  ein  viel  bedeutenderer  war,  als  es  bei  oberflächlicher
Betrachtung  den  Anschein  hat.  Darum  tritt  mit  tiefster  Überzeugung
der  Derfasser  dafür  ein,  daß,  wenn  je  einem  Fürsten,  so  Kaiser  Wilhelm
der  Zeiname  des  Großen  gebühre.

Meunzehn  Fürsten  sind  es,  denen  bisher  die  Weltgeschichte  den  Beinamen
  des  Großen  beigelegt  hat;  aber  bei  der  Hälfte  von  diesen  endigt
die  Anerkennung  an  den  Grenzen  ihres  Landes:  nur  neun  behaupten
die  Ehre  des  Beinamens  mit  allgemeiner  Sustimmung.  Und  fragen
wir,  was  diesen  neun  gemeinsam  ist,  so  ist  es  die  Anerkennung,  daß  sie
etwas  Neues,  groß  und  dauernd,  geschaffen  haben.  Dies  aber  ist  es,
was  uns  das  klare  Recht  giebt,  diesen  wahrhaft  großen  Herrschern  unsern
Haiser  Wilhelm  zuzugesellen.  Mit  freudigster  Sustimmung  begrüßen  wir
daher  die  Entscheidung,  die  bei  der  Einweihung  des  Kaiser  Wilhelmlanals
  kein  Geringerer  als  unsres  Kaisers  und  Hôönigs  Majestät  Selbst
gegeben  hat.
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        VI  Vorwort.

Jetzt  naht  Kaiser  Wilhelms  hundertster  Geburtstag,  den  das  ganze
preußische  und  deutsche  Volk  als  einen  nationalen  Festtag  in  pietätsvoller
Dankbarkeit  zu  begehen  sich  anschickt.  Frei  aufragen,  seiner  Hülle  ledig,
wird  an  diesem  Tage  das  großartige  Denkmal,  das  der  Enkel  treue
Verehrung  dem  Gedächtnis  des  großen  Kaisers  errichtet  hat.  Als  seinen
Kranz  legt  auf  des  Denkmals  Stufen  der  Verfasser  in  stiller  Huldigung
die  nachfolgenden  Blätter  nieder.  Er  hat  sich  in  ihnen  bemüht,  das
Werden  und  Wachsen,  das  Wollen  und  Wirken  des  großen  Herrschers
nach  dem  Ceben  zu  zeichnen.  Noch  können  dafür  die  Archive  nicht
benutzt  werden,  noch  liegt  der  schriftliche  Nachlaß  des  Kaisers  unter
Siegel;  aber  Erinnerung  und  mündliche  Mitteilung  haben  doch  manchen
wertvollen  Zug  zu  dem  Bilde  geliefert.  Natürlich  ist  dazu  die  vor—
handene  umfassende  Citteratur  sorgfältig  verglichen.  Gleichwohl  bleibt
der  Verfasser  sich  bewußt,  wie  gering  seine  Kraft  einer  Aufgabe  gegenüber
  war,  die  des  größten  Meisters  würdig  ist.  Der  Wunsch  allein,
die  Bewunderung  und  Derehrung,  die  für  den  großen  Uaiser  sein  Herz
erfüllt,  auch  andern  mitzuteilen,  hat  ihm  den  Mut  gegeben,  die  Feder  in
die  Hand  zu  nehmen.

Breslau,  den  22.  Oktober  1806.
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        S  GE.E  J  DO  —  JSo  NJ  S  S  PF  „9  d  —

Sv0„-0  JN  S  „  P  G  d  —

—

.  Kapitel.
.  Kapitel.
.  Kapitel.
Kapitel.
.  Kapitel.
.  Kapitel.
.  Kapitel.
.  Kapitel.

.  Kapitel.
.  Kapitel.
.  Kapitel.
.  Kapitel.
.  Kapitel.
.  Kapitel.

.  Kapitel.
.  Kapitel.
.  Kapitel.
.  Kapitel.
.  Kapitel.
.Kapitel.
.  Kapitel.
Kapitel.
.  Kapitel.
.  Kapitel.

Inhaltsverzeichnis.

Erstes  Buch.
Prinz  Wilhelm.

Kronprinz  Friedrich  Wilhelm  und  Kronprinzeß  kuise

Im  Sonnenschein  der  Rindheit
Drüfungsjahre

Königsberg  und  memel

In  großen  Tagen

Dom  Jüngling  zum  mann

Die  Dermählung  .
Ein  Jahrzehnt  rühigen  Glückes

Zwerites  Buch.
Der  Hrinz  von  Hreußen.

Die  Anfänge  König  Friedrich  Wilbeine  IV.
Der  Vereinigte  Landtag  .
Das  Jahr  1848

Der  Feldzug  in  Baden

Die  Jahre  der  Reaktion

Ehren=  und  Freudentage

Drittes  Buch.
König  Wilhelm.

Stellvertretung  und  Regentschaft
Auswärtige  Angelegenheiten
Die  Krönung

Die  Armeercorganisation  und  der  verfaffung-konfikt

Deutsche  Holitik  .
DicBefrciiingSchleswig  Holitcins  .
Die  Auseinandersetzung  mit  Osterreich
Nach  dem  Kriege
Preußen  und  Frankreich

Abrechnung  mit  Frankreich

133
147
159
189
215
251

249
265
288
315
554
558
580
450
445
468
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        VIII  Jnhaltsverzeichnis.

Viertes  Buch.
Unser  Kaiser.

Kapitel.  Kaiser  und  Rei
Kapitel.  Der  Ausbau  des  Reiches  **
Kapitel.  Sehn  Friedensjahre
Kapitel.  Unser  Kaiser  daheim

etztes  Kapitel.  Der  Cag  hat  sich  geneiget

9  —

Beitagen,

Am  Sterbebette  der  Känigin  Tnise  .
Die  letzten  Kugenblicke  König  Friedrich  milhelms  III.

Die  Trannng  des  Prinzen  Friedrich  Wilhelm  und  der  Prinzes  sin  Virieria  in  der  T
des  St.  Jamespalastes  zu  Condon  (25.  Innnar  1858)

Krönung  König  Wilhelms  zu  Königoberg  am  18.  Oktober  1861

Snksimile  der  eigenhändigen  Rufzeichnungen  König  Wilhelms  zu  Siluester  1866

König  Wilhelm  rröffurt  den  Reichstag  des  Norddentschen  Zundes  am  24.  Februar  1867

Depesche  König  Wilhelms  an  die  hee  Angnsta  über  den  Sies  b  bei  Graurlotte  vom
18.  Angust  1870  .

Unordnungämscrwrlljrluuvam28  Februar  187  6  betrenend  die  hotteodienstliche
Frier  des  100.  Grburtotages  der  Königin  Cnise.  Faksimile  der  rigenhändigen

Kiederschrift.
Kaiser  Wilhelm  im  Krrife  seiner  ramilie  ass7  )

—  □

Seite

501
525
544
554
575

556
552
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        Erstes  Buch.
Prinz  Wilhelm.

—.

Kaiser  Wilhelm.
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        Erstes  Kapitel.
Kronprinz  Friedrich  Wilhelm  und  Kronprinzeß  Luise.

Dort,  wo  im  Park  von  Sanssouci  der  dichtere  Schatten  hochstämmigen
  Baumwuchkhses  in  der  Nähe  des  Japanischen  Zäuschens  zum
Rasten  einladet,  sitzen  zwei  Männer,  beide  in  Uniform,  in  ernstem  Gespräch.
  Es  ist  im  Hochsommer  1786.  Der  eine  —  wer  sollte  ihn  nicht
erkennend  eine  schmächtige  Gestalt,  in  einen  etwas  abgetragenen  Rock
und  hohe,  aber  stark  suchsig  schimmernde  Stiefeln  gekleidet,  das  faltenreiche,
  gebräunte  Antlitz  durch  das  hellblaue,  leuchtende  Auge  belebt,
stützt  die  Hände  bequem  auf  den  Krückstock.  Das  ist  Dreußens  herrlicher
König,  der  große  Friedrich.

Auch  des  Königs  Begleiter  trägt  den  Stern  des  Schwarzen  Abdlerordens
  auf  der  Brust,  wie  ihn  die  preußischen  Hrinzen  von  ihrem  zehnten
Lebensjahre  an  tragen.  Es  ist  Orinz  Friedrich  Wilhelm,  des  Kronprinzen
ältester  Sohn,  den  Friedrich  der  Große  selbst  vor  16  Jahren  aus  der
Taufe  gehoben.  Der  jugendliche  Hrinz,  in  der  Uniform  des  Bataillons
Garde,  das  in  dem  nahen  Hotsdam  seine  Garnison  hat,  ist  mit  größter
Sorgfalt  gekleidet;  straff  legen  sich  die  gegipsten  Locken  gerade  über  die
Ohren  weg,  genau  nach  orschrift  ist  der  Sopf  fest  mit  schwarzem  Band
durchflochten.  Das  gepuderte  Haar,  mehr  noch  ein  ernster  Sug  in  dem
jugendfrischen  Gesichte  lassen  den  jungen  Hrinzen  älter  erscheinen,  als  er
ist.  Um  mehr  als  KRaupteslänge  überragt  seine  schlanke  Gestalt  den
königlichen  Großoheim;  aber  ein  Ausdruck  warmer  Ringebung,  der  in
den  offenen  Sügen  des  Drinzen  liegt,  mildert  selbst  für  das  Auge  den
Unterschied.

Der  König  zieht  ein  Zuch  aus  der  Tasche  —  Lafontaines  Fabeln  —
und  läßt  den  jungen  Hrinzen  aufs  Geratewohl  eine  daraus  übersetzen.
Mit  großer  Fertigkeit  erledigt  der  Drinz  die  Aufgabe;  aber  das  Lob,  das
der  König  ihm  spendet,  lehnt  er  mit  Bescheidenheit  ab:  es  sei  eine  Fabel

gewesen,  die  er  erst  jüngst  bei  Berrn  Benisch,  seinem  Informator,  eingeübt,
1*
        <pb n="10" />
        4  Erstes  Kapitel.

und  die  ihm  darum  habe  geläufig  sein  müssen.  Da  erheiterte  sich  das
ernste  Gesicht  des  Königs;  freundlich  streichelte  er  dem  jungen  Prinzen
die  Wange.  „So  ist's  recht,  lieber  Fritz!“  sagte  er.  „Nur  immer  ehrlich
und  aufrichtig!  Wolle  nie  scheinen,  was  du  nicht  bist;  sei  stets  mehr,
als  du  scheinst!“  Goldene  Worte,  die  dem  Prinzen  allezeit  unvergeßlich
geblieben  sind.  ·

Damit  stand  der  König  auf  und  schritt  langsam  mit  dem  Prinzen
die  Hauptallee  hinab  auf  den  Obelisken  zu,  der  dem  Harkausgange  gegenüber
  steht.  „Fritz“,  sprach  er  eindringlich  zu  seinem  jungen  Begleiter,
„werde  was  Tüchtiges  par  excellence.  Es  wartet  Großes  auf  dich.  Ich
bin  am  Ende  meiner  Karriere,  und  mein  Tagewerk  ist  bald  absolviert.
Ich  fürchte,  nach  meinem  Tode  wird's  péle-mele  geben.  Uberall  liegen
Gärungsstoffe,  und  leider  nähren  die  regierenden  Herren  sie,  vorzüglich
in  Frankreich,  statt  zu  kalmieren  und  exstirpieren.  Die  Massen  fangen
schon  an,  von  unten  auf  zu  drängen,  und  wenn  das  zum  Ausbruch  kommt,  ist
der  Teufel  los.  Ich  fürchte,  du  wirst  mal  einen  schweren,  bösen  Stand
haben.  Habilitiere,  rüste  dich!  Sei  fromm:  denk'  an  mich!  Wache  über
unsere  Ehre  und  unseren  Ruhml  Begehe  keine  Ungerechtigkeit,  dulde  aber
auch  keine!  .

Der  Obelisk  war  erreicht.  „Sieh  ihn  an“,  sprach  der  König  weiter,
indem  er  stehen  blieb,  „schlank,  aufstrebend  und  hoch  steht  er  da,  und
doch  fest  in  Sturm  und  Ungewitter.  Die  Pyramide  spricht  zu  dir:  Ma
force  est  ma  droiture.  Die  Spitze  überschaut  und  krönt  das  Ganze,
trägt  aber  nicht,  sondern  wird  von  allem  getragen,  was  unter  ihr  liegt,
vorzüglich  von  dem  unsichtbaren,  in  der  Tiefe  untergebauten  Fundamente.
Das  tragende  Fundament  ist  das  Volk  in  seiner  Einheit.  Halte  es  stets
mit  ihm,  daß  es  dich  liebe  und  dir  vertraue;  darin  allein  kannst  du  stark
und  glücklich  sein!“  Und  mit  diesen  Worten  maß  er  mit  festem  Blick  den
jungen  Prinzen  von  der  Fußsohle  bis  zum  Scheitel,  reichte  ihm  die  Hand,
küßte  ihn  und  entließ  ihn  mit  der  Mahnung:  „Vergiß  diese  Stunde  nicht!“
Damit  wandte  er  sich  und  schritt  langsam  in  den  Park  zurück.

Sie  schieden  fürs  Leben;  denn  nur  erst,  als  die  leuchtenden  Augen
für  immer  sich  geschlossen,  sollte  Prinz  Friedrich  Wilhelm  den  königlichen
Großoheim  wiedersehen.  Um  so  tiefer,  wie  ein  Vermächtnis  prägte  das
Abschiedswort  des  erlauchten  Greises  dem  jungen  Herzen  sich  ein.  Und
nimmer  in  einer  langen  und  gesegneten  Regierung  hat  seiner  König
Friedrich  Wilhelm  III.  vergessen.

Denkwürdiger  Moment,  wie  dort  am  Fuße  des  Obelisken  Hand  in
Hand  die  beiden  Fürsten  stehen,  welche,  nur  durch  eine  kurze  Spanne  Zeit
        <pb n="11" />
        Kronprinz.  Friedrich  Wilhelm  und  Kronprinzeß  Cuise.  5

geschieden,  von  1740  bis  1840  ein  ganzes  volles  Jahrhundert  preußischer
Geschichte  umspannen:  wie  die  sinkende  Sonne  des  großen  Friedrich  ihre
letzten  Strahlen  hinüberwirft  zu  dem  jungen  Friedrich  Wilhelm,  dessen
Gestirn  bald  aus  trüben  Nebeln  sich  erbeben  sollte.  —

In  freudeloser,  liebeleerer  Jugend  war  der  Hrinz  herangewachsen.
Sein  Dater  kümmerte  sich  nicht  um  ihn,  und  auch  seine  Wutter,  die
Kronprinzessin  Luise,  sah  ihn  oft  tagelang  nicht.  Sie  war  eine  Tochter
der  Landgräfin  Karoline  von  Zessen,  der  geistvollen  Freundin  Friedrichs
des  Großen,  der  in  ihr  „die  Sierde  und  die  Bewunderung  ihres  Jahrhunderts“
  sah.  Die  Erziehung  der  kronprinzlichen  Kinder  blieb  somit
der  Dienerschaft  und  dem  Hofmeister  Benisch  überlassen,  der  dazu  durchaus
  ungeeignet  war.  Ein  grämlicher  und  kränklicher  Mensch,  schrie  er
die  Drinzen,  wenn  sie  einmal  ihrer  jugendlichen  Lebhaftigkeit  nachgaben,
in  maßlosen  Ausdrücken  an  und  verschüchterte  sie  dadurch  ganz  und  gar.
Aber  auch  der  Philosoph  Engel,  ein  wunderlicher  Heiliger,  und  der  geistvolle
  Sonderling  TLeuchsenring,  die  dem  Hrinzen  Friedrich  Wilhelm  und
seinem  jüngeren  Bruder  Ludwig  später  Unterricht  erteilten,  wußten  die
jungen  Gemüter  nicht  zu  erfassen.  So  blieben  die  guten  Anlagen  der
Drinzen  unausgebildet.  Friedrich  Wilhelm,  von  Natur  schüchtern  und
bescheiden,  wurde  in  sich  gekehrt,  menschenscheu  und  verlegen  in  seinem
Auftreten.  Alles  Selbstvertrauen  wurde  in  ihm  erstickt.  Aber  sein  tiefes.
und  reines  Gemüt  widerstand  der  Derbildung.  Vichts  lag  ihm  allezeit
ferner  als  Neid  und  Arglist,  Hochmut  und  Arroganz.  Er  konnte  niemand
leiden  sehen  und  war  stets  fast  ängstlich  bedacht,  niemand  den  Unterschied
  der  Stellung  empfinden  zu  lassen.

Der  Tod  des  großen  Friedrich,  die  Thronbesteigung  König  Friedrich
Wilhelms  II.  machte  den  jungen  Hrinzen  zum  Kronprinzen  von  Hreußen.
Darin  lag  für  ihn  die  ötigung,  mehr  als  bisher  in  die  EGffentlichkeit
hinauszutreten.  Aber  alle  Repräsentation  war  ihm  zuwider;  er  fühlte
sich  in  der  Gesellschaft  unsicher  und  blieb  daher  am  liebsten  allein  oder
im  engsten  Kreise  weniger  Bekannten.  Dem  Hrinzen  Ludwig  gab  er  vor
allen  den  Dorzug,  der,  von  lebhafterer  Art  und  mehr  heiteren  Taturells,
dem  um  drei  Jahre  älteren,  ernsten  Bruder  sich  doch  mit  inniger  Teigung.
anschloß,  ja  vielleicht,  weil  er  ihn  nicht  suchte,  einigen  Einfluß  auf  ihn.
gewann.

Zum  Gouverneur  erhielt  der  Kronprinz  jetzt  den  Grafen  Karl.
Brühl,  einen  Sohn  des  bekannten  sächsischen  Ministers,  zum  Flügel-Adjutanten
  den  Major  von  Höckeritz.  Die  Wahl  war  ungeschickt,  aber
sie  that  dem  Herzen  des  Kronprinzen  wohl.  Swar  zu  Brühl  entwickelte
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        6  Erstes  Kapitel.

sich  kein  näheres  Verhältnis,  aber  zu  Köckeritz  faßte  er  bald  Zuneigung.
Denn  Röckeritz,  im  Kadettenhause  erzogen,  aus  dürftigen  Derhältnissen
langsam  emporgestiegen,  war  durchaus  eine  idealistisch  angelegte  Tatur.
Ein  Muster  der  Ordnung  im  Dienst,  durchdrungen  von  HBumanität,
wünschte  er  alle  Menschen  glücklich  zu  machen;  aber  er  war  überängstlich
  in  seinen  Entschlüssen  und  suchte  den  Rat  anderer,  da  es  ihm  an
Vertrauen  zu  sich  selber  völlig  gebrach.  Das  war  nicht  der  Mann,
dessen  der  Kronprinz  in  diesen  Jahren  der  Charakterbildung  bedurft
hätte.  Aber  er  wollte  nur,  was  recht  und  gut  war:  das  verschaffte  ihm
die  Achtung  und  bald  die  Freundschaft  seines  jugendlichen  Herrn.

Durch  seine  Stellung  steht  ein  Kronprinz  stets  im  Dordergrunde  des
öffentlichen  Interesses.  Man  machte  im  Dolke  sich  ein  Bild  von  ihm,
das  in  seinen  Grundlinien  wohl  etwas  grell,  aber  nicht  unrichtig  war.
Graf  Mirabeau  zeichnet  es  nach  dem,  was  er  hörte.  „Der  Kronprinz
besitzt",  sagte  er,  „einen  schönen  Charakter,  wenn  auch  nicht  gefällige
  Formen.  Er  ist  ungewandt,  aber  alles  hat  bei  ihm  ein  bestimmtes
  Gepräge.  Er  ist  unböflich,  aber  er  ist  wahr.  Er  forscht  bei
allem  nach  dem  Grunde.  Er  ergiebt  sich  nie,  außer  auf  ein  vernünftiges
Weil.“  Dornehbmlich  aber  siel  der  Gegensatz  in  die  Augen,  in  den  der
Kronprinz  sich  zu  seinem  königlichen  Vater  stellte,  dessen  Lebensauffassung
und  Lebensführung  im  Grunde  seiner  Seele  ihm  zuwider  war,  und  im
schroffen  Widerspiel  dazu  die  schwärmerische  Bewunderung,  die  er  für
den  heimgegangenen  großen  Friedrich  im  tiefsten  Herzen  empfand  und
rückhaltslos  aussprach.

Wohl  mochte  das  Berz  des  Datrioten  in  Freude  höäher  schlagen,
wenn  er,  des  Daterlandes  Hoffnung,  die  prinzlichen  Brüder  sah,  beide
hochgewachsen,  stattlich,  blonde  Germanensähne,  blühend  in  frischer  Jugendkraft;
  der  Kronprinz  mit  einem  Suge  männlichen  Ernstes,  Hrinz  Ludwig,
etwas  kleiner  von  Gestalt,  unbefangen,  mit  heiterem  Mute  dem  Leben
entgegenschauend.

Und  nun  trat  mit  ganzem  Ernste  das  Leben  an  sie  heran.  König
Friedrich  Wilhelm  II.  hielt  es  für  Ritterpflicht,  dem  durch  die  Revolution
je  länger  je  mehr  bedrängten  französischen  Königspaare  zu  helfen.  Eifrig
dazu  von  Esterreich  umworben,  erklärte  er  Frankreich  den  Krieg  und
brach  an  der  Spitze  eines  Heeres  von  45  000  Mann  auf.  Nicht  Frankreich
  niederzuwerfen  war  sein  Siel  —  dazu  war  das  Heer  ja  viel  zu
klein:  er  hatte  es  vielmehr  nur  auf  einen  raschen  Dorstoß  gegen  Haris
abgesellen,  um  dem  französischen  Könige  Luft  und  dem  —  wie  man  ihm
versicherte  —  rovalistisch  gesinnten  platten  Lande  Mut  zu  einer  Erbebung
        <pb n="13" />
        Kronprinz  Friedrich  Wilhelm  und  Kronprinzeß  Cuise.  7

gegen  das  gewaltthätige  Treiben  der  Jakobiner  zu  machen.  Man  meinte
nicht  anders,  als  daß  der  Feldzug  nur  ein  militärischer  Spaziergang,
etwa  wie  die  Campagne  in  Holland  1787,  sein  würde.  Darum  schloß
sich  der  König  selbst  mit  großem  Gefolge  dem  vorrückenden  Heere  an
und  trug  auch  kein  Bedenken,  seine  beiden  ältesten  Söhne  mit  ins  Feld
zu  nehmen.

Allein  völlig  täuschte  sich  die  Erwartung  des  Königs  und  seiner
Ratgeber.  Der  Vorstoß  mißlang:  das  konservative  Europa  wich  vor  dem
revolutionären  Frankreich  zurück,  und  die  Hreußen  traten  den  Rückzug  an
den  Rhein  an,  um  im  nächsten  Frühjahr  den  Vorstoß  mit  größerem
Nachdruck  zu  wiederholen.  Daher  kehrte  der  König  nicht  nach  Berlin
zurück,  sondern  zog  es  vor,  für  den  Winter  sein  Hauptquartier  in  Frankfurt
  am  Main  zu  behalten.

Von  Darmstadt  bis  Frankfurt  ist  nur  eine  kurze  Fahrt.  Die  verwitwete
  Landgräfin  Marie  Cuise  von  Zessen  in  Darmstadt  hielt  es  daher,
als  der  Frühling  kam,  für  schicklich,  den  König  von  Hreußen,  den  Gemahl
ihrer  Nichte  Luise,  in  Frankfurt  zu  begrüßen  und  ihre  beiden  heranwachsenden
  Enkelinnen,  die  jungen  Berzoginnen  von  Mecklenburg-Strelitz,
Luise,  die  eben  17  Jahre  geworden  war,  und  die  15jährige  Friederike
dem  Könige  vorzustellen.  Die  Landgräfin,  auf  der  Beimreise  von  Hildburghausen
  nach  Darmstadt  begriffen,  hatte  nur  einen  kurzen  Besuch  gemeint;
  aber  der  König  empfing  sie  so  herzlich  mit  den  jungen  Orinzessinnen,
  daß  sie  seine  Einladung  zum  Souper  nicht  ablehnen  konnte
und  die  Heiterfahrt  bis  zum  nächsten  Tage  hinausgeschoben  wurde.
Glückselige  Märztage!  Freudentage  der  preußischen  Geschichte!  In  ihnen
entschied  sich  des  Kronprinzen  Geschick;  überreichen  Ersatz  für  eine  lange
freudenlose  Jugend  sollte  sie  ihm  bringen.

Der  König  beeilte  sich,  auch  seine  Söhne  der  greisen  Freundin  vorzustellen.
  Mit  elementarer  Gewalt  ergriff  der  Anblick  der  Berzogin  TLuise
den  Kronprinzen.  So  bestimmt  vernahm  er  in  seinem  Herzen  des  Schicksals
  Stimme.  Ticht  der  Abend,  in  beiter  angeregter  Geselligkeit  verbracht,
  entschied,  sondern  er  befestigte  nur,  was  der  erste  Augenblick
entschieden  hatte,  als  die  Hrinzessin  vor  ihm  stand,  eine  liebliche,  schlanke
Erscheinung,  wunderschön  von  Wuchs,  im  Schmucke  reichen,  dunkelblonden
Raares,  in  den  tiefblauen  Augen  ihr  reiches  Gemüt,  ihr  warmes  religiöses
  Smpfinden  widerspiegelnd,  und  durch  die  edle  Natürlichkeit  ihres
Wesens,  durch  die  Reinheit  ihres  Herzens  und  durch  die  Idealität  ihrer
ganzen  Geistesrichtung  gleichsam  von  einem  magischen  Schimmer  um—
flossen,  der  seines  herzgewinnenden  Eindrucks  nimmer  verfehlte.
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        8  Erstes  Kapitel.

Aber  auch  der  jungen  Prinzessin  Herz  hatte  sich  alsbald  dem  Kron—
prinzen  zugewandt,  dessen  ernster,  lauterer  Sinn  nicht  minder  wie  seine
männlich  schöne  Erscheinung  in  der  Tiefe  sie  fesselte.  So  wurden  es
beiden  Freudentage,  als  auf  die  angelegentliche  Einladung  des  Königs
die  Landgräfin  mit  ihren  lieblichen  Enkelinnen  ihren  Besuch  in  Frankfurt
wiederholte.  Und  als  der  Wiederbeginn  des  Feldzuges  herannahte,
wurde  am  24.  April  1795  bei  der  glücklichen  Großmutter  in  Darmstadt
fröhlich  die  Verlobung  des  Kronprinzen  mit  der  Herzogin  Cuise  gefeiert,
oder  vielmehr  die  Doppel-erlobung;  denn  schnell  hatten  sich  auch  die
Herzen  des  Prinzen  Ludwig  und  der  zu  vollem  Ciebreiz  erblühenden
Berzogin  Friederike  gefunden.

Der  Feldzug  begann.  Allein  so  lange  sich  das  Zauptquartier  des
Königs  noch  in  der  Nähe  befand,  kamen  unter  großmütterlichem  Schutze
wiederholt  von  Darmstadt  die  glücklichen  Bräute  herüber,  ihre  Verlobten
zu  besuchen.  Bei  einer  solchen  Gelegenheit,  im  Feldlager  bei  Bodenheim,
sah  Goethe  sie,  der  im  Gefolge  des  Berzogs  Karl  August  von  Weimar
den  Feldzug  mitmachte.  Sie  kamen  in  dem  Kriegsgetümmel  wie  „himm—
lische  Erscheinungen“  ihm  vor,  die  einen  unauslöschlichen  Eindruck  —  so
schreibt  er  unter  dem  29.  Mai  1705  in  seinem  Tagebuch  —  auch  auf
ihn,  den  gereiften  Mann,  machten.

Die  fürstlichen  Bräute  waren  Eöchter  des  Berzogs  Karl  von  Mecklenburg-Strelitz.
  Als  nachgeborener  Prinz  hatte  dieser  es  vorgezogen,  in
fremdländische  Dienste  zu  treten,  und  war  in  Kur-Rannover  bis  zum
General-Gouverneur  mit  dem  Range  und  Titel  eines  Feldmarschalls  aufgestiegen.
  In  Hannover  war  ihm,  der  in  glücklichster  Ehe  mit  der
Drinzessin  Friederike  von  Bessen-Darmstadt  vermählt  war,  am  10.  März
1776  die  Berzogin  Luise  geboren  worden.  Sie  war  des  Herzogs  sechstes
Kind;  allein  drei  von  den  älteren  Kindern  waren  den  Sltern  durch  den
Tod  wieder  entrissen  worden;  nur  die  Berzoginnen  Charlotte  und  Therese
waren  noch  am  Leben.  Wohl  folgten  in  den  nächsten  Jahren  noch
mehrere  Kinder,  allein  nur  die  Berzogin  Friederike  blieb  von  diesen  ihren
Eltern  erhalten.

Die  Einkünfte  des  Berzogs  waren  bescheiden  und  geboten  eine  weise
Sparsamkeit.  Auf  einen  Rofstaat  verzichtete  der  BHerzog  unschwer  in
seinem  schlichten  Sinne.  Don  einer  Hofetikette  war  bei  ihm  nicht  die
Rede.  Um  so  inniger  und  freier  war  der  Verkehr  der  heranwachsenden
Kinderschar  mit  den  fürstlichen  Eltern.  Auch  die  Hofdame  der  Herzogin,
Fräulein  von  Wolzogen,  fand  in  der  Srziehung  der  kleinen  Hrinzessinnen
ein  dankbareres  Feld  der  Thätigkeit  als  in  der  Repräsentation.  Es  war
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        Kronprinz  Friedrich  Wilhelm  und  Kronprinzeß  Tuise.  0

die  Atmosphäre  innigen  deutschen  Familienlebens,  die  das  herzogliche
Haus  durchwehte.  Da  traf  es  der  schwerste  Schlag,  der  es  treffen  konnte:
die  Herzogin  Friederike,  die  fürsorgende  Mutter,  starb  am  22.  Mai  1782.

Dem  tiefgebeugten  Herzoge  war  es  eine  wohlthätige  Ablenkung,
daß  damals  gerade  anstatt  seiner  bisherigen  Dienstwohnung,  in  der  alles
an  seinen  schmerzlich  empfundenen  Derlust  ihn  erinnerte,  ihm  eine  andere
in  dem  kurfürstlichen  Schlosse  Herrenhausen  vor  Bannover  überwiesen
wurde.  Für  die  Kinder  zudem  ein  großer  Gewinn.  Denn  hier  in  fast
ländlicher  Stille  konnten  sie  in  Hark  und  BZlumengarten  sich  fröhlich
umhertummeln,  daß  oft  von  ihrem  Lachen  und  Jubeln  das  dichte  Blätterdach
  der  hochwipfeligen  Linden  widertönte.  Rier  ward  die  Liebe  zur
Natur  und  zu  ländlicher  Surückgezogenheit  der  jungen  Herzogin  Cuise
ins  Berz  gepflanzt,  die  stets  ein  eigenartig  schöner  Sug  in  ihrem  Charakter
  geblieben  ist.

Luise  war  acht  Jahre  geworden,  als  sie  mit  ihren  Geschwistern  den
Dater  nach  Darmstadt  zur  Großmutter,  der  verwitweten  Landgräfin  von
Hessen,  begleitete.  Der  Herzog  Karl  hatte  den  Mut,  sein  zertrümmertes
Räusliches  Glück  wiederaufzubauen;  er  vermählte  sich  am  28.  September
1784  mit  der  jüngeren  Schwester  seiner  heimgegangenen  Gemaklin,
der  Hrinzessin  Charlotte  von  Hessen.  Bis  zum  nächsten  Frühling  blieb
die  ganze  fürstliche  Familie  in  Darmstadt  vereint,  und  nur  mit  vielen
TChränen  schied  die  warmherzige,  liebliche  Luise  von  der  ihr  so  lieb  gewordenen
  Großmutter.  ·

Moch  war  das  Jahr  1785  nicht  zu  Ende,  als  der  Herzog  Karl  zum
zweitenmal  Witwer  war.  Die  Herzogin  Charlotte  starb,  nachdem  sie
ihren  Gemahl  mit  einem  Knaben  beschenkt,  der  nach  seinem  Vater  Karl
genannt  wurde,  schon  am  12.  Dezember.  Das  herbe  Geschick  beugte  den
Lebensmut  des  Herzogs;  er  nahm  seinen  Abschied  und  siedelte  mit  seinen
Kindern  ganz  nach  Darmstadt  über.  Hier  war  es  die  Candgräfin,  die
jetzt  ganz  die  Erziehung  der  jungen  Herzoginnen  in  ihre  Hand  nahm.
Zwar  die  älteste  der  Enkelinnen,  die  Herzogin  Charlotte,  hatte  eben  erst
den  Herzog  von  Hildburghausen  geheiratet;  und  1788  vermählte  sich  die
zweite,  die  Herzogin  Therese,  mit  dem  Erbprinzen  von  Turn  und  Taxis.
Aber  nur  um  so  inniger  widmete  sich  die  Landgräfin  den  beiden  lieblich
erblühenden  Snkelinnen,  die  in  ihrer  Obhut  blieben.  Sie  gab  ihnen  in
Mlle.  Gelieux  aus  Neufchatel  eine  französische  Gouvernante,  der  sich  die
Drinzessinnen  bald  mit  Rerzlichkeit  anschlossen.  Die  Fürstensitte  der  Seit
verlangte  eben  eine  überwiegend  französische  Erziehung;  aber  das  echt
deutsche  Empfinden  der  jungen  Herzogin  hat  sie  nicht  zu  unterdrücken
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        10  Erstes  Kapitel.

vermocht.  Deutschlands  Herrlichkeit  zu  schauen  war  schon  in  jungen
Jahren  ihr  ein  Genuß,  ja  eine  innerliche  Erhebung.  Zum  Besuche  bei
ihrer  Tante,  der  Pfalzgräfin  von  Zweibrücken,  in  Straßburg  weilend,
bestieg  sie  die  Plattform  des  Straßburger  Münsters  und  schaute  mit  Ent—
zücken  das  gesegnete  Elsaß  zu  ihren  Füßen  ausgebreitet,  das  damals  noch
dem  Deutschen  Reiche  entfremdet  war.  Zätte  sie  doch  in  der  Sukunft
lesen  können!  Durchaus  wollte  sie  auch  noch  die  steilen  Stufen  bis  unter
das  Kreuz  des  Turmes  erklettern;  allein  die  Angst,  welche  Mlle.  Gelieux
über  diesen  Gedanken  sichtlich  empfand,  erregte  das  Mitgefühl  der  kühnen
Hrinzessin  und  brachte  von  dem  Wagnis  sie  ab.  Don  Straßburg  ging
die  Reise  dann  den  Rhein  hinab  bis  zu  den  Niederlanden,  eine  Fülle
anziehender  Bilder  darbietend,  die  mit  offenem  Sinn  und  Herz  die  junge
Fürstin  in  sich  aufnahm.

Die  Kaiserkrönungen,  zuerst  die  Leopolds  II.  am  1.  September  1700,
dann  die  Franz'  II.  am  1.  März  1702,  mit  ihren  prunkvollen  Festlichkeiten
  führten  die  jugendlich  schaulustigen  Hrinzessinnen  nach  Frankfurt.
Die  Landgräfin  war  seit  langen  Jahren  mit  Frau  Aja,  Goethes  Mutter,
befreundet,  die  ihr  stattliches  Baus  am  Hirschgraben  allein  bewohnte.
Bei  der  Frau  Rat  wurde  darum  auf  deren  dringende  Einladung  gern
Duartier  genommen.  Das  war  ein  fröhliches  Treiben  dort  in  dem  alten
Rause  während  der  festlichen  Tage.  Und  Frau  Aja  fand  ihre  Freude
darin,  den  munteren  Fürstenkindern  in  allem  ihren  Willen  zu  lassen.  Da
erzählte  sie  ihnen,  wenn  die  Dämmerung  kam,  wie  einst  ihrem  Wolfgang,
wundersame  Geschichten,  und  danach  finden  wir  sie  mit  den  jungen  Her—
zoginnen  in  der  Küche,  alle  eifrig  beschäftigt,  Sierkuchen  mit  Specksalat
zum  Abendessen  zu  bereiten.  Mlle.  Gelieux  war  wohl  nicht  immer  so
ganz  einverstanden:  aber  auch  dann  wußte  die  Frau  Rat,  die  bei  ihrem
weißen  Haar  ein  jugendlich  empfindendes  Berz  sich  bewahrt  hatte,  einen
Ausweg  zu  finden.  Auf  dem  Hofe  stand  eine  Dumpe.  Kaum  war  sie  entdeckt,
so  machte  sich  „Orinzeßchen“  Luise  daran,  von  der  Schwester  wacker  unterstützt,
  eifrig  zu  pumpen,  daß  das  Wasser  nur  so  in  rauschenden  Strömen
sich  ergoß.  Wenn  es  nur  Illademoiselle  nicht  hört!  Und  Frau  Rat
drehte  leise  den  Stubenschlüssel  um:  so  war  Mllle.  Gelieux  gefangen,  bis
die  Drinzessinnen  sich  müde  gepumpt  hatten.  Unvergessen  blieben  allen
Beteiligten  diese  heiteren  Krankfurter  Tage;  und  die  Freundschaft  mit  Frau
Rat  Goethe  hat  bestanden,  bis  der  Tod  sie  löste.

Als  Braut  finden  wir  die  Hrinzessin  Luise  in  KFrankfurt  wieder.
Aber  der  sonnig  strahlende  Kimmel  bräutlichen  Glückes  umzog  sich  ihr
bald  mit  düsterem  Gewölk:  der  Krieg  entführte  ihr  den  fürstlichen  Ver—
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        Kronprinz  Friedrich  Wilhelm  und  Kronprinzeß  Cuise.  11

lobten.  Doch  noch  bevor  der  Feldzug  des  Jahres  1795  beendet  war,
traf  König  Friedrich  Wilhelm  II.  die  Bestimmungen  über  die  Vermählung.
Denn  seit  auch  das  Haupt  der  französischen  Königin  unter  dem  Blutbeile
gefallen  war,  und  GEsterreich  hinter  seinem  Rücken  über  eine  weitere
Teilung  Holens  mit  Rußland  gebeime  Derhandlungen  begonnen  hatte,
verlor  die  Rhein-Campagne  so  sehr  an  Bedeutung,  daß  er  am  Rhein
sich  die  Hände  frei  zu  machen  strebte,  um  in  Holen  mit  Wachdruck  aufzutreten.
  Er  gab  daher  zu  Anfang  des  Dezember  seinen  Söhnen  die
Erlaubnis,  von  der  Belagerung  von  Landau  nach  Berlin  zurückzukehren,
um  dort  ihre  Dermählung  zu  begehen.  Am  22.  Dezember  hielten  demgemäß
  die  beiden  fürstlichen  Bräute,  geleitet.  von  ihrem  Dater  und  der
greisen  Großmutter,  durch  das  Brandenburger  Thor  ihren  Einzug  in
Berlin.  Ihre  natürliche  Anmut  wie  ihre  jugendfrische  Lieblichkeit  gewannen
  im  Fluge  ihnen  alle  Herzen.

Am  Ende  der  Linden  war  eine  Ehrenpforte  errichtet,  an  der  eine
Schar  von  Knaben  in  grünen  Gewändern  und  eine  Schar  kleiner  Mädchen,
in  weiß  und  rosa  gekleidet,  den  festlichen  Brautzug  empfing.  Die  kleine
Sprecherin  der  Schar  trat  vor  und  begrüßte  die  zukünftige  Kronprinzessin
durch  ein  ihr  huldigendes  Gedicht.  In  sichtlicher  Zewegung  hörte  die
Drinzessin  es;  als  aber  die  Kleine  die  Schlußverse  sprach:  „Beil  Dir!  der
künftigen  Welt  wirst  Du  Monarchen  geben,  beglückter  Snkel  Mutter  sein!“
da  übermannte  die  Orinzessin  Luise  ihr  Gefühl:  sie  beugte  sich  zu  der
kleinen  Sprecherin  nieder  und  küßte  sie  mit  überströmendem  Berzen.  Sn
jubelnden  Hochrufen  riß  der  kleine  und  doch  so  sprechende  Dorgang  die
Umstehenden  hin;  allein  Frau  von  Voß,  die  als  künftige  Oberhofmeisterin
der  Hrinzessin  gegenübersaß,  konnte  doch  nicht  umhin,  halblaut  der  fürstlichen
  Braut  zu  bemerken:  „Mon  Dieu,  Boheit,  welch  ein  Derstoß  gegen
die  Stikette!“

„Wie,  Ercellenz,“  erwiderte  die  HBerzogin  Luise,  „darf  ich  das  nicht
mehr  thund  Darf  ich  als  Kronprinzessin  meinem  Herzen  nicht  mehr
folgend“  Und  mit  einem  glücklichen  Lächeln  schaute  sie  unbefangen  die
Gestrenge  an.

Swei  Tage  später,  am  24.  Dezember  1793,  fand  im  Weißen  Saale
des  Berliner  Schlosses  die  Trauung  des  kronprinzlichen  Daares  statt.
Der  Oberhofprediger  Sack  vollzog  sie.  Am  Schlusse  der  Traurede,  nachdem
  die  Einsegnung  geschehen  war,  wandte  er  sich  an  die  Kronprinzessin.
„Don  der  TLiebe,  die  Ihre  Königliche  Hoheit  ihm  weihen“,  sprach  er,
„erwartet  der  Drinz,  was  weder  Macht  noch  Würde  ihm  verleiben
können:  die  zärtliche  Freundschaft  häuslicher  Dereinigung,  den  geheiligten
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        12  Erstes  Kapitel.

Segen  häuslichen  Glückes.“  Und  er  schloß:  „Der  Hof  und  die  ganze
Nation  erwarten  von  Ihnen  ein  glänzendes  Beispiel.  Schöne,  gesegnete
und  heilige  Verbindung,  die  solche  Erwartungen  wecken,  so  viele  Segnungen
  ankünden  kann!“

Das  „Kleine  Palais“,  einst  für  Friedrich  den  Großen  hergerichtet,
jetzt  Palais  der  Kaiserin  Friedrich,  damals  aber  sehr  schlicht  innen  und
außen,  wurde  dem  kronprinzlichen  Paare  als  Wohnung  überwiesen,
während  in  dem  daneben  liegenden,  durch  einen  bedeckten  Gang  damit
verbundenen  „Orinzessinnen-Halais“  Hrinz  Ludwig,  dessen  Dermählung
mit  der  Berzogin  Friederike  zwei  Tage  nach  der  des  Kronprinzen  stattgefunden
  hatte,  sein  Heim  gewann.  So  blieben  auch  nach  ihrer  Dermählung
  die  fürstlichen  Schwestern  ungetrennt  und  lebten  um  so  leichter
und  freudiger  in  die  größeren  Derhältnisse,  in  die  neuen  Oflichten  sich  ein,
welche  die  Dermählung  ihnen  gebracht  hatte.  Und  die  warmherzige,
aber  scharf  beobachtende  Oberhofmeisterin  schrieb  beim  Jahresschluß  befriedigt
  in  ihr  Tagebuch:  „Die  Hrinzessin  ist  wirklich  anbetungswürdig,
so  gut  und  so  reizend  zugleich;  und  der  Kronprinz  ist  ein  so  redlicher,
vortrefflicher  Mann,  daß  man  ihm  das  seltene  Glück  einer  solchen  Ehe,
den  Besitz  eines  solchen  Engels  innig  gönnt.“
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        Bweites  Kapitel.
Im  Sonnenschein  der  Kindheit.

„Herr  Obergeneral,  sind  Sie  entschieden,  den  Titel  eines  Wohl—
thäters  der  Menschheit  sich  zu  verdienen,  der  wahrhafte  Retter  Deutschlands
  zu  seind“  schrieb  am  51.  März  1797  der  General  Bonaparte  an
den  Erzherzog  Karl  von  sterreich,  den  Abschluß  des  Friedens  ihm
empfehlend.  Der  Erzherzog  war  nicht  dazu  entschlossen;  aber  „der  wahrhafte
  Retter  Deutschlands“  war  schon  da!  Der  Welt  noch  verborgen,
ein  Knäblein  von  wenig  Tagen,  lag  er  in  schlichter  Wiege,  von  leichten
grünseidenen  Gardinen  verhüllt,  im  Kleinen  Halais  in  Berlin,  des  jungen
kronprinzlichen  Daares  zweiter  Sohn:  unser  Kaiser  Wilhelm!  Am
22.  März  1707,  um  drei  Diertel  auf  2  Uhr  mittags,  hatte  die  Kronprinzessin
  Luise  mit  diesem  Knäblein  ihren  Gemahl,  nein  das  deutsche
Dolk  beschenkt.  Wer  in  die  Sukunft  zu  sehen  vermöchte!

Es  waren  nicht  immer  sonnenhelle  Tage  gewesen,  welche  die  Kronprinzessin
  in  ihrer  jungen  She  bis  dahin  zu  verleben  hatte.  Aber  der
Sonnenschein  überwog  doch  weitaus.  Dortrefflich  stimmte  ihre  anmutige
Natürlichkeit  zu  dem  schlichten  Sinne  des  Kronprinzen.  Das  fürstliche
Daar  atmete  auf,  wenn  es  den  Prunk  der  HBoffeste  hinter  sich  hatte  und
Luise  wieder  im  anspruchslosen  RKauskleide  vor  ihrem  Gemahl  erschien.

„Gott  sei  Dank“,  sagte  er,  „daß  du  wieder  meine  Frau  bist!“

„Wie?  Bin  ich  das  nicht  immer?“

„Ach  nein!  Du  mußt  nur  zu  oft  Kronprinzessin  sein!“

Bis  in  die  fernsten  Kreise  der  Bevölkerung  war  die  Kronprinzessin
binnen  kurzem  beliebt  geworden.  Man  erzählte  sich  unzählige  kleine
Süge  von  ihr,  die  ebenso  ihre  anspruchslose  Natürlichkeit  wie  ihre
Berzensgüte  beleuchteten:  wie  sie  ihre  Derspätung  bei  einer  Gesellschaft
zu  dem  Hausherrn,  einem  der  Minister,  mit  den  Worten  entschuldigt:
„Entschuldigen  Sie  freundlichst  unser  spätes  Kommen;  „mein  Mann“
hatte  noch  Geschäfte!“  —  wie  sie,  als  der  König  an  ihrem  Geburtstage
nach  ihren  Wünschen  sie  fragte,  um  eine  Hand  voll  Gold  für  die  Armen
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        14  Sweites  Kapitel.

ihn  gebeten  —  wie  ansprechend  und  gemütlich  sie  die  Abende  zu  gestalten
wußte,  wenn  sie  im  Kreise  ihrer  nächsten  Derwandten  die  Hausfrau  machte.

Allzu  bald  indes  griff  wieder  das  Staatsinteresse  in  die  Jdplle  der
jungen  She  ein.  Die  geringen  Erfolge,  welche  Rußland  gegen  Holen
hatte,  legten  Hreußen,  dem  Derbündeten  Rußlands,  die  Derpflichtung  auf,
mit  um  so  größerem  Nachdruck  gegen  die  der  Teilung  des  Rönigreichs

Königin  Cnise.

widerstrebenden  Holen  vorzugehen.  Der  König  Friedrich  Wilhelm  begab
sich  daher  selbst  auf  den  Kriegsschauplatz,  rückte  an  der  Spitze  eines
Heeres  von  50000  Mann  in  Holen  ein  und  zwang  die  Dolen  in  dem
siegreichen  Gefecht  bei  Raffka  zum  Rückzuge.  Darauf  besetzten  die
Dreußen  Krakau  und  begannen  Warschau  zu  belagern.

Der  Kronprinz  und  Hrinz  Ludwig  waren  im  Mai  ihrem  königlichen
Dater  ins  Feld  gefolgt.  Unter  dem  Gberbefehle  des  Königs  führten  sie
selbst  eine  Sturmkolonne  gegen  die  Kreuzschanze  von  Wola,  mutig  dem
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        Im  Sonnenschein  der  Kindheit.  15

Feuer  der  Feinde  sich  aussetzend.  Aber  nicht  weniger  mutig  als  sie,  sagte
die  Kronprinzessin,  als  sie  die  Meldung  von  dem  Angriffe  erhielt:  „Ich
zittere  vor  jeder  Gefahr,  der  mein  Mann  sich  preisgibt;  aber  ich  sehe
ein,  daß  der  Kronprinz,  welcher  der  erste  nach  dem  Könige  auf  dem
Thron  ist,  auch  der  erste  nach  ihm  im  Felde  sein  muß.“  Indes
bald  wurde  die  Sorge  von  ihr  genommen.  Die  Preußen  hoben  die  Be—

1

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7%
J  7.

Känig  s—s  milbeim  III.

lagerung  auf  und  bezogen  ein  verschanztes  Lager:  worauf  der  König
mit  den  Prinzen  wieder  nach  Berlin  zurückkehrte.

Das  war  der  Kronprinzessin  ein  unaussprechlicher  Trost  in  der
schweren  Prüfung,  die  wenige  Tage  nach  der  Rückkehr  des  Kronprinzen
über  sie  kam.  Die  Hintertreppe  ihres  Palais  hinabschreitend,  sah  die
Prinzessin  plötzlich  einen  ganz  fremden  Mann  vor  sich  stehen.  Es  war
ein  harmloser  Reisender,  der  sich  von  einem  Lakaien  das  Schloß  zeigen
ließ.  Gleichwohl  erschrak  die  Kronprinzessin  so  heftig,  daß  sie  die  steile
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        16  Sweites  Kapitel.

Treppe  hinabstürzte.  Die  traurige  Folge  war,  daß  sie  am  7.  Oktober
1794  von  einer  toten  Hrinzessin  entbunden  wurde.  Mit  bewunderungswürdiger
  Fassung  ertrug  sie  die  Dersagung  ihres  größten  Wunsches;  ihr
frommes  Herz  ergab  sich  ganz  in  den  Willen  Gottes.  Dabei  litt  sie  unbeschreiblich;
  aber  auch  in  den  größten  Schmerzen  bewies  sie  eine  Geduld
und  Stille  des  Gemütes,  wie  nur  eine  starke  Seele  sie  zu  zeigen  vermag.

Um  so  inniger  war  die  Freude  der  jugendlichen  2  Kutter,  als  nur
ein  Jahr  später  —  am  15.  Oktober  1705  —  ihr  ein  Sohn  geschenkt
wurde,  der  Drinz  Friedrich  Wilhelm,  seines  Mamens  später  auf  dem
Throne  der  Dierte.  Damit  erreichte  das  Glück  des  kronprinzlichen
Daares  die  schönste  Dollendung;  friedevoll  und  beiter  wurde  das  Leben
aller  um  es  her  von  seinem  Glücke  miterfüllt  und  für  jeden  wohlthuend,
der  ihm  nabe  trat.  Um  des  Kleinen  willen  verlangte  die  Kronprinzessin,
als  der  Frühling  kam,  hinaus  aufs  Land.  Wohl  hatte  der  König  ihr
vor  zwei  Jahren  zu  dem  ersten  Geburtstage,  den  sie  als  Kronprinzessin
beging,  das  Schloß  Granienburg  geschenkt;  aber  es  war  ihr  viel  zu
groß  und  prächtig,  als  daß  sie  rechtes  Gefallen  daran  gefunden  hätte.
Darum  kaufte  der  Kronprinz  aus  seinen  Ersparnissen  für  50000  Thaler
das  Gut  DHaretz,  15  Kilometer  von  Hotsdam  havelabwärts  gelegen.
Schloß  und  Hark  wurden  hergerichtet,  aber  in  der  schlichtesten  Weise.
Und  so  sehr  sagte  die  ländliche  Stille  und  Lebenseinfachheit  der  Kronprinzessin
  zu,  daß  sie  scherzend  zu  einer  fremden  Fürstin  meinte:  „Ich
gefalle  mir  ausnebmend  als  gnädige  Frau  von  Haretz."

Aber  nach  dem  heiteren  Sommer  barg  der  Winter  neue  Hrüfungen
in  seinem  Schoße.  VNach  einer  Krankheit  von  wenig  Tagen  starb  Hrinz
Ludwig  am  28.  Dezember  1706.  Das  Mitgefühl  mit  der  erst  18  jährigen
Witwe,  ihrer  Schwester,  mit  dem  verwaisten  kleinen  Hrinzen  Friedrich,
ergriff  die  Kronprinzessin  in  der  Tiefe.  Da  erkrankte  auch  der  Kronprinz
  lebensgefährlich;  er  konnte  nicht  sprechen,  kaum  atmen.  VNicht  einen
Augenblick  wich  die  Kronprinzessin  von  seinem  Bette;  und  ihrer  aufopfernden
  Oflege  zusammen  mit  der  kräftigen  Natur  des  Kronprinzen
wich  endlich  die  Krankheit;  am  6.  Januar  1707  traten  Anzeichen  der
Besserung  zu  Tage  und  drei  Tage  später  war  der  hohe  Kranke  außer
Gefahr.  Der  Tod  erwählte  sich  ein  anderes  Opfer:  wenige  Tage  später
starb  am  15.  Januar  die  Königin  Elisabeth  Christine,  die  greise  Witwe
Friedrichs  des  Großen.

Dies  alles  warf  seine  Schatten  über  den  Winter;  aber  der  Frühling
brachte  dem  kronprinzlichen  Daare  helle,  reine  Freude:  er  schenkte  in  dem
Prinzen  Wilhelm  ihm  seinen  zweiten  Sohn.
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        Im  Sonnenschein  der  Kindbeit.  17

Leicht  und  glücklich  war  die  Entbindung  von  statten  gegangen;  der
kleine  Orinz  war  sehr  munter,  und  am  30.  Mlärz  schon  durfte  die  Kronprinzessin
  wieder  aufsteben.  So  konnte  denn  schon  wenige  Tage  darauf
die  Taufe  stattfinden.  Es  war  am  5.  April.  Im  Audienzsaale  des  kronprinzlichen
  Dalais  war  unter  einem  rotsammetnen  Baldachin  ein  Altar  errichtet
  worden,  auf  dem  mehrere  Kerzen  brannten.  Im  Halbkreise  vor
dem  Altare  standen  neben  dem  Kronprinzen  die  Haten:  voran  der  König
und  die  Königin,  dann  die  verwitwete  Hrinzessin  Ludwig,  die  Schwester
der  Kronprinzessin.  Auf  diese  folgten,  vom  Alter  gebeugt,  die  greisen
Drinzen  Beinrich  und  Ferdinand  mit  ihren  Gemahlinnen,  die  jüngeren
Brüder  Friedrichs  des  Großen,  die  gleichsam  den  Lorbeer  der  Fridericianischen
  Seit  dem  erlauchten  Täufling  darzubieten  schienen.  Die  Geschwister
des  Kronprinzen  und  sonstige  Derwandte  schlossen  den  fürstlichen  Reigen.
Durch  Abgesandte  waren  andere  Haten  vertreten,  wie  der  Kaiser  Paul
von  Rußland  und  dessen  Gemahlin.  Die  Oberhofmeisterin  hielt  den
Täufling  während  der  Taufrede  des  Oberkonsistorialrates  Sack;  dann
überreichte  sie  ihn  mit  tiefer  Reverenz  dem  Könige,  und  auf  dessen
Armen  empfing  der  kleine  Orinz  die  Taufe.  Er  erhielt  die  Namen
Friedrich  Wilbelm  Ludwig:  Wilhelm  sollte  sein  Rufname  sein.

Der  „prächtige  kleine“  Drinz  —  wie  ihn  Frau  von  Doß  nennt  —
gediel  unter  den  Augen  seiner  liebreich  fürsorgenden  fürstlichen  Eltern
vortrefflich;  aber  er  war  ein  sehr  zartes  Kind,  dessen  Gesundbeit  doch
mitunter  ihnen  ernstlich  Sorge  machte.  Ja,  als  er  drei  Diertel  Jahr
alt  war,  erkrankte  er  bedenklich  an  einem  „Brustfieber“,  so  daß  aus  allen
Ständen  unaufhörlich  im  Halais  angefragt  wurde,  wie  es  ihm  ginge.
Allein  seine  gute  Tatur  überwand  glücklich  die  Gefahr.

Unterdessen  war  in  Haretz  der  Bau  des  neuen  Schlößchens,  das
eigentlich  ein  schlichtes  Wohnhaus  war,  durch  den  Oberbaurat  Gilly  und
die  Herrichtung  des  Harkes  durch  den  Bofgärtner  Garmatter  vollendet
worden.  Am  2.  September  siedelte  daher  die  kronprinzliche  Familie  dorthin
  über.  Man  fand  sich  leicht  binein  in  die  einfachen  Herhältnisse.
Daß  der  Gottesdienst  in  einer  Scheune  gebalten  wurde,  da  die  Kirche
noch  unvollendet  war,  hinderte  niemand,  ihn  zu  besuchen.  Eine  wandernde
  Menagerie  kam  durch  das  Dorf:  sie  wurde  in  Augenschein  genommen.
  Am  folgenden  Sonntage  war  Erntekranz:  als  Gutshberrschaft
nahmen  auch  Kronprinz  und  Kronprinzessin  zwanglos  an  dem  Tanze  teil.
Eine  Landpartie  wurde  unternommen,  bei  der  alles  fröhlich  auf  großen
Leiterwagen  auf  Strohsäcken  saß.  Eine  wandernde  Bergmannskapelle

meldete  sich  und  durfte  ihre  Weisen  aufspielen.  Es  waren  Cffiziere  vom
HKaiser  Wilhelm.  2
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        18  Sweites  Kapitel.

Bataillon  Garde  aus  dem  nahen  Potsdam,  die  sich  verkleidet  hatten
und,  als  man  den  Scherz  entdeckte,  bis  zum  späten  Abend  als  Gäste
dabehalten  wurden.

Aber  einen  Schatten  auf  diese  Fröhlichkeit  warfen  die  üblen  Nach—
richten,  die  über  das  Befinden  des  Königs  einliefen.  Ohne  Erfolg  hatte
er  im  Sommer  das  Bad  Pyrmont  besucht,  und  nun  im  Herbste,  wo  er
sich  in  das  Marmorpalais  bei  Potsdam  zurückgezogen,  ging  es  rasch  mit
ihm  abwärts.  Der  Kronprinz  verlegte  seinen  Hofhalt  wieder  nach  Berlin;
am  15.  Movember  sah  er  seinen  königlichen  Vater  zum  letztenmal.
Schon  am  folgenden  Tage  berief  der  Tod  des  Königs  ihn  selber  auf
den  preußischen  Königsthron.  Aus  seiner  Umgebung  begrüßte  ihn  jemand
als  König  Sriedrich  III.  „Nein“,  antwortete  der  junge  König  mit
charakteristischer  Bescheidenheit,  „Friedrich  Wilhelm  will  ich  heißen;  Friedrich
ist  mir  unerreichbar.“  So  bestieg  er  als  König  Friedrich  Wilhelm  III.
den  Thron  seiner  Väter.

Aber  auch  als  König  blieb  er,  soweit  es  die  Umstände  zuließen
Kronprinz.  Er  blieb  in  dem  Kleinen  Palais  wohnen,  in  dem  er  bisher
sich  so  glücklich  gefühlt;  er  erklärte  der  großen  Schuldenlast  gegenüber,
die  von  seinem  Vater  auf  ihn  überkommen  war,  daß  er  auch  als  König
von  den  bisherigen  Einkünften  des  Kronprinzen  leben  wollte.  Er  er—
widerte  der  Oberhofmeisterin,  die  auf  die  Motwendigkeit  strengerer  Stikette
  im  Derkehr  mit  der  Königin  bhinwies:  „LCiebe  Doß,  uns  Sceleute
lassen  Sie  nur  in  alter  guter  christlicher  Ordnung  einfach  Mann  und
Frau  sein.  Das  ist  eben  Berzenssache.  In  meinen  vier  Pfählen  will  ich
nicht  König,  sondern  glücklich  sein.“  Er  blieb  den  Kindern  derselbe  zärtliche
  Dater  wie  bisher.  Jeden  Abend  vor  dem  Schlafengeben  ging  er
mit  der  Königin  zu  den  Betten  der  schlafenden  Kinder,  betrachtete  sie
sinnend  und  küßte  leise  ein  jedes  auf  die  Stirn.  Er  ging  mit  der  Königin
Arm  in  Arm  auf  den  Weibnachtsmarkt,  um  die  Geschenke  für  seine
Kleinen  selbst  einzukaufen.  Das  war  die  Lebensluft,  in  welcher  der  kleine
Drinz  Wilhelm  heranwuchs,  aus  der  sein  frühestes  Empfinden  seine
Mahrung  zog.

Und  dieser  herzliche  und  natürliche  Ton  in  der  königlichen  Familie
übte  auch  auf  weitere  Kreise  der  Bevölkerung  seine  Wirkung.  Fürsten
sind  überhaupt  nur  allzu  sehr  geneigt,  die  Tragweite  ihres  Thuns  zu
unterschätzen.  Die  Dölker  wollen  nicht  nur  die  Regententugenden  ihres
Berrschers  verehren,  sondern  sich  auch  —  das  deutsche  voran  —  dem
Beispiele  beugen,  das  von  dem  Throne  ihnen  entgegenleuchtet;  und  diejenigen
  Berrscher  sind  immer  bei  ihrem  Dolke  die  beliebtesten  gewesen,
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        Im  Sonnenschein  der  Kindheit.  19

welche,  ohne  Sorge  ihrer  erhabenen  Stellung  dadurch  Abbruch  zu  thun,
in  wahrer  Humanität  sich  nicht  scheuten,  die  allgemein  menschlichen  Züge
ihres  Wesens  zu  zeigen.  Das  lernte  hier  in  seinem  Elternhause  der  junge
Prinz  Wilhelm.  Denn  das  Beispiel  der  königlichen  Eltern  fand  Nach—
ahmung  bis  in  die  weitesten  Kreise  der  Bevölkerung.  „Man  kann  sich
gar  nicht  vorstellen"  —  meint  der  geniale  Schadow  in  seinen  Aufzeich—
nungen  —  „wie  wohlthätig  auf  die  Uppigkeit  der  vorigen  Regierung
das  Beispiel  Friedrich  Wilhelms  III.  folgte,  die  stille  Räuslichkeit,  die

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*.  ,

König  Friedrich  Milhelm  III.  im  Kreise  seiner  Familie  (1799).
Nach  dem  Kupferstiche  von  Eberhard  Siegfried  Henne  (1759—1828).

Schönheit  und  Brapheit  der  Königin.“  Das  erstreckte  sich  auf  die  Mode
der  Kleidung  —  denn  durch  die  Königin,  die  nur  bei  Staatsaktionen  sich
prächtig  kleidete,  kamen  die  schlichten  Musseline  und  Einfachbeit  in  der
Raartracht  in  Aufnahme  —  bedeutungsvoller  noch  auf  die  Sitte,  die
nach  dem  Dorbilde  der  Königin  Einfachheit  und  Natürlichkeit  in  das
Familienleben  brachte.  Als  ein  Ausdruck  der  veränderten  Geit  erschien
damals  ein  Kupferstich,  welcher  das  preußische  Königspaar  in  stillem
Glücke  auf  einem  Sofa  sitzend  zeigte.  Die  anmutige  Königin  hält  den
Arm  leicht  um  den  lebhaften,  zarten  Drinzen  Wilhelm  geschlungen,  wäh-27
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        20  Sweites  Kapitel.

rend  zur  Linken  des  Königs  der  kleine  Kronprinz,  eine  Fahne  in  der
Rand  haltend,  mit  der  Rechten  seinen  hölzernen  Degen  zieht.  Die  weiteste
Verbreitung  fand  das  Bild;  denn  es  zeigte,  wie  das  deutsche  Familien—
leben  beschaffen  sein  sollte.

Gewiß  kostete  es  die  königlichen  Eltern  einen  schweren  Entschluß,  als
sie  am  25.  Mai  1798  die  fröhlich  heranwachsenden  kleinen  Prinzen  ver—
lassen  mußten,  um  die  Huldigungsfahrt  nach  Königsberg,  der  alten  preußischen
  Königsstadt,  und  durch  die  neu  erworbenen  polnischen  Hrovinzen
anzutreten.  Allein  der  Ruf  ihrer  Berzensgüte  und  ungeschminkten  Hu—
manität  war  ihnen  vorausgeeilt  und  gestaltete  die  Fahrt  zu  einem  wahren
Triumphzuge;  und  das  war  der  Ertrag  derselben,  daß  jetzt  mit  eigenen
Augen  aus  unzähligen  Sügen  auch  die  Hrovinzen  sahen,  wie  echt  sie
beide  es  mit  ihrem  hohen  Berufe  meinten.

Endlich  am  29.  Juni  war  die  Zuldigungsfahrt  beendigt.  Um  Berlin
herum  fuhr  das  Königspaar  gleich  nach  Charlottenburg,  wo  die  jungen
Hrinzen  weilten.  Da  war  es  denn  den  königlichen  Sltern  eine  unaussprechliche
  Freude,  wie  der  kleine  Drinz  Wilhelm,  wenn  auch  mit  unsicheren
  Schritten  ihnen  selbst  entgegenkam.  Er  hatte  inzwischen  laufen
gelernt  und  konnte  auch  schon  seine  ersten  beiden  Sähne  aufweisen.

Bald  mehrte  sich  jetzt  die  Schar  der  königlichen  Kinder.  Am
15.  Juli  1708  wurde  die  Hrinzessin  Tharlotte  geboren,  am  14.  Oktober
1799  die  Hrinzessin  Friederike,  die  indes,  ein  überaus  zartes  Kind,  am
50.  März  1800  wieder  starb.  Am  29.  Juni  1801  folgte  der  Hrinz
Karl,  am  25.  Februar  1803  die  Hrinzessin  Alexandrine  und  am  15.
Dezember  1805  der  Hrinz  Ferdinand;  allein  auch  dieser  starb  schon
am  1.  April  1806  wieder.  Den  Beschluß  machten  am  1.  Februar
1808  die  Hrinzessin  Luise  und  am  4.  Oktober  1800  der  Hrinz  Albrecht.

Den  HBöbepunkt  kindlichen  Glückes  bildet  in  der  deutschen  Familie
das  Weibnachtsfest.  Wochenlang  vorber  überlegten  und  besprachen  die
königlichken  Eltern,  womit  sie  die  kleinen  Hrinzen  erfreuen  und  überraschen
  wollten,  und  besorgten  gern  selbst  den  Einkauf  der  Geschenke.
Aber  auch  die  vertiefte  Freude  des  Gebens  waren  sie  bedacht  ihnen  zu
gewähren,  indem  sie  schon  im  zartesten  Alter  als  Mitschenkende  an  den
Weihnachtsfeiern  anderer  Kinder  sie  teilnehmen  ließen.  So  finden  wir
sie  am  Weibnachtsabend  des  Jahres  1800  im  Friedrichs-Waisenhause  in
Berlin,  fröhlich  sich  unter  die  208  Söglinge  des  Waisenhauses  mischend,
wie  sie  an  die  kleinen  Waisenknaben  Kinderspielsachen  und  Geld  austeilen.
  Und  danach  erst  fand  daheim  im  königlichen  Halais  ihre  eigene
Bescheerung  statt,  zu  der  der  König  selbst  den  Weihnachtsbaum  ansteckte.
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        Im  Sonnenschein  der  Kindheit.  21

Und  von  dem  gleichen  Grundgedanken  getragen  war  es,  daß  Prinz
Wilhelm  mit  dem  Kronprinzen  am  Geburtstage  desselben  (15.  Oktober
1801)  zur  Hrüfung  der  Erwerbsschule  in  Hotsdam  mitgenommen  wurde.
Die  besten  Schüler  erhielten  als  Hrämien  Geschenke,  welche  die  jungen
Drinzen  großenteils  selbst  mitgebracht  hatten.  Auch  an  der  festlichen
Speisung,  die  der  König  den  Söglingen  spendete,  nahmen  die  kleinen

Kronprinz  Friedrich  Milhelm  und  Prinz  Wilhelm  im  Jahre  1802.
Nach  einer  Seichnung  aus  dem  Nachlaß  des  Erziehers  der  Hrinzen  Friedr.  Delbrück.

Drinzen  teil  und  waren  die  muntersten  bei  den  gemeinschaftlichen  Spielen,
die  dem  Mahle  folgten.  Das  ist  das  Bild,  welches  uns  die  Königin
Luise  von  dem  Hrinzen  Wilhelm  zeichnet,  wenn  sie  an  ihren  Vater
schreibt:  „Wilhelm  ist  ein  sehr  kluges,  komisches  Kind,  possierlich  und
witzig,  dabei  über  alle  Maßen  lebhaft,  oft  unbändig,  aber  sehr  gescheidt
und  hat  ein  gutes  Berz.“  Und  hoffnungsvoll  setzt  sie  hinzu:  „Er  verspricht
viel  und  wird  meine  heißen  Gebete  nicht  unerhört  lassen.“  Worauf  aber
        <pb n="28" />
        22  Zweites  Kapitel.

diese  Gebete  gingen,  zeigt  sie,  wenn  sie  ein  andermal  schreibt:  „Es  ist
mein  heißester,  mein  liebster  Wunsch,  meine  Kinder  zu  wohlwollenden
Menschenfreunden  zu  bilden;  auch  nähre  ich  die  frohe  Hoffnung,  diesen
Zweck  nicht  zu  verfehlen.“

Fünfjährig  trat  der  kleine  Prinz  Wilhelm  schon  in  die  Offentlichkeit
hinaus.  Die  Königin  Sophie  Charlotte  hatte  1701  zur  Erinnerung  an
die  Königskrönung  den  Bürgern  der  Köllnischen  Dorstadt  in  Berlin  eine
Fahne  geschenkt.  Als  diese  nun  im  Laufe  des  Jahrhunderts  vor  Alter
unscheinbar  geworden,  bat  die  Köllnische  Dorstadt  die  Königin  Luise  um
eine  neue  Fabne.  Gern  wurde  die  Bitte  gewährt  und  am  5.  April  1802
im  Saale  des  Köllnischen  Rathauses  die  neue  Fahne  den  Bürgern  übergeben:
  eine  Feierlichkeit,  bei  welcher  der  Kronprinz  den  ersten  und
Prinz  Wilhelm  den  zweiten  Nagel  einschlug.  Auch  an  dem  großen  Festmahle,
  welches  der  feierlichen  Magelung  folgte,  nahmen  die  beiden  jungen
Drinzen  teil.

Bei  den  großen  Hoffesten,  welche  zumal  der  Herzog  Karl  von  Tecklenburg,
  der  Bruder  der  Königin,  seit  1700  in  preußischen  Diensten,  mit
viel  Phantasie  und  Geschmack  zu  arrangieren  wußte,  finden  wir  nicht  erwähnt,
  daß  die  jungen  Hrinzen  zugegen  gewesen  wären.  Mur  einen
Kindermaskenball,  den  der  Bofmarschall  von  Massow  gab,  machten  sie
mit,  beide  in  Matrosenkostümen.  Und  Hrinz  Wilhelm  tanzte  gar  zierlich
ein  Menuett  mit  der  kleinen  Hrinzessin  Elisa  von  Radziwill.

Die  größte  Freude  indes  für  die  königlichen  Kinder  war  es,  wenn
es  Rinausging  nach  Haretz.  Freilich  erlaubte  der  hobe  Beruf  des  Königs
es  nur  selten  und  auf  wenige  Tage.  Aber  Haretz  war  eine  Stätte  des
Frohsinns  und  der  Ungebundenheit.  Die  königliche  Kamilie,  von  allem
Swange  entfernt,  genoß  dann  mit  heiterem  Herzen  so  ganz  das  Einfache
der  Matur.  Gern  mischte  die  Königin  sich  beim  Erntefest  in  die  fröh—-lichen
  Tänze  der  Burschen  und  Mädchen  des  Dorfes;  auch  Höckeritz,
obgleich  schon  über  die  Mitte  der  fünfzig  hinaus,  tanzte  mit,  und  sogar
die  Oberhofmeisterin  der  Königin,  die  jüngst  in  den  Grafenstand  erhobene
Frau  von  Doß,  wurde  von  der  allgemeinen  Fröhlichkeit  mitzutanzen  fortgerissen.


Von  Hotsdam  aus  unternahm  die  königliche  Familie  auch  nicht
selten  Ausflüge  nach  der  mit  blumenreichen  Rasenplätzen  und  breitschattenden
  Eichen  bestandenen  Hfaueninsel.  Sobald  der  König  das  Fährboot,
das  ihn  binübertrug,  betrat,  pflegte  er  den  eng  anschließenden  Uniformrock
  aufzuknöpfen  und  die  freier  atmende  Brust  zu  lüften:  so  frei  von
allem  beengenden  Swange  fühlte  er  sich  hier.  Während  er  in  seinem
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        Im  Sonnenschein  der  Kindheit.  23

Arbeitszimmer  arbeitete,  spielten  die  königlichen  Kinder  in  fröhlicher  Cust
auf  dem  Rasen.  Eines  Abends  —  der  Bischof  Exlert  hat  uns  die
Szene  aufbewahrt  —  fuhren  die  königlichen  Eltern  leise  durch  das  Schilf
mit  dem  Boot  heran  und  standen  unerwartet  vor  den  aufjubelnden  Kin—-dern.
  Nun  blieben  sie,  wie  der  kleine  Kronprinz  bat,  alle  zusammen:
man  lagerte  sich  auf  ausgebreiteten  Teppichen.  Munter  spielten  die  Kinder
umher.  Die  Königin  lehnte  sanft  ihr  Haupt  an  die  Schulter  des  Königs,
seine  Hand  in  der  ihrigen  haltend.  Mit  einem  Ausdruck  tiefer,  heiterer

Der  König  stellt  der  Königin  am  heiligen  Abend  1803  die  „drei  nenen  Rekruten“  vor.

Ruhe  blickte  sie  nach  der  untergehenden  Sonne  hin;  wie  verklärt  von
Glück  und  Dank  erschienen  ihre  Züge.

In  jedem  Jahre  pflegte  auch  die  kleine  Reise  nach  Freienwalde
gemacht  zu  werden,  wo  die  Königin-Mutter  allsommerlich  ihr  stilles
Schlößchen  bewohnte.  Dann  ging  es  dort  auf  ein  paar  Tage  gar  fröh—
lich  zu.  Die  liebe  Großmutter  hatte  der  munteren  Enkelschar  einen  Ceierkasten,
  die  „Dogelorgel“  genannt,  geschenkt  und  damit  den  Anstoß  zu  den
Konzerten  gegeben,  die  der  kleine  Kronprinz  auf  dem  Hofe  arrangierte.
Der  spielte  auf  der  Dogelorgel  die  Hapagenoarie,  Drinz  Wilhelm  trom-
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        24  Sweites  Kapitel.

melte  dazu  und  Prinzeßchen  Charlotte  versuchte  sich  auf  der  Trompete.
Und  als  Prinz  Karl  groß  genug  war,  um  mitzuwirken,  da  schien  das
Triangel  für  ihn  ein  geeignetes  Instrument.  Ceider  starb  die  Königin-Witwe
  1805,  und  damit  hatten  dann  diese  alljährlichen  Konzerte  ein
Ende.  Aus  der  Wahl  des  Instruments,  das  er  sich  erwählte,  darf  man
aber  vielleicht  vermuten,  wie  lebhaft  die  soldatischen  Neigungen  waren,
welche  den  jungen  Hrinzen  Wilhelm  schon  damals  beseelten.

Groß  war  daher  seine  Freude,  als  er  zu  Weihnachten  1805  eine
Uniform  des  Busarenregiments  Rudorf,  der  berühmten  Sietenschen
Rusaren,  zum  Geschenk  erbielt.  Gleichzeitig  erhielt  der  Kronprinz  die
Uniform  der  Gardes  du  Corps  und  Hrinz  Friedrich,  der  Sohn  des  verstorbenen
  Hrinzen  Ludwig,  die  Uniform  des  Dragonerregiments  Kurfürst
von  Hfalz-Bavern  Mr.  1,  dessen  Chef  sein  Dater  gewesen  war.  Und  in
diesen  Uniformen  stellte  der  König  die  drei  kleinen  Hrinzen  als  „drei
neue  Rekruten  der  preußischen  Armee“  der  Königin  vor.

Im  Jahre  1803  hatten  auch  die  militärischen  Ubungen  der  drei
jungen  Hrinzen  ihren  Anfang  genommen.  Ihre  Exerziermeister  waren
der  Unteroffizier  Zennstein  vom  Bataillon  Garde  und  der  Feldwebel
Clery  vom  Regiment  Möllendorf.  Nicht  selten  sah  der  König  selbst
diesen  Ubungen  zu;  und  mit  solchem  Ernste  widmete  sich  ihnen  zumal  der
Drinz  Wilhelm,  daß  er,  obgleich  viel  weniger  kräftig  als  seine  beiden
Kameraden,  doch  mit  acht  Jahren  schon  für  völlig  ausexerziert  gelten
konnte.  Und  das  wollte  etwas  sagen  in  einer  Seit,  do  —  ganz  abgesehen
  von  den  künstlichen  Schwenkungen  und  Marschierübungen  —  das
Exerzierreglement  nicht  weniger  als  108  Gewehrgriffe  kannte.

Aber  auch  sonst  trat  die  militärische  Teigung  des  Hrinzen  Wilhelm
deutlich  hervor.  Seine  Raltung,  sein  ganzes  Wesen  hatte  etwas  Solda—
tisches.  Haraden  und  Revuen  erregten  sein  lebhaftestes  Interesse;  jeden
Sug  am  Halais  vorübermarschierender  Soldaten  verfolgte  er  mit  den
Augen,  solange  er  ihn  sehen  konnte.  So  war  im  Jahre  1805  das
Regiment  Towarczys  —  polnische  Lanzenreiter,  in  Hreußen  gewähnlich
Bosniaken  genannt  —  durch  Berlin  gekommen.  Ihre  fremdartige
Kleidung  und  Bewaffnung  reizte  die  Hhantasie  des  jungen  Hrinzen;
eine  große  Freude  war  es  daher  für  ihn,  daß  der  König,  den  die
soldatischen  Toeigungen  des  jungen  Hrinzen  erfreuten,  ihm  eine  Towarczy-Uniform
  schenkte.  In  dieser  wohnte  er  der  großen  Revue,  die  der
König  im  Mai  1806  über  seine  Armee  abhbielt,  als  Augenzeuge  bei,  als
die  Regimenter  in  fest  geschlossenen  Reihen  in  dröhnendem  Stampftritt
an  dem  Könige  vorüberzogen.  Am  Fenster  des  Halais  stehend,  sah  der
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        Im  Sonnenschein  der  Kindheit.  25

junge  Prinz  Wilhelm  auch  im  September  1806  den  Einmarsch  des
Dragonerregiments  Ansbach--Bayreuth  in  Berlin  mit  an,  dem  die  Königin
Cuise,  zum  Chef  des  Regiments  ernannt,  gekleidet  in  einen  Spenzer  in
den  Regimentsfarben,  in  einem  Wagen  voranfuhr.  Daß  zu  dem  liebsten
Spielzeug  des  Prinzen  Bleisoldaten  gehörten,  die  mit  Hilfe  eines  Cineals
ihre  Schwenkungen  ausführten,  mag  auch  noch  erwähnt  sein.
Unterdessen  hatte
auch  für  den  Prinzen
der  regelmäßige  Unterricht
  begonnen.  Auf
Empfehlung  des  Kanzlers
  Niemeyer  in  Halle
war  der  Magister  Friedrich
  Delbrück,  Lehrer
am  Kloster  Unserer  lieben
  Frauen  in  Magdeburg,
  zum  Erzieber
des  Kronprinzen  berufen
  worden.  Er
werde,  schrieb  Nie—
meper  an  die  Königin,
der  Seele  des  Orinzen
keine  anderen  Grundsätze
  einflößen,  als  die
einer  echten  Bumani-=tät,
  einer  reinen  Moral
  und  einer  praktischen
  Religiosität.  Am
24.  Juli  1800  trat
Delbrück  sein  Amt  an.  Bei  seiner  glänzenden  Begabung  machte  der  kleine
Kronprinz  die  raschesten  Fortschritte  bei  ihm.  Daber  wurde  Delbrück  einige
Jahre  später  auch  der  Unterricht  des  jungen  Drinzen  Wilhelm  anvertraut
in  der  Weise,  daß  er  die  beiden  Hrinzen  in  manchen  Gegenständen  zusammen,
in  anderen  jeden  für  sich  zu  unterrichten  hatte.  Dennoch  blieb  es  eine
nicht  leichte  Aufgabe  für  den  jungen  Hrinzen  Wilhelm,  mit  dem  um
zwei  Jahre  älteren  Kronprinzen  gleichen  Schritt  zu  halten.  Der  Dersuch
indes  gelang.  Zei  seinen  sehr  guten  Fähigkeiten  fand  sich  Prinz  Wilhelm
schnell  in  die  Aufgaben  hinein.  Mit  6  ½  Jahren  konnte  er  schon  fließend
lesen.  Mit  Rührung  betrachten  wir  im  Bohenzollern-Museum  jenes  un—

Militürischer  Anterricht  beim  Unteroffizier  Pennstein.
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        26  Zweites  Kapitel.

scheinbare  kleine  Buch  —  J.  A.  C.  Löhrs  Kleine  Plaudereien  für  Kinder,
welche  sich  im  Lesen  üben  wollen  —  aus  dem  der  glorreiche  iederhersteller
  des  Deutschen  Reiches  einst  lesen  lernte.  Es  ist  die  Geschichte
„Frau  Mildheim“  in  diesem  Büchlein,  die  Drinz  Wilhelm  am  10.  Oktober
1805  ohne  vorhergebende  Einübung  fließend  seinem  Lehrer  vorlas.

Delbrück  hatte  eine  Empfindung  dafür,  daß  schwieriger  als  das
Unterrichten  das  Erzieben  ist,  aber  auch  dankbarer.  Sein  ganzes  Streben
ging  darauf,  bei  seinen  erlauchten  Söglingen  die  Bildung  von  Geist  und
Tharakter  harmonisch  zu  gestalten  und  über  alles  wahre  Frömmigkeit  in
die  jungen  Berzen  zu  pflanzen.  Aber  die  wirksamsten  Erzieher  der  jungen
Orinzen  waren  und  blieben  die  königlichen  Eltern.  Sie  blieben  nach  wie
vor  im  herzlichsten  Derkehr  mit  den  Hrinzen  und  nahmen  an  allem  Thun
derselben  den  regsten  Anteil.  Der  König  fragte  sehr  häufig  nach  den
Fortschritten  der  Studien.  Dann  zog  er  wohl,  wenn  er  besonders  Gutes
Börte,  kleine  Geschenke  aus  der  Tasche,  den  Fleiß  zu  belohnen.  Oflichttreue
  in  den  Hrinzen  zu  erwecken  und  Bescheidenbeit  in  ihnen  zu  pflegen,
war  hauptsächlich  sein  Absehen.  „Ihr  wollt  immer  hoch  hinaus“,  sagte
er  einmal,  „bedenkt  aber  nicht,  wie  es  mir  in  eurem  Alter  erging.  Da
erhielt  ich  zu  meinem  Geburtstage  ein  Resedatöpfchen,  sechs  Dreier
(15  Pf.)  an  Wert;  und  wollte  mein  Hofmeister  mir  mal  was  zu  gute  thun,
dann  führte  er  mich  nach  einem  öffentlichen  Garten  und  ließ  mir  da  für
einen  und  wenn's  hoch  kam,  für  zwei  Groschen  Kirschen  geben.“

Und  die  Königin!  Noch  als  Kronprinzessin,  ja  selbst  auf  dem  Throne
war  sie  bestrebt  gewesen,  die  Mängel  ihrer  französischen  Erziehung  durch
ernste  Studien,  namentlich  der  Geschichte,  auszugleichen.  Raschen  Geistes,
reger  Einbildungskraft,  urteilte  sie  stets  nach  hohen  Gesichtspunkten.  Doll
starken  Mutes,  frohen  Sinnes  erhob  sie  sich  durch  ihre  idealistische
Lebensauffassung  über  die  Tiedrigkeit  der  Alltäglichkeiten.

So  senkten  durch  Dorbild  und  Lehre  sich  zarte  Keime  in  die  Seele
des  jungen  Hrinzen  Wilbelm,  die  allmählich  sich  —  wer  möchte  es  verkennend
  —  zu  den  Grundfäden  seines  Tharakters  verdichtet  haben.
Aber  freilich  den  Einschlag  dazu  liefern  erst  die  persönlichen  Erlebnisse.

Uoch  über  den  Knaben  kam  die  Hrüfung.  Mit  düsterem  Schatten
löscht  jäh  ein  unheildrohendes  Gewölk  den  goldenen  Sonnenschein  der
Kindheit  aus.
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        Drittes  Kapitel.
prüfungsjahre.

Durch  den  Fürstenbund  hatte  Hreußen  den  ersten  Versuch  zu  einer
Lösung  der  deutschen  Frage  auf  natürlich  gegebener  Grundlage  gemacht;
wie  ein  friedlicher  Hrotektor  über  die  von  Ssterreichs  Begehrlichkeit  bedrohten
  deutschen  Reichsstände  stand  Friedrich  der  Große  da.  Und  daß  es
Dreußen  nicht  an  der  Kraft  fehle,  wenn  es  not  thäte,  auch  vollen  Ernst
zu  zeigen,  bewies  der  kurze  holländische  Feldzug  1787,  nach  dessen  raschem
Ausgange  niemand  zweifelte,  daß  die  preußische  Armee  die  erste  in
Europa  sei.

Indes  auf  dieser  Höhe  behauptete  sich  Hreußen  nicht.  Durch  die
Reichenbacher  Konvention  gab  es  1700  seine  Holitik  der  Unabhängigkeit
auf  und  trat  in  die  Gefolgschaft  Gsterreichs,  um  im  Bunde  mit  diesem
der  revolutionären  Bewegung  in  Frankreich  entgegenzutreten.  Dieser
Krieg  war  an  sich  sehr  unpopulär  in  Deutschland.  Als  sich  aber
Hreußen,  durch  die  Settelungen  Esterreichs  in  Holen  dazu  veranlaßt,
mehr  und  mehr  aus  dem  Kampfe  zurückzog  und  ihn  schließlich  durch
den  Baseler  Separatfrieden  ganz  aufgab,  da  wurde  gerade  dies  wieder
Dreußen  als  ein  Derrat  an  der  deutschen  Sache  ausgelegt  und  die  heftigsten
  Beschuldigungen  wurden  gegen  Staat  und  König  geschleudert.
Einen  Gewinn  hat  das  Ansehen  Hreußens  aus  der  Rbein-Campagne
auch  sicher  nicht  gezogen.

Indes  die  Gelegenheit,  das  erschütterte  Ansehen  Dreußens  wieder-Berzustellen,
  bot  sich  bald.  Als  Bonaparte  mit  den  besten  Truppen,  von
Frankreich  abgeschnitten,  1799  in  Agppten  weilte,  bildete  sich  die  zweite
Koalition  gegen  Frankreich.  Rußland  zog  das  vorsichtig  abwägende
Osterreich  wie  die  ängstlich  zögernde  Türkei  auf  seine  Seite,  und  rasch
vertrieb  Sieg  auf  Sieg  die  Franzosen  aus  Italien.  Wie,  wenn  jetzt  auch
Dreußen  der  Koalition  beitratd  Dann  war  sicher  dem  Horrücken
Frankreichs  endgültig  Halt  geboten.  Dringend  luden  daher  die  ver-
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        28  Drittes  Kapitel.

bündeten  Mächte  Preußen  zum  Beitritt  ein.  Welche  Bedingungen  ver—
stattete  die  Gunst  der  Lage  Frankreich  aufzulegen!  Und  wirklich  waren
gewichtige  Stimmen  in  Preußen  dafür,  mit  dem  Beitritt  nicht  zu  zögern.
Der  bedächtige  Herzog  Karl  von  Braunschweig  meinte,  daß  man  dann
bis  zur  Maas  die  Franzosen  zurückdrängen  könnte.  Und  noch  dringender
als  er  riet  der  Minister  Graf  Haugwitz,  der  von  jeher  Frankreich  abge—
neigt  war,  zum  Anschluß  an  die  Verbündeten.

Freilich  faßten  andere  Stimmen  die  Situation  wieder  im  entgegen—
gesetzten  Sinne  auf:  jetzt  gerade  werde  Frankreich  das  Bündnis  mit
Preußen  besonders  wertvoll  sein;  es  sei  sicher,  daß  es  gern  den  Besitz  von
Morddeutschland  als  Preis  desselben  Preußen  gewähren  würde.  Orinz
Keinrich,  Friedrichs  des  Großen  überlebender  Bruder,  konnte  als  das
RBaupt  der  Dertreter  dieser  Ansicht  gelten.

Die  Frage  war,  für  welche  Meinung  der  König  sich  entscheiden
würde.  Der  Moment  war  kritisch;  vielleicht  stand  Dreußen  an  einem
Wendepunkte  seiner  Geschichte.  Wirklich  schwankte  König  Friedrich
Wilhelm;  endlich  entschied  er  sich  dafür,  der  Koalition  nicht  beizutreten.
Er  scheute  durchgreifende  Beschlüsse  und  wollte  unter  allen  Umständen
die  Neutralität  festhalten.  Aber  was  bedeutete  diese  Meutralität  anderes
als  ein  Rinausschieben  der  Entscheidung,  die,  wenn  sie  nicht  herbeigeführt
wurde,  Dreußen  wider  seinen  Willen  doch  einmal  aufgedrängt  werden
mußte.  Freilich  glaubte  der  König,  durch  seine  Entscheidung  mit  beiden
kriegführenden  Harteien  in  gutem  Einvernebmen  zu  bleiben;  er  sah  nicht,
daß  eine  solche  Holitik  des  Abwartens  Hreußen  gerade  nach  beiden
Seiten  hin  verdächtig  machen  mußte.  Denn  jede  Hartei  glaubte,  daß
Hreußen  es  im  geheimen  mit  der  andern  halte.  Und  das  mußte  natürlich,
wenn  irgend  etwas,  bei  den  fremden  Mächten  das  Dertrauen  zu  Hreußen
und  seine  Geltung  bedenklich  untergraben.  Die  Folge  war,  daß,  als
Bonaparte  nach  Europa  zurückkehrte  und  die  Koalition  sich  zerschlug,
Hreußen  isoliert  und  argwöhnisch  beobachtet  dastand.

Dadurch  wurde  es  dem  Rönige  klar,  daß  die  Entscheidung  des
Jahres  1700  nicht  die  richtige  gewesen  wäre.  Um  also  Hreußen  aus
seiner  unbehaglichen  und  bedenklichen  Dereinsamung  herauszubringen,  gab
er  dem  Drängen  Rußlands  nach  und  trat  dem  Neutralitätsbunde  der
nordischen  Mächte  bei,  der  freilich  dadurch,  daß  er  die  Stellung  Englands
schwächte,  diejenige  Frankreichs  indirekt  unterstützte.  Zesonders  aber  befestigte
  der  Zesuch  des  jungen  Kaisers  Alexander  von  Rußland  in  Memel
im  Juni  1802  die  Beziehungen  Hreußens  zu  Rußland.  Indes  fehlte
viel,  daß  damit  die  Holitik  der  beiden  Mächte  eine  gemeinsame  geworden
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        Drüfungsjahre.  29

wäre.  Denn  als  die  Koalition  der  Gegner  Frankreichs  sich  erneuerte,
lehnte  Dreußen  die  Aufforderung  zum  Beitritte,  die  im  Februar  1805
in  Berlin  eintraf,  kurzweg  ab.  Aber  auch  die  Einladung  Mapoleons  zu
einem  Bündnisse  mit  Frankreich,  dessen  Belohnung  das  Kurfürstentum
BHannover  sein  sollte,  wies  es  mit  Entschiedenheit  zurück.  Denn  die
Meinung  des  Königs  war,  wenn  auch  nicht  überhaupt,  so  doch  so  lange
wenigstens  neutral  zu  bleiben,  bis  er  hoffen  durfte,  durch  sein  Eingreifen
die  Entscheidung  zu  geben.  Aber  würde  die  preußische  Diplomatie  einer
solchen  Aufgabe  gewachsen  seind  Und  würden  die  kämpfenden  Mächte
sich  eine  solche  Stellung  Hreußens  gefallen  lassen?

Rußland  wenigstens  war  nicht  der  Meinung.  In  drohendem  Tone
verlangte  es,  daß  Hreußen  in  einem  Schutz=  und  Trutzbündnis  auf  Leben
aund  Tod  der  Koalition  sich  anschlssse  und  den  russischen  Regimentern,
die  gegen  die  preußische  Grenze  im  Marsche  waren,  freien  Durchzug  nach
Meähren  gestattete.

Allein  König  Friedrich  Wilbelm  III.  machte  einige  Armeecorps  mobil
und  sammelte  sie  an  der  Warthe,  um  jeden  Übergriff  Rußlands  mit
Entschiedenheit  zurückzuweisen.  Das  hatte  Rußland  nicht  erwartet;  sofort
verzichtete  es  jetzt  auf  den  Durchzug  seiner  Truppen  durch  Schlesien.
Aber  mit  der  freundlichen  Annäherung  der  beiden  Nachbarreiche,  welche
die  festlichen  Tage  in  Memel  angebahnt  hatten,  war  es  vorbei.  Dereinsamt
  wieder  stand  Dreußen  zwischen  den  Gegnern.

Oder  sollte  es  etwa  jetzt  selbst  Frankreich  einen  Schritt  entgegenthund
  Fast  schien  es,  als  wenn  dies  geschehen  würde,  denn  Graf
Raugwitz,  der  Freund  Rußlands,  hatte  die  Leitung  der  auswärtigen
Angelegenheiten  Dreußens  an  den  Grafen  von  Hardenberg  abgegeben,
der  einem  Ausgleich  mit  Mapoleon  zustrebte.  Indessen  auch  so  pflegte
der  König  in  wichtigen  Kragen  bei  Haugwitz  sich  Rates  zu  erbolen.
Allein  die  dreiste  Zücksichtslosigkeit  Rapoleons  verdarb,  was  Rardenberg
sann.

In  aller  Stille  hatten  die  französischen  Corps  am  Rhein  sich  gesammelt,
  während  das  zur  Derteidigung  Deutschlands  bestimmte  österreichische
  Heer  unter  dem  Erzherzog  Ferdinand  um  Ulm  Ausstellung
genommen  hatte.  Es  einzuschließen  und  zur  Ergebung  zu  zwingen,  war
der  Dlan  Napoleons.  In  konvergenten  Linien  rücken  daher  die  franzö—
sischen  Corps  vor;  auch  Bernadotte,  der  in  RKannover  stand,  erhielt  den
Befehl,  auf  dem  kürzesten  Wege  an  die  ihm  bestimmte  Stelle  in  dem
eisernen  Ringe  einzurücken.  Freilich  führte  dieser  kürzeste  Weg  durch
das  preußische  Ansbach,  und  Dreußen  war  neutral!  Aber  Bernadotte
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        30  Drittes  Kapitel.

kennt  keine  Bedenken:  quer  durch  Ansbach  marschierend,  führt  er  den
Befehl  seines  Herrn  aus.

Unterdessen  hat  sich  der  Erzherzog  fast  mit  der  Hälfte  der  Armee
nach  Böhmen  gewendet,  sodaß  die  unter  dem  Generalquartiermeister
Mack  bei  Ulm  zurückbleibende  Hälfte  zu  schwach  ist,  um  in  eine  Feld—
schlacht  mit  den  Franzosen  sich  einlassen  zu  können.  Alsbald  ereilt  sie
denn  auch  ihr  Schicksal:  am  20.  Oktober  muß  sie  sich  den  Franzosen
kriegsgefangen  ergeben.  Unverzüglich  macht  sich  jetzt  Murat  auf,  den
Erzherzog  einzuholen.  Die  Verfolgung  geht  durch  das  ansbachische
Städtchen  Gunzenhausen.  Den  Osterreichern  wird  hier  unbehinderter
Durchzug  gewährt,  von  den  Franzosen  aber  verlangt,  daß  sie  die  Teutralität
  Dreußens  achten.  Indes  Murat  kehrt  sich  nicht  an  den  Orotest
der  preußischen  Behörden  und  erzwingt  den  Durchmarsch,  frech  Hreußens
Meutralität  mißachtend.

Das  war  zu  stark!  König  Friedrich  Wilhelm  fühlte  sich  auf  das
tiefste  schon  durch  die  erste  Mißachtung  der  preußischen  Neutralität
verletzt.  Durch  einen  scharfen  Hrotest  verwahrte  er  sich  gegen  die  Beschimpfung
  der  Shre  des  preußischen  Staates  und  sagte  sich  von  allen
Derbindungen  mit  Napoleon  los.  Sugleich  wurde  jetzt  den  Russen  der
freie  Durchzug  durch  Schlesien  gewährt  und  die  ganze  preußische  Armee
mobil  gemacht.  Und  am  14.  Oktober  1805  wurde  die  Ordre  des
Königs  veräöffentlicht,  durch  welche  er  seinen  Entschluß  aussprach,  der
Koalition  der  großen  Alächte  gegen  Frankreich  beizutreten:  ein  Entschluß,
in  dem  ihn  die  zweite  Keutralitätsverletzung  nur  bestärken  konnte.

Indessen  auf  Rardenberg  machte  die  Kapitulation  Macks  bei  Ulm
einen  sehr  tiefen  Eindruck:  im  Gegensatz  zu  der  Aleinung  des  Königs
hielt  er  es  doch  für  ratsam,  den  Dersuch  eines  gütlichen  Ausgleichs  mit
Rapoleon  zu  machen.  Als  dieser  daher  die  Sahlung  von  66000  Gulden
als  Entschädigung  für  die  Perletzung  der  Neutralität  Dreußens  in  Aunsbach
  anbot,  wurde  auf  das  Betreiben  Rardenbergs  das  Geld  angenommen!
  Dadurch  sollte  Hreußen,  meinte  er,  einen  Beweis  seiner  versöhnlichen
  Gesinnung  geben.  Das  war  Hreußens  in  keiner  Weise  würdig.
Und  in  dieser  SEmpfindung  beauftragt  König  Friedrich  Wilhelm  den
Grafen  Zaugwitz,  eine  Vorstellung,  alle  Beschwerden  zusammenfassend,  in
der  scharfen  Form  eines  Ultimatums  an  Napoleon  zu  entwerfen,  dessen  Ablehnung
  er  mit  der  Kriegserklärung  an  Frankreich  beantworten  würde.  Die
oberste  Forderung  sollte  darin  die  Wahrung  der  Unabhängigkeit  des  Deutschen
  Reiches  sein.  Ze  mehr  eben  der  König  sich  von  Frankreich  abwendet,
umsomehr  gewinnt  wieder  Haugwitz  vor  Hardenberg  an  Geltung  bei  ihm.
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        Prüfungsjahre.  31

Daß  auf  diese  Wendung  des  Königs  die  Siegesnachricht  von  Tra—
falgar,  wo  Relson  am  21.  Oktober  die  französische  und  spanische  Flotte
vernichtet  hatte,  von  Einfluß  gewesen,  ist  unverkennbar.  Und  nun  erschien
im  rechten  Aloment  Kaiser  Alexander  von  Rußland,  begleitet  von  dem
Erzbherzoge  Anton,  des  österreichischen  Kaisers  Bruder,  in  Hotsdam,  um
durch  persönliche  Einwirkung  den  König  noch  einen  Schritt  weiter  zu
bringen,  daß  Hreußen  nicht  bloß  von  Frankreich  sich  abwenden,  sondern,
seine  neutrale  Stellung  aufgebend,  sich  wirklich  der  Koalition  der  großen
Mlächte  anschlösse.  Daher  versprach  Kaiser  Alexander,  auf  seine  polnischen
Dläne  völlig  Herzicht  leisten  zu  wollen;  denn  durch  diese  wurde  der  Besitzstand
  Dreußens  bedroht.  Damit  erst  war  den  Verhandlungen  freie  Bahn
gewährt.  Ihr  Ergebnis  war  denn  auch,  daß  König  Friedrich  Wilhelm
sich  zu  der  Erklärung  verstand:  Hreußen  werde,  wenn  Napoleon  die
Forderungen  des  preußischen  Ultimatums  nicht  innerhalb  vier  Wochen,
nachdem  sie  ihm  vorgelegt  wären,  annähme,  der  Koalition  beitreten  und
dann  sofort  mit  einer  Armee  von  180  0O00  Mann  gegen  Frankreich  ins
Feld  treten.  Damit  war,  wenn  auch  zunächst  nur  bedingt,  die  Teutralität
  aufgegeben.

Sum  Oberanführer  dieser  Armee  wurde  schon  in  Hotsdam  der
BHerzog  Karl  von  Braunschweig  bestimmt.  Sein  Gutachten  ging  dahin,
daß  bei  aller  Beschleunigung  der  Mobilmachung  doch  vor  dem  15.  Dezember
  die  Armee  nicht  im  stande  sein  würde,  ins  Feld  zu  rücken.  Demnach
  verständigten  sich  die  Fürsten  dahin,  daß  nicht  vor  dem  15.  ovember
das  preußische  Ultimatum  Napoleon  übergeben  werden  solle.  Als  Hreis
für  seinen  Anschluß  an  die  Koalition  wurde  Dreußen  in  den  Hotsdamer
Verhandlungen  Rannover  oder  Holland  zugesichert.

In  wenig  Tagen  war  die  Derständigung  geschehen:  am  5.  No—
vember  wurde  der  Hotsdamer  Dertrag  unterzeichnet.  Die  alte  Freundschaft
  zwischen  König  Friedrich  Wilhelm  und  Kaiser  Alexander  war
wiederhergestellt;  und  zum  Seichen,  daß  sie  nie  wieder  ins  Wanken  gebracht
  werden  solle,  stiegen  gegen  Mitternacht  die  beiden  Fürsten,  von
der  Königin  TLuise  begleitet,  in  die  Königsgruft  der  Garnisonkirche  hinab
und  reichten  sich  voller  Rührung  über  dem  Sarge  Friedrichs  des  Großen
die  Hand  und  gelobten  sich  unwandelbare  Treue.

Aus  dem  Hotsdamer  Dertrage  ergab  sich  für  die  verbündeten  Mächte
die  Derpflichtung,  so  lange  jede  Entscheidung  zu  vermeiden,  bis  auch
Dreußen  auf  dem  plane  stände.  Denn  dadurch  gewannen  sie  ohne
weiteres  Napoleon  gegenüber  das  erdrückende  Übergewicht.  Napoleon
umgekehrt  war  darauf  hingewiesen,  jedenfalls  vor  der  Dezembermitte  die
        <pb n="38" />
        32  Drittes  Kapitel.

Kriegsentscheidung  herbeizuführen,  wenigstens  Hreußen  hinzuhalten,  solange
  es  sich  nur  halten  ließe.  Gelang  ihm  weder  das  eine  noch  das
andere,  so  war  er  mit  dem  Anschlusse  der  preußischen  Armee  an  die
Beere  der  verbündeten  Mächte,  700  KNilometer  von  Frankreich  entfernt,
verloren;  denn  diese  180  0O00  Mann  bedeuteten  die  Entscheidung  des
Feldzuges.

Mit  kleinen  Winkelzügen,  wie  er  pflegte,  begann  er.  Er  ließ  sich
von  dem  Grafen  Raugwitz,  der  ausersehen  war,  das  preußische  Ultimatum,
  weil  zumeist  daran  beteiligt,  ihm  zu  überbringen,  nicht  finden.
Raugwitz  suchte  den  Kaiser  in  Linz,  fand  ihn  aber  erst  nach  einem  Derlust
  von  mehreren  Tagen  in  Brünn.  Mit  ausgesuchter  Räöflichkeit  empfing
Mapoleon  den  Grafen;  mehrere  Stunden  dauerte  die  Unterredung.  Geflissentlich
  wich  der  Kaiser  jeder  Entscheidung  aus;  und  Raugwitz  besaß
nicht  die  Snergie,  mit  vollem  Ernste  darauf  zu  dringen.  Ja,  als  am
Abend  spät  Rapoleon  Caulaincourt  zu  ihm  schickt  mit  der  Aufforderung,
er  möchte  zunächst  in  Wien  mit  Talleprand  die  Einzelbeiten  verhandeln,
da  reist  Haugwitz  wirklich  nach  Wien  ab.  Ticht  einmal  die  Ahnung
kommt  ihm,  daß  Aapoleon  weiter  nichts  will,  als  Seit  gewinnen.  So
bleibt  der  Hotsdamer  ertrag  völlig  in  der  Luft  schweben.  Freilich  klang
dem  Grafen  die  Mahnung  im  Ohre,  die  sein  König  bei  seiner  Abreise
ihm  mitgegeben:  sein  Bestreben  müsse  dahin  geben,  den  Frieden  mit
Frankreich  zu  erhalten.

Wie  aber  wußte  Napoleon  die  Seit,  die  er  gewonnen,  zu  benutzen!
Die  feindlichen  Generale,  zumal  die  russischen,  von  der  dünkelhaften  Einbildung
  durchdrungen,  daß  die  Mitwirkung  Hreußens  ihnen  nur  den
Ruhm  der  Besiegung  Napoleons  verkürzen  würde,  griffen  „zur  unsäglichen
  Freude“  Napoleons,  bevor  noch  Hreußen  im  Felde  stand,  das
französische  Heer  an.  Das  war  nicht  nur  frevle  UÜberhebung,  sondern
auch  eine  dreiste  Rücksichtslosigkeit  gegen  Dreußen,  wie  nur  allzu  bald
sich  zeigte.  Denn  Napoleon  besiegte  sie  nicht  nur  entscheidend  bei  Austerlitz
  —  das  wäre  zu  ertragen  gewesen  —  sondern  zersprengte  auch  mit
einem  Schlage  die  ganze  Koalition.  Kaiser  Franz  von  Esterreich  begab
sich  in  eigner  Person  zu  Mapoleon,  bat  um  Waffenstillstand  und  begann
Derhandlungen  über  einen  Separatfrieden  mit  ihm;  und  Kaiser  Alexander
zog  sich  auf  die  Kunde  hiervon  mit  seinem  besiegten  Reere  nach  Rußland
  zurück.

So  stand  Hreußen  jetzt  allein,  von  seinen  Derbündeten  verlassen,  dem
Sieger  von  Austerlitz  gegenüber!  Gleichwohl  gab  König  Friedrich  Wilhelm,
um  diesen  im  Schach  zu  halten,  unverzüglich  —  schon  am  11.  Dezember  —
        <pb n="39" />
        Prüfungsjahre.  33

den  Befehl  zum  Einrücken  des  preußischen  Heeres  in  Böhmen.  Alllein
die  beiden  verbündeten  Kaiser  wollten  von  einer  Fortführung  des  Krieges
nichts  wissen,  und  Napoleon  mußte  in  dem  Schritt  des  Königs  nur  die
Ankündigung  offener  Feindseligkeit  sehen.  Die  Frage  also  war,  ob
Dreußen  jetzt  den  Krieg  für  die  Koalition  allein  auf  sich  nehmen,  oder
ob  es  eine  Derständigung  mit  Frankreich  suchen  sollte,  wie  seine  Hotsdamer
  Derbündeten  es  thaten.

Napoleon  war  unbedingt  Meister  der  Situation.  Jetzt  konnte  er
Raugwitz  seine  Bedingungen  vorschreiben,  wenn  Hreußen  den  Krieg  nicht
wollte.  Das  Ultimatum  war  durchaus  hinfällig  geworden;  denn  jetzt
wäre  es  frevelhafter  Leichtsinn  gewesen,  mit  dem  Kriege,  mit  einem
Kriege  für  treulose  Zundesgenossen  zu  drohen.  Darum  konnte  es  jetzt
Mapoleon  wagen,  die  beiden  deutschen  Großmächte  gegeneinander  auszuspielen:
  gelangte  er  zu  einem  Abkommen  mit  Ssterreich,  das  ja  um
einen  Separatfrieden  sich  bewarb,  so  mußte  Hreußen  in  seinen  Willen
sich  fügen,  gelangte  er  zu  einem  Abkommen  mit  Hreußen,  so  mußte
Osterreich  sich  beugen.  Nun  mochte  Zaugwitz  kommen;z  er  beschied  ihn
auf  den  15.  Dezember  zu  sich  nach  Schönbrunn,  wo  das  keiserliche
Rauptquartier  war.  Nun  beschwerte  er  sich  dem  preußischen  Abgesandten
gegenüber  über  den  DHotsdamer  Dertrag;  denn  Hreußen  und  Frankreich
seien  zu  gegenseitiger  Freundsch  aft  gemacht.  Und  er  schloß  die  Derhandlungen
  mit  der  Erklärung,  er  wolle  sich  mit  Oreußen  in  ein  Derhältnis
  setzen,  das  ihm  auf  lange  Seit  den  Frieden  des  Kontinents  gewährleiste.


Ticht  ein  Abkommen  war  es,  das  er  für  den  Augenblick  mit  Dreußen
traf,  sondern  ein  Bündnis  hatte  er  im  Auge,  durch  das  er  Oreußen  für
die  Sukunft  an  Frankreich  zu  binden  gedachte.  Don  der  Art  war  der
Dertrag,  den  Haugwitz  am  15.  Dezember  in  Schönbrunn  unterzeichnete.
Durch  denselben  verbündeten  sich  Dreußen  und  Frankreich  auch  für  den
Kriegsfall,  vorausgesetzt,  daß  es  sich  um  die  Erhaltung  der  Unverletztheit
und  Unabhängigkeit  der  preußischen  oder  französischen  Staaten  handele.
Außerdem  aber  mußte  Hreußen  die  Garantie  für  die  Türkei,  wodurch  es
sich  mit  Rußland,  sowie  die  Garantie  für  das  Königreich  Jtalien  übernehmen,
  wodurch  es  sich  mit  Esterreich  entzweien  mußte.  Es  trat  ferner
Ansbach,  Kleve  und  NWeufchatel  ab  und  empfing  als  eine  überreiche  Entschädigung
  dafür  das  Kurfürstentum  Zannover,  wodurch  es  notwendig
mit  England  verfeindet  werden  mußte.  Das  also  war  der  Sedanke
Mapoleons:  durch  die  Entzweiung  mit  allen  Großmächten  der  Koalition

sollte  Preußen  unbedingt  an  den  Willen  Frankreichs  gekettet  werden!
Kaiser  Wilhelm.  3
        <pb n="40" />
        Nach  der  Tuschzeichnung  seines  Lehrers  J.  Heusinger  im  Schlosse  Paretz.

Die  Unterschrift  zu  diesem  Bild  sowie  auch  zu  dem  des  Uronprinzen  sind  von  Friedrich  Wilhelm  III.
eigenhändig  auf  die  BRückseite  der  Seichnungen  gesegzt.

Hersönlich  überbrachte  Zaugwitz  diesen  Dertrag  seinem  Könige.  Die
meisten  Stimmen  im  Kronrat,  vor  allem  auch  Hardenberg  und  der  Herzog
  von  Braunschweig,  sprachen  sich  dafür  aus,  ihn  anzunehmen;  nur
wurde  zur  Bedingung  gemacht,  daß  England  die  Abtretung  von  Hannover
gutbieße.  Der  König  war  von  dem  hohen  Werte,  den  Hreußens  Freundschaft
  für  Napoleon  haben  müßte,  so  sehr  durchdrungen,  daß  er  nicht
zweifelte,  Mapoleon  würde  ohne  weiteres  der  gewünschten  Anderung  zu-
        <pb n="41" />
        %  %
"–...  —
.

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——5
–—  —
4

Nach  einer  Tuschzeichnung  seines  Kehrers  J.  Heusinger  im  Schlosse  Paretz.

stimmen.  Dem  entsprechend  wurde  die  preußische  Armee  am  24.  Januar
1806  wieder  auf  den  Friedensfuß  gesetzt,  und  Baugwitz  wiederum  begab
sich  nach  Haris,  um  jene  Anderung  bei  NMapoleon  auszuwirken.

Im  Hreßburger  Frieden  hatte  EGsterreich  sich  gebeugt.  Rußland  war
durch  die  türkischen  Kändel  in  Anspruch  genommen.  William  Hitt,  der
unbeugsame  Gegner  des  napoleonischen  Soldatenkaisertums,  war  am  25.  Januar
  1806  gestorben.  Das  waren  alles  Momente,  welche  die  französische
Machtstellung  stärkten.  Und  Napoleon  hatte  daher  die  Empfindung,  daß

3-
        <pb n="42" />
        36  Drittes  Kapitel.

er  zu  Schönbrunn  Preußen  zu  viel  bewilligt  hätte.  Es  kam  ihm  daher
sehr  gelegen,  daß  Hreußen  eine  Änderung  des  Vertrages  beantragte;
denn  damit  legte  es  die  Entscheidung  über  denselben  wieder  in  Frankreichs
  Hand.  Hreußen  wollte  durch  die  Anderung  den  Bruch  mit  England
  vermeiden;  Napoleon  aber  strebte,  ihn  zu  einem  unbeilbaren  zu
machen.  Er  erklärte  also  Raugwitz,  als  er  ihn  am  6.  Februar  wieder
empfing,  daß  er  den  Schönbrunner  Dertrag  durch  einen  andern  ersetzen
wolle,  der  HBannover  als  eine  unmittelbare  Erwerbung  mit  dem  Titel
der  Souveränetät  an  Hreußen  überweise  und  Hreußen  verpflichte,  die
Mündungen  der  Elbe  und  Weser  den  Engländern  zu  verschließen.  GSugleich
  erhielten  die  noch  in  Deutschland  stehenden  Corps  von  Bernadotte
und  Augereau  den  Befehl,  sich  nordwärts  gegen  die  preußische  Grenze
in  Marsch  zu  setzen.

Sehr  zur  Unzeit  hatte  Hreußen  abgerüstet.  Jetzt  sollte  es  sich  binnen
drei  Wochen  für  Annahme  dieses  neuen  Dertrages  oder  für  den  Krieg
mit  Frankreich  entscheiden.  In  der  Wohnung  Hardenbergs  in  Berlin
fand  die  Beratung  darüber  statt.  Alle  Ratgeber  des  Königs  sprachen
sich  für  die  Ratifikation  des  Dertrages  aus.  So  unterzeichnete  König
Friedrich  Wilhelm  denn  am  5.  März  diesen  neuen  Hariser  Dertrag,  der
bestimmt  war,  ihn  zu  einem  Hasallen  Mapoleons  Bherabzuwürdigen.  Mit
tiefer  Zewegung  nahm  Kaiser  Alexander  die  Nachricht  davon  auf.  Er
war  entschlossen,  Dreußen  auf  der  Seite  Rußlands  festzuhalten.  Er  forderte
  daher  durch  den  Herzog  von  Braunschweig  den  König  auf,  so  viel
Truppen  wie  möglich  auf  den  Kriegsfuß  zu  setzen,  und  versprach,  wenn
es  darüber  zum  Kriege  mit  Frankreich  kommen  sollte,  mit  allen  Streitkräften
  Rußlands  seinem  königlichen  Freunde  Hilfe  zu  leisten.  Sah  er  die
Sturmvögel  schon  durch  die  Tüfte  segeln,  die  den  nahenden  Sturm  ankündigen?


König  Friedrich  Wilhelm  empfand  die  Abhängigkeit  von  Frankreich
als  etwas  Unerträgliches.  Zaugwitz  riet  daher  unablässig  zum  Kriege
gegen  Frankreich;  allein  der  König  hoffte,  durch  diplomatische  Derhandlungen,
  allenfalls  durch  militärische  Demonstrationen  die  Stellung  eines
freien  Dermittlers  zwischen  den  streitenden  Harteien  zurückgewinnen  zu
können.  Darum  drang  Haugwitz  mit  seinem  KRate  nicht  durch.

Den  Winter  bindurch  hatten  Zaugwitz  und  Hardenberg  gemeinsam
die  auswärtigen  Angelegenhbeiten  Hreußens  geleitet.  Aber  sie  stimmten
in  der  Auffassung  der  Derhältnisse  keineswegs  überein:  Rardenberg  sah
das  Heil  Dreußens  nur  in  der  Freundschaft  mit  Frankreich;  und  er  schien,
wie  sich  die  Dinge  gestaltet  hatten,  Recht  zu  behalten.  Napoleon  indessen,
        <pb n="43" />
        Drüfungsjahre.  37

offenbar  schlecht  unterrichtet,  hielt  Hardenberg  für  seinen  geheimen  Widersacher.
  Im  Moniteur  überhäufte  er  ihn  mit  Schmähungen  und  verlangte
vom  Könige  seine  Entlassung.  Sehr  ungern  gewährte  sie  dieser  im  April
1806.  Aber  von  Stund  an  waren  die  Rollen  gewechselt:  Rardenberg,
empört  über  die  Beschimpfung,  die  ihm  widerfahren,  wurde  fortan
Napoleons  unversöhnlicher  Gegner.  Don  seinem  Gute  Tempelberg
aus  unterhielt  er  mit  dem  Nönige  einen  geheimen  Briefwechsel,  um
ihn  Rußland  zu  nähern,  während  Haugwitz  jetzt,  durch  die  erträge
gebunden,  nicht  anders  als  im  Fahrwasser  französischer  Holitik  steuern
konnte.

Diese  Doppelregierung,  indem  Hreußen  bald  mehr  den  großen
Mächten,  bald  mehr  Frankreich  sich  zuzuneigen  schien,  gab  der  preußischen
Dolitik  etwas  Unsicheres  und  ließ  sie  bei  den  Mächten  als  unzuverlässig
erscheinen.  Aber  auch  die  eigenen  Unterthanen  empfanden  die  fortwährenden
  Schwankungen  in  der  Staatsleitung  und  verloren  das  GZutrauen
  zu  ihrer  Regierung.  In  seiner  öffentlichen  Geltung  war  der
preußische  Staat  nur  noch  eine  Macht  zweiten  Ranges:  er  war  von
seiner  Höhe  herabgestürzt,  ohne  daß  auch  nur  ein  Kanonenschuß  gefallen
war.  Und  das  zeigte  sich  sofort.

Dreußens  Wacht  beruhte  sehr  wesentlich  auf  seiner  Geltung  in
Deutschland.  Nun  verband  aber  Napoleon  den  Süden  und  Westen
Deutschlands  in  dem  Rheinbunde  mit  Frankreich.  Es  war  in  Wahrbeit
eine  Einverleibung  des  deutschen  Gebietes  in  Frankreich  —  denn  die
Fürsten  waren  in  allen  wichtigen  Fragen  ganz  ohne  eigenen  Willen  —
nur  daß  Napoleon  vorsichtig  die  schroffe  Form  einer  solchen  vermied.
Das  war  ein  rücksichtsloser  Eingriff  in  die  preußische  Machtsphäre:
konnte  Hreußen  sich  diese  Schmälerung  seines  Geltungsgebietes  gefallen
lassend  Swar  lud  NMapoleon  den  König  von  Hreußen  gleichzeitig  ein,
„die  Kaiserkrone  an  das  Haus  Brandenburg  zu  bringen“  und  „einen
Bund  der  norddeutschen  Staaten  zu  bilden,  welche  mehr  in  Hreußens
Wirkungskreise  lägen.“  Darauf  ging  Hreußen  ein:  es  entwarf  den  Hlan
zur  Gründung  eines  Nordischen  Bundes  und  ließ  sich  bereit  finden,  den
Rheinbund  unter  der  Bedingung  anzuerkennen,  daß  der  Nordische  Bund
von  Frankreich  nicht  gehindert  würde.

Aber  Hreußen  empfand  die  Stiftung  des  Rheinbundes  doch  als
eine  schwere  Schädigung  seiner  Stellung.  Mit  Entschiedenheit  wandte  es
sich  daher  jetzt  Rußland  zu,  das  bereitwilligst  ihm  entgegenkam  und  durch
den  Dertrag  vom  24.  Juli  1806  sich  verpflichtete,  alle  seine  Streitkräfte
für  die  Unverletztheit  und  Unabhängigkeit  Hreußens  einzusetzen.  Da-
        <pb n="44" />
        38  Drittes  Kapitel.

durch  glaubte  Preußen  eine  starke  Rückendeckung  gewonnen  zu  haben,
und  schritt  nun  zur  Ausführung  des  Vordischen  Bundes.

Die  Grundlage  dieses  Bundes  sollte  ein  „Dreifürstenbund“  bilden,
geschlossen  zwischen  Preußen  und  den  Kurfürstentümern  Sachsen  und
Hessen.  Aber  es  war  nicht  mehr  das  Preußen  der  vergangenen  Jahre,
das  starke  und  freie  Preußen,  das  die  Sache  betrieb.  Lässig  nahmen  die
Kurfürsten  die  Eröffnungen  Hreußens  auf;  lässig  betrieben  sie  die  Ver—
handlungen.  Zudem  wünschte  Napoleon  gar  nicht,  daß  der  Bund  zu—
stande  käme,  und  intrigierte  im  stillen  dagegen.  So  war  denn  das
Ende,  daß  Hessen  sich  für  neutral  erklärte,  und  daß  Sachsen,  erst  als
56000  Hreußen  in  das  Kurfürstentum  einrückten,  den  preußischen  Allianzvertrag
  unterschrieb.  Moch  ein  anderes  kam  dazu.  Es  wurde  ruchbar,
daß  Napoleon  als  Hreis  des  Friedens  die  hannöverschen  Lande,  welche
Dreußen  auf  Grund  des  Hariser  Dertrages  in  Besitz  genommen,  SEngland
angeboten  habe.  Da  befahl  der  König,  über  die  französische  Doppelzüngigkeit
  entrüstet,  am  10.  August  auf  den  Rat  von  Haugwitz  die
Mobilmachung  sämtlicher  preußischer  Armeecorps.

Allein  Kaugwitz  erkannte  immer  noch  nicht  die  wahre  Absicht  Mapoleons.
  Napoleon  wollte  den  Krieg,  aber  er  wünschte  in  den  Augen
der  Franzosen  und  der  Zbeinbundfürsten  als  der  zur  Derteidigung  Gezwungene
  zu  erscheinen.  Darum  suchte  er  fort  und  fort  durch  Kränkungen
und  Demütigungen  Hreußen  zum  Angriff  zu  reizen.  Haugwitz  dagegen
meinte,  daß  die  preußische  Wobilmachung  nur  eine  militärische  Demonstration
  sein  solle,  die,  wie  er  erwartete,  Tapoleon  zur  Nachgiebigkeit
gegen  die  preußischen  Forderungen  schnell  bestimmen  würde.  Darum
wurde  sie  ohne  den  rechten  Ernst  ins  Werk  gesetzt  und  den  Truppen,
obgleich  der  Winter  nahte,  nicht  die  volle  Ausstattung  mitgegeben.  Sie
würden,  meinte  man,  ihrer  ja  nicht  bedürfen.  Und  in  dem  gleichen
Gedanken  wurden  auch  die  Derbandlungen  mit  den  fremden  Mächten
ohne  Kachdruck  betrieben.

Endlich  faßte  Hreußen  seine  Beschwerden  in  die  Forderungen  zusammen,
  daß  Mapoleon  die  Bildung  des  Nordischen  Zundes  nicht  hindere
und  daß  er  seine  Truppen  Deutschland  räumen  lasse.  Denn  noch  standen
vom  vorigen  Jahre  her  mehrere  französische  Armeecorps  von  Hassau  bis
gegen  Frankfurt  hin.  Bis  zum  8.  Oktober  gewährte  man  ihm  Frist  zur
Beantwortung.  Hreußen  gab  damit  den  großen  Dorteil  der  früheren
Kriegsbereitschaft  nutzlos  aus  der  Hand;  denn  Napoleon  benutzte  diese
Zeit  dazu,  um  seine  Corps  weiter  nach  Vorden  vorzuschieben  und  in
nähere  Verbindung  untereinander  zu  bringen.  Und  als  der  8.  Oktober
        <pb n="45" />
        Drüfungsjahre.  39

kam,  stand  er  bereits  in  Gera  und  antwortete  dem  Könige  Friedrich
Wilhelm,  der  das  preußische  Ultimatum  mit  einem  eigenhändigen  Schreiben
an  Mapoleon  begleitet  hatte,  ironisch:  er  sei  selbst  da,  die  Antwort  zu
überbringen.  Und  am  0.  Oktober  stießen  bereits  die  Dortruppen  beider
Keere  bei  Schleiz  in  blutigem  Gefechte  aufeinander.

So  begann,  ohne  daß  eine  Kriegserklärung  erfolgt  war,  der  gewaltige
  Krieg  zwischen  Oreußen  und  Frankreich,  in  dem  es  sich  in  Wahrheit
  um  nichts  anderes  handelte,  als  französische  Dergewaltigung  von
Deutschland  abzuwehren.  Er  nahm  einen  traurigen  Ausgang,  weil  man
in  Oreußen  von  vornherein  nicht  recht  an  den  Ernst  der  Sache  glaubte,
weil  das  preußische  Volk  den  Krieg  so  ansah,  als  ob  er  nur  die  Soldaten,
aber  nicht  im  geringsten  das  ganze  Dolk  anginge,  weil  das  preußische
Heer  unzulänglich  ausgerüstet  und  gegen  das  französische  um  ein  starkes
Viertel  in  der  Minderzahl  war,  ein  Mißstand,  der  durch  die  Teilung
in  mehrere  Armeen  noch  vergrößert  wurde,  weil  die  oberste  Beeresleitung
  ohne  Klarheit  und  Entschiedenheit  handelte  und  es  nicht  verstand,
widerstrebende  Elemente  mit  Nachdruck  sich  fügsam  zu  machen.  An  die
Fabel,  daß  die  Generale  zu  alt  und  die  Offiziere  zum  großen  Teile  untüchtig
  gewesen  wären,  kann  heute  der  Einsichtige  nicht  mehr  glauben.
Immerhin  erwies  sich  auch  der  Umstand  folgenschwer,  daß  als  der
Krieg  begann,  die  russischen  Truppen  in  der  Walachei  kämpften,  so  daß
Monate  vergehen  mußten,  bevor  sie  an  der  Seite  der  Hreußen  in  den
Krieg  gegen  Frankreich  eingreifen  konnten.

So  wurde  sehr  gegen  seinen  Willen  der  redliche,  den  Frieden  aufrichtig
  liebende  König  in  einen  Krieg  hineingezogen,  der  über  die  königliche
  Familie  wie  über  das  ganze  preußische  olk  so  unendlich  viel  Rerzeleid
  gebracht  hat.  Doch  nicht  eigentlich  hierin  liegt  die  geschichtliche
Bedeutung  dieser  Drüfungsjalre  Hreußens,  sondern  vielmehr  in  dem
Umstande,  daß  durch  diese  Hrüfungsjahre  die  Grundlinien  der  preußischen
Dolitik  auf  zwei  Alenschenalter  festgelegt  worden  sind,  bis  König  Wilhelm
für  sie  neue  Wege  gefunden  hat:  weswegen  es  notwendig  war,  ausführlicher
  bei  diesen  Jahren  zu  verweilen.  Denn  wer  möchte  verkennen,
daß  König  Wilbelm  aus  ihnen  zur  rechten  Seit  die  Motive  seines
Handelns  genommen  hatd
        <pb n="46" />
        Viertes  Kapitel.
Königsberg  und  Memel.

Altpreußischer  Tradition  würde  es  entsprochen  haben,  wenn  der
König,  nun  der  Krieg  da  war,  den  Oberbefehl  über  die  gesamte  Armee
übernommen  hätte.  Alllein  seine  Bescheidenheit  ließ  es  nicht  zu:  er  übertrug
  ihn  dem  Berzoge  Karl  Wilhelm  von  Braunschweig.  Jedoch  begab
er  sich  selbst  in  dessen  Hauptquartier,  so  daß  in  Wahrheit  doch  für  alles
beim  Könige  die  letzte  Entscheidung  lag.

Am  21.  September  nahmen  der  König  und  die  Königin,  die  ihren
Gemahl  ins  Feld  begleitete,  von  den  königlichen  Kindern  in  Berlin  Abschied.
  Dann  ging  die  Fahrt  über  Taumburg,  Kösen  und  Weimar  nach
Erfurt.  Hier  traf  die  Königin  mit  der  Erbprinzessin  Maria  Daulowna
von  Weimar  zusammen,  mit  der  sie  im  Sommer  im  Bade  Pyrmont  herzliche
  Freundschaft  geschlossen.  Ein  innigeres  Band,  die  beiden  Familien
zu  verknüpfen,  lag  noch  im  Schoße  der  Seiten.

Von  Erfurt  ging  die  Fahrt  nach  Weimar,  das  die  Königin  auf  die
Rachricht  von  dem  bei  Saalfeld  verlorenen  Treffen,  in  dem  Hrinz  Lauis,
des  Königs  Detter,  gefallen  war,  am  14.  Oktober  um  5  Uhr  früh  verließ.
  Während  bei  Jena  und  bei  Auerstädt  die  Schlacht  tobte,  erreichte
die  Königin  Beiligenstadt;  erst  am  Abend  des  17.  Oktober  langte  sie
wieder  in  Berlin  an.  Unterwegs  hatte  ein  Feldjäger  ihr  die  Kachricht
gebracht,  daß  Hreußen  die  Schlacht  verloren.  So  war  denn  auch  bier
ihres  Weilens  nicht;  schon  am  nächsten  WMorgen  reiste  sie  auf  den  Rat
des  Grafen  Schulenburg,  des  Gouverneurs  von  Berlin,  nach  Stettin  ab.
Unterwegs  traf  sie  in  Schwedt  die  königlichen  Kinder,  die  auf  Schulenburgs
  Anweisung,  als  die  Nachricht  von  der  verlorenen  Schlacht  in
Berlin  angelangt  war,  von  ihren  Erziehern  dorthin  in  Sicherheit  gebracht
worden  waren.  Auf  der  Schloßtreppe  kamen  die  beiden  ältesten  Hrinzen
der  königlichen  Mutter,  des  Wiedersehens  froh,  entgegengeeilt.  Die  Tiefbewegte
  sammelte  sich  einen  Moment;  dann  gab  sie  dem,  was  der  be-
        <pb n="47" />
        Erste  Uraranung  der  Königin  Luilse  und  ihrer  Kinder  nach  der  Schlacht  hei  Jenn  am
18.  Oktober  1806  im  Schlosse  zu  Uchmedt.
        <pb n="48" />
        42  Viertes  Kapitel.

deutungsvolle  Augenblick  in  ihr  wachrief,  zu  ihren  fürstlichen  Knaben
ergreifenden  Ausdruck;  auch  deren  Erzieher  standen  dabei.

„Ihr  seht“,  sprach  die  Königin  weinend,  „ihr  seht  mich  in  Thränen.
Ich  beweine  das  schwere  Geschick,  das  uns  getroffen  hat.  Der  König
hat  sich  in  der  Tüchtigkeit  seiner  Armee  und  ihrer  Führer  geirrt,  und
so  haben  wir  unterliegen  sollen  und  müssen  flüchten.  Ich  sehe“,  fuhr
sie,  von  Schmerz  gebeugt,  langsam  fort,  „ein  Gebäude  an  einem  Tage
zerstört,  an  dessen  Erhöhung  große  Männer  zwei  Jahrhunderte  hindurch
gearbeitet  haben.  Es  giebt  keinen  preußischen  Staat,  keine  preußische
Armee,  keinen  Nationalruhm  mehr.“

„Ach,  meine  Söhne“,  richtete  sie  den  Blick  von  der  traurigen  Gegen—
wart  auf  die  Zukunft,  auf  die  Hoffnungen  und  Pflichten,  welche  diese  in
sich  barg,  „ihr  seid  in  dem  Alter,  wo  euer  Verstand  die  großen  Ereignisse,
  welche  uns  jetzt  heimsuchen,  fassen  und  fühlen  kann.  Ruft  künftig,
wenn  eure  Mutter  nicht  mehr  lebt,  diese  unglückliche  Stunde  in  euer  Gedächtnis
  zurück.  einet  meinem  Andenken  Thränen,  wie  ich  sie  in
diesem  Augenblicke  dem  Umsturz  unfres  HDaterlandes  weine.  Aber  begnügt
  euch  nicht  mit  Thränen  allein!  Handelt,  entwickelt  eure  Kräfte!
Vielleicht  läßt  Dreußens  Schutzgeist  sich  auf  euch  nieder.  Befreit  dann
euer  Dolk  von  der  Schande,  dem  Dorwurf  und  der  Erniedrigung,  worin
es  schmachtet!  Suchet  den  jetzt  verdunkelten  Ruhm  eurer  Dorfahren  von
Krankreich  zurückzuerobern,  wie  euer  Urgroßvater,  der  Große  Kurfürst,
einst  bei  Fehrbellin  die  Tiederlage  und  die  Schmach  seines  Daters  an  den
Schweden  rächte.

„Lasset  euch,  meine  Hrinzen,  nicht  von  der  Entartung  dieses  Seitalters
  hinreißen!  Werdet  Männer  und  geizet  nach  dem  Ruhm  großer
Feldherrn  und  Helden!  Wenn  euch  dieser  Ehrgeiz  fehlte,  so  würdet  ihr
des  Namens  von  Hrinzen  und  Enkeln  des  Großen  Friedrich  unwürdig  sein.
Könnt  ihr  aber  mit  aller  Anstrengung  den  niedergebeugten  Staat  nicht
wieder  aufrichten,  so  sucht  den  Tod,  wie  ihn  Hrinz  Louis  gesucht  hat.“

Gewiß  haben  die  Worte  der  schmerzbewegten  königlichen  Wutter
auf  die  Berzen  der  beiden  jungen  Hrinzen  einen  unausläöschlich  tiefen
Eindruck  gemacht;  und  DOrinz  Wilhelm  war  es,  der  sie  weit  über  das
Denken  und  Hoffen  der  Königin  hinaus  zur  Wahrhbeit  machen  sollte.

Von  Schwedt  aus  reisten  die  Hrinzen  mit  der  Königin  nach  Stettin.
Hier  wagte  es  der  Geheime  Kabinettsrat  Lombard  sie  zu  begrüßen.
Aber  sofort  befahl  die  Königin  dem  Hlatzmajor,  den  Mann,  den,  weil  er
sich  stets  den  Franzosen  zugeneigt  hatte,  die  öffentliche  Meinung  als  einen
Verräter  bezeichnete,  in  Haft  zu  nebmen.
        <pb n="49" />
        Königsberg  und  Memel.  43

Unterdessen  war  der  König  in  Küstrin  eingetroffen.  Sobald  der
Kurier  mit  der  Meldung  bei  ihr  anlangte,  machte  sich  die  Königin  auf
der  Stelle  auf,  mit  dem  Könige  zusammenzutreffen.  Nur  von  einer  Hof—
dame  begleitet,  fuhr  sie  unter  dem  Schutze  des  Kammerherrn  von  Buch
in  einem  kleinen  offenen  Wagen,  um  schnell  vorwärts  zu  kommen,  ab.
In  Bärwalde  verlangte  Herr  von  Buch  von  dem  Amtmarin  für  die
Königin  frische  Pferde.  Man  wartete,  aber  sie  kamen  nicht,  bis  ein
Knecht  die  Nichtswürdigkeit  seines  Herrn  verriet,  der  die  Pferde  durch
das  hintere  Thor  selbst  auf  das  Feld  hinausgejagt  hatte.

Nur  wenige  Tage  war  dem  Königspaar  Rast  in  Küstrin  gegönnt.
Da  sah  man  denn  die  Königin,  in  einen  einfachen  Reisemantel  gehüllt,
gesenkten  Rauptes  neben  dem  Könige  in  tiefem  Gespräche  auf  dem  Walle
der  Festung  daherschreiten,  ohne  auf  das  zu  achten,  was  um  sie  her  vorging.
  Und  kaum  hatte  das  Königspaar  am  WMorgen  des  26.  Oktober
die  Festung  verlassen,  als  Graf  Ingersleben,  ihr  Kommandant,  sie  einem
kleinen  französischen  Streifcorps,  dem  die  Besatzung  um  mehr  als  das
Sehnfache  überlegen  war,  übergab.  Das  eben  vollendete  die  Niederlage
DHreußens,  daß  die  Festungskommandanten  ihre  festen  Hlätze  auslieferten,
sobald  nur  Franzosen  sich  zeigten.  Weder  die  SElb=  noch  die  Oderlinie
wurden  gehalten,  so  daß  die  Franzosen  den  Krieg  sogleich  bis  an  die
Weichsel  tragen  konnten.

Erst  Königsberg  schien  daher  der  flüchtenden  königlichen  Familie
Sicherheit  zu  bieten.  Am  9.  November  langten  hier  über  Danzig  die
königlichen  Kinder  an,  während  die  Königin  erst  am  0.  Dezember  und
folgenden  Tags  der  König  auf  dem  soviel  weiteren  Wege  über  Graudenz
und  Gsterode  eintrafen.  Ss  war  ein  Wiedersehen  voll  Freude,  aber
auch  voll  Schmerz,  als  hier  zum  erstenmal  seit  Berlin  die  königliche
Familie  sich  wieder  vereinigt  sah.  Aber  noch  war  der  Becher  des  Unheils
  bei  weitem  nicht  geleert.  Der  kleine  Hrinz  Karl,  am  Nervenfieber
erkrankt,  schwebte  in  Lebensgefahr.  Endlich  gelang  es  der  Kunst  des
berühmten  Arztes  Rufeland,  der  auf  die  Bitte  der  KRönigin  die  königlichen
  Kinder  auf  ihrer  Flucht  von  Berlin  begleitet  hatte,  den  Knaben
zu  retten.  Allein  kaum  schritt  Hrinz  Karl  der  Besserung  entgegen,  so
wurde  die  Königin  selber  vom  Typhus  ergriffen.  Die  Gewalt  der
Krankheit  steigerte  sich  schnell;  am  22.  Dezember  war  die  Gefahr  aufs
höchste  gestiegen.  Doll  Sorge  wachte  Zufeland  bei  ihr:  es  war  eine
schreckliche  Nacht;  ein  fürchterlicher  Sturm  wütete,  der  einen  Giebel  des
alten  Schlosses,  in  dem  die  Königin  lag,  hinabriß.  Indes  die  Krisis
war  bestanden:  langsam  wandte  sich  die  Krankheit  zur  Besserung.  Da
        <pb n="50" />
        44  Viertes  Kapitel.

kam  plötzlich  die  Nachricht,  daß  die  Franzosen  auf  Königsberg  heran—
rückten.  War  es  möglich,  die  schwer  leidende  Königin  weiter  zu  schaffend
Allein  mutig  entschied  sie  selber:  „Ich  will  lieber  in  die  Hände  Gottes,
als  dieser  Menschen  fallen.“

So  wurde  denn  am  5.  Januar  1807  die  Königin  bei  beftigster
Kälte,  unter  Sturm  und  Schneegestöber  in  den  Wagen  getragen:  150  Kilo—
meter  weit  nach  Memel  im  fernsten  Norden  des  preußischen  Staates  ging
die  Flucht.  Drei  Tage  dauerte  die  Fahrt.  Die  erste  Nacht  verbrachte
die  Königin  in  einem  Bauernhause,  in  einer  niedrigen  Stube,  deren
Fenster  zerbrochen  waren,  so  daß  der  Schnee  auf  das  Bett  der  hohen
Kranken  geweht  wurde.  Aber  von  einem  tiefen  Gottvertrauen  getragen,
überwand  sie  alle  Mühsale.  Anstatt  sich  zu  verschlimmern,  wie  man
mit  allem  Grunde  gefürchtet  hatte,  besserte  sich  ihr  Zustand  zusehends.
Das  Haff  war  erreicht.  Die  Kinder  und  das  Gefolge  wurden  in  Böten
nach  Memel  übergesetzt;  die  Königin  mußte  am  Rande  des  Haffs  oft  über
Eisschollen  und  durch  Spritzwellen  im  Wagen  dorthin  fahren.  Da  brach
um  Mittag  die  Sonne  durch  das  düstere  Gewölk  und  beleuchtete  mit
mildem  Glanze  die  nahe  Stadt,  die  der  hohen  Dulderin  endlich  Ruhe
verbieß.  «

UnddennochwarsiemiteinemfreundlichenEindruck«-vonKönigSberg
  geschieden.  Zwar  das  Weihnachtsfest  war  nicht,  wie  sonst.  Denn
die  königliche  Mutter  lag  schwerkrank  danieder,  und  der  König  wollte
„keine  Christbescherung,  weder  für  die  Kinder  noch  sonst  für  jemand“.
Allein  die  gute  Gräfin  Voß  hatte  trotz  ihrer  80  Jahre  es  sich  nicht
nehmen  lassen,  am  Weihnachtsabend  den  königlichen  Kindern  Geschenke
aufzubauen;  und  so  herrschte  denn  Lachen  und  Fröhlichkeit  unter  der
Kinderschar  zur  Freude  der  Königin,  deren  Krankenlager  auf  ihren
Wunsch  in  dem  daneben  liegenden  Zimmer  aufgeschlagen  war.

Und  noch  einmal  gab  es  am  Neujahrsmorgen  eine  große  Freude.
Prinz  Wilhelm,  jetzt  bald  10  Jahre  alt,  brachte  mit  den  Geschwistern
den  Eltern  seine  Glückwünsche  dar,  als  der  König  sich  an  ihn  wandte:
„Wilhelm,  da  an  deinem  zehnten  Geburtstage  vielleicht  keine  Gelegenheit
  sein  wird,  dich  ordentlich  einzukleiden,  weil  ihr  nach  Memel  müßt,
so  ernenne  ich  dich  heute  schon  zum  Offizier  und  habe  dir  auch  eine
Interims-Uniform  anfertigen  lassen.“  Der  junge  Offizier  war  glückselig
darüber,  daß  er  nun  dem  preußischen  Heere  angehörte,  und  legte  sofort
die  Uniform  an:  einen  blauen  Rock,  auf  den  der  silberne  Stern  des
Schwarzen-Adler-Ordens  gestickt  war;  der  rote  Kragen  war  umgeschlagen.
Dazu  kam  der  Degen,  der  Stock  in  der  Hand  und  der  Hut  mit  einem
        <pb n="51" />
        Königsberg  nnd  Memel.  45

Federbusch.  Auch  der  Sopf  durfte  nicht  fehlen.  Da  indes  das  blonde
Haar  des  jungen  Prinzen  noch  zu  kurz  war,  um  einen  Zopf  herzugeben,
so  wurde  ihm  ein  künstlicher  Patentzopf,  mit  schwarzem  Band  durch—
flochten,  angebunden.  So  meldete  sich  Prinz  Wilhelm  vorschriftsmäßig
bei  seinem  obersten  Kriegsherrn,  und  stellte  sich  dann  auch  der  noch  an
das  Bett  gefesselten  Königin  vor.  Es  war  in  der  trüben  Zeit,  wie  die
Gräfin  Voß  anmerkt,  allen  eine  große  Freude.  So  wurde  Prinz  Wilhelm
noch  früher,  als  es  sonst  die  Sitte  des  preußischen  Königshauses  mit  sich
brachte,  die  sonst  das  vollendete  zehnte  Lebensjahr  festhält,  Soldat.  Als
Tag  seines  Dienstantrittes  wurde  der  1.  Januar  1807  angenommen,
an  dem  der  Hrinz,  im  Gefolge  des  Königs  an  dem  Gottesdienste  teilnehmend,
  zum  erstenmal  sich  öffentlich  in  seiner  Uniform  zeigte.

In  Wemel  bewohnte  die  Königin  im  Zause  des  Kaufmanns  Con—
senius  dieselben  Simmer,  die  sie  fünf  Jahre  zuvor  beim  Besuche  des
Kaisers  Alexander  innegehabt.  Ihre  Genesung  schritt  stetig  vorwärts:
am  8.  Februar  konnte  sie  mit  der  ganzen  königlichen  Familie  die  Kirche
besuchen,  um  Gott  für  ihre  Wiederherstellung  zu  danken.  Und  gleich
danach  kam,  wie  ein  erquickender  Balsam  für  ihr  Herz,  die  Nachricht,
daß  die  Tapferkeit  der  preußischen  Truppen  durch  ihren  Sieg  bei  Kutschitten
  die  von  den  Russen  schon  verlorene  Schlacht  von  Hreußisch-Eylau
wiederhergestellt  hätte.

Wenn  jetzt  König  Friedrich  Wilbelm  den  Frieden  gewollt  hätte,  so
war  es  sicher,  daß  er  zu  günstigen  Bedingungen  ihn  würde  von  Napo—
leon  bewilligt  erbalten  haben.  Freilich  hätte  er  sich  dann  von  Rußland
trennen  müssen  —  aber  er  war  entschlossen,  unentwegt  zur  Seite  Rußlands
  auszuharren.

Da  trat  eine  neue  Hrüfung  an  ihn  heran.  Eben  war  zu  seiner
unaussprechlichen  Freude  die  Königin  vom  Krankenlager  wieder  erstanden,
als  derselbe  Typhus  am  24.  Februar  den  Hrinzen  Wilhelm  ergriff.  Allein
glücklich  überwand  dieser  den  Anfall  und  war  schon  am  28.  außer  Gefahr.
  Er  erholte  sich  jedoch  so  langsam,  daß  er  auch  an  seinem  Geburtstage
  noch  nicht  wieder  ganz  hergestellt  war.  Dieser  Geburtstag  brachte
ihm  die  SErnennung  zum  Fähndrich  bei  der  Garde  zu  Fuß,  die  aus  den
Resten  der  früheren  Garde-Regimenter  gebildet  war.

Die  Rücksicht  auf  die  zarte  Gesundheit  des  Drinzen  Wilhelm  führte
anch  im  Unterricht  eine  Anderung  herbei.  Bisher  war  er  in  allen
Fächern  zusammen  mit  dem  Kronprinzen  unterrichtet  worden.  Jetzt  aber
mußte  er  besonders  geschont  werden.  Er  nahm  daher  fortan  in  den
meisten  Gegenständen  an  dem  Unterrichte  des  Hrinzen  Friedrich,  den
        <pb n="52" />
        46  Viertes  Kapitel.

der  Dr.  Reimann  diesem  erteilte,  teil.  Zugleich  erhielt  dieser  die  Wei—
sung,  den  zarten  Prinzen  nicht  zu  sehr  zu  ermüden.  Nur  in  einzelnen
Lektionen  dauerte  auch  der  Unterricht  Delbrücks  fort.  So  begannen  da—
mals  bei  diesem  die  drei  Prinzen  zusammen  Englisch  zu  lernen;  und
reichliche  Gelegenheit,  die  Sprache  zu  üben,  boten  die  zahlreichen  vor—
nehmen  Engländer,  die  in  jenen  Tagen  aus  Verehrung  für  die  Königin
Luise  in  Memel  weilten.  Prinz  Wilhelm  las  zudem  viel  für  sich,  besonders
  bistorische  Werke.  Namentlich  fesselten  ihn  die  geschichtlichen
Werke  Friedrichs  des  Großen,  zumal  dessen  „Geschichte  meiner  Seit“  und
die  „Geschichte  des  Siebenjährigen  Krieges“.  Als  Fähndrich  that  er  auch
seinen  ersten  Dienst  bei  der  Leibkompanie,  die  der  König  selber  als
Chef  führte.  Am  5.  Oktober  hatte  das  Bataillon  Garde  Revue  vor
dem  Könige,  an  der  die  Hrinzen  teilnahmen.  Das  war  ein  ergreifender
Anblick,  für  die  Königin,  die  mit  der  Hrinzessin  Radziwill  der  Revue
beiwohnte,  als  die  jungen  Hrinzen  festen  Schrittes  an  ihr  vorbeimarschierten:
  Thränen  traten  der  königlichen  Mutter  vor  Rührung  in
die  Augen.

Die  drei  Drinzen  wohnten  in  Memel  nicht  bei  ihren  königlichen
Eltern  —  den  Hrinzen  Friedrich,  seinen  Reffen,  erzog  der  König  wie
einen  eigenen  Sohn  —  sondern  sie  hatten  einen  gesonderten  Hofhalt  im
Hause  des  Kaufmanns  Argelander.  Hier  luden  sie  mitunter  auch  Gäste
zu  sich  ein,  gleichaltrige  Kinder  der  fürstlichen  Kamilien,  die  mit  dem
Königspaare  sich  nach  Memel  zurückgezogen  hatten,  aber  auch  Knaben
aus  den  angesehenen  Bürgerfamilien  der  Stadt.  Dann  wurde  gespielt,
getanzt,  Märchen  aufgeführt,  Geschichten  erzählt.  Die  Hrinzen  machten
dann  die  liebenswürdigen  Wirte;  besonders  der  junge  Kronprinz  war
unerschöpflich,  immer  neue  Unterhaltungen  für  die  Gäste  zu  erfinden  und
zu  leiten.  Aber  auch  die  königlichen  Eltern  verschmähten  es  nicht,  einer
Einladung  der  Familie  Argelander  zu  folgen.

Bald  indessen  rief  der  Fortgang  des  Krieges  den  König  wieder  ins
Feld.  Auch  die  Königin  weilte  vom  10.  April  bis  10.  Juni  in  Hönigsberg.
  Kaum  aber  war  sie  von  dort  nach  Memel  zurückgekehrt,  als  auch
die  erschütternde  Tachricht  von  der  Niederlage  des  verbündeten  Heeres
der  Dreußen  und  Russen  bei  Friedland  dort  anlangte.  Nun  erfüllte  sich
das  Unheil:  Die  beiden  KNaiser  verständigten  sich  ohne  Zücksicht  auf
Dreußen  über  den  Frieden.  Die  Königin  kam  auf  Wunsch  ihres  Gemahls
  selbst  nach  Tilsit,  um  bei  Mapoleon  für  die  Sache  Hreußens  zu
wirken;  ein  schweres  Opfer,  das  sie  dem  Daterlande  ohne  Erfolg  brachte.
Denn  der  Frieden  von  Tilsit  wurde  Hreußen  auferlegt,  der  dem  Könige
        <pb n="53" />
        Kõnigsberg  und  Memel.  47

fast  die  Hälfte  seiner  Länder  nahm  und  die  ihm  verbleibende  Hälfte
durch  eine  ganz  unerschwingliche  Kontribution  erdrückte.

Jetzt  war  die  ganze  königliche  Familie  wieder  in  Memel  vereint.
Schlimmer,  als  jede  Erwartung  war,  hatte  das  Schicksal  Preußens  sich
gewendet.  Dennoch  war  der  Uönig  ruhig  und  gefaßt,  ein  Trost  für  die
tieftraurige  Königin,  die  der  Schmerz  über  das  Unglück  des  Daterlandes,
über  die  haltlose  Schwäche  des  Bundesgenossen  niederbeugte.  Eine  wahre

Erster  Dienst  des  Prinzen  Wilhelm  zu  Memrsl  um  3.  Ghtobrr  1807.

Erquickung  in  ihrem  Rerzeleid  waren  ihr  die  vielen  Beweise  von  Anhänglichkeit
  und  VDerehrung,  die  dem  Könige  aus  allen  Teilen  seines
Landes,  nicht  zum  wenigsten  auch  aus  den  abgetretenen  Hrovinzen  zugingen.


Bis  in  die  königliche  Familie  hinein  warf  der  unselige  Friedensschluß
seine  Schatten.  Um,  so  viel  er  konnte,  zur  Aufbringung  der  Kontribution
beizutragen,  ließ  der  König  die  Hofhaltung  auf  das  äußerste  einschränken.
Das  reiche  silberne  Tafelservice,  das  der  prachtliebende  König  Friedrich  I.
einst  für  die  königliche  Tafel  hatte  anfertigen  lassen,  wurde  in  Holland
verkanft.  Freudig  opferte  auch  die  Königin  ihren  Juwelen--Schmuck,  und
        <pb n="54" />
        48  Viertes  Kapitel.

ihre  goldene  Toilette  gab  sie  her,  um  Goldstücke  daraus  zu  prägen.  Die
Tafel  wurde  auf  das  einfachste  eingerichtet:  in  manchem  Bürgerhause
wurde  besser  gespeist,  als  an  der  königlichen.  Tafel  in  Memel.  Zu  einem
neuen  Kleide,  dessen  die  Prinzessin  Charlotte  bedurfte,  gab  der  König
5  Thaler:  mehr  hatte  er  nicht.

Das  waren  Eindrücke,  die  sich  tief  in  das  Herz  des  zehnjährigen
Prinzen  Wilhelm  eingruben  und  die  Memeler  Zeit  ihm  unvergeßlich
machten.  Der  stille  Schmerz  des  Vaters,  die  Thränen  der  Mutter
beschlossen  für  ihn  der  Kindheit  sorgenlose  Jahre.  Zu  Weihnachten  1807
ernannte  ihn  der  König  zum  Sekondeleutnant  der  Garde,  und  als
solcher  rückte  er,  als  die  königliche  Familie  am  16.  Januar  1808  nach
Königsberg  zurückkehrte,  mit  der  jetzt  von  Memel  dorthin  verlegten  Gardekompanie
  in  die  Stadt  ein.

Auf  das  einfachste  gestaltete  sich  auch  in  Königsberg  das  Leben  der
königlichen  Familie.  Bei  Haraden  that  Drinz  Wilhelm  wohl  seinen  Dienst
als  Leutnant  in  der  Front.  Aber  sonst  ging  der  Unterricht  ruhig  seinen
Gang.  Im  Sommer  bezog  auf  den  Huben  vor  dem  Steindammer  Thor
die  königliche  Familie  ein  wenig  geräumiges  Landhaus  in  dem  ZBufoltschen
Garten,  wo  früher  öfters  der  Staatsrat  von  Hippel  gewohnt  hatte.  Rier
—  „uisenwahl“  heißt  noch  heute  der  bescheidene  Landsitz  —  konnte  man
die  Königin  oft  durch  die  Felder  wandeln  sehen,  während  die  königlichen
Kinder  um  sie  herum  spielten  und  aus  Feldblumen  ihr  Kränze  wanden.
Ein  armes  Mädchen  bot  ihr  einst,  ohne  sie  zu  kennen,  einen  Strauß
blauer  Kornblumen  zum  Kaufe  an.  ZReich  beschenkt  entließ  sie  das
Mlädchen  und  zeigte  den  Kindern,  wie  man  aus  Kornblumen  ohne  Faden
einen  Kranz  flechten  könne.  Das  war  ein  Jubel,  als  sie  den  fertigen
Kranz  der  Prinzessin  TCharlotte  aufs  Haupt  setzte!  Nun  waren  die  Kornblumen
  aller  Lieblingsblumen.  Auch  die  Königin  trug  einst,  als  zwei
französische  Generale  zur  Tafel  geladen  wurden,  als  einzigen  Schmuck
vor  der  Brust  und  im  Raar  blaue  Kornblumen,  und  antwortete  den
Franzosen,  die  sich  eine  Bemerkung  darüber  zu  machen  erdreisteten,  mit
ruhiger  Würde:  „Seit  Ihre  Hferde  unsere  Kornfelder  zertreten  haben,
gehören  auch  wilde  Kornblumen  zu  den  Kostbarkeiten  in  Dreußen.“  So
wurden  die  blauen  Blumen  als  eine  Erinnerung  an  die  Wutter  dem
jungen  Hrinzen  Wilhelm  lieb.

Überhaupt  wurde  diese  Königsberger  Seit  gerade  für  die  Erziehung
der  heranwachsenden  Hrinzen  bedeutungsvoll.  Die  königlichen  Eltern
konnten  jetzt  freier  und  regelmäßiger  als  früher  mit  ihren  Kindern  verkehren;
  denn  die  jetzt  geübte  Sparsamkeit  machte  Gäste  an  des  Königs
        <pb n="55" />
        Königsberg  und  Memel.  49

Tafel  selten.  Abends  versammelte  sich  die  Familie  in  der  Regel  um  den
Theetisch.  Mit  wachsendem  Verständnis  folgten  der  Kronprinz  und  Prinz
Wilhelm  den  gründlichen  Belehrungen  des  Vaters,  hörten  der  Mutter
hochherzige  Worte.  Und  waren  einmal  Gäste  da,  so  wurden  in  Gegenwart
  der  Hrinzen  die  Jdeen  zur  Teugestaltung  des  preußischen  Staates,
zur  Dorbereitung  der  Befreiung  des  aterlandes  entwickelt  und  besprochen
und  tausend  fruchtbare  Keime  in  die  jungen  Seelen  gesenkt.  Und  wie
erhebend  wirkten  auch  auf  sie  die  Abordnungen  aus  allen  Kreisen,  die
fort  und  fort  in  Königsberg  eintrafen,  die  Liebe  des  Dolkes  zu  seinem
Könige  bezeugend.  Denn  gerade  diese  Jahre  des  Unglücks  waren  es,
in  denen  der  redliche  König  seinem  Dolke  so  recht  ans  Berz  wuchs.

Su  den  häufigeren  Gästen  des  Königspaares  gehörte  der  Kriegsrat
Scheffner,  der  noch  unter  Friedrich  dem  Großen  mitgekämpft  hatte.  Mit
rückbaltsloser  Offenheit  war  er  gewohnt  allezeit  sich  auszusprechen.  Und
gerade  das  gewann  ihm  die  Meigung  des  Königs  wie  der  Hönigin,  die
gern  seine  Ansicht  Börten,  mochte  es  sich  um  die  schwierige  Wahl  eines
Oberhofmeisters  für  die  Hrinzen,  um  die  höfische  Seitverschwendung,  um
den  Schaden  vorschneller  Gutmütigkeits-Außerungen  oder  was  es  sonst
war,  handeln.  .  .

·AuchderpredigerBorowskY,einfrommer,aberzugleichorigineller
Mann,  war  ein  gern  gesehener  Gast,  der  den  König  mit  ernsteindringendem
Zuspruch  aufzurichten  sich  bemühte.  Aus  der  Weltgeschichte  bewies  er
dem  Könige,  daß  die  göttliche  Weltregierung  gebesserte  Völker  noch  immer
wieder  erhöhet  habe.  Darum  kündigte  er  mit  heiterer  Zuversicht  auch
Dreußen  eine  glücklichere  Seit  an.  Als  der  König  nach  dem  Wie  und
Wann  fragte,  wurde  Borowsky  eifrig;  es  ergriff  ihn  gleichsam  eine
fromme  zärtliche  Besorgnis,  er  faßte  die  Hand  des  Königs  und  die
andere  Hand  ihm  auf  die  Schulter  legend,  sagte  er  mit  dem  Ernste  eines
Propheten:  „Sie  müssen  glauben  lernen.  Dem  Menschen  geschieht,  wie
er  glaubt.“  Das  war  eine  ernste  Freimütigkeit,  die  dem  Könige  den
glaubensstarken  Mann  erst  recht  wert  machte.

Und  in  Wahrheit  hatte  schon  der  König  die  entscheidenden  Schritte
eingeleitet;  denn  der  unglückliche  Ausgang  des  Krieges  hatte  die  Not—
wendigkeit  der  Teugestaltung  der  Verhältnisse  des  Staates  ihm  klargelegt.
  Und  zu  diesem  großen  Werke,  das  den  preußischen  Staat  gewissermaßen
  neu  schaffen  sollte,  hatte  er  sich  auf  den  Rat  Hardenbergs
entschlossen,  den  Reichsfreiherrn  vom  Stein,  den  er  doch  infolge  eines
Mißverständnisses  am  5.  Januar  1807  ungnädig  aus  dem  preußischen

Dienste  entlassen  hatte,  von  neuem  zu  berufen.  Im  Namen  des  Königs
Kaiser  Wilhelm.  4
        <pb n="56" />
        50  Viertes  Kapitel.

schrieb  Hardenberg  an  den  einzigen  Mann,  von  dem  jetzt  Hilfe  erwartet
werden  könnte.  Auch  die  Königin  bat  ihn  in  der  dringendsten  Weise,
dem  Vertrauen  des  Königs  zu  entsprechen.  „Ich  beschwöre  Sie“,  schrieb
sie  an  Stein,  „haben  Sie  nur  Geduld.  Ich  beschwöre  Sie  um  König,
Vaterland,  meiner  Kinder,  meiner  selbst  willen:  darum  Geduld!“  Und
Stein,  obgleich  er  am  Tertianfieber  krank  auf  seiner  Burg  Vassau  daniederlag,
  folgte  dem  Rufe  des  Königs:  am  50.  September  1807  schon
traf  er,  den  Körper  durch  die  eiserne  Gewalt  seines  Willens  zwingend,
in  Königsberg  ein.

Und  rasch  rechtfertigte  Stein  die  großen  Erwartungen,  mit  denen
man  seine  Rückkehr  begrüßt  hatte.  Schon  am  8.  Oktober  1807  legte
er  dem  Könige  das  „SEdikt,  den  erleichterten  Besitz  und  den  freien  Gebrauch
  des  Grundeigentums,  sowie  die  persönlichen  Derhältnisse  der  Landbewohner
  betreffend“  vor.  Dies  Emanzipations-Edikt  umfaßt  nur-  zwölf
kurze  Haragraphen,  aber  es  bedeutet  die  Umgestaltung  des  preußischen
Staates.  Denn  es  legt  den  Grund  zu  einem  gleichberechtigten  Staatsbürgertum;
  von  Standesschranken  ist  ferner  nicht  die  Rede.  Der  Grund
zu  dem  modernen  Hreußen  ist  gelegt.  Aber  Steins  Gedanken  flogen
weiter.  Die  Schaffung  einer  freien  Ordnung  für  die  Städte  und  Landgemeinden
  schien  ihm  das  nächst  Rotwendige.  Als  Wuster  schwebten  ihm
die  altgermanischen  Sustände  vor.  Über  die  frei  waltenden  Gemeinden
sollten  sich  Kreis=  und  Hrovinzial-Vertretungen  erbeben,  den  Abschluß
dieser  ständischen  Organisation  aber  die  olksvertretung  der  Reichsstände
bilden.  So  sollte  das  gesamte  Dolk  fest  an  den  Staat  geknüpft  und  durch
die  Entwickelung  des  Gemeinsinns  die  sittliche  Kraft  des  Dolkes  gehoben
werden.

Dem  gab  zunächst  für  die  Städte  die  Städteordnung  Ausdruck,  die
der  König  am  10.  November  1808  bestätigte.  Sie  bewilligte  den  Bürgern
in  weitgezogenen  Grenzen  die  Besorgung  ihrer  Gemeindeangelegenbeiten.
Die  staatliche  Oberaufsicht  wurde  auf  das  Notwendigste  beschränkt.
Dadurch  wurde  in  den  Bürgern  ein  erhöhtes  Gefühl  von  Selbständigkeit
und  Ehre  erweckt,  das  Streben  nach  Einsicht  in  die  städtischen  Angelegenheiten
  wachgerufen  und  ihnen  damit  die  beste  Dorbereitung  für  eine
spätere  Teilnahme  an  den  allgemeinen  Angelegenheiten  gegeben.

Sonst  wohl  werden  Gesetze,  die  so  weitgebende  Freiheiten  dem  Volke
gewähren,  einer  widerstrebenden  Regierung  abgerungen.  Anders  hier  in
Königsberg:  mit  freier  Hand  bietet  der  König  alles  dem  Dolke  dar.
Das  Dolk  zu  fördern,  ihm  zu  nützen,  beschränkt  der  König  aus  freiem
Entschlusse  die  Regierungsgewalt.  Das  ist  das  sittlich  Hohe,  das  in  diesen
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        #(ttandtme.  Priv  Karl.  Prinj  Otinrith.
Konig  Friterrich  Wilt  Aonigin  Luist.

Rönig  Friedrich  wuhet  M.  im  Rreise  feiner  Familir  im  Schloßgarten  zu  uarlattenburs.  (1806).  noch  dem  Gemalde  von  Dähling  gestochen  von  Fr.  W.  Merer.
        <pb n="58" />
        52  Viertes  Kapitel.

Königsberger  Gesetzen  liegt,  die  Selbstlosigkeit  des  Herrschers,  der  seinem
Holke  befiehlt,  von  den  ihm  gewährten  Freibeiten  zu  seinem  eigenen  Besten
Gebrauch  zu  machen.  Und  das  sollte  auf  die  heranwachkhsenden  jungen
Drinzen  nicht  einen  tiefen  und  sie  innerlich  erhebenden  Eindruck  gemacht
haben  d!  Und  die  Wucht  der  Hersänlichkeit  Steins,  der  in  Gestalt  und
Wesen  wohl  an  die  streitbaren  Ritter  der  Reformationszeit  mahnen  mochte,
hat  sicher,  da  sie  oft  in  Berührung  mit  ihm  kamen,  diesen  Eindruck  noch
vertieft.

Nur  allzu  bald  indessen  mußte  Stein  vor  dem  Hasse  Napoleons  aus
Hreußen  weichen.  Weder  an  staatsmännischer  noch  an  persönlicher  Bedeutung
  reichten  seine  Aachfolger  an  ihn  heran.  So  blieb  denn  seine
Gesetzgebung  unvollendet,  ein  großartiger  Torso.

Eine  HZauptsorge  Steins  neben  seiner  gesetzgeberischen  Thätigkeit  war
gewesen,  Hreußen  wieder  wehrhaft  zu  machen.  Denn  ein  großer  Teil
der  Armee  war  während  des  Krieges  auseinander  gelaufen;  15000  Mann
waren  kriegsgefangen  in  Frankreich.  Es  mußte  also  die  Armee  so  gut
wie  ganz  neu  geschaffen  werden.  Indes  eine  Hiederherstellung  des
Hheeres  in  der  Weise,  wie  es  gewesen  war,  abgesehen  von  den  Unzulänglichkeiten,
  die  der  Krieg  zu  Tage  gebracht  hatte,  war  unmöglich.
Denn  die  neuen  Reformgesetze  gaben  den  Oolksklassen  in  ihrem  Derhältnisse
  zu  einander  und  zu  dem  Ganzen  des  Staates  eine  völlig  veränderte
Gestalt,  der  bei  der  Reorganisation  des  Heeres  notwendig  Rechnung  getragen
  werden  mußte.  Die  bisherige  Dienstzeit  von  20  Jahren,  welche
den  Soldaten  fast  zu  einer  Kaste  machte,  sowie  die  Anwerbung  fremdländischer
  Abenteurer  hatten  die  Armee  thatsächlich  außer  Susammenhang
mit  dem  Oolke  gestellt.  Und  die  zahlreichen  Ausnahmen,  welche  die
Rekrutierung  bisher  berücksichtigt,  hatten  die  Aushebung  in  Wirklichkeit
fast  nur  auf  den  Bauernstand  gelegt.  Jetzt,  wo  die  neue  Gesetzgebung
anfing,  dem  Landvolke  Selbstgefühl  und  eine  Dorstellung  von  Rechten  zu
geben,  war  das  alte  Rekrutierungssvstem  nicht  mehr  aufrecht  zu  erhalten.
Die  zahlreichen  Ausnahmen  mußten  fallen,  die  Derteidigung  des  Daterlandes
  wurde  zu  einer  Ehrenpflicht  des  ganzen  waffenfähigen  Dolkes
erhoben.  Dadurch  wurde  Rerabsetzung  der  Dienstzeit  und  Beseitigung
aller  entehrenden  Strafen  bedingt.  Die  Anwerbung  von  Fremden  mußte
wegfallen  und  damit  die  alte  Härte  der  Dienststrafen.  Die  Erhöhung  der
Durchschnittsintelligenz  der  Soldaten  verlangte  endlich,  auch  höhere  Forderungen
  an  die  Bildung  der  COffiziere  zu  stellen.

In  diesen  klaren  Konsequenzen  aus  den  Reformgesetzen  lagen  die
Grundzüge  für  die  notwendige  Neugestaltung  des  preußischen  Beeres.
        <pb n="59" />
        Königsberg  und  Memel.  53

Mit  dem  Alten  mußte  völlig  gebrochen  werden.  In  klaren  Grundlinien
war  damit  der  vom  Könige  eingesetzten  „Mlilitär-Reorganisations-Kommission“
  ihre  Aufgabe  vorgezeichnet,  die  ihre  Erfüllung  durch  die  drei
Herordnungen  des  Königs  vom  3.  August  1808  fand,  die  dem  preußischen
Beere  seine  neue  Gestalt  gegeben  haben.  Nur  den  großartigen  Gedanken
des  „Beerbannes“  —  wie  die  Kommission  vorschlug  die  allgemeine  Aushebung
  zu  nennen  —  nur  diese  Umformung
  der  Nation  in  eine  Armee
hat  erst  die  Begeisterung  der  Befreiungskriege
  zur  Wahrheit  gemacht.
Wir  geben  gewiß  nicht  zu  weit,  wenn
wir  in  dem  Suströmen  und  Abwägen
dieser  neuen  und  großen  Gedanken  ein
wesentliches  Bildungsmoment  für  den
jungen  Hrinzen  Wilhelm,  dessen  lebendigste
  Anteilnahme  ja  von  früh  an  auf
alles  Militärische  gerichtet  war,#erblicken.
Freilich  wirkt  auf  die  Jugend
nicht  so  sehr  der  Gedanke,  als  die  Hersönlichkeit
  dessen,  der  ihn  vertritt.
Aber  was  für  eine  Reihe  bedeutender
Männer  war  zu  den  Arbeiten  der
Reorganisations-Kommission  damals
in  Königsberg  vereinigt.  Da  war
der  Generalmajor  von  Scharnhorst,
eine  jener  klaren  und  festen  Maturen,
an  denen  nichts  blendet  und  besticht,
deren  innere  Gediegenheit  aber  überzeugt
  und  bezwingt.  Mit  ihm  kamen
die  Orinzen  in  sehr  häufige  Berührung,  Sehondelentnunt  Prinz  Wilhelm.
da  er  als  expedierender  General-Adjutant
  sich  im  nächsten  Gefolge  des  Königs  befand.  Dann  war  da
der  Major  von  Grolmann,  eine  feste  und  geschlossene  Natur  voll  Klarheit
  und  Entschiedenheit,  wie  geschaffen,  ein  junges  Gemüt  zu  begeistern,
ferner  der  Generalgouverneur  von  Schlesien  Graf  Götzen,  dessen  tapfere
Seele  den  zarten  Körper  zwang,  endlich  der  Major  von  Bopven,  ein
Mann  von  hoher  sittlicher  Reinheit,  zu  jeglicher  Aufopferung  willig.
Und  der  junge  Orinz  Wilhelm,  schon  durch  die  Uniform  ibnen  nahe  gerückt,
  begann  mehr  und  mebkr  sie  zu  verstehen  und  in  Wort  und  Wesen
        <pb n="60" />
        54  Viertes  Kapitel.

ihre  Einwirkung  zu  empfinden.  Die  Zeitgenossen  wollten  an  ihm  im
Unterschiede  von  dem  lebhaften  Kronprinzen  einen  ernsten,  fast  nachdenklichen
  Sug  bemerken,  als  wenn  der  strenge  Ernst  der  Zeit  auch  über  ihn
seine  Schatten  würfe.

Der  Fürstentag  in  Erfurt  zeigte  der  Welt  den  Kaiser  Mapoleon  auf
dem  Gipfel  seines  Glanzes  und  seiner  Macht.  Auch  der  Kaiser  Alexander
war  dort  erschienen,  dem  Gewaltigen  zu  huldigen  und  von  ihm  freie
Band  gegen  die  Türkei  zu  erhalten.  Ein  zahlreiches  Gefolge  von  Königen
und  Fürsten  umgab  die  beiden  Kaiser.  HKönig  Friedrich  Wilhelm  indes
lehnte  die  Einladung,  dorthin  zu  kommen,  ab;  er  begnügte  sich,  den
Grafen  Golz  zu  senden,  um  die  beiden  Kaiser  zu  begrüßen.

Am  18.  September  war  Kaiser  Alexander  auf  der  Hinreise  durch
Königsberg  gekommen;  am  20.  Oktober  war  er  auf  der  Rückreise  wieder
dort  und  verweilte  mehrere  Tage  als  Gast  des  preußischen  Königspaares.
Das  begrenzte  Entgegenkommen  Kapoleons,  der  sich  nicht  entschließen
konnte,  Konstantinopel  den  Russen  zu  überlassen,  hatte  eine  leise  Derstimmung
  bei  ihm  hinterlassen.  Um  so  liebenswürdiger  begegnete  er  der
preußischen  Königsfamilie.  Tilsit  war  ganz  vergessen.  Am  25.  Oktober
fand  vor  dem  russischen  Kaiser  eine  Parade  statt;  auch  Prinz  Wilhelm
that  bei  dieser  als  jüngster  Leutnant  der  Armee  Dienst  und  nahm  auch
an  dem  großen  Militär-Diner  teil,  das  auf  die  Harade  folgte:  am  Abend
beschließt  ein  glänzender  Ball  im  „Deutschen  Rause“  die  Festlichkeiten.
Drinz  Wilbelm  führt  auf  diesem  in  der  Holonaise  die  greise,  ihm  so  sehr
zugethane  Oberhofmeisterin  Gräfin  Doß.

Auf  das  dringendste  lud  Kaiser  Alexander,  als  er  Abschied  nahm,
das  preußische  Königspaar  nach  St.  Detersburg  ein  und  überhäufte  sie
dort,  als  sie  der  Einladung  folgten,  mit  den  Beweisen  einer  aufmerksamen
und  glänzenden  Gastfreundschaft.  Große  Anstrengungen  mutete  mitten
im  nordischen  Winter  die  weite  Fahrt  zumal  der  Königin  zu;  aber  sie
trug  sich  mit  der  Roffnung,  durch  ihren  persönlichen  Sinfluß  auf  den
Kaiser  Oreußen  nützen  zu  können;  nicht  daß  sie  jemals  in  Staatsgeschäfte
sich  mischte,  aber  sie  sah  in  der  Befestigung  der  freundschaftlichen  Bezielungen
  zu  dem  Kaiser  die  zuverlässige  Gewähr  für  freundliche  Zeziehungen
  auch  der  Staaten.  Mit  dem  Gemüte  war  sie  an  allem,  was
sie  that,  beteiligt.  Sie  hoffte,  weil  sie  wünschte;  und  daß  immer  wieder
die  Erfüllung  ausblieb,  quälte  und  folterte  sie  im  innersten  Herzen.

Da  erhob  sich  Csterreich  gegen  die  napoleonische  Gewaltherrschaft.
Bei  Aspern  warf  der  Erzherzog  Karl  die  französische  Armee  zurück.  Der
Mimbus  der  Unbesiegbarkeit  Napoleons  war  zerstört.  Ein  Umschwung
        <pb n="61" />
        Königsberg  und  Memel.  55

der  Dinge  in  Suropa  wurde  erwartet.  Wie,  wenn  jetzt  auch  Hreußen
an  der  Seite  Gsterreichs  die  Waffen  ergriffe  ?!  So  selbstverständlich  schien
das  zu  sein,  daß  in  der  Uniform  eines  österreichischen  Obersten  der  Freiherr
  von  Steigentesch  in  Königsberg  erschien,  um  dem  Könige  Friedrich
Wilhelm  ein  eigenhändiges  RKandschreiben  des  Kaisers  Franz  zu  überbringen,
  in  dem  dieser  den  König,  die  Waffen  zu  erheben,  aufforderte.
Eine  ungeheure  Aufregung  ergriff  die  Kreise  der  Datrioten  in  HKönigs-=berg.
  Mit  hoffnungsfreudigem  Dertrauen  erfaßte  die  Königin  Cuise  die
Sachlage;  aber  der  König  hielt  unerschütterlich  daran  fest,  daß  er  ohne
Rußland  oder  hinter  dem  Rücken  Rußlands  keinen.  Schritt  thun  werde.
Denn  in  Rußland  sah  er  mit  Recht  die  Macht,  mit  der  er  am  ersten
zu  rechnen  hatte.  Dabei  blieb  er  allem  Drängen  des  österreichischen  Abgesandten
  gegenüber.  Es  war  klar:  er  traute  Osterreich  nicht.  In
Deutschland  brach  da  und  dort  die  Klamme  der  Empörung  aus  der  Asche
der  scheinbaren  Ruhe  hervor;  aber  Napoleons  Sieg  bei  Wagram  machte
allen  patriotischen  Erwartungen  jäh  ein  Ende.  Wir  können  uns  denken,
wie  diese  bewegten  Juni-Tage  auch  die  jungen  Gemüter  der  Prinzen  in
Aufregung  versetzt  haben,  als  ein  Blücher  unmutig  seinen  Abschied  forderte
und  Gneisenau  tief  verstimmt  nach  England  ging.  Denn  nur  die  starke
Autorität  des  Königs  hielt  damals  in  Preußen  die  Volkserhebung  zurück.

Der  Kronprinz  war  unterdessen  so  weit  herangewachsen,  daß  es  dem
Könige  angemessen  erschien,  ihm  eine  eigene  Hofhaltung  einzurichten.
Zum  militärischen  Obergouverneur  der  Prinzen  ernannte  er  daher  den
Generalmajor  von  Diericke,  der  —  von  Stein  dem  Könige  empfohlen  —
ein  ebenso  tüchtiger  Soldat  wie  ein  Mann  von  reichem  Wissen  und  un—
erschütterlicher  Redlichkeit  war.  Unter  ihm  stand  als  militärischer  Gouverneur
  des  Kronprinzen  der  Gberst  von  Gaud,  als  militärischer  Gouverneur
der  Drinzen  Wilhelm  und  Friedrich  der  Major  von  Hirch.  Den  Unterricht
  dieser  beiden  leitete  wie  bisher  der  Hrofessor  Reimann.  Eine  Seitlang
  unterrichtete  sie  daneben  auch  der  geistvolle,  patriotische  Süvern,
Drofessor  der  Geschichte  an  der  Königsberger  Universität.

Süvern  war  zum  Erzieher  des  Kronprinzen  in  Aussicht  genommen.
Denn  für  den  glänzend  sich  entfaltenden  Geist  des  Hrinzen  schien  die
etwas  einseitige  Art  Delbrücks  nicht  mehr  recht  zu  genügen.  Mit  Wachkdruck
  wies  der  alte  Kriegsrat  Scheffner  in  einem  Gespräche  mit  der
Königin  darauf  hin,  daß  „ein  Kronprinz  mit  dem  echten  Geiste  der  Vor—
zeit  ganz  bekannt  gemacht  werden  müsse,  um  sich  gegen  den  etwanig
frivolen  Geist  seiner  eigenen  Seit  zu  sichern  und  für  das  Glück  seiner
Nachzeit  desto  unbefangener  sorgen  zu  können.“  Allein  Süvern  hatte
        <pb n="62" />
        56  Viertes  Kapitel.

Bedenken:  so  wurde  die  Entscheidung  der  Frage  denn  bis  auf  eine
spätere  Zeit  verlegt.

Den  damals  erst  zwölfjährigen  Prinzen  Wilhelm  berührte  dies
nicht.  In  seinen  Lebenskreis  trat  vielmehr  damals  der  Magister  Zeller,
der,  ein  Jünger  Pestalozzis,  von  Württemberg  nach  Königsberg  berufen
war,  um  den  Volksgeist  durch  Neubelebung  und  Besserung  des  Dolksschulwesens
  Ostpreußens  im  Sinne  Pestalozzis  zu  wecken  und  zu  heben.
Als  Regierungsrat  und  Schulinspektor  angestellt,  hat  er  dem  Auftrage
mit  großem  Erfolge  entsprochen  und  namentlich  das  Königsberger  Waisenhaus
  in  eine  Müuster-Erziehungsanstalt  umgeschaffen.  Das  gemütliche,
urwüchsige  Wesen  des  schwäbischen  Dädagogen  sprach  den  jungen  Hrinzen
außerordentlich  an:  „Dater  Seller“  war  im  königlichen  Schlosse  ein  gern
gesehener  Gast,  mit  dem  der  junge  Hrinz  auf  dem  Fuße  des  traulichen
Du  verkehrte;  wie  denn  dieser  auch  häufig  in  dem  Waisenhause  in  freundlichem
  Verkehre  mit  den  Lehrern  desselben  zu  finden  war.  Noch  ist  der
Brief  vorhanden  —  die  älteste  Schrift,  die  wir  von  dem  Hrinzen  Wilhelm
besitzen  —  den  er  nach  dem  Abschiede  von  Königsberg  an  Zeller  richtet.
„Lieber  Dater  Seller!“  schreibt  er.  „Wie  befindest  Du  Dich  d  Ich  danke
Dir  sehr  für  das  Gute,  das  Du  mir  erwiesen  hast  und  was  ich  bei  Dir
gehört  Rabe.  Ich  werde  mich  bemühen,  Alles  dieses  zu  befolgen.  Behalte
  mich  in  Deinem  lieben  Andenken  und  grüße  die  Berren  Griebe,
Funk,  Kolbe  und  das  ganze  Institut.  Adieu,  lieber  Dater!  vergiß  nicht
Deinen  Sohn  Willi.  Berlin,  den  28.  Dezember  1809.“

Mehr  als  alles  zeigt  dieser  Brief,  wie  schlicht  in  Wesen  und  Empfinden
  Drinz  Wilhelm  war.  So  hat  ihn  auch  damals  die  Königin
Luise  in  einem  Briefe  an  ihren  Hater,  der  nunmehr  regierender  Berzog
von  Mecklenburg-Strelitz  war,  gezeichnet.  Treffend  schreibt  sie:  „Unser
Sohn  Wilhelm  wird,  wenn  mich  nicht  Alles  trügt,  wie  sein  Dater:  einfach,
  bieder  und  verständig.  Auch  in  seinem  Außeren  hat  er  die  meiste
Ahnlichkeit  mit  ihm.“

Die  Fenster  der  Wohnung,  die  Hrinz  Wilbelm  im  Königsberger
Schlosse  innehatte,  gingen  auf  den  Schloßhof,  auf  welchem  Tag  für
Tag  die  Bataillone  der  Garnison  nach  dem  neuen  Reglement  einexerziert
wurden.  Der  Rönig  wie  die  Generale  leiteten  oder  beaufsichtigten  die
Übungen,  welche  hier  die  neu  formierten  und  nach  den  neuen  Grundsätzen
  geschulten  Truppen  vornahmen.  So  lernte,  am  Fenster  stehend,
der  junge  Drinz  —  wie  er  selbst  erzählt  hat  —  den  kleinen  Dienst  bis
in  alle  Einzelheiten,  aber  auch  die  damals  so  genannten  Brigade-Aufstellungen,
  bei  denen  alles  geprobt  und  durchgeübt  wurde,  was  die
        <pb n="63" />
        Königsberg  und  Memel.  57

neuere  Kriegskunst  als  zweckmäßig  herausgestellt  hatte.  Namentlich  waren
dies  die  Massen-Karrees,  mit  denen  Erzherzog  Karl  bei  Aspern  so  be—
deutende  Erfolge  gehabt,  und  die  Tirailleur-Übungen,  in  denen  die
Franzosen  sich  allen  ihren  Gegnern  bisher  überlegen  gezeigt  hatten.  An
manchen  Tagen  aber  ging  es  auch  hinaus  aufs  Feld  zu  den  neu  ein—
geführten  Feldmanövern,  bei  denen,  in  zwei  Abteilungen  geteilt,  die
Bataillone  gegen  einander  fochten.  Hier  kam  der  Prinz  in  vielfache
persönliche  Berührung  mit  dem  General  Nork,  der  unerschöpflich  in  dem
Stellen  immer  neuer  lehrreicher  Aufgaben  war.  So  wurden  Gedanken
in  dem  jungen  Prinzen  angeregt,  die  in  reiferen  Jahren  sich  entwickeln
und  ausgestalten  sollten.

Das  waren  ernste  Dinge.  Aber  neben  ihnen  ward  auch  der  frohen
Jugendlust  ihr  Recht.  An  Spielgefährten  fehlte  es  in  dem  alten  Schlosse
den  Hrinzen  nicht.  Da  waren  die  jungen  Hrinzen  Radziwill,  des  königlichen
  Hauses  nahe  Derwandte,  und  außer  ihnen  die  jungen  Auerswalds,
deren  Dater  als  Landhofmeister  in  dem  Schlosse  seine  Amtswohnung
hatte.  Rudolf,  dem  mittleren  der  drei  Knaben,  schloß  sich  Drinz  Wilhelm
mit  besonderer  HBerzlichkeit  an:  eine  Kinderfreundschaft,  die  auch  die
Drobe  der  Akannesjahre  bestanden  hat.

Darüber  ging  denn  mit  dem  Jahre  1800  auch  die  Königsberger
Seit  zu  Snde.  Wer  möchte  ihre  Bedeutung  für  die  Willensbildung  des
jungen  Hrinzen  verkennen,  dem  gerade  in  den  Jahren  der  vollen  Bildsamkeit
  der  Ernst  des  Lebens  in  bedeutungsvollen  Gestaltungen  so  faßbar
nahe  trat.  Wie  sehr  hat  die  königliche  Mutter  recht,  wenn  sie  in  diesen
Tagen  an  ihren  Dater  schreibt:  „Umstände  und  erhältnisse  erziehen  den
Menschen,  und  für  unsere  Kinder  mag  es  gut  sein,  daß  sie  die  ernste
Seite  des  Lebens  schon  in  ihrer  Jugend  kennen  lernen.“
        <pb n="64" />
        Fünftes  Kapitel.
In  großen  Tagen.

Königsberg  war  die  schmerzvolle  Vergangenheit,  Berlin  erschien  der
Königin  Cuise  wie  die  lichte  Zukunft.  „Ginge  es  doch  nach  Berlin!“
schrieb  sie  an  ihre  Schwester  Friederike.  „Dahin,  dahin  möcht'  ich  jetzt
ziehn!“  Allein  die  tiefgreifenden  Arbeiten  für  die  Neugestaltung  des
Staates  hielten  den  König  in  Königsberg  fest.  Napoleon  jedoch  fand
Grund  zum  Argwohn  darin,  daß  der  König,  obgleich  die  Franzosen
schon  1808  Berlin  verlassen  hatten,  doch  noch  immer  seiner  Hauptstadt
fern  bliebe.  Dem  zu  begegnen,  entschloß  sich  daher  König  Friedrich
Wilhelm  im  Dezember  1809,  seine  Residenz  wieder  nach  Berlin  zu
verlegen.

Die  würdige  Art,  in  welcher  der  König  das  Unglück  des  Staates
als  sein  eigenes  fühlte  und  ertrug,  und  die  Bescheidenheit,  mit  welcher
er  seinen  bewährten  Beratern  folgte,  hatte  gerade  in  den  schwersten
Zeiten  die  Volksbeliebtheit  des  Preußenkönigs  fest  begründet.  So  ge—
staltete  sich  die  lange  Reise  des  Königspaares  zu  einem  wahren  Triumphzuge.
  Von  weither  eilten  die  Bewohner  von  Dörfern  und  Städten
herbei,  um  das  geliebte  Herrscherpaar  zu  sehen  und  zu  begrüßen.  VNach
sechs  Tagen  war  Stargard  erreicht.  Hier  empfing  es,  von  Stettin
herbeieilend,  die  Hrinzessin  Elisabeth,  die  erste  Gemahlin  König  Friedrich
Wilhelms  II.  Und  an  der  Spitze  einer  Abordnung  der  Bürger  Kolbergs
erschien  der  greise  Nettelbeck,  um  im  Namen  der  so  mannhaft  verteidigten
  Gstsee-Kestung  seinem  Könige  seine  Ruldigung  darzubringen;
und  was  er  sprach,  war  so  recht  aus  dem  Herzen  aller  Hreußen  gesprochen:
  „Für  Euer  Majestät  aufzutreten,  dazu  lebt  der  freudige  Mut
in  uns  und  unsern  KRindern,  und  verflucht  sei,  wer  seinem  Könige  und
Daterlande  nicht  treu  ist!“.

Die  letzte  Macht  der  Zeise  verweilte  die  königliche  Familie  in  dem
Schlosse  zu  Freienwalde,  empfangen  von  den  Abgeordneten  der  kur-
        <pb n="65" />
        In  großen  Tagen.  59

märkischen  Ritterschaft.  Da,  als  das  Abendessen  vorüber  war,  erklang
plötzlich  vom  Hausflur  her  Papagenos  Lied  „Der  Dogelfänger  bin  ich
ja“.  Der  Kronprinz  und  Prinz  Wilhelm  hatten  mit  Hilfe  des  Kastellans,
von  ihren  Kindbeitserinnerungen  geleitet,  die  alte  „Dogelorgel“  wieder
ausfindig  gemacht  und  ließen  jetzt  zur  heiteren  UÜberraschung  der  königlichen
  Eltern  die  unvergessene  lustige  Weise  ertönen.

In  Heißensee,  acht  Kilometer  vor  Berlin,  begann  der  Empfang
der  Residenz.  In  dem  Gutsgarten  war  ein  Altar  errichtet  und  ringsum
Orangenzweige
an  die  Bäume  gebunden,
  um  über
den  Winter  hinwegzutäuschen.



Bier  empfing  das
Königspaar  die
Deputationen  der
Stadt,  welche  ihre
Freude  über  die
endliche  glückliche
Wiederkehr  der
königlichen  Kamilie
  aussprachen.
Junge  Mädchen
streuten  Blumen
auf  den  Weg,  so
daß  die  Königin
in  Thränen  ausbrach.
  Denn  alles
rief  ihren  fröblichen
  Wrauteinzug  —  war  es  doch  derselbe  Tag,  der  25.  Dezember  —
ihr  ins  Gedächtnis:  aber  wie  anders  war  jetzt  nach  16  Jahren  alles;
wie  anders  war  sie  selbst.  Das  lange  Ceid  hatte  die  Rosen  der  Gesundheit
  von  ihren  Wangen  gescheucht:  blaß  und  wehmütig  empfing  sie
die  Huldigungen.

Die  Stadt  Berlin  hatte  der  Königin  einen  Wagen  für  den  Einzug
geschenkt,  mit  lila  Samt,  ihrer  Lieblingsfarbe,  ausgeschlagen  und  reich
mit  silbernen  Sieraten  geschmückt.  Die  Königin  bestieg  ihn  mit  den
jüngeren  Kindern,  während  eine  Abteilung  von  Bürgerschützen  zu  Pferde
ihn  umgab.  Dor  dem  Wagen  der  Königin  ritt  der  KRönig  einher;
        <pb n="66" />
        60  Fünftes  Kapitel.

hinter  demselben  marschierte  das  Regiment  Garde,  an  dessen  Spitze  neben
den  übrigen  Offizieren  Hrinz  Wilhelm  mit  dem  Kronprinzen  und  dem
Drinzen  Friedrich.

Von  einer  unabsehbaren  Menge  freudig  bewegter  Wenschen  begleitet,
erreichte  der  königliche  Sug  Berlin.  Am  Bernauer  (Meues  Königs-)  Thor
empfing  ihn  mit  Glück  verbeißender  Ansprache  der  Oberbürgermeister
Gerlach:  101  Kanonenschuß  erdröhnte  und  unter  Glockengeläute  und  den
brausenden  Hoch=  und  Jubelrufen  der  dicht  gescharten  Dolksmenge  durch
das  Spalier  der  Bürgergarde  und  der  Gewerke  ging  der  Sug  durch  die
Stadt  nach  dem  königlichen  Palais.  Das  ganze  königliche  Raus  war
auf  der  Rampe  des  Schlosses  versammelt,  die  Wiedergewonnenen  zu  begrüßen;
  aber  als  die  Königin,  vor  innerer  Bewegung  keines  Wortes
mächtig,  die  Dorhalle  betrat,  da  sank  sie  in  die  Arme  ihres  greisen
Daters,  der  von  Strelitz  herbeigeeilt  war,  die  lange  entbehrte  Tochter
wiederzusehen.

Am  Abend  war  eine  Festvorstellung  im  GOpernhause  veranstaltet.
Man  bat  den  Rönig,  sie  zu  besuchen.  „Nicht  so!l“  erwiderte  er  ernst.
„Wein  erster  Gang  in  Berlin  wird  in  die  Kirche  sein.  Gott  die  Ehre
und  den  Dankl“  Und  am  andern  Morgen  fand  in  Gegenwart  der
ganzen  königlichen  Familie  der  Dankgottesdienst  im  Dome  statt.  Alles
war  voll  Glück  und  Freude,  das  geliebte  Königspaar  endlich  wieder
zu  haben.

Für  die  Befestigung  und  Kräftigung  der  patriotischen  Stimmung  in
Berlin  war  die  Rückkehr  des  Königs  sehr  bedeutungsvoll.  Tiicht  selten
hatte  man  zumal  in  den  höheren  Kreisen  Berlins  noch  Außerungen  hoffnungsloser
  Verzagtheit  gehört.  zetzt  wurde  mehr  und  mehr  die  Stimmung,
  welche  Hreußen,  Dommern  und  Schlesien  zu  durchwogen  begonnen
hatte,  auch  in  Berlin  die  herrschende.  Denn  Berlin,  allzu  sehr  in  Lokalinteressen
  befangen,  war  damals  weit  davon  entfernt,  die  tonangebende
Landeshauptstadt,  eine  Richtschnur  für  die  sehr  eigenartig  entwickelten
Drovinzen  zu  sein.  Da  lud  der  König  auf  den  18.  Januar  1810  alle
diejenigen  zu  sich,  denen  er  seine  Anerkennung  für  ihr  Verhalten  während
der  vergangenen  traurigen  Jahre  ausdrücken  wollte.  Er  hatte  zu  dem
Swecke  den  Orden  des  Roten  Adlers,  den  1705  der  Erbprinz  Georg
Wilhelm  von  Bapreuthk  gestiftet  hatte,  als  preußischen  Orden,  da  Zapyreuth
  1791  mit  Hreußen  vereinigt  worden  war,  erneuert.  Im  Weißen
Saale  des  Schlosses  vollzog  sich  die  seier.  Das  Königspaar,  umgeben
von  allen  Prinzen  und  Hrinzessinnen,  stand  unter  dem  Thronhimmel,  ihm
gegenüber  in  langen  Beihen  diejenigen,  welche  der  König  durch  die
        <pb n="67" />
        In  großen  Tagen.  61

Derleihung  des  Ordens  auszeichnete.  Der  General  von  Diericke  las
den  Erlaß  des  Königs,  betreffend  die  Erneuerung  des  OCrdens,  vorz;
darauf  verlas  der  Geheime  Staatsrat  Magler  die  Grdens-Statuten,  und
die  Dekorierten  statteten  dem  Könige  ihren  Dank  ab.  Am  folgenden
Sonntage  aber,  dem  21.  Januar,  waren  sie  ausnahmslos  an  die  Tafel
des  Königs  geladen,  vom  Staatsminister  bis  zum  Briefträger  herab;
auch  20  gemeine  Soldaten  von  verschiedenen  Regimentern  befanden  sich
darunter.  800  Männer  aus  allen  Ständen  sahen  sich  im  Weißen  Saale
und  in  der  daran  stoßenden  Bildergalerie  als  Gäste  an  der  Tafel  ihres
Königs:  alle  waren  in  freudig  gehobener  Stimmung;  mit  „einer  einzigen
Donnerstimme“,  wie  es  der  Gräfin  Doß  erschien,  brachten  sie  das  Hoch
auf  ihren  König,  auf  ihre  Königin  aus:  da  war  keiner,  dem  nicht  der
Geist  patriotischer  Roffnung  die  Brust  geschwellt  hätte.

Es  war  nicht  die  rasch  aufflackernde  und  rasch  wieder  verrauschende
Begeisterung  des  festlichen  Momentes,  die  dem  KRönige  hier  entgegengetragen
  wurde;  sondern  es  war  ein  Ausdruck  der  Stimmung,  welche  in
den  Orovinzen  längst,  allgemach  auch  in  Berlin  die  Gemüter  erfaßt
hatte.  Litterarische  Bändel  und  Theaterklatschereien  hatten  hier  sonst
das  allgemeine  Interesse  beherrscht;  man  hatte  auf  die  dünkelhafte  Flachheit
  aufklärerischer  Hoeten  geschworen  und  mit  rührsamer  Gefühlsseligkeit
in  Jean  Hauls  Schriften  geschwelgt.  Jetzt  war  die  Bedrückung  und
der  freche  Zochmut  der  französischen  Herren  von  jedem  einzelnen  Bürger
empfunden  worden;  mit  Ingrimm  gegen  die  Fremdberrschaft  hatten  sich
die  Berzen  erfüllt,  aber  zugleich  war  die  UÜberzeugung  in  immer  weitere
Kreise  gedrungen,  daß  nur  von  einer  Umwandelung  des  ganzen  Dolkes
die  Wiederkehr  besserer  Seiten  zu  erhoffen  wäre.  Geheime  patriotische
Dereinigungen  bildeten  sich,  um  die  Möglichkeit  einer  Wiedererhebung
des  Daterlandes  zu  beraten  und  den  Ingrimm  gegen  die  Fremdherr-=schaft
  zu  schüren.  Mit  rechtem,  treuem  Sorn  lehrte  Ernst  Moritz  Arndt
den  Haß  gegen  die  Welschen.  Mit  glühender  Begeisterung,  mit  einer
wahren  Wucht  des  Hasses  gegen  die  Franzosen  sprach  Beinrich  von
Kleist  durch  seine  Dramen  zu  dem  Dolke.  Mit  herber  Strenge  rief
Fichte  in  dem  großen  Saale  der  Akademie  in  seinen  „Reden  an  die
deutsche  Nation“  das  Bewußtsein  der  eigenen  Derschuldung  in  seinen
Suhörern  wach  und  lehrte  sie,  daß  die  Bürgschaft  des  Sieges  nicht  in
der  Stärke  der  Armee,  sondern  in  der  Kraft  des  Gemütes  liege.  Und
allsonntäglich  ertönte  von  den  Kanzeln  ernste  Mahnung  zugleich  mit
hoffnungsreichem  Troste  zu  den  dicht  gescharten  HKunderten,  die  vordem
der  Kirche  sich  entfremdet  hatten.  Mehr  und  mehr  durchdringt  eine
        <pb n="68" />
        62  Diertes.  Kapitel.

gesunde  und  kräftige  Religiosität  die  Herzen,  als  ein  freies,  Gott  suchendes
  und  an  Gott  sich  hingebendes  Vertrauen  sich  darstellend.

Das  war  die  Gesinnung,  die  mit  dem  preußischen  Volke  auch  den
preußischen  König  erfüllte.  Und  auch  in  Stunden  des  Kleinmuts,  wie
sie  ihm  wohl  kamen,  hatte  stets  die  herrliche  Königin  durch  ihren  mutigen
Suspruch  ihn  immer  wieder  aufzurichten  perstanden.  Und  jetzt  nun,  wo
das  Morgenrot  einer  besseren  Seit  leise  zu  tagen  begann,  sollte  sie  von
seiner  Seite  genommen  werden.  Mit  allem  Glanze  —  denn  er  galt  als
das  größte  Fest  in  der  königlichen  Familie  —  war  ihr  Geburtstag  nun
wieder  in  Berlin  gefeiert  worden.  Und  als  es  Frühling  wurde,  zog  es
sie  mit  Macht,  die  Stätten  ihres  früheren  Glückes  wieder  zu  besuchen.
Am  20.  Mai  fuhr  sie,  ganz  allein  mit  dem  Könige,  nach  Haretz.  Gar
nicht  trennen  konnte  sie  sich,  als  der  Abend  kam,  von  ihrem  CLieblingsplatze
  vor  der  Rohrhütte  auf  der  Anhöhe  im  Hark.  Das  Auge  schweifte
in  weiter  Fernsicht  über  den  mit  schwellenden  Segeln  und  zahllosen
Schwänen  belebten  Zavelstrom  und  drüber  hinaus  über  die  im  frischen
Maiengrün  prangenden  Wiesen  und  AÄcker.  Su  den  Füßen  lag  das
friedsame  Dorf,  im  Grün  der  Bäume  halb  versteckt  die  Kirche.  Die
Sonne  neigte  sich,  länger  dehnten  sich  die  Schatten  über  die  Landschaft
und  mahnten  zum  Aufbruch.  Aber  die  Rönigin  blieb,  bis  dunkelrot  die
Sonne  ganz  hinabgesunken  war;  dann  stand  sie  auf  und  sprach  leise
vor  sich  hin:

„Die  Sonne  eines  Tages  geht  dahin:
Wer  weiß,
Wie  bald  die  Sonne  unsres  Lobens  scheidet.“

Und  nicht  mehr  wich  die  Ahnung  von  ihr,  daß  ihres  Weilens  nicht  lange
mehr  auf  Erden  sei.

Kür  den  Sommer  hatte  die  Königin  dem  greisen  Hater  ihren  Besuch
zugesagt.  Am  25.  Juni  reiste  sie  nach  Strelitz  ab;  aber  als  sie  die
Landesgrenze  erreichte,  überkam  sie  eine  tiefe  Traurigkeit.  Einen  Augenblick
  ward  sie  von  der  Empfindung  überwältigt,  daß  sie  in  ihr  geliebtes
Hreußenland  nicht  mehr  zurückkehren  würde.  Und  wirklich,  schon  wenige
Tage  nach  ihrer  Ankunft  in  Mecklenburg  befiel  sie  in  dem  Schlosse
Bohen-ZSieritz  eine  Lungenentzündung,  die  ihr  Leben  in  die  höchste  Gefahr
brachte.  Brustkrämpfe  gesellten  am  16.  Juli  sich  dazu;  und  traurig  entwich
  die  Roffnung  von  dem  Sterbelager  der  königlichen  Dulderin.

Durch  eine  Stafette  von  Charlottenburg  herbeigerufen,  traf  der
König  in  der  Morgenfrühe  des  10.  Juli  in  Hohen-Sieritz  ein.  „Wein
lieber  Freund,  wie  freue  ich  mich,  dich  zu  seben!“  begrüßte  die  Schwer-
        <pb n="69" />
        In  großen  Tagen.  63

leidende  ihn  mit  matter  Stimme.  „Bin  ich  denn  so  gefährlich  krank?“
Der  König,  von  den  Ärzten  schon  auf  das  rasch  herannahende  Ende  der
Königin  hingewiesen,  sprach  ihr  mit  trostreichem  Worte  zu,  er  glaube
nicht,  daß  sie  in  Gefahr  sei.  ·  «

„Wer  ist  mit  dir  gekommen?“  fragte  die  Königin  leise.

„Fritz  und  Wilhelm.“

„Ach  Gott,  welche  Freude!“  erwiderte  sie,  und  ihre  Hand  zitterte  in
der  des  Hönigs.

Als  der  König  die  Hrinzen  hereinrief,  flog  ein  Schimmer  der  Freude
über  das  todesbleiche  Antlitz  der  Sterbenden:  „Ach,  lieber  Fritz,  lieber
Wilhelm,  seid  ihr  dad“  sagte  sie  leise;  und  die  beiden  Hrinzen  sanken
laut  schluchzend  am  Bette  der  Mutter  nieder:  Als  aber  der  Krampf
wiederkehrte,  mußten  sie  das  Simmer  wieder  verlassen.

Die  immer  sich  in  kurzen  Swischenräumen  erneuernden  Krämpfe
rieben  die  letzte  Kraft  der  zum  Tode  ermatteten  Dulderin  auf.  Sie
fühlte  selbst  die  nahende  Auflösung.  „Cuft!  Luft!“  sagte  sie  ängstlich.
„Ach,  mir  hilft  nichts  mehr  als  der  Tod.“

Der  König  saß  auf  dem  Rande  des  Bettes,  die  Hand  der  Sterbenden
  haltend.  Sie  hatte  ihren  Kopf  sanft  auf  die  Seite  geneigt  und  die
Augen  fest  gen  Himmel  gerichtet.  Da  öffnete  sie  die  Augen  weit  und
sagte  mit  deutlicher  Stimme:  „Ich  sterbe.  O  Jesu,  mach'  es  leicht!"“
Und  ihre  reine  Seele  schwang  sich  zum  Himmel.  Leise  schloß  ihr  der
König  die  Augen,  „seines  Lebens  Sterne,  die  ihm  auf  seiner  dunklen
Bahn  so  treu  geleuchtet,“  küßte  tief  erschüttert  die  Tote  und  ging  hinaus,
um  die  OHrinzen  hereinzurufen.

Drinz  Wilhelm  stand  mit  dem  Kronprinzen  weinend  auf  der  Schloßtreppe,
  die  in  den  Garten  hinabführte.  Als  der  König  zu  ihnen  trat,
war  er  in  seinem  herzzerreißenden  Schmerze  außer  stande  zu  sprechen;  wie
gebrochen  sank  er  auf  einen  Gartenstuhl;  und  Berzog  Karl  von  Wecklenburg,
  der  Entschlafenen  Bruder,  sagte  mit  bewegter  Stimme  zu  den
jungen  Hrinzen:  „Es  ist  vorbei:  kommen  Sie  herein!“

Am  Sterbelager  der  Mutter  sanken  die  Hrinzen,  in  den  lautesten
Schmerz  ausbrechend,  auf  die  Kniee  und  benetzten  ihre  BHände  mit  heißen
Thränen,  während  der  König  und  der  greise  Herzog  von  Mecklenburg
sich  schmerzlich  lange  umschlungen  hielten.

Mit  herbem  Schmerze,  wie  noch  keiner  so  tief  sein  junges  Berz  getroffen,
  begleitete  Orinz  Wilhelm  den  gramgebeugten  Dater  auf  der
Rückreise  nach  Tharlottenburg.  Suerst  im  Berliner  Dome  beigesetzt,
wurde  dorthin  in  das  neu  erbaute  Mausoleum  am  25.  Dezember,  dem
        <pb n="70" />
        64  Fünftes  Kapitel.

Einzugstage,  auch  die  Leiche  der  Königin  gebracht.  Rauchs  Meisterhand
schuf  der  Entschlafenen  hier  ein  ergreifendes  Denkmal;  aber  ein  noch
schöneres  hatte  doch  ihr  Sdelsinn  und  ihre  anmutsvolle  Hoheit  in  den
Herzen  ihres  Volkes  ihr  gesetzt,  das  in  Cuisen  fortan  den  Schutzengel
Preußens  sah  und  verehrte.

Das  eben  war  das  ergreifend  Tragische  in  dem  Schicksale  der
Königin  Luise,  daß  sie  das  Unglück  ihres  geliebten  preußischen  Vater—
landes  in  tiefster  Seele  mitgelitten  hatte,  aber  den  Tag  der  ruhmreichen
Abrechnung  und  Vergeltung  nicht  miterleben  sollte.  Denn  noch  mehr
als  zwei  Jahre  vergingen,  bis  er  in  hellem  Glanze  für  Preußen  an—
brach.  So  schwer  indessen  diese  Jahre  des  Wartens  auch  für  den  un—
geduldigen  Hatrioten  waren,  so  waren  sie  doch  anderseits  für  die  Durchführung
  der  Neugestaltung  des  preußischen  Staates  von  der  höchsten  Bedeutung.
  Jetzt  erließ  Hardenberg,  seit  dem  29.  Oktober  1810  Staatskanzler,
  das  „Edikt  über  die  Finanzen  des  Staates“,  durch  welches  alle
Einwohner  der  Monarchie  gleichmäßig  nach  ihrem  Dermögen  zu  den
Steuern  herangezogen  wurden.  Sugleich  wurde  volle  Gewerbefreiheit
ausgesprochen  und  der  freie  Bauernstand  in  Hreußen  begründet;  wenigstens
  stieg  in  dieser  Seit  die  Sahl  der  Bauern,  die  frei  auf  freiem  Erbe
saßen,  auf  das  zehnfache  des  bisherigen  Bestandes.  Endlich  richtete
Rardenberg  nach  RZücksprache  mit  Stein  die  „interimistische  Rational=  oder
Candesrepräsentation“  ein,  die  unter  dem  Mamen  der  Generalkommission
den  ersten  Anfang  einer  aus  freien  Wahlen  hervorgehenden  Dolksvertretung
  in  Hreußen  darstellte.  Sein  Siel  war  die  Sammlung  und  Anspannung
  aller  Kräfte  für  den  künftigen  Befreiungskampf  gegen  Frankreich.

Mit  raschem  Herständnisse  erfaßte  der  Kronprinz,  zu  dessen  Lehrer
an  Delbrücks  Stelle  Ancillon,  der  Hrediger  der  französischen  Kirche  in
Berlin,  ernannt  war,  diese  Momente  der  inneren  Fortentwickelung  des
Staates.  Drinz  Wilhelm  dagegen  war  entschieden,  Soldat  zu  werden.
Das  theoretische  wie  praktische  Studium  der  Kriegswissenschaften  stand
fortan  im  Mittelpunkt  seines  Interesses  und  seiner  Bestrebungen.  Wechselnd
  weilte  er  in  Berlin  und  in  Hotsdam.  Denn  wenn  auch  das  Garde-Infanterieregiment,
  zu  dem  er  gehörte,  nachdem  das  in  Rönigsberg  neu
gebildete  „leichte“  (Füselier-)  Bataillon  herangezogen  war,  in  seine  alte
Garnison  Hotsdam  abmarschiert  war,  so  stand  doch  je  eins  der  Bataillone
wechselnd  in  Berlin.  Hrinz  Wilhelm  aber  führte  zunächst  den  zweiten
Sug  des  leichten  Bataillons.  Den  Unterricht  in  den  militärischen  Wissenschaften
  ihm  und  dem  Hrinzen  Friedrich  zu  erteilen,  wurde  der  Kadettenoffizier
  von  ZReiche  beauftragt.
        <pb n="71" />
        In  großen  Tagen.  65

Reiche  war  von  Geburt  Rannoveraner,  aber  aus  Neigung  schon
früh  in  den  preußischen  Dienst  getreten.  Als  Zunker  machte  er  die  Rheincampagne
  von  1795  mit.  Nach  dem  Baseler  Frieden  trat  er  indes  in
die  damals  neu  errichtete  Ingenieurakademie  in  Hotsdam  ein.  Dieser
Schritt  machte  in  militärischen  Kreisen  Aufsehen,  da  Reiche  schon  seit
drei  Jahren  Offizier  war,  und  lenkte  auch  zuerst  die  Aufmerksamkeit  des
damaligen  Kronprinzen  Friedrich  Wilhelm  auf  den  strebsamen  Offizier.
1806  wurde  dieser  als  Ingenieurleutnant  dem  Corps  des  RBerzogs  von
Weimar  zugeteilt,  mit  dem  er  den  verfehlten  Sug  in  den  Thüringerwald
mitmachte.  Noch  rechtzeitig  indes  gelangte  er  zu  Blücher,  an  dessen
tapferem  Rückzuge  er  teilnahm.  Durch  die  Kapitulation  von  Ratkanu
geriet  er  mit  diesem  und  Scharnhorst  in  französische  Kriegsgefangenschaft,
wurde  jedoch  auf  Shrenwort  entlassen.  Nach  dem  Tilsiter  Frieden  wurde
er  wieder  dem  Ingenieurcorps  zugeteilt,  doch  bald  zum  Kadettencorps  versetzt
  und  nach  kurzer  Seit  zum  Kompanieführer  in  demselben  ernannt.

Die  Gegenstände  des  Unterrichts  waren  Befestigungskunst,  Aufnelmen
und  militärisches  Seichnen.  Beide  Hrinzen  zeichneten  sich  durch  anhaltenden
  Fleiß  und  durch  Aufmerksamkeit  aus,  so  daß  sie  auch  vorzügliche
Fortschritte  machten.  Besonders  that  sich  Orinz  Wilhelm  durch  schnelles
Auffassen  und  durch  einen  praktischen  Derstand,  durch  große  Ordnungsliebe,
  durch  Talent  zum  Seichnen  und  durch  einen  für  sein  Alter
ernsten  und  gesetzten  Charakter  hervor.  Es  lag  in  ihm  —  wie  sein
Cehrer  urteilt  —  der  wahre,  zuverlässige  Soldat  und  Anführer,  wie  er  es
nachher  auch  in  vollem  WMaße  geworden  ist.  Die  Teilnahme  an  zahl.
reichen  Felddienstübungen  bildete  die  praktische  Srgänzung  dieses  Unterrichts.
  Hielfach  war  bei  diesen  auch  der  König  zugegen,  kritisierte  die
Leistungen  der  einzelnen  Abteilungen  eingehend  und  schärfte  durch  seine
Worte  das  Urteil  des  jungen  Hrinzen  über  die  Sweckmäßigkeit  jeder
Anordnung  ganz  ungemein:  was  dieser  oft  in  späteren  Jahren  mit  dankbarer
  Hietät  anerkannt  hat.

Als  der  Unterricht  etwa  ein  Jahr  gedauert  hatte,  überreichte  Hrinz
Wilhelm  —  wie  auch  Orinz  Friedrich  —  dem  Könige  zu  seinem  Geburtstage
  eine  selbständige  Wusarbeitung  mit  einer  selbstgefertigten  Seichnung
  (einer  Terrainaufnahme  und  einem  Situationsplan)  als  Angebinde:
was  den  königlichen  Vater  so  erfreute,  daß  er  den  Lehrer  zum  wirklichen
Kapitän  ernannte.  Eine  praktische  Erprobung  knüpfte  sich  bald  daran.
Prinz  Wilhelm  erhielt  den  Auftrag,  zur  Sicherung  des  Uberganges,  der
vom  GElienecker  Werder  nach  Nowawes  bei  Hotsdam  führt,  auf  der  ihn

beherrschenden  Höhe  des  damals  noch  fast  ganz  unbewaldeten  Babels-Nalser
  Wilhelm.  5
        <pb n="72" />
        66  Fünftes  Kapitel.

berges  eine  Feldschanze  zu  erbauen.  Ganz  selbständig  entwarf  er  den
Plan  und  überwachte  selbst  die  Ausführung  des  Baues;  und  als  der
König  kam,  das  vollendete  Werk  zu  besichtigen,  konnte  er  mit  Genugtuung
  es  ihm  zeigen  und  im  einzelnen  erklären.  Fast  ein  halbes  Jahrbundert
  hatte  daran  gearbeitet,  durch  ind  und  Regen  das  Werk  wieder
abzutragen;  das  Buschwerk,  das  sich  darauf  angesät,  war  zu  Bäumen

X
2
*

Die  erste  Feldschanze  (Sommer  1811).
Der  König  läßt  sich  durch  Prinz  Karl  von  Mecklenburge-  Strelis  den  Bau  einer  Schanze  auf  dem  Babelsberge

erklären,  während  Prinz  Wilhelm  auf  der  Brustwehr  stehend  genau  die  Acbeit  der  Soldaten  verfolgt.  Cs  war  wohl
eme  Art  von  praktisch-militärischer  Prüfung,  die  der  Prinz  damals  vor  seimem  königlichen  Vater  ablegte.

Nach  einem  Erinnerungsbild  aus  dem  Besitz  des  seligen  Kaisers.
emporgewachsen,  als  Hrinz  Wilhelm  1850  —  damals  Orinzregent  —
die  Schanze  wieder  herstellen  ließ;  nur  die  Bäume  darauf  ließ  er  unversehrt,
  wie  wir  das  Werk  noch  heute  im  Babelsberger  Dark  sehen,
eine  sprechende  Erinnerung  an  die  Jugendstudien  Kaiser  Wilhelms.

Unterdessen  vollendeten  sich  die  Geschicke  der  großen  welt.  Sben
noch  hatten  in  Erfurt  auf  dem  Fürstentage  die  beiden  Kaiser  Alexander
und  Napoleon  auf  das  freundschaftlichste  miteinander  verkehrt,  als  auch
schon  ihre  Freundschaft  verweht  war  und  Napoleon  1800  im  Gespräch
mit  dem  Fürsten  Wetternich  einen  Krieg  mit  Rußland  als  „in  der  Natur

*
        <pb n="73" />
        In  großen  Cagen.  67

der  Dinge“  liegend  bezeichnete.  Schnell  erhitzte  sich  der  Gegensatz.  Denn
Kaiser  Alexander  fühlte  sich  in  seinen  Hlänen  gegen  die  Türkei  fort  und
fort  durch  Frankreich  gehemmt,  fühlte  sich  durch  Tapoleons  Derhalten
zu  den  Holen  beunruhigt,  fühlte  sich  durch  die  Dertreibung  des  nahe  verwandten
  Herzogs  von  Gldenburg  beleidigt.  Und  Napoleon  anderseits
war  durch  den  Rücktritt  Rußlands  von  der  Kontinentalsperre  auf  das
äußerste  gereizt,  wenn  Rußland  sich  auch  nur,  um  der  eigenen  Derarmung
im  Innern  zu  steuern,  dazu  entschlossen  hatte.

Und  in  diesen  stetig  wachsenden  Konflikt  der  beiden  Großmächte  sah
sich  HDreußen,  ohne  auch  nur  gefragt  zu  sein,  Bineingezogen.  Swar  hegte
König  Friedrich  Wilbelm  auf  das  lebhafteste  den  Wunsch,  neutral  zu
bleiben.  Aber  der  preußische  Staat  war  noch  nicht  wieder  zu  einer
solchen  Kraft  im  Innern  geführt,  daß  er  in  neutraler  Stellung  sich  hätte
behaupten  können.  Einem  der  beiden  großen  Gegner  mußte  er  daher
sich  anschließen;  und  kein  Sweifel:  seine  Existenz  stand  auf  dem  Spiele,
wie  die  Wahl  fiel.  «

Swar  Napoleon  hätte  am  liebsten  den  Staat  Friedrichs  des  Großen
mit  einem  Schlage  vernichtet.  Nur  die  Rücksicht  auf  Rußland  hatte  ihn
daran  gebindert.  So  war  denn  sein  Bestreben  dahin  gegangen,  ihn
langsam  zu  erwürgen.  Darum  hatte  er  durch  ein  schamloses  Raubsvstem
in  der  Seit  vom  1.  Oktober  1806  bis  zum  15.  Oktober  1808  an  Kontributionen,
  Derpflegungen  und  Lieferungen  eine  Summe  von  einer
Milliarde  und  120  Millionen  Frank  aus  Hreußen  gezogen,  was  der
Brutto--Einnahme  des  damaligen  Hreußen  von  sechzehn  Jahren  entsprach.
Schnell  zu  kraftloser  Hinfälligkeit  sollte  dadurch  der  verhaßte  Staat  gebracht
  werden.  Dazu  kam,  daß  Frankreich  auch  nach  dem  Frieden  die
Oder=  Festungen  Hreußens  besetzt  hielt  und  15  Militärstraßen  durch
Oreußen  legte,  denen  sich  preußische  Truppen  nur  bis  auf  einen  Tagemarsch
  nähern  durften.  Auf  nur  42000  Mann  war  die  Stärke  des
preußischen  Heeres  festgesetzt.

Von  dieser  Franzosenherrschaft  mit  ihrer  markverzehrenden  Erpressung,
mit  ihrer  frechen  Anmaßung,  mit  ihrer  heimtückischen  Spürerei  Hreußen
freizumachen:  das  erschien  jedem  Hatrioten  als  die  erste  Aufgabe.  Und
um  so  heißer  wurde  dies  Verlangen,  in  um  so  breitere  Schichten  des
Hreußenvolkes  drang  es  ein,  je  mehr  die  großen  Grganisations-Gesetze
Steins  und  Hardenbergs  die  Dolkskraft  frei  machten  und  die  Liebe  zum
Daterlande  entzündeten.  «

Und  wirklich  dachte  König  Friedrich  Wilhelm  auch  zunächst  an  Anschluß
  an  Rußland.  Scharnhorst  wurde  nach  St.  Hetersburg  gesandt  und

5“.
        <pb n="74" />
        68  Fünftes  Kapitel.

bestimmte  den  Kaiser  Alexander  am  17.  Oktober  1811,  eine  Konvention
zu  unterzeichnen,  durch  welche  die  Gemeinsamkeit  der  kriegerischen  Aktion
Dreußens  und  Rußlands  geregelt  wurde.  Aber  wie  die  Lage  Hreußens
war,  glaubte  der  König,  auch  Ssterreichs  sich  versichern  zu  müssen.  Auch
nach  Wien  wurde  daher  ganz  in  der  Stille  Scharnhorst  gesandt.  Indes
in  Wien  wehte  die  Luft  anders:  den  Kaiser  Franz  bekam  Scharnhorst
gar  nicht  zu  sehen,  und  Mietternich  erklärte  dem  preußischen  Abgesandten,
daß  Esterreich  zur  Seit  völlig  außer  stande  wäre,  Hreußen  Hilfe  zu  gewähren.
  Es  war  also  klar,  daß  Esterreich  sich  auf  die  Seite  Frankreichs
zu  stellen  gedachte:  und  von  Esterreich  her  konnte  Hreußen  in  einem
Anlauf  überrannt  werden,  bevor  noch  ein  russischer  Soldat  die  Grenze
erreichte.  Daher  glaubte  König  Friedrich  wilhelm  sich  der  Übermacht
Frankreichs  nicht  entzieben  zu  können  und  unterzeichnete  mit  schwerem
Herzen  am  5.  März  1812  den  Bündnis-Dertrag  mit  Frankreich.  Die
Kriegsbedürfnisse,  die  Oferde,  die  Lebensmittel,  die  mit  jahrelangem  Eifer
für  den  erhofften  Befreiungskampf  angesammelt  waren,  fielen  jetzt
Tapoleon  zur  Derlängerung  der  herabwürdigenden  Gewaltherrschaft  zu;
Lieferungen  von  ungebeurem  Umfange  wurden  neben  allen  Requisitionen
Hreußen  auferlegt.  zede  Aushebung,  jede  Truppenansammlung,  jede
Annäherung  an  die  französischen  Operationslinien  wurde  Hreußen  verboten.
  Die  eine  Rälfte  des  preußischen  Heeres,  20000  Mann  mit  60
Kanonen,  sollte  Aapoleon  gegen  Rußland  HBeeresfolge  leisten;  die  andere
wurde  in  bestimmte  Garnisonen  eingeschlossen.  Ganz  unbestimmt  war
eine  Bezahlung  der  Lieferungen  sowie  eine  Landentschädigung  für  Hreußen
in  Aussicht  gestellt:  aber  wer  konnte  von  Napoleon  Dertragstreue  erwarten?

Dem  Könige  war  der  Dertrag  in  tiefster  Seele  verhaßt:  aber  er
hielt  ihn  für  unausweichlich.  Mit  Unmut  sah  er  es  daher,  daß  etwa
60  jüngere  Offiziere  —  nicht  500,  wie  man  erzählt  hat  —  um  ihren
Abschied  einkamen,  da  sie  nicht  für  Krankreich  die  Waffen  führen  wollten.
Und  schmerzlich  berührte  es  ihn,  daß  Mapoleon  das  preußische  Kontingent
nicht,  wie  es  doch  der  König  gewünscht  hatte,  ungeteilt  ließ:  ein  Teil
der  Reiterei  wurde  Murat  überwiesen  und  die  übrigen  unter  dem  Befehle
  des  Generals  von  Grawert  dem  Corps  Macdonalds  zugeteilt.
Grawert  zwar  war  ein  entschiedener  Franzosenfreund;  aber  Scharnhorst
sette  es  durch,  daß  als  Stellvertreter  General  von  Nork  ihm  beigegeben
wurde,  ein  Mann  von  warmem  Hatriotismus  und  unzweifelhafter
Königstreue.

In  Dresden  wollte  Napoleon  mit  seiner  Gemahlin,  der  österreichischen
Kaisertochter,  die  letzte  Antwort  Rußlands  abwarten.  Ihm  zu  huldigen,
        <pb n="75" />
        In  großen  Tagen.  69

stellten  die  Rheinbundfürsten,  auch  Kaiser  Franz,  sich  ein;  aber  ein  Fürst
erschien  nicht,  dem  Franzosenkaiser  die  Huldigung  versagend:  König
Friedrich  Wilhelm.  Da  lud  ihn  denn  Napoleon  ein,  nach  Dresden  zu
kommen,  weil  er  doch  selbst  ihn  in  Berlin  nicht  würde  aufsuchen  können.
Dem  konnte  der  König  sich  nicht  entziehen.

Endlich  traf  die  Antwort  Rußlands  ein:  von  allem  Nachgeben  war
es  sehr  weit  entfernt.  Unverzüglich  verließ  jetzt  Napoleon  mit  seinem
ganzen  RKauptquartier  Dresden  und  befahl  den  Einmarsch  seiner  Truppen
in  Rußland.  Hier  und  dort  unterwegs  hielt  er  Heerschau.  Stets  riefen
die  Corps  begeistert  ihr  „vive  empereurl“#  ihm  zu.  Nur  ein  Corps
blieb  stumm,  als  er  musternd  die  Reihen  hinabritt.  Es  war  das  preußische
Rilfscorps;  in  dem  verbündeten  sah  es  seinen  Feind!  Das  war  die
Stimmung,  die  das  ganze  Preußenheer  und  Hreußenvolk  beherrschte.

Das  gewaltigste  Beer,  das  Europa  je  gesehen,  führte  Mapoleon
gegen  Rußland.  Im  Juni  überschritt  es  den  Niemen,  den  russischen
Grenzfluß.  Dann  war  es  wie  hinter  einem  dichten  Vorhange  für  Europaverschwunden.
  Monatelang  hörte  man  nichts  von  ihm.  Da  kam  über
Dänemark  nach  Berlin  die  Kunde,  die  große  französische  Armee  wäre
geschlagen  und  auf  dem  Rückzuge  aus  Rußland.  Mächtig  ergriff  sie  die
Kreise  der  Hatrioten:  jetzt  Ratte,  das  fühlten  alle,  die  Stunde  der  Befreiung
  geschlagen.  Und  damn  kamen  auch  schon  allerorten  die  jammervollen
  Trümmer  der  „großen“  Armee  über  die  preußische  Grenze  —  die
meisten  nur,  um  sich  in  Freundesland  binzulegen  und  zu  sterben.  Und
alle  Herzen  durchglühte  bei  diesem  Anblick  der  Gedanke,  daß  jetzt  oder
nie  die  Seit  gekommen,  die  französischen  Ketten  zu  zerbrechen.

Die  ganze  Situation  für  Hreußen  war  geändert.  Die  ganze  Seit
über  hatte  König  Friedrich  Wilhelm  die  Anknüpfung  näherer  Beziehungen
mit  Esterreich  im  Auge  behalten.  Ja  am  29.  Oktober  hatte  er,  obgleich
Osterreich  nicht  über  unbestimmte  Freundschaftsbetenerungen  hinausging,
dem  Kaiser  Franz  erklärt,  daß  er  bereit  sei,  sich  von  Frankreich  loszusagen,
wenn  Gsterreich  sich  mit  Hreußen  verbünden  wolle.  Kaiser  Franz  antwortete
  nur  mit  einer  Warnung  vor  voreiligen  Schritten.  Allein  den
König  und  seine  Ratgeber  beherrschte  seit  dem  Untergange  der  franzäsischen
Armee  durchaus  der  Gedanke,  daß  Hreußen  und  Esterreich  jetzt  als  bewaffnete
  Vermittler  auftreten,  von  Napoleon  einen  billigen  Frieden  fordern
und,  falls  er  ihn  ablelme,  sich  auf  die  Seite  Rußlands  stellen  sollten.

AUapoleon  selbst  drängte  Hreußen  zur  Entscheidung.  Flüchtig  aus
Rußland  zurückkehrend,  richtete  er  ein  dreistes  Schreiben  an  König  Friedrich
Wilhelm,  in  welchem  er,  ohne  die  geringste  Gegenleistung  zu  bieten,  die
        <pb n="76" />
        70  Fünftes  Kapitel.

Erhöhung  des  preußischen  Kontingents  um  10000  Mann  forderte.  Am
zweiten  Weihnachtstage  fand  daher  unter  dem  Vorsitze  des  Königs  ein
Ministerrat  darüber  statt,  was  Preußen  nunmehr  zu  thun  habe.  Der
Beschluß  war,  daß  Hreußen  wenn  es  sein  müßte,  selbst  ohne  GEsterreich
die  bewaffnete  Dermittelung  zwischen  Rußland  und  Frankreich  übernehmen,
wenn  aber  Napoleon  diese  ablehne,  auf  die  Seite  Rußlands  treten  würde.
Allein  über  diesen  Beschluß  wurde  das  strengste  Geheimnis  bewahrt.
Denn  solange  die  Franzosen  noch  Rerren  im  Lande  waren,  bedurfte  es
aller  Behutsamkeit,  um  deren  VDerdacht  und  gewaltthätige  Gegenmaßregeln
zu  vermeiden.  Immerhin  bot  gerade  das  Schreiben  Tapoleons  den  erwünschten
  Dorwand,  mit  den  Rüstungen  sofort  zu  beginnen.  Die  Beurlaubten
  wurden  einberufen  und  alsbald  mit  der  Formierung  von  52
Reserve-Bataillonen  begonnen.  Da  traf  eine  NWachricht  ein,  die  mit  einem
Schlage  alle  Dorsicht  über  den  Haufen  zu  werfen  schien.

In  der  Führung  des  preußischen  Kontingents  war,  wie  Scharnhorst
es  erwartet  hatte,  bald  an  des  erkrankten  Grawert  Stelle  General  Vork
getreten,  und  unter  ihm  hatten  die  Soldaten  in  den  Gefechten  bei  Ruhentbal
  und  Bauske  die  alte  preußische  Tüchtigkeit  bewährt.  Der  Weg  zur
Belagerung  von  Riga  war  dadurch  geebnet.  Bevor  es  indes  zu  einer
Beschießung  der  feindlichen  Stadt  kam,  erbielt  Mlacdonald  von  Mapoleon
den  Befehl,  sich  zurückzuziehen,  und  befolgte  diesen  mit  seinen  französischen
Regimentern  in  so  eilfertigen  Märschen,  daß  die  Derpflegung  der  ihm
folgenden  preußischen  Truppen  dadurch  auf  das  äußerste  erschwert  wurde.
Mit  Recht  war  Vork  ergrimmt  über  die  Franzosen,  die  ihn  mit  seinen
Dreußen  aufgaben,  während  die  Russen  in  ihn  drangen,  auf  ihre  Seite
zu  treten.  Denn  bei  dem  Sustande  des  französischen  wie  des  russischen
Beeres  kam  sehr  viel  darauf  an,  auf  welche  Seite  Nork  trat:  mit  seinen
noch  14000  kampfbereiten  Hreußen  war  er  stark  genug,  entweder  den
Russen  den  Eintritt  in  Dreußen  zu  verwehren  oder  die  Franzosen  über
die  Weichsel  zu  werfen.  Was  sollte  Uork  in  dieser  Lage  thund  Er
sandte  seinen  Adjutanten,  den  Major  von  Seddlitz,  nach  Berlin  und  bat
den  König,  die  Anträge  Rußlands  ihm  darlegend,  um  Derhaltungsmaßregeln.
  Die  Antwort  des  Königs  war:  „Nach  den  Umständen  handeln,
aber  nicht  über  die  Schnur  hauen!“  Aber  zur  Erläuterung  fügte  der
König  hinzu,  daß  Unterhandlungen  mit  Esterreich  stattfänden  und  daß  er
entschlossen  wäre,  das  von  Napoleon  so  vielfach  verletzte  Bündnis  aufzuheben,
sobald  sich  die  andern  politischen  Derhältnisse  nur  erst  aufgeklärt  hätten.

Bevor  indessen  noch  Serdlitz  zu  ihm  zurückgelangt  war,  hatte  Vork
sich  entschieden:  in  der  Mühle  von  Hoscherun  bei  Tauroggen  unterzeich-
        <pb n="77" />
        In  großen  Tagen.  71

nete  er  am  50.  Dezember  1812  mit  dem  russischen  General  Diebitsch
eine  Konvention,  nach  der  die  preußischen  Truppen  innerhalb  eines  bestimmt
  bezeichneten  Bezirkes  eine  neutrale  Stellung  einnehmen  sollten,
falls  nicht  der  König  ihre  Rückkehr  befehle;  jedoch  würde  dann  das
preußische  Corps  bis  zum  1.  März  1815  keine  Dienste  gegen  die  Russen
leisten,  wogegen  Kaiser  Alexander  sein  früheres  Dersprechen,  die  Waffen
nicht  niederlegen  zu  wollen,  ohne  Hreußen  eine  Gebietsvergrößerung  verschafft
  zu  haben,  infolge  deren  es  seinen  alten  Rang  unter  den  Mächten
Europas  wieder  einnehmen  könnte,  ausdrücklich  wiederholte.

Diese  That  VUorks  hatte  eine  ungeheure  Wirkung.  Sie  war  die
erste  selbständige  Regung  des  nationalen  Bewußtseins  und  nahm  mit
einem  Male  in  Hreußen  den  Bann  von  den  wogenden  Gemütern.  „Die
Würfel  sind  gefallen“,  sagte  Major  von  Hirch,  als  die  Nachricht  in
Berlin  anlangte,  zu  dem  jungen  Prinzen  Wilhelm.  „Hreußen  wird  nicht
untergeben!“

Aber  der  Königd  „Da  soll  einen  ja  der  Schlag  rühren"“,  fuhr  er
bei  der  Kunde  auf.  Der  Grundgedanke  seiner  Holitik  schien  ihm  verraten,
  alle  Dorsicht  vereitelt.  Noch  blieb  ihm  nichts  übrig,  als  Vorks
That  zu  verurteilen.  Auf  dem  Hlatze  vor  der  Orangerie  des  Neuen
Gartens  in  Dotsdam  begegnete  er  dem  Hrinzen  Willbelm  mit  dem  Kronprinzen.
  „Da  haben  wir's“,  redete  er  sie  an.  „Der  Skandal  von  1800
mit  den  Kapitulationen  geht  wicder  an:  Das  ganze  Norksche  Corps  hat
kapituliert!“  Aber  die  jungen  Hrinzen  bemerkten  beide  sehr  wohl  die  gehobene
  Stimmung,  in  welcher  der  König  sich  befand.

Indessen  auch  HZardenberg  meinte,  daß  Uork  „zu  früh  dem  Fasse
den  Boden  ausgeschlagen“.  Jetzt  aber,  nachdem  es  einmal  geschehen,
galt  es  nicht  zu  hemmen,  sondern  auf  der  neuen  Bahn  vorwärts  zu
schreiten.  Am  12.  Januar  1815  befahl  der  König  eine  ansehnliche  Ver—
mehrung  des  Heeres,  während  Uork,  unbekümmert  darum,  daß  die  Heilungen
  ihn  für  abgesetzt  erklärten,  die  Wehrkraft  Ostpreußens  und  General
von  Bülow  diejenige  Westpreußens  organisierte.  Mit  Begeisterung  trat
die  ganze  Drovinz  unter  Waffen.  Wohl  fehlte  ihr  die  Genelmigung
des  Königs;  aber  man  vertraute  darauf,  daß  der  König  das  nicht  mißbilligen
  würde,  was  in  dem  Geiste  patriotischer  Treue  unternommen  war.

Die  Franzosen,  anfangs  wie  betäubt,  ließen  geschehen,  was  sie  nicht
hindern  konnten;  als  aber  die  Revolution,  die  sie  fürchteten,  in  Dreußen
nicht  ausbrach,  sannen  sie  doch  auf  Gegenmaßregeln.  Der  Marschall
Augereau,  der  in  den  Marken  kommandierte,  hielt  mit  dem  französischen
Gesandten  in  Berlin,  St.  Marsan,  in  aller  Stille  Besprechungen.  Die
        <pb n="78" />
        72  Fünftes  Kapitel.

Division  Grenier  rückte  in  Berlin  ein,  und  es  wurde  sogar  der  Versuch
gemacht,  sie  in  Hotsdam,  der  Residenz  des  Königs,  gegen  die  ausdrückliche
  Zestimmung  des  Februar-Dertrages  vom  Jahre  1812  einzuquartieren.
Kein  Sweifel,  daß  etwas  gegen  den  König  oder  die  königliche  Familie
im  Werke  war.  Der  König  ließ  daher  die  Hotsdamer  Garnison  mit
scharfen  Hatronen  versehen  und  gab  dem  in  Berlin  stehenden  TLeibregiment
  den  Befehl,  nach  Hotsdam  zu  marschieren.  Das  wirkte:  Die  Franzosen
  wagten  nichts  zu  unternehmen.  Aber  doch  drang  man  von  allen
Seiten  in  den  König,  Berlin,  wo  er  nicht  Herr  seiner  Entschlüsse  zu  sein
schien,  zu  verlassen  und  sich  nach  Zreslau  zu  begeben.  Und  er  entschloß
sich  dazu.  Am  20.  Januar  fand  noch  die  Einsegnung  des  Kronprinzen
in  Dotsdam  statt;  am  22.  erfolgte  dann  die  Abreise  des  Königs  nach
Breslau,  dem  am  24.  die  königliche  Familie  dorthin  folgte.

Die  Einsegnung  des  Kronprinzen  war  eine  weihevolle  Feier,  in
welcher  man  deutlich  das  Wehen  der  neuen  Seit  verspüren  mochte.
JZedermann  verstand,  was  der  Kronprinz  meinte,  als  er  in  seinem  Glaubensbekenntnisse
  mit  erbobener  Stimme  sprach:  „Ich  glaube  an  den,  der
zum  Übermute  spricht:  Bis  hierher  und  nicht  weiter!  Bier  sollen  sich
legen  deine  stolzen  Wellen.  Ich  glaube  an  den  Alllgerechten,  der  den
Frommen  das  Cicht  läßt  aufgehen  in  der  Finsternis  und  Freude  den  redlichen
  Berzen:  Das  Mlrgenrot  eines  besseren  Tages  bricht  an.“

Wie  ein  Hrophet  mit  beredtem  Worte  kündigte  der  fürstliche  Jüngling
  ihn  an.  Und  wirklich,  sobald  der  König  in  Breslau  sich  von  dem
Swange  der  vergangenen  Tage  frei  fühlte,  erfolgten  jetzt  die  wichtigsten
Entschließungen.  Das  Entscheidende  war,  daß  jetzt  König  Friedrich  Wilhelm
  die  Rücksicht  auf  Gsterreich  fallen  ließ  und  für  sich  den  Abschluß
eines  Bündnisses  mit  Rußland  ins  Auge  faßte.  Aber  noch  während
darüber  verhandelt  wurde,  erhielten  Scharnhorst  und  Kardenberg  den
Auftrag,  die  Streitkräfte  Preußens  so  schnell  wie  möglich  zu  vermehren.
Mun  bewährte  sich  Scharnhorsts  Doraussicht  ausgiebig.  Die  Hreußen
von  Napoleon  aufgelegte  Konvention  vom  8.  September  1808  beschränkte
Dreußen  auf  eine  Armee  von  42  000  Mann.  In  Hirklichkeit  konnte
auch  der  preußische  Staat  bei  der  drückenden  Dürftigkeit  seiner  Finanzen
kaum  eine  viel  größere  Truppenzahl  halten.  Den  nachteiligen  Folgen
hiervon  wußte  Scharnhorst  indes  zu  begegnen.  Was  von  den  Truppen
bei  der  Fahne  notdürftig  ausgebildet  war,  wurde,  während  neue  Rekruten
eintraten,  entlassen,  jedoch  durch  fortgesetzte  Ubungen  in  militärisch-brauchbarem
  Sustande  erhalten.  Swar  hätte  es  zu  große  losten  verursacht,
diese  Entlassenen  zu  regelmäßigen  Ubungen  in  die  Garnisonen  zu  berufen;
        <pb n="79" />
        In  großen  Tagen.  73

es  mußte  daher  genügen,  daß  Offiziere  und  Unteroffiziere  in  die  Dörfer
gesandt  wurden,  um  sonntäglich  dort,  wenn  der  Gottesdienst  vorüber
war,  die  militärischen  Ubungen  fortzusetzen.  Krümper  nannte  man  diese
nur  notdürftig  ausgebildeten  Soldaten.  Sie  bildeten  somit  hinter  dem
stellenden  Heere  eine  Reserve,  jeden  Augenblick  bereit,  in  dasselbe  einzutreten.
  Jetzt  waren  noch  vor  dem  Ende  des  Januar  die  Krümper  wie
die  neu  ausgehobenen  Rekruten  auf  ihren  Sammelplätzen  versammelt.
An  vielen  Orten  holte  man  mit  Musik  sie  ein  und  geleitete  in  festlichem
Suge  sie  weiter.  Noch  war  es  nicht  ausgesprochen,  aber  jeder  fühlte
es  doch  mit  frohem  Berzen,  wem  die  Rüstung  galt.  In  heller  Flamme
brach  die  Begeisterung  des  preußischen  Dolkes  aus;  was  bisher  als  ingrimmiger
  Welschenhaß  erschienen  war,  offenbarte  sich  jetzt  in  diesen
großen  Tagen  als  helle  Kampfesfreudigkeit,  als  Opfermut  ohne  gleichen.
Die  „Bekanntmachung  in  betreff  der  zu  errichtenden  Jägerdetachements“,
welche  der  Jugend  der  gebildeten  und  wohlhabenden  Stände  den  Militärdienst
  in  einer  ihrer  Erziehung  angemessenen  Form  darbot,  hatte  den
großartigsten  Erfolg.  Aus  Berlin  allein  meldeten  sich  in  drei  Tagen
9000  junge  Männer  zum  freiwilligen  Eintritt.  Als  der  lange  Wagenzug

  gar  nicht  enden  wollte  —  der  Nönig  stand  am  Fenster  des  Breslauer
  Schlosses  —  da  rannen  ihm  die  hellen  Thränen  über  die  Wangen.

Und  allerorten  war  die  Dolksbegeisterung  nicht  geringer;  sie  zu  steigern
war  nicht  möglich,  aber  sie  setzte  sich  fort  durch  alle  Schichten  der  Bevölkerung,
  bis  in  die  entlegensten  Dörfer.  Die  Universitäten  lösten  sich
auf,  da  die  Studenten  zu  den  Waffen  eilten.  Die  oberen  Klassen  der
Gymnasien  wurden  leer.  Kaufleute  und  KRünstler,  Randwerker  und
Bauern  strömten  herbei.  Dielfach  mußten  die  Behörden  ihre  Thätigkeit
einstellen,  weil  die  Beamten  zu  den  Waffen  drängten:  Dorf  und  Stadt
regierten  dieweil  sich  selber.  Wer  nicht  selbst  mehr  die  Waffen  führen
konnte,  half  mit  freiwilligen  Gaben  zur  Ausrüstung  eines  andern.  Beamte
verzichteten  auf  ihre  Besoldung,  Arbeiter  auf  ihren  Lohn.  Mehr  als
150  000  goldene  TCrauringe  wurden  für  eiserne  eingetauscht.  Freiwillig
lieferten  die  Bauern  ihre  letzten  Pferde  ab  und  spannten  sich  dann  selbst
vor  den  Oflug.  Und  das  war  eben  das  Große  in  diesen  großen  Tagen,
daß  es  wie  eine  religiöse  Weihe  durch  die  Gemüter  ging;  von  jenem
unheimlichen  Fanatismus,  wie  er  in  den  Revolutionszeiten  die  Franzosen
unter  die  Waffen  getrieben,  war  keine  Spur.  Aus  der  Hredigt  und  vom
Tische  des  Herrn  weg  zogen  die  Freiwilligen  in  den  „heiligen“  Krieg.
Dazu  brachten  die  Seitungen  fast  täglich  patriotische  Aufsätze  und  Gedichte,
  in  denen  sich  die  Erhebung  der  Seit  aussprach.  Flugblätter  er-
        <pb n="80" />
        74  Fünftes  Kapitel.

schienen  ohne  Sahl,  wie  einst  in  den  Seiten  der  Reformation.  Dolksweisen
  erklangen  wieder  in  hellem  Sang,  und  manchem  Dichter  gelang
es,  das  glücklich  auszudrücken,  was  die  Herzen  aller  erfüllte.

Allerorten  fing  die  Bevölkerung  an,  ohne  die  Anordnungen  der  Re—
gierung  abzuwarten,  aus  eigenem  Antriebe  nach  dem  Beispiele  Ostpreußens
militärisch  sich  zu  organisieren.  Regel  brachte  erst  die  Verordnung  des
Königs  über  die  Errichtung  der  Landwehr  in  die  Bewegung.  Und  diese
Landwehr  stand  schon  nach  wenigen  Monaten  —  dank  dem  guten  Geiste,
der  sie  erfüllte  —  an  militärischer  Kaltung  in  der  Schlacht  durchaus
nicht  hinter  den  Truppen  der  Linie  zurück.  271  000  Mann  stellte  das
kleine,  nur  4½  Millionen  Einwohner  zählende  ODreußen  —  von  dem  im
April  errichteten  Landsturm  abgesehen  —  unter  die  Fahnen:  die  größte
kriegerische  Leistung,  von  welcher  die  Geschichte  der  gesitteten  Tationen
zu  berichten  weißl

Und  mitten  hinein  in  diese  hochwogende  Bewegung  war  Orinz
Wilhelm  gestellt.  Er  sah,  mit  welcher  Sreude  der  Abschluß  des  Bündnisses
  zwischen  Dreußen  und  Rußland,  mit  welcher  tiefen  Befriedigung
im  Dolke  die  Kriegserklärung  Dreußens  an  Frankreich  aufgenommen
wurde.  Mit  dem  Könige  und  dem  Kronprinzen  ritt  er  dem  Kaiser  von
Rußland,  als  dieser  nach  Breslau  kam,  zur  Begrüßung  entgegen.  Er
las  die  Aufrufe,  die  sein  königlicher  Dater,  zu  der  Begeisterung  seines
Dolkes  Dertrauen  fassend,  an  sein  Dolk  und  an  sein  Heer  richtete:  und
er  fühlte  sie  auch  an  sich  gerichtet!  War  es  nicht  selbstverständlich,  daß
auch  er  hinauszöge  in  den  heiligen  Krieg,  den  König  begleitend)  Der
Unterricht  zudem  hatte  schon  aufgehört;  denn  Hauptmann  von  Reiche
hatte  die  Erlaubnis  erhalten,  ein  königliches  Freicorps  zu  errichten.  Allein
der  König  entschied  anders;  die  Gesundheit  des  erst  sechzebnjährigen
Orinzen  war  noch  immer  zu  sehr  achtsamer  Schonung  bedürftig,  als  daß
sie  den  Strapazen  eines  Feldzuges  hätte  ausgesetzt  werden  dürfen.  Der
Kronprinz  und  Hrinz  Friedrich  zogen  mit  hinaus  ins  Feld;  Hrinz  Wilhelm
  aber  mußte  zurückbleiben  und  unter  der  Leitung  des  Majors  von
Minutoli  mit  seinem  jüngeren  Bruder,  dem  Orinzen  Karl,  sich  wieder
seinen  militärischen  Studien  widmen.  Das  war  ein  herber  Schmerz  für
ihn;  mit  stiller  Kassung  ergab  er  sich  darein.  Aber  mit  der  Energie,  die
in  allen  ernsten  Dingen  ihm  eigen  war,  trieb  er  jetzt  körperliche  Ubungen,
um  seinen  Körper  zu  stählen  und  abzuhärten;  so  hoffte  er  bald  den  vorsorglichen
  Widerstand  des  Vaters  zu  überwinden.

Langwierig  wider  Verhoffen  ließ  sich  ja  der  Kampf  an.  Der  Früh-=jahrsfeldzug
  der  Dreußen  und  Russen  hatte  nicht  den  Erfolg,  den  der
        <pb n="81" />
        In  großen  Tagen.  75

hochgespannte  Patriotismus  Preußens  erwartete.  Wohl  vermochte  Na—
poleon  die  Siege  bei  Großgörschen  und  Bautzen  nur  um  einen  Blutpreis
zu  erkaufen,  so  teuer,  wie  nie  zuvor;  wohl  hatte  er  trotz  des  gewonnenen
Sieges  nicht  irgendwelche  Trophäen  in  seiner  Hand  behalten,  während
die  Besiegten  zwei  französische  Adler  und  fünfzig  Kanonen,  die  sie  er—
obert  hatten,  ungefährdet  mit  sich  nahmen:  aber  die  Franzosen  hatten
doch  das  Feld  behauptet.  Der  gewaltige  Widerstand  indessen,  auf  den
er  gestoßen,  machte  Napoleon  sehr  bedenklich;  er  beantragte  daher  bei
den  Derbündeten  eine  Waffenruhe,  um  das  preußisch-russische  Zündnis,
das  seinen  Waffen  widerstanden  hatte,  durch  Unterhandlungen  zu  sprengen.
Durch  SEsterreichs  Vermittelung  wurde  sie  ihm  bis  zum  20.  Juli  gewährt
und  dann  bis  zum  I15.  August  verlängert.  Freilich  der  Erfolg  entsprach

2%  W

Erinnerungohlutt  des  Prinzen  Wilhelm  aus  der  Zeit  der  Defreinngokrieges,
dubei  lag  eine  gepreßhte  Dlume.

nicht  seinen  Erwartungen;  denn  nicht  nur  mißlang  der  Dersuch,  Rußland
von  Hreußen  abwendig  zu  machen,  sondern  auch  Csterreich  schloß  sich
jetzt  den  Derbündeten  an:  das  erste  Mal,  daß  sich  die  drei  großen  Kontinentalmächte
  zu  gemeinsamer  Aktion  wirklich  zusammenfanden.
Während  des  Waffenstillstandes  finden  wir  den  König  Friedrich
Wilhelm  wieder  im  Kreise  seiner  Kinder.  Dabei  stellte  sich  heraus,  daß
bei  dem  Avancement  im  Ersten  Garderegiment  zu  Fuß  Orinz  Wilhelm
ausgelassen  war.  Der  Uönig  beeilte  sich,  dies  auszugleichen,  indem  er
den  Orinzen  zum  Oremierleutnant  ernannte.  Allein  diesem  war  es
keine  Kreude.  „Wie  kann  ich  avancieren“,  antwortete  er  auf  die  Ernennung
  nicht  ohne  Unmut,  „da  ich  hinter  dem  COfen  gesessen  habe,
während  das  Regiment  im  Feuer  war“  Aber  freundlich  beruhigte  ihn
der  König:  „Chut  nichts!“  sagte  er.  „Ich  habe  dir  befohlen  zurückzubleiben;
  also  darfst  du  deswegen  nichts  verlieren.  Dein  Hatent  soll  auf
        <pb n="82" />
        76  Fünftes  Kapitel.

den  15.  Mai  zurückdatiert  werden,  wo  deine  Kameraden  über  dich  weg
avanciert  sind.“  Als  nun  aber  der  Prinz  mit  der  Bitte,  dem  Könige
ins  Feld  folgen  zu  dürfen,  wieder  hervortrat,  schlug  sie  der  König  aus
den  gleichen  Gründen  kurzweg  ihm  ab.  Die  stillen  Studien  unter
Minutolis  Leitung  nahmen  daher  ihren  Fortgang.

Unterdessen  war  der  Waffenstillstand  abgelaufen  und  der  Kriegsplan
  der  verbündeten
  Mächte  festge-Asillt.
  Im  größten
h  J  4  Stile,  kann  man
HLagen,  ging  der
Kampf  der  Großen
Allianz  vor  sich.
Durch  drei  Heeressäulen
  gleichzeitig
angegriffen,  erlitten
die  Kranzosen  Niederlage
  um  Niederlage,
  bis  die  Dölkerschlacht
  bei  Leipzig
die  Entscheidung
brachte  und  Napoleons
  Herrschaft
in  Deutschland  jäb
ein  Ende  machte.
Und  zu  diesem  glorreichen
  Ergebnis,
darf  man  ohne
Überhebung  sagen,

*ê:½2

Der  König  überreicht  dem  Prinzen  Wilhelm  die  neu  eingeführten  ,  ,
Epauletten  unter  gleichzeitiger  Ernennung  zum  Kapitün.  hatten  die  preußi-Breslau,
  Oktober  1813.  schen  Truppen  das

Nach  dem  Erinnerungsbild  aus  dem  Besig  des  seligen  Naisers.  3  ,
meiste  beigetragen,
Blücher  voran,  der,  an  Feldherrngenie  Napoleon  durchaus  ebenbürtig,
„wie  das  heilige  Donnerwetter“  auf  die  Franzosen  losging.

Gemeinsam  hatten  sie  den  großen  Sieg  erfochten;  jetzt  trennten  sich
die  verbündeten  Armeen  wieder  voneinander:  Blücher  und  Schwarzenberg
  folgten  mit  ihren  Heeren  auf  verschiedenen  Wegen  den  flüchtigen
(ranzosen  an  den  Rhein;  die  Nordarmee  dagegen  wurde  aufgelöst.  Nach
Weimar  wurde  zunächst  das  Hauptquartier  der  verbündeten  Fürsten  verlegt.
        <pb n="83" />
        In  großen  Tagen.  77

Diese  Pause  in  dem  großen  Kampfe  benutzte  König  Friedrich  Wilhelm,  um
die  Seinen  in  Breslau  zu  besuchen.  Er  begab  sich  dann  mit  ihnen  nach
Berlin,  wo  er  mit  jubelndem  Enthusiasmus  von  seinem  treuen  Volke  begrüßt
  wurde.  Im  königlichen  Halais  empfing  ihn  mit  den  Hrinzen  die
greise  Oberhofmeisterin.  WMit  freudigem  Erstaunen  betrachtete  sie  den  jungen
Drinzen  Wilhelm.  „Er  ist“  —  merkt  sie  in  ihrem  Tagebuche  an  —  „seit
dem  Winter  unglaublich  gewachsen,  sieht  sehr  gut  aus  und  ist  sehr  nett.“

Gewiß  fand  auch  der  König,  daß  Hrinz  Wilhelm  sich  sehr  günstig
entwickelt  habe.  Denn  von  selbst  kam  er  dessen  Berzenswunsche  entgegen.
„Ich  will  dich“,  sagte  er  zu  ihm,  „jetzt  mit  in  den  Krieg  nehmen
Aber“,  setzte  das  besorgte  Vaterherz  hinzu,  „nur  auf  sechs  Wochen;  denn  du
bist  noch  zu  schwächlich.“  Sugleich  (am  50.  Oktober)  ernannte  er  ihn  zum
Kapitän  und  überreichte  ihm  die  ersten  Spauletten,  die  eben  damals  in  der
preußischen  Armee  eingeführt  waren.  Das  Erinnerungsbild  aus  jener  Seit
beweist,  wie  bedeutungsvoll  jene  Augenblicke  dem  Hrinzen  erschienen  sind.

So  erfüllte  sich  endlich  doch  das  heiße  Sehnen  des  jungen  Orinzen:
am  8.  November  reiste  er  im  Gefolge  des  Königs  nach  Weimar  ab.
Der  Weg  dorthin  führte  über  das  Ceipziger  Schlachtfeld,  das  noch  in
zahlreichen  Spuren  das  wilde  erbarmungslose  Ringen  der  dreitägigen
Schlacht  erkennen  ließ.  Es  war  das  erste  Schlachtfeld,  das  Hrinz  Wilhelm
sah:  tief  erschütterte  ihn  der  grauenvolle  Anblick.

Weiter  ging  die  Fahrt.  In  Weimar  begrüßte  er  die  Erbprinzessin
Maria  Haulowna,  die  Freundin  der  Königin  Luise.  Ob  er  auch  ihrer
kleinen  Tochter,  der  damals  zweijährigen  Hrinzessin  Augusta  Aufmerk.
samkeit  schenkted  Wir  wissen  es  nicht:  und  doch  war  sie  bestimmt,  der
Deutschen  erste  Kaiserin  zu  werden!

Alsbald  rückte,  den  Heeren  folgend,  das  Bauptquartier  nach  Frank.
furt  vor.  Hier  wogten  die  Derhandlungen,  in  denen  fast  die  Roffnungen
des  Hrinzen,  mitzukämpfen  für  die  Befreiung  des  Daterlandes,  ihr  Grab
gefunden  hätten.  Denn  die  Friedenspartei  im  Rauptauartier,  deren
führer  Esterreichs  Staatskanzler,  der  Fürst  Metternich,  war,  gedachte  am
Rhein  den  Krieg  zu  beendigen  und  setzte  es  auch  durch,  daß  Napoleon
der  Frieden  unter  der  Bedingung  angeboten  wurde,  daß  er  sich  mit
Rhein,  Alpen  und  Pyrenäen  als  Grenzen  Frankreichs  begnüge.  Aber  der
König,  von  Dreußen  und  mit  ihm  seine  Feldherren  und  Staatsmänner
waren  für  die  energische  Fortführung  des  Krieges  und  erreichten,  daß,
als  Napoleon  die  Verhandlungen  hinzuziehen  versuchte,  die  bisher  Unentschiedenen,
  der  Kaiser  von  Rußland  und  die  englischen  Bevollmächtigten,
auf  ihre  Seite  tretend,  ihnen  das  Übergewicht  gaben.  Am  2.  Dezember
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        78  Fünstes  Kapitel.

verkündigte  ein  Manifest  den  Entschluß  der  verbündeten  Herrscher,  gemeinsam
  den  Krieg  in  Frankreich  fortzusetzen.

Aber  jenseit  des  Rheins  standen  drei  französische  Armeecorps,  den
Übergang  der  Verbündeten  zu  verhindern.  Der  Veckarmündung  gegenüber
  hatten  sie  eine  starke  Schanze  aufgeworfen,  mit  deren  Feuer  sie  den
Rhein  bis  nach  Mannheim  binüber  bestrichen.  Aber  die  Russen  vom
Sackenschen  Corps  setzten  im  Dunkel  der  Nacht  in  Kähnen  über  den
Strom  und  begannen  beim  ersten  Morgengrauen  den  Sturm  auf  die
Schanze,  während  die  Kähne  zurückkebrten,  um  weitere  Truppen  nachzuholen.
  Noch  tobte  der  Kampf  um  die  tapfer  verteidigte  Schanze,  als
König  Friedrich  Wilhelm  mit  dem  Hrinzen  Wilhelm  in  Mannbeim  eintraf.
  Sofort  ritten  sie  zu  dem  Rheinufer  binab,  wo  die  russischen  Jäger
ungeduldig  der  Einschiffung  harrten.  Mit  Hurra  empfingen  sie  den
König,  der  mit  dem  Hrinzen,  das  Gefecht  aufmerksam  verfolgend,  am  Ufer
halten  blieb,  bis  endlich  beim  vierten  Ansturm  die  Schanze  den  Russen  in
die  Kände  fiel.  Das  war  das  erste  Gefecht,  dem  Hrinz  Wilhelm,  wenn
auch  nur  aus  der  Ferne  beiwohnte.  Jetzt  wurde  eine  Schiffsbrücke  über
den  Rhein  gelegt,  auf  welcher  am  Abend  des  Weujabrstages  1814  der
Rinübermarsch  der  Russen  begann.  Alllein  bevor  sie  vollendet  war,  ging  der
König,  vorwärts  drängend,  mit  seinem  Gefolge  in  Kähnen  über  den  Strom.

Allein  die  Franzosen  zogen  sich,  ohne  eine  Feldschlacht  zu  wagen,  vor  den
Dreußen  und  Russen  Blüchers  zurück.  Der  König  kehrte  daher  nach  Heidelberg
  zurück,  von  wo  er  mit  seinen  beiden  Söhnen  sich  über  Karlsruhe
nach  Freiburg  begab.  Er  traf  hier  mit  den  beiden  Kaisern  Alexander  und
Franz  zusammen,  mit  denen  er  am  15.  Januar,  dem  russischen  Meujahrstage,
in  Basel  an  der  Spitze  der  preußischen  und  russischen  Garden  Einzug  hielt.

Schwarzenbergs  Armee  besetzte,  nachdem  sie  den  Rhein  überschritten
batte,  die  Hochfläche  von  Langres,  von  der  die  Seine,  Aube  und  Marne
zu  dem  Thalbecken  von  Haris  hinabströmen.  Durch  diese  beherrschende
Stellung  glaubte  der  Fürst,  Mapoleon  zum  Abschlusse  des  Friedens  nötigen
zu  können.  Und  wirklich  wurde  diesem  nochmals  Frieden  angeboten,
wenn  er  mit  Frankreich  in  seinen  alten  Grenzen  sich  begnügen  wolle.
In  Chatillon  trat  dieser  Friedenskongreß  zusammen.  Allein  Kaiser
Alexander  und  König  Friedrich  Wilhelm  setzten  es  durch,  daß  während
der  Derhandlungen  die  Waffen  nicht  ruhten.  Schwarzenberg  erhielt  den
Befehl,  nachdem  er  in  Langres  eine  Woche  verloren  hatte,  sich  in  der
Richtung  der  Aube  wieder  in  Marsch  zu  setzen.  Su  seiner  UÜberraschung
fand  er,  daß  Blüchers  Armee  auf  demselben  Wege  nur  einen  Tagemarsch
  vor  ihm  stand.  So  traf  diesen,  der  von  Brienne  aus  an  der
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        In  großen  Tagen.  79

Aube  abwärts  die  Richtung  auf  Paris  innehielt,  der  erste  Vorstoß.
Napoleons.  Brienne  ging  verloren;  zwar  gewann  er  am  späten  Abend
die  Stadt  zurück,  aber  das  Schloß  von  Brienne  blieb  in  der  Hand  der
Franzosen.  Indes  zwei  Tage  später  ging  Blücher,  nachdem  er  Ver—
stärkungen  an  sich  herangezogen,  bei  La  Rothiere  selbst  zum  Angriff
über.  Die  verbündeten  Monarchen  begaben  sich  selbst  aufs  Schlachtfeld-Den
  König  Friedrich  Wilhelm  begleiteten  seine  Söhne,  denen  er  nun,
soweit  das  Schneegestöber  die  Übersicht  verstattete,  über  den  Zweck  und
die  Bedeutung  jeder  Truppenbewegung  Aufschluß  gab.  Auch  am  folgenden
  Tage,  wo  sich  ein  Nachhutsgefechi  bei  Rosnax  mit  den  sich  zurückziellenden
  Franzosen  entwickelt  hatte,  ritten  die  jungen  Hrinzen  wieder
hinaus,  während  der  Flügeladjutant  des  Königs,  Oberst  von  Ratzmer,
ihnen  über  die  Wendungen  des  Gefsechts  die  nötigen  kriegswissenschaftlichen
  Erklärungen  gab.  Dabei  aber  gerieten  sie  in  ihrem  Eifer,  alles
deutlich  zu  erkennen,  selbst  in  den  Bereich  des  feindlichen  Feuers.

Aber  auch  sonst  war  der  König  darauf  bedacht,  das  militärische
Urleil  seiner  Söhne  durch  die  eigene  Anschauung  zu  bilden.  Denn
zwischen  dem  Ernste  des  Feldzuges  und  dem  Ererzierplatz  bleibt  stets  ein
großer  Unterschied.  Er  nahm  sie  zu  militärischen  Ausflügen  und  Besichtigungen
  mit  oder  beauftragte  Matzmer,  wenn  er  selbst  verhindert
war,  sie  zu  begleiten.  Uberhaupt  diente  der  Aufenthalt  im  Hauptquartier
der  verbündeten  Wonarchen  sehr  dazu,  den  Blick  des  jungen  DHrinzen
Wilhelm  zu  erweitern:  in  den  Mittelpunkt  der  großen  Begebenhkeiten
gestellt,  kam  er  nicht  nur  mit  allen  bedeutenden  Hersönlichkeiten  in  viel.
fache  persönliche  Berührungen,  sondern  sah  auch,  wie  aus  widersprechenden
  Urteilen  schließlich  die  entscheidende  Ansicht  sich  herausbildete.  Dabei
kam  ihm  zu  statten,  daß  die  Reserve,  welche  man  seinem  Bruder  als  dem
Kronprinzen  gegenüber  zu  beobachten  hatte,  bei  ihm,  dem  nackhgeborenen
Orinzen,  immerhin  mehr  in  Wegfall  kam.  So  wurde  der  Feldzug  eine
Schule  der  Oraxis  für  ihn,  ohne  daß  er  sich  selbst  voll  dessenbewußt  war.

Rapoleon  aber  hatten  unterdessen  die  Erfolge,  die  er  im  Lebruar
an  der  Marne  über  die  einzelnen  Corps  der  Blücherschen  Armee  errungen,
  wieder  sehr  zuversichtlich  gemacht.  Er  verwarf  den  Waffenstillstand,
  den  ihm  Schwarzenberg  zur  Einleitung  des  Friedensschlusses  anbot,
ohne  weiteres,  nahm  vielmehr  gegen  die  Schwarzenbergsche  Armee  eine
so  drohende  Kaltung  an,  daß  diese  bis  Bar  an  der  Aube  vor  ihm  zurückwich.
  Da  aber  rief  Blüchers  kühnes  Vorgehen  den  allzu  Dreisten  wieder
an  die  Marne  zurück,  so  daß  er  nur  ein  Corps  Schwarzenberg  gegenüber
zurückließ.  Jetzt  bestand  König  Friedrich  Wilhelm  darauf,  daß  nicht
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        80  Fünftes  Napitel.

weiter  zurückgegangen,  sondern  ein  Angriff  auf  das  französische  Corps
unternommen  würde.  Dem  konnte  Schwarzenberg  sich  nicht  entziehen
und  bestimmte  auf  den  folgenden  Tag  —  den  27.  Februar  —  den  Angriff.

Am  Morgen  um  7  Uhr  beschied  daber  König  Friedrich  Wilhelm  seine
beiden  Söhne  zu  sich:  „Wir  haben  heute  Bataille",  sagte  er  zu  ihnen.  „.Reitet
voraus;  ich  komme  nach.  Exponiert  euch  nicht  unnütz!  Dersteht  ihr  mickh  “

Sobald  indessen  die  Hrinzen  das  Corps  des  Generals  Wittgenstein
erreicht  hatten,  traf  auch  der  König  in  seiner  kleinen  Felddroschke  dort
ein.  Er  stieg  zu  Pferde  und  begleitete  das  gegen  Bar  vorrückende  Torps
bis  in  seine  Stellung.

In  steilwandiger  Schlucht  durchschneidet  das  Thal  der  Aube  das  Gelände.
  Swei  russische  Jägerregimenter  besetzten  die  Weinberge,  welche
den  diesseitigen  Thalrand  einnahmen.  Den  jenseitigen,  erbeblich  Böheren
Thalrand  indessen  hatten  die  Franzosen  inne.  Sie  konnten  demnach  von
ibren  Stellungen  aus  deutlich  wahrnehmen,  daß  die  Russen  ohne  Geschütz
waren,  auch  keine  Unterstützung  hbinter  sich  batten.  Alsbald  stürmten  sie
daher  in  die  Schlucht  hinab  und  erklommen  den  steilen  Rand  der  Weinberge.
  Es  gelang  ihnen  auch,  die  völlig  überraschten  russischen  Jäger
aus  den  Weinbergen  auf  die  dahinter  liegende  Hochfläche  zurückzutreiben.
In  diesem  kritischen  Augenblicke  indessen  kam  den  Russen  die  Hilfe,  deren
sie  bedurften.  Es  war  die  Kolonne  des  Fürsten  Gortschakow,  bestehend
aus  den  russischen  Infanterieregimentern  Kaluga  und  Mohilew  und  dem
Kürassierregiment  Oskow.  Sie  war  schon  in  der  Morgenfrühe  aufgebrochen
  und  zwei  Stunden  marschiert,  um  rechtzeitig  in  die  Schlacht  eingreifen
  zu  können.  Jetzt  ritt  ihr  der  König  mit  den  Orinzen  entgegen,
um  sie  zur  Eile  anzutreiben.  Er  setzte  sich  selbst  an  den  rechten  Flügel
der  Kürassiere  und  führte  sie  im  Trabe  gegen  die  Weinberge  vor,  während
  die  Infanterieregimenter  sich  noch  entwickelten  und  die  Jäger  weiter
zurück  sich  wieder  sammelten.  Allein  in  ein  Gelände,  wie  die  Weinberge
es  waren,  vermochten  die  Kürassiere  nicht  einzudringen,  während  die
Franzosen  in  dem  steinigen,  mit  HOfählen  und  Weinreben  bedeckten  Boden
leicht  Deckung  fanden  und  durch  heftiges  Gewehrfeuer  die  Russen  abzuwehren
  suchten.  Dicht  umflogen  ihre  Kugeln  den  König;  doch  er  achtete
dessen  nicht.  Da  hielt  es  Oberst  von  Thile  für  seine  Oflicht,  sich  mit
seinem  Pferde  vor  den  König  zu  werfen  und  ihn  zu  beschwören,  daß  er
nicht  unnütz  der  Gefahr  sich  hier  aussetze.

Langsam  ritt  der  König  mit  den  Kürassieren  zurück,  während  das
Regiment  Kaluga  in  einiger  Entfernung  bei  ihm  vorübermarschierte  und
sofort  zusammen  mit  den  Zägern  mit  Ungestüm  die  Franzosen  in  den
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        In  großen  Cagen.  81

Weinbergen  angriff,  so  daß  bald  zahlreiche  Verwundete  von  dort  zurück.
kamen.  „Reite  einmal  zurück“,  wandte  er  sich  an  den  Hrinzen  Wilhelm,
„und  erkundige  dich,  was  das  für  ein  Regiment  ist,  und  von  welchem
Regiment  die  vielen  Blessierten  sind,  die  sich  jeden  Augenblick  mehren!“

Sofort  warf  der  junge  Hrinz  sein  Pferd  herum  und  sprengte  zu
den  fechtenden  Bataillonen  an  den  Weinbergen  zurück,  von  wo  die  Derwundeten
  herkamen.  Ganz  unbefangen,  als  ob  ihn  gar  keine  Kugel

Prinz  Wilhelm  bei  Par-sur--Kube  am  27.  Febrnar  1814.

treffen  könnte,  erkundigte  er  sich  nach  dem  Namen  des  Regiments,  überzählte
  die  Derwundeten  und  meldete  dann,  was  er  gesehen  und  gehört.
Der  König  sagte  kein  Wort;  seine  Umgebung  sah  mit  Anteil  auf  den
Orinzen,  der  gar  nicht  zu  wissen  schien,  in  welcher  Gefahr  er  sich  befunden
  hatte;  Oberst  von  kuck  reichte  ihm  herzlich  die  Hand.

Man  meldete  dem  Kaiser  Alexander  den  Dorgang,  wie  kaltblütig
Orinz  Wilhelm  die  Attacke  des  Kürassierregiments  Oskow  mitgemacht
und  danach  sich  bei  der  russischen  Infanterie  im  Feuer  befunden  habe.
Er  drückte  ihm  seine  Anerkennung  aus,  indem  er  ihm  am  5.  März  den
St.  Georgsorden  vierter  Klasse  verlieh:  die  erste  militärische  Auszeichnung,

Kaiser  Wilhelm.  6
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        82  Fünftes  Kapitel.

die  dem  Prinzen  Wilhelm  zu  teil  wurde.  Gewiß  wird  das  für  den  jungen
Prinzen  eine  Freude  gewesen  sein;  allein  eine  größere  war  es  ohne
Oweifel  für  ihn,  daß  ihm  sein  königlicher  Vater  selbst  am  10.  März  das
Eiserne  Kreuz  zweiter  Klasse  überreichte.  Am  10.  März  1815,  dem  Geburtstage
  der  Königin  Luise,  hatte  der  König  als  einzige  Auszeichnung
für  den  anbebenden  „beiligen“  Krieg  das  Eiserne  Kreuz  gestiftet;  und
jetzt  am  ersten  Jahrestage  der  Stiftung  ließ  er  es  die  Brust  des  Sohnes
der  verklärten  Fürstin  schmücken,  zu  doppelter  schmerzlich-freudiger  Erinnerung.
  „Nun  versteh'  ich  erst“,  meinte  Drinz  Wilhelm,  als  die  zwiefache
  Anerkennung  ihm  so  zu  teil  wurde,  „warum  mir  der  Oberst  Luck
die  Kand  gedrückt  und  warum  die  andern  so  vielsagend  gelächelt  haben.“
So  wenig  war  ihm  der  todverachtende  Adjutantenritt  als  etwas  Besonderes
vorgekommen!  Die  Erinnerung  an  jene  Ereignisse  aber  lebte  unauslöschlich
  in  seinem  Rerzen,  und  als  längst  die  glänzendsten  der  militärischen  im
Dienst  erhaltenen  Auszeichnungen  seine  Brust  schmückten,  als  er  große
Schlachten  geschlagen  und  gewaltige  Feldzüge  siegreich  geführt  hatte,  trug
der  Kaiser  noch  immer  jene  beiden  kleinen  mit  der  Seit  noch  unscheinbarer
  gewordenen  Kreuze,  die  er  bei  Bar-sur-Aube  sich  verdiente.

Auf  diese  Weise  verknüpfte  sich  der  Name  des  Hrinzen  Wilhelm
mit  dem  des  Regiments  Kaluga.  Unter  den  Augen  des  Hrinzen  und  seines
königlichen  Daters  entschied  das  Regiment  um  4  Uhr  nachmittags  durch
die  Erstürmung  der  letzten  bebherrschenden  Anhöhe  die  Schlacht  von  Bar,
und  4  Jahre  später  ernannte  Kaiser  Alexander  den  tapferen  Hrinzen
zum  Chef  des  tapferen  Regiments.  «

Machte  indes  auch  König  Friedrich  Wilhelm  zu  seinem  Sohne  nicht
viel  Worte  über  die  Unerschrockenheit,  die  er  an  den  Tag  gelegt,  so
schrieb  er  doch  den  königlichen  Kindern  in  Berlin  davon.  Und  Prinzeß
Charlotte  schrieb  nun  den  Prinzen  nach  Frankreich  einen  Brief,  in  dem
sich  der  ganze  Stolz  der  Geschwister  auf  den  Bruder  aussprach.

Unterdessen  neigte  der  gewaltige  Kampf  sich  seinem  Ende  zu.  Suerst
  Blücher,  dann  auch  Schwarzenberg  brachen  sich  freie  Bahn.  Der
Versuch  Mapoleons,  durch  einen  Gstmarsch  die  verbündeten  Beere  von
Paris  abzuziehen,  mißlang;  am  24.  März  hielten  die  Monarchen  mit
ihren  Beerführern  auf  einer  Anhöhe  in  freiem  Felde  unweit  des  Städtchens
  Vitry  Rat:  der  Beschluß  war,  jetzt  direkt  auf  Haris  loszumarschieren
und  Napoleon  nur  eine  starke  Kavallerieabteilung  nachzusenden.  Die
Rand  sich  reichend,  trennten  sich  die  Beratenden.  Hrinz  Wilhelm  und
der  Kronprinz  gingen  jetzt  auf  den  König  zu  und  fragten  ihn  eifrig:
„Geht's  nach  Darisd“  „Naseweise  Frage!“  antwortete  ihnen  der  König;
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        In  großen  Tagen.  83

aber  er  sah  dabei  so  vergnügt  aus,  daß  seine  Miene  gar  nicht  zu  der
Abweisung  stimmen  wollte.  Und  als  die  Prinzen  nun  ganz  verdutzt  ihn
ansahen,  da  neigte  er  sich  zu  ihnen  und  sagte  ihnen  leise,  was  sie  wissen
wollten.  Denn  auch  der  Kaiser  von  GEsterreich  hatte  jetzt  die  Sache  seines
kaiserlichen  Schwiegersohnes  aufgegeben  und  sich  nach  Dijon  zurückgezogen.

In  wenigen  Tagen  langten  jetzt  die  siegreichen  Heere  vor  Haris
an,  brachen  vor  den  Thoren  von  Haris  den  letzten  Widerstand,  der  sich
ihnen  entgegenstellte:  und  am  51.  März  hielten  die  Sieger  ihren  Einzug
in  die  französische  Hauptstadt.  Unmittelbar  hinter  den  Beherrschern  von
Hreußen  und  Rußland  ritt  Hrinz  Wilhelm  mit  dem  Kronprinzen  und  seinem
Vetter,  dem  Hrinzen  Friedrich,  einen  Buchsbaumzweig  an  den  Cschako  gesteckt
und  eine  weiße  Feldbinde  um  den  linken  Arm.  Der  Einzug  ging  durch
die  Dorstadt  St.  Martin,  die  Bonlevards  hinab  über  den  Konkordienplatz,
wo  TLudwig  XVI.  Bingerichtet  worden  war,  nach  den  Elvsäischen  Feldern,
in  deren  breiter  Mittelallee  die  Monarchen  den  Vorbeimarsch  ihrer  Armeen
abnahmen.  Mehrere  Stunden  dauerte  die  Harade,  welche  die  Hariser  mit
jauchzenden  Surufen  an  die,  welche  von  der  verhaßten  Gewaltherrschaft
sie  befreit  hätten,  begleiteten.  An  den  Biwaks  in  den  Elrsäischen  Feldern
schlossen  sie  schnell  Freundschaft  mit  den  bärtigen  Gardekosaken  und  mit
den  gutmütigen  Grenadieren  der  preußischen  Garde.  Jetzt  schwärmte  die
ganze  Bevölkerung  von  Haris  für  die  Derbündeten  und  schimpfte  auf  Mapoleon,
dem  die  kleine  Insel  Elba  als  souveränes  Fürstentum  überlassen  wurde.

Drinz  Wilhelm  erhielt  seine  Wohnung  in  dem  Halaste  der  Ehren—
legion  in  der  Straße  Bourbon,  in  welcher  auch  der  König  in  dem  Halaste
des  Dizekönigs  von  Jtalien  wohnte.

Von  allen  Seiten  war  man  bestrebt,  den  „Befreiern“  den  Aufenthalt
  in  Haris  so  angenehm  wie  möglich  zu  gestalten.  Rauschende  Feste
wurden  ihnen  zu  Shren  veranstaltet,  und  wo  sie  sich  zeigten,  begegnete
man  ihnen  mit  Auszeichnung.  Hrinz  Wilhelm,  der  bisher  in  vergleichsweise
  einfachen  Verkältnissen  gelebt  hat,  war  bedacht  zu  sehen  und  zu
Uören,  sich  zu  bilden  und  zu  urteilen.  So  wurden  diese  zwei  Monate  in
Daris  in  manchem  Betracht  für  ihn  zu  einer  anregenden  Förderung.  Er
besuchte  zusammen  mit  dem  Uönige  öffentliche  Anstalten  der  Barmherzigkeit
  und  des  Gewerbefleißes.  Er  bewegte  sich  in  den  Salons  der  Welt—-stadt,
  in  denen  noch  mannmigfaltiger  als  sonst  die  vornehme  Gecsellschaft
wogte.  Räufig  und  lange  weilte  er  in  den  Museen,  die  damals  noch  alle
Berrlichen  Kunstschätze,  von  Mapoleon  aus  der  ganzen  Welt  zusammengeraubt,
  enthielten.  Auch  die  hervorragendsten  Theater  besuchte  er.  In
der  Nationalbibliothek  erregte  sein  Interesse  besonders  ein  Exemplar  von

6*
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        84  Fünftes  Kapitel.

Ciceros  Schrift  „über  die  Pflichten“,  das  mit  Randbemerkungen  des  Grafen
von  Drovence  (Cudwigs  XVIII.)  versehen  war.  Von  Ancillon  begleitet,
besuchte  er  eine  Vorlesung  des  berühmten  Historikers  Cacretelle,  wohnte
auch  einer  Sitzung  des  Gesetzgebenden  Körpers,  der  Akademie  der  Inschriften
und  einer  Kriminal-Gerichtsverhandlung  bei.  Er  fuhr  auch  hinaus  zu
dem  Magdalenenkirchhofe,  auf  dem  die  Gebeine  des  unglücklichen  Königs
Ludwig  XVI.  und  seiner  Gemahlin  Marie  Antoinette  beigesetzt  waren.

So  war  es  eine  Fülle  ergreifender  und  bedeutender  Eindrücke,  die
der  junge  Prinz  Wilhelm  —  am  50.  Mai  zum  Major  ernannt  —  von
Paris  mit  sich  nahm;  sie  wurde  noch  vergrößert  und  erweitert,  durch
das,  was  Condon,  was  England  gleich  danach  ihm  bot.  Der  Prinz—
regent  von  England  hatte  die  siegreichen  Monarchen  mit  ihren  ruhm—
bekränzten  Feldherren  zu  einem  Besuche  des  Inselreiches  mit  dringender
Herzlichkeit  eingeladen.  Wohl  war  dem  Könige  Friedrich  Wilhelm  alles
Schaugepränge  in  der  Seele  zuwider,  aber  diese  Einladung  glaubte  er
doch  nicht  ablebnen  zu  können,  ja  er  redete  auch  dem  Fürsten  Blücher
zu,  sie  anzunehmen.  „Blücher"“,  sagte  er  zu  ihm,  wie  dieser  an  einen
Freund  schreibt,  „Sie  müssen  reisen,  das  läßt  sich  nicht  ablehnen.“  Die
Drinzen  aber  werden  gewiß  sehr  gern  die  Festfahrt  im  Gefolge  des
Königs  mitgemacht  haben.  Am  7.  Juni  trafen  sie  in  Condon  ein  und
wohnten  dort  in  dem  Halaste  von  St.  James.  ·

Der  Aufenthalt  in  London  war  ein  Triumphzug;  Tag  für  Tag
fanden  die  glänzendsten  Festlichkeiten  statt.  Zesuche  bei  der  englischen
Königsfamilie,  ein  feierliches  Kapitel  des  Hosenbandordens,  Wettrennen
bei  Ascott,  Festgottesdienst  in  der  Westminsterkirche,  Festvorstellungen  in
den  Theatern,  festliche  Zewirtungen  und  Bälle,  Besichtigungen  der  öffentlichen
  Anstalten  für  militärische  und  seemännische  Swecke  folgten  ohne
Unterbrechung  aufeinander,  und  allenthalben  waren  auch  die  drei  jungen
preußischen  Orinzen  dabei,  denen  der  General  Stewart  als  Führer  und
Begleiter  zugewiesen  war.  Auch  Oxford  wurde  besucht,  wo  die  Universität
  die  beiden  Monarchen  zu  Ehrendoktoren  ernannte.  Es  war,  als
wenn  England  sich  gar  nicht  genug  thun  könnte,  seine  Gäste  recht  zu  feiern;
so  groß  war  der  Wetteifer,  den  die  Engländer  in  allem  an  den  Tag
legten.  Wo  nur  die  Fürsten  oder  die  Feldherren  erschienen,  da  erdröhnte  Jubelgeschrei
  aus  Tausenden  begeisterter  Kehlen.  Denn  die  ehrliche  Begeisterung
des  englischen  Dolkes,  die  aufrichtige  Rerzlichkeit,  die  es  zeigte,  war  es  vor
allem,  was  auf  die  fremden  Gäste  so  wohltbuenden  Eindruck  machte.

Das  gab  auch  für  den  Hrinzen  Wilhelm  den  großen  Tagen  des  Befreiungskrieges
  durch  den  Besuch  in  England  einen  festlich-schönen  Abschluß.
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        Sechstes  Kapitel.
Vom  Jüngling  zum  Mann.

Fast  ebenso  lange  wie  die  Königskrone  hatten  die  Hohenzollern  in
der  Schweiz  das  Fürstentum  Neuenburg  (Teufchatel)  besessen,  bis  es  durch
den  Schönbrunner  Vertrag  ihnen  verloren  gegangen  war.  In  Condon
ward  nun  eine  Übereinkunft  getroffen,  daß  es  dem  Könige  von  Preußen
ohne  weiteres  jetzt  freistehen  sollte,  es  wieder  in  seinen  Besitz  zu  nehmen.
Sobald  daher  der  König  von  London  nach  Haris  zurückgekehrt  war,  beschloß
  er,  in  die  Schweiz  zu  reisen,  um  die  Verhältnisse  Neuenburgs  selbst
zu  ordnen.  Er  reiste  inkognito  unter  dem  Namen  eines  Grafen  von
Ruppin.  Der  Prinz  Wilhelm  begleitete  ihn,  während  der  Kronprinz  und
Prinz  Friedrich  über  Brüssel  und  Amsterdam  nach  Berlin  zurückkehrten.

Mit  Freuden  empfingen  die  Neuenburger,  ein  biederes,  auf  seine
alten  Freiheiten  eifersüchtiges  Volk,  ihren  angestammten  Herrscher,  den
die  Herzlichkeit,  die  ihm  entgegengetragen  wurde,  sichtlich  bewegte.  Auch
die  Jugend  war  am  Eintritte  in  die  Stadt  Neuenburg  zur  Begrüßung
aufgestellt.  Zwei  junge  Mädchen  schmückten  den  Wagen  des  Königs
mit  Blumengewinden.  Der  Monarch  fragte  sie,  wer  sie  wären.  An
ihrer  Stelle  antwortete,  auf  die  ganze  Schar  hinweisend,  ein  Bürger  der
Stadt:  „Sire,  das  sind  unsere  Kinder,  die,  so  Gott  will,  die  Schuld  der
Dankbarkeit  ihrer  Eltern  abtragen  sollen!“  Wenn  es  nur  geschehen  wäre!

In  feierlicher  Sitzung  in  dem  Staatsrate  des  Ländchens  empfangen,
verlieh  der  König  Neuenburg  eine  neue  Verfassung,  die,  schon  in  London
entworfen,  das  Derhältnis  Teuenburgs  zur  Schweizer  Eidgenossenschaft
regelte  und  die  alten  Gerechtsame  des  Landes  bestätigte.

Ticht  weit  von  Meuenburg  liegt  das  kleine  Städtchen  Colombier.
Rier  verlebte  bei  ihrem  Bruder,  einem  Geistlichen,  Mademeiselle  Gelieux,
die  Erzieherin  der  Königin  TLuise,  ihren  Lebensabend.  Durch  seinen  Besuch
  zusammen  mit  dem  Hrinzen  Wilhelm  überraschte  und  beglückte  sie
der  König:  lange  verweilten  sie  in  Erinnerungen  an  die  frühverklärte
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        86  Sechstes  Kapitel.

Königin,  die  ihnen  allen  so  teuer  gewesen.  Dann  gab  der  König  der
greisen  Freundin  zum  Andenken  einen  kostbaren  Shawl,  den  einst  die
Königin  getragen,  und  den  er  dann  in  treuem  Gedenken  stets  in  seinem
Simmer  bei  sich  behalten  hatte.  Und  nach  dem  Abbschiede  sandte  er  ihr
200  Friedrichsdors.

Am  folgenden  Tage  besuchte  der  König  mit  dem  Hrinzen  Valengin
und  Chaux  de  Fonds.  Die  Einwohner,  durch  ihre  Uhrenfabrikation  berühmt,
  überreichten  mehrere  kunstvolle  Uhren.  Orinz  Wilhelm  erhielt
eine  kostbare,  goldene  Repetier-Uhr,  die  er  sehr  in  Ehren  hielt:  bis  an
sein  Lebensende  hatte  sie  an  seinem  Bette  ihren  Hlatz.

Alle  diese  freundlichen  Eindrücke  bestimmten  den  König,  noch  etwas
länger  in  der  Schweiz  zu  verweilen,  um  den  jungen  Hrinzen  Wilhelm
noch  einen  Blick  in  die  Wunderwelt  der  Hochalpen  thun  zu  lassen.  Ein
Ausflug  in  das  Berner  Oberland  —  wohl  das  schönste  Alpengebiet  —
wurde  beschlossen.  Herr  von  Hourtales,  bei  dem  der  König  während  der
Reuenburger  Tage  gewohnt  hatte,  jetzt  in  den  Grafenstand  erhoben,
machte  den  bergkundigen  Führer.  So  ging  denn  die  Fahrt  zuerst  nach
Grindelwald,  wo  in  dem  Pfarrhause  übernachtet  wurde.  Dann  aber
wurde  der  Bergstock  in  die  Hand  genommen  und  nun  nach  Lauterbrunnen
gewandert,  wo  duftig  zart  der  Staubbachfall  von  himmelhohen  Felsen
herunterweht.  In  Interlaken  sahen  die  erlauchten  Wanderer  die  weiß
schimmernde  Spitze  der  Jungfrau  —  ein  unvergeßliches  Bild  —  hoch
am  blauen  Rimmel  vor  sich  aufragen.  Das  Eisthor  des  Grindelwald-Gletschers
  wurde  besucht  und  dann  an  der  Aare  aufwärts  ins  GOberhasli-Thal
  binaufgestiegen.

Was  für  Eindrücke,  großartig  und  anmutig  zugleich,  nahm  Orinz
Wilhelm  von  hier  mit  sich,  als  gegen  Ende  des  Zuli  die  Beimreise
angetreten  wurde!  Denn  zum  5.  August,  seinem  Geburtstage,  wüncschte
der  König  bei  den  Seinen  in  Hotsdam  einzutreffen.  Keine  Stadt,  in
welcher  der  König  auf  der  Reise  weilte,  wollte  es  sich  nehmen  lassen,
dem  Fürsten,  der  am  meisten  dazu  beigetragen  hatte,  Deutschland  aus  der
französischen  Gewaltherrschaft  zu  erlösen,  in  feierlichen  Empfangsfestlichkeiten
  ihre  ZKuldigung  darzubringen.  Mit  leisem  Unmut  —  denn  jede
Demonstration  war  ihm  unbehaglich  —  ließ  er  alles  über  sich  ergehen.
Den  nichtpreußischen  Städten  wollte  er  immerhin  noch  einige  Berechtigung
zugestehen.  „Gottlob,“  sagte  er  daher,  als  der  Reisewagen  aus  dem  Thor
Magdeburgs  hinausfuhr,  „Gottlob,  nun  haben  wir  es  endlich  überstanden!“
Als  man  ihn  aber  auch  in  Burg,  der  ersten  preußischen  Stadt,  mit  lärmenden
  Freudenbezeigungen  empfing,  wollte  er  keinen  Grund  mehr  gelten
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        Vom  Jüngling  zum  Mann.  87

lassen.  „Barmherziger  Gott!“  sagte  er  zu  seinem  neben  ihm  sitzenden
Sohne:  „Nun  fängt  der  Spektakel  doch  wieder  an!“  In  einer  Tour
fuhr  er  daher,  um  in  Potsdam  jedem  Empfange  vorzubeugen,  von  ittenberg
  bis  Potsdam,  sodaß  er  dort  schon  am  Spätabend  des  5.,  nicht  —
wie  man  ihn  erwartete  —  am  4.  August  eintraf.

Die  älteren  königlichen  Kinder  befanden  sich  auf  einem  Ball,  durch
den  der  Geburtstag  des  Königs  gefeiert  wurde.  Als  man  ihnen  die
unerwartete  Ankunft  des  Königs  meldete,  eilten  sie  sofort  alle  herbei,
Vater  und  Bruder  zu  begrüßen.  Die  Freude  aller  war  groß;  in  tiefer
Bewegung  drückte  der  König  die  lange  entbel#rten  Kinder  an  sein  Herz.
Aber  vor  dem  Hrinzen  Wilhelm  wichen  die  beiden  Kleinsten  schen  zurück:
sie  erkannten  den  Bruder  nicht;  so  sehr  war  der  früher  zarte  Jüngling
in  den  neun  Wonaten  der  Trennung  gewachsen,  männlich  erstarkt  und
von  Cuft  und  Sonne  gebräunt.  Und  was  hatte  er  inzwischen  alles
erlebt:  dem  Schlachtgetöse  die  Stirn  geboten,  im  unruhig  hastenden  Getümmel
  der  ersten  Städte  der  Welt  sich  bewegt,  die  feierliche  Majestät,
des  Hochgebirges  empfunden!  Und  Shrenzeichen  schmückten  seine  Brust
zu  denen  noch  an  demselben  Abend  des  5.  August  der  König  die  Kriegsdenkmünze
  für  1814  fügte.

Unterdessen  hatte  Berlin  sich  für  den  festlichen  Siegeseinzug  des
Königs  und  der  Armee  vorbereitet  und  geschmückt.  Aber  tags  vorber
kam  der  König  unvermutet  von  der  OÖfaueninsel  nach  Berlin.  Halb
Berlin  sammelte  sich  vor  dem  königlichen  Dalais  und  begrüßte  den  König
mit  jubelnder  Begeisterung  nach  der  langen  Trennung.  Er  hatte  erreicht,
was  er  wollte:  daß  der  festliche  Empfang  des  folgenden  Tages  ausschließlich
  seiner  Armee  galt.  So  zog  er  denn  am  7.  August  mit  seiner  ruhmbekränzten
  Armee  in  Berlin  ein,  an  der  Spitze  die  gefeierten  Feldberren,
die  den  Sieg  an  die  preußischen  Fahnen  geknüpft.  Und  mächtig  ergreifend
  klang  das  Tedeum  vom  Lustgarten  her  über  die  Stadt.

In  Wien  versammelten  sich  jetzt  die  Fürsten  und  Staatsmänner
Europas,  um  eine  Neuordnung  der  politischen  Derhältnisse  des  Erdteils
zu  beraten.  Dorthin  begab  sich  auch  König  Friedrich  Wilhelm,  begleitet
von  Kardenberg  und  Wilhhelm  von  Humboldt.  Und  Hrinz  Wilhelm?
Ihm  hatte  der  König  vor  der  Abreise  in  dem  Obersten  von  Brause
wieder  einen  Gouverneur  gegeben  und  den  Hofprediger  Shrenberg  beauftragt,
den  Hrinzen  zur  Konfirmation  vorzubereiten.  Das  war  für  diesen  eine  nicht
leichte  Aufgabe,  nach  den  großen  Erlebnissen  des  vergangenen  Jahres  die
unscheinbaren  Oflichten  eines  Schülers  zu  erfüllen;  aber  er  unterzog  sich
ihnen  mit  der  Hünktlichkeit  und  Gewissenhaftigkeit,  die  stets  ihm  eigen  war.
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        88  Sechstes  Kapitel.

Das  höbere  Alter,  in  dem  sich  Prinz  Wilhelm  befand,  und  die
Gereiftheit  seines  Wesens  befähigten  ihn,  mit  eigenem  Urteil  aufzunehmen,
  was  Ehrenberg  ihm  bot,  und  über  die  besonderen  Pflichten
seines  Standes  und  seiner  Stellung  sich  klar  zu  werden.  Sein  Glaubensbekenntnis,
  von  ihm  selbst  entworfen  und  ausgeführt,  zeigt,  wie  genau
er  die  Oflichten,  nicht  die  Rechte,  zu  erfassen  bemüht  ist  —  und  das
ist  charakteristisch  für  seine  ganze  Lebensanschauung  bis  in  das  höchste
Alter  binein.

In  der  Schloßkapelle  in  TCharlottenburg  fand  am  8.  Juni  1815  die
Konfirmation  des  Hrinzen  Wilhelm  statt.  Der  König  und  die  ganze
königliche  Familie  wohnten  der  feierlichen  Handlung  bei.  Mit  klarer
Stimme  las  der  Hrinz  sein  Bekenntnis  wie  seine  Lebensgrundsätze:  „Ich
erkenne  es  mit  dankbarem  Herzen  für  eine  große  Wohlthat,  daß  mich
Gott  in  einem  hohen  Stande  hat  lassen  geboren  werden,  weil  ich  in  demselben
  mehr  Mittel,  meinen  Geist  und  mein  Berz  zu  bilden,  ein  reiches
Dermögen,  außer  mir  Gutes  zu  stiften,  besitze.  Ich  freue  mich  dieses
Standes  —  nicht  um  der  Auszeichnung  willen,  die  er  mir  unter  den
Menschen  verleiht,  auch  nicht  um  der  Genüsse  willen,  die  sich  mir  in
demselben  darbieten,  sondern  um  deswillen,  daß  ich  in  demselben  mehr
leisten  und  wirken  kann.  Ich  freue  mich  meines  Standes  in  Demut  und
bin  weit  entfernt,  zu  glauben,  Gott  habe  mir  hier  einen  Dorzug  vor
andern  geben  wollen,  auch  weit  entfernt,  mich  meines  höhern  Standes
wegen  für  besser  zu  halten.  Mein  fürstlicher  Stand  soll  mich  immer  an
die  größeren  Derpflichtungen,  die  er  mir  auflegt,  an  die  größeren  Anstrengungen,
  die  er  von  mir  fordert,  und  an  die  größeren  Dersuchungen,
mit  denen  ich  zu  kämpfen  habe,  erinnern.  Ich  will  nie  vergessen,  daß
der  Fürst  doch  auch  Mensch  —  vor  Gott  nur  Mensch  ist,  und  mit  dem
Geringsten  im  Volke  die  Abkunft,  die  Schwachheit  der  menschlichen  Ratur
und  aller  Bedürfnisse  derselben  gemein  hat,  daß  die  Gesetze,  welche  für
andere  gelten,  auch  ihm  vorgeschrieben  sind,  und  daß  er,  wie  die  andern,
einst  über  sein  Derhalten  wird  gerichtet  werden.

Mir  soll  alles  heilig  sein,  was  dem  Menschen  heilig  sein  muß.

Ich  will  dem  Glauben  der  Christen,  für  den  ich  mich  in  diesen
Tagen  bekenne,  immer  getren  bleiben,  ihn  jederzeit  in  Ehren  halten  und
mein  Berz  immer  mehr  für  ihn  zu  erwärmen  suchen.

Dem  höchsten  Wesen  bin  ich  die  tiefste  Shrfurcht  schuldig.  Ich  will
sie  in  meinem  Herzen  bewahren,  in  meinen  Worten  und  Werken  blicken
lassen.  Mein  Fürstenstand  soll  mich  nicht  verbindern,  demütig  zu  sein  vor
meinem  Gott.
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        Vom  Jüngling  zum  Mann.  89

Bei  allem  Guten,  welches  mir  zu  teil  wird,  will  ich  dankbar  auf
Gott  blicken,  und  bei  allen  Übeln,  die  mich  treffen,  will  ich  mich  Gott
unterwerfen,  fest  überzeugt,  daß  er  überall  mein  Bestes  beabsichtigt.

Auf  Gott  will  ich  unerschütterlich  vertrauen,  ihm  alles  anheimstellen
und  mir  im  Glauben  an  seine  Vorsehung  einen  getrosten  Mut  zu  er—
halten  suchen.

Meines  Gottes  will  ich  überall  gedenken,  an  ihn  will  ich  in  allen
Angelegenheiten  mich  wenden,  und  es  soll  mir  eine  süße  Pflicht  sein,  im
Gebete  mit  ihm  meine  Seele  zu  vereinigen.  Ich  weiß,  daß  ich  ohne  ihn
nichts  bin  und  nichts  vermag.

Ich  will  mich  vor  allem  hüten,  wodurch  ich  mich  als  Mensch  erniedrigen
  würde;  als  Fürst  würde  ich  mich  dadurch  noch  weit  mehr  er—
niedrigen.  Vorzüglich  will  ich  die  Sünden  der  Unmäßigkeit  und  Wollust,
welche  die  tiefste  Erniedrigung  der  menschlichen  Natur  sind,  vermeiden.
Nie  aber  will  ich  glauben,  mich  durch  eine  edle  Handlung  zu  erniedrigen.

Ich  will  an  meiner  Geistes=  und  Herzensbildung  unablässig  arbeiten,
damit  ich  als  Mensch  und  als  Fürst  einen  immer  höhern  Wert  erlange.

Ich  weiß,  was  ich  als  Mensch  und  als  Fürst  der  wahren  Ehre
schuldig  bin.  Nie  will  ich  in  Dingen  meine  Ehre  suchen,  in  denen  nur
der  Wahn  sie  finden  kann.

Vor  Geiz  und  Verschwendung  will  ich  mit  gleicher  Sorgfalt  mich
hüten.

Die  Dergnügungen  des  Lebens  will  ich  in  Unschuld  genießen  und
mich  durch  den  Genuß  derselben  stärken  zu  des  Lebens  Oflichten,  nie
aber  diesen  Genuß  mir  zu  einer  wichtigen  Angelegenheit  machen  oder
als  ein  fürstliches  Vorrecht  ansehen.

Ich  will  mich  bemühen,  immer  heiteren  Geistes  zu  sein  und  alles,
was  die  Seele  verdüstern  könnte,  von  mir  zu  entfernen.

Meine  Kräfte  gehören  der  Welt,  dem  Vaterlande.  Ich  will  daher
unablässig  in  dem  mir  angewiesenen  Kreise  thätig  sein,  meine  Zeit  auf
das  beste  anwenden  und  soviel  Gutes  stiften,  als  in  meinem  Ver—
mögen  steht.

Ich  will  ein  aufrichtiges  und  herzliches  Wohlwollen  gegen  alle
Menschen  —  auch  gegen  die  Geringsten,  denn  sie  sind  alle  meine
Brüder  —  bei  mir  erhalten  und  beleben.

Mein  Herz  soll  frei  bleiben  von  Neid,  Haß  und  Erbitterung.

Ich  will  keinem  Menschen  Unrecht  thun,  keinem  hart  sein,  keinen
kränken  oder  demütigen,  und  wo  ich  darin  fehlen  sollte,  es  eingestehen
und  auf  alle  Weise  wieder  gut  zu  machen  suchen.
        <pb n="96" />
        90  Sechstes  Kapitel.

Ich  will  mich  meiner  fürstlichen  Würde  gegen  niemand  überheben,
niemand  durch  mein  fürstliches  Ansehen  drücken,  und  wo  ich  von  andern
etwas  fordern  muß,  mich  dabei  herablassen  und  freundlich  zeigen  und
ihnen  die  Erfüllung  ihrer  Pflicht,  soviel  ich  kann,  zu  erleichtern  suchen.

überhaupt  will  ich  mich  bemühen,  durch  Gefälligkeit,  Dienstfertigkeit
und  Freundlichkeit  alle  Herzen  zu  gewinnen.  Ich  achte  es  viel  höher,  geliebt
zu  sein,  als  gefürchtet  zu  werden  oder  bloß  ein  fürstliches  Ansehen  zu  haben.

Mie  will  ich  mich  an  denen  rächen,  die  mich  beleidigen,  sondern
ihnen  von  Herzen  vergeben;  auch  nie  meinen  Einfluß  benutzen,  jemand
zu  schaden.

Doch  will  ich,  meiner  Pflicht  gemäß,  alles  aufbieten,  daß  das  Werk
der  Heuchelei  und  Bosheit  zerstört,  das  Schlechte  und  Schändliche  der
Verachtung  preisgegeben  und  das  Verbrechen  zur  verdienten  Strafe  gezogen
  werde;  davon  darf  mich  kein  Mitleiden  zurückhalten.  Aber  ich
will  wohl  zusehen,  daß  ich  nicht  den  Unschuldigen  verurteile,  es  soll  mir
vielmehr  ein  teures  Geschäft  sein,  die  Unschuld  zu  verteidigen.

Zeder,  der  in  meine  Nähe  kommt,  soll  von  mir  Gutes  empfangen
jedem  will  ich  das  Erfreuliche  erweisen,  was  ich  ihm  zu  erweisen  im
stande  bin.

Ich  will  das  Verdienst  aufmuntern  und  belohnen  —  und  besonders
das  bescheidene  und  verborgene  an  das  Cicht  ziehen.

Gegen  die  Bedürftigen  will  ich  wohlthätig  sein  in  dem  reichen
Maße,  worin  mir  Gott  gewährt  hat;  ich  will  mich  darin  von  keinem,
der  weniger  besitzt,  übertreffen  lassen.

Den  Unglücklichen,  die  meinen  Beistand  suchen,  oder  von  denen  ich
sonst  erfahre,  vornehmlich  Witwen,  Waisen,  Bejahrten,  Männern,  die
dem  Staate  treu  gedient,  und  ihren  in  Armut  Zurückgelassenen,  will  ich
Helfer  und  Fürsprecher  sein,  wie  ich  es  vermag.

Nie  will  ich  des  Guten  vergessen,  das  mir  von  Menschen  ist  erwiesen
  worden.  Mein  ganzes  Leben  sollen  mir  die  wert  bleiben,  die  sich
um  mich  verdient  gemacht  haben.

Kür  den  König,  meinen  Vater,  hege  ich  eine  ehrfurchtsvolle  und
zärtliche  Liebe.  Ihm  zur  Freude  zu  leben,  will  ich  mich  auf  das  angelegentlichste
  bemühen.  Seinen  Befehlen  leiste  ich  den  pünktlichsten  Geborsam.
  Den  Gesetzen  und  der  Derfassung  des  Staates  unterwerfe  ich
mich  in  allen  Stücken.

Die  Tugenden  der  Königin,  meiner  vollendeten  Müutter,  sollen  mir
unvergeßlich  sein,  und  das  Andenken  der  Derklärten  soll  bei  mir  stets  in
einem  gerührten  und  dankbaren  Herzen  wohnen.
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        Vom  Jüngling  zum  Mann.  91

Meinen  Geschwistern  gelobe  ich  zärtliche  Liebe  und  allen  Mitgliedern
der  Familie,  welcher  ich  angehöre,  treue  Ergebenheit.

Den  Pflichten  des  Dienstes  will  ich  mit  großer  Pünktlichkeit  nachkommen
  und  meine  Untergebenen  zwar  mit  Ernst  zu  ihrer  Schuldigkeit
anhalten,  aber  ihnen  auch  mit  freundlicher  Güte  begegnen.

Ich  will  unablässig  an  der  Verbesserung  meines  Herzens  arbeiten.

Jeden  Tag  will  ich  mit  dem  Andenken  an  Gott  und  meine  Pflichten
beginnen  und  jeden  Abend  mich  über  die  Anwendung  des  verflossenen
Tages  sorgfältig  prüfen.

Ick  will  mit  großer  Vorsicht  auf  mich  selbst  achten,  daß  ich  nicht  feble.

Ich  will  mich  in  keine  Verbindung  einlassen,  die  ich  nicht  für  eine
unschuldige  und  würdige  erkannt  habe.

Verderbte  Menschen  und  Schmeichler  will  ich  entschlossen  von  mir
weisen.  Die  Besten,  die  Geradesten,  die  Aufrichtigsten  sollen  mir  die
Liebsten  sein.  Die  will  ich  für  meine  wahren  Freunde  halten,  die  mir
die  Wahrheit  sagen,  wo  sie  mir  mißfallen  könnte.

Jeder  Versuchung  zum  Bösen  will  ich  kräftigen  Widerstand  leisten
und  Gott  bitten,  daß  er  michk  stärkoe."“

Ganz  und  gar  hält  sich  dies  Bekenntnis  an  die  Sache:  die  religiösen
Anschauungen  und  die  moralischen  Stimmungen  mit  vollster  Klarheit
darzulegen,  setzt  es  sich  als  Aufgabe.  So  spiegelt  es  auch  in  seiner  Darstellungsweise
  deutlich  den  TCharakter  des  Hrinzen  wider.

Sum  Tische  des  Berrn  ging  der  Drinz  Wilhbelm  im  Dom.  EShrenberg
  legte  seiner  Hredigt  bei  dieser  Feier  die  Worte  Mlatthäus  3,17  zu
Grunde:  „Und  siehe,  eine  Stimme  vom  Himmel  herab  sprach:  Dies  ist
mein  lieber  Sohn,  an  dem  ich  Wohlgefallen  habe!“

Wie  vor  zwei  Jahren  die  Konfirmation  des  Kronprinzen,  so  fiel
auck  jetzt  diejenige  des  Hrinzen  Wilhelm  in  eine  Seit,  welche  bedrohlich
düstere  Wolken  am  Rimmel  zeigte.  Napoleon  hatte  im  Frühjahr  sein
Inselfürstentum  wieder  heimlich  verlassen,  den  Thron  Frankreichs  von
neuem  in  Besitz  genommen  und  schickte  sich  an,  ihn  gegen  den  Willen
Europas  zu  belaupten.

Der  Wiener  Kongreß  löste  sich  auf,  und  wiederum  zogen  die  Armeen
der  verbündeten  Mächte  an  den  Rhein.  Auch  König  Friedrich  Wilhelm
ließ  seine  Gardetruppen  von  Berlin  abmarschieren.  Am  4.  Juni  hielt
er  über  die  Hotsdamer  Garnison  BReerschau,  wobei  Hrinz  Wilhelm  das
Füselier-Bataillon  des  ersten  Garderegiments  führte;  dann  rückte  sie
ebenfalls  ins  Feld.  Am  22.  Juni  folgte  der  König,  von  dem  Hrinzen
Wilhelm  begleitet,  seinen  Truppen  nach,  um  sich  ebenfalls  auf  den  Kriegs-
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        92  Sechstes  Kapitel.

schauplatz  in  Belgien  zu  begeben.  Allein  schon  vor  Merseburg  kam  ihm
der  Oberst  von  Thile  mit  der  Meldung  entgegen,  daß  durch  das  Ein—
greifen  der  Preußen  bei  Belle  Alliance  die  Macht  Napoleons  vernichtet
wäre,  und  in  Banau  überreichte  ihm  der  Leutnant  von  Pleß  die  Hretiosen
  Mapoleons,  welche  die  preußische  Infanterie  bei  Gemappe  erbeutet
hatte.  Das  war  frobe  Kunde;  denn  der  Krieg  war  beendigt.  Gleich-Prinz

  Wilhelm,  18  Jahre  alt.

wohl  setzte  der  König  seine  Reise  fort,  um  in  Speier  mit  den  Kaisern
von  Rußland  und  Ssterreich  zusammenzutreffen.  Während  die  Monarchen
dort  weilten,  begab  sich  Orinz  Wilhelm  nach  der  kleinen  Festung  Öfalzburg,
  die  von  den  Franzosen  noch  gegen  ein  russisches  Belagerungscorps
verteidigt  wurde.  So  sah  er  doch  ein  wenig  noch  von  dem  Criege.
Die  Monarchen  besuchten  das  Schlachtfeld  von  Lignr;  und  der  König
von  Hreußen  begab  sich  dann  mit  dem  Kaiser  von  Rußland  nach  Haris,
das  sich  den  Verbündeten  ergeben  hatte.  Hrinz  Wilhelm  dagegen  schloß
        <pb n="99" />
        Vom  Jüngling  zum  Mann.  93

sich  dem  Hauptquartier  der  preußischen  Garde  an,  mit  der  er  am  15.  Juli
in  Haris  eintraf.  Hier  indessen  erkrankte  er  an  einer  Brustfell-Entzündung,
  die,  wie  es  schien,  eine  wohlthätige  Krisis  in  seinem  Körper  herbeiführte.
  Denn  mit  der  Genesung  von  dieser  Krankheit  waren  auch  die
letzten  Anzeichen  der  Empfindlichkeit  der  Gesundbheit  gewichen,  die  ihm
bisher  angehaftet  batte.

Prinz  Wilhelm,  10  Jahre  alt.

Den  langen  Sommer  in  paris  benutzte  Hrinz  Wilhelm,  sobald  er
genesen  war,  nicht,  wie  im  vorigen  Jahre,  zur  Erweiterung  seines  geistigen
Gesichtskreises,  sondern  zu  seiner  militärischen  Ausbildung.  Tag  für  Cag
fast  sah  man  ihn  auf  dem  Marsfelde  oder  auf  der  Ebene  von  Grenelle
mit  einem  Bataillon  des  ersten  Garderegiments  exerzieren,  um  sich  die
Dienstaufgaben  eines  Majors  ganz  zu  eigen  zu  machen.  Endlich  Ende
September  ging  es  über  Brüssel  und  Köln  wieder  in  die  HBeimat:  am
1.  Oktober  traf  der  Hrinz  wieder  in  Berlin  ein.  Stwas  später  langten
        <pb n="100" />
        94  Sechstes  Kapitel.

dort  auch  der  König  und  der  Kaiser  Alexander  an;  mehrere  deutsche
Fürsten  kamen  dazu;  und  durch  glänzende  Siegesfeste  feierte  man  den
glücklich  wiedergewonnenen  Frieden.

Doch  nicht  bloß  den  Frieden,  sondern  auch  die  Verlobung  der  frei—
lich  noch  sehr  jugendlichen  Prinzessin  Charlotte  mit  dem  Großfürsten
Nikolaus,  Aleranders  jüngerem  Bruder.  Wie  die  alte  Waffenbrüderschaft
Dreußens  und  Zußlands,  die  in  den  Befreiungskriegen  so  erfolgreich  sich
bewährt,  schlang  sich  damit  ein  neues,  zartes  und  doch  starkes  Band,
das  wie  die  Familien  der  Berrscher,  so  auch  die  Staaten  aneinander
knüpfen  sollte.

Auf  die  mächtige  Bewegung  der  Befreiungskriege  folgte  eine  lange
Friedenszeit,  die  zweite,  größere  ZKälfte  der  Regierung  König  Friedrich
Wilbelms  III.  erfüllend.  Nach  der  gewaltigen  Anstrengung  machte  sich
in  den  Völkern  ein  Verlangen  nach  Ruhe  geltend,  die  Sehnsucht  nach
friedlicher  Ausgestaltung  des  Gewonnenen.  Diese  Abspannung  der  Dölker
allein  erklärt  den  ungebeuren  Erfolg  der  Holitik  Metternichs,  welche  die
MachtF  Ssterreichs  einsetzte,  um  das  alte  absolutistische  Fürstenregiment  in
den  kontinentalen  Staaten  Europas  wieder  einzuführen.  Selbst  wohl—
meinende  Fürsten,  wie  Dreußens  König,  bielten  dies  Spstem  für  das
richtige.  Uberdies  wurde  Wetternich  nicht  müde,  den  König  Friedrich
Wilhelm  zu  ermahnen,  „den  Drinzipien  der  monarchischen  Tradition“
treu  zu  bleiben.  Denn  gerade  die  gesteigerte  Achtung  und  Geltungwelche
  Hreußen  infolge  der  Befreiungskriege  in  Deutschland  genoß,  be,
obachtete  er  mit  argwöhnischem  Auge  und  fürchtete,  daß  es  durch  Einführung
  einer  konstitutionellen  Derfassung  noch  mehr  an  Beliebtheit  gewinnen
  würde.  Aber  nur  für  die  auswärtige  Holitik  galt  dem  Könige
die  Übereinstimmung  mit  GEsterreich  als  Grundlage;  in  der  inneren  ging
er  seinen  eigenen  Weg,  wie  die  Gründung  des  Sollvereins,  die  Aufrechterhaltung
  der  181d  durchgeführten  allgemeinen  Wehrpflicht  zeigt.

Prinz  Wilhelm,  ganz  in  den  militärischen  Dingen  stehend,  hielt  sich
von  aller  Darteinahme  im  politischen  fern.  Allein  als  einem  Mitgliede
des  „Staatsrates“  lagen  ihm  doch  auch  politische  Oflichten  ob.  Der
König  hatte  1817  den  Staatsrat  ins  Leben  gerufen,  der  alle  Gesetze,
bevor  sie  veröffentlicht  würden,  einer  sorgfältigen  Dorprüfung  zu  unterzieben
  hatte.  Su  seinen  Mitgliedern  gehörten  auch  die  großjährigen
Drinzen  des  königlichen  Zauses.  Eine  der  ersten  Aufgaben  war  die
Drüfung  der  neuen  Steuergesetze,  welche  durch  die  Einführung  neuer
Steuern  der  nach  den  Befreiungskriegen  drückenden  Geldnot  des  Staates
abbhelfen  wollten.  Klar  und  bestimmt  gab  Hrinz  Wilhelm  seiner  Meinung
        <pb n="101" />
        Vom  Jüngling  zum  Mann.  95

Ausdruck.  Bei  der  Unterzeichnung  des  Hrotokolls  fügte  er  seiner  Unterschrift
  die  Erklärung  hinzu,  „daß  er  sich  erlaube,  den  väterlichen  Gesinnungen
  und  der  höheren  Hrüfung  Seiner  Majestät  auf  das  ehrerbietigste
  den  Wunsch  zu  empfehlen,  daß  Allerbhöchstdieselben  in  Ihrer
Weisbeit  die  Mittel  finden  möchten,  die  neuen  Steuern  zu  umgehen  oder
sie  zu  ermäßigen  und  die  reicheren  Klassen  der  Nation  und  die  höher
besoldeten  Beamten  zur  Erleichterung  des  ärmeren  Dolkes  mehr  heranzuzielhen.“
  Wer  erkennt  nicht  in  diesen  menschenfreundlichen  Worten  den
Urheber  der  kaiserlichen  Botschaft  vom  I7.  November  1881  wieder?
Und  dies  Vertrauen,  welches  der  Hrinz  in  die  Regierungsweisheit
seines  königlichen  Daters  setzte,  erfuhr  er  von  diesem  wieder  in  allem,
was  soldatische  Dinge  anging.  Ein  Beweis  ist  die  Schnelligkeit,  mit
welcher  der  Drinz  die  Staffel  der  militärischen  Stellungen  erstieg:  1817
wurde  er  Oberst  und  in  demselben  Jahre  auch  zum  Chef  des  7.  Infanterieregiments,
  das  damals  noch  in  Frankreich  stand,  ernannt,  1818  wurde
er  Generalmajor  und  Kommandeur  der  ersten  Garde-Infanteriebrigade,
1810  Mitglied  des  Kriegsministeriums  mit  Sitz  und  Stimme  in  demselben,
1820  erhielt  er  das  Kommando  der  ersten  Gardedivision,  1824  das
interimistische,  1825  das  definitive  Kommando  des  5.  Armeccorps  unter
Beibelkaltung  des  Kommandos  der  ersten  Gardedivision,  noch  in  demselben
  Jahre  1825  wurde  er  Generalleutnant  und  1858  kommandierender
General  des  Gardecorps  und  Inspekteur  der  vierten  Armcaabteilung,
welche  das  westfälische  (k.)  und  rheinische  (8.)  Armeccorps  umfaßte.
Dazu  kam  der  Vorsitz  in  verschiedenen  militärischen  Kommissionen,
den  ihm  der  König  übertrug.  So  in  der  Kommission  zur  Umarbeitung
des  Exerzierreglements  für  die  Infanterie,  in  derjenigen  zur  Ausarbeitung
einer  Instruktion  für  die  Aufstellung  und  den  Gobrauch  größerer  Kaval.
leriemassen,  in  derjenigen  zur  Orüfung  der  Vorschläge  des  Avancements
zum  Stabsoffizier  außer  der  Tour.  Wiederholt  erhielt  er  auch  den  Auftrag,
  diese  oder  jene  Festung  zu  inspizieren  oder  bei  den  großen  Herbst.
manövern  das  Kommando  von  Truppenteilen  zu  übernehmen.  So  wurde
der  Hrinz  ebenso  heimisch  auf  dem  Exerzierplatze,  wie  im  Bureau,  ebenso
vertraut  mit  der  Anführung  von  Truppenkörpern  wie  mit  dem  kleinen

Dienst  jeder  Art.  Der  „erste  Soldat“"  Hreußens  —  wie  man  ihn  wohl
genannt  hat  —  ward  mit  der  Seit  zu  der  ersten  militärischen  Antorität.

Es  liegt  etwas  überaus  Wohltlinendes  in  dem  VDertrauen,  welches
den  Hrinzen  mit  seinem  königlichen  Vater  und  obersten  Kriegsherrn  verband.
  Der  König  hätte  es  bei  seiner  hohen  und  ernsten  Auffassung
von  seinem  erhabenen  Berufe  dem  Sohne  sicher  nicht  erwiesen,  wenn  er
        <pb n="102" />
        96  Sechstes  Kapitel.

nicht  gesehen,  wie  trefflich  dieser  jede  ihm  zugewiesene  militärische  Stellung
auszufüllen  wußte,  wie  vollkommen  er  jeder  Aufgabe  sich  gewachsen
zeigte.  Überhaupt  fand  in  dem  ernsten  und  pflichttreuen  Wesen  des
Sohnes  der  Vater  sich  selbst  wieder,  so  daß  der  Eindruck  nicht  irre  geht,
daß  von  den  Söhnen  des  Königs  keiner  diesem  innerlich  näher  gestanden
habe,  als  Prinz  Wilhelm.  Und  der  Sohn  wieder  stand  mit  hingebender
Ciebe  und  pietätvoller  Derehrung  dem  Dater  gegenüber;  er  zeigte  zu
dessen  Gerechtigkeit  das  höchste  Vertrauen,  indem  er  sein  Urteil,  wenn  er
es  abzugeben  hatte,  keineswegs  nach  den  Wünschen  oder  Ansichten  des
Königs  modelte,  sondern  es  so  abgab,  wie  es  seiner  auf  die  Sachen  gegründeten
  ÜUberzeugung  entsprach.  So  wünschte  der  König  im  Interesse
der  Staatskasse  die  Dienstzeit  der  Infanterie  abzukürzen,  um  dadurch  den
Dienststand  der  Armee  zu  vermindern.  Mit  Entschiedenheit  setzte  sich  dem
Drinz  Wilbelm  entgegen  und  hatte  die  Genugthuung  zu  erreichen,  daß
die  Sache  „in  nähere  Überlegung  genommen“,  d.  h.  bis  auf  weiteres
vertagt  werden  sollte.  So  war  ein  andrer  Gedanke  des  Königs,  welcher
später  zu  Tage  trat,  um  Kosten  zu  ersparen:  die  Dienstreisen  der  kommandierenden
  Generale  zu  beschränken  und  zugleich  ihrer  Machtbefugnis  über
die  Regimentskommandeure  engere  Grenzen  zu  zieben.  Hrinz  Wilhelm
richtete  eine  Denkschrift  an  seinen  königlichen  Vater,  durch  die  er  einen
Erlaß  des  Königs  erwirkte,  der  den  kommandierenden  Generalen  unverkürzt
  ihre  Machtvollkommenheit  beließ.

Nur  einen  Punkt  gab  es,  über  den  Prinz  Wilhelm  innerlich  nicht
zur  Ruhe  und  zu  gleicher  Auffassung  mit  seinem  königlichen  Vater  ge—
langen  konnte:  das  war  die  bescheidene  Stellung,  die  nach  den  glor—
reichen  Befreiungskriegen  sein  geliebtes  Preußen  im  Rat  der  Großmächte
einnahm.  Dem  Ulönigs,  der  seine  beste  Kraft  an  den  inneren  Ausbau
des  Staates  und  an  die  Derschmelzung  der  neu  gewonnenen  Tandesteile
mit  den  alten  Stammprovinzen  setzte,  genügte  es,  nach  außen  in  Übereinstimmung
  mit  Ssterreich  zu  handeln.  Der  junge  Hrinz  aber  fand  es
unerträglich,  daß  Dreußen  von  der  Stufe  des  „Glanzes,  Ruhmes  und
Ansehens“,  die  es  1815  innegehabt  hatte,  durchaus  herabgestiegen  war.
Er  verlangte  für  Hreußen  eine  aktivere  Rolle,  eine  selbständige  Stellung
zu  den  großen  Fragen.  Ticht  ohne  Unmut  schreibt  er  1824  an  den
General  von  Katzmer,  mit  dem  er  seit  1814  befreundet  geblieben  war:
„Was  1815  bei  drei  Millionen  der  Enthusiasmus  that,  muß  jetzt  bei
elf  Millionen  die  geweckte  und  beförderte  Intelligenz  thun.  Wenn  man
nichts  mehr  sein  will,  warum  noch  etwas  scheinen  wollen  und  deshalb
mit  ungeheuren  Kosten  eine  Armee  haltend“  Sein  Gedanke  war,  mit
        <pb n="103" />
        Vom  Jüngling  zum  Mann.  97

freier  Anlehnung  an  Rußland  Hreußen  die  Stellung  in  Europa  zu  geben,
die  ihm  gebührte,  ohne  dabei  selbst  einem  Konflikte  mit  Esterreich  allzu
ängstlich  aus  dem  Wege  zu  gehen.

Überhaupt  darf  man  in  dem  Hrinzen  Wilhelm  ganz  besonders  den
Träger  der  freundlichen  Beziehungen  zu  Rußland  sehen.  Auf  dem
Schlachtfelde  von  Bar  war  diese  Stellung  des  Hrinzen  begründet  worden.
Seit  1818  trug  das  Regiment  Kaluga  den  Namen  „Hrinz  Wilhelm  von
Dreußen“.  Und  schon  das  Jahr  zuvor  hatte  er  selbst  längere  Seit  am
Bofe  von  St.  Hetersburg  geweilt.

Die  Dermählung  der  Hrinzessin  Charlotte  mit  dem  Großfürsten
Rikolaus  war  auf  den  Juli  1817  angesetzt.  Im  Juni  verließ  daher  die
fürstliche  Zraut  die  Stätte  ihrer  Keimat,  um  sich  nach  Rußland  zu  begeben.
  Bis  Fürstenwalde  gab  die  gesamte  königliche  Familie  der  scheidenden
  Hrinzessin  das  Geleit.  Don  da  an  reiste  sie  unter  der  Obhut
des  Hrinzen  Wilhelm,  den  der  König  ausersehen  hatte,  die  Schwester  der
neuen  Heimat  zuzuführen.  Im  Schlosse  zu  Königsberg  machten  die
Geschwister  Rast.  Wehmütige  Erinnerungen  wurde  hier  in  ihnen  wachgerufen;
  denn  sie  fanden  die  für  sie  bereiteten  Simmer  reich  mit  Kornblumen
  geschmückt.  Der  Sommer  in  Tuisenwahl,  das  Bild  der  verklärten
Mutter  stieg  vor  ihnen  auf,  und  tiese  Rührung  erfüllte  die  Gemüter.
Am  folgenden  Tage  erreichten  die  Geschwister  die  preußisch  russische
Grenze.  Die  welzmütige  Stimmung  klang  noch  in  ihnen  nach:  sie  verließen
  den  Wagen,  pflückten  am  Wege  Kornblumen,  aus  denen  die
Drinzessin  einen  Kranz  flocht  und  sich  aufsetzte,  und  überschritten,  während
bei  der  unvergeßlichen  Mutter  die  Gedanken  weilten,  zu  Fuß  die  Grenze.
Denn  demütig  wollte  die  Hrinzessin  dem  Glücke,  das  ihr  die  Sukunft
verhieß,  entgegengelhen.  Aber  jenseit  der  Grenze  wartete  der  Großfürst,
der  glückliche  Zräutigam,  und  in  herzlichster  Zegrüßung  nahm  jetzt  der
Frohmut  sich  sein  Recht.

Am  15.  Juli  fand  die  Dermählung  der  Hrinzessin  Charlotte  in
St.  Hetersburg  statt.  Nach  russischer  Sitte  hielt  Hrinz  Wilhelm  bei  der
Feier  die  sogenannte  Dermählungskrone  über  das  Raupt  seiner  Schwester.
Endlose  Feste,  in  höchster  Hracht  gefeiert,  schlossen  der  Vermählung  sich
an.  Durch  einen  bedenklichen  Unfall,  der  dem  Hrinzen  Wilhelm  begegnete,
erfulren  sie  eine  böse  Unterbrechung.  Der  Hrinz  wurde,  als  er  den
Marstall  des  Großfürsten  Michael  in  Augenschein  nahm,  von  einem
großen  Hunde  angefallen  und  stark  verletzt.  Man  fürchtete,  der  Zund
könnte  toll  gewesen  sein,  und  hielt  es  daher  für  notwendig,  durch

Schneiden  und  Brennen  aller  Gefahr  zu  begegnen.  Indes,  war  der
Naiser  Wilhelm.  7
        <pb n="104" />
        98  Sechstes  Kapitel.

Schmerz  auch  empfindlich,  so  heilte  doch  die  Wunde  bald  und  verstattete
dem  Prinzen,  die  Reise  nach  Moskau,  dem  nationalen  Mittelpunkt  des
so  eigenartigen  russischen  Lebens,  zu  unternehmen.  Die  Heimreise  erfolgte
dann  über  Smolensk  und  Warschau.

Nicht  gar  lange  danach,  zum  Beginne  des  Jahres  1818,  trat  in
den  Derhältnissen  des  Hrinzen  Wilhelm  eine  bedeutungsvolle  Wendung
ein.  General  von  Diericke  wurde  in  Gnaden  aus  seiner  Stellung  als
Obergouverneur  entlassen
und  damit  der  Hrinz  als
ganz  selbständig  bingestellt.
  Ein  eigener  Hofhalt
in  bescheidenem  Guschnitt
war  ihm  schon  früher
eingerichtet  worden.

Besondere  Derhältnisse
  führten  acht  Jahre
später  den  Hrinzen  Wilhelm
  von  neuem  nach
St.  Hetersburg.  Am  l.  Dezember
  1825  war  Kaiser
Alexander  fern  im  Süden,
in  Taganrog,  ohne  Kinder
  zu  binterlassen,  gestorben.
  Erbe  der  Krone
war  somit  sein  nächster
Bruder,  der  Dizekönig
Dolens,  Großfürst  Konstantin.
  Allein  dieser  hatte
schon  drei  Jahre  zuvor
schriftlich  den  Derzicht  auf
die  Thronfolge  erklärt,  die  demnach  auf  den  dritten  Bruder,  den  Großfürsten
RNikolaus,  überging.  Jedoch  dieser,  in  seinen  Meigungen  ausschließlich  Soldat,
lehnte  sie  ab,  so  daß  zu  gleicher  Seit  Konstantin  in  Warschau  Kikolaus,
und  Nikolaus  in  St.  Hetersburg  Konstantin  den  Eid  der  Treue  leistete.
Wunderbares  Schauspiel!  Wie  oft  hatte  die  Welt  Brüder  um  einen  Thron
miteinander  kämpfen  sehen:  jetzt  sah  sie  zwei  Brüder  um  die  Thronentsagung
  miteinander  streiten!  Großfürst  Michael  reiste  hin  und  her,  um
einen  oder  den  andern  seiner  beiden  Brüder  zur  Annahme  der  Krone  Heters
des  Großen  zu  bewegen.  Aber  Konstantin  blieb  unbeweglich;  mit  allem

Großfürst  Nikolans.
        <pb n="105" />
        Vom  Jüngling  zum  Mann.  99

Nachdruck  wiederholte  er  seinen  Verzicht,  so  daß  endlich  Nikolaus  sich  entschliehen
  mußte,  den  verwaisten  Chron  einzunehmen.  Und  fürwahr,  es
war  hohe  Seit.  24  Tage  hatte  die  kaiserlose  Zeit  gedauert,  lange  genug,
um  die  gebeimen  Derschwörungen,  die  unter  den  Truppen  des  Nordens
wie  des  Südens  im  russischen  Reiche  angezettelt  waren,  zum  Ausbruche
zu  bringen.  Die  einen  wollten  für  Rußland  eine  freisinnige  Derfassung
erzwingen,  die  anderen  Rußland  nach  dem  Vorbilde  Nordamerikas  in
einen  Staatenbund  um.
wandeln;  den  Mannschaften
  freilich  war  das  eine
so  unverständlich  wie  das
andere;  blind  folgten  sie
ihren  Offizieren.  Indessen
jetzt  genügten  einige  Kartätschenschüsse,
  um  die
meuterischen  Regimenter
in  jäher  Flucht  auseinander
  zu  treiben;  nicht
wenige  fanden  unter  den
Säbeln  der  ihnen  nachsetzenden
  Gardereiter

ihren  Tod,  noch  mehr  in
den  eisigen  Fluten  der
Newa,  deren  Eisdecke  einbrach,
  aber  die  meisten
stürzten  sich  in  ihre  Kasernen
  und  flehten  jammernd
  die  Gnade  des
strengen  jungen  Kaisers
an.  Kaum  je  hat  wohl
ein  Fürst  den  Thron
seiner  Ahnen  unter  solchen  Umständen  bestiegen,  wie  jetzt  Nikolaus  1.

Drinz  Wilhelm  befand  sich  auf  der  Jagd  im  Walde  von  Cehnin,
als  er  die  Nachricht  von  der  Thronbesteigung  seines  kaiserlichen  Schwagers
erbielt.  Er  begab  sich  sofort  nach  Hotsdam  und  empfing  hier  von  dem
Könige  den  Auftrag,  sich  alsbald  nach  St.  Hetersburg  zu  begeben,  um
dem  Kaiser  Mikolaus  und  seiner  Schwester  die  Glückwünsche  des  preußischen
Königshauses  zur  Thronbesteigung  zu  überbringen.  Er  blieb  bis  Ende

April  bei  seinen  kaiserlichen  Verwandten,  nicht  ein  Gast  bloß,  sondern
7°

Grohfürstin  Rlexandra  Feodoromna,  Prinzessin  Charlotte
von  Preußen.
        <pb n="106" />
        100  Sechstes  Kapitel.

ein  brüderlicher  Freund  und  Berater.  Denn  die  Lage  des  jungen  Kaisers,
wenn  er  auch  den  schwankenden  Thron  mit  rasch  durchgreifender  Energiewieder
  festgestellt  hatte,  war  immer  noch  eine  schwierige.  In  diesen
Monaten  besonders  hat  sich  das  Band  aufrichtiger  und  achtungsvoller
Freundschaft  zwischen  dem  Hrinzen  und  dem  Kaiser  Nikolaus  geknünpft,
das  alle  Hroben  bis  zum  Tode  des  Kaisers  bestanden,  ja  den  Tod  des
Kaisers  überdauert  hat.

Swischen  die  beiden  bedeutsamen  russischen  Reisen  des  Hrinzen
Wilhelm  fällt  die  Reise  nach  Italien,  nicht  ein  rascher  Einblick  in  eine
neue  elt,  wie  die  Alpenreise  des  Jahres  1814  es  gewesen  war,  sondern
vier  Monate  (vom  Oktober  1822  bis  zum  Februar  1825)  eindringenden
Studiums  und  erbebenden  Genusses,  wie  ihn  die  Fülle  der  Kunstschätze
und  die  wunderherrliche  Tatur  JItaliens  nur  bieten  können.

Die  Großmächte  traten  in  Derona  zusammen,  um  über  eine  Intervention
  in  Spanien  zu  beratschlagen,  das  ganz  in  den  Händen  der
extremen  Fortschrittspartei  war.  Auch  König  Friedrich  Wilhelm  begab
sich  auf  den  Kongreß.  Auf  der  Reise  dorthin  traf  ihn  nach  Derabredung
  Hrinz  Wilhelm  in  Teuenburg,  der  vorher  eine  Inspektion  über
das  achte  Armeecorps  gehalten  hatte.  Gemeinschaftlich  reisten  sie  nun
nach  Derona,  wo  auch  Hrinz  Karl  als  dritter  Reisegefährte  sich  zu  ihnen
fand.  Eine  Woche  hindurch  hielten  den  König  hier  die  Derhandlungen
des  Kongresses  fest.  Dann  unternahmen  die  hohen  Reisenden  einen
Ausflug  über  Hiacenza  und  Hadua  nach  Denedig.  Einen  wunderbaren
Eindruck  machte  auf  die  Hrinzen,  die  sie  zum  erstenmal  sahen,  die
Lagunenstadt:  die  CTotenstille,  die  über  der  ganzen  Stadt  lagerte,  das
bewegte  Leben  auf  den  Kanälen,  auf  denen  doch  lautlos  die  schwarzen
Gondeln  mit  dem  kühn  sich  aufbäumenden  eisernen  Bug  dabinglitten,
der  Markusplatz  mit  seiner  bunt  wogenden  MWenschenmenge,  die  stille
Größe  des  Dogenpalastes.  Denn  das  ist  es  ja  gerade,  die  Fülle  großer
historischer  Erinnerungen,  die  auf  Schritt  und  Tritt  sich  an  uns  herandrängen,
  was  in  Denedig  auf  jeden  Empfindenden  Eindruck  macht.

Gegen  Ende  des  Oktober  kehrte  der  König  mit  seinen  Söhnen  noch
einmal  nach  Derona  zurück.  Rier  traf  ihn  ein  Schreiben  des  Hapstes,
durch  das  der  ehrwürdige  Hius  VII.  ihn  zum  Besuche  Roms  einlud.
Gern  entsprach  der  König  der  freundlichen  Bitte.  Am  Nachmittage  des
11.  November  sah  er  in  der  Ferne  die  mächtige  Kuppel  von  St.  Peter
aufsteigen.  Bei  der  Station  La  Horta,  der  letzten  vor  Rom,  kam  den
hohen  Reisenden  Hrinz  Reinrich,  des  Königs  Bruder,  zur  Begrüßung
entgegen.  Der  Ulönig  bestieg  sofort  den  Wagen  des  Bruders  und  fuhr,
        <pb n="107" />
        Vom  Jüngling  zum  Mann.  101

ohne  sich  irgend  welche  Erholung  nach  der  langen  Fahrt  zu  gönnen,
nach  der  Peterskirche:  so  sehr  zog  es  ihn  zu  dem  mächtigen  Bau,  dem
gewaltigsten  Kirchenbau  der  Welt.  Nachdem  er  lange  in  St.  Peter  geweilt
  und  die  erhabenen  SEindrücke,  welche  die  himmelhohen  Gewölbe,
die  riesigen  Dimensionen  des  ganzen  Baues  in  dem  Beschauer  hervorrufen,
  in  sich  erneuert  hatte,  ging  die  Fahrt  nach  dem  Hantheon.  Schon
legten  die  Abendschatten  sich  leise  über  die  herrliche  Kuppel,  aber  sie
verstärkten  nur  den  Eindruck,  als  müsse  man  durch  das  offene  Auge  der
Kuppel  einen  Blick  in  des  ZKimmels  Rerrlichkeit  thun  können,  als  sänke
im  Dämmerschein  die  Erde  hinter  dem  Beschauenden  zurück.  Es  ist  ein
ganz  anderer  Eindruck,  als  St.  Heter  ihn  macht,  aber  sicher  nicht  weniger
ergreifend.  Tun  erst  begab  sich  der  König  in  das  Quartier,  das  am
Spanischen  Hlatze  für  ihn  und  die  Hrinzen  bereitet  war.

Am  nächsten  Vormittage  stattete  der  König,  von  den  Hrinzen  umgeben,
  dem  Hapste  einen  Besuch  in  seiner  Residenz  im  Guirinal  ab.
Gleichsam  ein  Bild  aus  dem  Mittelalter  entrollte  sich  vor  den  hohen
Besuchern.  Auf  den  Treppenstufen  stand,  Spalier  bildend,  die  Schweizer-=garde
  des  Hapstes,  in  ihrer  grellbunten  Tracht  wie  Landsknechte  anzuschauen,
  mit  Hellebarden  in  den  Ränden,  und  oben  warteten  die  höchsten
Würdenträger  der  Kirche  in  violetten  und  roten  Gewändern  der  fürstlichen
  Gäste.  Bis  in  das  Dorgemach  vor  dem  Empfangszimmer  des
Dapstes  wurden  diese  von  den  Hrälaten  geleitet.  Nur  der  König  begab
sich  zu  dem  Hapste  hinein:  die  Hrinzen  warteten  derweil  in  dem  Vorgemache.
  Sobald  indessen  der  König  zurückgekehrt  war,  nahmen  sie  vereint
  unter  der  Führung  des  Kardinals  Consalvi  die  herrlichen  Kunstschätze
  in  Augenschein,  die  der  quirinalische  Halast  in  reicher  Fülle  barg.

Die  nächsten  Tage  wurden  der  Besichtigung  der  Kunstsammlungen
gewidmet,  die  so  großartig  wie  Rom  keine  Stadt  der  Welt  besitzt.

Die  preußischen,  in  Rom  anwesenden  Künstler  hatten  zur  Feier  der
Anwesenheit  ihres  Königs  eine  Ausstellung  ihrer  Werke  veranstaltet;
wiederholt  weilte  der  König  mit  den  Hrinzen  in  derselben.  Auch  die
Ateliers  der  Bildhauer  Schadow  aus  Berlin,  Canova  und  Thorwaldsen,
der  ersten  Meister  ihrer  Seit,  besuchten  sie.

Am  19.  November  setzte  der  König  seine  Reise  nach  Neapel  fort.
Einige  Tage  später  folgten  ihm  auch  dorthin  die  Hrinzen,  alle  inkognito,  der
König  als  Graf  von  Ruppin  reisend,  Hrinz  Wilhelm  als  Graf  von  Lingen.

Wie  eine  andere  Welt  mutet  nach  dem  Besuche  von  Rom  Keapel
den  Reisenden  an.  Welche  Hracht  der  Tatur,  wo  im  Meere  hohe
Berge  sich  widerspiegeln,  welcher  geheimnisvolle  Reiz  in  den  vulkanischen
        <pb n="108" />
        102  Sechstes  Kapitel.

Erscheinungen!  Und  wie  erfrischend  weht  den  VNordländer  der  linde  Seewind
  an,  der  abends  zum  Cande  herüberstreicht!  Dazu  ließ  es  sich  der
Herzog  von  Kalabrien,  Kronprinz  von  Neapel,  nicht  nehmen,  bei  jeder
Gelegenheit  den  liebenswürdigen  Wirt  oder  Führer  zu  machen.

Der  erste  Besuch  der  hohen  Gäste  galt  den  Solfataren.  Durch  den
Tunnel  des  Hosilipp  ging  die  Fahrt  nach  Pozzuoli.  In  dessen  Tähe  beginnt
  das  etwa  500  Meter  breite  Thal,  aus  dessen  an  mehreren  Stellen
glühendem  Boden  Rauch  und  Gase  aufströmen,  ja  mitunter  15—20  Meter
hoch  emporgeworfen  werden.

Diel  größeren  Eindruck  machte  natürlich  die  Zesteigung  des  Desuv,
die  am  25.  Movember  von  Hortici  aus  unternommen  wurde.  Dem  Gefolge
  des  Königs  hatte  sich  auch  Alexander  von  Zumboldt  angeschlossen.
In  Hortici  wurden  die  bereit  gehaltenen  Maultiere  bestiegen;  dann  ging
es  den  ziemlich  sanften  Anstieg  des  Berges  hinan,  der  erst  vier  Wochen
zuvor  einen  heftigen  Ausbruch  gehabt  hatte.  Nach  einer  kurzen  Rast
beim  Eremiten  wurde  gegen  Mittag  der  Aschenkegel  erreicht.  Hier  setzte
sich  der  König  in  einen  Tragsessel,  die  Drinzen  und  das  Gefolge  aber
stiegen  zu  Fuß  mühselig  durch  die  Asche  und  die  gleitenden  Lapilli  den
Abhang  hinan.  Endlich  war  der  Rand  des  Kraters  erreicht.  Es  war
die  Stelle,  welche  der  letzte  Ausbruch  des  Dulkans  um  nicht  weniger  als
15  Meter  erhöht  hatte.  Die  neue  Aufschüttung  war  längst  abgekühlt,
so  daß  man  hinaufklettern  und  in  den  Krater  des  jetzt  ganz  ruhigen
Berges  hineinsehen  konnte.  Humboldt  hielt  hier  aus  dem  Stegreife  einen
Vortrag,  in  welchem  er  den  Derlauf  der  verschiedenen,  jetzt  erstarrten
Lavaströme  erklärte  und  die  Erscheinungen  erläuterte,  die  einen  Ausbruch
ankündigen  und  die  ihm  nachzufolgen  pflegen.  Und  nun  genossen  die
hohen  Reisenden  das  herrliche  Hanorama,  das  sich  von  der  Böhe  des
Berges  unter  ihnen  ausbreitete;  denn  der  Kimmel  war  klar  und  heiter
und  gestattete  den  weitesten  Ausblick.  Aus  dem  tiefblauen  Meere  erhoben
  sich  in  violettem  Dufte  Capri  und  Ischia;  und  an  der  selsigen
Küste  lag,  dicht  gedrängt,  weißlich  schimmernd  Teapel,  von  dem  aus  fast
in  ununterbrochener  Reihe  Städtchen  an  Städtchen  den  Meerbusen  gürtete.

Dies  herrliche  Bild  vor  Augen,  in  welchem,  je  tiefer  man  kam,
um  so  lebhafter  die  Farben  hervortraten,  unternahm  man  den  Alstieg.
Das  war  eine  lustige  Fahrt.  Denn  gleitend  und  rutschend  kam  man  ohne
Kährnis  den  Aschenkegel  hinab,  man  wußte  selbst  nicht,  wie  geschwind.
Unten  aber  warteten  die  berggewohmnten  Maultiere.

Am  Abend  des  schönen  Tages  trat  Regenwetter  ein  und  verbinderte
weitere  Ausflüge.  So  wurde  denn  am  folgenden  Tage  das  bourbonische
        <pb n="109" />
        Vom  Jüngling  zum  Mann.  103

Museum  besucht,  dessen  beste  Schätze  neben  einigen  hervorragenden
Statuen,  wie  dem  farnesischen  Herkules  und  dem  farnesischen  Stier,  die
höchst  mannigfaltigen  Altertümer  waren,  die  den  Ausgrabungen  von
Pompeji  und  Herculaneum  entstammten.  Geben  sie  doch  bis  in  die
kleinsten  Details  hinein  ein  Bild  des  antiken  Lebens.

Das  war  die  beste  Dorbereitung  für  den  Besuch  von  Hompeji  selbst,
der  am  nächsten  Tage  trotz  des  unfreundlichen  Wetters  unternommen
wurde.  Den  hohen  Suschauern  zu  Ehren  wurde  an  einer  noch  unberührten
  Stelle  eine  Ausgrabung  vorgenommen.  Deutlich  konnte  man,
je  mehr  die  Spaten  und  Hacken  in  die  Tiefe  drangen,  die  verschiedenen
Aschenschichten  unterscheiden;  dann  wurde  von  den  Arbeitern  vorsichtig
mit  den  Bänden  weiter  geschaufelt  und  wirklich  auch  in  dem  aufgedeckten
Rause  mehrere  bronzene  und  irdene  Geräte,  einige  Gläser  und  Münzen
zu  Tage  gefördert.  Den  KRönig  interessierte  dies  Ergebnis  so  lebhaft,
daß  er  auf  dem  Rückwege  in  Hortici  Kalt  machte  und  von  hier  aus  auch
die  Ausgrabungen  von  Berculaneum  noch  besuchte.  Sum  Grabe  des
Vergil  beim  Hosilipp  ließ  er  indes  die  jungen  Hrinzen  allein  wandern.

Die  Abende  füllte  meist  der  Zesuch  des  Carlo-Theaters  aus.  Toach
italienischer  Sitte  wurde  meist  an  jedem  Abend  eine  Oper  und  ein  Ballett
oder  eine  Feerie  gegeben,  so  daß  das  Theater  sehr  vollkommener
Maschinerien  und  technischer  Einrichtungen  bedurfte.  Um  diese  nun
genau  kennen  zu  lernen,  besuchte  der  König  mit  den  Hrinzen  das  Theater
einmal  vormittags  und  ließ  sich  hinter  den  Kulissen  die  einzelnen  WMaschinerien,
  die  Dersenkungen,  die  Flugmaschinen  in  Thätigkeit  vorführen  und
im  einzelnen  erläutern.

Eine  Festvorstellung  im  Theater  des  königlichen  Schlosses  beschloß
die  schönen  Tage  von  Teapel.  Ein  Festspiel  war  gedichtet  die  Ankunft
der  hohen  Gäste  in  Neapel  zu  feiern.  Mit  höchster  Hracht  wurde  es
aufgeführt.  Dann  verließ  der  König  die  schöne  und  liebenswürdige
Stadt;  am  5.  Januar  1825  war  er  wieder  in  Hotsdam.  Den  beiden
Drinzen  Wilhelm  und  Karl  aber  gesiel  es  dort  so  wohl,  daß  sie  noch
nicht  scheiden  mochten;  erst  vier  Wochen  später  sind  sie  wieder  in  der  Heimat.

Eine  solche  Reise,  wie  diese,  die  es  verstattet,  in  die  neuen  Eindrücke
sich  zu  versenken,  die  neuen  Anregungen  in  sich  zu  verarbeiten,  ist  weder
eine  Erholung  noch  ein  leeres  Dergnügen;  sie  ist  vielmehr  ein  bedeutsames
  geistiges  Bildungsmoment  von  nachhaltiger  Wirkung.  Dem  Hrinzen
aber  ist  sie,  wie  er  schreibt,  auch  eine  „Erfrischung“  gewesen!
        <pb n="110" />
        Siebentes  Kapitel.
Die  Vermählung.

Calla  Rookh,  die  Tulpenwange,  ist  ein  Gedicht  von  Thomas  Moore,
1817  erschienen.  Die  Tochter  des  Großmoguls  Aurengzeb  ist  mit  dem
Erben  des  bucharischen  Reiches  verlobt  und  auf  der  Reise  in  die  neue
Heimat  begriffen.  Unterwegs  nähert  sich,  als  Dichter  und  Sänger  verkleidet,
  Drinz  Feramorz  seiner  schönen  Braut  und  gewinnt  das  Herz  der
Tulpenwange  ebenso  durch  seine  Hersönlichkeit  wie  durch  einige  anmutige
Erzählungen,  die  er  ihr  vorträgt.  Besonders  macht  die  Geschichte  von
der  Sühne  der  Heri  tiefen  Eindruck,  die  den  Himmlischen  die  kästlichste
Gabe,  die  Reuethränen  des  Sünders,  an  die  Pforten  Sdens  bringt.

Und  nun  erfuhr  das  reizende  Gedicht  eine  eigenartige  Herherrlichung.
Der  Großfürst  Rikolaus  weilte  mit  der  Hrinzessin  Charlotte,  seiner  jugendlichen
  Gemahlin  —  es  war  das  erste  Mal  seit  ihrer  Dermählung  —
1821  zum  Besuche  bei  seinen  erlauchten  Derwandten  in  Berlin.  Durch
einen  glänzenden  Hofball  wurde  der  Besuch  gefeiert  und  auf  diesem  nach
den  Jdeen  des  Herzogs  Karl  von  Mecklenburg,  des  geistreichen  Anordners
so  manches  wohlgelungenen  Festes,  Moores  reizendes  Gedicht  von  den
höchsten  Hersönlichkeiten  des  Hofes  aufgeführt.  Die  Rolle  der  Calla
Bookh  übernahm  die  Großfürstin,  ebenso  schön  wie  hoheitsvoll,  eine  „geborene
  Kaiserin"  —  wie  man  schon  damals  sagte.  Den  Feramorz  gab
Drinz  Wilhelm:  eine  höchst  anziehende  Erscheinung  in  der  Blüte  der
Jugendjahre,  von  schlankem  Wuchs,  groß  über  das  Durchschnittsmaß  und
doch  kräftig  dabei,  das  leise  gebräunte,  frische  Gesicht  mit  den  feinen,
edlen  Sügen  durch  einen  nicht  sehr  starken,  dunkelblonden  Schnurrbart
geschmückt.  Es  war  begreiflich,  daß  er  in  seinem  reichen  und  phantasievollen
  orientalischen  Kostüme  auf  die  Suschauenden  einen  großen  Eindruck
  machte.

Die  duftige  Heri  in  der  eingeschobenen  Erzählung  stellte  die  Hrinzessin
  Elise  Radziwill  dar.  Mit  silbern  schimmernden  Flügeln  an  den
        <pb n="111" />
        Die  Dermählung.  105

Schultern  erschien  sie  wie  ein  wirklicher  Engel.  Schlank  gebaut,  von
mittlerer  Größe,  hatte  sie  aschblondes  Haar  und  eine  leicht  gebogene  Nase
unter  der  edlen,  hohen  Stirn.  In  ihren  großen  blauen  Augen  lag  ein
schwärmerischer  Ausdruck,  als  blickten  sie  immer  sehnsuchtsvoll  in  die
Ferne  oder  in  die  Höhe.

In  dem  Kreise  der  dem  Spiel  Suschauenden  erregte  die  Hrinzessin
Aufmerksamkeit,  um  ihretwillen,  aber  auch  um  des  Hrinzen  Wilhelm
willen.  Denn  manche  wollten  wissen,  daß  er  der  jungen  Hrinzessin  —
sie  war  1805  geboren  —  in  besonderer  Neigung  ergeben  sei,  wenn  er
es  freilich  auch  nicht  durch  das  leiseste  Seichen  verriete.  Und  wirklich
war  die  Dermutung  nicht  ohne  Grund.  "

Das  litanische  Fürstengeschlecht  der  Radziwill  hatte  in  den  Dorgängen
  Holens  von  je  eine  hervorragende  Rolle  gespielt.  Wiederholt
hatte  es  sich  auch  mit  dem  kurfürstlichen  Hause  der  RBohenzollern  verschwägert.
  Ein  Radziwill,  Kastellan  von  Wilna,  war  mit  einer  Tochter
des  Kurfürsten  Johann  Georg  vermählt  gewesen;  seine  Enkelin,  die  Erbin
von  Tauroggen  und  Serrevy,  hatte  den  Markgrafen  Ludwig,  einen  Sohn
des  Großen  Kurfürsten,  gebeiratet.  Nach  der  letzten  Teilung  Holens
hatte  sich  dann  der  Fürst  Anton,  das  HZaupt  des  reich  begüterten  und
hoch  angesehenen  Hauses,  in  Berlin  niedergelassen.  Hier  hatte  der  geistreiche
  und  kunstsinnige  Fürst,  ein  Meister  auf  dem  Cello  und  zugleich
selbst  ein  glücklicher  Komponist,  die  Neigung  der  OHrinzessin  Luise,  der
Schwester  des  Hrinzen  TCouis  (der  irrig  Louis  Ferdinand  statt  Ferdinandi  sc.
filius  genannt  wird),  gewonnen  und  sich  1796  mit  ihr  vermählt.  Von
den  sechs  Kindern,  die  der  sehr  glücklich  sich  gestaltenden  Ehe  entsproßten,
war  die  Hrinzessin  Elise  die  älteste  Tochter.  Ein  freundlicher  Derkehr
verband  die  Familie  Radzirwill  mit  den  Familien  des  königlichen  Rauses,
so  daß  sie  1806  den  königlichen  Bof  auch  nach  Königsberg  und  Memel
begleitete.  Rier  waren  die  jungen  Radziwills  die  Spielkameraden  der
königlichen  Drinzen;  und  manchmal  wurden  auch  die  Töchter  in  den  Kreis
des  Spiels  gezogen,  wie  denn  überhaupt  der  Derkehr  hier  ein  freierer
und  zwangloserer  war.  Mit  der  königlichen  Familie  kehrten  auch  die
Radziwills  wieder  nach  Berlin  zurück.

Als  nun  in  Breslau  der  RKönig  rief,  da  war  unter  denen  allen,  die
da  kamen,  auch  der  älteste  Drinz  Radziwill,  obgleich  noch  nicht  16  Jahre
alt.  Und  als  man  dann  1815  den  Friedensschluß  in  Berlin  durch  ein
Fest  bei  Hofe  feierte,  da  war  auch  die  zwölfjährige  Hrinzessin  Elise  unter
den  dabei  Mitwirkenden.  Sie  stellte  in  einer  Quadrille  die  „Freundschaft"
nach  dem  Urteile  aller  „wunderlieblich"  dar.  Und  Hrinz  Wilhelm  be-
        <pb n="112" />
        106  Siebentes  Kapitel.

grüßte  sie  dabei  als  „Kaiser  Konrad  III.“:  ein  alle  sehr  ansprechendes
Bild!  Bei  der  Neuordnung  des  preußischen  Staates,  welche  die  Zeschlüsse
des  Wiener  Kongresses  notwendig  machten,  übernahm  Fürst  Anton  auf
den  Wunsch  des  Königs  die  Statthalterschaft  des  Großherzogtums  Hosen.
Infolgedessen  verlebte  die  Kamilie  den  Sommer  in  Dosen  oder  auf  ihrem
nahe  gelegenen  prächtigen  Landsitze  Antonin,  den  Winter  aber  brachte
sie  regelmäßig  in  Berlin  zu.  Ihr  Halais  in  der  Wilhelmstraße  ist  das
beutige  Reichskanzleramt.

Damit  stellte  sich  denn  auch  der  frühere  freundliche  Derkehr  der
Kamilie  mit  dem  HBofe  und  der  Hofgesellschaft  wieder  her.  Aber  das
Raus  Radziwill  hatte  von  vornherein  einen  eigenartigen  Charakter;  denn
der  Fürst  wie  die  Fürstin  schätzten  gleichermaßen  neben  dem  Adel  der
Geburt  den  Adel  des  Geistes.  Künstler  wie  Rauch  und  Schinkel,  Komponisten
  wie  Mendelssohn  und  Spontini  gehörten  zu  den  gern  gesehenen
Gästen  und  begegneten  sich  hier  —  was  damals  in  Berlin  noch  ungewöhnlich
  war  —  mit  der  Gesellschaft  des  Rofes.  Das  gab  der  Gesellschaft
ein  anregendes  ESlement.  Auch  Hrinz  Wilhelm  weilte  gern  in  dem  anziehenden
  Kreise.  Er  war  auch  bei  der  berühmten  Faust-Aufführung
zugegen,  die  am  24.  Mai  1820  in  dem  Halais  Radziwill  stattfand.
Fürst  Anton  hatte  die  Chöre  der  Goetheschen  Dichtung  komponiert;  die
Rollen  des  Stückes  hatten  Hersönlichkeiten  der  Hofgesellschaft  übernommen;
den  Mephistopheles  gab  der  Herzog  Karl  von  Mecklenburg  mit  hinreißender
  Meisterschaft;  nur  für  die  Rolle  des  LFaust  war  der  Hofschauspieler
Wolff  eingetreten.  Die  Wirkung  der  Aufführung,  von  der  Radziwillschen
Musik  unterstützt,  war  mächtig  ergreifend,  allen  Teilnehmenden  unvergeßlich.


So  begegnete  Hrinz  Wilhelm  vielfach  in  jedem  Winter  der  Hrinzessin
Elise,  und  ihre  lieblich  sich  entfaltende  Jugendschöne  fesselte  mehr  und
mehr  seine  TMeigung.  Im  Frühling  1820  wurde  er  jedoch  erst  sich  dessen
bewußt,  was  die  Hrinzessin  ihm  war;  und  am  11.  August  dieses  Jahres
hatte  er  auf  der  Reise  nach  Landeck  in  Fürstenstein,  wo  die  Familie
Radziwill  bei  dem  Fürsten  Hleß  zu  Gaste  war,  mit  der  Hrinzessin  eine
Unterredung,  die  ihm  die  Überzeugung  gab,  daß  die  Hrinzessin  seine  ehrliche
  und  tiefe  Neigung  voll  und  innig  erwidere.  Geschäftig  indes  bemächtigte
  sich  bald  das  Gerücht  des  Geheimnisses.  Endlich  erfuhr  auch
der  Hrinz  von  dem  Gerede:  Unmut  erfüllte  ihn,  und  er  beschloß  —  wie
er  seinem  alten  Freunde  Watzmer  schrieb  —  „Zzurückgezogener“  zu  werden;
denn  er  fürchtete  „Kollisionen“  mit  der  Familie  Radziwill.  Aber  dieser
Entschluß,  sich  „zurückzuzieben  aus  eigener  Wahl,  ohne  höheren  Befehl“,
        <pb n="113" />
        Die  Vermählung.  107

wurde  ihm  sehr  schwer.  Die  Aufführung  der  Lalla  Rookh  war  eine
harte  Probe;  aber  er  bestand  sie.  Jedoch  im  nächsten  Jahre  war  seine
Kraft  erschöpft;  er  begann  auch  körperlich  unter  seinem  Entschlusse  zu
leiden.  Der  König,  von  Mitgefühl  ergriffen,  versprach  dem  Prinzen,
„alles  anzuwenden,  was  sich  thun  ließe,  um  zu  sehen,  ob  es  möglich  sei,
eine  Verbindung  zu  schließen,  die  er  wünsche,  da  er  der  Hrinzeß  Elise
sehr  gut  sei“.  Allein  das  RKausministerium,  mit  der  Feststellung  der  Frage
beauftragt,  entschied,  daß  die  Derbindung  nicht  standesgemäß  sein  würde.
Denn  seit  Friedrich  dem  Großen
stand  der  Grundsatz  fest,  daß  nur
die  Töchter  der  regierenden  Fürstenhäuser
  und  der  vormaligen
reichsständischen  Landesberrn  für
ebenbürtig  gelten  sollten:  ein
Grundsatz,  den  auch  König  Friedrich
  Wilhelm  III.  selbst  anerkannt
hatte.  Freilich  der  berühmte
Staatsrechtslehrer  Eichhorn,  von
dem  Fürsten  Radziwill  zu  einem
Gutachten  aufgefordert,  sprach
sich  für  die  Sbenbürtigkeit  des
Bauses  Radziwill  aus,  aber
Savign,  der  große  Jurist,  wieder
gegen  dieselbe.

Unter  diesen  Umständen
glaubte  denn  der  König  von
seinem  Sohne,  da  die  Frage  der
Sbenbürtigkeit  für  die  Thron-  Priniessin  Elise  Madziwil.
folge  bedeutungsvoll  werden
konnte,  den  Verzicht  auf  seine  Liebe  verlangen  zu  müssen.  Am  16.  Februar
  1822  hatten  sie  eine  eingehende  Unterredung  darüber:  der  König
sprach  herzlich  und  gerührt  zu  dem  Hrinzen,  hielt  aber  seine  Forderung
aufrecht.  Durch  Reisen  wollte  er  dem  Sohne  den  Derzicht  erleichtern:
er  sandte  ihn  nach  den  Niederlanden,  und  zum  Berbste  nahm  er  ihn  nach
Italien  mit.  Wohl  fühlte  sich  der  Hrinz  durch  die  Reise  innerlich  „erfrischt“"
  —  aber  überwunden  hatte  er  seinen  Schmerz  noch  lange  nicht.
Die  Frage  der  Sbenbürtigkeit  wurde  daher  durch  den  König  dem  Staatsrate
  unterbreitet;  allein  die  Mehrheit  desselben  sprach  sich  dagegen  aus.
Nun  tauchte  der  Gedanke  auf,  daß  der  kinderlose  Prinz  August  von
        <pb n="114" />
        108  Siebentes  Kapitel.

Preußen  die  Hrinzessin  Elise  durch  Adoption  ebenbürtig  machen  solle;  indes
fünf  von  den  Ministern  gaben  ihr  Urteil  dahin  ab,  daß  eine  Adoption
niemals  das  Blut  ersetzen  könne.

Jahrelang  hatte  der  Hrinz,  ja  der  König  selbst  die  wenn  auch
schwankende  Hoffnung  festgehalten,  daß  sich  immer  noch  irgend  ein  Ausweg
  aus  der  Not  zeigen  möchte.  Jetzt  mußte  um  des  Hrinzen  willen,
der  in  der  Ungewißheit  sich  aufrieb,  ein  Ende  gemacht  werden.  In
einem  von  Särtlichkeit  überströmenden  Briefe  hielt  der  mitfühlende  Vater
dem  Sohne  vor,  was  alles,  leider  vergeblich,  versucht  sei,  die  Derbindung
zu  ermöglichen;  es  bleibe  daher  dem  Hrinzen  nichts  übrig,  als  zu  entsagen,
dem  Woble  des  Staates,  des  königlichen  Hauses  eine  edle  Neigung  zu  opfern.
General  von  Witzleben  überbrachte  dem  Hrinzen  dies  Schreiben;  als  er  es
gelesen,  war  er  anfangs  ganz  wie  zerschmettert.  Dann  raffte  er  sich  auf
und  erklärte,  er  werde  dem  Willen  des  Königs  gehorchen.  „Welch  ein
Sohn!  Welch  ein  Hater!“  war  Witzlebens  Gedanke.  Und  nun  enthüllte
der  Drinz  dem  Dater  sein  ganzes  Berz,  indem  er  am  Abend  an  ihn  schrieb:

„Sie  haben,  teuerster  Dater,  die  Entscheidung  für  mein  Schicksal
gegeben,  die  ich  abnen  mußte,  aber  mich  zu  ahnen  scheute,  solange  ein
Strahl  von  Hoffnung  mir  noch  blieb.

„Lesen  Sie  in  meinem  Berzen,  um  in  demselben  den  unaussprechlichen
  Dank  zu  finden,  der  es  belebt  für  alle  die  unzähligen  Beweise
Ihrer  Gnade,  Liebe  und  Langmut,  die  Sie  mir  in  diesen  bewegten  fünf
Jahren  gaben,  vor  allem  aber  noch  für  den  unbeschreiblich  tief  mich  ergriffen
  habenden  Brief  vom  gestrigen  Tage.  Welchen  Eindruck  er  mir
gemacht,  bin  ich  nie  im  stande  zu  schildern.

„Ihre  väterliche  Liebe,  Gnade  und  Milde,  Ihre  liebevolle  Teilnahme
  bei  dem  schweren  Geschick,  das  mich  trifft,  das  Vorhalten  meiner
Oflichten  in  meinem  Stande,  die  Anerkennung  der  Würdigkeit  des  Gegenstandes,
  dem  ich  meine  Neigung  geschenkt  habe,  die  Erinnerung  an  alle
Dersuche,  welche  Ihre  Liebe  zu  Ihren  Kindern  Sie  unternebmen  ließ,
um  die  Wünsche  meines  Herzens  zu  erfüllen  —  alles,  alles  dies  in  den
Seilen  zu  finden,  die  mein  Schicksal  entschieden,  mischte  in  mein  erschüttertes
  Herz  soviel  Trost  und  so  unaussprechliches  Dankgefühl,  daß  ich
nur  durch  die  kindlichste  Liebe  und  durch  mein  ganzes  Derhalten  in
meinem  künftigen  Leben  imstande  sein  werde,  Ihnen,  teuerster  Vater,
meine  wahren  Gesinnungen  zu  bethätigen.

„Jch  werde  Ihr  Dertrauen  rechtfertigen  und  durch  Zekämpfung
meines  tiefen  Schmerzes  und  durch  Standhaftigkeit  in  dem  Unabänderlichen
  diese  schwere  Drüfung  bestehen.
        <pb n="115" />
        Die  Vermählung.  109

„Gottes  Beistand  werde  ich  anrufen.  Er  verließ  mich  in  so  vielen
schmerzlichen  Augenblicken  meines  Lebens  nicht,  er  wird  mich  auch  jetzt
nicht  verlassen.

„So  schließe  ich  diese  wichtigen  Zeilen  zwar  mit  zerrissenem  Herzen,
aber  in  einem  Herzen,  das  Ihnen,  teuerster  Vater,  inniger  denn  je  anhängt!
  Denn  Ihre  väterliche  Liebe  war  nie  größer  als  in  der  Art  der
schweren  Entscheidung!“

Das  ist  der  Brief  eines  Helden:  ein  Ehrendenkmal  der  preußischen
Geschichte!  „Es  gehört“,  schrieb  damals  (am  29.  Juli  1826)  Hrinz  Wil-Prinz

  Narl  von  Preußen  und  seine  Gemahlin  Prinzessin  Marie.

helm  an  NWatzmer,  „eine  seltsame  Kraft  dazu,  seine  teuersten,  ja  die
höchsten  Wünsche  aufopfern  zu  müssen.“  Aber  in  seinem  Öflichtgefühl
fand  er  diese  Kraft.  Durch  angestrengte  Arbeit  stählte  er  sie,  indem  er
seinen  militärischen  Hflichten  mit  ganzer  Seele  oblag.

Da  erhielt  er  —  noch  im  Dezember  des  traurigen  Jahres  1826  —
von  dem  Könige  den  Befehl,  sich  mit  dem  Hrinzen  Karl  nach  Weimar
zu  begeben,  um  dem  jüngeren  Bruder  in  der  erbung  um  die  Hand  der
Drinzessin  Marie  von  Weimar  zur  Seite  zu  stehen.  Ihm  war  bei  der
Stimmung,  die  ihn  noch  ganz  beherrschte,  dieser  Befehl  höchst  unwill-
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        110  Siebentes  Kapitel.

kommen.  „Er  ist  ein  Beweis“,  schrieb  er  an  Natzmer,  „daß  mir  das
Ceben  nicht  leicht  gemacht  wird.“  Allein  unweigerlich  kam  er  ihm  nach.

Das  großherzogliche  Haus  von  Weimar  war  mit  dem  preußischen
Königshause  durch  Freundschaft  und  Verwandtschaft  eng  verbunden.  Der
Großherzog  Karl  August  hatte  1806  fest  zu  Preußen  gestanden  und  erst
auf  das  Geheiß  König  Friedrich  Wilhelms  mit  Napoleon  Frieden  geschlossen;
und  beim  Beginn  der  Befreiungskriege  gehörte  er  zu  den  ersten,  die  freudig
auf  die  Seite  Preußens  traten.  Seine  Mutter  war  eine  Nichte  Friedrichs
des  Großen  gewesen,  und  sein  Sohn  hatte  sich  mit  der  Großfürstin  Maria
Paulowna  vermählt,  so  daß  die  beiderseitige  Verschwägerung  mit  dem
russischen  Kaiserhause  die  beiden  Familien  einander  näher  brachte.

Die  preußische  Werbung  wurde  daher  von  der  großherzoglichen
Familie  sehr  günstig  aufgenommen,  überhaupt  in  jeder  Hinsicht  dahin
gestrebt,  den  beiden  preußischen  Prinzen  die  Tage  in  Weimar  möglichst
angenehm  zu  gestalten.  Das  gelang  auch  durchaus:  sie  waren  sehr  befriedigt
  von  ihrer  Aufnahme;  aber  dem  Prinzen  Wilhelm  war  es  doch
sehr  schmerzlich,  ein  Glück  entstehen  zu  sehen,  wie  er  es  selbst  vor  wenigen
Monaten  verloren  hatte.

Das  Interesse  sammelte  sich  ganz  um  die  bräutliche  Prinzessin  Marie.
Neben  ihr  trat  ihre  jüngere  Schwester,  die  Hrinzessin  Augusta,  die  erst
15  Jahre  (geboren  am  50.  September  1811)  zählte,  auch  noch  nicht  eingesegnet
  war,  noch  zurück.  Aber  doch  glaubte  Wilhelm  von  Kumboldt
schon  Anzeichen  wahrzunehmen,  die  auf  eine  bedeutende  Entwickelung  in
der  GSukunft  ihm  hinzuweisen  schienen.  „Die  Hrinzeß“,  urteilte  er,  „hat
in  dieser  kaum  der  Kindheit  entgangenen  Jugend  einen  festen  und  selbstständigen
  Charakter.  Ihr  lebendiger,  durchdringender  Geist  spricht  aus
ihrem  Blick;  ihre  Süge  sind  im  höchsten  Grade  bedeutungsvoll,  und  ihre
Gestalt  wird  sich  in  einigen  Jahren  gewiß  noch  schöner,  als  sie  jetzt
schon  erscheint,  entwickeln."

Drinz  Wilhelm  freute  sich  der  Munterkeit  des  Wesens,  welche  die
junge  Hrinzessin  zeigte;  ihm  gefielen  die  schlagfertigen  Antworten,  die  sie
zu  geben  wußte.  Das  blieb  nicht  unbemerkt.  Denn  je  bedeutsamer  der
Eindruck  war,  den  seine  Hersönlichkeit  und  sein  ganzes  Wesen  an  dem
Weimarer  Hofe  machten,  um  so  mehr  ward  unwillkürlich  von  allen  gerade
auf  ihn  geachtet.  So  schildert  ihn  damals  der  alte  Herr  von  Gagern
dem  Freiherrn  von  Stein:  „Hrinz  Wilhelm  ist  die  edelste  Gestalt,  die
man  sehen  kann,  der  imposanteste  von  allen,  dabei  schlicht  und  ritterlich,
munter  und  galant,  doch  immer  mit  Würde.“  Und  schalkhaft  setzt  er
hinzu:  „Unsere  Hrinzessin  Augusta  schien  ihn  sehr  anzuziehen."“
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        Die  Vermählung.  111

Uoch  lebten  in  Weimar  die  beiden  Männer  miteinander,  denen
die  Stadt  ihren  einzigartigen  Ruhm  verdankte:  der  geistvolle  Großherzog
und  Goethe,  der  zwar  ein  Greis  von  77  Jahren,  doch  noch  in  ungebrochener
  Kraft  des  Körpers  und  des  Geistes  dastand.  In  ihnen  stellte
sich  das  Streben  nach  der  höchsten  Bildung  dar,  und  naturgemäß  hatte
dies  Streben  auch  auf  die  jüngeren  Mitglieder  der  Familie  den  günstigsten
Einfluß.  Das  war  die  Atmosphäre,  in  der  die  beiden  Töchter  des  Erbgroßherzogs
  Karl  Friedrich  heranwuchsen.  Gern  sprach  es  der  Großvater
  aus,  wie  glücklich  ihn  die  Verlobung  der  Prinzeß  Marie  mit  dem
jüngeren  der  beiden  Prinzen  machte,  an  denen  er  soviel  „Behagen“
empfand.  Auch  Goethe  bemerkte  mit  Befriedigung,  daß  die  Prinzen  „ein
ganz  frisches  Leben“  in  die  weimarischen  Hofkreise  gebracht,  und  äußerte,
als  Karl  August  sie  ihm  zuführte,  „Freude  und  Bewunderung  über  so
verschiedenartig  wohlgebildete  Königssöhne“.

Am  26.  Mai  1827  fand  die  Dermählung  der  Hrinzeß  Warie  mit
dem  Orinzen  Karl  statt.  Wiederum  begleitete  Drinz  Wilhelm  den  Bruder
dorthin,  und  freundlich  erneuerte  sich  die  Bekanntschaft  mit  der  jugendlichen
  Schwester  der  Zraut.  Don  Weimar  begab  er  sich  dann  in  die
Schweiz,  deren  Berge  er  sehr  liebte.  Den  folgenden  Winter  verlebte  er
größtenteils  in  St.  Hetersburg.  Wiederholt  war  "  hier  im  Kreise  der
kaiserlichen  Derwandten  auch  von  der  Hrinzessin  Augusta  die  Rede.  Sie
bestärkten  in  ihm  das  Interesse,  das  er  für  die  jugendliche  Hrinzessin
empfand,  um  so  mehr,  als  diese  die  Nichte  des  Kaisers  Mikolaus  war.
So  knüpften  allmählich  sich  die  zarten  Fäden.

Während  der  Hrinz  in  Rußland  weilte,  verschärfte  sich  drohend  der
alte  Gegensatz  zwischen  Rußland  und  der  Türkei.  Der  Sultan  Mahmud
verlangte  Genugthiuung  für  die  Niederlage  bei  Mavarino,  welche  Rußland
  mit  seinen  Derbündeten  der  türkisch-ägvptischen  Flotte  zugefügt  hatte,
und  wies  deren  Gesandte,  als  die  Genugtliuung  ihm  verweigert  wurde,
aus  Konstantinopel  aus.  Darauf  antwortete  Rußland  am  26.  April  1828
mit  der  Kriegserklärung  und  sandte  100  000  Mann  über  den  Hruth.
Es  war  der  lebhafte  Wunsch  des  Hrinzen  Wilhelm,  dies  Beer  ins  Feld
zu  begleiten.  Allein  der  König  versagte,  so  große  Smpathien  er  auch
für  die  pbhilhellenischen  Bestrebungen  Rußlands  hegte,  die  erbetene  Erlaubnis.
  Gehorsam  kehrte  daher  der  Hrinz  nach  Berlin  zurück.

Unterdessen  war  dem  Hrinzen  Karl  in  seinem  Schlosse  Glienicke  bei
Dotsdam  ein  Sohn  geboren  worden.  Voller  FKreude  darüber  kam  der
greise  Großherzog  Karl  August  nach  Hotsdam,  den  Urenkel,  den  kleinen
Drinzen  Friedrich  Karl,  zu  sellen.  Mit  der  größten  Auszeichnung  wurde
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        112  Siebentes  Kapitel.

der  treffliche  fürst  von  dem  ganzen  preußischen  Hofe  empfangen.  Es
ist  ein  verbreiteter  Irrtum,  daß  er  den  Dorrang  in  der  Thronfolge  für
seinen  Urenkel  bei  der  Aussicht  auf  die  Kinderlosigkeit  des  Kronprinzen
und  auf  die  nicht  ebenbürtige  Dermählung  des  Hrinzen  Wilhelm  verlangt
  habe.  Davon  ist  gar  nicht  die  Rede  gewesen  und  kann  es  auch
nicht  sein,  da  Orinz  Wilhelm  sich  schon  zwei  Jahre  zuvor  der  Entscheidung
  des  Königs  unterworfen  hatie.  Nicht  von  der  traurigen  Möglichkeit
  eines  Erbfolgestreites,  sondern  von  der  erfreulichen  Möglichkeit  einer
Dermählung  des  Hrinzen  Wilhelm  mit  der  Hrinzessin  Augusta  ist  damals
gesprochen.  Doll  ehrlicher  Freude  über  diese  Eröffnung  verließ  der  greise
Kürst  Berlin,  allein  auf  der  Reimreise  in  dem  Schlosse  Graditz  bei  Torgau
überraschte  ihn  der  Tod.

Um  der  Familientrauer  willen  begab  sich  daher  Hrinz  Wilhelm  selbst
nach  Weimar,  um  sich  das  Jawort  der  Hrinzessin  Augusta  zu  holen.  Freudig
gab  sie  es  ihm  am  19.  Oktober  1828;  und  nun  verbrachte  er  noch
mehrere  fröhliche,  glückliche  Wochen  in  dem  ihm  lieb  gewordenen  Treise
der  Derwandten,  und  lebte  so  recht  mit  seiner  jugendlichen  Braut  sich
ein.  Ein  besonders  beliebtes  Siel  der  gemeinsamen  Ausflüge  war  die
Walkmühle,  die  nicht  weit  von  dem  freundlichen  Schlosse  Belvedere  in
anmutigem  Grund  am  rechten  Ufer  der  Ilm  liegt.  Hier  hatten  die
jungen  Hrinzessinnen  Marie  und  Augusta  ungehindert  oft  ihre  frohen
Kinderspiele  getrieben,  hatten  sich  auf  der  großen  Schaukel  im  Hofe  geschaukelt,
  hatten  auf  dem  Ackerpflug  geritten  und  waren  auf  den  Wagen
geklettert,  nicht  eben  zum  Dorteil  der  Kleider.  „Ei,  ei,  Hrinzeßchen",
hatte  dann  wohl  die  alte  Großmutter  Dent  in  der  Mühle  gemahnt,  „was
wird  man  dazu  sagen,  wenn  ihr  so  ins  Schloß  kommt!“  Aber  dann
brachte  sie  Milch  und  Honig  herbei  zur  ländlichen  Bewirtung,  und  der
Schmerz  über  das  Loch  im  Kleide  war  schnell  überwunden.  Mun  mußte
auch  der  fürstliche  Zräutigam  die  Mühle  und  die  alte  Großmutter  kennen
lernen.  Er  wurde  hinaufgeführt  in  die  „blaue“  Stube,  die  aus  ibren
vier  Fenstern  eine  hübsche  Aussicht  auf  das  schäumende  Wehr  bis  nach
dem  waldigen  Belvedere  hinüber  darbot.  Am  runden  Tisch  in  der  MWitte
der  Stube  wurden  die  hohen  Gäste  mit  den  besten  Forellen  und  Krebsen
bewirtet,  die  der  Bach  bot,  oder  sie  saßen  draußen  auf  dem  HBofe  auf
einem  Baumstamme  in  traulichem  Geplauder.  Und  so  wert  waren  der
jungen  Braut  die  Erinnerungen  an  die  Walkmühle,  daß  sie  auch  in
späteren  Jahren  noch  oft  dorthin  zurückgekehrt  ist.

Der  Tod  der  Großmutter  der  Braut,  der  nicht  gar  lange  zuvor
erfolgt  war,  verbot  indessen  noch  die  Deröffentlichung  der  Derlobung.
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        Die  Vermählung.  113

Erst  nachdem  die  Trauerzeit  abgelaufen  war,  erschien  der  preußische  Gesandte
  in  Weimar  und  hielt  feierlich  im  Tamen  des  Königs  bei  dem
Großberzoge  um  die  Hand  der  Orinzessin  Augusta  für  den  Hrinzen  Wilhelm
  an.  Die  Werbung  wurde  angenommen  und  nun  am  I11.  Februar
1820  auch  die  Derlobung  veröffentlicht.  Kür  die  Dermählungsfeier  wurde
noch  keine  Bestimmung  getroffen;  doch  war  die  Meinung,  daß  sie,  da
die  Hrinzessin  erst  17  Jahre  alt  war,  noch  etwas  anstehen  sollte.

Der  Feldzug  der  RZussen  gegen  die  Türken  war  im  Jahre  1828
erfolglos  verlaufen.  Daher  bat  Kaiser  Nikolaus  den  König  Friedrich
Wilhelm  um  eine  Susammenkunft,  um  sich  mit  ihm  über  die  weitere

Das  blane  Zimmer  in  der  Walkmühle  bei  Weimar.

Kriegführung  zu  besprechen.  Er  befand  sich  in  Warschau,  um  sich  zum
Könige  von  Holen  krönen  zu  lassen,  und  schlug  dem  Könige  für  die  Gusammenkunft
  Sibyllenort  bei  Breslau  vor,  wohin  er  von  Warschau
kommen  wolle.  Allein  der  König,  am  Weckselfieber  leidend,  war  nicht
imstande,  die  Reise  zu  unternehmen.  Er  sandte  daher  den  Orinzen
Wilhelm  mit  der  Bitte  nach  warschau,  daß  das  russische  Kaiserpaar  nach
Berlin  käme.  Gern  folgte  dies  mit  dem  jungen  Großfürsten-Thronfolger
der  Bitte  des  Königs.  Und  nun  tauchte  der  Gedanke  auf,  jetzt,  wo  das
Kaiserpaar  in  Berlin  weile,  die  Hochzeitsfeier  des  Orinzen  Wilhelm  zu
begehen.  Swar  blieben  nur  wenige  Tage  Frist:  allein  sie  genügten,  alles

auszurüsten.
Kaiser  Wilhelm.  8
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        114  Siebentes  Kapitel.

Sofort  begab  sich  der  Prinz  von  Warschau  nach  Weimar.  Er  kam
durch  Posen.  In  der  freudig  gehobenen  Stimmung,  in  der  er  sich  befand,
  machte  er  hier  Aufenthalt,  fuhr  binaus  nach  Antonin  und  söhnte
sich  bier  in  männlich-freier  Aussprache  mit  der  fürstlichen  Kamilie  Radziwill
aus.  Auch  König  Friedrich  Wilhelm  freute  sich  der  beschleunigten  Hoch--zeitsfeier.
  Denn  da  der  Kronprinz,  seit  1825  mit  Orinzeß  Elisabeth  von
Bayern  vermählt,  ohne  Kinder  war,  legte  er  Gewicht  darauf,  daß  sich
Prinz  Wilhelm  bald  vermähle.

In  Weimar  traf  der  fürstliche  Zräutigam  am  6.  Juni  ein,  um  die
Braut  zum  Einzuge  in  Berlin,  der  auf  den  II.  bestimmt  war,  dorthin
zu  geleiten.  Aus  der  Aufmerksamkeit  und  zarten  Fürsorge,  die  er  der
freudig  Überraschten  widmete,  erkannte  auch  der  ferner  Stehende,  wie
lieb  sie  ihm  war.  Nur  spärliche  Seit  blieb  zum  Abschiednehmen.  Doch
zu  Goethe  selbst  zu  gehen,  ließ  die  Hrinzessin  sich  nicht  nehmen.  „Die
bedeutende  und  liebenswürdige  Hrinzessin  Auguste“  —  schrieb  der  große
Menschenkenner  nach  diesem  Abschiedsbesuche  in  sein  Tagebuch  —  „verbindet
  frauenzimmerliche  und  prinzeßliche  Eigenschaften  auf  eine  so  vollkommene
  Weise,  daß  man  wirklich  in  Derwunderung  gerät,  und  ein  gemischtes
  Gefühl  von  Hochachtung  und  Meigung  in  uns  entsteht.“  Der
Drinz  hatte  seine  Braut  begleitet:  denkwürdige  Begegnung,  wie  hier  in
seinem  Haus  am  Frauenplan  der  greise  Dichterfürst  den  jungen  Fürsten
zu  Gaste  bei  sich  sah,  dem  das  herrlichste  Werk  des  Jahrhunderts  zu
vollbringen  vorbehalten  war.

Am  zweiten  Ofingsttage  (den  9.  Juni)  wurde  die  fürstliche  Braut  in
Dotsdam  von  dem  weiten  Kreise  ihrer  Derwandten  auf  das  herzlichste
bewillkommnet,  und  am  10.  Juni  gegen  Abend  bielt  sie  den  üblichen
Haradeeinzug  in  Berlin.  Und  was  konnte  sie  besser  kleiden,  als  daß  sie
in  ihrem  Glücke  der  Armen  Zerlins  gedachte,  denen  sie  eine  reichliche
Spende  mildherzig  zuwiesd

Am  1I.  Juni  um  7  Uhr  abends  fand  die  Dermählung  statt.  In
feierlichem  Suge  begab  sich  die  ganze  königliche  Familie  mit  den  zahlreich
  anwesenden  fürstlichen  Hochzeitsgästen  von  den  Roten  Simmern
FKriedrichs  I.  nach  der  Kapelle  des  königlichen  Schlosses.  Hier  vollzog
der  Bischof  Eylert  die  Trauung.  Bei  dem  Kingewechsel  des  hohen
Daares  erdröhnten  72  Kanonenschüsse  vom  Lustgarten  her.  Dann  begab
sich  in  derselben  Ordnung  der  Sug  wieder  in  die  Zimmer  Friedrichs  I.
zurück.  Hier  empfing  das  junge  Shepaar  die  GElückwünsche  der  königlichen
  Kamilie,  dann  danach  im  Weißen  Saale  die  der  Hofstaaten  und
sonst  zur  Feier  Befohlenen.  Tiefe  Rührung  hatte  während  der  Trauung
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        Die  Vermählung.  115

die  Hrinzessin  beherrscht;  jetzt  sah  man  das  Glück  ihr  an,  das  bei  dem
Anblick  ihres  Gemahls  ihr  jugendfrohes  Herz  erfüllte.  Meisterhaft  hielt
sie  die  Gratulationscour  ab:  einem  jeden  wußte  sie  „so  Bübsches  und
Dassendes“  zu  sagen,  daß  alle  von  ihr  entzückt  waren.

Im  Rittersaale  fand  darauf  mit  höchstem  Hompe  das  bochzeitsmahl
statt.  Unter  dem  Thronhimmel  zwischen  dem  russischen  Kaiserpaare  saß
das  hohe  Brautpaar.  Die  Generalleutnants  von  Rauch  und  von  Müßsff.
ling  legten  die  Speisen  vor,  der  Obermundschenk  Graf  Sgloffstein  reichte

Kesuch  des  Prinzen  Wilhelm  und  der  Prinzessin  Ruguste  bei  Gorthe.

den  Wein.  Den  CTrinkspruch  auf  das  neu  vermählte  Haar  brachte  der
König,  der  neben  der  Kaiserin  von  Rußland  saß,  aus.  Unterdessen
hatten  sich  im  Weißen  Saale  die  Staatsminister  versammelt:  nach  Auf.
hebung  der  Cesttafel  begann  der  feierliche  Fackeltanz.  Voran  schritt  mit
dem  großen  Marschallsstabe  der  GOberhofmarschall  Graf  von  der  Goltz
ihm  folgten,  mit  weißen  Wachsfackeln  in  den  Ränden,  paarweis  die
Staatsminister.  Hinter  diesen  schritten  die  Neuvermählten.  So  machten
sie  miteinander  einen  Umgang  durch  den  Saal.  Dann  tanzte  die  rinzessin
  mit  dem  Kaiser  von  Rußland,  darauf  mit  dem  Mönige.  endlich  nach
        <pb n="122" />
        116  Siebentes  Kapitel.

der  Reihe  mit  allen  Prinzen;  ebenso  der  Prinz  zuerst  mit  der  Kaiserin
von  Rußland,  dann  mit  allen  Prinzessinnen.  Nachdem  damit  der  Fackeltanz
  beendigt  war,  begab  sich  der  feierliche  Zug  der  Hochzeitsgäste  wieder
zu  den  Zimmern  Friedrichs  J.  zurück,  wo  nach  alter  Sitte  des  Berliner
Rofes  die  neu  ernannte  Oberhofmeisterin  der  Prinzeß  Wilhelm,  Frau  von
Jagow,  das  „Strumpfband“  an  die  Anwesenden  verteilte:  eine  Zeremonie,
mit  der  das  Vermählungsfest  sein  Ende  erreichte.

ji«-Dis-Ell-;-



  Wilhelm  von  Preußen  (1829).

Am  folgenden  Tage  siedelten  Hrinz  und  Hrinzessin  Wilhelm  in  das
Cauentziensche  Palais  —  Unter  den  Linden  37  —  über.  Es  war  dem
Drinzen  als  Dienstwohnung  überwiesen.  Später  kaufte  er  es  sich  und
ließ  es  durch  den  Baumeister  Langhans  umbauen.  In  dieser  Neugestaltung
  ist  es  bis  an  sein  Lebensende  die  Wohnung  des  Orinzen  geblieben:
  auch  dem  König  und  dem  Kaiser  genügte  es.  In  der  ersten
Stage  lagen  die  Simmer  der  Orinzessin  und  die  Gesellschaftsräume;  im
Erdgeschosse  wohnte  der  Prinz.  Eine  Wendeltreppe  führte  direkt  zu  den
Simmern  der  Hrinzessin  bhinauf.  Das  letzte  zweifenstrige  Simmer  links
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        Die  Vermählung.  117

war  von  Anfang  an  das  Arbeitszimmer  des  Prinzen;  das  linke  der  beiden
Fenster  (wenn  man  vor  dem  Kause  steht)  ist  als  „das  historische  Eck.
fenster“  später  weltberühmt  geworden.

Gleich  am  Tage  des  Einzugs  sahen  die  hohen  Neuvermählten  die
ganze  königliche  Familie  und  alle  fürstlichen  Hochzeitsgäste  als  Frühstücksgäste
  bei  sich  in  dem  neuen  Heim.  Das  war  die  Einweihungsfeier  des
Hauses.  Dann  aber  siedelte  das  junge  Paar  nach  Potsdam  über,  um
in  dem  Marmorpalais  im  Neuen  Garten  die  Flitterwochen  zu  verleben

*  **

Prinzessin  Augusta  von  Preusßen  (1829).

und  eine  Seitlang  ganz  allein  sich  anzugebören.  Nur  alte,  bewährte
Freunde  wurden  hier  empfangen,  General  von  Natzmer  natürlich  gleich
in  den  ersten  Tagen.  Sie  gewannen  den  allerfreundlichsten  Eindruck.  „Hrinz
wWilhelm“  —  schrieb  General  von  Brause  —  „ist  glücklich  und  zufrieden,
die  Hrinzeß  sehr  heiter  und  gefällt  allen,  die  sie  näher  kennen  lernen.“

Am  Musenhofe  zu  Weimar  aufgewachsen,  voll  des  lebhaftesten
geistigen  Interesses,  alle  Derhältnisse  mit  logischer  Schärfe  erfassend,  stellte
die  junge  Hrinzessin  eine  ideale  Ergänzung  zu  dem  praktischen  Ernste
dar,  der  den  Grundzug  des  Wesens  ihres  Gemahls  bildete.
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        Achtes  Kapitel.
Ein  Jahrzehnt  ruhigen  Glückes.

Es  waren  stets  Tage  festlichen  Glanzes,  wenn  es  am  Berliner  Hofe
hieß:  „die  Russen  kommen.“  Denn  mit  warmer  Neigung  pflegte  die
russische  Kaiserfamilie  ihre  nahen  verwandtschaftlichen  Beziehungen  zu
dem  preußischen  Königshause.  Durch  seine  Anwesenheit  hatte  das  rus—
sische  Kaiserpaar  der  Vermählungsfeier  des  Prinzen  Wilhelm  erhöhten
Glanz  verliehen.  Zwar  den  Kaiser  Nikolaus  nötigten  Staatsangelegenheiten,
  schon  am  Tage  nach  der  Feier  wieder  abzureisen;  aber  die  Kaiserin
Charlotte  verweilte  noch  mehrere  Wochen  im  Kreise  der  Derwandten.
Zu  einem  Huldigungsfeste  gedachten  diese  daher  den  Geburtstag  der
Kaiserin  zu  gestalten.  Die  Cieblingsblume  der  Kaiserin  war  die  weiße
Rose.  Unter  diesem  Symbol  wurde  die  Zuldigung  der  Kaiserin  in  dem
„Sauber  der  weißen  Rose“  dargebracht,  der  am  15.  Juli  1820  in  dem
Neuen  Halais  bei  Hotsdam  von  den  höchsten  Kreisen  des  Hofes  dargestellt
  wurde.

Es  war  ein  romantisches  Ritterspiel,  den  Gedanken  des  HBerzogs
von  Mecklenburg  entsprungen:  das  letzte  Turnier,  das  gehalten  ist.  Der
erste  Teil  des  Spieles  war  ein  Karussell,  von  Rittern  in  reichen  und
prachtvollen  Rüstungen  geritten.  Alle  Hrinzen  nahmen  daran  teil.  Dor
dem  Drinzen  Wilhelm  wurde,  als  er  in  die  Schranken  einritt,  das  kurbrandenburgische
  Banner  einbergetragen;  sein  Schild  zeigte  das  kurbrandenburgische
  Schwert  mit  der  Devise  „Sott  mit  uns.“  Dier  Ritter,  in  Blau,
Rot  und  Silber  gekleidet,  folgten  ihm.

Auf  einer  Sstrade,  unter  einem  glänzenden  Baldachin,  saßen  die
Kaiserin  und  die  Hrinzessinnen  —  mit  ihnen  der  König,  dem  Spiele  zuschauend.
  Der  Herzog  Karl  hielt  eine  Anrede  an  die  Kaiserin:  dann
begann  das  Karussellreiten.  Es  endigte  mit  einem  Ringelstechen,  für  das
als  Hreis=  und  Kampfrichter  der  Herzog  Karl  mit  dem  Orinzen  Friedrich
der  Tiederlande,  dem  Gemahle  der  jüngsten  Tochter  des  HKönigs,  bestellt
waren.
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        Ein  Jahrzehnt  ruhigen  Glückes.  119

Der  zweite  Teil  des  Spieles  brachte  die  Darstellung  lebender  Bilder
im  Schlosse.  Während  unsichtbare  Geister  einen  Wechselgesang  aufführten,
erschien  in  einem  Zauberspiegel  die  Erinnerung.  Sie  trug  einige  Verse
vor,  während  deren  sich  eine  Ansicht  von  Berlin  entwickelte.  Im  Vorder—
grunde  derselben  stand  ein  weißer  Rosenstock,  gepflegt  und  bewacht  von
den  Genien  der  Ciebe,  der  Treue  und  des  Glücks.  Unter  leiser  Gesangesbegleitung
  schwebten  die  Jahreszeiten  vorüber.  Dann  wandelte  sich  das
Bild:  man  sah  das  Riesengebirge.  An  den  Abhängen  gelagert,  ergötzten
sich  Flußnymphen  mit  Gesängen.  Aber  der  Berggeist  Rübezahl  tritt  unter  sie
und  gebietet  ihnen  Schweigen:  er  sei  entschlossen,  ein  Ungewitter  zu
senden,  damit  die  Anwesenden  die  Stärke  ihrer  Liebe  und  Treue  erproben
  könnten.  Zugleich  verdunkelt  sich  der  Himmel,  Blitze  zucken,  der
Donner  rollt.  Klagesang  ertönt,  aber  indem  er  allmählich  in  ein  Siegeslied
  übergeht,  entwickelt  sich  aus  dichtem  Hulverdampfe  Bellona.  Ein
Held  tritt  auf,  külne  Kriegsthaten  berichtend,  während  deren  im  Binter-9grunde
  Moskau  sich  zeigt,  über  dem  eine  Lichtgestalt  schwebt.  Ihre
Worte  weisen  auf  die  schöne  Segenwart  hin;  aber  Kronos  tritt  hinzu
und  mahnt  zu  Roffnung  und  Dertrauen  auf  eine  schöne  Sukunft.  Und
mit  prophetischem  Gesange,  umringt  von  Genien  kündet  Aurora
diese  an.

Den  dritten  Teil  des  Spieles  endlich  bildete  ein  Ball  im  Muschelsaale
  des  Schlosses.  Ihn  eröffnete  eine  Quadrille,  getanzt  von  zwanzig
Haaren  in  mittelalterlicher  Tracht,  in  den  Farben  der  Karussellritter.  An
die  vierzehn  Sieger  im  Karussellreiten  aber  teilte  während  der  folgenden
Tänze  die  Kaiserin  selbst  kostbare  Hreise  aus:  türkische  Säbel,  goldene
Ketten,  silberne  Becher.  Sum  Schlusse  des  Festes  wurde  endlich  jedem
Teilnehmer  desselben  als  Erinnerungszeichen  eine  silberne  weiße  Rose
an  weißem  Bande  überreicht.

Auch  im  nächsten  Jahre  wieder  hatte  sich  die  preußische  Königsfamilie
  eines  Besuches  der  russischen  Kaiserfamilie  zu  erfreuen.  Es  war
in  Fischbach  bei  Rirschberg  in  Schlesien,  wo  sie  sich  trafen.  Hrinz  Wilhelm
  wohnte  unterdes  in  dem  nahe  gelegenen  Schloß  Erdmannsdorf  bei
dem  Feldmarschall  Gneisenau.  Er  machte  von  hier  aus  manche  Ausflüge
  in  das  Riesengebirge,  erstieg  auch  den  Gipfel  desselben,  die  Schneekoppe,
  die  einen  weiten  Rundblick  über  Schlesien  und  Böhmen  gewährt.
Danach  begab  er  sich,  von  seiner  jungen  Gemahlin  begleitet,  nach  dem
Baag,  um  seine  jüngste  Schwester,  die  Hrinzessin  Friedrich  der  Triederlande,
  zu  besuchen.  Während  er  bei  dieser  weilte,  brach  in  Haris  die
Julirevolution  aus.  Bald  schlugen  deren  Wellen  auch  über  die  Grenz-
        <pb n="126" />
        120  Achtes  Kapitel.

pfähle  hinweg:  es  kam  in  Belgien,  dann  auch  in  der  Rheinprovinz  und
an  manchen  anderen  Orten  Deutschlands  zu  bedenklichen  Unruhen,  so  daß
König  Friedrich  Wilhelm  zur  Vorsicht  beschloß,  drei  preußische  Armeecorps
am  Rhein  zu  vereinigen  und  ein  viertes  nach  Thüringen  zu  entsenden.
Er  beauftragte  den  Hrinzen  Wilhelm  mit  der  Inspizierung  von  zweien
der  an  den  Rhein  marschierenden  Armeecorps;  doch  steigerten  sich  die
Unruhen  derart,  daß  der  Hrinz  schon  während  der  Inspizierung  ganze
Divisionen  dieser  Corps  nach  Köln  und  Aachen  mußte  abrücken  lassen.
Es  war  vorauszusehen,  daß,  wenn  es  zum  Kampfe  käme,  diese  unter
des  Hrinzen  Oberbefebhle  zuerst  mit  den  Feinden  zusammenstoßen  würden.
Ein  hohes  Dertrauen  zu  der  militärischen  Tüchtigkeit  des  Hrinzen  lag
also  in  diesem  Auftrage  des  Königs:  doch  kam  es  zum  Glücke  nicht  zu
kriegerischen  Aktionen.

Überhaupt  war  während  dieser  ganzen  Jahre  der  Hrinz  durch  militärische
  Obliegenheiten  mannigfacher  Art,  durch  Kommandos,  durch  Kommissionssitzungen,
  durch  Inspizierungen  in  Anspruch  genommen.  Im  Jahre
1851  empfing  er  das  Dienstkreuz  für  25  jährigen  Dienst  in  der  Armee.

Und  Erholung  und  Erquickung  nach  dem  „Dienst“  fand  der  Hrinz
an  der  Seite  seiner  heiteren  und  geistesfrischen  Gemahlin.  Und  dies
Glück  erstieg  seinen  Gipfel,  als  sie  ihm  den  innigst  ersehnten  Erben
schenkte:  am  Jahrestage  der  Ceipziger  Schlacht  —  am  18.  Oktober  1851
—  wurde  ihm  in  dem  Neuen  Halais,  das  er  zum  Sommer  bezogen
hatte,  ein  Sohn  geboren.  Das  war  für  ganz  Hreußen  ein  bedeutungsvolles
  Ereignis;  denn  dieser  kleine  Hrinz  war  bei  der  Kinderlosigkeit
des  Kronprinzen  als  der  Erbe  des  Thrones  anzusehen.  Orinz  Friedrich
—  Friedrich  Wilhelm  wurde  er  erst  auf  den  Wunsch  König  Friedrich
Wilhelms  IV.  seit  1841  genannt  —  war  ein  kräftiger  Knabe  und  gedieh
prächtig.  Der  soldatische  Geist,  der  vom  Hater  ihn  anwehte,  durchdrang
ihn  bald.  Als  er  sechs  Jahre  alt  war,  wurde  er  mit  zwei  gleichaltrigen
Kameraden,  Rudolf  von  Sastrow  und  Graf  Adolf  Königsmark,  regelrecht
  einexerziert.  Und  so  ernst  war  dem  kleinen  Hrinzen  die  Sache,
daß,  als  einst  beim  Exerzieren  ein  plötzlicher  Regenschauer  fiel  und  ein
Diener  mit  aufgespanntem  Regenschirm  den  Kleinen  schützen  wollte,  er
dies  stolz  mit  der  Frage  zurückwies:  „Rast  du  schon  einmal  einen  Soldaten
mit  einem  Regenschirm  gesehen?“

Und  welche  Freude  hatte  der  greise  König  an  dem  frisch  sich  entwickelnden
  Enkel.  Gern,  wenn  er  in  Haretz  weilte,  ließ  er  den  kleinen
Drinzen  Fritz  und  den  etwas  älteren  Hrinzen  Friedrich  Karl  dorthin
kommen.  Dann  hörte  man  in  dem  einsamen  Harke  wie  ein  Menschen-
        <pb n="127" />
        Ein  Jahrzehnt  ruhigen  Glückes.  121

alter  zuvor  wieder  Kindergejauchze  und  überschäumende  Lust.  Die  Dorf—-jugend
  wurde  zusammengerufen  und  in  zwei  gleiche  Beerbaufen  geteilt,
über  welche  die  Hrinzen  das  Kommando  übernahmen.  Für  passende
Bewaffnung,  sogar  für  ein  Daar  kleine  Kanonen  hatte  der  allezeit  gütige
Großvater  gesorgt:  Krieg  wurde  nun  gespielt  und  Schlachten  geschlagen,
mit  einem  Ernst,  als  gälte  es  die  Rettung  des  Daterlandes.

Ein  eigenes  Sommerheim,  wie  es  Prinz  Karl  schon  seit  Jahren  in
Glienicke  besaß,  erschien  dem  Hrinzen  Wilhelm  zumal  um  des  kleinen

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X  22

Schlos  Dabeloberg.

Drinzen  Friedrich  willen  wünschenswert.  Den  Babelsberg,  auf  dem  er
vorzeiten  die  Schanze  gebaut,  kaufte  er  sich  daher.  Langsam  wurde
die  Einöde  in  einen  Hark  umgewandelt  und  immer  von  Seit  zu  Seit
noch  ein  Stück  des  Geländes  hinzugekauft,  auch  nach  Schinkels  Dlane
ein  stattliches  Schloß  auf  der  Röhe  gebaut,  das  in  der  breiten  Ravel  sich
widerspiegelt.  Und  dort  tummelte  denn  auch  nach  etlichen  Jahren  die
kleine  Orinzeß  Luise  sich  umber,  die  dem  Hrinzen  Wilhelm  am  3.  Dezember
1838  geboren  und  von  ihm  mit  dem  Namen  seiner  unvergeßlichen  Mutter
benannt  war:  die  Freude  des  Vaters,  wie  sie  in  glücklicher  Jugend  heran-
        <pb n="128" />
        122  Achtes  Kapitel.

wuchs  und  aufblühte  und  in  innigster  Särtlichkeit  mit  ihm,  gebend  und
empfangend,  bis  an  sein  Lebensende  verbunden.

1829  war  es  der  Gedanke  des  Kaisers  Nikolaus  gewesen,  durch
ein  Bündnis  mit  Preußen  zu  einer  festeren  Machtstellung  der  Türkei
gegenüber  zu  gelangen.  Allein  König  Friedrich  Wilhelm  hatte  damals,
zumeist  aus  Rücksicht  auf  Gsterreich  den  Abschluß  des  ihm  angetragenen
ündnisses  abgelehnt.  Gleichwohl  hielt  der  Kaiser  an  einer  Holitik  der
engsten  Ubereinstimmung  mit  Hreußen  fest:  und  der  Träger  derselben  in
Dreußen  war  der  Drinz  Wilhelm,  oder  vielmehr  er  wurde  es  in  diesen
Jahren  in  einem  noch  höheren  Grade,  als  er  es  schon  bisher  gewesen
war.  Das  zeigte  sich  ebenso  bei  der  Einweihung  der  Alexander-Säule
wie  in  dem  TLager  von  Kalisch.

Die  Alexander-Säule,  das  Staunen  der  Zesucher  St.  Hetersburgs,
25  Meter  hoch  und  5½/  Meter  dick,  aus  einem  riesigen  Granitblocke
gemeißelt,  steht  zwischen  dem  Winterpalaste  und  dem  Generalstabsgebäude.
Auf  ihrem  bronzenen  Kapitäl  trägt  sie  einen  Engel,  der  schwebend  gen
Himmel  zeigt.  Sum  Gedächtnis  seines  verstorbenen  Bruders  Alexander
hatte  Kaiser  Nikolaus  sie  errichtet,  und  lud  nun  den  Hönig  von  Hreußen
ein,  an  der  Feier  der  Einweihung  des  gewaltigen  Monumentes  teilzunehmen.
  Allein  König  Friedrich  Wilhelm,  durch  eine  Badekur  in  Teplitz
in  Anspruch  genommen,  vermochte  der  Einladung  vicht  Folge  zu  leisten.
Er  beauftragte  daher  den  Hrinzen  Wilhelm,  ihn  bei  der  Feier  zu  vertreten
  und  das  Oberkommando  über  die  aus  17  Offizieren  und  38  Soldaten
  bestehende  Deputation  der  Garde  und  des  6.  Kürassierregiments,
dessen  Chef  der  Kaiser  von  Rußland  war,  zu  übernehmen.  Diese  Deputation
  sollte,  einem  Gedanken  des  Kaisers  Nikolaus  zufolge,  als  Dertretung
  der  preußischen  Armee  an  der  Leier  teilnehmen.  Der  Hrinz
hatte  die  Königs-BRevue  des  1.  Armeecorps  mitgemacht  und  befand  sich
in  der  Capornschen  Heide  auf  der  Elenn-Jagd;  denn  von  je  war  er  ein
passionierter  Jäger.  Er  begab  sich  nach  Königsberg  und  fuhr  von  hier
auf  dem  russischen  Dampfer  Ischora  nach  St.  Hetersburg;  am  d.  September
  1854  traf  er  ein.  Die  Deputation,  die  von  Lübeck  aus  in  See
gegangen,  war  schon  vor  ihm  dort  angelangt.  Unvermutet  erschien  er
bei  der  großen  Harade  in  Krassnoje--Selo  in  russischer  Generalsuniform.
Am  11.  September  fand  dann  die  Einweihungs-KFeier  statt,  bei  welcher
dem  Orinzen  Wilhelm  der  St.  Wladimirorden  1.  Klasse  von  dem
Kaiser  verlieben  wurde.

Auf  den  Befehl  des  Kaisers  geschah  alles,  um  der  Deputation  der
preußischen  Armee  die  Hetersburger  Tage  angenehm  zu  machen:  alle
        <pb n="129" />
        Ein  Jahrzehnt  ruhigen  Glückes.  123

Sehenswürdigkeiten  St.  Hetersburgs  wurden  ihr  gezeigt,  glänzend  wurde
sie  im  Sommergarten  bewirtet.  Denn  die  Idee  —  das  war  die  Absicht
des  Kaisers  —  der  Susammengehörigkeit,  ja  der  Derbrüderung  der

preußischen  und  russischen  Armee  solle  durchaus  in  der  preußischen  populär
gemacht  werden.

Prinz  Wilhelm  (1886).

Noch  kräftiger  sollte  dieser  Gedanke  durch  das  Feldlager  bei  Kalisch
vor  Augen  geführt  werden.  Aus  allen  Gegenden  seines  weiten  Reiches
versammelte  der  Kaiser  Mikolaus  mehr  als  60000  Mann  unweit  der
polnisch-preußischen  Landesgrenze  bei  Kalisch,  und  lud  nun  auch  den
König  Friedrich  Wilhelm  ein,  einen  Teil  der  preußischen  Armee  zu  gemeinsamen
  Wansver-  Ubungen  dorthin  zu  entsenden.  Der  König  war
        <pb n="130" />
        124  Achtes  Kapitel.

sehr  bedenklich;  denn  er  fürchtete,  daß  die  anderen  Mächte,  zumal  das
auf  die  preußisch-russische  Freundschaft  längst  argwöhnisch  blickende  Esterreich,
  dies  gemeinsame  Feldlager  als  eine  Demonstration  auffassen  würden.
Er  verlangte  daher,  daß  auch  Gsterreich  zur  Teilnahme  eingeladen  würde.
Indes  Esterreich  lehnte  die  Entsendung  von  Truppen  ab  und  schickte
nur  den  Erzherzog  Johann  zur  Begrüßung.  Aber  auch  jetzt  begnügte
sich  der  König,  da  er  doch  auch  seinen  für  die  Jdee  der  Waffenbrüderschaft
  schwärmenden  kaiserlichen  Schwiegersohn  nicht  verletzen  wollte,  nicht
mehr  als  6000  Mann  Garde  in  einem  Lager  bei  Boczkow  zu  versammeln.
Und  um  die  Sache  jedes  offiziellen  Scheines  zu  entkleiden  und  sie  lediglich
  als  einen  Akt  persönlichen  Entgegenkommens  zu  kennzeichnen,  übernahm
  er  alle  entstehenden  Kosten  auf  seine  Hrivatkasse.

Mit  ausgesuchten  Ehren  wurden  die  zuerst  in  Kalisch  eintreffenden
preußischen  Drinzen  von  den  Russen  empfangen.  Hrinz  Wilhelm  wurde
durch  eine  Ehrenkompanie  seines  Regiments  Kaluga,  die  mit  wehender
Fahne  vor  seinem  Quartiere  —  Am  Markt  Nr.  11  —  aufgestellt  war,
begrüßt.  Er  erwiderte  die  Begrüßung,  indem  er  in  das  Lager  hinausfuhr
  und  die  Offiziere  des  Regiments  sich  vorstellen  ließ.  Während  der
Dorstellung  strömten  von  allen  Seiten  die  Mannschaften  herbei  und  betrachteten
  sich,  nach  russischer  Art  die  Feldmützen  abnebmend,  neugierigrespektvoll
  ihren  Chef.  Dem  gegen  Abend  eintreffenden  Könige  fuhr  das
russische  Kaiserpaar  eine  Strecke  entgegen.

Am  12.  September  überschritt  das  preußische  Corps  von  Boczkow
her  die  russische  Grenze.  Mit  gezogenem  Degen  zu  Pferde  führte  der
König  es  an.  Die  ganze  russische  Armee  war  zum  Empfange  aufgestellt
und  machte  die  Honneurs,  als  die  Hreußen  vorbeimarschierten.  Neben
den  Russen  schlugen  diese  dann  ihr  Lager  auf,  und  hüben  und  drüben
begann  ein  bewegtes  LCeben.

Die  Ubungen  begannen  am  14.  September  mit  einer  Harade  aller
versammelten  Truppen,  der  auch  die  Kaiserin  zu  Dferde  beiwohnte.  Am
Schlusse  derselben  zeigten  die  kaukasischen  Kosaken  und  das  Regiment
Muselmänner  vor  den  fürstlichen  Suschauern  ihre  Geschicklichkeit  im
Doltigieren  und  ihre  tollkühnen  Reiterkünste  und  trugen  ihre  nationalen
Lieder  vor.  Dann  aber  folgten  mehrere  Tage  bintereinander  weit  ausgedehnte
  Manöver.  Swar  führten  die  Derschiedenheit  der  Sprachen  und
des  Exerzier-Reglements  der  Hreußen  und  Russen  manche  Schwierigkeiten
herbei,  ohne  indes  Stockungen  zu  bewirken.  Aicht  nach  vorher  befohlenen
Dispositionen  wurden  die  Manöver  ausgeführt,  sondern  ganz  feldmäßig
nur  nach  einer  an  Ort  und  Stelle  gegebenen  Generalidee.  Der  OHrinz
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nach  dem  im  Besitz  des  Ualsers  von  Rußland  befindlichen  Aquarell  von  E  Gäriner.
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        Ein  Jahrzehnt  ruhigen  Glückes.  127

Wilhelm  führte  dabei  die  aus  Hreußen  und  Russen  kombinierte  Reserve-Kavalleriedivision;
  aber  er  löste,  das  durch  die  Umstände  Gebotene  geschickt
  erfassend,  die  schwierige  Aufgabe,  ohne  alle  Horbereitung  ein  so
verschiedenartig  gemischtes  Kavalleriecorps  zu  führen  und  damit,  dem
Wesen  der  Reservekavallerie  entsprechend,  überall  entscheidend  in  den
Gang  des  Gefechts  einzugreifen,  mit  größtem  Erfolge.  Als  der  künftige
Beerführer  erschien  er  selbst  den  erfahrenen  Generalen,  der,  wenn  der
Tag  es  fordere,  wohl  seine  Truppen  zum  Siege  zu  führen  verstände.

Am  22.  September  fand  der  Abmarsch  der  preußischen  Truppen
statt.  Wohl  hatten  die  russischen  Offiziere  durch  schwelgerische  Gelage,
bei  denen  der  Champagner  in  Strömen  floß,  durch  TLustbarkeiten  aller
Art,  durch  Theater  und  Ballett  die  preußischen  Kameraden  für  sich  einzunelmen
  gestrebt;  aber  die  preußischen  Offiziere,  die  es  jenen  nicht
gleichthun  konnten  oder  wollten,  hielten  sich  sehr  reserviert.  Toch  weniger
stimumten  die  Mannschaften  zu  einander.  Denn  die  Hreußen  waren  an
Bildung  den  Russen  weit  voraus,  die  damals  noch  unter  der  NKnute
standen;  für  die  Hreußen  war  der  Soldatenstand  eine  Ehre,  aus  dem  ausgestoßen
  zu  werden  eine  empfindliche  Strafe  ist;  bei  den  Russen  aber
war  es  gewöhnlich,  daß  Verbrecher  zur  Strafe  unter  die  Soldaten  gesteckt
  wurden.  So  trug  das  Feldlager  bei  Kalisch,  statt  die  Waffenbrüderschaft
  zu  fördern,  vielmehr  sehr  viel  dazu  bei,  den  preußischen  Soldaten
zum  Bewußtsein  zu  bringen,  ein  wie  großer  Unterschied  in  Wahrdheit  sie
von  den  Russen  trennte.  Und  das  sollte  dem  scharf  beobachtenden  Hrinzen
Wilhelm  entgangen  seind  Wohl  hat  er  stets  auf  ein  freundliches  Derhältnis
  zu  Rußland  großes  Gewicht  gelegt,  aber  eine  Waffengemeinschaft
mit  ihnen  Seit  seines  Lebens  erfolgreich  zu  vermeiden  verstanden.

Eine  Folge  der  militärischen  Tüchtigkeit,  von  welcher  der  Hrinz
Wilhelm  auch  bei  Kalisch  so  helle  Beweise  gegeben,  war  es,  daß  der
König  ihm  am  50.  März  1850  das  Kommando  des  Gardecorps  übertrug.
  Allein  die  neue  Thätigkeit,  die  sich  daraus  für  ihn  ergab,  wurde
bald  durch  eine  heftige  Brustfellentzündung  für  längere  Seit  unterbrochen.
Seine  Gesundheit  war,  auch  nachdem  er  die  schwere  Krankheit  überstanden
  hatte,  so  angegriffen,  daß  er  zur  Badekur  sich  nach  Ems  und
danach  nach  Baden  begeben  mußte.  Su  seiner  Erholung  unternahm  er
dann  mit  seiner  Gemahlin  eine  Reise  durch  die  Schweiz  bis  nach  Oberitalien
  hinein.  In  Genf  wohnte  er  als  „Graf  von  Lingen“  im  Hotel
des  Bergues.  Während  die  Hrinzessin  nach  der  langen  Fahrt  sich  ausruhte,
  machte  er  doch  gleich  —  es  war  am  17.  September  —  bequem
in  einen  sommerlichen  Reiseanzug  gekleidet,  sich  auf,  die  Stadt  in  Augen-
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        128  Achtes  Kapitel.

schein  zu  nehmen.  Der  Dampfer  von  Mortigny  nahte.  Die  anlangenden
Fahrgäste  sich  anzusehen,  blieb  der  Prinz  an  der  Landungsbrücke  stehen.
Da  ertönte  aus  der  Reihe  der  Landenden  heraus  eine  fröhlich-jugendliche
Stimme:  „Ach,  Onkel  Wilhelm!“  Und  mit  freudigem  Ungestüm  stürmte
der  junge  Erbgroßberzog  von  llecklenburg-Schwerin  auf  ihn  zu,  der
älteste  Sohn  der  Hrinzessin  Alexandrine,  seiner  Schwester,  die  seit  1822
mit  dem  Großherzoge  Haul  Friedrich  von  llecklenburg-Schwerin  auf  das
glücklichste  vermählt  war.  Der  16  jährige  Erbgroßherzog  Friedrich  war
als  „Graf  von  Grabow“  mit  seinem  Gouverneur,  dem  Hauptmann
von  Sell,  und  seinem  jungen  Freunde,  dem  Grafen  Rudolf  Canitz,  auf
einer  Alpenreise  begriffen.  Frei  zeigte  er  die  außerordentliche  Freude,
mit  der  die  Begegnung  ihn  erfüllte;  denn  gerade  an  seinem  Onkel
Wilhelm  hing  er  mit  ganzer  Hingebung,  und  auch  Hrinz  Wilhelm  war
dem  frischen  und  offenberzigen  Neffen  sehr  gewogen.  Sofort  nahm  er
ihn  und  dessen  Begleiter  mit  sich  in  das  Botel  und  behielt  ihn  auch  zu
Tische  bei  sich.  Den  Abend  wurde  gemeinschaftlich  das  Theater  besucht.
Man  gab  Le  précepteur  en  embarras:  ein  Stück,  das  alle  ungemein  belustigte,
  da  sich  scherzhafte  Anspielungen  auf  die  Derhältnisse  des  jungen
Erbgroßherzogs,  der  noch  das  Hlochmannsche  Erziehungs-Institut  in
Dresden  besuchte,  ungesucht  ergaben.

Mit  gleichmäßigen  Schritten  nach  der  Reimkehr  des  Hrinzen  Wilhelm
ging  der  Winter  dahin.  Als  aber  der  Frühling  kam  und  der  frähliche
Monat  Wai  begann,  legte  dunkel  schattend  eine  Wolke  sich  über  das
preußische  Herrscherhaus.  Denn  die  Gesundheit  des  fast  70  jährigen
Königs  erschien  bedenklich  erschüttert  und,  wie  der  Mai  vorschritt,  konnte
man  sich  nicht  verhehlen,  wie  die  Kraft  abnahm  und  er  von  Woche  zu
Woche  mehr  verfiel.  Man  erzählte  sich,  daß  im  Berliner  Schlosse  „die
weiße  Frau“  sich  gezeigt,  was  nach  der  Sage  stets  geschieht,  wenn  ein
gekröntes  Raupt  des  Bohenzollernhauses  sich  zum  Grabe  neigt.  Andere
wollten  wissen,  daß  vor  langer  Seit  schon  in  Haris  die  vielgenannte
Wahrsagerin  Lenormand  für  dies  Jahr  den  Tod  vorausgesagt  habe.
Und  den  Rönig  selbst  bewegte  die  Thatsache,  daß  seit  Jahrhunderten  mit
dem  Jahre  40  ein  Regentenwechsel  in  Brandenburg-Hreußen  sich  fast
regelmäßig  verbunden  hat.  „Sie  werden  sehen“,  sagte  der  König
im  Gespräch,  „auch  diesmal  trifft  es  zu.“  Manche  wollten  ein  Vorzeichen
  auch  darin  sehen,  daß  in  einer  Gesellschaft  bei  dem  Hrinzen
Wilhelm  ein  großes  Stück  von  dem  Stuckschmuck  der  Decke  gerade  dicht
vor  dem  Könige  niedergefallen  sei  als  Andentung:  bis  hierber  und  nicht
weiter!
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        Ein  Jahrzehnt  ruhigen  Glückes.  129

Indessen  der  König  ließ  sich  durch  alles  das  in  seiner  Regentenpflicht
  nicht  hindern,  wenn  es  ihm  auch  schwer  wurde,  ihr  recht  zu  genügen.
  An  allem  suchte  er  ganz  wie  bisher  teilzunehmen.  So  sprach:
er  mit  dem  Hrinzen  Wilhelm  wiederholt  über  dessen  Wunsch,  Freimaurer
zu  werden.  Es  ist  wahrscheinlich,  daß  er  selbst  durch  Kaiser  Alexander
in  den  Orden  aufgenommen  war;  doch  bielt  er  sich  später  zurück,  obgleich
  er  von  der  Thätigkeit  des  Ordens  eine  günstige  Meinung  hatte,
der  er  auch  öfter  Ausdruck  gab.  Auch  Friedrich  der  Große  hatte  dem
Orden  angehört.  So  gab  denn  der  König  seinem  Sohne  die  erbetene
Erlaubnis,  in  den  GOrden  einzutreten  und  das  Hrotektorat  über  die  Logen
in  Dreußen  zu  übernehmen,  unter  der  Bedingung,  daß  die  drei  Großmeister
  der  preußischen  Logen  ihn  darum  bäten,  und  daß  der  Hrinz  keiner
einzelnen  Loge  insonderheit  angehöre.  Daraufbin  trat  denn  Hrinz
Wilhelm  am  22.  Mai  1840  in  den  Freimaurerorden  ein.

Bauptsächlich  bewegte  den  König  in  diesen  Tagen  die  Legung  des
Grundsteins  zu  dem  Denkmale  Friedrichs  des  Großen.  Seit  dem  Jahre
1800  trug  er  sich  mit  dem  Gedanken,  seinem  von  ihm  so  hoch  verehrten
Großoheim  ein  würdiges  Denkmal  zu  setzen.  Allein  immer  wieder  war
der  pietätvolle  Gedanke  vertagt  worden.  Zetzt  tauchten  in  dem  königlichen
  Greise  die  Erinnerungen  seiner  Jugend  mit  besonderer  Lebhaftigkeit
  auf,  und  im  Hinblick  auf  die  Nähe  des  hundertjährigen  Gedenktages
der  Thronbesteigung  Friedrichs  des  Großen  ordnete  er  durch  die  Kabinettsordre
  vom  26.  Mai  1840  —  die  letzte,  die  er  unterzeichnet  hat  —  die
Feier  der  Grundsteinlegung  des  Denkmals  auf  den  1.  Juni  an.  Dem
Drinzen  Wilhelm  übertrug  er  persönlich  mit  matter  Stimme  alle  militärischen
  Anordnungen  für  die  Feier.  Während  diese  nun  stattfand,  ließ
sich  der  König  ankleiden  und  in  einem  Tragsessel  in  sein  nach  den  Linden
zu  gelegenes  Arbeitszimmer  tragen,  um  die  Feier  mitanzuseben.  Aber
die  Anstrengung  war  zu  groß;  er  mußte  in  das  Bett  zurückgebracht
werden  und  sank  vor  Schwäche  in  Ohnmacht.  Dem  ODrinzen  aber  bewies
  er  nachher  seine  Sufriedenheit.  „Rabe  die  Aufstellung  zwar
nur  einen  Moment  gesehen“,  sagte  er  leise,  „war  aber  alles  sehr.
ordentlich."

Die  Tachricht  von  der  schweren  Erkrankung  des  HKönigs  versammelte
alle  Kinder  um  ihn.  Von  Schwerin  war  die  Großherzogin  Alexandrine
mit  ihrem  Gemahl  herbeigeeilt;  von  Dresden  kam  der  junge  Erbgroßherzog
  Friedrich  zu  dem  Sterbelager  des  Großvaters.  Der  Kaiserin
Tharlotte  reiste  Hrinz  Wilhelm  bis  Küstrin  entgegen,  um  sie  auf  den

Schmerz,  der  ihnen  allen  bevorstand,  vorzubereiten.  Am  Morgen  des
Kaiser  Wilhelm.  9
        <pb n="136" />
        130  Achtes  Kapitel.

7.  Juni  traf  auch  der  Kaiser  Nikolaus  ein.  Es  war  am  ersten  Ofingsttage.
  Um  1  Uhr  erklärten  die  Ärzte,  daß  dem  Sterbenden  nur  noch
wenige  Stunden  beschieden  seien.  Da  traten  die  Mitglieder  der  könig—
lichen  Kamilie  an  ihn  heran,  um  für  dies  Leben  Abschied  von  ihm  zu
nehmen.  Er  war  bei  klarem  Bewußtsein  und  erkannte  jeden;  den  Hrinzen
Wilhelm  sah  er  lange  an,  dessen  Hand  festhaltend,  und  versuchte  zu
sprechen:  aber  die  Stimme  versagte  ihm.

Die  Fürstin  von  Ciegnitz,  mit  welcher  der  König  am  0.  Movember
1824  in  aller  Stille  morganatisch  sich  vermählt  hatte,  die  treue  Pflegerin
des  Sterbenden,  saß  vor  seinem  Bette,  seine  Hand  zwischen  den  ihren
haltend.  Da  that  er  um  5  Uhr  20  Minuten  fast  unmerklich  den  letzten
Atemzug.  Die  Anwesenden  sanken  auf  die  Kniee.  Der  Kronprinz  drückte
ihm  die  Augen  zu.

Am  11.  Juni  wurde  der  entschlafene  König  mit  aller  Feierlichkeit
im  Dome  beigesetzt,  in  der  folgenden  Nacht  aber  in  aller  Stille  nach  dem
Mausoleum  in  Charlottenburg  übergeführt.  Denn  an  der  Seite  der
Königin  Cuise  hier  zu  ruhen  —  so  hatte  er  es  gewollt.

Der  Tod  König  Friedrich  Wilbelms  III.  bedeutete  nicht  einen  Thronwechsel;
  er  bedeutete  den  Abschluß  einer  ganzen  Epoche  der  preußischen
Geschichte.  Der  König  war  kein  Mann  weit  ausgreifender  Entwürfe
und  kühner  Hläne  gewesen.  Aber  er  war  durch  die  schwere  CLeidenszeit
Dreußens,  die  er  mit  seinem  Dolke  gemeinsam  ertrug,  dem  Dolke  ans
Berz  gewachsen;  er  hatte  in  langer  Friedenszeit  die  Regierungsmaschine
streng  nach  der  Dorschrift  des  Gesetzes,  indem  er  die  eigene  Herson  durchaus
  zurücktreten  ließ,  in  gleichmäßigem,  sorgsam  überwachtem  Gange  gehalten,
  ja  durch  die  persönliche  Derehrung,  die  er  bei  seinem  Dolke  genoß,
allein  gegen  das  Seitbewußtsein  die  absolute  Regierungsform  in  Hreußen
bis  an  seinen  Tod  aufrecht  erhalten.

Unter  diesem  ruhig  festen  Walten  hatte  Drinz  Wilbelm  sich  ungestört
  der  Arbeit,  die  sein  Beruf  ihm  vorschrieb,  widmen  können.  Aber
jetzt  war  der  König  tot;  und  in  diesem  war  ihm  auch  der  Dater  gestorbenn,
  mit  dem  ein  festes  Band  gegenseitigen  Dertrauens  ihn  verbunden.

Nun  aber  kam  eine  neue  Seit  herauf  mit  neuen  Sielen  und  neuen
Aufgaben,  zu  denen  er  nach  eigenem  Urteile  Stellung  zu  nehmen  hatte.
Wie  würde  er  —  mochte  er  wohl  selbst  sich  fragen  —  dazu  imstande  sein?
        <pb n="137" />
        <pb n="138" />
        Zweites  Buch.
Der  Prinz  von  Preußen.

—0  0—
        <pb n="139" />
        Erstes  Kapitel.
Die  Anfänge  König  Friedrich  Wilhelms  IV.

König  von  Preußen  war  jetzt  Friedrich  Wilhelm  IV.,  und  Hrinz
Wilhelm  war,  da  der  König  kinderlos  war,  Thronfolger.  Am  12.  Juni
1840  verlieh  ihm  der  König,  um  ihn  als  solchen  zu  kennzeichnen,  den
Titel  „Drinz  von  Dreußen“,  wie  ihn  einst  sriedrich  der  Große  seinem
Bruder  und  Chronerben,  dem  Hrinzen  August  Wilhelm,  verliehen  Ratte.
Er  übertrug  ihm  auch  die  Statthalterschaft  von  Hommern,  die  er  selbst
bis  zu  seiner.  Thronbesteigung  innegehabt  hatte,  und  ernannte  ihn  am
10.  September  zum  General  der  Infanterie.

Mit  hochgespannten  Erwartungen  begrüßte  man  in  ganz  Deutschland
  die  Thronbesteigung  König  Friedrich  Wilhelms  IV.  Denn  von  ihm
allein  konnte  Deutschland  Rettung  vor  der  Gefahr  erhoffen,  von  der  es,
wie  der  Berbst  kam,  sich  bedroht  sah.  Wüstes  Waffengetöse  schallte  aus
Frankreich  über  den  Rhein  herüber.  Denn  die  jüngere  Generation  dort,
die  das  Elend  der  napoleonischen  Kriege  nicht  mehr  kennen  gelernt  hatte,
berauschte  sich  an  der  napoleonischen  Legende,  der  Erfindung  einer  parteiischen
  und  befangenen  Geschichtschreibung.  In  überreizter  nationaler
Empfindlichkeit  empfand  sie  es  daher  als  einen  Schimpf,  daß  die  Großmächte
  ohne  Suziehung  Frankreichs  sich  1840  daran  machten,  das  Derhältnis
  Agpptens  zur  Türkei  zu  ordnen.  Wie  gewöhnlich  hetzten  die
Seitungen,  und  die  Regierung  des  Bürgerkönigs  Ludwig  Hhilipp  wagtedem
  Andrängen  nicht  zu  widerstehen  und  begann  sich  zum  Kriege  zu
rüsten.  „An  den  Rhein!“  war  die  Cosung.  Die  Eroberung  des  linken
Rheinufers  galt  als  nächstes  Siel;  denn  gegen  Hreußen  und  Deutschland
zuerst  richtete  sich  das  wüste  Geschrei.

Aber  diesseit  des  Rheines  war  man  nicht  des  Willens,  solche  Drohungen
  sich  bieten  zu  lassen.  Eine  schwungvolle  Begeisterung,  die  etwas
von  der  Stimmung  der  Befreiungskriege  an  sich  hatte,  gab  sich  kund.
Max  Schneckenburger  stimmte  damals  sein  kräftiges  Lied  von  der  festen
        <pb n="140" />
        134

und  treuen  „Wacht  am  Rhein“  an;  und  Nikolaus  Beckers  „Sie  sollen
ihn  nicht  haben,  den  freien  deutschen  Rhein!“  ertönte  in  ganz  Deutschland
  auf  den  Straßen.  Auch  des  Prinzen  von  Preußen  warmfühlendes
Rerz  ergriff  die  patriotische  Begeisterung:  in  Versen  schuf  sie  sich  Ausdruck,
  den  einzigen,  die  wir  von  ihm  besitzen.  Mit  pietätvoller  Sustimmung
  lesen  wir  sie:  in  welcher  strengen  Disziplin  hält  der  Hrinz  die
Sprache!  Und  mit  welcher  Klarheit  und  Festigkeit  zeichnet  er  die  Aufgabe,
  die  er  selbst  berufen  sein  sollte  ein  Menschenalter  später  so  ruhmvoll
  zu  lösen!  Das  ist  der  Sang  vom  „Oberrhein“.

1.  Sie  haben  ihn  da  oben,  7.  So  woll'n  wir's  wieder  haben
Den  alten  deutschen  Rhein,  Das  Gut  von  unserm  Blut,
Deshalb  soll  stets  gehoben  Weil  dort  schon  längst  begraben
Das  Schwert  des  Deutschen  sein.  Der  deutsche  Adler  ruht.

2.  Mit  welcher  Schalkheit  raubte  8.  Du  Dolk  aus  den  Dogesen
Der  Ludwig  uns  das  Tand,  Und  dem  Ardennerwald,

Weil  Deutschland  mit  dem  Haupte  Wir  wollen  dich  erlösen
Des  Reichs  in  Fehde  stand.  Don  fremder  Truggewalt.

5.  Du  Straßburg,  Burg  der  Starken  9.  Dann  mußt  du  auch  vernehmen
Von  Frankreich  und  Burgund,  Den  deutschen  Bundesruf
So  lang  dort  rasen  Franken,  Und  dich  der  NKnechtschaft  schämen,
Wird  Deutschland  nicht  gesund.  Die  welsche  Art  dir  schuf.

4.  Dein  Münster  streckt  den  Finger  10.  Und  solltest  du  dich  sträuben
Sum  Himmelszelt  empor  Und  fühlst  die  Knechtschaft  nicht,
Und  drohet  dem  Bezwinger  So  wollen  wir  dich  treiben
Und  dem,  der  ihn  verlor.  Zu  deiner  Kindespflicht,

5.  Dem  Reich  und  einst  dem  Kaiser  11.  Damit  einst  deine  lKinder
Wohl  an  des  Rheines  Strand  Doch  mögen  Deutsche  sein,

Sei  du  des  Weges  Weiser  Und  sich  der  Überwinder
Ins  stolze  Frankenland.  Von  ihren  Vätern  freu'n.

6.  Der  Rhein  soll  Deutschlands  Erden  12.  So  wollen  wir  ihn  haben,

In  seinem  ganzen  Lauf  Den  alten  deutschen  Rhein,
Wohl  wieder  eigen  werden,  Dann  erst  wird  ganz  begraben
Rollt  euer  Banner  auf.  Die  Schmach  der  Deutschen  sein.

Einer  solchen  Stimmung,  die  nicht  bloß  Deutschland  in  der  Gefahr
verteidigen  wollte,  sondern  klar  und  fest  die  Wiedereroberung  von  Elsaß
und  Lothringen  —  und  wäre  es  auch  gegen  deren  Willen  —  zur  Sühne
alter  Schmach  ins  Auge  faßte,  wagte  Frankreich  doch  nicht  entgegenzutreten:
  Die  Kriegsgefahr  ging  vorüber,  und  allmählich  verstummte  drüben
der  Kriegslärm.  Aber  das  Gute  hatte  er  immerhin  gehabt,  daß  er  die
        <pb n="141" />
        Die  Anfänge  König  Friedrich  Wilhelms  IV.  135

Trostlosigkeit  der  deutschen  Verhältnisse  schonungslos  aufgedeckt,  daß  er
auch  dem  Blödsichtigen  gezeigt  hatte,  Deutschland  bedürfe  vor  allem  einer
festen  Führung,  um  nicht  vor  der  geringsten  Drohung  von  außen  immer
gleich  ängstlich  zusammenschrecken  zu  müssen.  Und  da  richteten  sich  die
Augen  aller  erwartungsvoll  auf  den  neuen  Hreußenkönig:  würde  er  Wandel
der  deutschen  Dinge
schaffen?

Dazu  aber  kam
die  Lage  in  Hreußen.
  Durch  seine
persönlichen  Eigenschaften,
  durch  seine
Selbstlosigkeit,  durch

seinen  richtigen
Blick,  mit  dem  er
auf  allen  Gebieten
die  rechten  Männer
für  den  rechten  Platz
herausfand,  hatte

König  Friedrich
Wilbelm  III.  alsein
wahrhafter  Bürgerkönig
  den  Ab—

solutismus  in
Dreußen  aufrecht
erhalten.  Und  das

preußische  Dolk  war
damit  zufrieden  ge-  Prinz  Friedrich  Wilhelm  uls  Knabe.
-  ;  ;
wesen.  Jetzt  aber  Nach  dem  Gemälde  von  Schoppe,  lithographiert  von  Cange  (Verlag  von

Rud.  Schuster  in  Berlin).
hatte  der  Sohn  den

Thron  inne,  ganz  anders  geartet,  wie  der  knappe,  schlichte,  soldatische
Vater:  würde  der  nun  willens  sein,  die  Regierungsform  in  Hreußen  mit
dem  Seitbewußtsein  in  Einklang  zu  bringend  Das  war  die  Kauptfrage,
  die  auch  in  Hreußen  alle  Blicke  erwartungsvoll  auf  den  neuen
König  richtete.

König  Friedrich  Wilhelm  IV.  war  offenbar  ein  Wann  ganz  ungewöhnlicher
  Art.  Bequem  in  Gang  und  Haltung,  freundlich  blickenden
Auges,  mitteilsam,  von  glücklich  zuströmender  Fülle  des  Worts,  erinnerte
er  durch  die  weichen  Süge  des  Gesichts  lebhaft  an  die  unvergessene
        <pb n="142" />
        136  Erstes  Kapitel.

Königin  Luise.  Ausgestattet  mit  umfassender  und  gründlicher  Bildung,
war  er  durchaus  eine  Künstlerseele  voll  hohen  Kluges  der  Hhantasie  und
fein  geläuterten  Geschmackes;  aber  zugleich  besaß  er  auch  die  Unruhe
einer  solchen  und  ihre  Eigenwilligkeit.  Schnell  wechselten  bei  ihm  die
Ansichten;  niemals  war  man  seiner  Entscheidung  ganz  sicher.  Nur  mit
Widerstreben  ertrug  die  Genialität  seines  Wesens  die  Entsagung  und

Selbstlosigkeit,  die  doch  ein  Regent  mehr  als  ein  anderer  Mensch  zu
üben  hat.

Und  nun  war  Hrinz  Wilhelm  als  Thronfolger  dem  Throne  so  nahe
gerückt,  daß  jede  Außerung,  jede  Handlung,  die  vom  Könige  ausging,
ihn  fast  unmittelbar  mitberührte.  Daraus  ergab  sich  für  ihn  die  Motwendigkeit,
  mit  voller  Achtsamkeit  stets  die  Staatsangelegenheiten  in  ihrem
ganzen  Umfange  fest  im  Auge  zu  behalten.  Zisher  hatten  die  militärischen
  Dinge  sein  hauptsächlichstes  Interesse  ausgefüllt.  Das  blieb  auch
jetzt  so;  aber  nun  brachte  es  seine  Stellung  mit  sich,  auch  den  politischen
        <pb n="143" />
        Die  Anfänge  König  Friedrich  Wilhelms  IV.  137

und  staatswirtschaftlichen  Fragen  des  Staates  eine  umfassende  Aufmerksamkeit
  zuzuwenden.  Er  war  ein  viel  zu  selbständiger  Charakter,  als
daß  er  sich  hätte  entschließen  können,  jemand  —  und  wenn  es  selbst  der
König  war  —  ein  Urteil  nachzusprechen;  er  ruhte  vielmehr  nicht  eher,
als  bis  er  den  Gegenstand  ganz  durchdrungen  und  zu  unbeeinflußtem
Urteile  sich  fähig  gemacht  hatte.  Schon  in  den  letzten  Jahren  hatte  er

angefangen  ein  Tagebuch  zu  führen.  Jeden  Morgen  wurde  ihm  ein
Blatt,  an  dessen  Spitze  das  Datum  des  Tages  mit  einem  kräftigen  Bibelworte
  stand,  auf  den  Schreibtisch  gelegt.  Darauf  notierte  er  kurz,  was
er  gestern  erlebt  und  was  ihn  besonders  bewegte.  Wenn  diese  Blätter
einmal  der  Effentlichkeit  werden  übergeben  werden,  so  wird  man  mit
Bewunderung  erkennen,  wie  Drinz  Wilhelm  still  und  entsagungsvoll  für
sich  gearbeitet,  wie  ernst  er  es  mit  seiner  Stellung  als  Thronfolger  genommen
  hat.  Als  ein  ruhiger  Beobachter  mochte  er  äußerlich  erscheinen,
aber  er  war  mehr  als  das:  ein  teilnehmender  Beurteiler  dessen,  was  um
        <pb n="144" />
        138  Erstes  Kapitel.

ihn  geschah,  der  mit  seinem  Rat  sich  niemals  vordrängte,  aber,  wo  man
seiner  begehrte,  mit  dem  freien  Ausdruck  seiner  Meinung  nicht  zurückhielt.

Schnell  hatten  die  ersten  Regierungshandlungen  des  neuen  Königs
ihhm  die  volle  Sympathie  seines  Dolkes  erworben.  Ein  Geist  der  Dersöhnung
  wehte  in  ihnen,  als  gälte  es  früher  Derfehltes  wieder  gut  zu
machen.  Eine  Amnestie  für  alle  politischen  Vergehen  und  Verbrechen
war  erlassen  und  bedentungsvolle  Schritte  gethan,  in  Berlin  den  Deutschen
einen  geistigen  Mittelpunkt  zu  geben.  Mit  den  aufrichtigsten  Freudenbezeugungen
  begleitete  daher  das  preußische  Volk  die  Reise  seines  Königs
nach  Königsberg,  wo  er  nach  altem  Brauche  die  Buldigung  der  nicht
zum  Deutschen  Bunde  gehörenden  Hrovinzen  Dreußen  und  Dosen  entgegennahm;
  und  erhebend,  begeisternd  war  die  Feier,  die  auf  dem
inneren  Hofe  des  alten  Königsberger  Schlosses  am  10.  September  1840
stattfand.

Indes  schon  auf  die  HZuldigungsfeier  in  Berlin  am  15.  Oktober
legte  sich  ein  Schatten.  Die  Stände  der  Drovinz  Hreußen  hatten  den
König  um  die  Derleihung  einer  Derfassung  für  den  preußischen  Staat
gebeten.  Die  Antwort  des  Königs,  sie  könnten  in  vollstem  Maße  seinen
Absichten  über  die  Institution  der  LCandtage  vertrauen,  hatten  sie  als
Gewährung  ihrer  Bitte  aufgefaßt.  Es  gab  daher  Derstimmung,  als  der
König  dies  für  eine  irrige  Ansicht  erklärte.  Dennoch  war  auch  der  Eindruck
  der  Zuldigungsfeier  in  Berlin  bedeutend,  wenn  auch  der  Jubel
nicht  so  laut  wie  in  Königsberg  schallte.  Mit  Recht  konnte  der  König
Suversicht  zu  dem  großen  Unternebhmen  fassen,  das  er  seit  Jahren  schon
in  der  Seele  trug:  Hreußen  eine  Derfassung  aus  eigener  Entschließung
heraus  zu  geben.  An  das  Bestehende  gedachte  er  dabei  anzuknüpfen  und
von  diesem  aus  Schritt  für  Schritt  zu  weiteren  Entwickelungen  zu  gelangen.
  So  bewilligte  er  1842  den  Hrovinziallandtagen  Heriodizität
und  Effentlichkeit  der  Derhandlungen.  Sugleich  wurden  die  Landtage
zur  Bildung  von  Ausschüssen  ermächtigt  für  Fragen,  die  mehrere  oder
alle  Drovinzen  angingen.

Aber  war  das,  was  der  König  unter  Herfassung  verstand,  auch
das,  was  das  Dolk  damit  meinte?  Die  politische  Tagesmeinung  sah  in
der  Hariser  „Charte“  ihr  Jdeal.  Allein  von  einer  Dolksvertretung  nach
einem  solchen  fremden  Muster  wollte  der  König  nichts  wissen;  er  glaubte,
die  neuen  Gewährungen  zuerst  erproben  zu  sollen,  bevor  er  weiterginge.
Er  begab  sich  zur  Taufe  des  Hrinzen  von  Wales  nach  England;  die
Fortführung  der  Regierungsgeschäfte  übertrug  er  währenddessen  dem
Drinzen  von  Hreußen.
        <pb n="145" />
        Die  Anfänge  König  Friedrich  Wilhelms  IV.  139

Auf  den  Antrag  des  Prinzen  war  schon  im  Jahre  1841  mit  der
neuen  Uniformierung  der  preußischen  Armee  der  Anfang  gemacht:  an
Stelle.  des  unschönen  Uniformfracks  wurde  der  bequeme  und  kleidsame
Waffenrock  eingeführt;  der  schwere  Tschako  wurde  durch  einen  viel
leichteren,  kleidsamen  Helm  ersetzt,  auch  mit  der  Einführung  des  Zünd—
nadelgewehres  begonnen.  In  solchen  Fragen  war  der  Bruder  dem
Könige  unbestrittene  Autorität;  aber  in  der  Verfassungssache  folgte  er
damals  lediglich  den  eigenen  Gedanken.

Auch  auf  die  unzulänglichen  Militärverhältnisse  des  Deutschen  Bundes
richtete  der  König  sein  Augenmerk,  wie  es  scheint,  auf  Anregung  des
Hrinzen  von  Hreußen.  Nach  Derständigung  mit  Gsterreich  und  den  süddeutschen
  Staaten  wurden  wenigstens  regelmäßige  Inspektionen  der
Bundeskontingente  eingerichtet,  mit  denen  von  seiten  Dreußens  der  Drinz
von  Hreußen  betraut  wurde.  Aber  der  öffentlichen  Meinung  genügte
diese  Maßregel  bei  weitem  nicht:  sie  erwartete  von  Dreußen  nicht  weniger
als  eine  Weugestaltung  des  ganzen  Deutschen  Bundes.

Im  Oktober  1842  traten  nun  die  neu  geschaffenen  vereinigten
ständischen  Ausschüsse  zusammen;  allein  bald  erwies  sich,  daß  sie  weder
den  Wünschen  des  Dolkes  noch  auch  in  Wahrheit  den  Bedürfnissen  der
Regierung  genügten.  Alles  drängte  vielmehr  auf  die  Schaffung  einer
polksvertretung  hin.  Es  war  daher  nur  eine  Swischenmaßregel,  daß
1845  wieder  die  alten  Drovinziallandtage  berufen  wurden.  Denn  andere
Fragen,  zumeist  kirchenpolitischer  Art,  nahmen  damals  König  und  Regierung
  ganz  in  Anspruch.  Allein  der  König  verlor  darüber  die  Derfassungsfrage
  nicht  aus  den  Augen,  und  auch  der  Hrinz  von  Hreußen
nicht.  Im  Frühjahr  1844  besuchte  ihn  der  preußische  Gesandte  in  London,
Christian  von  Bunsen.  Bald  war  das  Gespräch  zur  Derfassungsfrage
gelangt.  Der  Hrinz  setzte  Bunsen  seine  ganze  Stellung  zu  der  großen
Frage  und  zu  dem  Könige  auseinander  „mit  einer  Klarheit,  Bestimmtheit,
  Haltung  und  Freimütigkeit,  die  mich“"  —  wie  Zunsen  schreibt  —
„in  Erstaunen  setzte.“

Diie  Folge  dieses  Besuches  war,  daß  der  Prinz  von  Hreußen  im
August  desselben  Jahres  eine  Reise  nach  England  unternahm.  Durch
den  Hrinz-Gemahl  Albert,  wie  durch  Bunsen  gewann  er  einen  tiefen  Einblick
  in  die  so  ganz  eigenartigen  englischen  Derhältnisse.  Er  erkannte  (nach
Bunsens  Urteil),  daß  die  Größe  Englands,  die  er  bewunderte,  die  Folge
seiner  religiösen  und  politischen  Institutionen  sei.  Auf  die  junge  Königin
Dictoria  machte  er  den  allergünstigsten  Eindruck:  „Er  gefällt  mir  sehr
gut“,  schrieb  sie,  „er  ist  äußerst  liebenswürdig,  angenebm  und  verständig,
        <pb n="146" />
        140  Erstes  Kapitel.

heiter  und  bequem  im  Verkehre.  Über  die  öffentlichen  Fragen  spräch  er
höchst  offen,  milde  und  verständig.“

Schwere  Krisen  trafen  im  Jahre  1844  die  preußische  Industrie;  zahlreiche
  Fabriken  mußten  die  Arbeit  einstellen,  und  Tausende  von  Arbeitern
wurden  brotlos.  Infolgedessen  bildeten  sich  Vereine  zum  Wohle  der
arbeitenden  Klassen  und  Handwerkervereine,  um  die  Erwerbsfähigkeit  zu
erhöhen  und  die  Handwerker  von  dem  erdrückenden  Übergewicht  des
Kapitals  zu  befreien.  Bier  sah  der  Hrinz,  aus  England  zurückgekehrt,
ein  Feld,  auf  dem  die  Freimaurerlogen  eine  segensreiche  Thätigkeit  zu
entwickeln  vermöchten.  Als  Hrotektor  aller  Logen  Hreußens  richtete
er  daher  am  27.  Januar  1845  an  sie  ein  Rundschreiben,  welches  mit
den  schönen  Worten  endigt::  „Mir  empfehlen  #daber  allen  geliebten.
Brüdern  der  vaterländischen  Logen  recht  dringend,  im  Sinne  dessen  besonders
dahin  zu  wirken,  daß  die  Thätigkeit  der  Handwerkervereine  auf  das
nächste,  gewiß  hochwichtige  Siel  unverrückt  gerichtet  bleibe:  geistige  und
leibliche  Bilfe  überall  dahin  zu  bringen,  wo  man  ihrer  bedarfj;  zugleich
aber  auch  durch  die  Art,  wie  dies  geschehe,  und  durch  ihr  Beispiel,  den
Sinn  der  Grdnung,  der  Pflicht  und  der  Vächstenliebe  zu  wecken  und  zu
verbreiten.  Alöge  auch  hier  die  Welt  die  belebende  Wärme  des  Bruderbundes
  empfinden,  ohne  zu  wissen,  woher  sie  strahlt.“

Durchaus  war  der  König  des  Willens,  die  Derfassungsfrage  stetig
weiterzuführen.  Don  der  Nachahmung  einer  Derfassung,  wie  die  französische
  Charte  es  war,  fürchtete  er  vor  allem,  daß  sie  von  seinen  alten
Freunden,  Esterreich  und  Rußland,  ihn  trennen  und  den  Westmächten  zudrängen
  würde.  Er  setzte  daher  eine  Immediatkommission,  bestehend  aus
Savigny,  Thile,  Uhden  und  von  Canitz,  mit  dem  Auftrage  ein,  den  Entwurf
  einer  Derfassung,  wie  er  sie  sich  dachte,  anknüpfend  an  das  Dorhandene
  und  Gegebene,  auszuarbeiten.  Allein  das  Ergebnis-ihrer  Zeratungen
  war,  daß  sie  den  König  bat,  bei  den  alten  Hrovinzialständen.
stehen  zu  bleiben:  Reichsstände-  würden  bald  eine  größere  Summe  von
Rechten  in  Anspruch  nehmen,  als  ihnen  jetzt  noch  gewährt  werden  könne,

Dem  lönige  indessen  lag  vor  allem  daran,  das  Dersprechen  einer
Derfassung  für  Dreußen,  das  sein  Dater  vor  langen  Jahren.  gegeben,
wirklich  einzulösen.  Die  allgemeine,  freilich  ganz  unrichtige  Auffassung
ist  die,  daß,  als  der  Krieg  gegen  Mapoleon  1815  von  neuem  begann,
der  König  Friedrich  Wilhelm  III.  als  Hreis  der  Anstrengungen  und.  Opfer,
die  der  neu  anhebende  Krieg  seinem  Dolke  auferlege,  diesem  durch  die
Kabinettsordre  vom  22.  Mai  1815  die  Herleihung  einer  Derfassung  versprochen
  habe.  Die  Grdre  ist  vielmehr  erst  am  8.v  Juli  veröffentlicht,
        <pb n="147" />
        Die  Anfänge  König  Friedrich  Wilhelms  IV.  141

als  der  Feldzug  längst  vorüber  war.  Also  einen  versprochenen  „Lohn“
hat  der  König  seinem  Dolke  nicht  vorenthalten.  Die  Ordre  wurde  aber
auf  den  22.  Mai  zurückdatiert,  da  der  König  in  der  Derleihung  als  ganz
unbeeinflußt  durch  die  am  25.  Mai  beginnenden  Beratungen  der  Bundesakte,
  deren  Art.  15  ja  die  Einführung  landständischer  Derfassungen  vorschrieb,
  erscheinen  wollte.  Und  dann  wieder  war  in  dem  Staatsschuldengesetz
  vom  17.  Jannar.  1820  auf  eine  „künftige  reichsständische  Dersammlung“
hingewiesen.  Dieses  war,  ebenso  wie  jene  Ordre,  durch  Hardenberg  ver—
anlaßt,  während  der  König  je  länger  je  mehr  geneigt  war,  in  beidem
eine  Ubereilung  zu  sehen.

Aber  die  Susagen  bestanden  einmal:  und  König  Friedrich  Wilhelm  IV.
hatte  durchaus  die  Empfindung,  daß  es  seine  Ehrenpflicht  sei,  sie  einzulösen.
  Die  Abmachung  der  Derfassungskommission  machte  daher  gar  keinen
Eindruck  auf  ihn:  vielmehr  bewegte  ihn  der  große  Gedanke,  Hreußen
eine  solche  Derfassung  zu  geben,  daß  durch  dieselbe  Reichs=  und  Hrovinzialstände
  miteinander  versöhnt  würden.  Er  schrieb  selbst  den  Entwurf
  einer  solchen  Derfassung  nieder  und  sandte  ihn  an  den  Kaiser
Rikolaus,  den  Fürsten  Metternich  und  den  König  von  Hürttemberg.
Allein  Sustimmung  erhielt  er  von  keiner  Seite.  Das  machte  ihn  doch
bedenklich:  schlug  er  nicht  doch  vielleicht  die  Hietätspflicht  zu  hoch  and
Er  berief  daher  das  Ministerium  und  die  Derfassungskommission  zu
gemeinschaftlichen  Beratungen,  um  die  Frage  zu  entscheiden,  ob  überhaupt
  jetzt  und  wie  eine  reichsständische  Derfassung  in  Hreußen  einzuführen
  sei.  «

Den  Vorsitz  im  Staatsministerium  hatte  der  Prinz  von  Preußen.
Man  wußte,  daß  er  die  Dereinigung  der  acht  provinzialständischen  Dersammlungen
  zu  einer  einzigen  reichsständischen  nicht  billigte.  War  nicht
zu  erwarten,  daß  er  seinen  Einfluß  daran  setzen  würde,  seiner  Ansicht
zum  Siege  zu  verhelfen  d  Allein  er  verhielt  sich  ganz  neutral,  faßte  die
Frage  durchaus  objektiv.  Er  eröffnete  die  Derhandlungen  mit  einem  ernsten
Rinweis  auf  die  Bedeutung  dieses  Momentes,  in  welchem  es  sich  um  die
ganze  Sukunft  Hreußens,  ja  um  die  Erxistenz  von  Thron  und  Daterland
handle.  Er  selbst,  fügte  er  hinzu,  sei  noch  nicht  ganz  von  der  Motwendigkeit
  der  Schaffung  von  Reichsständen  überzeugt.  Wohl  wurden  auch
sonst  manche  Bedenken  gegen  diese  geäußert;  aber  schließlich  sprachen
sich  doch  unter  der  Doraussetzung,  daß  die  beabsichtigten  Reichsstände  nur
beratende  Stimmen  haben  sollten,  die  Anwesenden  mit  dreizehn  gegen
zwei  Stimmen,  weil  sie  notwendig  sei,  für  die  Einrichtung  von  Reichsständen
  aus.
        <pb n="148" />
        142  Erstes  Kapitel.

Die  Hauptfrage  indessen  war,  wie  der  Vorsitzende  der  Beratung,  der
Prinz  von  Hreußen,  sich  entscheiden  würde.  Sichtlich  machte  die  große
Moajorität  Eindruck  auf  ihn:  aber  konnte  man  erwarten,  daß  er  ihr  zustimmen
  würded  Und  doch,  wieviel  kam  darauf  an,  auf  welche  Seite
der  Thronerbe  sich  stellte!

Unter  den  nachgelassenen  Aufzeichnungen  König  Friedrich  Wilhelms  III.
hatte  sich  eine  Derfügung  befunden,  die,  wie  es  schien,  im  Jahre  1838
von  dem  Fürsten  Wittgenstein  geschrieben,  mit  einem  eigenhändigen  Susatze
  des  Königs  versehen  war.  Der  König  erklärte  darin,  daß  auf  der
Unbeschränktheit  der  königlichen  Macht  vorzugsweise  die  Stellung  Preußens
  im  Staatenspsteme  Europas  beruhe.  Er  bestimme  daher,  da.  eine
Anderung  dieses  Grundpfeilers  der  Monarchie  diese  selbst  wankend  machen
würde,  daß  „kein  königlicher  Regent  befugt  sein  solle,  ohne  Zuziehung
sämtlicher  Agnaten  in  dem  königlichen  Bause  eine  Anderung  oder  Einleitung
  zu  treffen,  wodurch  eine  Deränderung  in  der  Derfassung  des
Staates,  namentlich  in  Beziehung  auf  die  ständischen  Derhältnisse  und
die  Beschränkung  der  königlichen  Gewalt  bewirkt  oder  begründet  werden
könnte.“"

Dieses  „politische  Testament“  des  Königs  war  nun  zwar  rechtlich
unwirksam,  da  es  weder  Datum  noch  Unterschrift  trug,  allein  es  ließ  sich
nicht  bestreiten,  daß  es  den  Anschauungen  des  verstorbenen  Königs  entsprach.
  Und  das  war  im  wesentlichen  der  Standpunkt,  den  damals  auch
der  Drinz  von  Hreußen  einnahm.  Er  erhob  daher  den  Anspruch,  daß
bei  den  Derfassungsänderungen,  die  sein  königlicher  Bruder  plante,  auch
der  Rat  des  Thronfolgers  als  des  ersten  der  Agnaten  mindestens  gehört
und  geprüft  werden  müsse.  Aber  er  war  weit  entfernt,  sich  zum  Führer
der  konservativen  Hartei  des  Landes  gewinnen  zu  lassen:  nichts  würde
mehr  seiner  orstellung  von  der  Hflicht  der  Surückhaltung,  die  ein  Thronfolger
  vor  allem  üben  müsse,  widersprochen  haben.  Um  so  freier  sprach
er  dagegen  aus,  was  seine  persönliche  Uberzeugung  war.

Bald  bot  sich  der  Anlaß.  Der  König,  voll  Eifers,  die  ständischen  Institutionen
  weiter  auszubilden,  hatte  den  Hrovinzialständen  die  Bildung.
von  Ausschüssen  gewährt:  nun  vereinigte  er  diese  zu  einer  Dersammlung
und  gab  dieser  das  Recht,  sich  von  Seit  zu  Seit  nach  dem  Ermessen  des
Königs  zur  Beratung  allgemeiner  Landesangelegenheiten  zu  versammeln.
Dem  widersprach  der  Hrinz  von  Hreußen  (16.  Zuni  1842).  Noch  seien,
erklärte  er,  die  Ausschüsse  der  einzelnen  Drovinziallandtage  gar  nicht  einberufen
  gewesen  und  erprobt  worden:  und  schon  solle  mit  der  Berufung
der  vereinicten  Ausschüsse  ein  weiterer  Schritt  geschehen!  Nicht  einmal
        <pb n="149" />
        Die  Anfänge  König  Friedrich  Wilhelms  IV.  143

ein  erheblicher  Gegenstand  der  Beratung  liege  vor.  Das  könne  nur
falsche  Erwartungen  großziehen.  Sein  Rat  ging  vielmehr  dahin,  die
vereinigten  Ausschüsse  erst  dann  einzuberufen,  wenn  man  wichtige  Gesetzentwürfe
  ihnen  vorzulegen  habe,  sie  als  Reichsstände  anzuerkennen  und
das  Gebäude  der  ständischen  Institutionen  als  damit  endgültig  abgeschlossen
  zu  erklären.

Allein  der  König,  unruhig  vorwärts  drängend,  folgte  dem  besonnenen
Rate  des  Bruders  nicht;  er  befahl  die  Einberufung  der  vereinigten  Ausschüsse
  auf  den  18.  Oktober  1842  nach  Berlin.  Jedoch  niemand  im
Dolke  begriff,  was  diese  Einberufung  zu  bedeuten  habe.  Die  Meinung
wurde  laut,  daß  sie  einen  vorsichtigen  Ubergang  zu  konstitutioneller
Regierungsform  darstellten.  Das  war  ein  Wißverständnis;  denn  eine
konstitutionelle  Derfassung  hatte  der  König  bei  seinen  Hlänen  mit  nichten
im  Sinne.  Das  Staatsministerium  trat  zur  Beratung  zusammen,  was  zu
geschellen  habe.  Mit  Lebhaftigkeit  sprach  sich  hier  der  Drinz  von  Hreußen
dahin  aus,  daß  der  Seitpunkt  gekommen  sei,  wo  der  König  dem  Hreußenvolke
  Aufklärung  zu  geben  schuldig  sei,  ob  es  nunmehr  die  ständische
Gesetzgebung  als  abgeschlossen  zu  betrachten  habe  oder  noch  weitere
Schritte  abwarten  solle.  „Im  Dolke“,  schloß  er  mit  Wachdruck,  „bestehen
zwei  Harteien,  die  eine  voll  Furcht,  die  andere  voll  Boffnung.  Die
Mation  muß  wissen,  woran  sie  ist!“  Wiederum  verhallte  wirkungslos
des  Drinzen  wohlerwogene  Mahnung,  und  die  dürren  Derhandlungen  der
vereinigten  Ausschüsse  schürten  in  der  gärenden  Seit  nur  die  Unruhe
und  Unzufriedenheit.

Auch  vertrauliche  Besprechungen  der  fürstlichen  Brüder  führten  zu
keinem  Einvernehmen.  Die  Folge  war,  daß  dem  Hrinzen  von  Hreußen
jetzt  keinerlei  weitere  Mitteilungen  über  die  ständischen  Hläne  des  Königs
von  seiten  desselben  gemacht  wurden.  Erst  als  der  König  zu  dem  Entschlusse
  gekommen  war,  neben  den  vereinigten  Ausschüssen  auch  noch  die
acht  Hrovinziallandtage  der  Monarchie  als  vereinigten  Landtag  mit
reichsständischen  Zefugnissen  spätestens  im  Jahre  1847  einzuberufen,
wurde  im  Dezember  1844  auch  der  Drinz  von  Hreußen  von  dieser  weittragenden
  Entschließung  in  Kenntnis  gesetzt.  Freimütig  sprach  der  Hrinz
in  einem  eingehenden  Schreiben  dem  Könige  seine  Bedenken  aus;  aber
er  erreichte  nichts  anderes  damit,  als  daß  der  König  in  zornig-gereiztem
Tone  dem  Bruder  antwortete,  er  werde  sich  nicht  hindern  lassen,  seine
Pläne  weiter  auszuarbeiten.  Sugleich  wurden  von  zwei  Orofessoren  der
Berliner  Universität  Gutachten  darüber  eingeholt,  ob  den  Agnaten  überhaupt
  ein  Recht  des  Einspruchs  zustehe,  und  diese,  die  verneinend  lauteten,
        <pb n="150" />
        144  Erstes  Kapitel.

dem  Prinzen  von  Preußen  zugestellt.  Auch  in  die  damals  eingesetzte
Verfassungskommission  wurde  der  Prinz  nicht  berufen.

Während  diese  nun  ihre  Beratungen  hielt,  um  die  Gedanken  des
Königs  zu  fördern,  arbeitete  der  Prinz  von  Preußen  in  der  Stille  eine
ausführliche  Denkschrift  aus,  in  welcher  er  seine  Ansichten  über  die  Ver—
fassungsfrage,  den  veränderten  Verhältnissen  Rechnung  tragend,  mit
vollster  Klarheit  entwickelte.  Am  20.  November  1845  übersandte  er  sie
dem  Könige,  indem  er  dabei  schrieb:  „Brüderlichst  lege  ich  diese  große
Angelegenheit  Dir  ans  Herz,  tief  ergriffen  davon,  daß  ich  mich  Deinen
plänen  nicht  anschließen  kann.“

Diese  Denkschrift  läßt  uns  einen  tiefen  Blick  in  das  Innere  des
Prinzen  thun.  Scharf  faßt  er  die  nun  einmal  gegebenen  Verhältnisse
auf  und  sucht  ihnen,  ohne  die  leitenden  politischen  Grundsätze  seines
Lebens  aufzugeben,  voll  gerecht  zu  werden.  So  hatte  er  vormals  auf
dem  Boden  des  politischen  Testamentes  seines  königlichen  Vaters  gestanden,
aber  als  die  Seit  darüber  hinwegging,  auf  die  Durchführung  der  Grundsätze
  desselben  verzichtet.  So  kündigte  der  König  jetzt  seine  Absicht  an,
neben  den  Orovinziallandtagen  und  den  vereinigten  Ausschüssen  noch,
einen  vereinigten  Landtag=  zu  berufen,  und  der  Prinz  ist  entschlossen,  sich
auf  den  damit  geschaffenen  Boden  zu  stellen.  Nicht  die  Gedanken  seines
königlichen  Zruders  zu  hemmen  ist  sein  Siel,  sondern  die  neue  Institution.
mit  dem  rechten  Inhalt  zu  erfüllen.  Auf  die  praktische  Frage  kommt  es
ihm  an,  wie  das  eine,  was  ihm  das  Wesen  des  preußischen  Staates  ist,
die  lebendige  Macht  der  Krone,  neben  der  ungefügen  dreifachen.  Gliederung
  der  gegebenen  ständischen  Körperschaften  bestehen  soll.  Das  ist
dieselbe  glückliche  Dereinigung  von  Festigkeit  und  besonnener  Nachgiebigkeit,
  welcher  der  Hrinz  dermaleinst  als  Berrscher  so  große  Erfolge  mit
verdanken  sollte.

Der  Hrinz  ist  durchaus  der  Meinung,  daß  die  Derheißungen,  die
sein  Dater  vorzeiten  dem  preußischen  Dolke  gegeben,  erfüllt  werden  müssen.
Deswegen  ist  er  mit  der  Schaffung  einer  reichsständischen  Dersammlung
zur  Dertretung  des  Holkes  einverstanden;  er  denkt  sie  sich  etwa  150  Mitglieder
  stark  aus  den  Drovinzialständen  entnommen.  Aber  er  sieht  eine
Gefahr  für  die  Krone  darin,  daß  die  Reichsstände  die  Beratung  von
Steuervorlagen  zum  Erzwingen  neuer  Gesetze  mißbrauchen  könnten  oder
auch  umgekehrt.  „Hreußens  politische  und  geographische  Lage  aber“,
sagt  er  in  dieser  Denkschrift,  „als  Großmacht  im  europäischen  Staatenbunde
  und  zugleich  als  Teil  des  Deutschen  Zundes  erlaubt  nicht,  daß
dessen  Monarch  durch  konstitutionelle  Institutionen  in  seinem  freien  Be-
        <pb n="151" />
        Die  Anfänge  König  Friedrich  Wilhelms  VI.  145

wegen  behindert  werde.  Aber  auch  alle  Institutionen,  die  den  konstitutionellen
  sich  nähern  oder  in  diese  überzugelten  drohen,  sind  daher  für
Dreußen  nicht  annebmbar.“  Wie  ist  nun  aber  jener  Gefahr  zu  begegnen?
Der  Hrinz  meint:  durch  Teilung  der  Befugnisse.  Ausschließlich  über  den
Staatshaushalt  soll  der  allgemeine  Landtag  (die  Reichsstände)  beraten,
die  vereinigten  Ausschüsse  ebenso  ausschließlich  dagegen  über  die  Entwürfe
  neuer  Gesetze.  Er  will  also  „die  Attributionen  scharf  auseinander
halten“.  Die  reichsständische  Dersammlung  erhält  nur  die  Befugnis,  über
neue  Steuern  und  Anleilten  zu  beraten,  während  die  bisherigen  vereinigten
  Ausschüsse  das  Recht  der  Gesetzesberatung  üben.  Er  ist  nicht
dagegen,  diesem  Rechte  noch  eine  weitere  Ausdehnung  zu  geben,  wenn
nur  „die  gefährliche  Geldfrage“  den  Ausschüssen  entzogen  bleibt.  Als
das  Fundament  der  ständischen  Derfassung  endlich  sieht  er  die  Hrovinziallandtage
  an.

Als  besonders  schwierig  und  bedenklich  galt  in  der  Immediat—
kommission,  welche  die  Derfassung  vorzubereiten  hatte,  die  Frage,  wie  es
in  Kriegszeiten  mit  den  notwendig  werdenden  Anleihen  gehalten  werden
solle,  da  doch  zu  allen  die  Sustimmung  der  Reichsstände  erforderlich  sei.
Der  Hrinz  gebht  in  der  Denkschrift  auch  auf  diese  Frage  ein.  Er  kennt
den  Geist,  der  das  Dreußenvolk  beseelt;  darum  erscheint  ihm  die  Frage
ganz  einfach.  Swar  solange  ein  Krieg  sich  erst  vorbereite  und  das  Geheimnis
  bewahrt  werden  müsse,  meint  er,  sei  es  nicht  möglich,  die  Reichsstände
  um  eine  Anleihe  anzugehen:  da  müßten  der  Staatsschatz  und  Dereinbarungen
  mit  den  großen  Geldinstituten  des  Staates  genügen.  Aber
hat  der  Krieg  einmal  begonnen  und  wird  dann  eine  Anleihe  notwendig,
„so  Rat  es  nicht  das  geringste  Bedenken,  die  Reichsstände  zu  berufen“.
Er  weiß,  sie  werden  dann  die  Regierung  nicht  im  Stiche  lassen.  In
Friedenszeiten  freilich,  setzt  er  hinzu,  dürfen  Anleihen  nur  im  äußersten
Notfalle  abgeschlossen  werden,  so  daß  jeder  die  Motwendigkeit  einsieht  und
die  Schande  auf  den  Derneinenden  fällt.  Aber  durchaus  ist  es  die
Meinung  des  Hrinzen,  daß  den  Ständen,  da  sein  königlicher  Dater  jederzeit
  nur  beratende  Stände  in  Aussicht  gestellt,  nur  eine  beratende  Stimme
gewährt  werden  dürfe.  Mit  der  nachdrücklichen  Derwahrung  schließt  er
daher  die  Denkschrift:  „Alle  Beratungen  aller  drei  ständischen  Dersammlungen
  sind  durchaus  konsultativ;  von  einem  Bewilligungsrecht  irgend
einer  Art  darf  nie  die  Rede  sein.“

Die  Denkschrift  verfehlte  ihres  Eindrucks  auf  den  König  nicht.  Auf
den  Wunsch  des  Hrinzen  legte  er  sie  der  Immediatkommission  zur  gutachtlichen
  Außerung  vor.  Diese  indes  stimmte  ihr  nicht  zu.  Die  Folge

Waiser-Wilhelm.  10
        <pb n="152" />
        146  Erstes  Kapitel.

war,  daß  der  König  der  Kommission  durch  den  Eintritt  des  Gesamt—
ministeriums  in  dieselbe  eine  völlig  veränderte  Gestalt  gab  und  auch  den
Prinzen  von  Preußen  jetzt  einlud,  in  dieselbe  einzutreten  und  die  Be—
ratungen  als  Vorsitzender  zu  leiten.  Dem  Prinzen  war  damit  also  die
Stellung  und  Freiheit  gegeben,  seinen  Ansichten  Geltung,  vielleicht  den
Sieg  zu  verschaffen.  Denn  den  König  machte  es  doch  bedenklich,  daß
er  für  seinen  eigenen  Verfassungsentwurf  von  keiner  Seite  Zustimmung
erhalten  hatte.

Am  11.  März  1846  fand  die  erste  Sitzung  der  Gesamtkommission
statt.  Der  Prinz  betonte  die  Bedeutung  der  vorliegenden  Frage,  ob  überhaupt
  jetzt  eine  reichsständische  Derfassung  in  Hreußen  einzuführen  sei.
Man  hatte  die  Empfindung,  an  einem  Wendepunkte  der  Geschichte
Dreußens  zu  stehen:  konnte  man  sich  dem,  was  das  Seitbewußtsein  zu
fordern  schien,  widersetzen  d  Mit  allen  gegen  zwei  Stimmen  sprachen
sich  die  Mitglieder  der  Kommission  für  die  Einführung  der  Reichsstände
aus.  Allein  die  Stimme  des  Dorsitzenden  stand  noch  aus.  Durfte  man
nach  der  Stellung,  die  er  bisher  zu  der  Frage  eingenommen,  darauf
rechnen,  daß  auch  er  sich  dafür  aussprechen  würded  Da  geschah  das
kaum  Erwartete:  der  Hrinz  von  Hreußen  erhob  sich  und  erklärte,  daß
auch  er  jetzt  die  Motwendigkeit,  eine  reichsständische  Dersammlung  zu  berufen,
  anerkenne.  Der  sichere  Takt,  den  er  jederzeit  für  die  Bedürfnisse
der  Seit  hatte,  leitete  ihn.  Die  Abstimmung  war  ihm  nicht  leicht  geworden;
  man  hörte  es  seiner  Stimme  an,  als  er  die  Sitzung  schloß:
„Ein  neues  Hreußen  wird  sich  bilden.  Das  alte  geht  mit  HDublizierung
dieses  Gesetzes  zu  Grabe.  Möge  das  neue  so  erhaben  und  groß  werden,
wie  es  das  alte  mit  Ehre  und  Ruhm  geworden  ist!“
        <pb n="153" />
        Bweites  Kapitel.
Der  Vereinigte  Landtag.

So  war  denn  die  Berufung  einer  reichsständischen  Dersammlung  beschlossen.
  Langwierige  Beratungen  der  Immediatkommission  über  Einzelfragen
  schlossen  sich  an,  in  denen  jeder  für  die  Bedenken,  die  er  etwa
hegte,  Abhilfe  erstrebte.  Indessen  mit  fast  allen  seinen  Anträgen  blieb
der  Drinz  von  Hreußen  in  der  Minderheit.  Er  hielt  es  daher,  als  im
Dezember  1846  endlich  die  Beratungen  zu  Ende  geführt  waren,  für  angemessen,
  in  einer  besonderen  Denkschrift  dem  Könige  seine  Bedenken,  da
sie  in  den  Kommissionsberatungen  keine  Erledigung  gefunden  hatten,
eingehend  darzulegen.  Denn  in  den  BZeschlüssen,  die  gefaßt  wären,  sagt
er,  könne  er  nicht  „das  Reil  des  Thrones  und  des  Daterlandes  erblicken."“

Die  Reichsstände,  der  „Dereinigte  Landtag“,  waren  einfach  durch
die  Dereinigung  der  Hrovinzialstände  der  acht  Drovinzen  Dreußens  gebildet,
  so  daß  sie  mehr  als  600  Deputierte  umfaßten.  Denn  Urwahlen
wollte  der  König  unter  allen  Umständen  vermeiden;  er  hielt  dafür,  daß
durch  sie  das  Dolk  in  einen  Fieberzustand  versetzt  werden  würde,  wovor
es  durchaus  zu  bewahren  sei.  Wenn  nun  auch  der  Hrinz  von  Oreußen
die  Abneigung  des  Königs  gegen  Urwahlen  teilte,  so  erschien  ihm  doch
die  Susammensetzung  des  Dereinigten  Landtages  erst  recht  bedenklich.  Ja,
er  ist  der  erste  gewesen,  der  mit  Scharfsinn  erkannt  hat,  daß  auf  diese
Art  der  Dereinigte  Landtag  eigentlich  „unauflöslich“  sei.  Bestände  er  —
führt  der  Hrinz  in  der  Denkschrift  aus  —  aus  gewählten  Deputierten
der  Drovinzialstände,  so  könne  er  aufgelöst  und  in  den  Orovinziallandtagen
  Teuwahlen  vorgenommen  werden.  So  aber  könne  er  ohne
Neuwahlen  in  allen  Hrovinzen  nicht  aufgelöst  werden,  sei  also,  da  diese
vermieden  werden  sollten,  unauflöslich  und  dadurch  weit  mächtiger  als
„die  konstitutionellen  Kammern  anderer  Staaten,  welche  alle  sich  für
extreme  Fälle  die  Auflösung  und  Neuwahlen  vorbehalten  haben.“  Aber
auch  die  übergroße  Sahl  der  Deputierten  entgeht  seiner  Kritik  nicht;  er

10“
        <pb n="154" />
        148  Sweites  Kapitel.

sieht  voraus,  daß  sie  den  Landtag  „unlenksam“  machen  werde.  Es  ist
auch  außer  weifel,  daß  eine  so  ungefüge  Dersammlung  als  eine  dauernde
Einrichtung  sich  nicht  würde  halten  können.

Es  war  ein  glücklicher  Gedanke  des  RKönigs,  durch  die  Berufung
der  Spitzen  der  preußischen  Aristokratie  in  einer  Herrenbank  ein  Gegengewicht
  gegen  den  Landtag  zu  schaffen.  Aber  er  hatte  nur  eine  kleine
Anzahl  erblicher  Herren  berufen  und  alles  weitere  über  die  Organisation
des  Berrenstandes  sich  vorbehalten.  Dieses  Sögern  ,  welches  der  treue
Adel  zumal  der  östlichen  Drovinzen  als  eine  Demütigung  empfand,  mißbilligte
  der  Hrinz  für  eine  Seit,  in  der  „eine  ganz  neue  ständische  Ara
geschaffen  wird“,  mit  aller  Entschiedenheit.  Er  rät  dem  Könige,  aus
etwa  82  Fürsten  und  Grundberren,  die  nach  Ermessen  durch  Dirilstimmen
noch  zu  verstärken  sind,  ein  Gberhaus  zu  bilden  und  sogleich  ein  geordnetes
  Sweikammersystem  einzuführen.

Swar  war  dem  Dereinigten  Landtage  nur  eine  beratende  Stellung
zugewiesen;  aber  der  König  hatte  sich  doch  entschlossen,  in  Anleihe=  und
Steuersachen  ihm  die  Beschlußfassung  zu  überlassen:  die  wichtigste  Befugnis,
  die  dem  Landtage  verliehen  war  und  voraussichtlich  ihn  bald  zu
einer  konstitutionellen  Stellung  dem  Rönige  und  der  Staatsregierung
gegenüber  führen  mußte.  Um  so  nachdrücklicher  sprach  sich  der  Hrinz  in.
der  Denkschrift  über  diese  weittragende  Beschränkung  der  Krongewalt
aus.  „Hreußen",  sagt  er,  „wäre  seit  dem  Großen  Kurfürsten  nie  das
geworden,  was  es  ist,  wenn  es  von  dem  Steuerbewilligungsrechte  der
alten  Stände  abhängig  geblieben  wäre."  Das  Besteuerungsrecht  ist  ihm
nach  dem  Allgemeinen  Landrecht  ein  „Wajestätsrecht“,  dessen  Aufgabe
„die  Selbständigkeit  und  Unabhängigkeit  des  Thrones“  schädige.

Auch  gegen  die  Ausdehnung  des  Hetitionsrechtes,  das  dem  Dereinigten
  Landtage  wie  den  Dereinigten  Ausschüssen  gewährt  werden  soll,
hegt  der  Hrinz  schwere  Bedenken.  Er  erwartet,  daß  Hetitionen  über
Finanzsachen  nur  Unzufriedenheit  erregen  werden.  Denn  „niemand“,
meint  er,  „räumt  ein,  daß  er  zuviel  des  Geldes  besitzt;  jeder  räumt  ein,
daß  er  dessen  zu  wenig  habe.“  Auch  die  höhere  Holitik,  die  innere  wie
die  äußere,  sei  von  dem  Hetitionsrechte  der  Stände  auszuschließen.  Denn
nur  gar  zu  leicht  könne  durch  Angriffe  seitens  der  Stände  „das  enge
Band  zwischen  Dreußen,  Rußland  und  Esterreich,  welches  durch  seine
Macht  bisher  den  Frieden  aufrecht  hielt“,  in  Gefahr  gebracht  werden.
Am  entschiedensten  aber  verlangt  der  Hrinz,  daß  die  militärischen  Angelegenheiten
  von  dem  Hetitionsrechte  der  Stände  ausgeschlossen  würden.
Wenn  er  die  Gefahren  sich  vorstellte,  welche  sich  für  das  preußische
        <pb n="155" />
        Der  Vereinigte  Landtag.  149

Heerwesen  aus  ständischen  Petitionen  ergeben  könnten,  so  trat  ihm  ein
Bild  von  Kämpfen  vor  die  Seele,  wie  er  sie  15  Jahre  später  selbst  in
Wirklichkeit  durchmachen  sollte.  Bei  dem  allgemeinen  Derlangen  der
Liberalen  in  allen  Ländern  nach  Abschaffung  der  stehenden  Beere  werde
man  danach  streben,  der  Landwehr  die  Stellung  einer  NWationalgarde  zu
geben  und  die  Dienstzeit  der  Linie  zu  verkürzen.  Dem  würden,  um  Ersparnisse
  zu  machen,  auch  Wohlgesinnte  zustimmen.  Dann  aber,  wenn
der  Soldat  sich  nicht  mehr  die  strenge  Subordination  einpräge,  wenn  die
Übungen  der  Landwehr  eingeschränkt  würden,  wenn  der  Begriff  der
Standesehre,  namentlich  bei  den  Offizieren  der  Landwehr,  sich  lockere:
dann  —  schließt  der  Hrinz  —  „ist  das  Bestehen  der  preußischen  Landwehr,
  wie  sie  zur  wahren  Shre,  zur  Wohlfahrt  und  zum  Ruhme  des
Daterlandes  vor  32  Jahren  geschaffen  wurde,  eine  völlige  Unmöglichkeit!!“
Und,  fährt  er  fort,  ist  Dreußen  nicht  mehr  in  der  Lage,  seine  Armee  im
Kriege  zu  verdoppeln  oder  zu  verdreifachen,  „so  tritt  es  auch  von  der
Stufe,  auf  die  seine  Armee  es  gestellt  hat,  herab.“  Es  ist  der  Schöpfer  der
Armee-Reorganisation,  der  dies  schreibt:  wir  hören  es  aus  jedem  Worte.
„Zu  seiner  tiefsten  Betrübnis“  erklärt  sich  der  Hrinz  demnach  außerstande,
  das  Hatent  über  die  Berufung  des  Dereinigten  Landtages  zu
unterzeichnen:  so  schwer  wiegen  ihm  seine  Bedenken.  Er  siebt  „die
Rechte,  die  ürde  und  die  Macht  der  Krone  gefährdet“;  er  ahnt  die
Gefahr,  daß  demnächst  eine  Konstitution  werde  ertrotzt  werden.  Gleichwohl
  ist  er  nicht  gegen  die  Fortbildung  der  ständischen  Gesetzgebung;  er
ist  auch  nicht  gegen  den  gewählten  Augenblick;  aber  um  so  entschiedener
ist  er  gegen  die  Art  und  Weise,  in  der  sie  jetzt  geschehen  soll.  Dabei
aber  bewegt  noch  eins  sein  Daterberz.  Daß  er  selbst  einmal  berufen
sein  könne,  den  Thron  seines  Bruders  zu  besteigen,  kommt  ihm  nicht  in
den  Sinn,  aber  seines  Sohnes,  des  frisch  heranwachsenden  Hrinzen
Friedrich  Wilhelm,  gedenkt  er.  Es  ist,  schreibt  er,  „meine  heilige  Oflicht,
darüber  zu  wachen,  daß  der  Nachfolger  auf  dem  Throne  die  Krone  mit
ungeschmälerten  Rechten  und  mit  der  Würde  und  mit  der  Macht  überkomme,
  wie  ich  sie  heute  vor  mir  sehe.“  Und  er  schließt  die  Denkschrift
„mit  tiefbewegtem  Berzen,  Gottes  gnädigen  Beistand  wünschend.“
Unterdessen  hatte  der  König  eine  Derstärkung  der  Berrenkurie  des
Landtags  befohlen  und  bestimmt,  daß  die  königlichen  Hrinzen  sämtlich  in
dieselbe  eintreten  sollten.  Auch  diese  Anordnungen  erschienen  dem  Hrinzen
von  Hreußen  nicht  unbedenklich.  Er  fügte  daher  am  4.  Januar  1847
zu  seiner  großen  Denkschrift  noch  einen  NMachtrag  hinzu,  dem  Könige
seine  Gedanken  darzulegen.  Die  Berufung  der  Drinzen,  schreibt  er,
        <pb n="156" />
        150  Sweites  Kapitel.

mache  es  notwendig,  die  Berrenkurie  für  sich  allein  tagen  zu  lassen.
Denn  den  stürmischen  Verhandlungen  einer  großen  Dersammlung,  wo
„alle  Wirren  der  politischen  Leidenschaften  sich  zügellos  Luft  machen“
würden,  dürften  die  Hrinzen  nicht  ausgesetzt  werden.  Auch  die  angeordnete
  Derstärkung  der  Herrenkurie  scheint  ihm  noch  unzulänglich.
Seine  Meinung  ist,  dadurch  daß  man  sie  ehre,  die  Aristokratie  ganz  zu
gewinnen.  „Denn  nur“,  betont  er,  „wenn  bei  ständischen  Institutionen,
wie  sie  jetzt  geschaffen  werden  sollen,  das  Sweikammersvstem  angenommen
  wird,  ist  Beil  und  Segen  noch  für  die  Sukunft  des  Daterlandes
zu  erwarten.“

Wohl  mochten  hie  und  da  die  Befürchtungen  des  Hrinzen  zu  weit
gehen:  aber  wie  viel  wahre  und  tiefe  Gedanken  enthielt  die  Denkschrift!
Dennoch  gewann  sie  keinen  Einfluß  auf  die  Entschließungen  des  Königs:
er  bestätigte  endgültig  die  Entwürfe  nach  den  Beschlüssen  der  Immediatkommission.
  Und  der  Drinzd  Mit  selbstlosem  Gehorsam  stellte  er  sich
auf  den  Boden,  der  durch  die  Entscheidung  des  RKönigs  gegeben  war.
Fest  blickte  er  dem  Kommenden  ins  Angesicht.

So  erschien  denn  am  .  Februar  1847  das  Datent,  welches  den
Dereinigten  Landtag  mit  reichsständischen  Befugnissen  schuf.  Mit  Bedacht
hatte  der  König  den  Jahrestag  des  Aufrufes  zur  Bildung  freiwilliger
JZägercorps  gewählt;  denn  wie  jener  Aufruf,  so  sollte  auch  dies  Hatent
der  Ausgangspunkt  einer  neuen  glänzenden  Epoche  der  Geschichte  Dreußens
werden.  Es  trug  allein  die  Unterschrift  des  Königs;  als  Ausdruck  seines
persönlichen  Willens  sollte  es  erscheinen.  Die  dem  OHatente  beigefügten
Ausführungs-Derordnungen  aber  waren  von  dem  gesamten  Staatsministerium
  unterzeichnet;  obenan  stand  der  Name  des  Hrinzen  von  Hreußen.

Wohl  machte  es  in  ganz  Europa  den  größten  Eindruck,  daß  nun
auch  das  altmonarchische  Hreußen  sein  König  aus  freier  Bewegung  zu
einer  ständischen  Derfassung,  die  bald  doch  in  eine  konstitutionelle  sich
wandeln  würde,  hinüberführe.  Allein  von  der  freudigen  Dankbarkeit,
die  der  König  von  seinem  Volke  erwartete,  wollte  sich  nicht  viel  zeigen.
Swar  an  eine  parlamentarische  Regierungsform  dachten  die  wenigsten  in
Oreußen;  aber  man  fand  die  alten  Derheißungen  der  Jahre  1815  und
1820  nicht  im  vollen  Maße  erfüllt,  vor  allem  erschien  die  Ablehnung
jährlich  wiederkehrender  Landtage  als  ein  Widerspruch  gegen  das  Gesetz
von  1820.

Am  Sonntag,  den  II.  April  1847,  eröffnete  der  König  im  Weißen
Saale  des  Schlosses  den  Landtag  mit  einer  glänzenden  und  inhaltsschweren
  Rede,  deren  Röhepunkt  die  feierliche  Derwahrung  gegen  die
        <pb n="157" />
        r
Lie  Mitglieder  der  Herrenhurie  uno  dem  Königohause  (1647).

1.  Hrinz  Helurich  wllhelm  Udalbert.  2.  Hrinz  Friedrich  Narl  Alexander.  3.  Hrinz  Friedrich  Heinrich  Ulbrecht.  4.  Orinz  Fricdrich  Wilhelm  Georg  Ernst.
5.  Frledrich  wilhelm  kudwig,  Hnz  von  Hreußen.  6.  HOrinz  riedrich  wilhelm  Cudwig  Alexander.  7.  En  Friedrich  Karl  Nifolaus.
8.  Hrinz  Friedrich  wülhelm  Narl.  9.  Hrinz  Friedrich  wllhelm  udwig.  10.  Hrinz  Friedrich  ilhelm  Waldemar.
        <pb n="158" />
        152  Sweites  Kapitel.

Einführung  einer  konstitutionellen  Derfassung  bezeichnete.  „Keiner  Macht
der  Erde“,  sprach  der  König  mit  Tachdruck  vom  Throne  herab,  „soll  es
gelingen,  mich  zu  bewegen,  das  natürliche,  gerade  bei  uns  durch  seine
innere  Wahrheit  so  mächtig  machende  Derhältnis  zwischen  Fürst  und
Dolk  in  ein  konventionelles,  konstitutionelles  zu  wandeln;  nun  und  nimmermehr
  werde  ich  es  zugeben,  daß  sich  zwischen  unsern  Herr  Gott  im
Himmel  und  dieses  Land  ein  beschriebenes  Blatt,  gleichsam  als  eine
zweite  Vorsehung,  eindränge,  um  uns  mit  seinen  Haragraphen  zu  regieren
und  durch  sie  die  alte  heilige  Treue  zu  ersetzen!“  Aber  die  gereizte
Stimmung,  welche  die  Mehrzahl  der  Abgeordneten  von  vornberein  beherrschte,
  vermochte  er  nicht  zu  beschwören.  Statt  des  Dankes,  auf  den
der  König  ein  Recht  hatte,  sprach  der  Landtag  in  der  Adresse,  durch  die
er  die  Thronrede  beantwortete,  eine  Mahrung  der  Rechte  aus,  wie  sie
sich  aus  den  Edikten  von  1815  und  1820  ergaben.

Dem  Hrinzen  von  Hreußen  fiel  es  zu,  die  Regierung  seines  königlichen
  Bruders  gegen  die  Angriffe  zu  verteidigen,  die  aus  der  Mitte  des
Landtages  sich  gegen  sie  richteten.  Mit  ritterlicher  Selbstverleugnung
hat  er  es  gethan,  unbekümmert  dem  Sturme  politischer  Leidenschaften
sich  aussetzend,  vor  dem  er  selber  erst  kürzlich  gewarnt.

Gleich  in  einer  der  ersten  Sitzungen  der  vereinigten  Kurien  des
Landtages  galt  es  einen  Angriff  abzuwehren,  den  der  Abgeordnete  Hanse—
mann  gegen  die  Räte  der  Krone  richtete.  Diese  hätten,  deutete  er  an,
der  Krone  Erlasse  vorgeschlagen,  wodurch  die  früheren  Rechte  des  Dolkes
gekränkt  würden.  Er  meinte  damit  das  Gesetz  vom  I7.  Januar  1820,
wonach  (§  15)  die  Staatsschulden-Derwaltungsbehörde  verpflichtet  sei,
der  künftigen  reichsständischen  Dersammlung  alljährlich  Zechenschaft
zu  legen.

Sofort  erhob  sich  der  Drinz  von  Hreußen:  „Wir  haben  gehört,  daß
gesagt  worden  ist,  die  vorliegenden  Derordnungen  seien  aus  dem  Mißtrauen
  der  Räte  des  Königs  hervorgegangen.  Vermöge  meiner  Geburt
bin  ich  der  erste  Unterthan  des  Königs,  vermöge  des  Vertrauens  des
Königs  sein  erster  Ratgeber.  Als  solcher  gebe  ich  die  heilige  Versiche—
rung  in  meinem  und  der  übrigen  Ratgeber  Namen  (bei  diesem  Worte
erhoben  sich  die  Minister  von  ihren  Plätzen),  daß  kein  Mißtrauen  einen
von  uns  beschlichen  hat,  als  diese  Verordnungen  über  die  Befugnisse  des
Vereinigten  Landtages  beraten  worden  sind.  Aber  eine  Doraussicht
haben  wir  gehabt,  daß  diese  Derordnungen,  die  zum  Besten  des  Daterlandes
  gegeben  wurden,  Freiheiten  und  Rechte  der  Stände  niemals  auf
Unkosten  der  Rechte  und  Freiheiten  der  Krone  gewähren  sollten.  Das
        <pb n="159" />
        Der  Vereinigte  Landtag.  153

ist  der  Grundsatz,  nach  welchem  ich  an  diesem  Werke  teilgenommen  habe,
und  einen  Vorwurf  des  Mißtrauens  lasse  ich  auf  die  Krone  und  ihre
Räte  nicht  kommen.“

So  sprach  der  Prinz  entschieden,  mit  wenigen  Sätzen,  rund  heraus,
wie  er  es  meinte,  und  was  er  wollte.  Festigkeit  der  Gesinnung,  klare
Verständigkeit,  praktische  Anschauung  kennzeichnete  alles,  was  er  sagte.
Streng  hielt  er  sich  an  den  vorliegenden  Gegenstand,  Abschweifungen
durchaus  vermeidend.  Aber  nicht  häufig,  nur  wenn  es  not  that,  nahm
er  das  Wort,  um  seine  Stellung  zu  der  Frage  darzulegen.

So  erklärte  er  sich  (am  20.  April),  als  über  die  Veräöffentlichung
der  Verhandlungen  des  Landtages  beraten  wurde,  für  die  allgemeine
Veröffentlichung  als  Regel,  wollte  aber,  daß  Persönlichkeiten  von  der
Veröffentlichung  ausgeschlossen  blieben,  und  daß,  wenn  Dinge  zur  Sprache
kämen,  die  man  nicht  veröffentlichen  wolle,  dann  in  geheimer  Sitzung
beraten  werde.  So  verlangte  er  (am  50.  April)  bei  der  Beratung  über
den  herrschenden  Motstand,  als  Graf  Asseburg-Falkenstein  eine  Ermittelung
der  im  Lande  vorhandenen  Körner  und  Kartoffeln  beantragte,  daß  zunächst
  der  vorhandenen  Not  abgeholfen  und  möglichst  bald  ein  Ausfuhrverbot
  erlassen,  der  Antrag  des  Grafen  Asseburg  aber,  um  jetzt  keine
Seit  zu  verlieren,  einer  späteren  Seit  vorbehalten  werde.  So  gab  er
(am  17.  Mai)  in  der  Herrenkurie,  als  Fürst  Lichnowsky  die  Repision
des  Solltarifs  in  Antrag  stellte,  seine  Meinung  dahin  ab,  daß  das  Freihandelssystem,
  das  den  preußischen  Sollverhältnissen  zu  Grunde  liege,
durchaus  beibehalten  werden  müsse.  Habe  es  auch  bisher,  weil  Hreußen
im  Auslande  keine  Reziprozität  gefunden,  nicht  die  erwarteten  günstigen
Folgen  gehabt,  so  könne  jetzt  nur  die  Aufgabe  sein,  einzelne  Artikel,  die
notorisch  litten,  durch  Sölle  zu  schützen;  das  allgemeine  Sollsvstem  dürfe
durch  solche  Ausnahmefälle  nicht  verändert  werden.  So  sprach  er  sich
(am  18.  Mai)  in  der  Herrenkurie,  als  über  die  Reform  der  Hatrimonial-=gerichtsbarkeit
  verhandelt  wurde,  für  die  Notwendigkeit  einer  Reform
aus.  Das  hauptsächlichste  Zedenken  gegen  die  Hatrimonialgerichte  sei,
daß  die  Gutsinsassen  fürchteten,  der  Richter  sei  eine  von  dem  Gutsherrn
abhängige  Derson.  Dem  müsse  durch  eine  kollegialische  Einrichtung  des
Gerichts  abgeholfen  werden.  Gegen  eine  völlige  Aufhebung  der  Hatrimonialgerichte
  dagegen  sei  er  durchaus,  da  durch  sie  ein  sehr  heilsames
Band  zwischen  Gutsherrn  und  Einsassen  bestände.  So  erklärte  er  (am
SI.  Mai)  in  der  Berrenkurie  den  Antrag,  daß  der  Marschall  (Hräsident)
des  Vereinigten  Landtages  die  Hrovinziallandtags-Wlarschälle  der  Hrovinzen
  behufs  der  Wahl  der  Sekretäre  des  Landtages  konsultieren  solle,
        <pb n="160" />
        154  Sweites  Kapitel.

für  unzweckmäßig.  Der  Landtags-Marschall  werde  das  ohnehin  thun;
aber  er  könne  auch  andere  Personen  fragen;  überhaupt  dürften  ihm  keine
von  den  Provinziallandtagen  gewählten  Leute  aufgedrängt  werden.  Und
ebenso  antwortete  er  am  folgenden  Tage  dem  Fürsten  Lichnowskvy,  der
eine  Seitersparnis  für  die  Derhandlungen  des  Landtags  erwartete,  wenn
beide  Kurien  gleichzeitig  dasselbe  bearbeiteten,  daß  die  wahre  Seitersparnis
  darin  beruhe,  wenn  ein  Teil  der  vorliegenden  Arbeiten  der  einen
Kurie,  der  andre  Teil  der  andern  Kurie  zu  gleicher  Seit  gegeben  werde.
Dann  lerne  man  an  den  Erfahrungen  der  andern  Kurie:  was  im  andern
Falle  nicht  möglich  sei.  So  stimmte  er  endlich  (am  4.  Juni)  in  der
Berrenkurie  dem  Antrage  auf  Aufbebung  des  Salzmonopols  durchaus
zu.  Daß  die  Seiten  der  Monopole  vorüber  seien,  sei  keine  Frage.  Es
werde  daher,  nachdem  schon  vor  4  Zahren  die  Steuer  auf  das  Salz  ermäßigt
  worden,  die  Beschränkung  des  Salzmonopols  nach  und  nach  fortgesetzt
  werden;  die  Erreichung  des  Sieles  freilich  müsse  der  Sukunft
überlassen  werden.

Dies  alles  waren  sachliche  Fragen,  zu  denen  der  Orinz  kurz  und
mit  sachlicher  Klarheit  Stellung  nahm.  Allein  die  Debatte  der  Berrenkurie,
  welcher  der  Hrinz  vermöge  seiner  Geburt  selbst  angebörte,  am
8.  Mai  berührte  so  nahe  seine  innersten  Uberzeugungen,  daß  er  in  ihr
nicht  weniger  als  fünfmal  das  Wort  genommen  hat.  So  eröffnet  uns
diese  Debatte  über  die  Standesehre  der  Offiziere  einen  hellen  Einblick
in  das  ganz  persönliche  Smpfinden  und  Denken  des  Drinzen,  wie  keine
Derhandlung  sonst  es  gethan.  Und  dies  persönliche  Moment  —  denn
ist  der  Hrinz  nicht  des  Königs  erster  Offizierd  —  ist  es,  das  ihr  Interesse
und  besondere  Bedeutung  giebt.

Die  Frage  war:  kann  jemand,  der  aus  dem  Gffizierstande  entfernt
worden  ist,  Alitglied  des  Dereinigten  Landtags  seind  Denn  im  Punkte
der  Ehre  nimmt  der  GCffizierstand  eine  Sonderstellung  ein.  Darauf  erwiderte
  der  Hrinz:

„Was  in  bezug  auf  den  exzeptionellen  Stand  der  GOffiziere  gesagt
worden  ist  in  Beziehung  auf  den  Ehrenpunkt:  so  erkenne  ich  vollkommen
an,  daß  der  Gffizierstand  in  dieser  Beziehung  ein  exzeptioneller  ist.  Aber
in  welcher  Art!  Hinsichtlich  des  Ehrenpunktes  nur  insofern,  als  er  die
Ehrenhaftigkeit  als  auf  das  höchste  Stadium  getrieben  darstellt.  Es  fragt
sich  also,  ob  eine  ständische  Dersammlung  sich  damit  begnügt,  ein  Mitglied
  unter  sich  zu  haben,  dem  dieser  höchste  Grad  von  Ehrenhaftigkeit
abgeht.  Meiner  Überzeugung  nach  muß  eine  ständische  Hersammlung,
gerade  so  wie  der  Gffizierstand,  den  höchsten  Grad  der  Ehrenhaftigkeit
        <pb n="161" />
        Der  Vereinigte  Landtag.  155

ihrer  Mitglieder  verlangen.  Darum  behaupte  ich,  gerade  weil  es  einen
Stand  giebt,  der  bereits  durch  seine  Institutionen,  die  Shrengerichte,  zu
dem  höchsten  Stadium  der  Ehre  hingetrieben  wird,  daß  jemand,  der  von
seinen  Standesgenossen  nicht  für  würdig  gefunden  wird,  in  ihrer  Mitte
zu  bleiben,  ein  Mitglied  einer  ständischen  Dersammlung  nicht  sein  kann.“

Nach  den  Worten  des  nächsten  Redners  schienen  noch  Sweifel  über
die  Auffassung  des  Drinzen  zu  bestehen.  Er  hielt  es  daher  für  angemessen,
  sofort  genau  zu  bestimmen,  was  er  gesagt.  „SGur  Erläuterung
dessen,  was  ich  gesagt  habe"  —  betonte  er  —  „erwähne  ich,  daß  ich
ausdrücklich  gesagt  habe:  alle  diejenigen,  die  durch  Shrengerichte  aus
der  Mitte  der  Offiziere  entfernt  worden  sind,  halte  ich  nicht  für  aufnehmbar.
  Daß  die  anderen  Hunkte  noch  nicht  darunter  begriffen  sind,
versteht  sich  von  selbst;  ich  habe  mich  darüber  nicht  ausgesprochen,  weil
diese  Kategorien  noch  nicht  zur  Sprache  gebracht  worden  sind.  Ich  habe
aber  —  die  stenographischen  Aufzeichnungen  werden  das  auch  enthalten  —
gesagt,  daß  der  Offizier,  der  von  seinen  Standesgenossen  aus  ihrer  Mitte
ausgeschlossen  worden  ist,  nicht  Mitglied  einer  ständischen  Dersammlung
sein  kann.  Dies  nur  zur  Erläuterung,  damit  kein  Mißverständnis  über
den  Sinn  meiner  Worte  besteht.“

Die  weitere  Derhandlung  ließ  die  Meinung  des  Hrinzen  als  zu
streng  erscheinen.  Er  zog  dahber  die  Konsequenzen,  die  sich  aus  einer
andern  Ansicht  in  unliebsamster  Weise  ergeben  könnten  und  müßten.

„Ich  will",  sagte  er,  „aus  dem  Vortrage  des  letzten  Redners  eine
Stelle  hervorheben.  Ich  stimme  ganz  darin  bei,  daß  zu  hoffen  sei,  daß
niemals  eine  Kurie  ein  Individuum  in  ihre  Mlitte  aufnehmen  werde,
das  durch  ehrengerichtlichen  Spruch  aus  dem  COffizierstande  entfernt  oder
entlassen  ist.  Wie  gesagt,  diese  Hoffnung  teile  ich  vollkommen;  aber
Roffnungen  sind  keine  Gewißheit.  Ich  stelle  also  die  Frage,  wie  jemand,
der  die  Uniform  trägt,  die  mit  gutem  altpreußischen  Ausdrucke  der  Rock
des  Königs  heißt,  sich  zu  benehmen  hat,  wenn  er  einen  früheren  Kameraden,
  über  den  er  selbst  vielleicht  den  Urteilsspruch  gefällt  hat,  infolgedessen
  er  den  Dienst  hat  verlassen  müssen,  als  Stand  in  der  Dersammlung
  neben  sich  erblickt.  Diese  Frage  stelle  ich  an  jeden  von  Ihnen.
Meine  Herren,  es  sind  viele  unter  Ihnen,  welche  den  Rock  des  Königs
tragen.  Kann  einer  von  uns  mit  einem  solchen  Entlassenen  in  der  ständischen
  Dersammlung  sitzen?“

Durch  den  BZinweis  auf  einen  rehabilitierten  Offizier  schien  die
Frage  immer  noch  verworrener  zu  werden.  Schlagfertig  erhob  sich  der
Drinz,  um  sie  auf  klare  Grundsätze  zurückzuführen.
        <pb n="162" />
        156  Sweites  Kapitel.

„Ich  nehme“,  sprach  er,  „das  Wort  zur  Aufklärung  eines  Faktums,
was  den  Passus  der  Entlassung  aus  dem  Dienste  betrifft.  Die  Entlassung
aus  dem  Dienste  schließt  nicht  aus,  wieder  in  denselben  eintreten  zu
können.  Seine  Wajestät  hat  sehr  vielen  Offizieren,  welche  aus  dem
Dienste  entlassen  worden  waren,  den  Eintritt  als  Gemeine  in  die  Armee
gestattet;  und  ohne  Examen  arbeiten  sie  sich  bei  guter,  ehrenhafter  Auf—
führung  zum  Offizier  herauf.  Sobald  sie  wieder  Offiziere  sind,  ist  die
Schuld  abgethan.  Das  Mitleid,  was  die  Dersammlung  leiten  möchte,
ist  auf  junge  Offiziere  gerichtet,  die  nach  einer  Entlassung  nicht  mehr
wissen,  was  aus  ihnen  werden  soll.  Für  diese  ist  der  Fall  gedacht,  den
ich  anführte,  daß  sie  von  unten  wieder  zu  dienen  anfangen  und  sich  selbst
rehabilitieren.  Was  die  höheren  Offiziere  betrifft,  muß  ich  bemerken,
daß,  solange  ich  die  Ehre  habe  der  Armee  anzugehören,  mir  kein  einziger
Fall  bekannt  ist,  wo  Ehrengerichte  sich  über  den  Leutnantsstand  hinaus
erstreckt  hätten.  Sollte  das  Unglück  sich  ereignen,  daß  höhere  Offiziere
dem  Ehrengerichte  sich  unterwerfen  müssen,  so  gehören  sie  einer  Altersklasse
  an,  wo  man  über  dieselben  ein  festes  Urteil  hat;  und  da  wird
das  Mitleid  kaum  in  Anspruch  genommen  werden.  Weil  diese  Männer
in  vorgerücktem  Alter  sind,  so  bedarf  es  für  solche  nicht  der  Rehabilitation,
  die  bei  jungen  Offizieren  angegeben  ist,  welche  für  einen  Jugend—
streich  gerechte  Strafe  erlitten.  Nun,  glaube  ich,  würde  eine  mildere
Rücksicht  für  diese  darin  liegen,  daß  ausgesprochen  würde:  solange  sie
nicht  auf  irgend  eine  Art  eine  Rehabilitation  sich  erworben  haben,  müssen
sie  von  der  Standschaft  ausgeschlossen  werden.“

Allein  die  Schwierigkeit  der  Frage  lag  zum  Teil  auch  darin,  daß
es  verschiedene  Arten  der  Entlassung  gab.  Der  Kriegsminister  wollte
dies  durch  ein  geschickt  erfundenes  Beispiel  klar  machen;  der  Hrinz  indes
verwarf  die  spitzfindigen  Unterscheidungen:  ihm  kam  es  auf  ein  einheitliches
  klares  Hrinzip  an,  indem  er  auf  die  Kasuistik  des  Kriegsministers
entgegnete:

„Jch  wollte  mir  eine  Bemerkung  erlauben  über  den  Fall,  den  der
Kriegsminister  angeführt  hat,  in  betreff  der  zwei  Brüder,  wovon  der  eine
aus  dem  Dienste  entlassen  und  der  andere  entfernt  worden  ist.  Dieses
Entlassen  und  Entfernen  scheint  mir  sehr  bezeichnend  zu  sein.  Derjenige,
welcher  entfernt  worden  ist,  ist  nicht  wieder  anstellungsfähig  und  hat  seim
perbrechen  dadurch  dokumentiert,  daß  er  die  Dorgesetzten  belogen  hat.
Der  andere  hat  gegen  die  Standesehre  gefeblt  insofern,  als  er  sich  beim
Schlagen  des  Generalmarsches  nicht  zu  seiner  Fahne  gestellt  hat.  Ganz
nackt  hingestellt,  kann  man  fragen,  warum  auch  dieser  nicht  entfernt
        <pb n="163" />
        Der  Vereinigte  Landtag.  157

worden  sei.  Es  kommt  aber  zur  Sprache,  daß  hier  eben  nach  Ansicht
des  Ehrengerichtes  dieser  ehemalige  Offizier  nicht  so  straffällig  ist;  allein
deshalb  wird  keiner  behaupten  wollen,  daß  er  nicht  bescholten  sei.  Daraus,
glaube  ich,  geht  aber  der  Beweis  hervor,  daß  die  Offiziere  im  Ehrengericht
  genau  wissen,  was  ihrem  Ausspruche  folgt,  und  daß  sie  sehr  genau
die  Folgen  abzuwägen  verstehen.  Daß  aber  ein  solcher  bescholten  ist,
kann  keinem  Sweifel  unterliegen.“

Diel  heftiger  indessen  als  in  der  Herrenkurie  wogte  der  Piderstreit
der  Meinungen  in  der  Dreiständekurie  der  Ritter,  BZürger  und  Bauern.
Nicht  an  die  vorliegenden  Aufgaben  hielt  man  sich  hier,  sondern  es  galt
als  Oflicht  der  Dersammlung,  zu  immer  weiteren  Sugeständnissen  die
Krone  zu  drängen.  „Der  Kampf“,  sagte  der  Abgeordnete  Camphausen
in  der  Sitzung  des  1.  Juni,  „den  wir  führen,  bewegt  sich  um  zwei
Dunkte.  Der  erste  Hunkt  ist  der,  daß  nach  Erlassung  eines  Gesetzes  der
Gesetzgeber  an  das  Gesetz  gebunden  sei,  daß  also  jedes  erlassene,  nicht
abgeänderte,  nicht  aufgehobene  Gesetz  den  Gesetzgeber  selbst  wie  jeden
Bürger  im  Staate  verpflichte,  daß  diese  Schranke  der  höchsten  Gewalt,
diese  Grenzlinie,  welche  die  Macht  von  der  Willkür  scheidet,  anerkannt
werde,  daß  jede  nicht  erledigte,  bestimmte  oder  schwankende  Susage  auf
gesetzlichem  Wege  zur  Erledigung  gelange,  daß  jeder  Widerspruch  zwischen
den  bestehenden  Gesetzen  und  der  Wirklichkeit  beseitigt  werde:  das  ist  der
erste  Hunkt,  um  den  wir  kämpfen.  Der  zweite  Hunkt  ist  der,  daß  die
Teilnahme  an  der  Regierungsgewalt,  welche  dem  Dolk  durch  seine  gewählten
  Dertreter  in  Beziehung  auf  die  Angelegenheiten  der  Gesamtheit
eingeräumt  werden  soll,  das  Maß  dieser  Teilnahme  sei  groß  oder  klein,
sie  bestehe  in  Rat  oder  Sustimmung,  innerhalb  der  von  dem  Gesetze  gezogenen
  Grenzen  sein  einheitliches,  unteilbares  und  selbständiges  Recht  sei.
Einheitlich,  also  nicht  auszuüben  von  Hrovinzialständen,  sondern  von
Reichsständen;  unteilbar,  also  nicht  zum  Teil  einer  kleinen  VDersammlung,
zum  Teil  einer  größeren  Dersammlung  zustehend;  selbständig,  also  in  Beziehung
  auf  den  Seitpunkt  der  Teilnahme  nicht  abhängig  von  dem  Belieben
  der  Regierung  oder  von  ihrem  Urteil  über  das  Bedürfnis,  sondern
vorausbestimmt  durch  das  Gesetz."

Wohl  erstand  der  Regierung  ein  mutiger  und  beredter  Dorkämpfer
in  der  Derson  des  jugendlichen  Abgeordneten  der  sächsischen  Ritterschaft,
dem  Deichhauptmann  Otto  von  Bismarck-Schönhausen;  aber  er  reizte
mehr,  als  daß  er  überzeugte.  Die  Majorität  des  Landtags  hielt  ihre
Darteitaktik  fest.  Sie  meinte  durch  geschlossenen  Widerstand  den  König
zur  Nachgiebigkeit  bestimmen  zu  können.  Sie  lehnte  daher  die  Uber-
        <pb n="164" />
        158  Sweites  Kapitel.

nahme  einer  Ginsgarantie  des  Staates  für  Rentenbanken  ab,  welche  den
Bauern  die  Ablösung  von  Fronden  und  Tasten  erleichtern  sollten.  Sie
versagte  ihre  Sustimmung  zu  einer  Anleihe  zum  Bau  einer  ESisenbahn
von  Berlin  nach  Königsberg.  Und  doch  waren  beides  Anträge,  die  sachlich
  ebenso  segensreich  waren,  wie  sie  den  allgemeinen  Wünschen  entsprachen.
  Aber  die  Harteidoktrin  galt  über  alles.  Ein  gedeihliches  Susammenwirken
  mit  der  Regierung  war  von  einer  solchen  Gesinnung  nicht
zu  erwarten.  Enttäuscht  und  verstimmt  verließ  daber  der  König  Berlin
und  ließ  am  26.  Juni  1847  durch  den  Minister  von  Bodelschwingh  den
Dereinigten  Landtag  schließen.

Wohl  bleibt  es  des  Königs  unsterbliches  Derdienst,  die  weitere  Ausbildung
  der  ständischen  Dertretung  in  Dreußen  angebahnt  zu  haben.  Er
behielt  auch  die  Weiterentwickelung  der  Institution  im  Auge,  nur  daß
jegliche  Zeschränkung  der  altererbten  Rechte  der  Krone  lediglich  der  Entsagung
  seines  freien  Entschlusses  entstammen  sollte.  Aber  von  außen
angesehen,  war  doch  der  Verlauf  des  Landtages  für  den  König  ein  Fehlschlag.
  Sum  erstenmal  waren  in  Deutschland  die  Geister  auf  einer
wirklich  bedeutenden  Bühne  aufeinander  getroffen.  Vor  Preußen,  ja  vor
ganz  Deutschland  sprachen  bei  der  völligen  Gffentlichkeit  der  Verhand—
lungen  die  Redner;  um  Grundsätze  ging  der  Kampf.  Und  das  war  der
Erfolg,  daß  der  König  in  den  völlig  unverdienten  Ruf  kam,  ein  starrer
Absolutist  zu.  sein,  daß  die  Koffnungen,  welche  man  in  Deutschland  für
eine  bessere  Gestaltung  der  Dinge  auf  Hreußen  gesetzt  hatte,  in  nichts
zerwehten.  Das  Ansehen  des  Rönigtums  war  geschädigt,  die  Geltung
Dreußens  in  Deutschland  gesunken,  während  eine  zunehmende  Erregung
der  Gemüter  bis  in  die  fernsten  Kreise  getragen  war.

Am  2.  April  1848  trat  der  Dereinigte  Landtag  noch  einmal  zu
kurzer  Tagung  zusammen.  An  seinen  Derhandlungen  aber  hat  damals
der  Drinz  von  Hreußen  nicht  teilgenommen.
        <pb n="165" />
        Drittes  Kapitel.
1848.

Seit  dem  Tode  des  Herzogs  Karl  von  Mecklenburg,  dem  22.  September
  1837,  führte  der  Drinz  von  Preußen  das  Kommando  des  Gardecorps,
  anfangs  interimistisch,  bis  er  am  50.  März  1858  zum  kommandierenden
  General  des  Gardecorps  selbst  ernannt  wurde.  Ein  Jahrzehnt  war
seitdem  vergangen,  als  der  König  ihm  einen  Wirkungskreis  anwies,  der
in  ganz  besonderem  Maße  des  Hrinzen  Besonnenheit  und  Energie  erforderte:
  am  10.  März  1848  ernannte  er  ihn  zum  Generalgouverneur
der  Rheinprovinz  und  Westfalens.  Infolgedessen  übergab  der  Drinz  das
Kommando  des  Gardecorps  dem  ältesten  Generale  desselben,  dem  Generalleutnant
  von  Hrittwitz,  und  nahm  von  dem  solange  geführten  Corps
in  Berlin  und  Hotsdam  in  den  nächsten  Tagen  Abschied,  von  den  Mannschaften
  der  Regimenter  in  den  Kasernen,  von  den  Gffizieren  mittags
auf  der  Harade.  Nicht  leicht  wurde  es  ihm,  aus  der  altvertrauten
Stellung  zu  den  Musterregimentern  der  preußischen  Armee  zu  scheiden.
Mit  ernsten  Worten  ermahnte  er  die  Soldaten  bei  den  aufgeregten,  gefahrdroljenden
  Herhältnissen  ringsum  zu  verdoppelter  Anstrengung,  zu
männlicher  Festigkeit,  zu  unerschütterlicher  Treue,  zu  kräftigem  Widerstand
gegen  alle  Derlockungen,  die  ihnen  die  fieberhaft  erregte  Seit  bieten  würde.

Und  fürwahr,  an  solchen  Herlockungen  fehlte  es  nicht.  Der  Rückgang
  der  deutschen  Industrie,  die  sich  fortwährend  wiederholenden  Lohnherabsetzungen
  hatten  in  den  Fabrikbezirken  die  Arbeiter  in  eine  Lage
gebracht,  die  nur  schwer  erträglich  war.  Die  Maßregeln  der  Regierungen
verschlugen  nichts  dagegen,  so  daß  die  Arbeiter  sich  in  die  Einbildung
hinein  gewöhnten,  in  den  Regierungen  ihren  übelwollenden  Widersacher
zu  sehen.  Dazu  kam  die  schlechte  Ernte  des  Jahres  1847  und  noch
mehr  die  weite  Striche  verheerende  Kartoffelkrankheit,  um  die  Mot  und
die  Mißstimmung  der  Arbeiter  zu  steigern.  Dieser  AMlibstimmung  nun
bemächtigten  sich  die  Radikalen;  denn  sie  hofften  durch  die  Fäuste  der
        <pb n="166" />
        160  Drittes  Kapitel.

Arbeitermassen  ihre  revolutionären  Ideen  verwirklichen  zu  können.  Be—
seitigung  der  Fürsten  und  der  Regierungen,  Umgestaltung  Deutschlands
nach  dem  Muster  der  Vereinigten  Staaten  von  Amerika  war  ihr  Ziel.
Mit  der  Miene  von  ehrlichen  Volksfreunden  klärten  sie  die  Arbeiter  über
die  Rechte  auf,  die  ihnen  vorenthalten  würden,  über  die  Selbstsucht  der
Besitzenden,  über  die  Parteilichkeit  der  Regierungen,  über  die  dem
Arbeiterstande  innewohnende  Macht,  nicht  um  den  Arbeitern  zu  helfen,
sondern  um  sich  aus  ihnen  eine  Armee  zu  bilden,  fähig  und  entschlossen,
die  Siele  ihrer  Führer  zu  verwirklichen.  Die  Arbeiter  aber  folgten
willig  der  so  sich  ihnen  bietenden  Führung;  sie  verlangten  nur  Befreiung
aus  ihrer  drückenden  Lebenslage,  es  sei,  wodurch  es  sei.

In  Frankreich  war  die  Erregung  schon  1846  zum  Ausbruche  gekommen.
  Die  Mißernte  dieses  Jahres  steigerte  die  Not  ins  unerträgliche;
  bald  stand  das  ganze  mittlere  Frankreich  in  hellem  Aufruhr.  Die
Spritzwellen  dieser  Zewegung  schlugen  über  den  Rhein.  1847  kam  es
bier  zu  tumultuarischen  Unruhen  gemeingefährlichen  Tharakters.  Rasch
breiteten  sie  sich  weiter  aus,  als  die  Nachricht  von  dem  Sturze  Ludwig
Philipps,  von  dem  Siege  der  Revolution  in  Haris  über  den  Rhein  kam.
Mit  achdruck  galt  es  der  Gefahr  zu  begegnen.  Auf  den  15.  März
hatte  der  neuernannte  Generalgouverneur  seine  Abreise  nach  Köln  festgesetzt.

Inzwischen  aber  nahmen  die  Dinge  in  Berlin  selbst  eine  Gestalt  an,
daß  der  Prinz  von  Preußen  seine  Abreise  zu  vertagen  für  gut  befand.
Auf  Berlin  hatte  das  revolutionäre  Agitationskomitee,  das  sich  in  Paris
gebildet  hatte,  hauptsächlich  sein  Absehen  gerichtet.  Aber  auch  den  deutschen
  Radikalen  —  Demokraten,  wie  man  sagte  —  war  Berlin  die  Entscheidung.
  Denn  in  Preußen  sahen  sie  mit  Recht  ihren  gefährlichsten
Gegner:  war  doch  Preußen  nicht  bloß  innerlich  stärker,  sondern  auch
mehr  zu  verständigen  Reformen  geneigt,  als  Esterreich,  die  deutsche  Dormacht.
  So  strömten  denn  in  ganzen  Scharen  die  Radikalen,  zumal
Rheinländer  und  Polen,  nach  Berlin.  Aufregende  Dolksversammlungen,
an  deren  Beschlüssen  Tausende  sich  berauschten,  wurden  gehalten.  In
wenigen  Tagen  vernichteten  die  Unruhen  die  Lebensexistenz  zahlloser
Familien  und  schufen  den  gleißenden  Führern  rasch  eine  wild  entschlossene
Armee.  Am  15.  März  wurde  der  Bau  einer  Barrikade  versucht,  und
am  16.  Alärz  kam  es  schon  zu  einem  blutigen  Susammenstoß  des  Militärs
mit  den  tumultuarischen  Dolkshaufen.  Es  mußte  etwas  Entscheidendes  geschehen.
  Da  faßte  der  König,  der  das  volle  Derständnis  der  neuen  Geit
für  sich  in  Anspruch  nahm,  den  Entschluß,  sich  selbst  an  die  Spitze  der
Bewegung  zu  stellen,  damit  durch  Hreußen  die  notwendige  Teugestaltung
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Beitbild  aus  dem  Jahre  1848.

Maiser  Wilhelm.  11
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        162  Drittes  Kapitel.

Deutschlands  vollzogen  würde.  Wohl  erkannte  er,  daß  die  Konsequenz
dieser  Gedanken  die  innere  Neugestaltung  Preußens  auf  liberaler  Grund—
lage  sein  müßte.  Zu  dem  Zwecke  schien  es  nötig,  den  Vereinigten  Cand—
tag  sobald  wie  möglich  einzuberufen.  Und  in  dem  Einberufungspatent
gedachte  er  sofort  seine  Hläne  für  die  Txeugestaltung  Dreußens  und
Deutschlands  dem  preußischen  Volke  darzulegen.  Diesen  Gedanken  stimmte
der  Prinz  von  Preußen,  sowie  die  in  Berlin  anwesenden  elf  Minister  zu;
das  Patent  wurde  in  diesem  Sinne  entworfen  und  am  Morgen  des
18.  März  von  dem  Könige,  dem  Prinzen  von  Hreußen  und  den  Mini—
stern  unterzeichnet.  Ohne  Verzug  wurde  es  dann  in  die  Druckerei  geschickt,
um  so  bald  wie  nur  möglich  veröffentlicht  zu  werden.  Das  war  ein  so
entschiedener  Wechsel  des  Syvstems,  daß  ein  Wechsel  des  Ministeriums  unerläßlich
  wurde.  An  Stelle  des  Hrinzen  von  Hreußen  trug  der  Uönig
den  Dorsitz  im  Kabinett  dem  Grafen  Arnim-Boitzenburg  an;  die  Mitglieder
  desselben  wurden  aus  den  hervorragendsten  Führern  der  TLinken
des  Dereinigten  Landtages  gewählt.

Aus  HKöln  war  eine  Deputation  in  Berlin  erschienen,  um  dem  Könige
die  Beschwerden  und  Bitten  der  Rheinlande  vorzutragen.  In  Gegenwart
  des  Hrinzen  von  Hreußen  empfing  er  sie  am  Dormittage  des
18.  März.  Er  konnte  ihr  die  GSusicherung  geben,  daß  ihre  Wünsche  mit
seinen  eigenen  Absichten  übereinstimmten;  in  drei  Stunden  würden  sie
seine  Erklärungen  gedruckt  mitnehmen  können.

Der  Vorgang  und  der  Erfolg  der  Kölner  machten  großes  Aufsehen.
JZetzt  entsandten  auch  die  im  RKathause  versammelten  städtischen  Behörden
Berlins  eine  Deputation  an  den  König,  welche  die  gleichen  SGusagen
zurückbrachte.  Das  versetzte  alle  im  Zathause  Anwesenden  in  die  freudigste
  Aufregung.  Sie  zogen  nach  dem  Schloßplatze  —  Tausende
schlossen  sich  an  —  und  brachten  dem  Könige  durch  ein  Lebehoch  den
Dank  des  Dolkes  dar.  Und  vollends  wurde  die  Stimmung  begeistert,  als
um  halb  zwei  Uhr  ein  Extrablatt  der  „Allgemeinen  Hreußischen  Seitung“
das  Datent  des  Königs,  das  eine  „  konstitutionelle“  Derfassung  Dreußens
und  Reform  des  Deutschen  Bundes  verhieß,  zugleich  mit  dem  Erlasse  des
Königs  brachte,  durch  den  er  Preßfreiheit  gewährte.  Jubel  erfüllte  den
ganzen  weiten  Hlatz,  bis  die  freudig  erregten  Tausende  sich  zerstreuten,
um  die  frohe  Kunde  weiter  zu  tragen.

Fast  noch  hätte  die  Reform  die  Revolte  überholt:  wären  die  Datente
des  Königs  nur  um  einen  Tag  früher  erschienen,  so  daß  sie  Seit  hatten,
in  der  weiten  Stadt  bekannt  zu  werden,  so  wären  die  traurigen  März—
kämpfe  Hreußen  erspart  geblieben.  Die  revolutionär  gesinnten  Führer
        <pb n="169" />
        Das  Jahr  1848.  163

und  Hetzer  der  Dolksmassen,  die  Aufwiegler,  welche  nach  Berlin  gekommen
  waren,  um  hier  einen  Aufstand  zu  entfachen,  hatten  am  Abend  vor—
her  in  den  Stadtbezirken  den  Antrag  durchgebracht,  daß  die  Anwesenden
am  18.  März  um  1  Uhr  mittags  nach  dem  Schloßplatze  ziehen  sollten,
um  von  dem  Könige  Bewaffnung  der  Bürgerschaft  und  Entfernung  des
Militärs  zu  verlangen.  Dementsprechend  füllte  sich  der  leer  werdende
Schloßplatz  sehr  schnell  wieder  mit  Arbeitern  und  Bandwerksgesellen.
Ein  unruhiges  Drängen  und  Wogen  in  der  dicht  gescharten  Menge  begann,
  so  daß  ein  Sug  Dragoner  von  der  Stechbahn,  zwei  Kompanien
des  Kaiser  Franz-Regiments  aus  den  Hortalen  des  Schlosses  vorrückten,
um  den  Platz  langsam  zu  räumen.  Da  fiel  ein  Schuß  von  der  Königsstraße
  her:  das  war  das  Signal.  Ein  Mann  in  einem  hohen  weißen
Filzlute  hatte  ihn  abgefeuert.  Niemand  kannte  ihn;  wahrscheinlich  war
es  einer  der  fünf  Sendlinge  des  Hariser  Agitationskomitees.  Hfeifend  und
schreiend  drängte  die  Masse  über  die  Kurfürstenbrücke  vor.  In  dem  Gedränge
  gingen  zwei  Grenadieren  die  Gewehre  los.  Niemand  war  verletzt;
die  Kugeln  waren  in  die  Luft  gegangen.  Allein  ein  wildes  Geschrei  erhob
sich;  die  Akenge  stob  auseinander,  und  alles  rief  nach  Waffen.  An  den
Straßenzugängen  wurden  Barrikaden  errichtet,  und  geängstigt  schlossen  die
Bürger  die  Hausthüren,  die  Kaufleute  ihre  Läden.  Die  Betzereien  hatten
ihre  Wirkung  gethan:  die  tobenden  Rotten  erboben  zum  Kampfe  die  Faust.

Den  Gberbefehl  über  die  in  Berlin  anwesenden  Truppen  führte
der  Generalleutnant  von  Hrittwitz.  Es  waren  nicht  mehr  als  14  250
Mann  mit  56  Geschützen.  Alsbald  ging  er  zum  Angriffe  vor:  Barrikade
um  Barrikade  wurde  erstürmt;  denn  wo  die  Truppen  angriffen,  siegten
sie  auch.  Aber  doch  vermochten  sie  nur  langsam  vorzudringen,  nicht  als
ob  sie  so  tapferen  Widerstand  gefunden  hätten,  sondern  weil  der  König,
in  seinem  Herzen  tief  betrübt  über  den  unseligen  Kampf,  sich  nur  mit
größtem  Widerstreben  dazu  entschließen  konnte,  wenn  eine  Hosition  genommen
  war,  den  Befehl  zu  weiterem  Vorrücken  der  Truppen  zu  geben.
Denn  immer  wieder  hoffte  er,  durch  friedliche  Mittel  den  „traurigsten
Kampf“  zu  beendigen,  das  unbegreifliche  „Mißverständnis“  aufzuklären.
Er  konnte  es  nicht  fassen,  daß  die,  die  ihm  eben  noch  zugejubelt  und
Lebehochs  dargebracht,  jetzt  auf  den  Barrikaden  gegen  ihn  ständen:  ein
Irrtum,  so  groß,  wie  er  nur  gedacht  werden  kann,  der  freilich  das  Thun
des  Königs  erklärlich  macht.  Aufgehellt  haben  ihn  auch  erst  die  Totenlisten
  des  Barrikadenkampfes,  aus  denen  sich  ergiebt,  daß  fast  nichts  wie
arbeitslose  Kandwerksgesellen,  Arbeiter  und  fremder  Suzug  auf  den

Barrikaden  gekämpft  haben.
11*
        <pb n="170" />
        164  Drittes  Kapitel.

Gegen  Mitternacht  hatte  Hrittwitz  die  revolutionären  Scharen  nach
jeder  Richtung  etwa  5  Kilometer  vom  königlichen  Schlosse  zurückgetrieben.
Jetzt  befabl  der  König,  der  die  ganze  Nacht  wach  blieb,  inne  zu
halten  und,  wenn  die  Truppen  etwa  angegriffen  würden,  sich  damit  zu
begnügen,  die  Angriffe  nur  abzuwehren.  Aber  die  Aufrührer  wagten,
durch  die  handgreifliche  Erfolglosigkeit  entmutigt,  weder  in  der  VNacht
noch  am  WMorgen  des  10.  März  einen  Angriff  mehr.  Das  machte  den
besonneneren  Bürgern  Mut,  jetzt  endlich  für  die  Grdnung  einzutreten:  an
mehreren  Stellen  begannen  sie  den  Aufrührern  zum  Trotze  die  Barrikaden
abzutragen.  Das  machte  auf  den  Rönig  einen  tiefen  Eindruck.  Sben
noch  hatte  er  in  der  Droklamation  „an  Meine  lieben  Berliner“,  die  er
in  der  Nacht  geschrieben  hatte,  den  Rückzug  der  Truppen  zugesichert,
sobald  die  Barrikaden  weggeräumt  würden.  So  hatte  er  auch  den
Deputationen  geantwortet,  die  fort  und  fort  zu  ihm  kamen.  Jetzt  sah  er
den  guten  Geist  in  der  Bürgerschaft  wieder  erwachen  —  und  eindringlich
  riet  der  tags  zuvor  zum  Ministerpräsidenten  ernannte  Graf  Arnim-Boitzenburg,
  durch  die  Surückziehung  der  Truppen  jetzt  die  aufgeregten
Gemüter  zu  versöhnen.  Mit  ganzem  Nachdruck  sprach  der  Drinz  von
Dreußen  dagegen,  durch  übereilten  Rückzug  den  Revolutionären  nicht
das  Gefühl,  gesiegt  zu  haben,  aufzudrängen;  auch  General  von  Orittwitz
war  mit  Entschiedenheit  gegen  den  Gedanken:  aber  erschöpft,  wie  der
König  war,  ließ  er  sich  fast  wider  seinen  Willen  den  Befebl  zum  Rückzuge
  durch  Graf  Arnim  entreißen.

Das  verhängnisvolle  Wort  war  so  gesprochen.  Der  Hrinz  begab
sich  in  das  TMebenzimmer,  in  welchem  die  Adjutanten  des  König  sich
aufhielten.  Unmutig  warf  er,  ohne  ein  Wort  zu  sprechen,  seinen  Degen
auf  den  Tisch  und  ordnete  dann  in  Übereinstimmung  mit  ODrittwitz  an,
daß  der  Rückzug  der  Truppen  nach  dem  Schlosse  zu  erfolge.  Don
hier  indes  ließ  Hrittwitz  sie  nach  einer  halben  Stunde  in  ihre  Kasernen
abrücken.  Mit  höhnischem  Gejohle  begleitete  sie  der  Döbel,  so  daß
Drittwitz  bei  der  weiten  Entfernung,  in  der  die  Kasernen  voneinander
lagen,  um  die  Sicherheit  der  Truppen  besorgt  wurde  und  auf  eigene
Derantwortung,  um  allen  Eoventualitäten  vorzubeugen,  mit  klingendem
Spiele  sie  aus  der  Stadt  abmarschieren  ließ.  Denn  sein  Gedanke  war,
durch  eine  Blockade  und  Beschießung  von  außen,  wenn  es  nötig  sein
sollte,  Zerlin  zur  völligen  Ergebung  zu  zwingen.  Man  meldete  dem
Könige  den  Abzug  der  Truppen:  in  schmerzlicher  Überraschung,  als
stellten  sogleich  seinem  Geiste  die  Folgen  sich  dar,  sank  er  kraftlos  auf
einen  Stuhl.
        <pb n="171" />
        Das  Jahr  1848.  165

Moch  immer  tief  aufgeregt  war  die  Hauptstadt.  Als  Siegerin  fühlte
sich  die  Revolution.  Wer  irgend  gegen  sie  gewesen,  den  denunzierten  die
Hetzer  als  „Verräter“  den  aufrührerischen  Haufen  und  leiteten  diese  an,
wenigstens  das  Eigentum  der  Volksfeinde  zu  verwüsten.  Wilder  aber
wurde  gegen  niemand  der  Haß  geschürt,  als  gegen  den  Prinzen  von
Preußen,  dessen  mannhaften  und  energischen  Sinn  die  Hetzer  vor  allem
fürchteten.  Am  Vormittage  des  20.  März  umtobte  eine  wüste  Rotte  sein
Palais  in  Berlin.  Der  Bürgerwehrposten  vor  dem  Eingange  verzog  sich,
und  einige  freche  Schreier  schlugen  unter  zustimmendem  Gejohle  der

Rettung  des  Palais  des  Prinzen  von  Prerußen  am  20.  März  1848.

Menge  vor,  Feuer  an  das  Halais  zu  legen.  Wirkungslos  verhallten
die  Mahnungen  einiger  besonnener  Männer,  die  auf  die  große  Gefahr
hinwiesen,  welche  dadurch  der  anstoßenden  Königlichen  Bibliothek  und
ihren  unersetzlichen  Schätzen  drohe.  Schon  nahte  —  erzählt  Georg  Hiltl
als  Augenzeuge  —  vom  Cpernplatz  her  ein  mit  Fackeln  versehener  Sug,
zwei  Kerle  voran,  die  Anweisung  gaben,  wie  das  Halais  in  Brand  zu
stecken  sei.  Da  stieg,  ohne  auf  das  wüste  Toben  zu  achten,  ein  schlichter
Bürgersmann,  Farbentopf  und  Oinsel  in  der  Hand,  auf  einer  kleinen
Stehleiter  empor  und  malte  rechts  und  links  von  der  Auffahrtsrampe
das  Wort  „National-Eigentum“  auf  die  Wand  des  Halais.  Tiemand
        <pb n="172" />
        166  Drittes  Kapitel.

störte  ihn.  Ruhig  stieg  er  wieder  von  der  Leiter  herunter.  „Bravo!“
riefen  einige  der  Bessergesinnten  und  klatschten  nachdrücklich  ihm  Beifall.
Das  wirkte:  Die  eben  noch  wild  schreiende  Menge  stimmte  mit  ein  —
und  das  Palais  war  gerettet.

Indessen  dem  Prinzen  selbst  glaubten  seine  Freunde  doch  raten
zu  müssen,  wegen  der  großen  gegen  ihn  herrschenden  Aufregung  Berlin
zu  verlassen.  Denn  er  allein  sollte  das  Blutvergießen  vom  18.  März
veranlaßt  haben.  Konnte  eine  Beschuldigung  unsinniger  seind  Aber  wer
fragte  damals  nach  Beweisend  Der  Prinz  begab  sich  nach  Spandau  und
von  dort  nach  der  Pfauen-Insel,  wo  er  den  20.  und  21.  März  in  stiller
Surückgezogenheit  zubrachte.  Seine  Abreise  aber  wurde  nun  wieder  von
den  haßerfüllten  Demokraten  als  eine  Bestätigung  seiner  volksfeindlichen
Absichten  geflissentlich  ausgelegt  und  das  Gerücht  verbreitet,  daß  unter
der  Führung  des  Hrinzen  eine  große  Heeresabteilung  gegen  Berlin
heranrücke.  So  grundlos  es  auch  war,  so  wurde  es  doch  geglaubt  und
steigerte  die  Erregung  gegen  den  Hrinzen  zu  wahrer  Fieberbitze.  Sur
Beruhigung  der  Bevölkerung  glaubten  daher  die  neuernannten  Minister
dem  Könige  den  Wunsch  ausdrücken  zu  müssen,  daß  der  Prinz  eine  Zeise
ins  Ausland  unternehmen  möchte.

Der  König  entsprach  diesem  Wunsche  und  sandte  dem  Hrinzen  eine
mündliche  Weisung.  Alllein  dieser  lehnte  es  ab,  auf  mündliche  Weisung
hin  Hreußen  zu  verlassen:  nur  einem  ausdrücklichen  schriftlichen  Befehle
des  Königs  werde  er  sich  fügen.  So  richtete  der  König  denn  ein  eigenhändiges
  RKandschreiben  an  ihn,  in  dem  er  ihm  den  Auftrag  erteilte,  sich
nach  Rußland  zu  begeben,  um  dem  befreundeten  russischen  Rofe  Aufklärung
über  die  Ereignisse  in  Berlin  zu  geben.  Allein  war  nicht  zu  erwarten,
daß,  wenn  dies  bekannt  würde,  es  die  Erregung  gegen  den  Hrinzen  nur
noch  steigern  würded  Denn  kein  Land  war  den  Wlachthabern  des  Tages
so  verhaßt  wie  Rußland  und  so  gefürchtet.  Indessen  nach  einigen  Tagen
schon  brachten,  dem  Mißtrauen  begegnend,  die  Seitungen  amtlich  die
Nachricht  von  der  Abreise  des  Prinzen  nach  London.  Das  wirkte  günstig
und  bestätigte  sich  auch  bald  als  wahr.

Seit  Jahren  war  der  Drinz  von  Dreußen  mit  dem  Freiberrn  Karl
von  Dincke  befreundet,  der,  aus  dem  aktiven  Militärdienste  ausgeschieden,
auf  seiner  schlesischen  Besitzung  GElbendorf  sich  mit  politischer  Schriftstellerei
  beschäftigte,  liberal  seiner  Gesinnung  nach  und  mit  offenem  Auge
den  Forderungen  der  Seit  zugewendet.  Durch  persönlichen  wie  brieflichen
Derkehr  stand  er  dem  Hrinzen  nahe.  In  der  Abschiedsstunde  hatte  er
den  Hrinzen  mit  unauffälliger  Sivilkleidung  versehen.  Dann  suchte  er
        <pb n="173" />
        Das  Jahr  1848.  167

ihn  auf  der  Pfauen-Insel  auf  und  bewog  ihn  zu  dem  Enstschlusse,  nicht
nach  Rußland,  sondern  nach  England  zu  gehen,  falls  der  König  zustimme.
So  begab  sich  denn  Vincke  nach  Berlin,  gewann  die  Zustimmung  des
Königs  und  begleitete  nun  den  Prinzen  an  dessen  Geburtstage  von  der
stillen  Insel  nach  Hamburg.  Hier  zu  dem  Getreuen  war  es  dem  Prinzen
in  diesem  Momente,  wo  er  sich  anschickte,  das  Vaterland  zu  verlassen,
Bedürfnis,  sich  rückhaltslos  über  seine  Stellung  zu  den  Fragen  der  Seit
auszusprechen.  Es  war  eine  denkwürdige  Unterredung.  In  sichtlicher
Bewegung  betonte  der  Prinz,  wie  er  stets  nach  seiner  innigsten  Über—
zeugung  und  seinem  Pflichtgefühle  gehandelt  habe,  daß  er  aber  vollkommen
anerkenne,  daß  die  Seit  eine  andere,  daß  das  alte  System  unmöglich  geworden,
  daß  er  offen  und  ehrlich  allem  dem  beitreten  würde,  was  der
König  im  Znteresse  der  Dolksfreiheit,  der  neuen  Seit  thun  und  vereinbaren
  würde.  Dies  sei  er  bereit  bei  geeigneter  Gelegenheit  auch  äffentlich
  auszusprechen.  Sein  Wunsch  sei,  an  diesem  neuen  erke  mitzuarbeiten,
  und  sein  Vorsatz,  an  dem  Neuen  dann  ebenso  festzuhalten,  wie
er  das  Alte  verteidigt.  Dincke  erinnerte  an  das  Gerücht,  daß  dem  Hrinzen
die  Absicht  zuschriebe,  mit  Waffengewalt  die  alte  Ordnung  der  Dinge
wiederhberzustellen.  Allein  mit  lebhaftem  Unwillen  wies  der  Hrinz  den
Gedanken  zurück,  daß  er  jemals  gleich  den  Stuarts  oder  den  Bourbons
die  Waffen  gegen  sein  Daterland  führen  oder  fremde  Mächte  dazu  aufmuntern
  könne.  Und  Dincke  schied  mit  dem  Sindrucke,  daß  der  Hrinz,
nachdem  er  mit  gewohntem  Fleiß  die  neue  Derfassung  und  das  neue
Derhältnis  des  konstitutionellen  Königtums  aufgefaßt  habe,  in  seiner
ganzen  Gewissenhaftigkeit  der  kräftigste,  sicherste  Träger  desselben
sein  werde.

Gleich  nach  dieser  Unterredung,  die  klar  zeigt,  daß  die  Einsicht  von
der  Motwendigkeit  der  konstitutionellen  Regierungsform  für  die  neue
Seit  aus  eigener  stiller  Erwägung,  nicht  erst  infolge  seines  Aufenthaltes
in  England  dem  Hrinzen  geworden,  verließ  er  den  Boden  Deutschlands.
In  Begleitung  seines  Flügeladjutanten,  des  Majors  Glrichs,  schiffte  er
sich  an  Bord  des  englischen  Dampfers  John  Bull  am  25.  März  ein  und
langte  in  der  Morgenfrühe  des  27.  in  London  an.  Die  Uberraschung
in  Carlton  Zouse  Terrace,  dem  Hotel  der  preußischen  Gesandtschaft,  war
groß,  als,  ohne  angemeldet  zu  sein,  der  Hrinz  vorfuhr.  Schnell  ließ
indes  Zunsen,  der  Gesandte,  einige  Simmer  zur  Wohnung  für  den
Drinzen  einrichten.  An  dem  gemeinsamen  Lunch  der  Familie  nahm  der
Drinz  teil.  Den  hohen  Gast  zu  ehren,  setzte  Frances  von  BZunsen,  die
Tochter  des  Gesandten,  selbst  ihm  einen  eleganten  Armsessel  an  die  Mitte
        <pb n="174" />
        168  Drittes  Kapitel.

der  Tafel.  Aber  lächelnd  stellte  der  Drinz  den  Sessel  zurück  und  nahm
sich  einen  einfachen  Stuhl.  „Man  muß  jetzt“,  sagte  er  heiter,  „Demut
üben;  denn  die  Throne  wackeln.“  Überhaupt  erkannten  alle  mit  Bewunderung,
  daß  die  männliche  Beiterkeit,  die  huldvolle  Güte,  die  freundliche
  Rücksicht  auf  das  Behagen  anderer,  die  von  je  dem  OHrinzen  eigen
gewesen  waren,  in  nichts  durch  die  trüben  Erfahrungen  der  letzten  Tage
überschattet  wurden.  Mit  männlicher  Ruhe  und  in  sich  gefaßter  Würde
nahm  er  auch  auf,  was  die  Seitungen  fast  täglich  von  betrübenden
Meldungen  oder  auch  gehässigen  Angriffen  brachten.

Alsbald  machte  der  Hrinz  der  Königin  Dictoria  und  dem  Orinz-Gemahl
  Albert  in  Buckingham-Halast  seinen  Besuch  und  empfing  die
Gegenbesuche  der  königlichen  Familie  und  des  Hofes.  Auch  der  greise
Feldmarschall  Herzog  von  ellington  machte  in  der  Uniform  eines
preußischen  Generals  ihm  die  Aufwartung.

Am  Sonntage  besuchte  er  den  evangelischen  Gottesdienst  in  der
Savoy-Kirche.  Als  er  in  die  Kirche  eintrat,  überreichte  ihm  der  Küster
das  Gesangbuch  und  zeigte  ihm  den  Vers,  der  gesungen  wurde.  Es

war  der  3.  Ders  von  Nr.  500  des  hannöverschen  Kirchengesangbuches:

Da  siehst  du  Gottes  Herz,
Das  kann  dir  nichts  versagen,
Sein  Mund,  sein  teures  Wort
Dertreibt  ja  alles  Sagen.
Was  dir  unmöglich  dünkt,
Kann  seine  Haterhand

Noch  geben,  die  von  dir
Schon  viele  Not  gewandt.

Mit  wunderbarer  Gewalt  ergriff  das  trostreiche  Wort  das  Herz  des
Drinzen:  gerade  zu  ihm  schien  es  ihm  gesprochen.  Er  ließ  sich  das  unscheinbare
  Zuch  geben  und  hat  es  zum  Gedächtnis  der  Suversicht,  die  es
in  ihm  gestärkt,  treu  aufbewahrt.  Auf  seinem  Schreibtische  in  Babelsberg
  hat  gar  mancher  es  liegen  sehen  und  vielleicht  auch  die  Worte  gelesen,
  die  der  Drinz  neben  den  Ders  geschrieben  hat:  „Bei  meinem
ersten  Besuche  des  Gottesdienstes  in  der  Savoy-Kirche  zu  London  am
2.  April  1848  gesungen.“

Die  Staatsmänner  Englands  und  die  ganze  hohe  Aristokratie  wetteiferten
  miteinander,  dem  Hrinzen  ihre  Zuldigungen  darzubringen.  Ihm
zu  Ehren  gab  Lord  Halmerston  am  2.  April  ein  glänzendes  Fest.  Der
Herzog  von  Devonfhire  folgte,  dann  Wellington,  Lord  Hardinge  u.  a.
Die  COsterwoche  verlebte  der  Hrinz  in  Strathfieldsavp,  dem  Landsitze  des
Herzog  von  ellington.  Im  April  besuchte  er  auch  die  Insel  Wight.
        <pb n="175" />
        Das  Jahr  1848.  169

Mit  besonderer  Herzlichkeit  aber  wurde  der  Verkehr  mit  dem  Prinz—
Gemahl  wieder  aufgenommen  und  bestärkte  den  Hrinzen  in  seiner  über—
zeugung,  daß  Preußen  unumwunden  und  offen  in  die  Bahn  der  konstitu—
tionellen  Staatsform  einlenken  müsse.  In  seinem  Tagebuch  hat  Prinz
Albert  den  Eindruck  niedergelegt,  den  er  damals  von  dem  Prinzen  von
Preußen  gewann.  „Er  wird  angefeindet“,  schreibt  er,  „weil  er  gefürchtet
wird;  doch  ist  er  nobel  und  ehrlich  und  ganz  der  neuen  Bewegung  für
Deutschland  ergeben.  Er  nimmt  die  Sache  mit  militärischer  Ehre  und
verteidigt  den  Posten,  der  ihm  anvertraut  ist.“

Neben  diesem  persönlichen  Verkehre  fand  der  Prinz  auch  Zeit,  sich
mit  den  Einrichtungen  Englands  durch  eigene  Beobachtung  immer  ver—
trauter  zu  machen.  Zumal  den  Verhältnissen  der  englischen  Marine
wandte  er  Aufmerksamkeit  und  Studium  zu.  Als  ein  Ausdruck  des  ge—
wonnenen  Interesses  für  dies  bisher  ihm  ferner  liegende  Gebiet  und  der
sich  anbahnenden  Überzeugung  von  der  außerordentlichen  Wichtigkeit  desselben
  für  das  Staatsleben  kann  es  gelten,  daß  er,  als  unter  den  Deutschen
in  England  zu  Sammlungen  für  „die  deutsche  Flotte“  angeregt  wurde,
selbst  die  Subskription  mit  der  Zeichnung  von  20000  Mark  eräffnete.
Das  erregte  Aufsehen;  einige  demokratische  Hitzköpfe  stellten  den  Antrag,
die  tausend  Pfund  Sterling  von  einem  Gegner  der  deutschen  Einheitsbestrebungen
  nicht  anzunehmen.  Aber  der  Vorsitzende  der  Versammlung
belehrte  sie,  daß  ein  Fürst  Gegner  der  Einheit  sein  müsse,  so  lange  das
Volk  den  Handlungen  selbst,  die  sie  bezweckten,  Widerstand  entgegensetze.
Das  wirkte:  die  Seichnung  des  Hrinzen  wurde  einstimmig  angenommen
und  ihm  der  Dank  der  Dersammlung  votiert.

So  schnell  indes  erfolgte  in  der  Heimat  der  Umschwung  der  Stimmung
  nicht.  Die  Woachrichten,  welche  von  dorther  die  Seitungen  brachten,
lauteten  bedenklich  und  unerquicklich.  Mur  daß  die  preußischen  Truppen
ihren  alten  Ruhm  militärischer  Tüchtigkeit,  den  die  Märztage,  wenn
auch  grundlos,  erschüttert  hatten,  in  Schleswig  glänzend  wiederherstellten,
erfüllte  den  Drinzen  mit  lebhafter  Genugtluung.  König  Friedrich  VII.
von  Dänemark  hatte,  gedrängt  von  den  Kopenhagener  Demokraten,  in
offener  Derletzung  der  alten  Landesrechte  die  Einverleibung  Schleswigs
in  den  dänischen  Staat  verfügt.  Einmütig  hatten  sich  dem,  wenn  auch
ohne  Erfolg,  die  Herzogtümer  Schleswig  und  HBolstein  entgegengesetzt,  bis
der  König  von  Dreußen  am  24.  März  ihre  Rechte  anerkannte  und
preußische  Truppen  ihnen  unter  General  von  Wrangel  zu  Hilfe  sandte,
welche  am  25.  und  24.  April  bei  Schleswig  und  Flensburg  die  Dänen
zurückschlugen.
        <pb n="176" />
        170  Drittes  Kapitel.

„Sie  können  sich  denken,  mein  lieber  General“,  schrieb  der  Hrinz
am  2.  Mai  an  Wrangel,  „mit  welcher  Freude,  mit  welchem  Interesse
ich  die  Nachrichten  empfangen  habe  über  die  am  25.  April  und  folgenden
Tage  stattgehabten  Gefechte  bei  Schleswig  und  Flensburg;  die  mir  vorliegenden
  Berichte  legen  ein  rühmliches  Zeugnis  ab  für  die  Tapferkeit
und  Ausdauer  der  Truppen,  welche  in  jenen  Tagen  für  Deutschlands
Ehre  unter  Ihrer  Führung  siegreich  gefochten.  Den  Erwartungen,  welche
ich  stets  von  dem  bewährten  Geiste  unseres  preußischen  Heeres  gehegt,
haben  die  bei  Schleswig  fechtenden  Truppen  vollkommen  entsprochen.
Ich  bin  stolz  darauf,  die  Mehrzahl  derselben  in  zwei  verschiedenen
Armeccorps  während  einer  Reihe  von  Jahren  befehligt  zu  haben!  Schon
aus  diesem  Grunde  ersuche  ich  Sie,  den  Offizieren  und  Soldaten  der
unter  Ihrem  Befehle  stehenden  Truppen  meine  ganze  Teilnahme,  meine
Achtung  und  meinen  Glückwunsch  zu  dem  glorreich  erfochtenen  Siege
aussprechen  zu  wollen.“

Sehr  gern  kam  der  General  diesem  Wunsche  nach  und  machte  das
Schreiben  den  Truppen  bekannt.  Durch  kräftige  Hochs  auf  den  Prinzen
gaben  diese  ihrer  Freude  über  die  Anerkennung  Ausdruck.  Freilich  in  der
Daulskirche  in  Frankfurt,  wo  damals  das  Vorparlament  tagte,  erregten
diese  Hochrufe  Anstoß.  Ein  Abgeordneter  scheute  sich  nicht,  daraufbin
den  Geist  der  preußischen  Soldaten  als  „reaktionär"  zu  bezeichnen.  Allein
Graf  Goltz,  des  Hrinzen  Aldjutant,  belehrte  ihn  durch  einige  nachdrückliche
  Seilen  von  London  aus,  daß  „dem  Hrinzen  von  Hreußen  sein  mannhafter
  TCharakter  und  seine  Gesinnungen  schon  immer  die  Ciebe  seiner
Untergebenen  erworben  hätten:  und  aus  dieser  seien  jene  Lebehochs  hervorgegangen.“
  ·

Patriotischen  Ruhm  über  alle  aber  erwarb  sich  damals  der  Kreistag
des  Kreises  Belgard  in  Pommern,  der  eine  Adresse  an  den  Prinzen,  wo
alles  sich  von  ihm  wie  von  einem  Verbannten  abwandte,  richtete  und
ihn  bat,  zurückzukehren  und  in  seiner  Mitte  zu  weilen.  Das  that  dem
Prinzen  wohl.  „Mit  Freude  und  Rührung“  —  antwortete  er  den  treuen
Kreisständen  —  „habe  ich  die  Adresse  der  zum  Belgarder  Kreistage  ver—
sammelt  gewesenen  Stände,  welche  an  mich  die  Aufforderung  enthält,
in  Ihre  Mitte  zurückzukehren,  entgegengenommen.  Sie  war  mir  ein
neuer  Beweis  jener  Liebe  und  Anhänglichkeit,  welche  die  treuen  Pommern
gegen  das  königliche  Haus  und  gegen  mich  so  oft  bethätigt  haben.

„Ihre  Adresse  hat  meinem  Herzen  wohlgethan,  und  ich  spreche  Ihnen
für  dieselbe  meinen  Dank  aus,  um  so  mehr,  als  ich  vollkommen  Ihre
in  derselben  ausgesprochene  Gesinnung  teile:  daß  Sie  die  in  eine  kon-
        <pb n="177" />
        Das  Jahr  1848.  171

stitutionelle  Monarchie  verwandelte  Verfassung  des  Staates  mit  ihren
notwendigen  Folgen  annehmen  und  daß  Sie  entschlossen  sind,  wie  in
früheren  Tagen,  Gut  und  Blut  auch  heute  noch  für  denselben  zu  opfern.
So  gern  ich  aber  Ihrem  Wunsche  gleich  nachkommen  möchte,  so  muß  ich
mir  die  Freude  für  jetzt  untersagen,  weil  mich  ein  besonderer  Auftrag
Sr.  Majestät  des  Königs  zur  Zeit  noch  in  England  festhält.  Zugleich
lassen  mir  die  besonderen  Verhältnisse,  in  welchen  Preußen  sich  befindet,
die  Konstituierung  der  neuen  Rechtszustände,  sowie  meine  eigene  Stellung
zu  dieser  Reorganisierung  der  Monarchie  die  unmittelbare  Rückkehr  in  die
Hauptstadt  Berlin  unerläßlich  erscheinen.

„Sie  wissen,  daß  ich  als  Mitglied  des  damaligen  Staatsministeriums
das  Hatent  Sr.  Majestät  des  Königs  vom  18.  März  d.  J.,  durch  welches
dem  preußischen  Dolke  die  vorgenannte  konstitutionelle  Derfassung  verheißen
  worden  ist,  mit  voller  Ubereinstimmung  unterzeichnet  und  mich
dadurch  zu  deren  einstiger  Aufrechthaltung  verpflichtet  habe.  Sie  kennen
mich  auch  hinreichend,  um  zu  mir  das  Dertrauen  zu  hegen,  daß  ich
meinem  gegebenen  Worte  mich  treu  erweisen  werde.  Da  aber  in
letzterer  Zeit  über  meinen  Charakter  böswillige  und  vollkommen  unbegründete
  Gerüchte  verbreitet.  worden  sind,  so  wünsche  ich  vor  allem  durch
mein  persönliches  Erscheinen  in  Berlin  denselben  bald  entgegentreten  zu
können.  Später  werde  ich  dann  freudig  in  Ihre  Mitte  eilen!“

Nur  allzusehr  traf  zu,  was  der  Hrinz  hier  beklagte,  daß  die  gehässigsten
  Anschuldigungen  in  Berlin  gegen  ihn  verbreitet  wurden;  viele
sprachen  sie,  ohne  zu  prüfen,  nach,  und  die  andern  getrauten  sich  aus
Furcht  vor  den  Demokraten  nicht,  zu  widersprechen.  So  völlig  beherrschte
die  sieghafte  Demokratie  die  Situation,  daß  die  meisten  Geistlichen  Berlins
sogar  die  Fürbitte  für  den  Drinzen  von  Hreußen  aus  dem  allgemeinen
Kirchengebete  fortließen.  Da  erschien  am  26.  April  ein  Eingesandt  in
der  Dossischen  Seitung,  durch  das  alle  gutgesinnten  2  Känner  aufgefordert
wurden,  vereint  den  König  zu  bitten,  daß  der  Drinz  von  Hreußen  zurückberufen
  würde.  Unterzeichnet  war  es  „v.  Grtzen  und  BHering“.  Das
war  der  Umschlag.  zetzt  erhob  sich  Stimme  für  Stimme  in  den  Heitungen,
  Flugblättern,  Dlakaten;  Gedichte  wurden  gedruckt,  Adressen  beraten.
Jetzt  wurde  festgestellt,  daß  der  Prinz  unmöglich,  wie  ihm  schuld  gegeben
war,  das  Seichen  zum  Angriffe  der  Soldaten  auf  das  Dolk  könne  gegeben
  haben,  daß  er  gar  nicht,  auf  dem  Balkon  des  Schlosses  stehend,
mit  einem  weißen  Tuche  könne  gewinkt  haben,  da  er  sich  im  neuen  Dortragszimmer
  des  Königs  zur  Seit,  als  die  beiden  Schüsse  fielen,  befunden
habe,  daß  er  sich  vielmehr  bei  diesen  Schüssen  besorgt  an  die  Umstehenden
        <pb n="178" />
        172  Drittel  Kapitel.

mit  den  Worten  gewandt  habe:  „Mein  Gott,  wenn  da  nur  nicht  jemand
von  den  Zuschauern  in  den  Fenstern  blessiert  ist!“  Nun  erst  wurde  be—
kannt,  daß  der  Prinz  gerade  dem  Schießen  gewehrt,  daß  er  am  Abend,
als  die  noch  nicht  angegriffene  Barrikade  in  der  Breiten  Straße  auf
die  Artillerie  am  andern  Ende  der  Straße  schoß,  den  Kommandeur
derselben  verhinderte,  das  Schießen  eher  zu  erwidern,  als  bis  der  kom—
mandierende  General  es  selbst  beföhle.

In  die  Gffentlichkeit  trat  der  Umschlag  der  Stimmung  zuerst  auf
dem  Hosthofe  in  der  Oranienburger  Straße.  Hier,  in  einer  Dersammlung
  von  Landwehrmännern,  gab  der  Schauspieler  Louis  Schneider,  auf
dem  Dache  eines  Hostwagens  stehend,  seinen  patriotischen  Empfindungen
beredten  Ausdruck.  Er  schloß  mit  einem  Hoch  auf  den  Hrinzen  von
Hreußen,  in  das  die  anwesenden  Tausende  mit  lautem  Guruf  einstimmten.

Freilich  suchten  die  demokratischen  Dolksführer  durch  Hlakate  und
Mlaueranschläge  der  immer  weiter  um  sich  greifenden  Stimmung  entgegenzutreten.
  Aber  auch  aus  den  Drovinzen,  zumal  aus  Dommern  und
Dreußen,  tönten  Stimmen  herüber,  welche  gegen  die  Führerschaft  Berlins
energisch  protestierten.  Und  alle  diese  Kundgebungen  wurden  für  das
Ministerium  die  Grundlage,  die  Surückberufung  des  Hrinzen  bei  dem
Könige  zu  beantragen.  Denn  die  Einberufung  der  zur  Dereinbarung
der  preußischen  Staatsverfassung  gewählten  Dolksvertretung  stand  nähe
bevor,  und  es  schien  unerläßlich,  daß  der  Thronerbe  zur  feierlichen  Anerkennung
  der  zu  vereinbarenden  Derfassung  anwesend  sei,  und  daß  die
Dolksvertretung  ihre  Beratungen  mit  der  vollen  Gewißheit  begönne,  in
dem  Thronerben  einen  Mitbürgen  der  Rechte  zu  finden,  welche  der  König
der  Dolksvertretung  einzuräumen  entschlossen  sei.  Überdies  hatte  das
Städtchen  Wirsitz  in  der  Drovinz  Hosen  den  Mut  gehabt,  den  viel  angefeindeten
  Drinzen  von  Dreußen  zu  seinem  Dertreter  in  dieser  Dolksvertretung
  zu  wählen.  Freilich  wollte  das  Ministerium  die  Rückkehr  des
Drinzen  nur  unter  der  Bedingung,  daß  er  „  konstitutionelle  Bürgschaften
leiste“.  Der  König  war  mit  dieser  Voraussetzung  einverstanden  und
sandte  den  Major  Laue,  der  zum  ersten  Adjutanten  des  Hrinzen  ernannt
war,  mit  einem  Handschreiben  nach  London,  durch  das  er  den  Bruder
zur  Zeimkehr  einlud.

Die  Nachricht  von  der  bevorstehenden  Rückkehr  des  Hrinzen  von
Hreußen  rief  in  Berlin  eine  gewaltige  Aufregung  hervor,  so  daß  die
demokratischen  Dolksbetzer  sie  zur  Entfachung  einer  neuen  revolutionären
Erhebung  glaubten  ausnutzen  zu  können.  Der  politische  Klub,  ihr
Mittelpunkt,  erließ  daher  eine  Aufforderung  zu  einer  bewaffneten  olks-
        <pb n="179" />
        Das  Jahr  1848.  173

versammlung.  Aber  die  vernünftigere  Bürgerschaft  sprach  sich  mit  solcher
Entrüstung  dagegen  aus,  daß  jene  für  gut  befanden,  die  Sache  für  ein
Mlißverständnis  zu  erklären.  Nur  eine  friedliche  Dolksversammlung
wurde  nach  den  Zelten  berufen.  Indes  durch  wilde  stachelnde  Reden
wurden  die  Tausende,  die  sich  zusammengefunden,  in  solche  Aufregung
versetzt,  daß  sie  durch  den  Tiergarten  nach  der  Wilhelmsstraße  vor  das
Botel  des  Ministerpräsidenten  Camphausen  zogen  und  diesem  durch  eine
Deputation  erklären  ließen:  es  sei  der  Wille  des  Dolkes,  daß  der  Hrinz
von  Oreußen  nicht  heimkehre.

„Wer  ist  denn  eigentlich  das  Dolkd“  fragte  der  Minister  ironisch
und  fügte  dann  ruhig  hinzu,  daß  er,  da  das  ganze  Ministerium  die
Bitte  um  Rückkehr  des  Hrinzen  an  den  König  beschlossen  habe,  einseitig
diese  Maßregel  nicht  zurücknehmen  könne.

So  abgewiesen,  zogen  die  Dolksmassen  die  Linden  hinauf  zu  dem
Dalais  des  Hrinzen.  Einige  freche  BZuben  warfen  ein  paar  Fensterscheiben
  ein;  dann  wurde  die  Mkenge  zerstreut.

Caut  wurden  aber  auch  von  der  andern  Seite  Stimmen  damals
vernommen,  die  zu  einem  festlichen  Empfange  des  Hrinzen  aufriefen.
„Ich  habe“  —  schrieb  Graf  Wilhelm  von  HBenckel-Donnersmarck  —
„diesen  Herrn  von  Kindbheit  an  beobachtet  und  kann  nach  Oflicht  und
Gewissen  sagen,  daß  wohl  selten  ein  Hrinz  so  viele  herrliche  Eigenschaften
in  sich  vereinigt,  wie  er:  leutselig,  treu,  gewissenhaft,  wohlwollend,  wahr,
mit  rastlosem  Fleiße  das  ihm  Aufgetragene  ausführend,  ein  wahrhafter
Freund  seinen  Freunden,  gern  helfend,  kurzum  ein  würdiger  und  ihm  in
allen  Tugenden  äbnlicher  Sohn  seines  unvergeßlichen  Daters.  Daher
—  laßt  ihn  uns  jubelnd  empfangen,  der,  da  ein  Krieg  mir  unvermeidlich
  erscheint,  an  der  Spitze  der  Armee  es  recht  bald  beweisen  wird,
daß  er  ein  echter  Rohenzoller,  ein  durch  und  durch  guter  Hreuße  ist,
dessen  heiligste  Oflicht  es  stets  sein  wird,  das  teure  Daterland  aus  der
ihm  drohenden  Gefahr  zu  retten.“

Am  22.  Wai  fand  die  Eröffnung  der  Mationalversammlung  „zur
Dereinbarung  der  Derfassung“  im  Weißen  Saale  des  Schlosses  statt.
Mit  welchem  Prunke  war  ein  Jahr  zuvor  an  derselben  Stelle  der  Ver—
einigte  Landtag  eröffnet  worden!  Jetzt  ging  alles  geschäftsmäßig-kühl
vor  sich.  Die  glänzende  Einrichtung  des  Saales  war  entfernt.  Einfache
Rohrstühle  waren  in  weitem  Halbkreise  vor  dem  rot  gepolsterten  Thronsessel
  aufgestellt;  und  eben  solche  Stühle  standen  rechts  vom  Throne  für
die  Hrinzen,  links  für  die  Minister.  Der  Hlatz  des  Hrinzen  von  Hreußen
war  leer.
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        174  Drittes  Kapitel.

Ihre  Sitzungen  hielt  die  Nationalversammlung  in  der  Singakademie.
Gleich  in  einer  der  ersten  richtete  die  äußerste  Linke  die  Interpellation
an  das  Ministerium:  die  Gründe  offen  darzulegen,  welche  den  Hrinzen
von  Hreußen  fern  vom  Vaterlande  gehalten  hätten.  Camphausen  beantwortete
  sie  dahin,  daß  am  10.  März  dem  Hrinzen  von  seinen  Freunden
geraten  worden,  wegen  der  gegen  ihn  herrschenden  Aufregung  Berlin
zu  verlassen,  daß  aber  jetzt  von  den  Ministern  selbst  mit  Rücksicht  auf
die  Eröffnung  der  Nationalversammlung  seine  Rückberufung  beantragt
worden  sei.  .

Nur  wenige  Tage  noch,  und  der  Prinz  erschien  selbst  inmitten  der
Mationalversammlung!

Am  28.  Mai  hatte  der  Hrinz  England  verlassen;  am  50.  war  er
in  Brüssel  und  richtete  von  hier  aus  ein  Schreiben  an  den  König,  in
welchem  er  die  VDoraussetzung,  unter  der  er  heimberufen  war,  fest  und
deutlich  bestätigte.  „Ew.  Woajestät“  —  schrieb  er  —  „zeige  ich  unterthänigst
  an,  daß  ich  dem  mir  erteilten  Befehle  gemäß  London  verlassen
und  den  Nontinent  wieder  betreten  Rabe.  Ich  halte  diesen  Seitpunkt
für  den  passendsten,  um  meine  Sw.  Majestät  schon  bekannten  Gesinnungen,
mit  denen  ich  in  die  Heimat  zurückkehre,  nochmals  offen  auszusprechen.
Ich  gebe  mich  der  HBoffnung  hin,  daß  die  freien  Institutionen,  zu  deren
festerer  Zegründung  Ew.  Majestät  jetzt  die  Dertreter  des  Dolkes  berufen
haben,  unter  Gottes  gnädigem  Beistande  sich  zum  Reile  Hreußens  mehr
und  mehr  entwickeln  werden.  Ich  werde  dieser  Entwickelung  mit  Guversicht
  und  Treue  alle  meine  Kräfte  widmen  und  sehe  dem  Augenblicke
entgegen,  wo  ich  der  Derfassung,  welche  Ew.  Majestät  mit  Ihrem  Dolke
nach  gewissenhafter  Beratung  zu  vereinbaren  im  Begriffe  stehen,  die  Anerkennung
  erteilen  werde,  welche  die  Derfassungsurkunde  für  den  Thronfolger
  festsetzen  wird.“

Am  folgenden  Tage  begab  sich  der  Hrinz  nach  dem  Haag  und  besuchte
  seinen  Schwager,  den  Hrinzen  Friedrich  der  Niederlande,  auf  dessen
Candsitze  bei  Leiden:  Dann  ging  die  Reise  über  Arnheim  weiter  nach
Wesel,  wo  er  zuerst  den  preußischen  Heimatsboden  wieder  betrat.  Mit
lebhafter  Kreude  begrüßte  die  patriotische  Bürgerschaft  der  Stadt  den
lange  Derkannten,  so  daß  der  Hrinz,  tief  ergriffen  von  der  Herzlichkeit  des
Empfanges,  seine  innere  Bewegung  nicht  zu  verbergen  vermochte.  „Es
ist  immer“  —  sprach  er  zu  den  ihn  freudig  Umringenden  —  „ein  wohlthuendes
  Gefühl,  wenn  man  in  das  Daterland  zurückkehrt,  und  es  wird
mir  stets  eine  glückliche  Erinnerung  bleiben,  daß  Wesel  die  erste  Stadt
ist,  wo  ich  mich  habe  aussprechen  können.  Den  Herren  ist  bekannt,  wie
        <pb n="181" />
        Das  Jahr  1848.  175

vieles  über  mir  gewaltet  hat.  Es  ist  schmerzlich,  verkannt  zu  werden;
nur  ein  reines  Gewissen  hat  mich  über  diese  Seit  hinweggeführt,  und
mit  reinem  Gewissen  kehre  ich  in  mein  Daterland  zurück.  Ich  habe
immer  gehofft,  der  Tag  der  Wahrheit  werde  anbrechen  —  und  er  ist
angebrochen.  Es  hat  sich  seitdem  vieles  in  unserm  Daterlande  verändert.
Der  König  hat  es  gewollt:  des  Königs  Wille,  ist  mir  heilig.  Ich  bin
sein  erster  Unterthan  und  schließe  mich  mit  vollem  Berzen  den  neuen
Verhältnissen  an;  aber  Recht,  Ordnung  und  Gesetz  müssen  herrschen  —
keine  Anarchie!  Dagegen  werde  ich  mit  meiner  ganzen  Kraft  streben;
das  ist  mein  Beruf.  Wer  mich  gekannt  hat,  weiß,  wie  ich  immer  für
das  Haterland  geglüht  habe.  Sie  können  sich  denken,  daß  ich  mit  erschüttertem
  Herzen  vor  Ihnen  stehe:  um  so  wohlthuender  ist  mir  dieser
herzliche  Empfang.“

Ein  wahrer  Triumphzug  wurde  die  Weiterfahrt  für  den  Hrinzen.
Es  war  die  erehrung  für  sein  mannhaftes  Wesen,  die  sich  in  freudigen
Ruldigungen  kundgab.  Seine  eindrucksvolle  Hersönlichkeit  legte  einer
westfälischen  Bauernfrau  die  naive  Frage  in  den  Mund:  „Is  uns'  König
woll  ok  sonen  s—chönen  Mins—chend“  Aber  es  war  auch  der  bewußte
Gegensatz  der  königstreuen  Drovinzen  gegen  die  Demokratenherrschaft  in
Berlin,  der  in  der  Herzlichkeit  des  Empfanges  sich  aussprach.  In  Ruhrort
  streuten  die  Bewohner  ihm  Blumen  auf  den  Weg;  lächelnd  dankte
ihnen  der  Hrinz:  „Dies  sind  die  ersten  Blumen,  die  mir  auf  vaterländischem
  Boden  geboten  werden;  und  ich  hoffe,  daß  sie  mir  eine  glückliche
  Dorbedeutung  für  meine  Sukunft  sein  werden.“  In  Magdeburg
harrte  des  Heimkehrenden  die  Hrinzessin  von  Dreußen  mit  dem  jungen
Drinzen  Friedrich  Wilhelm  und  der  lieblich  Beranwachsenden  Hrinzessin

Tuise.  Bier  hatte  zu  seinem  Empfange  auch  die  Bürgerwehr  —  dem
Drinzen  ein  neuer  Anblick  —  mit  den  Behörden  und  Cffizieren  sich
aufgestellt.

Es  war  der  Todestag  seines  königlichen  Daters,  der  7.  Juni,  als
der  Drinz  in  Hotsdam  eintraf,  auf  der  Wildparkstation  vom  Könige  und
der  Königin  empfangen.  Sum  Grabe  des  Daters  war  sein  erster  Gang.
Nach  Charlottenburg  ins  Mausoleum  begab  sich  die  vereinte  königliche
Familie,  um  an  der  Gedächtnisfeier  für  den  teuren  Heimgegangenen
teilzunebmen.

Im  Marmorsaale  des  Hotsdamer  Stadtschlosses  empfing  der  Hrinz
am  Abend  die  Gffiziere  der  Garderegimenter,  in  deren  Namen  General
von  Hrittwitz  ihn  in  der  Reimat  willkommen  hieß.  Mit  bewegter  Stimme
dankte  ihm  der  Hrinz,  indem  er  mit  warm  anerkennenden  Worten  des
        <pb n="182" />
        176  Drittes  Kapitel.

Verhaltens  gedachte,  welches  das  Gardecorps  unter  dem  Kommando  des
Generals  unentwegt  gezeigt.

Aber  das  Hreußen,  in  das  der  Hrinz  jetzt  heimkehrte,  war  doch  ein
anderes,  als  das  er  verlassen  hatte.  In  Berlin  tagte  die  Kational-=versammlung,
  zur  Vereinbarung  der  Derfassung  berufen.  Swar  bildete
in  ihr  die  demokratisch  gesinnte  Linke  nur  die  Minderheit,  aber  durch
ein  konsequent  fortgesetztes  Einschüchterungssvstem  hatte  sie  erreicht,  daß
von  den  Unentschiedenen  unter  den  Abgeordneten  je  länger  je  mehr  sich
ihr  angeschlossen.  Denn  im  Kastanienwäldchen  vor  der  Singakademie,
wo  die  Sitzungen  stattfanden,  lungerten,  von  demokratischen  Hetzern  aufgereizt,
  Döbelrotten  umber,  von  denen  jeder  „Freiheitsfeind“,  der  nicht
zur  Linken  gehörte,  grobe  Insulten,  Zedrohungen  und  Mißhandlungen  zu
erwarten  hatte.  Das  nur  war  es,  was  der  demokratischen  Minorität
Macht  und  Bedeutung  gab.

Durch  die  Wirsitzer  Wahl  war  auch  der  Hrinz  von  Hreußen  in  die
Mationalversammlung  berufen.  Sollte  er  jetzt  seinen  Sitz  in  ihr  einnehmen
  d  Durfte  er  hoffen,  bei  dem  Geiste,  der  sie  erfüllte,  zu  einem
ersprießlichen  Wirken  in  ihr  zu  gelangend  Aber  mochten  nicht  vielleicht,
wenn  er  ihr  fernblieb,  Ubelwollende  ihm  dies  als  einen  Mangel  an  Entschiedenheit
  auslegen  d  Er  zögerte  nicht,  mit  Klarheit  alsbald  Stellung
zu  nehmen.

Schon  am  8.  Juni,  dem  Tage  nach  seiner  Ankunft,  begab  sich  der
Drinz  mit  Erxtrazug  nach  Berlin,  wo  der  Minister  von  Datow  auf  dem
Bahnhofe  ihn  empfing.  Don  hier  fuhr  er  in  Generalsuniform,  nur  von
seinem  Flügeladjutanten,  dem  Major  Laue,  begleitet,  in  die  Singakademie.
Von  dem  in  der  Sitzung  gerade  anwesenden  Minister  Graf  Schwerin
empfangen,  betrat  der  Hrinz  den  Sitzungssaal:  ehrerbietig  erhob  sich  die
Rechte  der  Dersammlung  von  ihren  Hlätzen,  während  der  Hrinz  auf  der
ersten  Bank  der  rechten  Seite  seinen  Hlatz  nahm.  „Sitzen  bleiben!“
tönte  es  von  der  Linken  währenddes  herüber;  auch  durch  GSischen  suchten
dort  manche  ihrem  Unmut  Luft  zu  machen,  bis  der  Abgeordnete  Temme,
der  das  Wort  hatte,  in  seiner  Rede  fortfuhr.  Sobald  diese  beendigt  war,
kündigte  der  Hräsident  der  Dersammlung  an,  daß  „der  Abgeordnete  des
Wirsitzer  Kreises  in  einer  persönlichen  Angelegenheit  das  Wort  verlange“.
Der  Prinz  bestieg  die  Tribüne.

„Dermöge  der  auf  mich  gefallenen  Wahl“,  sprach  er,  „bin  ich  berechtigt,
  in  Ihrer  Mitte  zu  erscheinen.  Ich  würde  bereits  gestern  hierher
geeilt  sein,  wenn  es  nicht  der  Jahrestag  unauslöschlicher  Trauer  gewesen
wäre,  der  mich  im  Schoße  meiner  Familie  zurückhielt.  Heute  aber  er-
        <pb n="183" />
        Das  Jahr  1848.  177

greife  ich  die  Gelegenheit,  um  zuvörderst  meinen  Dank  für  das  Vertrauen
auszusprechen,  welches  mich  in  Ihre  Mitte  berief,  und  wodurch  es  mir
möglich  wird,  Sie,  meine  Berren,  welche  aus  allen  Provinzen  des  Landes
und  aus  allen  Ständen  hier  versammelt  sind,  herzlich  willkommen  zu
Reißen.

„Aicht  nur  die  Blicke  Dreußens  —  die  Blicke  der  Welt  sind  auf
unsere  Dersammlung  gerichtet,  da  durch  sie  eine  Dereinbarung  mit  unserem
Könige  herbeigeführt  werden  soll,  welche  für  lange  Seit  die  Schicksale
des  preußischen  Dolkes  und  seiner  Könige  feststellen  soll.  Welch  ein  hoher
Beruf!  Je  beiliger  dieser  Beruf,  je  heiliger  muß  der  Geist  und  die  Gesinnung
  sein,  welche  unsere  Beratungen  leiten.  Die  konstitutionelle  Mlonarchie
  ist  die  Regierungsform,  welche  unser  König  zu  geben  uns  vorgezeichnet
  hat.  Ich  werde  ihr  mit  der  Treue  und  Gesissenhaftigkeit
meine  Kräfte  weihen,  wie  das  Daterland  sie  von  meinem  ihm  offen  vorliegenden
  Charakter  zu  erwarten  berechtigt  ist.  Dies  ist  die  erste  Oflicht
eines  jeden  Daterlandsfreundes,  vor  allem  also  die  meinige  —  des  ersten
Unterthans  des  Königs.

„So  stehe  ich  jetzt  wieder  in  Ihrer  Mitte,  um  mitzuwirken,  daß  die
Aufgabe,  welche  uns  gestellt  ist,  zu  einem  glücklichen  Siele  geleitet  werde.
Möge  die  Gesinnung,  welche  ich  ausgesprochen  habe,  von  uns  allen  geteilt
  und  festgehalten  werden!  Dann  wird  unser  Werk  gelingen  und  zum
Wohl  und  Beile  des  geliebten  Daterlandes  gereichen.  Alöge  mein  Erscheinen
  unter  Ihnen  in  dieser  Beziehung  ein  günstiges  sein!  Mögen
wir  vereint  die  Thätigkeit  entwickeln,  welche  von  uns  erwartet  und  gehofft
  wird!  6

„Meine  übrigen  Geschäfte  werden  mir  nicht  erlauben,  regelmäßig
an  Ihren  Sitzungen  teilzunehmen.  Ich  ersuche  daher  den  Berrn  Hräsidenten,
  meinen  Stellvertreter  einberufen  zu  lassen.  Uns  alle  aber,  meine
Berren,  leite  der  Ruf  und  der  Wahlspruch  der  Hreußen,  der  sich  so  oft
bewährt  hat:  Mit  Gott  für  König  und  Daterland!“

In  tiefer  Stille  hatte  die  Dersammlung  die  Rede  angehört.  Zetzt
stieg  der  Drinz  von  der  Rednertribüne  herab:  ein  lautes  Bravo  erschallte
von  der  Rechten,  die  sich  wiederum  von  ihren  Stühlen  erhob,  als  der
Drinz  den  Sitzungssaal  verließ.  Die  Linke  aber  murrte  und  zischte  noch
lauter  als  zuvor.  Freilich  meinte  der  Abgeordnete  von  Unruh  später:
„Wenn  der  Hrinz  nur  nicht  in  Generalsuniform,  sondern  hübsch  in  bürgerlicher
  Kleidung  erschienen  wäre,  dann  würde  niemand  gezischt  haben.“

Der  Antrag  auf  Einberufung  seines  Stellvertreters  kam  einer  Kiederlegung

  des  Mandats  gleich;  er  enthob  den  Hrinzen  der  Verpflichtung,
Taiser  Wilhelm.  12
        <pb n="184" />
        178  Drittes  Kapitel.

noch  weiter  in  der  Versammlung  zu  erscheinen,  deren  Heißsporne  in
seinen  warmen  Worten.  „nicht  genug  Sympathie  für  den  stattgehabten
Umschwung  der  Dinge“  finden  wollten.  Aber  aus  den  Provinzen  kamen
nach  Babelsberg  an  ihn  von  allen  Seiten  Adressen  und  Deputationen,
um  ihm  auszudrücken,  was  man  für  ihn  fühle.  Allein  alle  solche  Demon—
strationen  waren  dem  Prinzen  im  Grunde  seines  Herzens  unbehaglich;
er  wehrte  sie  ab,  soweit  es  nur  irgend  möglich  war.  Nur  die  sinnvolle
Huldigung,  welche  die  Offiziere  der  Garderegimenter  ihm  darbrachten,
konnte  er  nicht  umhin,  sich  gefallen  zu  lassen,  da  mit  vielen  derselben
seit  Jahren  persönliche  Beziehungen  ihn  verknüpften,  so  daß  der  Anschein
einer  politischen  Demonstration  von  vornherein  ausgeschlossen  war.

Mehr  als  hundert  Böte,  mit  Laubgewinden  und  Flaggen  geschmückt
und  von  vielfarbigen  Laternen  und  Fackeln  beleuchtet,  bedeckten  am
Abend  des  10.  Juni  den  breiten  Wasserspiegel  der  Havel  zu  den  Füßen
von  Babelsberg.  Abwechselnd  spielten  die  auf  die  Böte  verteilten  Militär-=kapellen
  die  ationalbpmne  und  das  Hreußenlied.  An  der  OHrinzenburg,
einem  Thorbäuschen  am  Rande  des  Harks  von  Babelsberg,  landete  die
Deputation,  die  dem  Hrinzen  die  Bitte  vortrug,  sich  in  die  Mitte  seiner
Getreuen  zu  begeben.  Gern  entsprach  er  ihr,  und  bald  sab  man  den
Drinzen  in  seinem  eigenen  Boote  inmitten  der  festlichen  Scharen,  die  mit
jubelnden  Surufen  ihn  begrüßten.  In  der  Ode  „Drinz  von  Hreußen,
ritterlich  und  bieder“,  hatte  Friedrich  von  Gaudy  der  Sehnsucht  aller
gutgesinnten  Dreußen  nach  dem  ritterlichen  Drinzen  von  Hreußen  Ausdruck
  gegeben.  Es  war  ein  ergreifender  Moment,  als  jetzt  der  Dymnus,  von
allen  Festgenossen  (nach  der  Melodie:  Drinz  Eugen,  der  edle  Ritter)  gesungen,
  unter  der  rauschenden  Begleitung  von  fünf  Musikcorps  emporstieg.
  Tiefen  Eindruck  machte  zumal  der  letzte  Ders,  in  dem  die  Sehnsucht
  zum  Treugelöbnis  sich  erhob:

Führe  du  uns,  Hrinz,  wir  folgen  gerne,
Folgen  dir  als  unserm  Sterne,

Folgen  dir  bis  in  den  Tod!

Mag's  auch  Stein’'  und  Kugeln  regnen,
Du,  Herr  Gott,  wirst  Waffen  segnen,
Die  geführt  auf  sein  Gebot.

Lautlos  hatten  sich  während  des  Gesanges  die  Böte  nahe  um  das
des  Hrinzen  geschart.  Jetzt  stand  er  auf.  Bewegt,  mit  herzlichen  Worten
dankte  er  für  die  Huldigung  und  schloß  unter  ernster  Mahnung  mit  einem
dreifachen  Hoch  auf  den  König.

An  dem  Hrinzen  richtete  die  patriotische  Roffnung  sich  auf.  Während
  daher  in  Berlin  die  Anarchie  immer  weiter  um  sich  griff,  wurde
        <pb n="185" />
        Das  Jahr  1848.  179

Babelsberg  das  Wallfahrtsziel  der  Patrioten.  Von  nah  und  fern,  wie—
wohl  der  Prinz  es  ungern  sah,  kamen  Deputationen,  ihm  zu  huldigen.
In  den  demokratischen  Volksversammlungen  wurde  darum  gedroht,  man
müsse  den  Babelsberg  besetzen;  aber  auf  den  Prinzen  machte  das  gar
keinen  Eindruck;  nicht  einmal  seine  weiten  Spaziergänge  über  die  Um—
gebung  des  Schlosses  hinaus  stellte  er  ein.  Er  war  ein  stiller,  aber  auf—
merksamer  Beobachter  der  Vorgänge  in  Berlin.  Der  Zeughaussturm  am
14.  Juni  zwar  gestaltete  sich  zu  einer  an  das  Cächerliche  streifenden
Niederlage  der  demokratischen  Massen;  aber  bedeutungsvoll  war  die
Entlassung  des  Märzministeriums,  indem  der  König  durch  die  Berufung
des  Winisteriums  Auerswald  noch  einen  Schritt  weiter  nach  links  that.
Es  war  des  Hrinzen  Jugendfreund  von  Rönigsberg  her,  Rudolf  von
Auerswald,  der  an  die  Spitze  dieses  „Kammerministeriums“  trat.  Wohl
widerstrebte  er  einer  Demokratisierung  des  Ministeriums,  aber  dem  Lauf
der  Dinge  Einhalt  zu  thun,  verstand  er  nicht.  Die  Folge  war,  daß  der
Gegensatz  der  Drovinzen  gegen  das  Treiben  der  Hauptstadt  noch  mehr
verschärft  wurde,  so  daß  an  vielen  Grten  laut  sich  der  Widerspruch  kundgab.
  Lebhaft  erhob  sich  in  weiten  Kreisen  das  altpreußische  Zewußtsein
wieder,  und  die  schwarzwei½ße  Kokarde  erschien  wieder,  als  Seichen  der
Gesinnung  an  den  Rut  gesteckt.

Mitten  hinein  in  diese  erstarkende  Strömung  fiel  die  Reise  des
Drinzen  nach  Hommern.  Die  Seit  gab  ihr  die  Bedeutung  eines  politischen
  Ereignisses.  Allezeit  hatte  seine  „Statthalterschaft"  dem  Hrinzen
unwandelbare  Anhänglichkeit  gezeigt.  So  begab  er  sich  denn,  ihr  seinen
Dank  auszudrücken,  im  August  mit  seiner  Gemahlin  und  seinem  Sohne
nach  Stettin.  Es  war  ein  Triumphzug,  noch  glänzender  als  seine  Heimkehr
  im  Zuni.  Die  treue  Hrovinz  konnte  sich  gar  nicht  genug  thun,  ihm
ihre  Ruldigungen  darzubringen.  Aus  allen  Kreisen,  von  allen  Ständen  strömten
die  Einwohner  herbei,  um  ihren  Statthalter  zu  begrüßen.  „Ich  habe“,
sprach  der  Prinz  zu  den  mit  Jubelrufen  ihn  umringenden  Dolksmengen,
„meinen  Sohn  auf  diese  Reise  mitgenommen,  damit  er  frühzeitig  lerne,
wie  seine  Ahnen  es  gewußt  und  verstanden  haben,  sich  ein  treues  und
dankbares  Dolk  zu  gewinnen.“  Aber  dann  fügte  er  auch  ernst  hinzu,  den
Blick  auf  die  Berliner  Dorgänge  richtend,  daß  der  König  zwar  die
Wiedergeburt  des  Daterlandes  in  einer  neuen  Derfassung  wünsche,  aber
zugleich  auch  des  Willens  sei,  daß  in  demselben  fortan  wieder  Ordnung
und  Recht,  Gesetz  und  Gehorsam  walte.

Wohl  hatten  unter  den  wackeren  Dommern  die  Ungeduldigsten  gehofft,
  daß  der  Hrinz  sich  an  ihre  Spitze  stellen  und,  ein  neuer  Siegfried,

127
        <pb n="186" />
        180  Drittes  Kapitel.

den  greulichen  CLindwurm  der  Demokratenwirtschaft  erlegen  würde.  Aber
gerade  darum  hatte  der  Prinz  von  seiner  Familie  sich  begleiten  lassen,
damit  die  Reise  durchaus  den  persönlichen  Charakter  bewahre.  So  kehrte
er  denn  in  die  Stille  von  Babelsberg  zurück,  während  die  Dinge  in  Berlin
sich  vollendeten,  mit  militärischen  Studien  sich  beschäftigend.
Unerschöpflich  in  Geduld,  hielt  der  König  immer  noch  die  Hoffnung
fest,  daß  er  doch  noch  zur  Derständigung  mit  der  Nationalversammlung
gelangen  werde.  Aber  haßerfüllte  Reden  der  demokratischen  Führer
gegen  die  Regierung  waren  die  Antwort,  regierungsfeindliche  Beschlüsse,
Drohungen  und  Aufruhrversuche.  Nichts  fruchtete  dagegen  alle  Ver—
söhnlichkeit  und  Nachgiebigkeit,  alles  Mahnen  und  Warnen  des  Königs.
Aber  es  giebt  eine  Grenze,  wo  Güte  und  Geduld  zur  Schwäche  wird.
Hier  hielt  der  König  inne  und  nahm  jetzt  die  Wiederherstellung  der  er—
schütterten  Staatsordnung  in  Preußen  in  seine  Hand.  Er  berief  zu  dem
Behufe  das  Ministerium  Brandenburg-Manteuffel  und  verlegte  die  Nationalversammlung
  nach  Brandenburg.  An  der  Spitze  von  47  000  Mann  mit
klingendem  Spiele  rückte  Wrangel  in  Berlin  ein,  und  Berlin  ward  in
Belagerungszustand  erklärt.  Zwar  die  Berliner  Stadtverordneten  ver—
suchten  den  aus  Berlin  verbannten  Abgeordneten  zu  Hilfe  zu  kommen.  Sie
entsandten  eine  Deputation  nach  Babelsberg,  um  die  Vermittelung  des
Prinzen  von  Preußen  in  Anspruch  zu  nehmen;  denn  die  Regierung  habe
—  erklärten  sie  —  durch  die  Verlegung  der  Nationalversammlung  ihre
gesetzliche  Befugnis  überschritten.  Allein  „offen  und  entschieden“  —  wie
Professor  Gneist,  der  Sprecher  der  Deputation  berichtete  —  widersprach
ihnen  der  Prinz,  mit  Nachdruck  auf  die  Seite  des  Königs  sich  stellend,
der  nur  gethan  habe,  was  ihm  das  Recht  erlaubt  und  die  Not  geboten.
Es  sei  ein  Fehler  gewesen,  am  10.  März  die  Truppen  aus  Berlin  herauszuziehen.
  Solle  die  Krone  fallen,  so  wolle  sie  wenigstens  mit  Ehren
fallen.  An  der  neuen  Derwirrung  sei  nur  der  Ungehorsam  der  Fraktion
Unruh  (wie  man  damals  den  unter  der  Leitung  von  Unruhs  stehenden
Rest  der  Mationalversammlung  nannte)  schuld;  dennoch  —  versicherte  der
Drinz  —  wolle  er  sein  heiliges  feierliches  Dersprechen  und  sein  fürstliches
Wort  darauf  geben,  daß  die  Verheißungen  des  Königs  vom  März  buchstäblich
  würden  erfüllt  werden.  Alsbald  erfüllte  sich  denn  auch  diese
Susage:  die  königliche  Botschaft  vom  5.  Dezember  machte  allen  Weiterungen
  ein  Ende,  indem  die  Nationalversammlung  aufgelöst  und  eine
Derfassung  „oktroviert"  wurde.  Einen  Moment  freilich  mochte  man
fürchten,  daß  die  Krone,  wie  sie  denn  völlig  den  Sieg  über  die  Dolksbewegung
  gewonnen,  so  auch  nun  diesen  Sieg  völlig  möchte  ausnutzen
        <pb n="187" />
        Das  Jahr  1848.  181

wollen.  Allein  der  König  gewährte  jetzt,  wo  er  die  Freiheit,  zu  gewähren
oder  zu  versagen,  hatte,  mit  rückhaltsloser  LCiberalität  als  freie  Gabe  eine
Derfassung,  welche,  ohne  die  wesentlichen  Grundlagen  des  alten  preußischen
  Staates  anzutasten,  doch  den  Bedürfnissen  der  neuen  Seit  Rechnung
trug  und  nichts  von  dem,  was  einmal  gewährt  war,  wieder  zurücknahm.

Während  so  in  Berlin  die  Staatsordnung  wiederhergestellt  wurde
und  alles  endlich  wieder  aufzuatmen  begann,  saß  der  Hrinz  von
Dreußen  in  Babelsberg  mit  sehr  ernsten  Gedanken  am  Schreibtisch.  Die
deutsche  Rationalversammlung,  welche  seit  dem  Mai  mit  dem  Alnspruch,
eine  souveräne  Dersammlung  zu  sein,  in  Frankfurt  tagte,  hatte  durch  eine
aus  ihrer  Mitte  gewählte  „Bundes-Akilitärkommission“  den  Entwurf  zu
einem  Gesetze  über  die  deutsche  Wehrverfassung  ausarbeiten  lassen.  Im
Oktober  war  die  Arbeit  vollendet,  und  der  Entwurf  wurde  veräöffentlicht.
Außerlich  schloß  er  sich  an  das  altbewährte  preußische  Wehrsvstem,  indem
er  den  Gedanken  der  allgemeinen  Pehrpflicht  und  die  Teilung  der
Wehrkraft  in  Linie  (I.  Keerbann),  Landwehr  (2.  und  5.  Heerbann)  und
Landsturm  (4.  Heerbann,  Bürgerwehr)  festhielt.  Aber  sein  Geist  wich
weit  von  der  preußischen  Ordnung  ab:  die  Dienstzeit  sollte  für  die  Infanterie
  auf  6  Monate  herabgesetzt,  aber  auch  für  die  Spezialwaffen
stark  verkürzt,  die  Mehrzahl  der  Offiziere  sollte  gewählt  nicht  ernannt,
die  SEhrengerichte  sollten  abgeschafft  und  die  militärischen  Erziebungsanstalten
  sollten  aufgeboben  werden.  Auf  diese  Weise  —  das  war  der
Gedanke  —  sollte  der  Geist  des  Heeres  mit  dem  des  olkes  zu  wahrer
Einbeit  gebracht  werden.

Durch  diese  Abweichungen  indessen  stellte  der  Gesetzentwurf,  gerade
weil  er  auf  das  preußische  Wehrsvstem  ausdrücklich  Bezug  nahm,  sich
viel  zu  sehr  als  eine  Kritik  der  preußischen  Einrichtungen  dar,  als  daß
der  Orinz,  in  dem  man  mit  Recht  die  höchste  Autorität  in  militärischen
Dingen  in  Hreußen  sah,  dazu  hätte  schweigen  können.  So  entstanden
damals  die  „Bemerkungen  zu  dem  Gesetzentwurfe  über  die  deutsche
Wehrverfassung“,  in  denen  der  Drinz  den  Gesetzentwurf  einer  vernichtenden
  Kritik  unterzieht,  indem  er  an  der  Hand  der  preußischen  Wehrver—
fassung  ihn  bis  ins  einzelne  beleuchtet.  Die  Brochüre  wurde  gedruckt,
erschien  aber  nicht  im  Buckhhandel;  indes  von  Hand  zu  Hand  gehend,
machte  sie  in  den  militärischen  Kreisen  das  größte  Aufsehen.  Bei  Unkundigen
  galt  der  Oberstleutnant  von  Griesheim  als  VDerfasser,  bis  der
Drinz  auf  dem  für  die  königliche  Bibliothek  in  Berlin  bestimmten  Exemplare
  sich  selbst  als  Derfasser  bekannte.  Als  das  militärische  Glaubensbekenntnis
  des  Hrinzen  kann  sie  somit  gelten.
        <pb n="188" />
        182  Drittes  Kapitel.

„Wir  gestehen  gerne“  —  sagt  der  Hrinz  in  der  Dorrede  —  „durch
den  Bericht  des  Ausschusses,  daß  man  die  preußische  Wehrverfassung,
weil  bewährt,  zum  Dorbilde  gewählt,  angenehm,  desto  unangenehmer
aber  durch  einzelne  Haragraphen  des  Gesetzentwurfes  selbst  überrascht
worden  zu  sein,  der  zwar  die  Einteilung  der  preußischen  Wehrkraft  annimmt,
  das  Grundprinzip  aber  verwirft,  durch  welches  diese  Einteilung
überhaupt  möglich  und  das  ganze  Svstem  einer  Dauerwirkung  fähig  ist.

„Dies  Grundprinzip  ist  aber  kein  anderes  als:  die  ununterbrochene
dreijährige  Dienstzeit  des  Wehrpflichtigen  bei  der  Fahne.  Nicht  nur  Abrichtung,
  sondern  Erziehung  des  Soldaten!  Keine  Störung  dieser  ersten
Erziebung  durch  Berechtigung  des  Soldaten  auf  Urlaub!

„Dies  Drinzip  nun  sehen  wir  von  dem  Wehrausschuß  gänzlich  verworfen,
  indem  sein  Entwurf  die  Dienstzeit  des  ersten  Beerbauns  bei  der
Fahne  auf  ein  unhaltbares  Minimum  verkürzt  und  dann  das  System
einer  fünfjährigen  Beurlaubung  mit  mehrmonatlicher  Einziehung  zur
Wiedereinübung  annimmt.

„Das  ist  nicht  das  preußische  System.

„Wir  geben  weiter  und  behaupten,  daß  auch  das  preußische  Heer
sich  auf  der  Stufe  seiner  jetzigen  Ausbildung  und  Wehrhaftigkeit  nicht
erhalten  kann,  wenn  man  ihm  die  notwendigen  Mittel  nehmen  wollte,
durch  welche  sie  bis  jetzt  erreicht  wurde.

„Wer  die  Mittel  ändert,  erdrückt  den  echten  militärischen  Geist  des
Reeres  und  überläßt  sich  Illusionen,  über  die  er  dereinst  und  dann
wahrscheinlich  zu  spät,  weil  auf  dem  Schlachtfelde,  enttäuscht  werden
dürfte.“

Soweit  die  Dorrede!  Die  Brochüre  selbst  beleuchtet  nun  im  einzelnen
die  Grundsätze,  welche  der  Gesetzentwurf  neu  aufstellt,  jene  „Reihe  von
nirgends  bewährten,  ja  teilweise  sogar  noch  nirgends  versuchten  Grundsätzen,
  für  die  man  in  dem  preußischen  System  wenigstens  vergebens
nach  einem  Vorbilde  sucht.“

„I.  Wer  eine  Armeeverfassung  beurteilen  will,  fragt  gewöhnlich  zuerst
  nach  der  Dauer  der  Dienstzeit  und  nach  dem  Modus  der  Beurlaubung,
um  zu  ermessen,  ob  1.  die  Dienstzeit  ausreicht,  den  Rekruten  zu  einem
wirklichen  Soldaten  erziehen  zu  können,  und  2.  in  welchem  Derhältnis.
die  Beurlaubung  zu  der  Dienstzeit  steht?  Der  Grundsatz,  auf  den  es
ad  2  ankommt,  kann  kein  anderer  sein,  als  ein  richtiges  Derhältnis  der
Dienstzeit  zur  Beurlaubung;  das  heißt:  beide  müssen  so  abgemessen  sein,
daß  das  dem  Soldaten  Gelehrte  und  Anerzogene  sich  während  seiner  Beurlaubung
  nicht  zu  sehr  verwische.“
        <pb n="189" />
        Das  Jahr  1848.  183

„Durch  Einführung  der  Landwehr  ist  in  Preußen  ein  Beurlaubungssystem
  im  kolossalsten  Maßstabe  geschaffen  worden.“

Aber  „eine  beurlaubte  Landwehr  kann  nur  dann  inneren  Halt  und
Kriegstüchtigkeit  haben,  wenn  die  Mannschaften  eine  feste  und  gediegene
erste  Kriegserziehung  erhalten  haben,  die  es  möglich  macht,  daß  eine
zwei-  bis  dreimalige  Einziehung  auf  vierzehn  Tage  hinreicht,  um  das
Erlernte  wieder  aufzufrischen  und  zu  verlebendigen.

„Unbegreiflich  erscheint  daher  die  fast  stereotyp  gewordene  Ansicht,
daß  ein  Infanterist  sich  in  sechs  Monaten  ausbilden  lasse.  Wenn  darunter
bloß  das  Ausexerzieren  der  Eingestellten  verstanden  wird,  so  ist  sechs
Monate  eine  zu  lange  Frist.  In  sechs  bis  zehn  Wochen  ist  derjenige
Grad  der  Ausbildung,  der  zum  Eintreten  in  das  Bataillon  genügt,  vollkommen
  zu  erreichen.  Was  aber  ist  dann  der  Eingestellte  geworden?
Ein  ausexerzierter  Rekrut,  aber  wahrlich  kein  erzogener  Soldat!

„Wir  hören  in  Gedanken  schon  die  Außerung  fallen,  daß  in  den
Jahren  1800—1812  in  Hreußen  faktisch  nur  eine  sechsmonatliche  Dienstzeit
  bestanden  habe,  daß  die  Landwehr  1815  durch  lauter  rohe  Rekruten
gebildet  worden  sei,  und  daß  trotz  solcher  Elemente  dennoch  die  Siege
der  glorreichen  Kriegsjahre  errungen  wurden.

„Das  ist  allerdings  begründet.  Aber  das  erste  Auftreten  der  Landwehr,
  die  1815  nach  kaum  dreimonatlicher  Ausbildung  dem  Feinde  entgegengestellt
  wurde,  führte  bei  Löwenberg  und  Kulm  Derluste  mit  sich,
die  eben  nur  dieser  wenn  auch  unabwendbar  übereilten  Formation  zugeschrieben
  werden  müssen.  Niemand  wird  deshalb  auf  diesen  Teil  der
Landwehr  einen  Stein  werfen  wollen;  denn  an  eine  kurz  exerzierte,  noch
in  der  Disziplinierung  begriffene  Truppe  darf  kein  zu  hoher  Maßstab
gelegt  werden.  Nachdem  jedoch  die  Landwehr  durch  Seit  und  Siege
feuerfest  geworden  war,  hat  sie  gleiches  mit  den  Linientruppen  geleistet.“"

Nachdem  der  fürstliche  Derfasser  die  Beispiele  der  französischen
Revolutionsarmee  und  der  Schweizer  Milizen  als  unzutreffend  zur  Empfehlung
  einer  kurzen  Dienstzeit  abgewiesen,  fährt  er  fort:

„Mun  aber  einen  Blick  auf  Truppen  mit  längerer  Dienstzeit,  als
sie  die  deutsche  Wehrverfassung  für  die  Sukunft  annehmen  will!  Wir
wählen  die  preußische  Armee  im  Jahre  1848.  Nie  vielleicht  hat  eine
Armee  vom  Schicksal  so  Schweres  zu  erdulden  gehabt,  als  die  preußische
in  diesem  verhängnisvollen  Jahre!  Derhöhnt,  verspottet,  von  allen  Kunstgriffen
  der  Derführung  umstrickt,  hat  sie  felsenfest  und  unerschütterlich  in
ihrer  Gesinnung,  in  Disziplin  dagestanden,  hat  ihre  Schuldigkeit  gegen
jeglichen  Feind  mit  einer  Treue  und  Hingebung  gethan,  welche  dieser
        <pb n="190" />
        184  Drittes  Kapitel.

stets  hoch  gestellt  gewesenen  Truppe  aufs  neue  die  Bewunderung  der
Welt  erworben.

„Worin  wurzelt  diese  Thatkräftigkeit,  Ausdauer  und  Treue,  welche
solchen  Eindruck  hervorbringen  kannd  lächst  der  Gesinnungstüchtigkeit,
welche  in  der  großen  Mehrzahl  des  preußischen  Holkes  herrscht,  allein
in  der  Erzielung,  welche  dem  preußischen  Soldaten  zu  teil  wird,  in  der
Dauer  derselben,  durch  welche  es  überhaupt  möglich  wird,  wahre  Soldatentugenden
  zu  erzielen.  Diese  sind  es,  welche  man  den  preußischen  Soldaten
anfühlt,  wo  sie  sich  zeigen  —  es  ist  der  militärische  Geist,  der  sich  in
allen  Graden  ausspricht  und  der,  von  einem  unübertrefflichen  Offiziercorps
  getragen,  sich  über  alle  Glieder  des  Heeres  verbreitet  —  es  ist
das  Dertrauen  der  Dorgesetzten  zu  ihren  Untergebenen  und  der  Untergebenen
  zu  ihren  Dorgesetzten,  welches  sich  in  diesem  Beere  ausspricht
und  welches  ebenso  zu  Reldenthaten  auf  dem  Kampfplatze  anfeuert,  als
die  Zandhabung  der  Disziplin  erleichtert.  Solche  Resultate  zu  erreichen,
muß  jeder  Militär,  der  über  eine  Wehrverfassung  mitzusprechen  hat,  sich
angespornt  fühlen.  Wer  aber  den  Erfolg  will,  muß  auch  die  Mittel
wollen,  und  diese  sind  in  der  zwei=  und  dreijährigen  Dienstzeit  gegeben.

„II.  Die  Einführung  eines  Examens  für  die  RKauptleute  der  Infanterie
  und  für  die  Rittmeister  der  Kavallerie  erscheint  vollkommen
überflüssig,  da  die  zu  diesem  Hosten  nötigen  Fähigkeiten  und  Kenntnisse
sich  genugsam  durch  die  ganze  Dienstzeit  der  Individuen  herausgestellt
haben  müssen,  bevor  sie  zu  dieser  Beförderung  gelangen.  —  Bei  Aufstellung
  der  Bestimmung,  daß  eine  Zeförderung  außer  der  Tour  nur
stattfinden  soll,  wenn  die  Mehrzahl  des  Offiziercorps  während  zwei  Jahren
einen  Kameraden  aus  seiner  Mitte  als  dazu  geeignet  bezeichnet  hat,  muß
man  sich  wohl  nicht  klar  gemacht  haben,  daß  dies  den  Keim  zur  Auflösung
  alles  esprit  de  corps  legen  muß  und  der  Intrige  Thür  und
Thor  öffnet.

„III.  Wahl  der  Führer!  Dies  Stichwort  der  Seit  wird,  weil  es
volkstümlich  klingt,  in  unsern  Tagen  von  einem  dem  andern  nachgesprochen,
  und  man  glaubt  damit  die  Sache  abgemacht  und  gut.  Da  nun
kein  erfahrener  Soldat  jemals  mit  diesem  Hrinzip  einverstanden  sein  wird,
so  Roffen  wir,  daß  die  militärischen  Mitglieder  des  Wehrausschusses  auch
bei  der  Festsetzung  dieses  Haragraphen  in  der  Mkinorität  geblieben  sind.

„Warum,  fragt  sich  zunächst,  eine  Führerwahl  für  den  zweiten  und
dritten  Heerbann  bestimmen,  während  für  den  ersten  Heerbann  der  bisher
übliche  Modus  der  Ernennung  beibehalten  worden  istd  Warum  soll  dem
einen  nicht  recht  sein,  was  dem  andern  billig  ist?
        <pb n="191" />
        Das  Jahr  1848.  185

„Man  glaubt  durch  Aufstellung  der  Wahl  der  Landwehr  die  wahre
Holkstümlichkeit  aufzudrücken.  Dolkstümlich  wird  eine  Truppe  nur  dann
sein,  Sympathien  wird  sie  sich  nur  dann  erwerben,  wenn  die  Nation
siellt,  daß  ihre  wehrpflichtigen  Söhne  menschlich  und  gerecht  während
ihrer  Dienstzeit  behandelt  und  billige  Rücksichten  auf  die  außerdienstlichen
  Verhältnisse  der  Wehrpflichtigen  genommen  werden,  dann  aber,
wenn  sie  imstande  und  vollkommen  vorbereitet  sind,  in  Krieg  und  Frieden
ihre  Schuldigkeit  zu  thun,  sobald  das  aterland  ihrer  bedarf.

„Dazu  sind  aber  tüchtige  Führer  nötig,  und  es  liegt  nun  einmal  im
Menschen,  daß  er  sich  bereitwilliger  den  ihm  gegebenen  als  selbst  von
ihm  gewählten  Dorgesetzten  unterwirft.

„Bei  jeder  Wahl  ist  die  kinorität  verletzt  und  in  allen  das  Gefühl
angeregt,  ebensogut  als  der  Gewählte  zu  der  Stelle  gelangen  zu  können.
Hierin  liegt  die  Gefahr  der  Indisziplin,  weil  hierin  der  Keim  zur  Unzufriedenheit
  liegt.  Wie  muß  sich  diese  Gefahr  aber  steigern,  wenn  sich
in  der  Draxis  die  Unfähigkeit  der  Erwählten  ergiebt  und  die  Wähler
auf  sehr  einfache  Weise  zu  dem  folgerichtigen  Schluß  geführt  werden,
den  Erwählten  durch  eigenen  Beschluß  auch  wieder  entfernen  zu  können.

„Daß  dergleichen  Gelüste  zur  völligen  Auflösung  einer  Truppe
führen  können,  ist  unwiderlegbar,  denn  kein  Vorgesetzter  wäre  seiner
Stelle  auch  nur  eine  Stunde  sicher.  Wie  soll  unter  solchen  Umständen
Ansehen  und  Einfluß  auf  der  einen,  williger  Gehorsam  und  Unterordnung
auf  der  andern  Seite  möglich  werdend

„Wir  brauchen  wohl  nicht  erst  darauf  aufmerksam  zu  machen,  wie
notwendig  für  die  Cffiziere  einer  Armee  ein  höberer  Bildungsgrad  ist,
aus  welchem  sich  die  richtige  Auffassung  des  Kriegerstandes  und  seiner
Dflichten  von  selbst  entwickelt,  wie  gerade  aus  dieser  der  wahre  militärische
  Geist  und  die  soldatische  Gesinnung  entspringt,  welche  sich  nach
und  nach  dem  Stande  der  Unteroffiziere  mitteilt  und  durch  diese  wiederum
der  Masse  des  Heeres;  denn  das  weiß  jeder  zu  würdigen,  der  jemals
mit  Truppen  in  Derbindung  gestanden  hat.  Darum  eben  ist  die  Gefahr
groß,  wenn  man  Einrichtungen  empfiehlt,  welche  zunächst  dahin  führen,
die  Ansprüche  an  den  Offizierstand  von  ihrer  Böhe  herabzustimmen.

„IV.  Die  Berufspflichten  des  Offizierstandes  sind  schwere  und  nur
dann  vorwurfsfrei  und  mit  Erfolg  zu  erfüllen,  wenn  man  diesen  Stand
mit  Vorliebe  ergriffen  hat  oder  von  früh  an  dafür  erzogen  wurde.  Es
ist  daher  von  der  höchsten  Wichtigkeit,  daß  Anstalten  bestellen,  aus  denen
Offizierkandidaten  hervorgeben  können,  die  von  Kindheit  auf  an  strenge
Sucht,  Ordnung,  Entbel#rungen  und  Gehorsam  gewöhnt  werden,  als  die-
        <pb n="192" />
        186  Drittes  Kapitel.

jenigen  Erfordernisse,  welchen  sie  selbst  ihr  Leben  lang  genügen  müssen,
um  ihren  Untergebenen  ein  Beispiel  zu  werden  und  ihren  Kameraden
von  der  Landwehr  ermutigend  voranzugehen.“

Der  Hrinz  ist  daher  durchaus  dagegen,  daß  —  wie  der  Gesetzentwurf
  wollte  —  die  Kriegswissenschaften  nur  an  Universitäten  gelehrt
werden  sollten.  „Denn“,  fragt  er,  „wer  sollen  dann  die  Lehrer  sein?
Drofessorend  Unmöglich;  denn  Kriegswissenschaften  können  mit  Erfolg  nur
von  kriegserfahrenen  Männern  gelehrt  werden,  die  selbst  erlebt  und  aus
eigener  Anschauung  kennen  gelernt  haben,  was  sie  ihren  Schülern  mitteilen
  sollen.  Wer  nicht  mit  den  Soldaten  gelebt,  wer  nicht  Freude  und
Leid,  Gefahr  und  Entbehrungen  mit  ihnen  geteilt  hat,  der  kann  nicht
mit  der  nötigen  Lebendigkeit  und  Eindringlichkeit  von  Dingen  reden,  die
er  nur  von  Börensagen  oder  aus  Büchern  kennt.  Aber  selbst  Offiziere,
die  in  die  Kategorie  von  Universitätsdozenten  übertreten  und  gegen
Ronorar  Kolleg  lesen  wollten,  würden  nicht  genügen,  weil  sie  nur  dozieren
könnten,  ohne  daß  ihnen  eine  Kontrolle  darüber  möglich  wäre,  welchen
Erfolg  ihre  orträge  auf  die  zuhörenden  Gffiziere  haben.

„Der  Gffizier  studiert  die  Kriegswissenschaften  nicht,  wie  jeder
Student  seine  Fachwissenschaft;  denn  er  wählt  sich  den  Beruf  nicht  erst
nach  Dollendung  seiner  Studien,  sondern  er  ist  bereits  im  Dienste,  wenn
er  sie  beginnt,  und  soll  sich  nur  im  höheren  Grade  dazu  geschickt  machen.
Da  sein  Kriegsherr  ihm  nun  Gelegenheit  dazu  verschafft,  so  hat  dieser
auch  ein  Recht,  danach  zu  fragen  und  sich  zu  überzeugen,  wie  der  so  Bevorzugte
  die  ihm  gewordene  Begünstigung  benutzt  hat.  Das  alles  ist
aber  auf  der  Universität  nicht  möglich,  da  wir  annehmen  müssen,  daß
der  Lehrstuhl  für  Kriegswissenschaften  gerade  deshalb  dort  beliebt  wird,
um  die  mit  der  Art  des  Universitätsunterrichts  verbundenen  Eigentümlichkeiten
  auch  den  Offizieren  zu  teil  werden  zu  lassen,  Wollte  man  aber
Einrichtungen  treffen,  welche  diese  Eigentümlichkeiten  zu  beseitigen  bestimmt
werden,  so  würden  diese  nicht  allein  der  bisherigen  akademischen  Hraxis
entgegenstehen,  sondern  man  würde  auch  vollends  nicht  begreifen,  weshalb
man  dann  die  bestehenden  höheren  Alilitärlehranstalten  aufgeben  soll.

„V.  Die  Standes=  und  ESchrengerichte  endlich  entstanden  aus  der
Überzeugung,  daß  bei  Offizieren  nicht  bloß  diejenigen  Dergeben,  welche
den  gewöhnlichen  Strafgesetzen  unterliegen,  geahndet  werden  müssen,
sondern  auch  andere  Dergehungen,  ja  selbst  nur  tadelnswerte  Unterlassungen
  nicht  ungerichtet  bleiben  dürfen.  Uberall,  wo  die  militärischen
Ehrengerichte  gewirkt,  haben  sie  dazu  beigetragen,  die  Offiziercorps  auf
der  Stufe  der  Bildung,  des  Ehrgefühls  und  der  Gesittung  zu  erhalten,
        <pb n="193" />
        Das  Jahr  1848.  187

welche  den  Feinden  gesetzmäßiger  Ordnung  ein  Dorn  im  Auge  sind.
Richten  doch  die  Apostel  der  Anarchie  ihr  Hauptaugenmerk  darauf,  die
Offiziersehre  zu  untergraben,  weil  sie  so  am  sichersten  hoffen  können,  die
Treue  der  Armee  wankend  zu  machen.  Daraus  erklären  sich  die  An—
feindungen  und  Verunglimpfungen,  welche  seit  Jahren  die  Offiziere  aller
Armeen  zu  erdulden  gehabt  haben,  daraus  die  Erfindung  des  Wortes
Junkertum,  um  in  dieser  Bezeichnung  einen  stereotypen  Begriff  des  Ge—
hässigen  zusammenzufassen,  daraus  der  Eifer,  mit  welchem  einzelne  Erzesse
unter  Offiziercorps  zur  Anschuldigung  der  stehenden  Heere  überhaupt  ver—
größert  und  im  übelsten  Lichte  dargestellt  wurden.  Bedenkt  man  aber,
daß  es  die  Lebensaufgabe  des  COffiziers  ist,  jeden  Augenblick  für  die
höchsten  und  edelsten  Güter  der  Menschheit  selber  das  Leben  einzusetzen
und  zugleich  andere  durch  seinen  Befehl  und  auf  seine  Derantwortung  in
den  Tod  zu  führen,  so  muß  man  von  ihm  auch  die  Bewahrung  einer
Gesinnung  und  Raltung  verlangen,  die  nicht  mit  dem  gewöhnlichen  Zllaßstab
  gemessen  werden  kann.  Diese  Bewahrung  bedarf  vielmehr  einer
ganz  besonderen  Überwachung.  Ohne  eine  solche  würden  Ausschreitungen
der  rohesten  und  unedelsten  Art  den  Offizierstand  in  die  Seiten  der  Barbarei
  zurückversetzen.  Ist  doch  die  Geschichte  der  neuesten  Seit  nicht  arm
an  Beispielen,  zu  welchen  Grausamkeiten  und  Abscheulichkeiten  bewaffnete
Massen  sich  hinreißen  lassen,  wenn  keine  Führer  an  ihrer  Spitze  stehen,
welche  von  dem  Hrinzip  der  Ehre  völlig  durchdrungen  sind.  Will  man
daher  die  Heere  auf  dem  Standpunkte  der  Gesittung  erhalten,  so  stelle
man  auch  Führer  an  ihre  Spitze,  welche  diese  Gesinnung  in  sich  zu  erhalten
  und  bei  ihren  Untergebenen  zu  beleben  wissen.

„Wie  oft  greifen  Dienstvergelben  mit  gemeinen  Dergehen  ineinander
oder  kumulieren  sich.  Wie  oft  würde  also  eine  doppelte  Hrozedur  nötig
sein  und  dadurch  eine  unerwünschte  Derschleppung  der  Untersuchung  veranlaßt
  werden.  Ist  nun  aber  der  Geschäftsgang  bei  Givilgerichten  überhaupt
  langsamer,  als  militärische  Derhältnisse  zulassen,  giebt  es  bei  Beurteilung
  gemeiner  Derbrechen  im  Kriegerstande  Rücksichten,  welche  auf
die  Eigentümlichkeit  des  Standes  genommen  werden  müssen,  kann  die
Disziplin,  welche  ein  Sivilgericht  weder  anzuerkennen,  noch  zu  beachten
hat,  darunter  leiden:  so  müssen  wir  bei  dem  Grungsatze  steben  bleiben,
daß  den  Militärgerichten  in  Krieg  und  Frieden  die  volle  Strafgewalt  erhalten
  bleibe,  wenn  man  nicht  einen  der  festesten  Grundsteine  aus  dem
Beerwesen  verlieren  will.

„Obgleich  wir  fürchten,  daß  in  vielen  Fällen  die  OGffentlichkeit  und
Mündlichkeit  der  Militärgerichtsverhandlungen  nicht  günstig  auf  Erhal-
        <pb n="194" />
        188  Drittes  Kapitel.

tung  der  Disziplin  wirken  wird  und  ein  Terrorisieren  der  Richter  durch
die  Zuhörer  nicht  außer  aller  Berechnung  liegen  sollte,  so  wollen  wir  doch
nichts  dagegen  erinnern.  Dagegen  müssen  wir  uns  gegen  die  Einführung
von  Geschworenen  erklären,  insofern  ihnen  das  Recht  zustehen  soll,  von
der  Anklage  ohne  höhere  Bestätigung  freizusprechen.  Ein  solches  Recht
würde  gegen  alle  bisher  anerkannten  Grundsätze  der  militärischen
Hierarchie  verstoßen.  Nur  der  Kriegsherr  darf  zugleich  der  oberste
Richter  sein,  und  nur  er  kann  in  einzelnen  Fällen  dies  Recht  höheren  Be—
fehlshabern  delegieren.

„Soll  jedoch  mit  der  Bezeichnung  Geschworene  nur  der  Begriff  ver—
bunden  werden,  daß  der  Soldat  von  seinesgleichen  gerichtet  werde,  so  ist
dieser  Anforderung  im  preußischen  Heere  bereits  seit  dem  Jahre  1808
entsprochen  worden.“

Das  ist  die  Hauptsumme  der  Gedanken,  mit  denen  der  Prinz  von
Preußen  dem  Gesetzentwurfe  über  die  deutsche  Wehrverfassung  entgegen—
trat.  Scharf  und  einschneidend  ist  die  Kritik,  mit  welcher  der  erste  Soldat.
Preußens  den  Gesetzentwurf  trifft;  aber  sie  ist  zugleich  so  klar  und  ein—
leuchtend,  daß  die  Wirkung  nicht  ausbleiben  konnte.  Sahlreiche  Seitungsartikel
  und  Brochüren  sprachen  sich  in  dem  gleichen  Sinne  aus:  und  der
Frankfurter  Gesetzentwurf  wurde  auf  unbestimmte  Seit  vertagt,  ohne  je
wieder  zum  Vorschein  zu  kommen.  Aber  die  Wärme  und  Überzeugungskraft,
  welche  die  kleine  Schrift  durchweht:  ist  sie  es  nicht,  welche  das  allezeit
  siegreiche  Heer  der  großen  Kriege  geschaffen  hatd

So  ging  denn  mit  bedeutungsvoller  Arbeit  dem  Hrinzen  das  Jahr
1848  zu  Ende.  Der  Druck  der  „Bemerkungen“  fällt  schon  in  den  Januar
1840.  Ohne  Groll,  obgleich  es  viel  Schmerz  ihm  gebracht,  sah  der  Prinz
es  scheiden;  er  hatte  sich  mit  ihm  ausgesöhnt,  als  er  sagte:  „Ich  bin
kein  Frömmler,  kein  Hietist;  aber  ich  habe  einen  frommen  Glauben,  und
in  diesem  frommen  Glauben  habe  ich  die  UÜberzeugung,  daß  auch  das
Jahr  48  göttliche  Sügung  war,  von  Gott  gesendet,  damit  wir  alle  klüger
würden.“
        <pb n="195" />
        Viertes  Kapitel.
Der  Feldzug  in  Baden.

Kostbare  Monate  hatte  unterdes  die  deutsche  Nationalversammlung
in  Frankfurt  mit  der  Beratung  der  „Grundrechte  des  deutschen  Volkes“
verloren.  Denn  seit  in  den  beiden  deutschen  Großmächten  aus  eigener
Kraft  die  Krone  die  Aufstandsversuche  der  Radikalen  siegreich  überwunden
und  die  Vermittelung  der  Nationalversammlung  zurückgewiesen  hatte,  war
es  mit  der  früheren  vollen  Geltung  des  Parlaments  in  der  Paulskirche
vorbei.  Nur  die  Energie  seines  Präsidenten  Eduard  Simson  aus  Königsberg
  brachte  überhaupt  noch  die  Vollendung  der  deutschen  Reichsverfassung
zustande.  Der  Schlußstein  derselben  war  der  Beschluß,  die  Würde  des
Reichsoberhauptes  mit  dem  Kaisertitel  einem  regierenden  deutschen  Fürsten
zu  übertragen.  Daß  dieser  nur  der  König  Friedrich  Wilhelm  von  Preußen
sein  konnte,  unterlag  bei  keinem  Einsichtigen  irgendwelchem  Zweifel.
Gleichwohl  dachte  niemand  daran,  mit  Preußen  eine  Verständigung  über
die  Verfassung  zu  erstreben,  die  doch  mancherlei  stark  demokratische  Zeigaben,
  wie  das  nur  suspensive  Deto  des  Kaisers,  geheime  Abstimmung
bei  den  Wahlen  u.  a.,  enthielt.  Oder  meinte  man,  daß  der  Glanz  der
Kaiserkrone  ihn  diese  Beigaben  übersehen  lassen  würde?

Trotz  allem  war  es  doch  ein  feierlicher  Moment,  als  am  58.  März
1849  der  Hräsident  Simson,  nachdem  der  Wahlakt  abgeschlossen,  die  Erwählung
  König  Friedrich  Wilhelms  zum  deutschen  Kaiser  mit  bewegter
Stimme  verkündigte.  Am  2.  April  traf  die  Deputation  der  KNationalversammlung
  in  Berlin  ein,  um  dem  preußischen  Könige  die  erbliche
deutsche  Kaiserwürde  zu  überbringen.  Schon  den  nächsten  Mittag  gewährte
  ihr  der  König  Audienz.

Eine  Stunde  vorher  hatte  der  König  die  Minister  zur  Beratung  um
sich  versammelt.  Wohl  lag  in  der  Wahl  für  ihn  eine  große  Dersuchung;
denn  auf  Macht  in  Deutschland  war  sein  natürlicher  Ehrgeiz  gerichtet.
Aber  doch  war  er  bedenklich,  ob  manche  Verfassungsbestimmungen  eine
gedeihliche  Führung  der  Kaiserwürde  zulassen  würden,  und  glaubte  auch
        <pb n="196" />
        190  Viertes  Kapitel.

der  Zustimmung  der  deutschen  Fürsten  nicht  entraten  zu  können.  Gleichwohl
  drangen  die  Minister  in  ihn,  die  dargebotene  Krone  anzunehmen.
Aber  sollte  er  sich  durch  den  Glanz  einer  Krone  in  Gewissensbedrängnisse
einzwängen  lassend  Das  war  nicht  seine  Art.  „Gehen  Sie  zu  dem  Hrinzen
von  Preußen!“  antwortete  er  auf  das  Drängen  der  Minister.  Denn  er  war
entschlossen,  lieber  abzudanken,  als  von  dem,  was  er  für  recht  hielt,  abzugehen.

In  feierlicher  Audienz,  unter  dem  Thronhimmel  stehend,  umgeben
von  den  Prinzen  und  Ministern,  empfing  der  König  die  Deputation,
welche  die  Kaiserwürde  ihm  darbot.  Wohl  dankte  er  ihr  für  das  Ver—
trauen,  das  er  ehre:  aber  usurpierte  nicht  im  Grunde  die  Nationalversammlung
  das  Recht,  den  Kaiser  zu  wählend  Und  enthielt  die  Ver—
fassung,  auf  die  hin  er  gewählt  war,  nicht  Zestimmungen,  die  ihn  vielleicht
  mit  unwiderstehlicher  Gewalt  in  die  Bahnen  der  Revolution  hineinreißen
  mochtend  Das  waren  die  Besorgnisse,  welche  die  Entschließung
des  Königs  hemmten.  Er  lehnte  die  Kaiserkrone  nicht  ab,  aber  er  nahm
sie  auch  nicht  ohne  weiteres  an.

Auf  den  Abend  dieses  denkwürdigen  Tages  war  die  Kaiserdeputation
zu  dem  Drinzen  von  Hreußen  geladen.  „Wir  eilten  mit  großer  Spannung“
  —  berichtet  ein  Alitglied  der  Deputation  —  „zum  Drinzen  von
Oreußen;  denn  dort  erwarteten  wir  einen  besseren  Empfang,  und  wir
hatten  uns  nicht  getäuscht.  Der  Hrinz  trat,  nachdem  wir  ihm  einzeln
vorgestellt  waren,  mit  gewinnender  Hersönlichkeit  in  unsere  Mitte  und
eröffnete  eine  förmliche  staatsrechtliche  Diskussion  über  die  Lage  der
deutschen  Sache.  Er  redete  hierbei  mit  Geist  und  Gewandtheit,  in
fließender,  beredter  Sprache,  mit  Ernst  und  Gefühl  für  die  große  Angelegenheit
  des  Daterlandes,  mit  Schonung  und  hoher  Achtung  vor  unserer,
der  seinigen  entgegengesetzten  Auffassung.  Denn  natürlich  mußte  er  den
Standpunkt  des  Königs  einnehmen  und  die  Derteidigung  der  Regierungsschritte
  übernehmen.  Es  war  dies  eine  gebotene  Pflicht  für  ihn  als
Drinzen  des  Hauses,  und  doppelt  schicklich,  da  er  als  Thronfolger  jeden
Schein  eines  Hrätendenten  oder  auch  nur  der  GOpposition  vermeiden  muß.

Das  Derfahren  seines  königlichen  Bruders  suchte  er  damit  zu  rechtfertigen,
  daß  derselbe  weder  die  Krone  ohne  Sustimmung  der  Fürsten
annehmen,  noch  auch  sich  in  die  Lage  bringen  könne,  die  Sustimmung
etwa  durch  Swang  herbeiführen  zu  müssen.  „Sie  werden  mir  zutrauen“
—  rief  er  aus  —  „daß  ich  als  Wilitär  mich  vor  einem  Krieg  nicht
fürchte;  aber  wollen  Sie  uns  zumuten,  mit  80  O00  Mann  in  Bapvern
einzurücken,  um  den  Rönig  zur  Einwilligung  zu  zwingen  d“  Hierauf
wurde  ihm  aus  der  Mitte  der  Deputation  erwidert,  daß  daran  niemand
        <pb n="197" />
        Der  Feldzug  in  Baden.  191

denke,  daß  vielmehr,  wofern  nur  König  Friedrich  Wilhelm  IV.  die  Krone
annehme,  kein  einziger  Fürst  seine  Zustimmung  verweigern  werde.  Diese
Seite  der  Frage  hatte  dem  Prinzen  bisher  ferner  zu  liegen  geschienen.
Endlich  aber,  da  er  nicht  uns  und  wir  nicht  ihn  überzeugen  konnten,
schloß  er  mit  der  Versicherung,  daß  der  König  von  der  besten  Absicht
getragen  sei  und  nur  die  notwendig  gebotene  Rücksicht  auf  das  Der-Bältnis
  zu  seinen  Mitfürsten,  welches  von  zartester  Ratur  sei,  ihn  auf

nm——.—
—

sn

Empfang  der  Kniserdeputation  unter  Führung  des  Prüsidenten  Simson  brim  Prinzen  von  Prrußen.

den  eingeschlagenen  Weg  geführt  habe  in  der  ÜUberzeugung,  daß  gerade
dies  der  Weg  zum  Siele  sei;  und  wir  alle  würden  gewiß  noch  das  Siel
erreichen,  wenn  nur  das  Harlament  der  ruhigen  Entwickelung  nicht  vorgreife
  und  nicht  vorschnell  die  Sachlage  alteriere.

„Mit  dieser  Schlußerklärung  zog  der  Hrinz  sich  zurück,  und  es  trat
nunmehr  seine  Gemahlin  in  unsern  Kreis,  eine  hohe  Frau  von  edler
Gestalt  und  Schönheit,  eine  Maria  Theresia,  mit  dem  Geiste  und  der
Entschlossenheit  des  WMannes  und  der  Sanftmut  und  Weichbeit  des
Weibes,  eine  Frau,  der  man  gern  die  Krone  aufs  Haupt  setzte,  weil  sie
        <pb n="198" />
        192  Viertes  Kapitel.

dort  am  rechten  Flecke  säße,  die  wahrlich  in  einem  Augenblicke,  wo  die
Geschicke  Deutschlands  an  ihrem  höchsten  Wendepunkt  angelangt  war,
nicht  ängstlich  und  bedenklich  gezögert  hätte.  In  geistvoller  Darstellung,
aus  der  ein  begeisterter  Sinn  für  Deutschlands  Einheit  und  Größe  her—
vorblickte,  schilderte  sie  uns,  wie  von  jeher  dies  Siel  als  das  Ideal  ihrer
Phantasie  ihr  vorgeschwebt  hätte;  der  große  Augenblick  könne  nicht  ver—
loren  sein  für  das  Vaterland.  Auf  dieser  Überzeugung,  auf  diesem  Vertrauen
zum  guten  Genius  Deutschlands,  der  uns  bis  hierher  glücklich  geleitet
habe,  habe  von  jeher  ihr  Mut,  der  sie  nie  verlassen,  beruht,  und  er
verlasse  sie  auch  jetzt  nicht.  Denn  es  sei  ja  unmöglich,  man  könne  ja
eine  so  große  weltgeschichtliche  Entwickelung  nicht  verkrüppeln  lassen:
das,  um  was  es  sich  handle,  sei  ja  etwas  so  Gutes,  so  Großes,  so  Not—
wendiges!  So  gern  möchte  sie  auch  uns  dies  mutige  Dertrauen  zu  der
Macht  der  Verhältnisse  mitteilen,  auch  uns  auf  ihren  Standpunkt  der
Hoffnung  und  des  Vertrauens  zu  der  innerlich  wirkenden  Notwendigkeit
der  Verhältnisse  versetzen.“  «

Es  war  das  erste  Mal,  daß  die  Mitglieder  der  Deputation  in  Berlin
„Gesinnung  für  Deutschlands  Siel“  aussprechen  hörten,  das  erste  Mal,
daß  sie  eine  wenn  auch  unter  der  Hülle  schicklicher  Rücksicht  auf  die
Schritte  des  Königs  verhüllte  Ubereinstimmung  „mit  dem  Gange  der
Mation“  vernahmen.  Sie  waren  entzückt  von  der  Aufnahme,  die  sie  bei
dem  Hrinzen  von  Hreußen  gefunden  hatten,  aber  sie  thaten,  nach  Frankfurt
  zurückgekehrt,  nichts,  um  auch  ihrerseits  den  Gang  der  Dinge,  wie
sie  ihn  wünschten,  zu  fördern.  Nur  durch  eine  angemessene  Modifizierung
der  Beichsverfassung  konnte  die  Kaiserwürde  für  den  König  von  Dreußen
annehmbar  werden.  Alllein  jeder  Dermittelung  stellte  sich  die  Nationalversammlung
  schroff  entgegen,  indem  sie  schon  am  II.  April  mit  großer
Majorität  den  Beschluß  faßte,  „an  der  in  zweiter  Lesung  beschlossenen.
und  verkündeten  Reichsverfassung  samt  Wahlgesetz  unwandelbar  festzuhalten“.
  Dazu  kam,  daß  wohl  28  deutsche  Regierungen  zu  der  geschehenen
  Kaiserwahl  ihre  Sustimmung  aussprachen,  daß  aber  gerade
die  mächtigsten,  die  deutschen  Königreiche,  in  ihrer  ablehnenden  Haltung
verharrten,  ja  daß  Gsterreich  die  Miene  annahm,  als  würde  es  die  Annahme
  der  Kaiserwürde  mit  der  Kriegserklärung  an  Hreußen  beantworten;
  und  wer  konnte  zweifeln,  daß  es  dann  wenigstens  die  süddeutschen
  Königreiche  auf  seiner  Seite  kaben  würde  Das  klärte  für  den
König  die  Situation:  in  Frankfurt  die  Derweigerung  jeglichen  Entgegenkommens,
  in  Wien,  München,  Stuttgart  kaum  verhbüllte  Feindseligkeit!
Ohne  Sögern  und  Schwanken,  mit  festem,  freiem  Willen  lehnte  er  daher
        <pb n="199" />
        Der  Feldzug  in  Baden.  193

am  28.  April  endgültig  die  ihm  dargebotene  deutsche  Kaiserwürde  ab,
von  der  Überzeugung  durchdrungen,  daß  die  Ablehnung  nicht  eine  Gefährdung,
  sondern  „eine  Förderung  einer  wirklichen  und  umfassenden
deutschen  Einheit“  sei.  Aber  als  den  Verweser  des  erledigten  Kaiser—
tums  sah  er  sich  an,  dem  es  obläge,  das  Werk  der  Einigung  Deutschlands
  selbst  in  die  Hand  zu  nehmen.  Und  in  diesem  Gedanken  lud  er
nun  alle  deutschen  Regierungen,  welche  zu  weiteren  Beratungen  mit
Preußen  geneigt  seien,  zu  Konferenzen  nach  Berlin  ein.  Das  Ergebnis
dieser  Konferenzen  war  das  Dreikönigsbündnis,  welches  Preußen  am
28.  Mai  mit  Sachsen  und  Hannover  abschloß.

Daß  er  bei  allem  Interesse  für  die  Einheit  Deutschlands  den  Entschließungen
  des  Königs  ganz  zustimme,  hatte  der  Prinz  von  Preußen
schon  der  Kaiserdeputation  erklärt.  Auch  er  hielt,  wie  sein  königlicher
Bruder,  die  Kaiser-  und  Einheitsfrage  nicht  durch  die  Entschließung  vom
28.  April  für  endgültig  erledigt,  sondern  nur  für  vertagt.  „Daß  Preußen
bestimmt  ist“,  schrieb  er  drei  Wochen  später  an  seinen  alten  Freund,  den
General  von  Natzmer,  „an  die  Spitze  Deutschlands  zu  kommen,  liegt  in
unsrer  ganzen  Geschichte  —  aber  das  Wann  und  Wied  Darauf  kommt  es  an.“

Indessen  über  das  Wie  ist  der  Hrinz  sich  schon  erstaunlich  klar.
Richt  auf  die  Frankfurter  Reichsverfassung  darf  das  Kaisertum  sich
stützen,  sondern  es  verlangt  eine  Derfassung,  die  dem  Kaiser  „Macht  und
Kraft  verleiht,  um  dem  gesamten  Deutschland  zum  Beile  zu  gereichen“.
Nicht  auf  Miederwerfung  der  deutschen  Fürsten  darf  das  Kaisertum  gegründet
  sein,  sondern  auf  deren  vertragsmäßige  Unterordnung.  Dem
Grafen  Stillfried  vertraut  der  Hrinz  diese  Gedanken  (26.  Mai  1840):
eine  genaue  Orüfung  der  Reichsverfassung  werde  ergeben,  „daß  alle
Macht  dem  Harlamente  gegeben  ist  und  das  Gberhaupt  nur  zum  Schein
besteht,  dessen  man  sich  bei  Gelegenheit  entledigen  kann,  um  zur  Republik
überzugehen“.  Und  er  schließt  den  Brief  mit  den  wie  ein  Hrogramm
uns  anmutenden  Worten:  „Hreußens  Geschick  wird  sich  erfüllen,  d.  h.
es  muß  an  die  Spitze  Deutschlands  kommen,  aber  auf  eine  Art,  die
Dauer  und  Heil  verspricht,  und  beides  erreicht  man  durch  Kraft  und
HKonsequenz;  und  indem  man  die  Rechte  anderer  berücksichtigt  und  schont,
erhält  man  sich  sein  eigenes  Recht.“

Aber  freilich,  bis  die  Seit  kam,  wo  der  Hrinz  selbst  auf  diesem
Wege  die  Einheit  Deutschlands  ins  Werk  zu  setzen  berufen  war,  bis  zu
dem  Wie  das  Wann  sich  ihm  gesellte,  hatte  Hreußen,  hatte  er  selbst  noch
einen  langen  und  steilen  Weg  zu  geben.  Alllein  auch  das  Schwere  überwindet

  eine  feste  Disziplin  und  eine  echte  Treue.  »
Aaiser  Wilhelm.  13
        <pb n="200" />
        194  Viertes  Kapitel.

Das  sprach  der  Prinz  als  seine  Überzeugung  in  diesen  Tagen  aus,
als  er  am  5.  Mai  seinen  Sohn,  den  Prinzen  Friedrich  Wilhelm  bei  dessen
Eintritt  in  das  erste  Garderegiment  geleitete.  Im  Custgarten  zu  Hotsdam
  war  das  Regiment  angetreten.  „Meine  Berren“  —  wandte  sich
der  Prinz  an  das  Offiziercorps  —  „ich  kann  mir  die  Freude  nicht  versagen,
  Ihnen  persönlich  meinen  Sohn  als  Rekruten  zuzuführen.  Sie
mögen  sich  denken,  mit  welchen  Gefühlen  ich  dies  thue.  Ich  empfehle

-

Der  Prinz  von  Preußen  stellt  seinen  Sohn  dem  Gffizierrorns  des  1.  Garderegiments  vor
(3.  Mai  1849).

ihn  Ihrer  Kameradschaft.  Er  ist  in  einer  schweren  Seit  dem  praktischen
Leben  entgegengewachsen.  Er  hat  im  vorigen  Jahre  zum  erstenmal
einen  Kampf  —  und  den  seines  eigenen  Regiments  —  gesehen,  der,
wenn  auch  siegreich,  doch  gegen  einen  unehrlichen  Feind  geführt  ward.
Er  hat  gesehen,  was  es  heißt,  wenn  eine  Truppe,  eine  siegreiche  Truppe
in  schweigendem  Gehorsam  und  mit  Schmach  bedeckt,  unter  den  schwersten
Derhältnissen  festhält  an  der  Disziplin  und  GOrdnung,  wenn  eine  Armee
unerschütterlich  bleibt  in  ihrer  Treue.  Und  er  wird  vielleicht  bald  Ge-
        <pb n="201" />
        Der  Feldzug  in  Baden.  195

legenheit  haben,  es  von  neuem  zu  sehen.  Denn,  meine  Herren,  wir  stehen
in  einer  bedeutenden  Krisis,  und  wenn  wir  sie  glücklich  durchmachen,
wird  es  wieder  die  Armee  sein,  die  das  Vaterland  rettet,  wie  sie  und
der  gesunde  Teil  des  Volkes  es  schon  einmal  gerettet  haben.  Und  so
übergebe  ich  ihn  Ihnen  in  der  Hoffnung,  daß  er  Gehorsam  lernen  wird,
um  einst  befehlen  zu  können.  Ich  hoffe,  er  wird  seinem  Namen  und
seiner  Armee  Ehre  machen.  Dafür  bürgt  mir  der  Geist,  den  Gott  in
ihn  gelegt  hat  —  nicht  wir.“

„Und  dann“,  fuhr  er  zu  dem  jungen  Prinzen  gewendet  fort,  „wünsche
ich  dir,  daß  du  dereinst  dasselbe  erfährst,  was  dein  Vater  erfahren  hat!
Meine  Herren,  ich  spreche  es  Ihnen  nochmals  aus  —  es  ist  die  schönste
Freude  meines  Lebens  gewesen,  zu  sehen,  wie  die  Treue  und  innige  Teilnahme
  meiner  Untergebenen  sich  in  schweren  Tagen  in  der  Nähe  und  in
der  Ferne  nicht  verleugnet  hat.  Und  so  thue  nun  deine  Schuldigkeit!“

Nur  kurze  Seit  noch  nach  dieser  Feier,  die  seinem  Herzen  wohl  that,
hielten  die  Derhandlungen  mit  den  deutschen  Königreichen,  denen  der
Thronfolger  nicht  fern  bleiben  konnte,  den  Hrinzen  in  Berlin  fest.  Am
7.  Juni  siedelte  er  in  die  Frühlingsherrlichkeit  und  Stille  seines  lieben
Babelsberg  über.  Allein  am  nächsten  Tage  schon  rief  ihn  des  Königs  Befehl
  wieder  fort,  der  ihm  den  Gberbefehl  über  die  am  Rhein  versammelten
zwei  preußischen  Corps  übertrug.  Denn  mit  Ernst  und  Nachdruck  galt  es
in  der  Hfalz  wie  in  Baden  die  gestürzte  Staatsordnung  wiederherzustellen.

Die  Nationalversammlung  in  Frankfurt  hatte  an  die  Regierungen,
die  gesetzgebenden  Körperschaften  und  die  Gemeinden  der  deutschen  Staaten
die  Aufforderung  gerichtet,  „die  Reichsverfassung  zur  Anerkennung  und  Geltung
  zu  bringen.“  Das  wurde  den  Radikalen,  welchen  die  bisherige  Bewegung
  viel  zu  langsam  gegangen  war,  zu  einem  gelegenen  Dorwande,  ihre
eigenen  Umsturzpläne  zu  betreiben.  Allerorten  suchten  sie  „für  die  Reichsverfassung“
  revolutionäre  Erhebungen  ins  Werk  zu  setzen.  Allein  kurzerhand
warfen  preußische  Truppen  in  Dresden  unter  Graf  Waldersee,  in  den  rheinischen
  Städten  unter  General  von  Hanneken  die  Aufstandsversuche  nieder.

Richt  so  gelang  dies  indessen  den  Bapern  in  der  Ofalz,  deren  leicht
bewegliche  Bewohner,  der  baprischen  HBerrschaft  abgeneigt,  die  aus  der
benachbarten  französischen  Republik  zuströmenden  aufreizenden  Ideen  begierig
  aufgenommen  hatten.  Eine  demokratische  Dolksversammlung  in
Kaiserslautern  beschloß  zum  Swecke  der  „Durchführung  der  Reichsverfassung“
  allgemeine  Dolksbewaffnung,  Steuerverweigerung  und  Beschlagnahme
  der  öffentlichen  Kassen.  Es  wurde  eine  provisorische  Regierung

eingesetzt,  der  die  Beamten  ohne  weiteres  sich  unterwarfen,  und  durch
13*
        <pb n="202" />
        196  Viertes  Kapitel.

das  ganze  Land  der  Aufruhr  entzündet.  Sahlreiche  Jäger,  Infanteristen
und  Chevauxlegers  schlossen  sich  den  Aufständischen  an;  nur  in  der
Festung  Germersheim  behauptete  sich  der  General  von  Weishaupt  mit
2500  Mann,  und  in  Landau  General  von  Zeetze  mit  einigen  100  Bapern
und  einer  Schwadron  badischer  Dragoner.

Von  der  Pfalz  griff  die  Bewegung  nach  Zaden  hinüber,  das  wie
kein  andres  deutsches  Land  durch  Dolksversammlungen,  Ausschüsse,
Agenten  unterwühlt,  überdies  dem  doppelten  nachbarlichen  Einflusse  der
französischen  wie  der  schweizerischen  Republik  preisgegeben  war.  Die
Behörden  wurden  außer  Thätigkeit  gesetzt,  die  Militärgefangenen  befreit
und  durch  elende  Derführungskünste  und  Freibier  die  badischen  Soldaten
bis  auf  die  Dragoner  in  Landau  zum  schimpflichen  Treubruche  verleitet.
Der  sehr  wohlgesinnte  Großherzog  Leopold  hatte  die  Reichsverfassung
nicht  nur  angenommen,  sondern  auch  Beamte  und  Heer  darauf  vereidigen.
lassen.  So  fehlte  den  Revolutionsmännern  hier  selbst  dieser  fadenscheinige
Vorwand.  Gleichwohl  ging  die  Rauptstadt  wie  die  Landesfestung  Rastatt
zu  ihnen  über,  und  der  badische  Landesausschuß  schloß  mit  dem  pfälzischen
  am  17.  Mai  ein  Schutz=  und  Trutzbündnis.  Sugleich  wurden
Agenten  ausgesandt,  um  das  Revolutionsfeuer  auch  in  den  NWachbarländern
  zu  entfachen.  Swar  von  Hessen-Darmstadt  war  nicht  viel  zu  hoffen,
da  die  starke  preußisch-österreichische  Zesatzung  von  Mainz  allen  Erhebungsgelüsten
  einen  heilsamen  Respekt  einflößte,  so  daß  nur  einzelne
Scharen  der  Hessen,  wie  die  unter  Sitz  und  Bamberger,  den  Aufständischen
  zuzogen;  aber  in  Württemberg  ging  die  Bewegung  auch  schon
in  hohen  Wogen.

Das  Frankfurter  Darlament  hatte  aus  eigener  Mlachtvollkommenheit
eine  Reichszentralgewalt  eingesetzt,  welche  auch  von  den  meisten  deutschen
Staaten  anerkannt  war.  An  diese  Reichszentralgewalt  wandte  sich  Großherzog
  Leopold,  der,  um  nicht  in  die  Hände  der  Insurgenten  zu  fallen,
in  das  feste  Germersbeim  sich  zurückgezogen  hatte,  mit  der  Bitte  um
Beistand.  Diese  entbot,  was  sie  von  Truppen  aufzubringen  vermochte:
ein  Corps,  so  buntscheckig,  daß  es  an  die  Seiten  des  heiligen  römischen
Reiches  deutscher  Tation  gemahnen  mochte.  Seine  Zauptkraft  waren
die  Kontingente  Hessen-Darmstadts  und  Alecklenburgs.  Mit  der  Führung.
wurde  der  frühere  Zeichskriegsminister  von  Heucker  betraut.  Unmöglich
aber  konnte  dies  Teckarcorps  ausreichen,  den  Aufstand  zu  überwinden.
Es  vereinten  sich  mit  der  badischen  Regierung  daher  die  baprische  und
die  hessische,  um  auch  ihrerseits  durch  die  Reichszentralgewalt  Beistand
zu  erhalten.  Diese  indes,  am  Ende  ihrer  Hilfsmittel,  verwies  sie  auf
        <pb n="203" />
        Der  Feldzug  in  Baden.  197

Dreußen,  das  allein  ihnen  jetzt  Hilfe  gewähren  könne;  zugleich  richtete
sie  an  Dreußen  das  Ersuchen,  außer  dem  einen  Bataillon,  das  Hreußen
als  sein  Kontingent  zu  dem  Neckarcorps  gestellt  hatte,  noch  weitere
militärische  Hilfe  zur  Uberwindung  des  Aufstandes  zu  gewähren.  Alllein
der  König  von  Dreußen  wies  diesen  Antrag  der  Zeichszentralgewalt
zurück,  da  er  entschieden  sei,  nur  denjenigen  Staaten  seine  Hilfe  angedeihen
  zu  lassen,  die  dem  Drei-Königsbündnisse,  dessen  Abschluß  Hreußen
in  diesen.  Tagen  betrieb,  beitreten  würden.  Infolgedessen  wiederholten
nun  die  drei  Regierungen  direkt  in  Berlin  ihr  Ersuchen  um  Hilfe  und
erhielten  sofort,  ohne  daß  Bavern  jenem  Bündnisse  beitrat,  die  Susage
des  Königs.  Denn  hatte  Friedrich  Wilbelm  auch  die  Kaiserkrone  zurückgewiesen,
  so  lag  ihm  doch  daran,  als  der  Schirmberr  Alldeutschlands  zu
gelten.  Swei  preußische  Armeecorps,  das  eine  von  dem  General  von
Hirschfeld,  das  andere  von  dem  General  Grafen  von  der  Gröben
geführt,  setzten  sich  daher  gegen  die  Pfalz  und  Rheinhessen  in  WMarsch,
um  im  Derein  mit  dem  Reichscorps  den  Aufstand  niederzuwerfen.  Den
Oberbefehl  über  die  beiden  preußischen  Corps  erhielt  der  Drinz  von
Dreußen.  Unverzüglich  begab  er  sich  von  Babelsberg  nach  Mainz.

Micht  ohne  Erfolg  hatte  bisber  das  Reichscorps  allein  den  Kampf
gegen  die  Insurgenten  geführt.  Es  hatte  ihnen  Worms  wieder  abgenommen,
  die  badischen  Freischärler  unter  Sigel  bei  Heppenheim  geschlagen,
die  schon  bis  Fürth  vorgedrungenen  Insurgenten  zum  Rückzuge  genötigt,
und  stand  nun  an  der  hbessisch-badischen  Grenze,  RKeidelberg  und  Wannheim
  gegenüber,  dem  VDordringen  der  Freischaren  zu  wehren.

In  der  Hfalz  betrug  die  Macht  der  Aufständischen  mit  Einschluß
mehrerer  Freicorps  15000  Mann  mit  8  Geschützen;  den  Oberbefehl  über
dieselbe  führte  der  Gsterreicher  Fenner  von  Fenneberg,  der  einige  Stunden
in  dem  Kampfe  Wiens  gegen  den  Fürsten  Windischgrätz  die  Wiener
Mobilgarde  kommandiert  hatte.  Indes  nach  wenigen  Tagen  trat  er
zurück,  und  der  Landesausschuß  übertrug  den  Gberbefehl  dem  polnischen
Insurgentenführer  Sznpade,  der  von  Geburt  ein  Deutscher  Namens
Schneider  war.

Den  Gberbefehl  über  die  badischen  Freischärler,  die,  12  000  Mann
mit  24  Geschützen  und  1200  Dferden  stark,  fast  die  gesamte  badische
Armee  in  sich  schlossen,  hatte  Sigel  nach  seiner  Niederlage  bei  Beppenheim
  niederlegen  müssen.  Zu  seinem  Nachfolger  berief  der  Landesausschuß
  aus  Haris  den  Holenführer  Mieroslawski,  als  Oberfeldherrn  ihn
zugleich  auch  über  das  pfälzische  Heer  setzend.  Seine  Aufstellung  hatte
dies  badische  Corps  bei  Beidelberg  bis  gegen  Weinbeim;  mit  seinem
        <pb n="204" />
        198  Viertes  Kapitel.

linken  Flügel  reichte  es  bis  Mannheim,  mit  seinem  rechten  im  badischen
Odenwalde  bis  Eberbach.

Ihm  stand  das  Reichscorps  gegenüber,  18000  Mann  mit  24  Geschützen
  und  9  Schwadronen  stark.  Zwischen  Kreuznach  und  Neun—
kirchen  rückte  das  1.  preußische  Corps  (Hirschfeld)  gegen  die  Pfalz  vor,
20  000  Mann  mit  50  Geschützen  und  15  Schwadronen  zählend,  während
das  2.  preußische  Corps  (Gröben),  15000  Mann  mit  530  Geschützen  und
16  Schwadronen  stark,  bei  Frankfurt  Stellung  nahm.

Es  war  also  die  dem  Hrinzen  von  Hreußen  zur  VDerfügung  gestellte
Truppenmacht  mit  Einschluß  des  Reichscorps  doppelt  so  stark  wie  die  der
Aufständischen;  überdies  war  sie  auch  ohne  Sweifel  an  militärischer
Tüchtigkeit  den  Gegnern  überlegen.  Dennoch  war  die  Aufgabe  des
Drinzen  keine  leichte.  Die  unbedeutendste  Niederlage  mußte  den  Feinden
großen  Suzug  zuführen.  Die  Sympathien  der  Bevölkerung  waren  noch
ganz  den  Insurgenten  zugewendet.  Begreiflich  ist  daher  der  Wunsch,  den
er  dem  altbewährten  Freunde  Natzmer  aussprach,  daß  die  aufrührerischen
Gegenden  noch  etwas  länger  den  Sustand  genießen  möchten,  „in  den  sie
sich  aus  sogenannter  Deutschtümelei  versetzt  haben,  d.  h.  in  die  Republik,
damit  sie  von  selbst  diesen  Alp  abzuwälzen  wünschen  möchten."  Sben
wegen  dieser  Sympathie  erhielten  die  Aufständischen  alle  Nachrichten,
deren  sie  bedurften,  und  konnten  sich  in  vorher  gewählten  Stellungen
schlagen,  die  überdies  von  der  Zkatur  sehr  begünstigte  waren.  Ferner
mußte  der  Hrinz  dafür  sorgen,  daß,  wo  einmal  seine  Truppen  durchmarschiert
  waren,  auch  die  Aufständischen  wirklich  völlig  vertrieben  waren;
sonst  konnte  er  durch  ein  Wiederaufflackern  des  Aufstandes  sich  leicht  genötigt
  sehen  nach  zwei  Seiten  Front  zu  machen.  Er  mußte  daher  zur
Beruhigung  der  durchschrittenen  Gegenden  und  zur  Wiederherstellung  geordneter
  Sustände  allenthalben  Truppen  zurücklassen  und  dadurch,  je
weiter  er  vorrückte,  um  so  mehr  seine  Truppenkräfte  schwächen.

All  diesen  Rücksichten  mußte  der  Feldzugsplan  des  Prinzen  gerecht
werden.  In  Mainz  traf  er  am  12.  Juni  mit  den  Generalen  Gröben
und  Peucker  zusammen  und  entwickelte  ihnen  hier  seine  Idee,  das  gesamte
  Insurgentenheer  in  den  Winkel  zwischen  dem  rechten  RZhein=  und
dem  linken  Neckarufer  hinein  zu  manövrieren  und  dort  gefangen  zu
nehmen.  Zu  dem  Ende  sollte  das  1.  Corps  (Hirschfeld)  in  konzentrischen
Märschen  unter  steten  Gefechten  die  Hfälzer  Szupades  und  die  Freicorps
Schimmelpfennigs,  Blenkers  und  von  Willichs  über  den  Rhein  treiben
und  nach  erfolgter  Säuberung  der  Pfalz  den  Rhein  bei  Germersheim
am  21.  Juni  überschreiten.  Bis  zu  diesem  Tage  sollte  auch  das
        <pb n="205" />
        —  —

Der  Prinz  von  Prrußen  alo  Oberbefsehlshaber  argen  dir  budischen  Kusständischen.
Seichnung  von  Schertle  aus  dem  Jakre  1819  nach  einem  Cichtbild  von  Vogel.
        <pb n="206" />
        200  Viertes  Kapitel.

2.  Corps  (Gröben)  das  Neckarcorps  in  seinen  Stellungen  abgelöst  haben,
um  dann  die  Badener  Mieroslawskis  in  der  Front  anzugreifen  und  dem
in  ihrem  Rücken  erscheinenden  Hirschfeld  zuzutreiben.  Peucker  fiel  dabei
die  Aufgabe  zu,  weiter  oberhalb  den  Neckar  zu  überschreiten  und  durch
starken  Druck  auf  den  rechten  Flügel  Mieroslawskis  dessen  Entweichen  in
den  Odenwald  zu  verhüten.  Die  Absicht  des  Prinzen  war  klar,  die
Übermacht,  welche  er  hatte,  voll  zu  gebrauchen  und  methodisch  auszunutzen.
  Wem  könnte  da  die  Übereinstimmung  entgehen,  welche  dieser
Hlan  unter  im  großen  ähnlichen  Derhältnissen  mit  dem  Hlane  der
Schlacht  von  Sedan  zeigtd  Freilich  dort  an  der  Maas  gelang  er  vollständig,
  hier  am  Neckar  aber  nur  zum  Teil.

Von  Mainz  wollte  der  Hrinz  sich  nach  Kreuznach  begeben,  um  auch
Hirschfeld  mit  den  nötigen  Anweisungen  zu  versehen.  Die  Reise  geschal
in  zwei  Wagen,  in  deren  erstem  der  Hrinz  mit  dem  Major  von  Kirchfeld
  saß,  der  die  Stelle  eines  Generalstabschefs  bei  ihm  versah;  im
zweiten  Wagen  folgte  der  Flügeladjutant,  Bauptmann  von  Bopen.  Sben
hatten  die  Wagen  das  Dorf  Wieder-Ingelheeim,  15  Kilometer  von  Moainz,
passiert,  als  aus  dem  hohen  Getreide  zur  Seite  der  Landstraße  ein  Schuß
fiel.  Offenbar  galt  er  dem  Drinzen;  aber  da  die  Wagen  scharf  zufuhren,
so  ging  er  dem  Stangenpferde  des  zweiten  Wagens  durch  den  Hals  und
verwundete  den  Hostillon  am  rechten  Schenkel.  Auf  den  Schuß  achtete
der  Hrinz  gar  nicht;  als  ihm  aber  die  Derwundung  des  Dostillons  gemeldet
  wurde,  ließ  er  ihn  sofort  in  das  Dorf  zurückschaffen  und  setzte
ihm,  da  er  doch  an  seiner  Statt  die  Wunde  empfangen,  eine  lebenslängliche
  Pension  aus.  Auch  der  Thäter  wurde  schnell  gefaßt.  Es  war
ein  Tischlergeselle  aus  Nieder-Ingelheim,  der  unter  die  Freischärler  ge—
gangen  war,  aber  sich  jetzt  auf  Urlaub  in  seinem  Zeimatsdorfe  befand.
Indes  der  Hrinz  ließ  ihn  wieder  laufen.

Unter  den  Augen  des  Hrinzen  führte  General  von  Hirschfeld  prompt
den  ihm  obliegenden  Teil  des  Feldzugsplanes  aus.  Durch  das  Gefecht
  bei  Kirchheim-Bolanden,  dem  der  Hrinz  persönlich  beiwohnte,
flößte  er  Szuvade  und  dessen  Freischärlern  einen  solchen  Schrecken  ein,
daß  sie,  ohne  noch  einmal  Widerstand  zu  versuchen,  wie  in  einer  Treibjagd
  dem  Rhein  sich  zutreiben  ließen.  Ja,  viele  der  Freibeitskämpfer
flüchteten  schon  „vor  der  Seit“  in  ganzen  Scharen  sich  über  den  rettenden
  Rhein.

Am  20.  Juni  überschritt  auch  Hirschfeld  den  Strom  und  besetzte  mit
Moannschaften  der  1.  Division,  welche  am  nächsten  Tage  über  Waghäusel
auf  Mannheim  vorrücken  sollte,  Dhilippsburg,  Die  übrigen  Diovisionen
        <pb n="207" />
        Die  Feldzug  in  Baden.  201

dagegen  hatten  Bruchsal  zum  Ziel.  So  sollte  den  Badenern  Mieroslawskis
der  Rückweg  verlegt  werden.  Schon  war  am  nächsten  Morgen  die
Avantgarde  der  1.  Division  bis  Waghäusel  vorgerückt,  als  —  etwa  um
8  Uhr  —  Mieroslawski  mit  seiner  gesamten  Armee  sich  auf  sie  warf.
Sehr  wacker  verteidigte  sich  die  kleine  Schar,  bis  von  Wiesenthal  her
das  Gros  der  Division  sie  aufnahm.  Aber  auch  jetzt  noch  war  die
Übermacht  Mieroslawskis  erdrückend:  langsam  wich  die  Division  auf
Dhilippsburg  zurück.  Der  Hrinz  von  Hreußen  befand  sich  bei  der  4.  Division.
  Deutlich  hörte  man  auf  dem  Marsche  den  Kanonendonner  herübertönen.
  Sofort  ließ  der  Hrinz  die  Division  nebst  vier  Bataillonen
Garde-Landwehr  und  dem  24l-Füsilier-Bataillon  in  der  Zichtung  auf
Wiesenthal  abrücken.  Das  entschied  das  Gefecht.  Sie  warf  Mieroslawski
mit  solchem  Machdruck  bei  Wiesenthal  zurück,  daß  er  sich  in  größter  Unordnung,
  viele  Bataillone  in  völliger  Auflösung,  auf  Beidelberg  zurückzog.
  Dort  stand  Graf  Gröben  ihm  gegenüber:  Zllieroslawski  saß  in  der
Falle.  Allein  nicht  rasch  genug  war  Heucker  mit  dem  Neckarcorps  nach
Südwesten  abgebogen.  Das  rettete  den  Holen.  Er  entschlüpfte  der  drohenden
  Umklammerung,  wie  der  Hrinz  schreibt,  „wie  ein  Kirschkern  zwischen
zwei  Fingern“.  Durch  den  Odenwald  über  Sinzig  entkam  er  mit  dem
Reste  seiner  Truppenmacht  und  stellte  sich,  gestützt  auf  die  Festung  Rastatt,
an  der  Murg  auf.  »

Eine  Abteilung  der  Insurgenten,  welche  bei  Karlsruhe  stand,  wollte
auf  die  Meldung  von  der  Bedrängnis  Mieroslawskis  diesem  über  Bruchsal
zu  Hilfe  eilen,  allein  bei  Upstadt  (am  23.  Juni)  traten  ihr  die  Preußen
entgegen.  Hirschfeld  hatte  auf  die  Meldung,  daß  der  geschlagene  Feind
den  Odenwald  gewonnen,  sofort  die  weitere  Verfolgung  desselben  gegen
Vorden  aufgegeben  und  suchte  nun  durch  einen  angestrengten  Südmarsch
auf  Karlsruhe  dem  Gegner  zuvorzukommen.  Aber  auch  Gröben  und
Peucker  setzten  sich  nach  Süden  in  Marsch:  die  beiden  preußischen  Corps
in  der  Rheinebene  gegen  die  Murglinie,  das  Neckarcorps  über  das  Gebirge
  im  Albthal,  um  erst  südlich  von  Rastatt  bei  Oos  den  Austritt  zu
nehmen.  Somit  sollte  es  dem  Feinde  den  Rückzug  verlegen,  während  die
beiden  preußischen  Corps  teils  durch  wirklichen  Übergang  über  die
Murg,  teils  durch  scheinbare  Übergangsversuche  den  Feind  nach  Rastatt
hineintrieben.  Deutlich  schimmert  in  diesem  Plane  des  Prinzen  der
Grundgedanke  der  Kämpfe  um  Wietz  hindurch:  aber  wiederum  gelang
er  nur  teilweise.  Swar  waren  alle  Maßnahmen  des  Oberkommandos
bis  ins  kleinste  durchdacht,  aber  der  Meldedienst  erwies  sich  als  durchaus
unzulänglich;  den  Führern  fehlte  es  auch  an  Kriegserfahrung.
        <pb n="208" />
        202  Viertes  Kapitel.

Sehr  heftig  war  bei  Upstadt  der  Zusammenstoß  der  Gegner;  denn
jeder  von  beiden  glaubte  der  Eile  zu  bedürfen  und  verlangte  nach  rascher
Entscheidung.  Der  Prinz  befand  sich  überall  im  heftigen  Feuer,  so  daß
seine  Begleitung  ihm  Vorstellungen  machte,  die  Person  des  Höchstkom—
mandierenden  nicht  so  augenscheinlicher  Gefahr  auszusetzen.  Für  den
Moment  ritt  er  dann  wohl  ein  wenig  zur  Seite,  aber  gleich  darauf
trabte  er  so  ruhig,  als  hielte  er  sich  für  kugelfest,  wieder  mitten  durch
die  Schußlinien.  Dieses  gleichmütige  Verachten  der  Gefahr  wirkte  wahr—
haft  begeisternd  auf  die  Landwehr  ebenso  wie  auf  die  jungen  Cinien—
truppen.  Sie  schlugen  sich  vorzüglich,  als  strebten  sie  danach,  gerade
unter  den  Augen  des  Prinzen  Heldenthaten  zu  verrichten:  bis  sie
die  Freischärler  in  wilder  Unordnung  in  die  Flucht  jagten  und  Upstadt
besetzten.

Im  heftigsten  Feuer  hatte  die  rheinische  Landwehr  und  das  Bataillon
von  Iserlohn  gestanden.  Jetzt,  da  der  Sieg  gewonnen,  ritt  der  Hrinz
zu  ihnen  heran.  „Ich  danke  euch:  ihr  habt  eure  Schuldigkeit  gethan!“
sagt  er  zu  ihnen,  in  seinem  Munde  das  höchste  Lob.  Und  mit  einem
herzlichen  Hoch  dankten  ihm  die  bärtigen  Landwehrmänner.  Dann  ritt
er  weiter  zu  dem  Füsilierbataillon  des  20.  Regiments,  das  schon  zum
Biwakieren  sich  eingerichtet  hatte.  Auch  ihnen  sprach  er  seine  Sufriedenheit
  mit  ihrer  Haltung  im  Feuer  aus.  Hurral  riefen  die  Füsiliere  und
stimmten  in  mächtigem  Chore  an:  „Ich  bin  ein  Hreuße:  kennt  ihr  meine
Farben?“  Das  freute  den  Hrinzen  sichtlich;  er  reichte  den  Füsilieren,  die
sein  O-ferd  umringten,  die  Hand.  „Ihr  habt  sehr  recht“,  sagte  er,
„gerade  dies  Lied  zu  singen;  denn  ihr  habt  euch  als  brave  Hreußen
geschlagen.“

Noch  einmal,  bei  Durlach,  versuchten  die  Insurgenten  den  Hreußen
den  Weg  nach  Karlsruhe  zu  verlegen.  In  siegreichem  Gefecht  (am
25.  Juni)  trieb  der  Hrinz  die  Feinde  zurück;  dann  ließ  er  in  dem
Städtchen,  müde  und  hungrig,  wie  sie  waren,  Rast  machen.  Die
Einwohner  brachten  Brot  und  Wein  herbei.  Auch  der  Prinz  nahm
ein  Stück  Brot,  um  es  zu  essen.  Da  sah  er  den  begebrlichen  Blick
eines  hungernden  Soldaten  auf  sich.  „Da,  Kamerad,  iß  auch!“  sagte
er  freundlich,  brach  das  Brot  mitten  durch  und  reichte  dem  Soldaten
die  Rälfte.

Noch  am  Wachmittage  desselben  Tages  erreichten  die  Dreußen  Karlsruhe.
  Don  einer  glänzenden  Suite  umgeben  hielt  der  Hrinz  an  der  Spitze
seiner  siegreichen  Truppen  seinen  Einzug  in  die  wieder  aufatmende  Stadt.
Dann  ließ  er  die  preußischen  Bataillone  an  sich  vorüberziehen;  darauf
        <pb n="209" />
        Der  Feldzug  in  Baden.  203

begab  er  sich  in  das  großherzogliche  Schloß.  Durch  einen  Tagesbefehl
sprach  er  seinen  Truppen  seine  vollste  Anerkennung  für  die  Tapferkeit,
die  sie  in  allen  Gefechten  bewiesen,  wie  für  ihre  Ausdauer  und  Hingebung
  aus.  „Auch  die  Anerkennung",  schloß  der  Befehl,  „des  Königs
und  des  Daterlandes  wird  uns  nicht  fehlen  da,  wo  die  preußische  Armee
von  neuem  ihren  alten  Ruhm  auf  so  ausgezeichnete  Weise  bewährt  hat.“

Am  27.  Juni  beschied  der  Hrinz  die  drei  kommandierenden  Generale
zu  sich.

Die  Aufständischen  beherrschten  noch  das  ganze  badische  Oberland.
Seit  ihrer  Tiederlage  bei  Wiesenthal  waren  sie  auf  Kastatt  zugeströmt,
hinter  dessen  Mauern  sie  Deckung  zu  finden  hofften.  Aber  die  Klügeren
waren  in  ganzen  Trupps  an  der  Festung  vorübergeeilt,  um  in  den
Bergen  Sicherheit  zu  suchen.  Swar  setzte  man  diesen  Flüchtlingen  nach,
um  sie  nach  Rastatt  zu  bringen;  aber  mit  den  Waffen  in  der  Hand
setzten  sie  sich  zur  Wehr  und  schossen  auf  die  eigenen  Genossen.  Immerhin
  umschloß  die  Festung  noch  gegen  20000  Mann.  Aber  greuliche
Sustände  herrschten  in  ihr.  Eine  wahnsinnige  Furcht  vor  den  Hreußen
bemächtigte  sich  der  Gemüter;  allenthalben  sah  man  Spione  und  Derrat.
Die  Disziplin  löste  sich,  da  die  aufständischen  Soldaten  meist  betrunken
waren.  Ein  Bürgerwehrmann  aus  der  Pfalz,  der  wegen  eines  Dienstvergehens
  in  das  Alrrestlokal  geführt  wurde,  wurde  auf  offener  Straße
als  angeblicher  Spion  ermordet.  Auch  der  preußische  Major  von  Hindersin,
  der  vor  einigen  Tagen  den  Insurgenten  in  die  Bände  gefallen
war,  wurde  aus  seinem  Gefängnis  hervorgeholt  und  in  der  gemeinsten
Weise  beschimpft.  Nur  die  Furcht  vor  der  Zache  der  Hreußen  rettete
ihm  das  Leben.

Um  das  Oberland  zu  behaupten,  hatten  die  Aufständischen  die  von
RNatur  starke  Hosition  an  der  Murg  besetzt.  Gegen  diese  beschloß  der
Drinz  seinen  nächsten  Angriff  zu  richten.  Er  wies  daher  Hirschfeld  an,
die  große  Straße  auf  Rastatt  zu  verfolgen;  Gräöben  sollte  zwischen  dieser
und  dem  Rheine  vorgehen  und  Heucker  endlich  durch  das  Gebirge  gegen
den  Murg-Übergang  bei  Gernsbach  vorstoßen.

Der  Widerstand  der  Insurgenten  indessen  war  heftiger,  als  man
erwartet  hatte.  Am  29.  Juni  entwickelte  sich  daher  ein  Kampf  auf  der
ganzen  Linie  von  Steinmauern,  Dölkersbach,  Muggensturm  und  Sttigheim
  auf  der  Rheinseite  bis  nach  Beutenthal,  Kuppenheim  und  Bischwerer
  am  Gebirge.  Gegen  15  000  Mann  mochten  die  Freischärler  stark
sein;  und  von  Rastatt  her  feuerten  die  schweren  Festungsgeschütze  auf  die
immer  näher  herandringenden  Hreußen.
        <pb n="210" />
        204  Viertes  Kapitel.

Am  heftigsten  wogte  der  Kampf  bei  Bischweyer.  Der  Prinz  von
Preußen  begab  sich  daher  selbst  hierher  und  ritt  so  nahe  in  seinem  furchtlosen
  Gleichmut  an  die  Feinde  heran,  daß  mehreren  Offizieren  seines
Gefolges  die  Pferde  unter  dem  Leibe  erschossen  wurden  und  die  Kugeln
um  ihn  herumpfiffen,  bis  er  endlich  langsam  das  Pferd  wandte.

Im  Verlaufe  des  Gefechtes  gelang  es  den  Insurgenten,  sich  des
Dorfes  Bischweyer  zu  bemächtigen.  Mit  Artilleriefeuer  beschossen  sie
die  in  der  Nähe  haltende  Reservekavallerie  des  1.  preußischen  Corps.
Da  das  Gelände  einen  Kavallerieangriff  völlig  unmöglich  machte,  so
ging  die  Kavallerie  im  Schritt  zurück.  Halbwegs  zwischen  Bischweyer
und  Muggensturm  stand  auf  einer  Markscheide  des  Feldes  ein  Bildstöckl,
eine  steinerne  Säule,  die  oben  in  zierlich  gemeißeltem  Schrein  ein  Heiligen—
bild  trägt.  Als  hier  die  Kavallerie,  von  den  Kugeln  des  Feindes  beworfen,
  vorüberkam,  hielt  der  Drinz  vor  dem  Bildstöckl,  es  genau  betrachtend.
  „Dor  meiner  Abreise“,  sagte  er  zu  dem  neben  ihm  haltenden
Rofmarschall  Grafen  Hückler,  der  als  Gberstleutnant  im  24.  Landwehrregiment
  den  Feldzug  mitmachte,  „habe  ich  für  die  Stelle  am  Ravelufer
meines  Harks  von  Babelsberg  ein  Bildwerk  bestellt,  das  sich  dort  sehr
gut  ausnehmen  würde.  Hat  dies  Bildstöckl  nicht  ungefähr  die  Form,
die  ich  jener  Derzierung  wünsched“  Der  Graf  bejahte  die  Frage.  Und
der  Prinz  musterte  die  Einzelbeiten  des  Bildwerks,  unbekümmert  um  die
Kugeln,  die  rings  umher  einschlugen;  dann  erst  folgte  er  langsam  der
Kavallerie.

Man  erzählte  dem  Großberzog  Leopold  von  dieser  todverachtenden
Kaltblütigkeit  des  Hrinzen,  der  sich  überall  in  Gottes  Hand  wußte.  War
der  kleine  und  doch  so  bezeichnende  Dorgang  nicht  wert,  dem  Gedächtnis
aufbewahrt  zu  werdend  Als  der  Großherzog  daher  im  Herbste  in  Gemeinschaft
  mit  dem  Hrinzen  das  Schlachtfeld  von  Bischwever  besichtigte,
blieb  er  vor  dem  Bildstöckl  halten,  indem  er  den  Hrinzen  bat,  das  Bildwerk
  als  eine  Erinnerung  an  Baden  zum  Geschenke  anzunehmen.  So  ist
es  denn,  auf  einer  Hlatte  mit  dem  eisernen  Kreuze  und  dem  Datum  des
20.  Juni  1840  versehen,  am  Havelufer  im  Babelsberger  Dark  aufgestellt,
während  dort  an  der  Markscheide  des  Bischweprer  Feldes  eine  schlichte
RNachbildung  die  denkwürdige  Stätte  bezeichnet,  wo  der  Drinz  seine
Oreußen  den  Tod  zu  verachten  lehrte.

Unterdessen  stellte  die  Infanterie  des  1.  Corps  der  Hreußen  durch
die  Eroberung  von  Bischwever  das  Gefecht  wieder  und  warf  dann  durch
gesammelten  Angriff  das  Sentrum  der  langen  feindlichen  Kampflinie  auf
Rastatt  zurück.  Das  gleiche  Schicksal  hatte  auch  der  rechte  Flügel  der-
        <pb n="211" />
        Is-—


—  ——  —  -

Ist-Lichtsnonprkuljtnqulildflätitlhcixknpptaljrima11129.Iaui1849.
        <pb n="212" />
        206  Viertes  Kapitel.

selben.  Die  Reichsarmee,  das  Corps  Peuckers,  traf  am  Mittag  des  29.
vor  Gernsbach  ein.  Allein  die  Insurgenten  hatten  die  Häuser  auf  dem
rechten  Murgufer  besetzt  und  beschossen  von  diesen  aus  die  vordringenden
Gegner.  Mit  Brandgranaten  antwortete  Peucker,  so  daß  bald  18  Häuser
in  Flammen  standen  und  die  Aufständischen  zurückgehen  mußten.  Das
Geschrei,  umgangen  zu  sein,  erhob  sich,  und  schnell  artete  der  Rückzug  in
wilde  Flucht  aus.  Erst  unter  den  Wällen  von  Rastatt  machten  sie  Halt,
wenigstens  für  die  Nacht;  am  nächsten  Morgen  aber  eilten  sie  weiter,
wer  nur  konnte,  um  auf  der  Straße  über  Oos  das  Oberland  zu  gewinnen.
  Ganze  Bataillone  verweigerten  den  Gehorsam,  um  nach  Mos
zu  entrinnen.  Wenn  hier  ihnen  Peucker  entgegentrat,  den  Rettungsweg
ihnen  sperrend,  so  war  der  Feldzug  zu  Ende.  Aber  die  Reichsarmee  be—
fand  sich  selbst  in  schlechter  Verfassung;  wohl  marschierte  sie  nach  der
Weisung,  die  ihr  geworden,  auf  Oos  zu,  war  aber  —  wie  ein  Augen—
zeuge  sie  beschreibt  —  „in  verworrenem  Zuge,  durch  die  Verpflegung
gehindert,  sowie  auch  durch  die  Bagage,  und  die  Soldaten  zum  Teil  betrunken“,
  am  Mittag  erst  bis  Baden  gelangt,  wo  Heucker  sie  im  Harademarsch
  an  sich  vorübermarschieren  ließ,  um  wieder  etwas  Disziplin
in  die  Bataillone  zu  bringen.  So  entging  ihm  auch  diese  Gelegenheit
wieder,  den  fliebenden  Feind  abzuschneiden.  Tur  das  kleine  Corps
des  Oberstleutnants  Morenhoffen  sandte  er  nach  Oos  voraus.  Hier  hatten
aber  die  Freischärler  inzwischen  das  Dorf  und  die  benachbarten  Höhen
besetzt,  empfingen  mit  UÜbermacht  das  Corps  und  warfen  es  nach
kurzem  Kampfe  zurück,  sogar  eine  Kanone  erbeutend.  So  blieb  für  die
flüchtenden  Insurgenten  der  Weg  über  Oos  frei,  und  unbekümmert
um  die  Befehle  ihrer  Offiziere  zogen  die  Freischärler  auf  ihm  eilends
von  dannen.

Für  den  Hrinzen  von  Hreußen  ergab  sich  daraus  die  Motwendigkeit,
seine  Streitkräfte  zu  teilen:  Zirschfeld  hatte  die  fliehenden  Feinde  zu  verfolgen,
  während  Gröben  Rastatt  cernierte.

Die  aufgelösten  Massen  der  Insurgentenarmee  wandten  sich  meist
nach  Freiburg,  von  wo  Sigel,  Mieroslawski  im  Oberbefehl  wieder  ablösend,
  die  Truppen,  Waffen  und  Dorräte  auf  das  Schweizer  Gebiet
füllren  wollte.  Allein  die  in  Freiburg  anwesenden,  früher  badenschen
Truppen  zogen  es  vor,  um  Amnestie  bittend,  dem  General  von  Hirschfeld
ihre  freiwillige  Unterwerfung  anzubieten.  Tun  war  Freiburg  nicht  mehr
zu  halten:  am  7.  Juli  besetzten  die  Hreußen  die  Stadt.  Heucker  hatte
unterdessen  Konstanz  erreicht,  so  daß  binnen  wenigen  Tagen  jetzt  die  ganze
badische  Grenze  teils  mit  preußischen,  teils  mit  Reichstruppen  umzogen
        <pb n="213" />
        Der  Feldzug  in  Baden.  207

war.  Aber  die  meisten  Führer  des  Aufstandes  waren  schon  vorher  darauf
bedacht  gewesen,  sich  in  Sicherbeit  zu  bringen.

Jetzt  trat  zu  allgemeiner  Überraschung  auch  Esterreich  mit  dem
Wunsche  hervor,  zwar  nicht  an  dem  Kampfe,  wohl  aber  an  dem  Siege
teilzunehmen:  es  schickte  sich  an,  ein  Truppencorps  in  Baden  einrücken  zu
lassen,  um  einen  Teil  des  Großherzogtums  zu  besetzen  und  daraufbin  bei
der  Entscheidung  über  das  Schicksal  des  befreiten  Landes  mitzusprechen.
Mit  Wachdruck  indessen  trat  diesem  Unterfangen  der  Hrinz  von  Hreußen
entgegen.  Er  verbat  sich  mit  so  viel  höflicher  Bestimmtheit  jede  Einmischung
  Gsterreichs  in  die  badischen  Angelegenheiten,  daß  Esterreich  doch
für  gut  befand,  auf  seinen  Wunsch  zu  verzichten.

Aber  doch  war  der  Feldzug  noch  nicht  zu  Ende:  Rastatt  befand  sich
noch  in  den  Händen  der  Aufständischen.  Gegen  6000  Wann  lagen  in
der  Festung  zusammengepreßt,  Freischärler,  Soldaten,  Bürgerwehren,  dazu
Abenteurer,  zumal  aus  Holen,  und  Frankreich,  meist  über  die  Lage  der
Dinge  absichtlich  getäuscht  und  voll  Hoffnung  baldigen  Entsatzes.  Das
Gröbensche  Corps  hielt  die  Festung  in  weitem  Girkel  eingeschlossen;  bei
ihm  hatte  jetzt  der  Hrinz  sein  Hauptquartier.  Täglich  besichtigte  er  die
Stellungen  der  Truppen  und  besuchte  die  Biwaks.  Da  stellte  im  Zauptquartier
  in  Baden  der  Romandichter  Rackländer  sich  ein,  der  durch  seine
humoristischen  „Bilder  aus  dem  Soldatenleben  im  Frieden“  in  militärischen
Kreisen  wohlbekannt  war.  Er  hatte  im  Bauptquartier  Radetzkys  den
Feldzug  der  Esterreicher  in  Gberitalien  mitgemacht;  jetzt  kam  er  auch
nach  Zaden,  um  Studien  für  Bilder  des  Soldatenlebens  im  Kriege  zu
machen.  Freundlich  gewährte  der  Drinz  von  Hreußen  ihm  die  erbetene
Audienz.

„Man  kann  sich  leicht  denken“,  erzählt  Hackländer,  „wie  ehrenvoll
und  wohlthuend  es  für  mich  war,  von  dem  hohen  Beerführer  freundlich
angeredet  und  empfangen  zu  werden,  von  einem  Mann,  zu  dem  ich  schon
vor  längeren  Jahren,  als  ich  noch  als  Soldat  die  preußische  Uniform
trug,  gleichwie  alle  meine  Kameraden,  mit  Liebe  und  angeborener  Derehrung
  aufgeblickt.  Der  Hrinz,  eine  schöne,  hochgewachsene  Gestalt,  hat
einen  freundlichen,  heiteren,  außerordentlich  gewinnenden  Gesichtsausdruck,
lebhafte  Augen  und  spricht  mit  tiefer,  klangvoller  Stimme.  Gekleidet
war  er  in  die  einfache  Generalsuniform,  und  im  Knopfloche  trug  er  das
in  den  Befreiungskriegen  wohlerworbene  Eiserne  Kreuz.“

Der  Prinz  befragte  Hackländer  in  der  ihm  eigentümlichen  liebenswürdigen
  Weise  über  den  letzten  italienischen  Feldzug;  die  österreichische
Armee  und  die  Persönlichkeit  des  Feldmarschalls  Radetzky,  indem  er  sich
        <pb n="214" />
        208  Diertes  Kapitel.

mit  großer  Anerkennung  sowohl  über  den  Heerführer  wie  über  die
Truppen  ausließ.  Darauf  stellte  er  den  Poeten  dem  jungen  Prinzen
Friedrich  Karl  vor,  der,  bei  Wiesenthal  verwundet,  den  Arm  noch  in  der
Schlinge  trug.  Lächelnd  bemerkte  er  bei  der  Vorstellung,  eigentlich  sei
Rackländer  ein  nicht  ganz  würdiges  Mitglied  der  preußischen  Armee  gewesen;
  denn  er  habe  sich  erlaubt,  in  seinem  Soldatenleben  im  Frieden
manches  aus  dem  inneren  Dienste  komischer  zu  behandeln  und  darzustellen,
als  es  wirklich  wäre.  Manche  Schwäche  desselben  habe  er  schärfer  als
notwendig  hervorgehoben,  überhaupt  etwas  stark  aus  der  Schule  geschwatzt.

„Allerdings“,  entgegnete  Hackländer,  „Königliche  Hoheit,  fühle  ich
mich  schuldig;  aber  ich  bin  gewiß,  jetzt,  wo  es  den  Ernst  des  Militär—
lebens  gilt,  mit  voller  Wahrhaftigkeit  über  die  braven  preußischen  Truppen
auch  mit  dem  allerbösesten  Willen  so  schreiben  zu  müssen,  daß  mich  kein
Tadel  treffen  kann.“

Den  Gefsechten  der  preußischen  Truppen  gegen  die  Aufständischen
hatte  Hackländer  nicht  beigewohnt;  was  er  hier  im  Lager  sah,  war  ihm
charakteristisch  für  den  Geist,  der  die  Truppen  erfüllte.  Und  darauf  —
das  war  der  Eindruck  —  war  der  Einfluß  des  Oberfeldberrn  von  tiefgreifender
  Bedeutung.  „Der  Hrinz  von  Hreußen“,  sagt  er,  „ist  ein  vollkommener
  Soldat,  umsichtig,  unerschrocken,  von  festem  Tharakter,  für  seine
Untergebenen  in  jeder  Hinsicht  sorgend.  Und  durch  diese  Vorzüge  besitzt
er  die  Anhänglichkeit  und  Suneigung  der  ganzen  Armee.  Denn  wenn
auch  in  der  preußischen  Armee  ebenso  wie  in  allen  anderen  Dersuche  gemacht
  worden  sind,  die  Soldaten  in  Oflicht  und  Treue  zum  Wanken  zu
bringen,  so  hat  der  Name  des  Hrinzen  als  ihres  Führers  gewiß  dazu  beigetragen,
  daß  der  Eid  der  Soldaten  unbefleckt  blieb  und  daß  jeder  getreu
  der  Fahne  folgte.  Die  preußische  Disziplin  spricht  sich  ebenso  im  Gefechte
  und  im  Dienste  aus,  wie  in  den  Freistunden;  und  die  Artigkeit  und
Suvorkommenheit  der  Soldaten  im  Lager  kann  man  wahrhaft  musterhaft
nennen.  Dor  allem  betragen  sich  die  Landwehren,  lauter  ältere,  gesetzte
Leute,  außerordentlich  gut,  sowie  sich  auch  diese  eine  Seitlang  in  radikalen
Blättern  mit  großer  Freude  als  zweifelhaft  verschrieenen  Truppen  vortrefflich
  geschlagen  haben.“

Unterdessen  erfüllte  sich  das  Geschick  Rastatts.  Der  Hrinz  wünschte
die  Festung  zur  Ergebung  zu  bringen,  ohne  zu  den  äußersten  Gewaltmitteln
  schreiten  zu  müssen.  Denn  eine  regelrechte  Belagerung  würde
nicht  nur  durch  die  Serstörung  der  Festungswerke  einen  Herlust  von
Millionen  zur  Folge  gehabt  haben,  sondern  sie  würde  auch  das  Blut
vieler  braver  Soldaten  gekostet  Raben.  Der  Hrinz  hielt  daher  eine  Cer-
        <pb n="215" />
        Der  Feldzug  in  Baden.  209

nierung  der  Festung  für  ausreichend.  Denn  es  war  vorauszusehen,  daß
auch  diese  schon  durch  den  Mangel  an  Lebensmitteln  bald  zur  Übergabe
der  Festung  führen  mußte.  Wohl  wurden  auch  Bomben  und  glühende
Kugeln  in  die  Festung  geworfen,  aber  nur  um  die  Belagerten  zu  schrecken.
Und  es  genügten  auch  wenige  Wochen,  um  diese  zu  der  Überzeugung  zu
bringen,  daß  die  Festung  nicht  zu  halten  sei.  Entsatz  konnte  von  nirgendher
  erwartet  werden;  sich  durchzuschlagen  war  auch  unmöglich.  So  ergab
  sich  denn  am  25.  Juli  die  Festung  auf  Gnade  und  Ungnade.

Die  Aufständischen  strecken  am  24.  Juli  1849  bei  Rastatt  die  Waffen.

Am  Tachmittage  ließ  der  Hrinz  von  Hreußen  die  für  die  Entwaffnung
  aufgestellten  preußischen  Truppen  antreten.  In  lauter  und  fester
Sprache  dankte  er  ihnen  für  die  Anhänglichkeit,  die  sie  dem  Könige
und  dem  Daterlande  bewiesen,  für  die  Tapferkeit,  die  sie  überall  gezeigt,
  für  die  Bereitwilligkeit,  mit  der  sie  sich  allen  Mühen  und  Gefahren
  unterzogen.  „In  wenig  Augenblicken",  schloß  er  eindringlich
die  Stimme  erhebend,  „werdet  ihr  das  traurige  Schicksal  der  Entwaffnung
von  Soldaten  erleben,  die  ihrem  Fürsten  und  ihren  Fahnen  eidbrüchig
geworden  sind:  die  entehrendste  Demütigung,  die  es  für  den  Krieger

Kaiser  Wilhelm.  14
        <pb n="216" />
        210  Viertes  Kapitel.

giebt!“  Mit  einem  freudigen  Hoch  auf  ihren  König  antworteten  die
Bataillone.

Die  festgesetzte  Stunde  der  Kapitulation  war  da.  Die  Thore  der
Festung  öffneten  sich,  und  heraus  bewegte  sich  der  lange  Zug  der  die
Gnade  des  Siegers  anrufenden  Insurgenten.

„Ich  will  diese  Leute  nicht  sehen!“  sagte  der  Prinz  mit  unmutigem
Ton  und  ritt  von  dannen.

Mit  klingendem  Spiele  rückten  die  auf  Gnade  und  Ungnade  sich
Ergebenden  heran.  Auf  Befehl  der  Preußen  mußte  indes  die  Musik
schweigen.  Vor  der  Front  der  Sieger  hatten  sie  ihre  Waffen  nieder—
zulegen;  dann  wurden  sie  —  es  waren  immer  noch  5600  Mann  —
abteilungsweise  in  die  Festung  zurückgeführt  und  dort  in  den  Kasematten
als  Gefangene  untergebracht.  Um  6  Uhr  zogen  die  Sieger  in  die
Stadt  ein.

Durch  die  Kapitulation  kam  auch  der  Major  Hindersin  vom
Generalstabe  der  Reichsarmee  wieder  frei.  Man  hatte  ihm  in  der
Festung,  als  man  ihn  frei  ließ,  statt  seines  eigenen  Säbels  den  eines
Dragoners  gegeben.  Er  meldete  sich  jetzt  bei  dem  Höchstkommandierenden.
Sobald  der  Prinz  das  Fehlen  des  Hortepees  bemerkte,  schlang  er  sein
eigenes  los  und  gab  es  Hindersin  als  ein  Seichen  der  Achtung  für  den
wackeren  Offizier.  ·

Der  Krieg  war  zu  Ende.  Die  Pfalz  wie  Baden  waren  von  den
Insurgentenscharen  befreit  und  ihrer  rechtmäßigen  Regierung  zurückgegeben.
Noch  von  dem  Schlosse  Favorite  aus,  wo  in  den  letzten  Tagen  das  große
Hauptquartier  gewesen  war,  erließ  der  Prinz,  seinen  Truppen  zu  danken,
einen  Armeebefehl.  „Euch,  tapfere  Kriegsgefährten“,  heißt  es  darin,
„gebührt  der  Ruhm  dieser  Erfolge,  den  ihr  unter  dem  treuen  Beistande
eurer  deutschen  Brüder  des  Zeckarcorps  errungen  habt!  Eurem  Mut,
eurer  Ausdauer  und  Hingebung  für  die  gerechte  Sache,  zu  der  der  Befehl
unsers  Königs  uns  ins  Feld  rief,  ist  es  zu  verdanken,  daß  in  so  kurzer
Seit  zwei  Länder  euch  ibre  Befreiung  von  Willkür  und  Gesetzlosigkeit
verdanken.  Während  in  euren  Reihen  Sucht,  Ordnung  und  Geborsam
herrschten,  habt  ihr  gesehen,  was  aus  einer  Truppe  wird,  in  der  diese
Erfordernisse  eines  wohldisziplinierten  Heeres  fehlen,  namentlich  wenn
dazu  noch  der  Dorwurf  des  Gewissens  tritt,  seinem  Herrscher  und  dessen
Fahnen  den  Eid  freventlich  gebrochen  zu  haben.  Während  ihr  in  Treue
gegen  König  und  Daterland  beharrtet,  während  Vorgesetzte  und  Untergebene
  in  Oflichterfüllung  wetteiferten,  folgte  der  Sieg  unsern  Fahnen.
Mit  Stolz  sehe  ich  auf  eine  Armee,  der  es  unter  Gottes  Beistand  be-
        <pb n="217" />
        Der  Feldzug  in  Baden.  211

schieden  war,  den  alten  wohlgegründeten  Kriegsruhm  Preußens  zu  er—
neuern.“

Und  mit  der  gleichen  Bescheidenheit  trat  der  sieghafte  Prinz  dem
Fürsten  gegenüber,  den  sein  Schwert  allein  wieder  auf  den  Thron  Badens
zurückgeführt  hatte.  Am  18.  August  hielt  der  Großberzog  Leopold  an
der  Seite  des  Drinzen  von  Hreußen  seinen  Einzug  in  Karlsruhe,  die  ihm
wiedergegebene  Zauptstadt.  Die  Feier  hatte  etwas  Wehmütiges.  Freudig
riefen  die  Bürger  ihrem  wiederkehrenden  Landesberrn  Willkommen  zu,
aber  in  den  Augen  vieler  flimmerten  Thränen.  Holl  warmer  Empfindung
  sprach  der  Großherzog  öffentlich  dem  Hrinzen  seinen  Dank  aus
und  überreichte  ihm  das  Großkreuz  des  badischen  Militärverdienstordens.
Leicht  hätte  in  diesem  Dorgange  etwas  Demütigendes  für  den  Großherzog
liegen  können;  aber  diesen  Schein  verlor  der  Akt  vollständig  durch  die
Raltung  des  Hrinzen,  der  —  nach  dem  Berichte  eines  Augenzeugen  —
„mit  seinem  bewundernswerten  Takte  und  seiner  anspruchslosen  Bescheidenheit
  nur  wie  der  General  dastand  und,  in  diesem  Sinne  antwortend,
  alles  abwies,  was  ihn  hätte  als  den  Thronerben  jener  Macht
erscheinen  lassen,  die  Baden  eben  unter  ihre  Fittiche  genommen.“

Das  ist  eben  das  Charakteristische  in  der  Bescheidenheit  des  Hrinzen,
daß  er  mit  Freudigkeit  und  sichtlicher  Genugthuung  bereit  war,  das  Derdienst
  der  anderen  zu  preisen;  aber  der  Anerkennung  seines  eigenen  Ver—
dienstes  entzog  er  sich  sorgsam,  so  daß  mancher  obenhin  Urteilende  1870
wohl  Moltke  auf  Kosten  König  Wilbelms  erhoben  hat.  Bier  in  Baden
aber  stand  dem  Hrinzen  überbhaupt  kein  Moltke  zur  Seite,  sondern  nur
ein  Major  des  Generalstabes  (von  Kirchfeldt),  der  schwerlich  einem  Manne,
der  in  55  Friedensjahren  rastlos  an  seiner  militärischen  Ausbildung  gearbeitet,
  viel  gute  Ratschläge  hat  geben  können.  Und  dann,  welches
Licht  wirft  der  Umstand  auf  die  Oberleitung  der  Kriege  von  1866  und
1870—71,  daß  der  Grundgedanke  dieser  Kriege,  den  Feind  durch  sorgfältig
  vorbereitete  Umfassung  zu  erdrücken,  schon  in  dem  badischen  Feldzuge
  deutlich  hervortritte  Mit  Klarheit  weist  diese  Übereinstimmung
darauf  hin,  daß  König  Wilhelm  in  einem  viel  höberen  Grade  die  strategische
  Oberleitung  auch  der  großen  Kriege  geführt  hat,  als  seine  bis
zur  Ungerechtigkeit  gegen  sich  selbst  gesteigerte  Bescheidenheit  es  jemals
hat  zugeben  wollen.  Sehr  recht  hat  daher  Russell,  der  englische  Seitungskorrespondent,
  mit  sicherer  Beobachtung  1870  zu  betonen,  daß  König
Wilhelm  in  einem  Grade  wirklicher  „Oberfeldherr“  gewesen  sei,  wie  nicht
leicht  jemand  vor  ihm.  Auch  darauf  ist  endlich  noch  hinzuweisen,  wie  der
Prinz  von  Hreußen  es  1840  verstanden  hat,  die  ihm  angebotene  Rilfe  öster-147
        <pb n="218" />
        212  Viertes  Kapitel.

reichischer  Truppen  in  einer  diplomatisch  wie  militärisch  gleich  richtigen
Weise  abzulehnen,  ohne  daß  ein  Ratgeber  ihm  zur  Seite  gestanden  hat.

Mit  lauter  Freude  begrüßte  den  heimkehrenden  Sieger  das  dankbare
Vaterland.  Am  Abend  des  11.  Oktober  traf  er  in  Potsdam  ein,  wo
der  König  an  der  Spitze  der  Potsdamer  Offiziercorps  ihn  auf  dem  Bahnhofe
  empfing.  Zunächst  begleitete  er  den  königlichen  Bruder  nach  Sanssouci,
  dann  aber  ritt  er  nach  Babelsberg  hinüber,  die  in  Sehnsucht  seiner
harrende  Gemahlin  und  das  Kinderpaar  zu  begrüßen.

Am  nächsten  Morgen  kam  er  nach  Berlin.  Mit  Gewinden  von
Eichenlaub,  mit  Blumen  und  Lorbeerkränzen  war  sein  Halais  Unter  den
Cinden  festlich  geschmückt;  und  drinnen  harrten  Deputationen  der  städtischen
  Zehörden  Berlins,  des  Abgeordneten=  und  des  Herrenhauses,  die
Rofstaaten  und  die  Mkinister,  ihre  huldigende  Begrüßung  dem  Hrinzen
darzubringen.  „Hreußen  darf  stolz  darauf  sein“,  sagte  Graf  Schwerin,
der  Dräsident  des  Abgeordnetenhauses,  „daß  es  sein  Thronfolger  war,
der,  während  er  unsere  brave  Armee  zum  Siege  führte  gegen  Aufruhr
und  Derrat,  gleichzeitig  sich  einen  Hlatz  erwarb  in  dem  Herzen  der  deutschen
  Bruderstämme,  die  zu  einer  innigeren  Dereinigung  zu  führen  und
damit  die  Macht  und  Größe  Deutschlands  auf  dauerhafter  Grundlage
aufzubauen,  Hreußens  Beruf  für  die  Sukunft  ist.“  ·

„Die  großen  Gefahren“,  erwiderte  der  Prinz,  „in  denen  das  Vater—
land  geschwebt  hat,  sind  noch  nicht  vorüber.  In  Preußen  sind  sie  durch
die  moralische  Macht  zurückgedrängt  worden;  in  Baden  hat  es  geschehen
müssen  durch  die  Gewalt  der  Waffen.  Mein  persönlicher  Anteil  dabei
ist  nicht  hoch  anzuschlagen;  mit  einer  Armee  wie  die  unsrige  kann  man
des  Erfolges  sicher  sein.  Sie  ist  das  Mittel,  die  Gefahren  gänzlich  zu
überwältigen.  Daß  sie  dies  im  stande  ist,  dafür  bürgt  ihr  trefflicher  Geist,
ihr  Mut,  ihre  Disziplin  und  die  gute  Haltung,  die  sie  stets  bewahrt  hat.“

Wer  könnte  die  tiefe  Bedeutung  dieser  Worte  verkennen?  Sie  wiesen
Schwerin  auf  die  Armee  hin.  Der  badische  Feldzug  galt  dem  Prinzen
nur  als  ein  Anfang  zur  Lösung  der  deutschen  Frage;  und  wenn  es  nicht
anders  sein  könne,  so  war  er  entschlossen,  frohen  Mutes  noch  einmal  in
den  Krieg  für  Preußen  und  Deutschland  hinauszuziehen.

Im  Nebensaale  stand  Rudolf  von  Auerswald  als  Präsident  an  der
Spitze  der  Deputation  des  Herrenhauses.  Er  sprach  zu  dem  Prinzen
von  dem  Wege,  den  dieser  an  der  Spitze  eines  treuen  und  tapferen
Beeres  zur  Befreiung  Deutschlands  von  schweren  Gefahren  ruhmvoll
vollendet  habe.  „Die  Denksteine“,  fuhr  er  fort,  „welche  diesen  Weg
bezeichnen,  erzählen  nicht  allein  von  Kriegsthaten;  sie  sind  auch  jenen
        <pb n="219" />
        Der  Feldzug  in  Baden.  213

fruchtbringenden  Erinnerungen  geweiht,  aus  welchen  die  Zeit  die  Eini—
gung  deutscher  Stämme  schafft.“

Auch  Auerswald  faßte  den  badischen  Feldzug  als  einen  ersten  Schritt
zur  Einigung  Deutschlands.  Aber  nicht  zum  zweitenmal  ging  der  Prinz
auf  diesen  Gedanken  ein.  Herzlich  schüttelte  er  dem  Jugendfreunde  die
Rand,  dankte  ihm  für  den  Ausdruck  so  freundlicher  Gesinnungen  und
empfahl  die  preußische  Armee  der  steten  und  besonderen  Sorgfalt  der
preußischen  Kammern.

Prinz  Friedrich  Wilhelm  im  Jahre  1849.

Worte  verwehen.  Sum  bleibenden  Gedächtnis  ließ  der  König  am
Weinberge  bei  Sanssouci  einen  Triumphbogen  errichten,  der  die  Inschrift
trägt:  „Su  Ehren  des  Hrinzen  von  Hreußen,  Friedrich  Wilhelm  Ludwig
des  Feldberrn,  der  Hührer  und  der  Krieger,  welche  den  Aufruhr  in  der
Rheinpfalz  und  in  Baden  besiegten.  1840.“  Der  Gedanke  des  Königs  war,
die  Auffahrt  nach  dem  Schlosse  Sanssouci  so  zu  verlegen,  daß  der  Triumphbogen
  zu  derselben  das  Einfahrtsthor  würde.  An  der  VDorderseite  schmücken
das  Shrenthor  die  Statuen  der  Stärke,  der  Gerechtigkeit,  der  Mäßigkeit,
der  Weisheit.  Dagegen  zeigen  an  der  inneren  Seite  des  Thores  je  zwei
        <pb n="220" />
        214  Viertes  Kapitel.

Basreliefs  links  den  Auszug  der  Krieger  und  den  Kampf,  rechts  den  Sieg
und  die  Heimkehr;  in  römischer  Rüstung  ist  auf  ihnen  der  Prinz  dargestellt.

Und  wer  hat  nicht  in  Babelsberg,  aus  dem  Tanzsaal  ins  Grüne
blickend,  das  herrliche  Monument  von  Kiß  gesehen,  den  Erzengel  Michael,
der  den  Drachen  tötet?  Zu  Ehren  seines  Bruders  hat  es  König  Friedrich
Wilhelm  dort  aufstellen  lassen,  während  er  einen  andern  Abguß  des
Denkmals  auf  dem  alten  Kirchhof  in  Karlsruhe  dem  Gedächtnis  der  in
dem  Kampfe  gegen  den  Aufstand  gefallenen  preußischen  Offiziere  und
Soldaten  gestiftet  hat.

Und  fragen  wir  nach  dem  Ertrage  des  kurzen  Feldzuges,  so  ist  er
ein  doppelter:  nicht  nur  brachte  der  Drinz  von  Hreußen  den  Ruhm  eines
geschickten  Feldberrn  und  eines  tapferen,  todverachtenden  Mannes  heim,
sondern  auch  Hreußen  selbst  gewann  als  der  Schirmbherr  der  Ordnung
in  Deutschland  selbst  in  den  ihm  widerstrebenden  Kreisen  sehr  an  Achtung.
Und  das  war  für  die  weitere  Entwickelung  der  deutschen  Frage  von
höchster  Bedeutung.

Swar  der  Hrinz  verlegte,  von  neuem  zum  Militärgouverneur  von
Rheinland  und  Westfalen  ernannt,  seine  Residenz  nach  Koblenz;  aber  es
lag  doch  in  seiner  Stellung  als  Thronfolger,  daß  er,  obwohl  er  sich  geflissentlich
  zurückhielt,  doch  an  besonders  wichtigen  Beschlußfassungen  teilnahm,
  freilich  nicht  eben  oft  im  Rate  des  HKönigs  mit  seiner  Meinung
durchdringend.
        <pb n="221" />
        Fünftes  Kapitel.
Die  Jahre  der  Reaktion.

Mit  großen  Hoffnungen  hatte  man  im  Jahre  1848  allerorten  in
Deutschland  den  Liberalismus  begrüßt.  Die  Erwartung  war,  daß  er
die  umsturzlüsternen  Radikalen  meistern  und  eine  freie  und  würdige  Gestaltung
  der  deutschen  Derhältnisse  herbeiführen  werde.  Das  war  es,
was  ihm  politisches  Gewicht,  was  der  deutschen  Tationalversammlung  in
Frankfurt,  seinem  mächtigsten  Organ,  Ansehen  gab.  Allein  weder  fest
noch  erfolgreich  den  Demokraten  entgegentretend,  erwies  er  sich  ihnen
nicht  gewachsen;  mit  unrühmlichem  Ausgange  endigte  die  deutsche  ationalversammlung.
  Und  der  Gefahren,  mit  denen  der  Radikalismus  ganz
Deutschland  bedrohte,  vermochten  nicht  die  liberalen  Elemente  Berr  zu
werden:  erst  den  sich  fest  zusammenschließenden  Konservativen  ist  dies  gelungen.
  Darum  ist  es  begreiflich,  daß,  wie  diese  allein  den  Sieg  erkämpft
hatten,  so  sie  auch  die  Früchte  desselben  allein  für  sich  in  Anspruch
nahmen.  Das  ist  der  Grund  und  zugleich  der  Inhalt  der  nunmehr  sich
erbebenden  Bewegung,  die  man  als  die  „Reaktion“  zu  bezeichnen  pflegt.
Einen  starken  Rückhalt  gewährte  dieser  Bewegung  Gsterreich;  denn  seit
dem  Frühjahr  1840  war  sein  Siel,  die  Dinge  in  Deutschland  auf  den
früheren  Stand  zurückzufülhren.  Es  warf  sich  zum  Beschützer  der  Kleinstaaterei
  in  Deutschland  auf,  damit  Deutschland  schwach  bliebe;  Hreußen
dagegen  betrieb  die  Einigung  Deutschlands,  damit  Deutschland  erstarke.
Das  aber  war  das  Derhängnis,  daß  König  Friedrich  Wilhelm  glaubte,
die  Einheit  Deutschlands  durchsetzen  zu  können,  ohne  doch  darüber  mit
Esterreich  zu  brechen.

Aber  anderseits  stärkte  die  Ausgestaltung  der  inneren  Derhältnisse
Oreußens  das  Dertrauen  der  Besonnenen.  Das  neue  Wahlgesetz  ließ
jedem  Urwähler  sein  Wahlrecht,  stufte  aber  nach  dem  Waßstabe  der
Steuerleistung  für  Staat  und  Gemeinde  das  Gewicht  der  Wahlstimmen
ab.  Die  auf  Grund  dieses  Wahlgesetzes  gewählte  Dolksvertretung  war
        <pb n="222" />
        216  Fünftes  Kapitel.

durchaus  davon  entfernt,  der  Regierung  grundsätzliche  Opposition,  wie
es  vordem  geschehen  war,  entgegenzustellen.  Vielmehr  trat  auf  beiden
Seiten  der  ernste  Entschluß  zu  Tage,  Preußen  in  die  Reihe  der  konstitutio—
nellen  Staaten  dauernd  einzuführen.  Und  die  Wirkung  hiervon  zeigte
sich  unverkennbar  darin,  daß  147  frühere  Mitglieder  der  Frankfurter
Mationalversammlung,  in  Gotha  zu  gemeinsamer  Beratung  versammelt,
die  Regierungen  zum  Anschlusse  an  den  Dreikönigsbund,  jeden  einzelnen
Deutschen  zur  Förderung  des  großen  Werkes  der  Einigung  Deutschlands
unter  Preußens  Führung  aufforderten.  Dazu  indessen  trat  der  Eindruck
des  badischen  Feldzuges.  Sämtliche  deutsche  Staaten  —  das  war  die
Folge  —  traten  mit  sichtlichem  Eifer  dem  Dreikönigsbunde  bei;  nur  die
beiden  süddeutschen  Königreiche,  Cuxemburg  und  der  Kleinstaaten  kleinste,
Liechtenstein  und  Bessen-Komburg,  blieben  noch  fern.

Unterdessen  aber  hatte  Ssterreich  den  Aufstand  seiner  italienischen
Drovinzen  und  mit  Rußlands  Hilfe  die  Erhebung  Ungarns  niedergeworfen.
Sofort  richtete  es  sein  Augenmerk  wieder  auf  Deutschland.  Denn  wenn
es  hier  nicht  die  entscheidende  Stimme  hätte,  so  meinte  es  den  Bestand
seiner  ganzen  Monarchie  bedroht  zu  sehen.  Dorsichtig  drängte  Fürst
Schwarzenberg,  der  in  Wien  die  auswärtigen  Angelegenheiten  lenkte,
Preußen  zu  dem  Dertrage  vom  50.  September  1840,  nach  dem  eine
„Bundeskommission“,  bestehend  aus  zwei  preußischen  und  zwei  österreichischen
  Kommissaren  zunächst  bis  zum  2.  Mai  1850  die  provisorische
Sentralgewalt  in  Deutschland  übernebmen  sollte.  So  hatte  es  wieder
seine  Rand  in  den  deutschen  Angelegenheiten,  und  sofort  zogen  sich  jetzt
im  Dertrauen  auf  Esterreich  auch  die  beiden  norddeutschen  Königreiche
aus  dem  zur  „Union“  erweiterten  Dreikönigsbündnisse  zurück.  Daher
war,  als  am  20.  März  1850  das  Harlament  der  Union  in  Erfurt  zusammentrat,
  außer  Hreußen  keins  der  deutschen  Königreiche  darin  vertreten.
  Dem  Urteilsfähigen  zeigte  sie  schon  damals  hippokratische  Süge.

Unablässig  war  unterdessen  Gsterreich  bemüht,  in  dem  schwanken
Bau  der  Union  einen  Stein  nach  dem  andern  zu  lockern.  Graf  Brandenburg
  war  über  diese  Beimlichen  Wühlereien  entrüstet.  Doller  Smpfindung
für  Hreußens  Shre,  ließ  er  sich,  falls  Schwarzenberg  von  seinen  Umtrieben
  gegen  die  Union  nicht  ließe,  von  der  preußischen  Dolksvertretung
zur  Mobilmachung  gegen  Ssterreich  54  Millionen  Mark  bewilligen.
Allein  unbekümmert  darum,  lud  Ssterreich  auf  den  10.  Mai  1850  die
deutschen  Regierungen  zu  einer  außerordentlichen  Hlenarversammlung  des
Deutschen  Bundes  in  Frankfurt  am  Main  ein.  Das  war  weiter  nichts,
als  der  Dersuch,  den  1848  gesetzmäßig  aufgelösten  Bundestag  wiederher-
        <pb n="223" />
        Die  Jahre  der  Reaktion.  217

zustellen.  Zwar  erschienen  anfangs  nur  die  Vertreter  der  vier  König—
reiche,  Luxemburgs  und  Homburgs,  aber  bald  stellten  sich  auch  diejenigen
anderer  deutscher  Staaten,  ganz  unbekümmert  um  deren  Zugehörigkeit
zur  Union  in  Frankfurt  ein.  Vergebens  protestierte  Preußen  dagegen;
es  war  durchaus  entschlossen,  den  durch  Osterreich  wieder  ins  Leben  gerufenen
  Bundestag  nicht  anzuerkennen.  Aber  es  sah  sich  auch  durch
die  schleswig-holsteinische  Frage  von  Osterreich  getrennt.  Esterreich  trat
einfach  für  das  Besitzrecht  des  Königs  von  Dänemark  auf  die  Berzogtümer
  ein  und  wollte  den  Ausgleich  dem  neuen  Bundestage  überweisen.
König  Friedrich  Wilhelm  aber  wollte  den  Ausgleich  zwischen  den  Elbherzogtümern
  und  der  dänischen  Krone  durch  die  Bildung  einer  österreichisch-preußischen
  Kommission  unter  Hollmacht  aller  deutschen  Regierungen
  bewirken.  In  der  Sache  war  er  im  Grunde  mit  Ssterreich  einverstanden,
  da  auch  er  die  Wiederherstellung  der  königlichen  Autorität  in
den  Berzogtümern  wünschte,  aber  in  der  Wahl  der  Instanz  unterschied
er  sich  scharf  von  ihm.  Und  auch  Esterreich  erschien  dieser  Gegensatz
bedeutend  genug,  um  seiner  Meinung  durch  Truppenansammlungen  in
Böhmen  und  Dorarlberg  Nachdruck  zu  geben.

In  diesem  Gegensatze  der  beiden  deutschen  Großmächte  legte  König
Friedrich  Wilhelm  Gewicht  darauf,  die  Meinung  des  russischen  Kaisers,
seines  Schwagers,  für  sich  zu  gewinnen.  Kaiser  NMikolaus  indessen,  ein
Fürst  von  klarem,  aber  engem  Geiste,  war  mit  den  nationalen  Bestrebungen
seines  „phantastischen“  Schwagers  durchaus  nicht  einverstanden.  Er  mißbilligte
  die  freisinnige  Derfassung,  die  der  König  seinem  Lande  verlieben
hatte,  und  noch  herber  tadelte  er  es,  daß  dieser  auf  einer  solchen  Grundlage
  seine  Stellung  in  Deutschland  zu  erhöhen  suchte.  Don  Csterreich
war  er  wohl  ein  alter  Gegner,  aber  die  Entschiedenheit,  mit  der  es  die
freisinnigen  Bewegungen  in  Oberitalien  wie  in  Ungarn  niederzutreten
versucht  hatte,  imponierte  ihm.  Kein  geringerer  als  der  Hrinz  von
Dreußen  erhielt  den  Auftrag,  in  alter  Freundschaft  den  Saren  für  Hreußen
zu  gewinnen.  Dem  Major  Edwin  von  Wanteuffel  diktierte  der  König
selbst  die  Instruktion  für  den  Hrinzen.  Sie  gipfelte  in  der  Erklärung,
daß  er,  wenn  Osterreich  ihn  wegen  der  Union  angreifen  sollte,  auf  die
Neutralität  Rußlands  rechne;  sollte  aber  Rußland  auf  die  Seite  Esterreichs
treten,  so  täusche  er  sich  über  die  großen  Gefahren  nicht,  die  daraus  für
Dreußen  entstellen  würden;  aber  auch  wenn  er  dann  erliege,  so  erhebe  ihn
doch  das  Dertrauen  auf  die  Reinheit  seiner  Sache.

Der  Hrinz  begab  sich  nach  Schloß  Skierniewice  bei  Warschau,  wo
der  Kaiser  weilte.  „Weshalb  besorgt.  ihr  von  Esterreich  Feindseligkeiten  “
        <pb n="224" />
        218  Fünftes  Kapitel.

fragte  ihn  der  Kaiser  gleich  nach  seiner  Ankunft  am  28.  Mai  1850.
Der  Hrinz  wies  auf  die  Ansammlung  von  Truppen  in  Böhmen  und
Dorarlberg  sowie  auf  den  drohenden  Ton  der  äösterreichischen  Noten  hin.

„Die  drohende  Sprache"“,  entgegnete  der  Kaiser,  „beweist  nichts.  In
Böhmen  stehen  zudem  lange  nicht  soviel  Truppen,  wie  man  glaubt.
Überhaupt  ist  Gsterreich  gar  nicht  in  der  Lage,  einen  Krieg  zu  führen,
wenn  es  nicht  das  russische  Heer  zum  Rückhalt  hat.  Ohne  diesen  kann
es  seine  Corps  nicht  ausrücken  lassen,  da  nach  deren  Entfernung  allerorten
  neue  Unruhen  ausbrechen  würden.  Ich  aber  denke  nicht  an  Krieg.
Ich  komme  nur  dem  Angegriffenen  zu  Hilfe;  allerdings  darf  er  nicht  den
Angriff  durch  moralischen  Swang  provoziert  haben.“

„Dazu“",  wandte  der  Hrinz  ein,  „geben  wir  keinen  Anlaß.  Was
wir  thun,  ist  durch  die  Artikel  der  Bundesakte  und  der  Derträge  gerechtfertigt.“


„Jch  bitte  euch“,  rief  der  Kaiser  aus,  „redet  mir  nicht  von  Dertragsartikeln,
  von  deren  Deutung  ich  nichts  verstehe.  ÜUbrigens  bin  ich
auch  mit  der  österreichischen  Holitik  unzufrieden;  sie  ist  schwankend  und
hinterhaltig,  aber  politisch  klug:  sie  sucht  Seit  zu  gewinnen.“

Mun  erschien  auch  Fürst  Schwarzenberg  in  Skierniewice,  um  dem
starken  persönlichen  Einflusse  des  Orinzen  von  Hreußen  entgegenzuwirken.
Ihm  gegenüber  erklärte  der  Hrinz,  daß  es  die  flicht  Hreußens  sei,  für
eine  Derfassung  Deutschlands  zu  sorgen,  vollends  nachdem  sich  GEsterreich
durch  die  Derfassung  vom  5.  März  1850  in  einen  Einbeitsstaat  verwandelt.
  „Ach“,  sagte  Fürst  Schwarzenberg,  „diese  Perfassung  ist  zwar
gegeben;  es  kann  aber  noch  vieles  geschehen,  sie  zu  ändern.  Ihre  Ausführung
  liegt  noch  in  weitem  Felde.“  Überhaupt  ging  die  Meinung  des
Fürsten  dahin,  daß  es  am  besten  wäre,  wenn  Cslerreich  und  Hreußen
allein  die  ganze  deutsche  Frage  entschieden  und  den  andern  deutschen
Staaten  das  Gesetz  vorschrieben.  Dabei  sprach  er  sich  so  nichtachtend
über  diese  aus,  daß  der  Hrinz  mit  Bestimmtbeit  erklärte,  der  König  wie
er  selbst  seien  entschlossen,  die  Unabhängigkeit  der  kleineren  deutschen
Staaten  unter  allen  Umständen  zu  schützen.  Darüber  was  GEsterreich  in
Frankfurt  beabsichtige,  vermied  Fürst  Schwarzenberg  jede  Eräöffnung.
Gegen  die  Union  stellte  er  jede  kriegerische  Absicht  in  Abrede,  wenn  nicht
Umstände  einträten,  die  Gsterreich  zwängen  zum  Schwerte  zu  greifen.
Rauptsächlich  wegen  ihrer  konstitutionellen  Grundlage  —  das  war  durchaus
  der  Eindruck  des  Hrinzen  —  waren  Kaiser  NMikolaus  wie  Fürst
Schwarzenberg  gegen  die  Union.  Dieser  sah  darin  ein  böses  Beispiel
für  die  Hölker  Ssterreichs;  der  Kaiser  aber  vollends  erblickte  darin  die
        <pb n="225" />
        Die  Jahre  der  Reaktion.  219

Revolution  und  wünschte  geradezu,  daß  auch  Preußen  durch  einen  Staatsstreich
  der  Konstitution  bei  sich  ein  Snde  mache.  Mit  Mißtrauen  betrachtete
  er  die  Union;  der  wiederherstellung  des  Bundestags,  die  Gsterreich
  betrieb,  war  seine  ganze  Sympathie  zugewendet.

Ohne  Ergebnis  waren  die  Tage  von  Skierniewice;  immerhin  aber
klärten  sie  die  Situation.  Der  scharfe  Gegensatz  zwischen  Hreußen  und
Esterreich  blieb  bestehen,  und  Rußland  neigte  sich  offen  genug  dem

Krbeitszimmer  den  Prinzen  von  Preußen  im  Schlosse  zu  Koblenz.

Doppeladler  zu.  Da  wandte  sich  durch  den  Grafen  Hatzfeld,  den  preußischen
  Gesandten  in  Haris,  der  Hräsident  der  französischen  Republik,  Orinz
Louis  Mapoleon,  an  den  König  Friedrich  Wilhelm,  um  ihm  den  Gedanken
eines  Bündnisses  zwischen  Hreußen  und  Frankreich  nabezulegen.  Wit
einem  Schlage  hätte  das  die  Sachlage  verändert.  Hreußen,  das  sich
allein  den  beiden  Kaiserreichen  nicht  gewachsen  glaubte,  hätte  dann  mit
Entschiedenheit  ihnen  begegnen  können.  Und  der  Hreis  des  Bündnisses
sollte  nur  die  Abtretung  eines  Teiles  der  baprischen  Rheinpfalz  sein.  Auf
den  König  machte  dies  französische  Erbieten  den  Eindruck  einer  satanischen
Dersuchung.  Es  versetzte  ihn  in  die  höchste  Aufregung;  aber  ohne  auch
nur  einen  Augenblick  zu  schwanken,  wies  er  es  zurück.  Nicht  einen  Schuh-=
        <pb n="226" />
        220  Fünftes  Kapitel.

breit  deutschen  Bodens  wollte  er,  der  Schirmherr  Deutschlands,  daran
geben.

Um  so  mehr  aber  mußte  dem  Könige  daran  liegen,  sich  mit  Ruß—
land  zu  verständigen.  Er  that  den  Wünschen  des  Kaisers  Nikolaus  einen
Schritt  entgegen  und  schloß  am  2.  Juli  zu  Berlin  mit  Dänemark  Frieden,
indem  er  aus  der  schleswig-holsteinischen  Sache  sich  ganz  zurückzog.  Jetzt
war  der  Zar  von  dem  guten  Willen  Preußens,  den  Frieden  zu  erhalten,
überzeugt.  Schon  im  folgenden  Monate  machte  er  seinen  preußischen  Verwandten
  einen  Besuch  in  Berlin,  der  durchaus  das  alte  herzliche  Ver—
hältnis  der  beiden  fürstlichen  Familien  wiederherstellte.  Aber  eine  Unterstützung
  seiner  Politik  zur  Aufrechterhaltung  der  Union  vermochte  der
König  doch  bei  seinem  kaiserlichen  Schwager  nicht  zu  erreichen.  Und  doch
wurde  der  Gegensatz  der  beiden  deutschen  Grôßmächte  je  länger  um  so
schroffer.  Gsterreich  verlangte  vor  allem  die  Aufhebung  der  Unionsverfassung
  vom  26.  Mai,  weil  in  der  auf  diese  sich  gründenden  Union
kein  platz  für  Esterreich  sei;  Hreußen  aber  hielt  unerschütterlich  an  ihr
fest.  Da  that  denn  GEsterreich  den  entscheidenden  Schritt  und  proklamierte
am  2.  September  1850  den  alten  Bundestag  als  wieder  zu  Recht  bestehend.
  Zu  der  Eräöffnungssitzung  lud  es  Hreußen  mit  der  Erklärung
ein,  daß  auch  der  Tichterscheinende  zum  Gehorsam  gegen  die  Beschlüsse
der  Erschienenen  verpflichtet  sei.

Konnte  sich  dem  der  König  von  Hreußen.  unterwerfen?  Beschlüssen,
die  hinter  seinem  Rücken,  ja  gegen  seinen  Widerspruch  gefaßt  waren?
Es  schien  ihm  eine  enerträgliche  Demütigung  zu  sein.  Das  ging  zu  weit:
am  27.  September  berief  der  König  den  ihm  sehr  nahe  stehenden  General
von  Radowitz,  den  entschiedenen  Gegner  der  Schwarzenbergischen  politik,
zum  Minister  der  auswärtigen  Angelegenheiten.  Dennoch  ging  auf  eine
grundsätzliche  Opposition  gegen  Esterreich  seine  Meinung  nicht;  GEsterreich
dagegen,  von  den  deutschen  Gegnern  Hreußens  immer  beftiger  angestachelt,
war  entschieden,  die  Demütigung  Hreußens,  die  Auflösung  der  Union,
wenn  es  not  thäte,  auch  mit  den  Waffen  herbeizuführen.  Dazu  kam,
daß  die  SElbherzogtümer,  obgleich  sich  Hreußen  von  ihnen  zurückgezogen,
Dänemark  sich  nicht  unterwerfen  wollten,  so  daß  die  schleswigeholsteinische
Frage  zum  steten  Verdrusse  des  Kaisers  Nikolaus  nicht  zur  Ruhe  kommen
konnte.  Und  die  kurhessische  brachte  noch  neuen  Sündstoff  dazu.

Der  Kurfürst  von  Ressen,  in  Beftigem  Serwürfnis  mit  den  Ständen
des  Landes  wie  mit  seinen  Offizieren,  hatte  sich,  obgleich  Mitglied  der
Union,  an  den  erneuerten  Bundestag  um  Hilfe  gewandt.  Dieser  beschloß
„die  ernstlich  bedrobte  landesherrliche  Autorität“  durch  eine  militärische
        <pb n="227" />
        Die  Jahre  der  Reaktion.  221

Besetzung  des  Kurfürstentums  von  Bundeswegen  zu  sichern.  Dies  Ziel
wollte  ja  auch  König  Friedrich  Wilhelm,  aber  er  wollte  es  nicht  durch
den  Bundestag,  den  er  nicht  anerkannte,  sondern  durch  eine  preußischösterreichische
  Kommission  erreichen.  Also  nicht  in  der  Sache,  sondern  nur
in  der  Wahl  der  Instanz  lag  der  Gegensatz  der  beiden  Großmächte.

Von  der  prinzipiellen  Berechtigung  seines  Standpunktes  den  Kaiser
Mikolaus  zu  überzengen,  war  vor  allem  der  Gedanke  des  Königs.  Dann
hoffte  er,  ihn  für  die  Unterstützung  der  deutschen  Holitik  Dreußens  gewinnen
  zu  können.  Denn  die  Baltung  Gsterreichs  wurde  immer  drohender;
  zu  Bregenz  hatte  der  junge  Kaiser  Franz  Joseph  eine  Susammen-=kunft
  mit  den  Königen  von  Bapern  und  Württemberg,  deren  Spitze  sich
nur  gegen  Hreußen  richten  konnte.  König  Friedrich  Wilhelm  entsandte
daher  den  Grafen  Brandenburg,  den  Hräsidenten  des  Ministeriums,  nach
Warschau,  wo  damals  Kaiser  Tikolaus  residierte,  um  die  russische  Dermittelung
  für  Hreußen  zu  gewinnen.

Brandenburg  fand  auch  die  gnädigste  Aufnahme  in  Warschau;  aber
doch  erklärte  ihm  der  Kaiser,  er  wolle  sich  in  nichts  mischen;  er  wünsche
Hreußen  wie  Esterreich  alles  Gute,  hauptsächlich  Ruhe  und  GOrdnung;
eine  Dermittelung  beabsichtige  er  nicht.  Dennoch  lobte  er  den  Entschluß
des  Kurfürsten  von  Hessen,  sich  an  den  Bundestag  zu  wenden,  und  betonte
  mit  Machdruck  die  Wotwendigkeit,  Holstein  schleunigst  zu  entwaffen.
Einen  Widerstand  Hreußens  gegen  Bundesmaßregeln  zur  Dacifikation
Bolsteins,  versicherte  er,  werde  er  als  eine  persönliche  Beleidigung  ansehen
und  militärische  Dorkehrungen  dagegen  treffen.

Einige  Tage  später  traf,  von  Bregenz  kommend,.,  auch  der  Kaiser
Franz  Joseph  in  Warschau  ein,  um  den  Saren  zu  begrüßen.  Auch  er
zeigte  sich  gegen  Graf  Brandenburg  durchaus  huldvoll,  vermied  aber
eine  Erörterung  der  schwebenden  politischen  Fragen.  Und.  von  Schwarzenberg,
  der  seinen  Kaiser  begleitete,  erlangte  Brandenburg  weiter  nichts,
als  daß  die  strittigen  Hunkte  durch  gemeinschaftliche  Konferenzen  aller
deutschen  Staaten  geschlichtet  werden  sollten,  während  deren  jedoch  der
undestag  in  Thätigkeit  bleiben  und  auch  die  beschlossene  Zundesexekution
in  Ressen  vor  sich  gehen  solle.  In  einem  Widerstande  Hreußens  gegen
dieselbe,  erklärte  zudem  Graf  Nesselrode,  der  russische  Kanzler,  werde  auch
Rußland  einen  Kriegsfall  sehen.  Sollte  wirklich  Hreußen  deswegen  einen
Krieg  mit  Gsterreich  und  Rußland  auf  sich  nehmend  Brandenburg  schien
die  Sache  einen  solchen  Einsatz  nicht  wert  zu  sein.

In  Berlin  indessen  war  durch  den  Sorn  über  die  Wiedereinsetzung
des  Bündestages,  durch  den  täglich  sich  steigernden  Übermut  Gsterreichs,
        <pb n="228" />
        222  Fünftes  Kapitel.

das  es  offenbar  auf  die  Demütigung  Hreußens  abgesehen  hatte,  eine  gewaltige
  patriotische  Entrüstung  entfacht  worden,  die  auch  in  den  Orovinzen
  in  hohen  Wogen  ging.  Hreußische  Truppen  rückten  auf  Befehl
des  Königs  in  Bessen  ein,  und  Graf  Gröben,  ihr  Führer,  erhielt  auf  den
einstimmigen  Beschluß  des  Ministeriums  die  Weisung,  die  Bavern,  denen
der  Bundestag  die  Exekution  in  Bessen  übertragen  hatte,  wenn  sie  wirklich
einrücken  sollten,  zurückzuwerfen,  wo  er  sie  fände.  Und  noch  am  20.  Oktober
war  das  Mrnisterium  einmütig  der  Weinung,  selbst  auf  die  Gefahr  eines
Krieges  mit  Gsterreich  hin  die  Bundcsexekution  in  Bessen  nicht  zu  dulden.

Sobald  Graf  Brandenburg  nach  Berlin  zurückgekehrt  war,  erstattete
er  in  dem  Ministerrate  —  am  1.  Movember  —  Bericht  über  die
Warschauer  Derhandlungen;  er  sprach  sich  dafür  aus,  einen  zwecklosen
Krieg  zu  vermeiden  und  die  Unterhandlung  mit  Ssterreich  fortzusetzen.
Energisch  widersprach  ihm  Radowitz,  der  von  einem  Nachgeben  nichts
wissen  wollte.  Da  langte  telegraphisch  die  Nachricht  an,  daß  die  Bayern
wirklich  in  Hessen  eingerückt  wären.  Jetzt  war  die  Entscheidung  unauf—
schiebbar.  Noch  am  Nachmittage  desselben  Tages  ließ  daher  der  König
den  Ministerrat  nochmals  zusammentreten.  Jetzt  führte  er  in  demselben
selbst  den  Dorsitz;  auch  der  Prinz  von  Hreußen  nahm  jetzt  an  der  Beratung
  teil.  Graf  Brandenburg  sprach  sich  wiederum  für  Kachgiebigkeit
aus,  da  ein  Kampf  in  Bessen  das  Signal  zu  einem  großen,  gefahrvollen
Kriege  sein  werde.  Der  König  suchte  einen  Mittelweg:  auf  die  Union
legte  er,  nachdem  alle  größeren  Staaten  aus  derselben  ausgeschieden
waren,  kein  Gewicht  mehr  und  in  Bessen  meinte  er  durch  den  Vorschlag
einer  gemeinschaftlichen  Besetzung  des  Landes  mit  Bapern  den  Schwierigkeiten
  begegnen  zu  können.  Brandenburg  stimmte  dem  zu.  Aber  in  lebhafter
  Erregung  widersprach  ihm  Radowitz:  er  verlangte  sofortige  Mobilmachung
  der  preußischen  Armee,  um  „Dreußens  Würde  und  Unabhängigkeit“
  zu  behaupten.

Mun  nahm  der  Hrinz  von  Hreußen  das  Wort.  Er  hielt  die  Mobilmachung
  für  unerläßlich,  weil,  von  allem  anderen  abgesehen,  die  formelle
Aufhebung  der  Unionsverfassung,  wie  Schwarzenberg  sie  fordere,  mit
einer  Unterwerfung  Hreußens  unter  Esterreich  gleichbedeutend  sei.  Der
Minister  von  Manteuffel  war  dagegen,  und  auch  der  Kriegsminister
von  Stockhausen  sprach  sich  dahin  aus,  daß  die  Mobilmachung  in  diesem
Augenblicke  den  Krieg  gegen  Gsterreich  und  Rußland  herbeiführen  werde,
dem  Hreußen  nicht  gewachsen  sei.

Bier  brach  der  König  die  Derhandlung  ab,  um  sie  am  nächsten
Tage  fortzusetzen.  Er  eräöffnete  die  Beratungen,  indem  er  in  längerer
        <pb n="229" />
        Die  Jahre  der  Reaktion.  223

Rede  auseinandersetzte:  er  sei  für  die  Mobilmachung  der  Armee;  denn
in  Waffen  gerüstet,  könne  Preußen,  ohne  Gefahr  für  seine  Ehre,  seine
Sprache  mildern  und  eine  Wachgiebigkeit  beweisen,  die  in  anderer  Lage
Schwäche  wäre.  Und  er  schloß  mit  der  Frage  an  das  Ministerium,  ob
es  bereit  sei,  diesen  Weg  mit  ihm  zu  gehen.  Bevor  indessen  noch  Graf
Brandenburg,  offenbar  durch  die  Schlußwendung  des  Königs  überrascht,
etwas  darauf  zu  erwidern  vermochte,  ergriff  der  Prinz  von  Hreußen  mit
Lebhaftigkeit  das  Wort.  Seinem  tapferen  und  geraden  Sinne  war  der
Gedanke  an  ein  Gurückweichen,  mochten  Dreußens  Forderungen  begründet
sein  oder  nicht,  unerträglich,  an  ein  Surückweichen  in  diesem  Augenblicke,
wo  im  Westen  schon  die  Truppen  Hreußens  und  seiner  Gegner  sich  gegenüberstanden,
  wo  im  COsten  die  beiden  Kaiser  Hreußen  vor  die  Wahl
zwingen  wollten:  Unterwerfung  oder  Krieg!  Die  RZaschheit,  mit  der  er
sprach,  verriet  seine  Erregung,  als  er  die  sofortige  Mobilmachung  der
Armee  forderte,  die  bewaffnete  Unterhandlung,  welche  jeden  Flecken  von
Dreußens  Schild  fernhalte,  die  allein  ehrenvolle,  die  allein  ausführbare,
die  einzige,  welche  die  Stimmung  des  Landes  und  der  Armee  für  sich
habe,  bei  der  Hreußens  Ehre  unverletzt  bleiben  werdel

Dies  Auftreten  des  Hrinzen  blieb  nicht  ohne  Eindruck,  besonders
auch  auf  Brandenburg  nicht,  der  ein  Mann  war  voller  Empfindung  für
Dreußens  Ehre.  Dennock  blieb  dieser  bei  seiner  Überzeugung,  daß  die
sofortige  Mobilmachung  einen  Krieg  entzünden  würde,  für  den  Hreußens
Kraft  nicht  ausreiche.  Der  König  forderte  demnach  die  Minister  auf,  im
Rebenzimmer  sich  miteinander  zu  besprechen.  Aber  als  sie  aus  diesem
zurückkehrten,  gab  Brandenburg  wiederum  die  Erklärung  ab,  daß  die
Majorität  nicht  im  stande  sei,  sich  für  die  Mobilmachung  auszusprechen;
indessen  auch  die  Minorität  beharrte  auf  ihrer  Ansicht.  Da  gab  denn
der  König  die  Entscheidung  dahin,  daß  er  zwar  die  Ansicht  der  Minori-=tät
  teile,  aber  entschlossen  sei,  der  Majorität  auf  ihre  eigene  Derantwortung
freie  Hand  zu  lassen,  indem  er  wünsche,  daß  sie  nicht  in  der  Sukunft  in
die  Lage  kommen  möchte,  den  heute  gefaßten,  nach  seiner  Überzeugung
verderblichen  Entschluß  zu  bereuen.

Damit  schloß  die  Sitzung,  die  eine  Wende  in  der.  Geschichte  Dreußens
bezeichnet.

Die  Nachgiebigkeit,  welche  HDreußen  bewies,  machte  indes  auf
Schwarzenberg  keinen  Eindruck:  nicht  eine  Dersöhnung  wollte  er,  sondern
eine  Demütigung.  Die  österreichischen  Rüstungen  wurden  daher  fortgesetzt,
  und  auch  die  baprischen  Exekutionstruppen  drangen  bis  gegen  die
Stellungen  der  preußischen  Truppen  in  Hessen  vor.  Hoch  lohte  in  Berlin
        <pb n="230" />
        224  Fünftes  Kapitel.

die  patriotische  Erregung  auf.  Die  sofortige  Mobilmachung  der  Armee
verlangte  jetzt  der  Prinz  von  Preußen.  Auch  Manteuffel,  der  an  des
schwer  erkrankten  Grafen  Brandenburg  Stelle  die  auswärtigen  Angelegen—
heiten  übernommen  hatte,  hielt  sie  jetzt  für  unvermeidlich,  und  noch  am
Abend  des  5.  Vovember  unterzeichnete  der  König  den  Befehl.  Unendlicher
  Jubel  durchbrauste  das  ganze  Land;  mit  Begeisterung  strömten  die
Landwehrmänner  zu  den  Fahnen.

Aber  sehr  wenig  entsprachen  die  weiteren  Schritte  der  Regierung
den  Erwartungen  des  preußischen  Dolkes.  Don  einer  thatkräftigen  Holitik
war  Manteuffel  weit  entfernt.  Ohne  weiteres  gab  Hreußen  die  Union
auf;  und  die  übrigen  Streitpunkte  mit  Esterreich  glaubte  Manteuffel  leicht
durch  eine  persönliche  Verhandlung  mit  Schwarzenberg  zum  Ausgleich
bringen  zu  können.  Mit  Entschiedenheit  widersprach  der  Hrinz  von
Hreußen  diesem  Gedanken;  aber  er  erreichte  nicht  mehr,  als  daß  Manteuffel
  in  einer  Instruktion  die  genaue  Grenze  des  Entgegenkommens
bezeichnet  wurde.  „Weiner  Überzeugung  nach“,  schrieb  er  am  22.  November
  an  den  Herzog  Ernst  von  Koburg,  „sollte  unsere  Geduld  längst
erschöpft  sein.“

In  Glmütz  fand  die  Susammenkunft  Manteuffels  mit  Schwarzenberg
statt;  ihr  Ergebnis  war  die  Hunktation  vom  20.  Wovember  1850,  durch
welche  Osterreich  die  Demütigung  Hreußens  erreichte,  die  es  erstrebte.
Dreußen  ordnete  in  den  schwebenden  Fragen  den  Wünschen  Eösterreichs
sich  unter,  überließ  die  Gestaltung  des  Deutschen  Zundes  den  nach  Dresden
durch  beide  Großmächte  einzuberufenden  Ministerkonferenzen  und  erklärte
sich  zu  sofortiger  Abrüstung  bereit.  Würde  aber  der  König  dieser  Abrüstung,
  durch  die  Manteuffel  offenbar  seine  Instruktion  überschritten  hatte,
gutheißend  Am  2.  Dezember  fand  darüber  eine  Beratung  der  Minister
unter  dem  Vorsitze  des  Königs  statt.  Mit  Nachdruck  erhob  der  Hrinz
von  Hreußen  gegen  die  Abrüstung  seine  Stimme.  Die  lebhaftesten  Bedenken
  erfüllten  ihn,  daß  sie  vor  dem  Schlusse  der  Dresdener  Konferenzen
stattfinden  sollte:  würde  dadurch  nicht  Hreußen  lediglich  dem  guten  Willen
Gsterreichs  preisgegebend  Aber  der  König  beruhigte  sich  dem  gegenüber  mit
dem  Gedanken,  daß  ja  Hreußen  jederzeit  wieder  eine  Mobilmachung  vornehmen
  könne.  Doll  Schmerz  und  Entrüstung  vernahm  das  preußische
Dolk  die  Abkunft.  Auf  Dreußens  SEhrenschild  war  ein  dunkler  Schatten
gefallen;  das  Werk  des  großen  Friedrich  schien  vielen  vernichtet.  Und
manche  Thräne  ehrlichen  Sornes  floß  darum.

Tiefschmerzlich  war  der  Eindruck,  den  diese  Movembertage  in  der
Seele  des  Hrinzen  von  Hreußen  zurückließen.  Seine  Stimme  war  nicht
        <pb n="231" />
        Die  Jahre  der  Reaktion.  225

gehört  worden.  Aber  von  aller  Empfindlichkeit  war  er  fern;  ein  getreuer
Sckart,  stand  er  neben  seinem  königlichen  Bruder,  ratend,  warnend,
wie  er  es  für  seine  Oflicht  hielt.

Schon  damals  fiel  das  Auge  des  Drinzen  auf  Bismarck,  der  vom
Dereinigten  Landtage  her  ihm  wohlbekannt  war.  Aus  eigenster  Bewegung
hatte  ihn  der  König  im  Mai  1851  als  ersten  Sekretär  der  Gesandtschaft
dem  preußischen  Bundestagsgesandten,  General  von  Rochow,  zur  Seite  gestellt.

Erste  Degegnung  des  Prinzen  von  Preuben  mit  Pismarck
zu  Frankfurt  a.  M.  am  11.  Juli  1851.

So  sah  ihn  der  Hrinz  in  Frankfurt  wieder,  als  er  dort,  von  sämtlichen  Mitgliedern
  der  Gesandtschaft  auf  dem  Bahnhofe  empfangen,  am  11.  Juli  1851
eintraf.  Er  war  gegen  Bismarck  sehr  wohlwollend,  sprach  aber  doch  auf
der  Fahrt  nach  dem  Hotel  zu  Herrn  von  Rochow  Bedenken  darüber  aus,
daß  dieser  „Landwehrleutnant"  (Bismarck  war  in  Uniform,  die  Brust  mit  der
einzigen  Dekoration,  die  er  besaß,  der  Rettungsmedaille,  geschmückt,  erschienen),
  Aussicht  habe,  demnächst  preußischer  Zundestagsgesandter  zu
werden.  „Die  Wabl  ist  gut!“  entgegnete  der  General.  „Bismarck  ist  frisch,
kräftig;  er  wird  gewiß  allen  Anforderungen  Eurer  Königlichen  Hobeit  entsprechen.“

  Las  er  in  der  Sukunft,  worauf  diese  Anforderungen  gingend
Naiser  Wilhelm.  «  15
        <pb n="232" />
        226  Fünftes  Kapitel.

Stürmisch  und  leidenschaftlich  war  die  Bewegung  gewesen,  welche
die  Revolution  hervorgerufen  hatte.  Jetzt  trat  mehr  und  mehr  die  natur—
gemäße  Reaktion  dagegen  ein.  Ermattung  und  Abspannung  ergriff  die
Gemüter;  Lust  und  Kraft  des  Widerstandes  schwand.  So  kam  es,  daß
die  dreist  unternommenen,  auf  politische  Reaktion  abzielenden  Dersuche
Esterreichs  schnell  und  leicht  zum  Erfolge  führten.  Das  Werkzeug  in
der  Hand  Gsterreichs  war  der  durch  die  Dresdener  Konferenzen  wieder-Hergestellte
  Zundestag.  Er  nahm  Hresse  und  Dereinswesen  unter  besondere
  Aufsicht  und  drängte  die  Regierungen  zur  Beseitigung  der  durch
das  Sturmjahr  48  ihnen  aufgedrängten  liberalen  Derfassungen.  Und  der
Erfolg  blieb  nicht  aus;  hatte  doch  Gsterreich  selbst  seine  Derfassung  1851
wieder  aufgehoben.  Auch  an  Hreußen  erging  von  Wien  aus  die  Aufforderung,
  zum  absoluten  Regimente  unter  Aufhebung  seiner  Derfassung
zurückzukehren.  Allein  König  Friedrich  Wilhelm  wies  voll  Unwillens  unter
nachdrücklicher  Sustimmung  des  Hrinzen  von  Hreußen  als  des  Thronfolgers
das  Ansinnen  zurück.  Gleichwohl  gelang  es  der  reaktionär  gesinnten
Krenzzeitungspartei  in  Anlehnung  an  die  erste  Kammer  der  Dolksvertretung
ungcahnte  politische  Zedeutung  zu  gewinnen.  Allein  in  der  Gesetzgebung
vermochte  sie  nicht  mehr  durchzusetzen,  als  daß  der  Art.  105  der  Derfassung
  durch  die  allgemeine  Bestimmung  „die  Dertretung  und  Derwaltung
  der  Gemeinden,  Kreise  und  Drovinzen  des  preußischen  Staates  wird
durch  besondere  Gesetze  näher  bestimmt“  ersetzt  und  durch  die  Umgestaltung
  mehrerer  Bestimmungen  in  Art.  42  der  Derfassung  die  polizeiobrigkeitliche
  Gewalt  den  Gutsbesitzern  zurückgegeben  wurde.  Indessen  in  der
Derwaltung  zumal  suchte  die  reaktionäre  Hartei  sich  emporzubringen  und
durch  die  Beförderung  der  Orthodoxie  und  einer  gewissen  äußeren  Kirchlichkeit
  auch  die  Unterstützung  der  Kirche  für  sich  zu  erlangen.  Aber  allmählich
  sonderten  sich  von  den  Reaktionären  die  Konservativen  als  die
Vertreter  einer  organischen  Staatsentwickelung;  mehr  und  mehr  begann
man  auch  die  innere  Haltlosigkeit  der  Bestrebungen  der  Radikalen  zu  begreifen,
  und  langsam  drangen  die  Liberalen  zu  der  Erkenntnis  durch,  daß
die  Derkehrtheit  ihrer  Holitik  wesentlich  dazu  beigetragen  habe,  der  Reaktion
  den  Sieg  zu  ermöglichen.  zetzt  begann  endlich  auch  der  Freund
Esterreichs  einzusehen,  daß  eine  Einigung  Deutschlands  nur  mit  Ausschluß
Esterreichs  möglich  sei.

Um  so  ausschließlicher  hätten  daher  die  nationalen  Zoffnungen  der
Deutschen  Hreußen  sich  zuwenden  müssen,  Hreußen,  das  als  konstitutioneller
Staat  den  Svmpathien  der  NWoationalen  überhaupt  näher  gerückt  blieb,
Hreußen,  dem  allein  Deutschland  seine  merkantile  Sinigung  im  Sollverein
        <pb n="233" />
        Die  Jahre  der  Reaktion.  227

verdankte.  Aber  in  Preußen  umdrängten  Freunde  und  Führer  der  verhaßten
  Reaktion  den  König  und  strebten  durch  Einfluß  nach  unten  sich
zu  stützen  und  in  ihrer  Geltung  zu  behaupten.  Auf  die  Derwaltung  wie
auf  die  Kirche  und  Schule  suchten  sie  einzuwirken,  indem  sie  ihre  Anhänger
  und  Gesinnungsgenossen  begünstigten  und  beförderten.  Das
schädigte  das  Ansehen  des  altehrenwerten  Staates;  denn  es  warf  einen
Schatten  auf  seine  Gerechtigkeit  und  Unparteilichkeit.

Mit  klarer  Bestimmtheit  suchte  der  Hrinz  von  Hreußen,  soweit  es
nur  irgend  die  Herhältnisse  gestatteten,  solchem  reaktionären  Treiben  zu
begegnen.  Warnend  stellte  er  Übergriffen  der  Geistlichkeit  das  Recht  des
Staates  entgegen.  Er  duldete  nicht,  daß  die  Reaktionären  mit  besonderer
oder  ausschließlicher  Königstreue  sich  brüsteten.  Don  der  Gespensterfurcht
jener  vor  neuen  Revolutionen  erklärte  er  sich  für  völlig  frei.  Mit  den
Räuptern  der  Reaktion  wies  er  jede  Gemeinschaft  der  Ansichten  ab.  Bald
galt  er  daher  diesen,  als  sie  sahen,  daß  sie  nicht  auf  ihn  rechnen  konnten,
für  verdächtig,  ja  als  stark  demokratisch  gesinnt.  In  seinem  Hofhalt  in
Koblenz,  wo  er  als  Militärgouverneur  meist  residierte,  wollte  man  eine
Art  versteckt  oppositioneller  Tebenregierung  sehen.  Wan  versuchte  durch
Swischenträgereien  Unfrieden  zwischen  dem  Hrinzen  und  seinem  königlichen
Bruder  zu  säen;  Cindenberg,  der  Redakteur  der  Hatriotischen  Seitung,
schrieb  Berichte  über  den  Hrinzen  an  den  Generaladjutanten  des  Königs,
den  General  von  Gerlach;  ja  man  entblödete  sich  nicht,  den  Hrinzen  durch
einen  geheimen  Agenten  förmlich  überwachen  zu  lassen.

Allein  der  Prinz  von  Hreußen  war  weit  davon  entfernt,  solche  Ge-Rhässigkeiten
  sich  anfechten  zu  lassen.  Früher  von  den  Demokraten  als
„Reaktionär“  aufs  leidenschaftlichste  angefeindet,  jetzt  von  den  Reaktionären
als  „rot"  verschrieen,  ging  er  gerade  und  fest  seinen  Weg  und  that,  was
er  für  recht  hielt.  Treu  stand,  ohne  Doreingenommenheit  die  Dinge  betrachtend,
  seine  Gemahlin  zu  ihm,  deren  reicher  und  lebhafter  Geist  sie
zur  Seele  des  Kreises  machte,  der  in  Koblenz  um  das  prinzliche  Daar
sich  sammelte.  Denn  gerade  das  mannhafte  und  lautere  Wesen  des
Drinzen  machte  je  länger  je  mehr  Eindruck  auf  die  beweglichen  Abeinländer.
  Man  kann  sagen,  daß  sie  erst  während  dieser  Koblenzer  Jahre
in  ihren  Rerzen  wirklich  für  Hreußen  gewonnen  sind.  Und  ein  anmutiges
  Denkmal  dieser  Seit  hat  durch  die  Rheinanlagen  die  Hrinzessin  von
Dreußen  geschaffen,  die  sich  in  reizwollem  Wechsel  von  Koblenz  den  Rhein
aufwärts  fast  bis  zur  Burg  Stolzenfels  hinziehen.

In  Berlin  sah  man  den  Orinzen  jetzt  nur  seltener.  Aber  mit  aufmerksamem
  Blicke  verfolgte  er  den  Gang  der  Dinge.  Mit  unruhiger

157
        <pb n="234" />
        228  Fünftes  Kaptel.

Eifersucht  wachte  Gsterreich  über  seiner  jüngst  in  Deutschland  wiedergewonnenen
  Stellung.  Der  Grundgedanke  seiner  deutschen  Holitik  war,
Dreußens  Geltung  zu  erschüttern  und  einzuengen.  Aber  mit  unverwüstlicher
  Lebenskraft  erhob  sich  Hreußen  wieder  von  dem  Fall,  den  es  zu
Olmütz  gethan.  Denn  sein  Aufsteigen  gründete  sich  auf  die  natürliche
Entwickelung  der  deutschen  Dinge

Am  1.  Januar  1854  war  der  Dertrag  abgelaufen,  den  Hreußen
mit  den  Staaten  des  Sollvereins  geschlossen  hatte.  zetzt  erbot  sich  plötzlich
  Gsterreich,  mit  dem  Sollvereine  einen  Handelsvertrag  abzuschließen,
der  den  beiderseitigen  Derkehr  möglichst  erleichtern,  aber  alle  Tarifänderungen
  von  gegenseitiger  Einwilligung  abhängig  machen  sollte.  Die  Absicht
  war  dabei  offenbar,  Hreußen  aus  seiner  einflußreichen  Stellung  an
der  Spitze  des  Sollvereins  zu  verdrängen.  Mit  Entschiedenheit  wies
daher  Hreußen  die  äösterreichischen  Anträge  zurück.  Da  erklärten  denn
die  beiden  süddeutschen  Königreiche,  Sachsen  und  die  beiden  Bessen,  um
Esterreich  beizustehen,  daß  sie,  nur  wenn  Hreußen  die  Horschläge  Esterreichs
  annähme,  auf  die  Erneuerung  des  Sollvereins  eingeben  würden.
Statt  aller  Antwort  teilte  ihnen  Hreußen  die  Derträge  mit,  die  es  ganz
in  der  Stille  mit  KHannover  und  Gldenburg  abgeschlossen  hatte,  und  verlangte
  die  unveränderte  Herlängerung  des  bisherigen  Sollvertrages.
Konnten  nun  die  Freunde  Esterreichs  es  darauf  ankommen  lassen,  den
freien  Sugang  zum  Heltmarkte  zu  verlierend  Freilich  die  vollendete
Thatsache,  die  Hreußen  ihnen  entgegenhielt,  verletzte  ihr  politisches  Machtbewußtsein
  sehr  empfindlich.  Esterreich  schlug  ihnen  daher  vor,  einen
besonderen  Sollverein  ohne  Hreußen  zu  bilden.  Sie  waren  dem  nicht
abgeneigt,  wenn  Esterreich  ihre  bisherigen  Solleinnahmen  ihnen  garantieren
  wolle.  Zu  einem  jährlichen  Opfer  von  20  Millionen  Gulden  indessen
  konnte  sich  Gsterreich  nicht  entschließen.  Da  blieb  denn  doch  den
Freunden  Esterreichs  nichts  anderes  übrig,  als  den  Forderungen  Hreußens
sich  zu  unterwerfen.  Die  Doraussicht  und  Festigkeit  Dreußens  hatte  von
Deutschland  das  unabsehbare  Unheil  abgewehrt,  das  eine  Auflösung  des
Sollvereins  über  alle  wirtschaftlichen  Verhältnisse  würde  gebracht  haben.

Ebenso  wenig  wie  in  der  Sollvereinssache  gelang  es  Esterreich  in
dem  orientalischen  Kriege,  Dreußen  in  seine  Gefolgschaft  zu  bannen.  In
dem  Verlangen,  das  Übergewicht  Rußlands,  durch  das  sie  sich  vielfach
eingeengt  fanden,  zu  brechen,  hatten  die  Westmächte  Rußland  1854  den
Krieg  erklärt.  Um  den  Anschluß  Hreußens  warben  jetzt  eifrig  beide
Darteien.  Alle  Anträge  indes  lehnte  Hreußen,  bestrebt,  sich  freie  Hand
zu  wahren,  ab;  nur  mit  GEsterreich,  das  die  Besetzung  der  Donaufürsten-
        <pb n="235" />
        Die  Jahre  der  Reaktion.  229

tümer  durch  Rußland  als  eine  Schädigung  seiner  Interessen  empfand,
schloß  es  auf  dessen  Drängen  einen  Vertrag,  durch  den  beide  Mächte  für
die  Dauer  des  Krieges  sich  gegenseitig  ihr  Gebiet  garantierten.  Auf
Grund  dieses  Dertrages  verlangte  nun  aber  Ssterreich,  daß  für  seine
Interessen  auch  Hreußen  eintrete.  Mit  Entschiedenheit  wies  dies  indes
die  Sumutung  Esterreichs  zurück.  Dagegen  gelang  es  GEsterreich,  den
Deutschen  Bund  zum  Anschlusse  an  den  preußisch-österreichischen  Dertrag
zu  bewegen.  Durch  das  Abkommen  vom  2.  Dezember  übernahm  nun
aber  Esterreich  den  Westmächten  gegenüber,  an  dem  Angriffe  gegen  Rußland
  sich  zu  beteiligen.  „Mit  kühler  Würde“  lehnte  Hreußen  jedoch  den
Anschluß  an  diese  aggressive  Holitik  Gsterreichs  ab.  Wie  würde  sich  bei
diesem  Swiespalt  der  beiden  Großmächte  der  Deutsche  Bund  stellen?
Esterreich  beantragte  bei  dem  Bundestage  die  Mobilmachung;  allein
dieser  beschloß  sie  zwar,  doch  nur  zum  „Schutze  der  Unabhängigkeit  und
Unverletzlichkeit  Deutschlands“.  Das  war  eine  Tiederlage,  wie  sie  Gsterreich
  beim  Bunde  noch  niemals  erlitten  hatte.  Der  Bund  trat  auf  die
Seite  Dreußens.  Die  führende  Stellung  im  Bunde,  welche  Hreußen  dadurch
  erhielt,  bewahrte  es  mit  der  selbstbewußten  Erklärung,  daß  es
weiteren  Anträgen  Gsterreichs  gegenüber  mit  aller  Schärfe  die  Cinie  zu
ziehen  wissen  werde,  die  Hreußens  und  des  Bundes  Interessen  gegen
Gsterreich  abgrenze.  Es  duldete  nicht,  daß  der  Dräsidialmacht  ein  größerer
Einfluß  als  bisher  zugestanden  werde,  und  trat  nachdrücklich  dazwischen,
als  Esterreich  den  Versuch  wagte,  durch  SEinschüchterung  der  deutschen
Kleinstaaten  sich  deren  Stimmen  beim  Bunde  zu  sichern.  Dadurch  erschien
  es  wieder  als  der  Schirmvogt  der  Bedrängten,  während  Esterreichs
  Geltung  in  Deutschland  sichtbar  Einbuße  erlitt.  Durch  seine  Surückhaltung
  von  den  Plänen  der  Westmächte  bewahrte  es  zudem  sich  das
alte  freundliche  Derhältnis  zu  Rußland,  das  in  der  Sukunft  ihm  noch
gute  Früchte  tragen  sollte.

Durch  diese  neu  befestigte  Stellung  in  Deutschland  wurde  es  für
Oreußen  bedeutungsvoll,  daß  es  jetzt  auch  in  den  Süden  Deutschlands
Binübergriff.  Denn  den  königlichen  Dettern  in  Hreußen  hatten  die  hohenzollerschen
  Fürsten  von  Sigmaringen  und  Bechingen  ihre  Ländchen  am
Oberlaufe  der  Donau  abgetreten.  Das  brachte  die  Hreußen  dem  beweglichen
  deutschen  Süden  näher  und  half  mit,  die  altschwäbische  Abneigung
gegen  Hreußen  allmählich  zu  überwinden.  So  wurde  diese  Abtretung
ein  wertvoller  Ersatz  für  das  Fürstentum  Meuenburg  am  Jura,  dessen
Besitze,  durch  die  Umstände  gedrängt,  der  König  mit  widerstrebendem
Berzen  entsagt  hatte.
        <pb n="236" />
        230  Fünftes  Kapitel.

In  weiser  Voraussicht,  durch  die  herben  Erfahrungen  von  1848
belehrt,  faßte  der  König  auch  die  Gründung  einer  preußischen  Flotte  ins
Auge.  Die  Anfänge  waren  bescheiden,  aber  jedes  Jahr  brachte  der
Flotte  durch  Zau  und  Kauf  neuen  GSuwachs.  Und  1855  kaufte  Hreußen
das  Jade-Gebiet,  um  auch  an  der  Nordsee  einen  Kriegshafen  anzulegen.

Das  sind  alles  keine  geringen  Ruhmestitel  der  zweiten  Rälfte  der
Regierung  König  Friedrich  Wilhelms.  Und  niemand  ist  bereiter  gewesen,
in  ihrer  weitausgreifenden  Bedeutung  sie  zu  würdigen  und  anzuerkennen,
als  sein  Bruder  Orinz  Wilbelm,  wie  denn  auch  alle  Swischenträgereien
und  geflissentlichen  Settelungen  niemals  vermocht  haben,  die  in  aufrichtiger
CLiebe  miteinander  verbundenen  Brüder  ernstlich  zu  trennen.  Als  nach
dem  Abschlusse  des  Mikolsburger  Friedens,  lorbeerbekränzt,  König  Wilhelm
nach  Berlin  zurückkehrte  und  alles  ihn  als  den  Wiederhersteller  Deutschlands
  mit  Jubel  und  Anerkennung  feierte,  berührte  es  ihn  schmerzlich,
daß  niemand  der  Derdienste  gedachte,  die  doch  schon  sein  verstorbener
Bruder  um  Hreußen  und  Deutschland  sich  erworben.  „Schreiben  Sie“,
sagte  er  zu  dem  Rofrat  Schneider,  „einen  Artikel  darüber  in  einer
Seitung,  die  keinen  ausgesprochenen  Harteistandpunkt  hat,  wie  mein  Bruder
das  alles  auch  schon  gewollt  und  erstrebt  hat,  was  gegenwärtig  errungen
worden  ist.“

So  erschien  denn  am  2.  September  1866  in  der  Spenerschen  Seitung
ein  Leitartikel  „Dem  Königlichen  Bruder“.  Er  paßte  nicht  in  den  lauten
Jubel  der  Tage;  viele  glaubten  deutlich  darin  die  Absicht  zu  erkennen,
die  Derdienste  König  Wilhelms  herabzusetzen.  Was  hätten  sie  dazu  gesagt,
  wenn  sie  gewußt,  daß  König  Wilhelm  ihn  veranlaßt  und  selbst  die
Grundgedanken  dazu  gegeben  hatted
        <pb n="237" />
        Sechstes  Kapitel.
Ehren-  und  Frendentage.

Im  Februar  1851  war  die  preußische  Armee  wieder  auf  den
Friedensfuß  gesetzt  worden,  und  der  Hrinz  von  Hreußen,  der  zu  ihrem
Befehlshaber  bestimmt  gewesen  war,  hatte  als  Militärgouverneur  der
Rheinlande  und  Westfalens  mit  seiner  Familie  nach  Koblenz  seine  Residenz
  verlegt.  Der  friedliche  Ausgang  des  preußisch-österreichischen  Widerstreits
  ermöglichte  ein  Unternehmen,  dessen  Großartigkeit  die  Welt  damals
in  Staunen  setzte.  Eine  allgemeine  Weltausstellung  in  London,  wie  noch
keine  dagewesen,  war  in  Aussicht  genommen,  und  wer  es  konnte,  rüstete
sich,  dem  friedlichen  Wettstreit  der  Tationen  beizuwohnen.  Gern  nahm
auch  der  Hrinz  von  Hreußen  die  Einladung  der  Königin  Dictoria  an,
mit  seiner  Familie  der  Eröffnungsfeier  beizuwohnen.

Freilich  die  reaktionär  Gesinnten  sahen  in  der  Welt-Industrieausstellung
nur  ein  Unternebmen,  das,  wenn  auch  nicht  zur  Beförderung  der  Demokratie
  ersonnen,  ihr  doch  in  der  schlimmsten  Weise  dienen  würde.  Denn
ein  Susammenfluß  aller  Revolutionäre  der  Welt  sei  in  London  zu  erwarten.
  Don  den  Harteihäuptern  wurden  daher  eranstaltungen  getroffen,
dem  Hrinzen  von  Hreußen  dringend  zu  empfehblen,  nicht  nach  London  zu
gehen,  damit  er  nicht  mit  den  Demokraten  in  irgendwelche  Berührung
käme.  Allein  diese  Winke  und  Warnungen  machten  auf  den  Hrinzen
gar  keinen  Eindruck.  Am  22.  April  1851  reiste  er  mit  seiner  Familie
von  Koblenz  ab,  machte  am  25.  dem  Fürsten  Anton  von  HBohenzollern=Sigmaringen
  in  Düsseldorf  einen  Besuch  und  traf  am  24.  in  Köln  ein.
Eine  Deputation  des  Gemeinderats  begrüßte  ihn  hier.  Ihr  PSprecher
sprach  von  den  Gefahren,  die  immer  noch  eine  düstere  Sukunft  in  ihrem
Schoße  berge.  Aber  mit  getroster  Suversicht  antwortete  ihm  der  Hrinz:
„Wir  stehen  allerdings  noch  auf  einem  Dulkan;  die  Gefahren  sind  noch
nicht  vorüber.  Wenn  sie  aber  zum  Ausbruch  kommen,  dann  haben  wir
eine  Macht,  auf  die  wir  uns  verlassen  können,  die  Armee.“  Aber  hieran
        <pb n="238" />
        232  Sechstes  Kapitel.

knüpfte  er  die  Mahnung,  daß  mit  dieser  die  Bürgerschaft  zusammen
wirken  müsse,  „um  das  Vertrauen  zwischen  König  und  Volk  zu  be—
festigen.“

Über  Brüssel  und  Dover  wurde  die  Reise  fortgesetzt;  am  Nachmittage
des  20.  April  traf  der  Drinz  in  London  ein.  Im  Buckingham--Halaste,
wo  er  wohnte,  empfing  ihn  die  Königin  Dictoria  mit  dem  Hrinzgemahl.
Und.  mit  spympathischen  Worten  begrüßten  ihn  die  Seitungen.  „Man
freut  sich  Rier  allgemein",  schrieb  eine  derselben,  „den  edlen  Hrinzen  von
Dreußen  nebst  allen  Seinigen  als  Gäste  der  Königin  zu  dem  großen
Weltbegegnis  hier  anwesend  zu  sehen,  um  so  mehr,  als  es  allgemein  bekannt
  ist,  durch  welche  Dorspiegelungen  von  Gefahr  die  Räöflinge  in
Berlin  bemüht  gewesen  sind,  ihn  von  seinem  festen  Entschlusse  zurückzubringen.
  Er  hat  es  selbst  ausgesprochen,  daß  er  sich  unter  des  Rimmels
Schutz  überall  sicher  fühle.  Der  Engländer  ist  stolz  darauf,  daß  er  sich
dieser  Uberzeugung  in  dem  gegenwärtigen  Augenblick  auf  britischem  Boden
von  ganzer  Seele  bewußt  werden  wird.“

Am  1.  Wai  eröffnete  die  Königin  in  Gegenwart  ihrer  hohen  preußischen
  Gäste  die  Weltausstellung.  Mit  regem  Interesse  umfaßte  der
Drinz  die  großartige  Deranstaltung;  seine  besondere  Aufmerksamkeit  war
indessen  naturgemäß  der  deutschen  Ausstellung,  zumal  der  des  Sollvereins
zugewandt.  Täglich  besuchte  er  sie;  und  die  Aussteller  waren  bald  voll
Rühmens  über  seine  Geradheit  und  Freundlichkeit.

Ein  Besuch  des  näördlichen  England  reihte  sich  an  die  Londoner
Tage.  Dann  aber  rief  in  der  letzten  Maiwoche  die  Hflicht  den  Hrinzen
nach  Berlin.

Rauchs  herrliches  Werk,  das  Denkmal  Friedrichs  des  Großen,  war
vollendet  und  an  seinem  Hlatze  vor  den  Fenstern  des  Halais  des  Hrinzen,
da  wo  die  Lindenallee  Unter  den  Linden  anhebt,  aufgestellt.  Auf  den
51.  Mai  1851  befahl  der  König  die  feierliche  Enthüllung.  Wie  vor
11  Zahren  leitete  der  Hrinz  von  Hreußen  alle  militärischen  Anordnungen
dabei.  Er  traf  sie,  für  diesen  Tag  mit  dem  Kommando  des  Gardecorps
betraut,  genau  in  derselben  Weise,  wie  es  bei  der  Feier  der  Grundsteinlegung
  geschehen  war.  Alle  Fabnen  und  Standarten  der  Armee,  die
unter  des  großen  Königs  Regierung  schon  geführt  waren,  erschienen  in.
der  Aufstellung.  Den  Shrenplatz  hatten  diejenigen  inne,  die  mit  der
Säkularschleife  geschmückt  waren,  die  jüngsten  das  erste  Jahrzehnt  Friedrichs
des  Großen,  die  ältesten  die  Ruhmestage  des  Großen  Kurfürsten  vor
Augen  stellend.  Wie  spiegelte  in  dem  Schauspiel  die  ruhmreiche  Geschichte
  der  preußischen  Armee  sich  wider!
        <pb n="239" />
        Ehren-  und  Freudentage.  233

Im  Auftrage  des  Königs  wohnte  sodann  der  Prinz  von  Preußen
im  Juni  bei  Lowicz  den  Manövern  der  russischen  Truppen  bei.  Im
Herbste  aber  finden  wir  ihn  in  der  Begleitung  des  Königs  in  dem  neu—
gewonnenen  hohenzollerschen  Ländchen.  Mit  historisch  nicht  recht  begründeter
  Hietät  sah  der  König  in  der  Burg  Hohenzollern  das  Stammschloß
  seines  Hauses,  während  das  Geschlecht  der  Solre  vielmehr  fränkischen
  Ursprungs  und  die  schwäbischen  Hohenzollern  nur  eine  jüngere
Seitenlinie  sind,  die  dem  Berg,  auf  dem  sie  ihre  Burg  erbauten,  den
VNamen  gegeben  haben.  Schon  im  Jahre  1850  hatte  sich  der  Prinz
von  Preußen  in  Hohenzollern  befunden  und  der  Grundsteinlegung  der
Burg  beigewohnt,  die  nach  dem  Willen  des  Königs  aus  Ruinen  zu  neuer
Herrlichkeit  erstehen  sollte.  Jetzt  nun  (am  25.  August  1851)  nahm  der
König  in  der  Burg  die  Zuldigung  der  beiden  jüngst  gewonnenen  Fürstentümer
entgegen,  durch  die  Oreußen  dem  Süden  Deutschlands  näher  gerückt  wurde.

Bei  all  diesen  Reisen  und  Aufträgen  begleitete  den  Drinzen  von  Dreußen
sein  Sohn,  der  Hrinz  Friedrich  Wilhelm,  der  in  jugendlicher  Schöne
und  kraftvoll  erblühender  Mannhaftigkeit  ein  junger  Siegfried  neben  dem
Dater  stand.  Die  offene  Freimütigkeit  seines  Wesens,  sein  Frohsinn  und
seine  Berzensgüte  gewannen  ihm  schnell  die  Herzen.  Auf  das  sorgfältigste
war  seine  Erziehung  geleitet  worden:  für  alles  Sdle  und  Hohe  empfand
er  das  lebhafteste  Interesse.  Darum  bielt  es  der  Hrinz  von  Hreußen
an  der  Seit,  den  Schlußstein  der  Erziehung  des  jungen  Orinzen  einzufügen,
  indem  er  dessen  oft  ausgesprochenen  Wunsch  erfüllte  und  in  den
Freimaurerorden  ihn  aufnahm.  Was  ihn  selbst  vor  Jahren  bestimmt,
in  den  Orden  einzutreten,  hat  der  Hrinz  in  einer  Sitzung  der  Loge
Ferdinand  zur  Elückseligkeit  in  Magdeburg  ausgesprochen:  „Ich  bin“,
sagte  er,  „dem  Maurerbunde  deshalb  gern  beigetreten,  weil  er  ein  Derein
von  Männern  jedes  Standes,  jedes  Alters  ist,  die  einen  edlen  Sweck
verfolgen.“  Jetzt  nun  —  am  5  NMovember  1855  —  lud  der  Hrinz
abends  um  5½  Uhr  eine  Anzahl  älterer  WMitglieder  aller  drei  Großlogen
in  Berlin  in  sein  Halais,  um  in  ihrer  Gegenwart  die  Anfnahme  seines
Sohnes  zu  vollziehen.  Ein  Saal  des  Halais,  war  zu  einem  freimaurerischen
  St.  Johannestempel  eingerichtet.  Dor  dem  Altare  nahmen,
maurerisch  bekleidet,  die  geladenen  Gäste  ihre  Aufstellung;  rechts  vom
Altare  stand  der  Drinz  von  Dreußen.  Durch  drei  Hammerschläge  voll.
endete  er  die  Aufnahme  des  jungen  Hrinzen,  indem  er  den  ersten  mit
den  Worten  begleitete:  „Kraft  der  Gewalt  und  der  Würde,  die  Ich  besitze“,
  den  zweiten:  „Dermöge  des  Beifalls  und  der  Einwilligung  der
hier  versammelten  und  auf  der  Oberfläche  des  Erdbodens  zerstreuten
        <pb n="240" />
        234  Sechstes  Kapitel.

Brüder“,  den  dritten:  „Nehme  Ich  dich  auf  zum  Freimaurerritter,  Lehrling
und  Mitglied  der  Großen  Landesloge  der  Freimaurer  von  Deutschland.“

Nachdem  die  weiteren  Ordensbräuche  vollzogen  und  der  Prinz  als
Meister  bekleidet  war,  nahm  der  Prinz  von  Preußen  nochmals  das  Wort.
„Seit  Jahr  und  Tag“,  sprach  er,  an  seinen  Sohn  sich  wendend,  „hast
du  den  Wunsch  ausgesprochen,  in  den  Orden  der  Freimaurer  aufge—
nommen  zu  werden.  Dein  Wunsch  ist  jetzt  erfüllt  worden.  Die  Aufnahme
  hat  in  derselben  Weise  stattgefunden,  in  welcher  Ich  dem  Orden
zugeführt  wurde,  und  wie  Ich  sie  für  dich  gewünscht  habe.  Sie  wird,
wenngleich  sie  in  ihren  Erklärungen  nur  allgemein  und  aphoristisch  gehalten
wurde,  dir  bewiesen  haben,  daß  das  Werk  des  Ordens  ein  sehr  ernstes,
daß  es  ein  heiliges  und  erhabenes  ist.  Es  giebt  nur  einen  Ausgangsund
  einen  Endpunkt  für  das  Leben  des  Menschen,  der  das  Höchste  lebhaft
  und  ungetrübt  erkannt  hat;  zu  dem  richtigen  Verständnis  dieses  einen
Notwendigen  wird  der  Orden  dich  führen,  wenn  es  dein  stetes  Bemühen
  sein  und  bleiben  wird,  die  hBeiligen  Lehren  in  dich  aufzunebmen,
wenn  du  sie  zur  That  und  Wahrheit  wirst  werden  lassen.  Es  feblt
nicht  an  lauten  Stimmen,  die  außerhalb  des  Ordens  stehen  und  sich  bemühen,
  denselben  zu  verdunkeln  und  zu  verdächtigen:  wie  JIch  niemand
ein  Recht  zugestehen  kann,  über  den  Orden  abzusprechen,  der  ihn  nicht
kennt,  so  werde  Ich  auf  Grund  der  Mir  gewordenen  Erkenntnis  nie
solchen  Stimmen  Gehör  schenken.  Möge  auch  deine  Sukunft  den  Beweis
  geben,  daß  du  mit  klarem  und  ungetrübtem  Blicke  zu  sichten  und
den  Orden  zu  verteidigen  wissen  wirst.  Man  greift  den  Orden  an,  weil
er  sich  in  Geheimnisse  hüllt  und  man  zu  bequem  ist,  sich  davon  zu  überzeugen,
  daß  dies  jetzt  noch  notwendig  ist.  Wie  es  in  der  Art  derer
liegt,  welche  zertrümmern  wollen,  daß  sie  mit  Oberflächlichem  sich  begnügen,
  so  dringen  auch  in  diesem  Falle  die  Gegner  nicht  tiefer  ein,  um
eben  absichtlich  nicht  eines  besseren  belehrt  zu  werden.  Sei  und  werde
du  also  dem  Grden  ein  starker  Schutz;  dann  wird  nicht  allein  deine
eigene  Gukunft  eine  gesicherte  sein,  sondern  du  wirst  überbaupt  das
herrliche  Zewußtsein  in  dir  tragen,  bestrebt  gewesen  zu  sein,  das  Wahre
und  Gute  um  dich  zu  verbreiten.“

Wer  mächte  verkennen,  daß  in  einer  Zeit,  in  der  reaktionäre  Bestrebungen
  vorherrschten,  eine  Feier  wie  diese  weit  über  das  persönliche
WMoment  hinaus  Bedeutung  gewannd  In  weite  Kreise  des  Dolkes  hinaus
erstrahlte  sie  wie  das  leuchtende  Wabhrzeichen  einer  helleren  Sukunfti;
aber  die  Führer  der  Reaktion  sehen  die  Erklärung  offenen  Abfalles  darin.
So  steigerte  sie,  obgleich  der  König  selbst  gern  seine  Genehmigung  zu
        <pb n="241" />
        —  8——  -  —

Prinz  Wilhelm  und  seine  Familie  im  Jahre  1854.

der  Feier  gegeben,  doch  die  Derstimmung,  die  in  den  Berliner  Hofkreisen
gegen  den  Hrinzen  von  Hreußen  herrschte.  Aber  die  Holitik  führte  auch
zu  einer  Erkältung  zwischen  dem  Hrinzen  und  dem  Könige;  denn  als  der
anhebende  Krimkrieg  seine  Schatten  über  Europa  warf,  neigte  der  König
zu  Rußland  und  verlangte,  daß  der  Hrinz  darin  ihm  folge.  Aber  das
lief  gegen  die  Überzeugung  des  Hrinzen.  Zedoch  weit  entfernt,  dem
Könige  sich  entgegenzustellen,  zog  sich  der  Hrinz  ganz  von  den  politischen
Verhandlungen  zurück  und  blieb,  Berlin  meidend,  in  Koblenz,  um  —  wie
er  an  den  Herzog  Ernst  von  Koburg  schrieb  (19.  Mai  1854)  —  „der
Welt  zu  zeigen,  daß  ich  als  erster  Unterthan  auch  der  erste  sein  werde,
der  den  Befehlen  des  Königs  gehorsam  sein  wird.“
        <pb n="242" />
        236  Sechstes  Kapitel.

Indes  einwurzeln  sollte  sich  diese  Erkältung  nicht.  „Daher  gehe
ich“,  schreibt  er  dem  Herzoge,  „mit  meiner  Familie  zu  meiner  silbernen
Hochzeit  am  11.  Juni  nach  Berlin,  wodurch  der  Familienfrieden  hoffentlich
  hergestellt  ist.“  So  wurde  denn  die  silberne  Bochzeit  des  Hrinzen
von  Hreußen  in  Berlin  gefeiert.  Diele  herzliche  Beweise  von  Liebe  und
Anhänglichkeit  erhielt  das  Jubelpaar  an  diesem  Tage.  Die  Stadt  Berlin
veranstaltete  zu  Shren  des  hohen  Daares  ein  glänzendes  Fest  in  den
großartigen  Krollschen  Sälen,  welche  unendlicher  Jubel  durchtönte,  als
das  gefeierte  Haar,  von  den  beiden  blühend  herangewachsenen  Kindern
begleitet,  den  Königssaal  betrat.  Sum  Gedächtnis  des  festlichen  Tages
ließ  der  König  eine  Medaille  prägen,  die  auf  der  Horderseite  in  antiker
Gewandung  das  hobe  Silberpaar  vor  dem  Altare  des  Eymen  zeigt,  zur
Seite  die  fürstlichen  Kinder,  während  die  Rückseite  die  Bildnisse  des
Drinzen  und  der  Drinzessin  trägt.

Die  schöne  Hochzeitgedenkseier  stellte  nicht  nur  die  Familienharmonie
wieder  her,  sondern  sie  hatte  auch  darin  einen  schönen  Ertrag,  daß  zahlreiche
  Derehrer  des  Drinzen  von  Hreußen,  um  ihm  eine  Freude  zu
bereiten,  reichliche  Beiträge  an  den  Nationaldank  spendeten.  Denn  war
auch  „die  allgemeine  Landesstiftung  als  Nationaldank  zur  Unterstützung
der  vaterländischen  Deteranen  und  invaliden  Krieger  in  Dreußen“  schon
am  15.  Oktober  1851  ins  Leben  getreten,  so  kam  sie  doch  erst  zu  kräftiger
  Entwickelung,  als  mit  dem  11.  Juni  1854  auf  die  Bitte  des  Kuratoriums
  der  Drinz  von  Hreußen  das  Hrotektorat  übernahm.  Denn  er
liebte  es,  an  Freudentagen  der  Familie  seiner  Freude  durch  ein  besonderes
  reiches  Geschenk  an  den  Nationaldank  Ausdruck  zu  geben,  und  er
gab  damit  auch  weiteren  Kreisen  ein  ersprießlich  nachgeahmtes  Beispiel:
gab  es  doch  damals  noch  hilfsbedürftige  Deteranen  aus  den  Befreiungskriegen
  zu  Tausenden,  ja  selbst  einzelne  noch  aus  des  großen  Friedrichs
Seit.  Ende  1857  belrug  denn  auch  die  Jahreseinnahme  des  Kationaldanks
  schon  200  000  Thaler.

Auch  andern  gemeinnützigen  Unternehmungen  war  gern  das  Interesse
des  Drinzen  zugewandt.  Als  im  Oktober  1848  die  Berliner  gemeinnützige
Baugesellschaft  gegründet  wurde,  trat  der  Hrinz  sofort  als  Aktionär  in
dieselbe.  Denn  ihre  Aufgabe,  in  den  verschiedenen  Stadtteilen  und  Vorstädten
  Berlins  kleine,  aber  bequeme  Wohnungen,  zumal  für  Arbeiter,
zu  bauen,  sprach  ihn  sehr  an.  Er  übernahm  daher  später  auch  über
diesen  Derein  das  Hrotektorat  und  pflegte  in  Herson  als  Vorsitzender  die
Verhandlungen  der  jährlichen  Generalversammlungen  des  Dereins  zu
leiten.  —  Ebenso  übernahm  er  das  Hrotektorat  über  den  „wissenschaft-
        <pb n="243" />
        Ehren=  und  Freudentage.  237

lichen  Derein“,  der  1842  in  Berlin  entstanden  war.  Ein  wichtiger  Schritt
in  der  Entwickelung  desselben  war  der  1850  mit  Genebmigung  des
Hrinzen  gefaßte  Beschluß,  die  Überschüsse  der  Einnahmen  zur  Errichtung
und  Erhaltung  von  Dolksbibliotheken  zu  verwenden.  Denn  durch  diese
wurde  auch  armen  Leuten  die  Gelegenbeit  gewährt,  durch  gute  Bücher
sich  geistig  zu  fördern.  So  zeigte  damals  in  engen  Derhältnissen  die
gütige  Teilnahme  sich,  mit  welcher  der  Hrinz  Motleidende  und  Bedürftige,
allezeit  zu  helfen  bestrebt,  umfangen  hielt.

Unterdessen  hatte  ein  Ereignis  sich  vorbereitet,  das  dem  Hrinzen
von  Hreußen  wie  seiner  Gemahlin  mit  hober  Befriedigung  die  herzlichste

I

Denkmünzr  zur  silbernen  Fochzeit  des  Prinzen  von  Preußen.
(Königl.  Mänzkabinett  in  Berlin.)

Freude  zu  bereiten  bestimmt  war:  die  Derlobung  des  jungen  Hrinzen
Friedrich  Wilhelm  mit  Hictoria,  der  Hrinzeß  Ropal  von  Großbritannien
und  Irland.  Die  Freundschaft  der  Eltern  erhielt  durch  die  Liebe  der
Kinder  die  schönste  Bestätigung.  Mit  Wohlgefallen  war  der  junge  Hrinz
bei  seinen  wiederholten  Besuchen  an  dem  so  eng  befreundeten  englischen
Hofe  der  lieblich  erblühenden  Hrinzessin,  der  ältesten  Tochter  des  englischen
  Königspaares,  begegnet.  Bald  fühlte  er  sich  durch  ihre  hohe
Begabung,  durch  ihre  gründliche  Bildung  neben  dem  frischen  Ciebreiz
ihrer  Erscheinung  tiefer  gefesselt,  und  eröffnete,  als  er,  auf  Urlaub  nach
Ostende,  vor  der  Abreise  von  dem  auf  Stolzenfels  weilenden  Könige  Abschied
  nahm,  ihm  mit  der  Bitte,  vorläufig  über  die  Sache  zu  schweigen,
daß  er  nach  England  zu  geben  und  um  die  Hand  der  Hrinzeß  Royal
zu  werben  wünsche.  Sofort  gab  der  König  als  Familienhaupt  seine
Einwilligung  und  hielt  auch  streng  seine  Susage,  bis  der  General  von
        <pb n="244" />
        238  Sechstes  Kapitel.

Gerlach  ihm  über  das  „ungereimte“  Gerücht  klagte,  daß  der  Prinz  nach
England  zur  Brautwerbung  gegangen  sei.  Da  bestätigte  es  denn  der
König  mit  herzlichem  Lachen:  „Nun  jal“  sagte  er.  „Es  ist  wirklich  so.“
Denn  der  reaktionären  Partei  war  der  Gedanke  einer  Verbindung  des
Thronerben  mit  der  liberalen  englischen  Königsfamilie  auf  das  äußerste
zuwider.  Die  Staatsraison  hatte  auch  an  der  Verbindung  gar  keinen
Teil.  „Vicht  Politik“,  bestätigte  der  junge  Prinz,  „noch  Ehrgeiz  hat  es
zustande  gebracht,  sondern  mein  Herz.“

Die  Werbung  fand  bei  den  Eltern  die  günstigste  Aufnahme.  Denn
der  fürstliche  Werber  gefiel  ihnen  sehr.  „Seine  besonders  hervorragen—
den  Eigenschaften“,  äußerte  sich  der  Prinzgemahl  Albert,  „sind  große
Geradheit,  Offenheit  und  Ehrenhaftigkeit.  Er  scheint  frei  von  Vorurteilen
und  mit  ausnehmend  trefflichen  Absichten.“  Auch  auf  das  Herz  der
jungen  Prinzessin  machte  der  Prinz  einen  tiefen  Eindruck.  „Victoria  ist
sehr  erregt“,  beobachtet  der  Prinzgemahl,  ihr  Vater.  „Der  Prinz  ist
wirklich  verliebt,  und  die  kleine  Dame  thut  ihr  Bestes,  um  ihm  zu  gefallen.“
  Nur  die  große  Jugend  der  Prinzessin  stand  der  Erfüllung  der
allseitig  gehegten  Wünsche  entgegen.  Es  wurde  daher  beschlossen,  die
Werbung  vor  der  Prinzessin  wenigstens  bis  zu  ihrer  Konfirmation  noch
geheim  zu  halten.  Allein  die  echte  Empfindung  läßt  sich  nicht  verschließen.
Bei  einem  Ausfluge,  den  die  königliche  Familie  mit  ihrem  erlauchten  Gaste
über  die  Deide  machte,  sah  der  Prinz  am  Wege  eine  Staude  weißen
Reidekrautes,  das,  selten  gefunden,  in  Schottland  für  glückbringend  gilt.
Schnell  sprang  er  vom  Oferde,  pflückte  die  Blume  und  reichte  sie  der
jungen  Hrinzessin  mit  Worten,  die  über  seine  Gefühle  und  Hoffnungen
keinen  Sweifel  ließen.  So  wurde  der  29.  September  1855  der  Derlobungstag
  des  jungen  fürstlichen  Haares.

Und  auch  die  Holitik  billigte  mit  lautem  Beifall  das  Band,  das
nach  langer  Entfremdung  die  beiden  protestantischen  Großmächte  wieder
enger  miteinander  verbinden  sollte.  Da  verschlugen  denn  die  Derunglimpfungen
  wenig,  mit  denen  manche  englische  Seitungen,  wie  die
„Times"“,  mit  der  „Kreuzzeitung“  in  Berlin  wetteifernd,  diese  Derlobung
überschütteten.  Denn  ohne  Kenntnis  der  durchaus  selbständigen  Stellung  des
Drinzen  von  Hreußen  und  seines  Sohnes,  sahen  sie,  durch  die  antienglische
politik  Dreußens  in  dem  Krimkriege  gereizt,  in  beiden  nur  Gesinnungsgenossen
  der  reaktionären  Hartei,  die  damals  mit  dem  Anspruch  alleiniger
Königstreue  den  preußischen  Thron  umgab.

Und  doch  trat  bald  der  klare  Gegensatz,  welcher  längst  den  Hrinzen
von  Hreußen  von  der  reaktionären  Hartei  schied,  mit  einer  Schärfe  zu
        <pb n="245" />
        Großherzog  Friedrich  von  Kaden  und  seine  Gemahlin  Cuise,  geb.  Prinzessin  von  Preußen.

Tage,  die  völlig  jeden  Zweifel  ausschloß.  An  demselben  froh  verheißungsvollen
  29.  September,  an  dem  der  Bruder  —  wie  er  später  scherzend
erzählte  —  in  England  sich  „wahrhaftig  zu  Pferde“  verlobte,  fand  auch
die  Schwester  das  Glück  ihres  Lebens.  Denn  an  ihm  verlobte  sich  die
Prinzessin  Luise  mit  dem  jungen  Großberzoge  Friedrich  von  Baden,  der
schon  seit  dem  24.  April  1852  Regent  des  Landes  gewesen  war.  Ein
Jahr  danach  —  am  20.  September  1856  —  fand  die  Dermählung  des
hohen  Haares  statt,  mit  freudigem  Beifall  von  allen  deutschgesinnten
Männern  begrüßt.  Denn  sie  knüpfte  wiederum  ein  Band,  das  den  Süden
Deutschlands  dem  Norden  näher  brachte.  Aber  die  reaktionären  Harteigänger
  vergaben  es  dem  Hrinzen  von  Hreußen  nicht,  daß  er  die  Werbung
        <pb n="246" />
        240  Sechstes  Kapitel.

eines  so  national  und  zugleich  vorurteilsfrei  gesinnten  Fürsten,  wie  der
Großherzog  Friedrich  es  war,  um  die  Rand  der  jungen  Orinzessin  angenommen.
  Kiemand  von  der  Hartei  erschien  auf  der  HBochzeit,  zum
Seichen,  daß  die  Hartei  offen  mit  dem  Hrinzen  von  Hreußen  und  seiner
Familie  gebrochen  habe.  Man  konnte  indessen  nicht  bemerken,  daß  auf
den  Hrinzen  dies  Serschneiden  des  Tafeltuches  irgend  welchen  Eindruck
machte.  Mit  innigster  Freude  begrüßte  er  seinen  ersten  Enkel,  den  kleinen
Erbgroßberzog  Friedrich,  der  dem  jungen  großherzoglichen  Haare  am
0.  Juli  1857  geboren  war.

Rastlos  arbeitete  unterdessen  der  Hrinz  in  den  militärischen  Dingen,
in  deren  Förderung  er  seinen  eigentlichen  Beruf  setzte,  weiter.  Cängst
galt  er  ja  in  Hreußen  für  die  höchste  Autorität  in  allem,  was  die  Armee
betraf;  aber  auch  weit  über  Hreußen  hinaus  ging  sein  Ruhm  und  seine
Geltung.  Im  Herbst  1855  inspizierte  er  im  Auftrage  des  Deutschen
Bundes  das  äösterreichische  BZundeskontingent.  Bei  dieser  Gelegenheit  ließ
er  es  sich  nicht  nehmen,  das  ungarische  Infanterieregiment  Mr.  34,  das
unlängst  ihm  verliehen  war,  bei  der  Darade  vor  dem  Kaiser  Franz
Joseph  und  dem  ebenfalls  anwesenden  Kaiser  Mikolaus  in  Derson  vorüberzuführen.
  In  Wien  dann  zeigte  ihm  der  österreichische  Kaiser  selbst  seine
neue  Schöpfung,  das  kolossale  Arsenal,  das  Werkstätten  des  ganzen  Kriegsmaterials
  enthält,  und  erbat  sich  über  alles  des  Hrinzen  Urteil.  Kaum
war  er  von  hier  nach  Hreußen  zurückgekehrt,  so  trug  ihm  der  König  die
Revision  des  neuen  Erxerzierreglements  auf,  das  der  Generalleutnant
von  Werder  ausgearbeitet  hatte.  Und  nicht  lange  danach  erstieg  er  den
Gipfel  der  militärischen  Ehren:  am  20.  März  1854  ernannte  ihn  der
König  zum  Generaloberst  der  Infanterie  mit  dem  Range  eines  General-=feldmarschalls.
  Im  Cktober  desselben  Jahres  folgte  die  Ernennung  zum
Gouverneur  der  Bundesfestung  Mainz.

Ein  Jahr  danach  —  am  15.  Oktober  1855  —  waren  fünfzig  Jahre
verflossen,  seitdem  König  Friedrich  Wilhelm  zum  Offizier  in  der  preußischen
Armee  ernannt  war.  Dies  MWilitärdienstjubiläum,  wie  sich's  gebührte,
zu  feiern,  hatten  die  sämtlichen  Offiziercorps  der  Linie  wie  der  Landwehr
  einen  kostbaren  Infanteriedegen  anfertigen  lassen,  um  ihn  als
Buldigungsgabe  dem  MKönige  zu  übergeben.  Don  jedem  Armeecorps
kamen  deswegen,  deren  Glückwünsche  zu  überbringen,  Deputationen  nach
Dotsdam  und  baten  den  Hrinzen  von  Hreußen,  ihr  Sprecher  zu  sein.

Es  war  eine  weihevolle  Stunde,  als  der  Hrinz  an  der  Spitze  der
Deputationen  vor  den  König  trat,  den  die  deutschen  Fürsten  umgaben,
die  zur  Mitfeier  Berbeigekommen  waren.  „Vor  Eurer  KRöniglichen
        <pb n="247" />
        Ehren=  und  Freudentage.  241

Majestät“"  —  hob  er  in  tiefer  Bewegung  an  —  „cstehen  die  Dertreter
Allerhöchst  Ihrer  Armee  in  einer  ungewöhnlichen  Art,  um  einen  ungewöhnlichen
  Akt  zu  vollziehen.  Mur  eine  unbegrenzte  Derehrung  zu
Eurer  Majestät  als  unserm  Könige  und  Kriegsherrn  und  die  so  oft  empfundene
  nachsichtsvolle  Gnade  Eurer  Moajestät  hat  uns  den  Mut  gegeben,
  so  zu  erscheinen.  Die  Armee  begeht  heute  den  Tag,  an  welchem
vor  einem  halben  Jahrhundert  Euer  Majestät  in  ihre  Reihen  traten  und
ihr  Waffengefährte  wurden:  ein  Seitabschnitt  voll  der  mächtigsten  Erinnerungen!
  Noch  war  kein  Jahr  verflossen,  als  Suer  Majestät  Seuge
sein  sollten  der  schwersten  Derhängnisse,  welche  über  die  Armee  und  das
Haterland  hereinbrachen.  Aber  Euer  Majestät  waren  dann  auch  Seuge,
wie  unser  Möniglicher  Vater  mit  fester  und  sicherer  Hand,  das  Alte  und
Unhaltbare  beseitigend,  eine  neue  Heeresverfassung  schuf,  gegründet  auf
Daterlandsliebe  und  Ehre.  Und  als  der  König,  dem  Euer  Majestät  in
dem  schwersten  Augenblicke  unsers  Lebens  den  Mamen  des  Heldenkönigs
beilegten,  nun  sein  Dolk  in  die  Waffen  rief,  da  waren  Ener  Wojestät
nicht  nur  Seuge,  sondern  heldenmütiger  Mitkämpfer  der  Thaten,  die  auf
ewige  Seiten  in  den  Annalen  der  preußischen  Armee  verzeichnet  stehen.

„Ein  in  dem  Augenublicke  der  Not  geschaffenes  Element  trat  nach
hergestelltem  Frieden  dem  stehenden  Heere  dauernd  und  festgegliedert  zur
Seite.  In  dieser  Armee  stiegen  Euer  Majestät  von  Stufe  zu  Stufe,  bis
die  Dorsehung  Allerhöchstdieselben  zu  unserm  Könige  und  Kriegsherrn
bestellte.  Mit  rastloser  Thätigkeit  und  Liebe  haben  seitdem  Euer  Wajestät
das  überkommene  Kleinod  Hreußens  gepflegt  und  seine  Entwickelung  gefördert.
  Und  als  eine  Seit  anbrach,  die  man  gern  aus  dem  Geschichtsbuche
  Hreußens  löschen  möchte,  da  stand  das  Heer  in  unwandelbarer
Treue  zu  Eurer  Majestät,  und  als  viele  von  uns  berufen  wurden,  Teile
desselben  gegen  den  Feind  zu  führen,  da  haben  die  jungen,  in  Eurer
Majestät  Schule  erzogenen  Krieger  sich  ihrer  Dorfahren  würdig  gezeigt;
und  der  Enthusiasmus,  mit  welchem  das  Dolk  Eurer  Mojestät  Ruf  zu
den  Waffen  folgte,  ist  Zürge,  daß  die  alte  Treue  zu  dem  angestammten
Könige  unangetastet  geblieben  ist,  daß  es  großer  Thaten  fähig  ist.  Dies
sind  die  beredtesten  Beweise  des  Dankes  eines  Dolkes  unter  Waffen  für
die  nie  erkaltende  Fürsorge  seines  HKöniglichen  Kriegsherrn.  Einen
schöneren  Tag  als  den  heutigen  aber  konnte  die  Armee  nicht  wählen,
um  aufs  neue  diesen  Dank  an  den  Stufen  des  Thrones  niederzulegen,
wo  sie  sich  Glück  wünscht,  daß  ihr  die  Dorsehung  den  ersten  ihrer  Waffengefährten
  ein  halbes  Jahrhundert  als  leuchtendes  Beispiel  kriegerischer

Tugend  voranstellte.  Als  Seichen  dieses  unbegrenzten  Dankes  wagt  es
Maiser  Wilhelm.  16
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        242  Sechstes  Kapitel.

die  Armee,  zu  den  Füßen  Eurer  Majestät  die  Waffe  zu  legen,  die  in  der
königlichen  Hand  ihres  Kriegsherrn  sie  zu  immer  neuem  Ruhme  und
Ehre  führen  wird.  Mit  dem  Rufe,  mit  welchem  wir  alle  jeden  Augen—
blick  bereit  sind,  unser  Blut  und  unser  Leben  für  Euer  Majestät  zu  opfern,
lege  ich  diese  Waffe  im  Namen  der  Armee  Eurer  Majestät  zu  Füßen:
Es  lebe  der  König!“

Mit  freudiger  Zustimmung  stimmte  die  glänzende  Versammlung  in
den  Ruf  ein.  Und  aus  tiefbewegtem  Gemüte  dankte  der  König  wie  für
das  Geschenk,  so  auch  besonders  dafür,  daß  die  Armee  es  ihm  überreichen
lasse  „von  dem  nahen  und  teuren  Verwandten,  der  wirklich  etwas
gethan  hat.“  Und  voll  Rührung  schloß  er  den  Bruder  in  seine  Arme.

Das  war  auch  für  den  Prinzen  ein  schöner  Tag;  aber  zu  einem
schöneren  wurde  ihm  doch  noch  der,  an  welchem  er  nicht  viel  über  ein
Jahr  später  sein  eigenes  Militärdienstjubiläum  beging:  der  1.  Januar
1857.  Denn  wer,  dem  die  Verhältnisse  es  gestatteten,  wäre  nicht  bestrebt
gewesen,  den  Ehrentag  zu  einem  Freudentage  ihm  zu  gestaltend  Von  selbst
brachte  der  Tag  es  damit  ans  Licht,  was  für  eine  wahre  und  warme
Verehrung  die  Preußenherzen  für  ihren  mannhaften  Prinzen  empfanden.

Schon  am  Morgen  überraschte  ihn  der  König  durch  die  Ernennung
zum  Chef  des  7.  Husarenregiments  in  Bonn;  zugleich  überreichte  er  ihm
einen  Degen  von  kunstvoller  Arbeit  und  großer  Kostbarkeit.  Das  Stichblatt
  desselben  zeigte  eine  Engelschar,  die  gleichsam  verteidigend  die  Hand
dessen  zu  schützen  scheint,  der  den  Degen  führt,  während  auf  der  Klinge
alle  Gefechte  eingeätzt  sind,  die  der  Prinz  mitgemacht  hatte.  —  Die  lange
Reihe  der  Deputationen  begann  diejenige  der  Armee,  die  ihm  einen
prachtvollen  silbernen  Ehrenschild,  57,5  Centimeter  im  Durchmesser  groß,
überbrachte.  Die  beiden  Feldmarschälle  der  preußischen  Armee,  Wrangel
und  Graf  Dohna,  trugen  diesen.  Zum  Sprecher  der  Deputation  machte
sich  der  König  selbst,  indem  er  mit  kurzen,  herzlichen  Worten  und  Wün—
schen  den  Prinzen  begrüßte.  In  warmer  Bewegung  erwiderte  ihm  der
Prinz:  „Du  hast  mir  heute  Morgen  schon  so  viele  Beweise  von  Liebe
und  Gnade  gegeben,  daß  mich  die  Ehre,  die  du  mir  jetzt  zu  teil  werden
lässest,  fast  überwältigt.  Denn  von  meinem  Könige  und  Kriegsherrn  im
Namen  der  Armee  ein  Zeichen  der  Anerkennung  zu  empfangen,  ist  ein
Glück,  wie  ich  es  weder  erwartet,  noch  je  zu  hoffen  gewagt  habe.  Wenn
es  wirklich  nicht  nur  deine  große  Gnade,  sondern  eine  Anerkennung  für
meine  Leistungen  in  deinem  Dienste  sein  soll,  so  kann  ich  nur  sagen,  daß
mein  Wille  stets  gewissenhaft  und  treu  war.  Daß  ich  aber  deine  Zu—
friedenheit  erreicht,  danke  ich  großenteils  den  hier  versammelten  Dertretern
        <pb n="249" />
        Ehren=  und  Freudentage.  243

der  Armee,  mit  deren  größter  Sahl  ich  in  dienstlichen  Derhältnissen  gestanden,
  weil  sie  mir  Dertrauen  entgegengetragen,  und  weil  es  mir  gelang,
dies  Dertrauen  mir  auch  zu  bewahren.  Mögen  sie  mit  mir  in  den  Ruf
einstimmen,  der  in  diesem  Augenblicke  unsre  gemeinsamen  Gefühle  der
Ciebe  und  des  Dankes  für  dich  ausspricht:  Es  lebe  der  König!“

Mit  einem  Hoch  auf  den  Hrinzen  antwortete  der  König:  „Mein
Bruder  Wilhelm,  unser  teurer  Jubilar,  lebe  hoch!“

Ehrenschild,  überreicht  um  Tage  des  fünfzigjährigen  Inbilänms.
Oben  das  Medaillonbild  Friedrichs  II.,  unten  der  Große  Kurfürst,  links  Friedrich  I.,  rechts  Joachim  I.
Auf  den  Bändern  des  Eichenkranzes  stehen  die  Uamen  der  Schlachten  und  Treffen.

Hinter  der  Armeedeputation  stand  diejenige  der  alten  Krieger.  Einen
massiv  silbernen  Helm,  ein  Meisterstück  der  Goldschmiedekunst,  brachte  sie
als  Shrengabe  dar.  Auf  einem  Schriftbande  trug  er  die  schlichten  Worte:
„Dem  ritterlichen  Hrinzen  Hreußens  alte  Krieger",  während  auf  die
Randhabe  des  Schildes  die  Worte  geätzt  waren:  Zu  Schirm  und  Schutz
—  Gu  That  und  Trutz  —  Su  Sieg  und  Streit  —  Dor  Gott  geweiht.

Die  Reihe  der  fremden  Deputationen  eröffnete  die  großbritannische,
an  deren  Spitze  Sir  Colin  Campbell  von  der  Königin  Dictoria  das  Großkreuz
  des  militärischen  Bathordens  überbrachte;  dann  folgte  die  russische

16#
        <pb n="250" />
        244  Sechstes  Kapitel.

des  Regiments  Kaluga  und  die  ungarische  des  Regiments  Prinz  von
Preußen,  deren  Chef  der  Prinz  war.  Ihnen  schlossen  sich  die  Abgesandten
deutscher  Fürsten  an,  welche  die  Glückwünsche  ihrer  fürstlichen  Kriegs—
herren  —  voran  der  Großherzöge  von  Baden,  von  Mecklenburg-Schwerin
und  von  Sachsen-Weimar  —  überbrachten.

Fast  unabsehbar  war  die  Reihe  der  nun  folgenden  Deputationen  des
Candtags,  der  Akademien,  Institute,  der  Geistlichkeit,  der  Künstler,  der
Schützengilde,  der  Stadt  Berlin  und  anderer  Städte,  des  Nationaldankes,
des  Berliner  Veteranenvereins,  ländlicher  Kreise  und  Korporationen,  die
in  schier  endloser  Folge  sich  drängten,  dem
Prinzen  ihre  innige  Hingebung  auszudrücken.
Kunstvolle  Adressen,  kostbare  Ehrengeschenke
und,  was  besonders  nach  dem  Sinne  des
Prinzen  war,  gesammelte  Kapitalien  zu
milden  Stiftungen  in  reichem  Wecksel  brachten
  sie  dar.  Und  für  alle  hatte  der  Drinz
ein  freundlich  dankbares  und  beziehungsreiches
  Wort.  Lange  verweilte  er  bei  den
Deputationen  der  beiden  Zäuser  des  Landtags.
  Er  sprach  zu  ihnen  von  dem  Ernste
des  gegenwärtigen  Augenblicks  und  von
der  Motwendigkeit,  an  dem  „teerrlichen
Kleinod  des  Daterlandes“,  an  der  Wehr—
haftigkeit  des  Dolkes  nie  zu  rütteln.  „Die
Armee  ist  gut“,  fuhr  er  fort,  „die  Diszi--·

  plin  ist  vortrefflich;  aber  um  diesen  treff—
Ebrenhelm,  Ehrengabe  der  lichen  Geist  zu  erhalten,  gehört  sehr  viel

„alten  Krieger“  von  1813—1815  zum  "„  .
1.  Junnur  1857.  dazu,  es  gehört  das  dazu,  daß  Sie,  daß

das  Volk  für  denselben  ist.  Die  Armee  hat

unter  allen  Umständen  ihre  Schuldigkeit  gethan  und  wird  sie  wieder  thun.
Daher  hat  sie  Anspruch  auf  die  Fürsorge  der  Dertreter  des  Landes."
Dann  sprach  er  von  sich.  Die  Beweise  der  Liebe  und  Suneigung,  sagte
er,  die  er  empfangen,  betrachtete  er  als  Anerkennung  seines  guten  Willens,
in  allen  Beziehungen  und  in  jeder  Stellung  seine  Schuldigkeit  zu  thun
und  hierdurch,  so  viel  er  vermöge,  für  des  Vaterlandes  Wohl  zu  wirken;
denn  nur,  wenn  Hreußens  Dolk  glücklich  sei,  fühle  auch  er  sich  glücklich.
Eine  Abordnung  von  Berliner  Bürgern  aus  allen  Stadtbezirken
überreichte  dem  Hrinzen  einen  silbernen  LCorbeerkranz,  dessen  Blätter  auf
der  einen  Seite  die  amen  der  Gefsechte  und  Schlachten  zeigten,  die  der
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        Ehren-  und  Freudentage.  246

Prinz  1814  mitgemacht,  auf  der  andern  diejenigen  der  Kämpfe  in  Baden.
Die  goldene  Schleife  des  Kranzes  trug  die  Inschrift:  „Sr.  Königlichen
Hoheit  dem  Hrinzen  von  Hreußen,  dem  heldenmütigen  Kämpfer  für
Ordnung  und  Recht,  aus  Dankbarkeit  und  Derehrung  an  Scchstseinem
Militärjubiläum,  dem  1.  Januar  1857.“  „NRein,  meine  Herren“,  erwiderte
  der  Hrinz  der  Deputation,  „von  dem  Lorbeerkranz  kann  ich  nur
ein  Blatt  annehmen;  das  übrige  gehört  der  tapferen  preußischen  Armeel!“

Ein  festliches  Drunkmahl  in  der  Bildergalerie  des  Schlosses  vereinte
alle  diese  Festabordnungen  mit  dem  Hrinzenjubilar.  Bei  demselben  gab
der  König  dem  gemeinsamen  Wunsche  von  allen  und  für  alle  Ausdruck,
daß  in  dem  neu  beginnenden  Jahre  Glück  und  Segen  dem  Orinzen  folgen
möge,  der  „heute  den  echten  und  vollkommenen  RZitterschlag  durch  Helm,
Schild  und  Schwert  erhalten“  habe.

Den  Eindruck,  den  die  schöne  Jubiläumsfeier  auf  ihn  selbst  gemacht,
faßte  der  Prinz  in  einem  an  den  General  von  Noatzmer  gerichteten  Briefe
dahin  zusammen,  daß  er  schreibt:  „Jch  bin  weit  über  Erwartung,  Gebühr
  und  Derdienst  geebrt  worden.  Ich  nehme  demütig  hin,  was  man
mir  darbrachte,  wenn  es  das  Bekenntnis  eines  redlichen  Willens  ist,  den
ich  in  all  mein  Wirken  gelegt  habe;  das  Dollbringen  kommt  aber  doch
nur  von  —  dort  oben!“

Nur  wenige  Monate  danach  —  am  22.  Wärz  1857  —  beging
der  Hrinz  seinen  Geburtstag.  In  Koblenz  ganz  in  der  Stille  feierte  er
ihn;  es  war  der  sechzigste.  Der  Hrinz  hatte  die  Empfindung,  damit  auf
die  Schwelle  des  Greisenalters  getreten  zu  sein.  Wie  würde  der  Gedanke
  ihn  erschreckt  haben,  daß  noch  ein  volles  Dritteil  seines  Lebens  vor
ihm  lag,  nicht  ein  friedlicher  Lebensabend,  sondern  Jahrzehnte  voll  der
gewaltigsten  Anstrengungen  und  Erfolge,  während  er  meinte,  daß  nun
die  Seit  des  Wirkens  bald  für  ihn  würde  abgelaufen  sein.

Don  dieser  Stimmung  —  zugleich  ein  herrliches  Seugnis  erhabener
Seelengröße  und  edlen,  frommen  Sinnes  —  giebt  uns  eine  Aufzeichnung
Kunde,  die  er  am  10.  April  1857  in  Koblenz  niederschrieb:

„Im  Glauben  ist  die  HBoffnung!“

Befiebl  dem  Berrn  deine  Wege  und  hoffe  auf  ihn,  er  wird  es  wohl
machenl!

Herr,  dein  Wille  geschehe  im  Himmel  wie  auf  Erden!  —

Wenn  diese  Schrift  in  die  Hände  der  Meinigen  fällt,  gehöre  ich  zu
den  Abgeschiedenen!

Möchte  es  mir  vergönnt  sein,  in  meinen  letzten  Lebensstunden  meinen
Geist  den  Händen  meines  Gottes  zu  empfehlen!
        <pb n="252" />
        246  Sechstes  Kapitel.

Möchte  es  mir  vergönnt  sein,  von  meinen  Teuren,  mich  überlebenden,
  Abschied  nehmen  zu  können.

Sollte  ein  jäher  Tod  mich  ereilen,  so  möge  mein  ganzes  TLeben  eine
Vorbereitung  für  das  Jenseits  gewesen  sein!

Möge  Gott  mir  ein  barmherziger  Richter  sein!

Ein  viel  bewegtes  Leben  liegt  hinter  mir!

Nach  Gottes  unerforschlicher  Fügung  haben  Leid  und  Freude  in
stetem  Wechsel  mich  begleitet.  Die  schweren  Derhängnisse,  die  ich  in
meiner  Kindbeit  über  das  Haterland  einbrechen  sah,  der  so  frühe  Verlust
der  unvergeßlichen,  teuren,  geliebten  Mutter  erfüllte  von  früh  an  mein
Berz  mit  Ernst.  Die  Teilnahme  an  der  Erhebung  des  Daterlandes  war
der  erste  Lichtpunkt  für  mein  Leben.  «

Wie  kann  ich  meinem  heißgeliebten  König  und  Vater  genugsam
danken,  daß  er  mich  teilnehmen  ließ  an  der  Ehre  und  dem  Ruhm  des
Heeres!  Seiner  Führung,  Ciebe,  seiner  Gnade  danke  ich  ja  alles,  was
er  mir  bis  zu  seinem  Tode  vertrauensvoll  erwies.  Die  treueste  Pflichterfüllung
  war  meine  Aufgabe  in  liebender  Dankbarkeit,  sie  war  mein  Glück!

Dem  Könige,  meinem  Bruder,  der  mir  zugleich  vertrauensvoller
Freund  ist,  kann  ich  nie  hinreichend  für  diese  Stellung  zu  ihm  dankbar  sein.

Wir  haben  schöne,  aber  auch  schwere  Seiten  zusammen  durchlebt,
die  uns  aber  immer  enger  verbunden  haben,  vor  allem  die  jüngsten
Jahre,  wo  Derrat  und  Frrungen  das  teure  Daterland  dem  Abgrund
nahe  brachten.  Seiner  Gnade  und  seinem  Dertrauen  danke  ich  es,  daß
ich  in  Deutschland  auf  seinen  Befehl  Ordnung  und  Sucht  herstellen
konnte,  nachdem  er  im  eigenen  Lande  dies  Beispiel  gegeben  hatte.

Alle,  die  mit  mir  durch  Freundschaft  und  Wohlwollen  in  Derbindungtraten
  —  und  ihre  Sahl  ist  nach  Gottes  Weisheit  nicht  gering  gewesen  —
finden  hier  meinen  heißen  Dank  und  zugleich  den  letzten  Dank  für  ihre
Liebe,  mit  der  sie  mir  begegneten.  Diele  sind  mir  in  das  Jenseits  vorangegangen
  —  wie  wird  unser  Wiedersehen  sein?

Allmächtiger!  Du  kennst  meine  Dankbarkeit  für  alles,  was  mir
hienieden  Teures  und  Schmerzliches  begegnete!  In  deine  Zände  befehle
ich  meinen  Geistl!

Amen!“
        <pb n="253" />
        <pb n="254" />
        Drittes  Buch.

Rönig  Wilhelm.
        <pb n="255" />
        Erstes  Kapitel.
Stellvertretung  und  Regentschaft.

Eine  hohe,  stattliche  Gestalt,  mit  festem  Schritt,  die  Farbe  der  Gesundheit
  in  dem  Gesichte,  einen  milden  Ernst  über  die  Süge  gebreitet,
in  denen  sich  ein  Ausdruck  ungesuchter  Uberlegenheit  neben  herzlichem
Wohlwollen  geltend  macht:  so  steht  der  Drinz  von  Dreußen  im  Sommer
1857  vor  uns,  als  er  in  Baden-Baden  auf  den  Befehl  des  Hönigs  den
Kaiser  Mapoleon  begrüßte.  Denkwürdige  Begegnung!  Sum  erstenmal
sahen  sie  sich  von  Angesicht.  Der  französische  Herrscher  auf  der  Höhe
der  Macht  und  des  Ruhmes,  gefürchtet,  aber  nicht  geachtet,  und  der
Bohenzollernprinz,  in  höchster  Achtung,  gerade  damals  im  Begriff,  ohne
daß  er  es  ahnte,  zur  Höhe  der  Herrscherstellung  emporzusteigen.

Es  war  der  letzte  Auftrag  seines  königlichen  Bruders,  den  der
Drinz  auszuführen  hatte.  Don  Ostende,  wohin  er  von  Baden--Baden  sich
begeben  hatte,  rief  ihn  die  Machricht  von  der  gefährlichen  Erkrankung
des  Königs  nach  Sanssouci.  Schon  im  Sommer  hatte  des  Königs  sonst
so  feste  Gesundheit  zu  wanken  begonnen;  allein  er  hatte  die  Anzeichen
nicht  beachtet  und  gegen  den  dringenden  Rat  seiner  Ärzte  den  Herbst—
übungen  der  Truppen  in  Sachsen  beigewohnt.  Reftige  Gemütsbewegungen
waren  dazu  gekommen.  Er  hatte  geglaubt,  die  ewigen  Feindseligkeiten,
durch  die  Gsterreich  Hreußens  Kraft  zu  hemmen  und  zu  unterbinden
versuchte,  durch  persönliche  Besprechungen  heben  und  die  alte  Freundschaft
  mit  dem  Kaiserstaate  wiederherstellen  zu  können.  Doll  HBoffnung
war  er  nach  Wien  gegangen;  in  tiefster  Enttäuschung  kehrte  er  von  dort
zurück.  Auch  in  Dresden  warteten  widerwärtige  Herhandlungen  seiner.
Das  ertrug  er  nicht:  ein  Schlaganfall  traf  ihn.  Indessen  in  Sanssouci
besserte  sich  sein  Sustand  nach  einiger  Seit  des  Schwankens  etwas,  als
ein  neuer  Gehirnschlag  eintrat.  Wohl  gewann  er  nach  einigen  Wochen
wieder  einige  Lebenskraft,  und  das  Leiden  nahm  einen  milderen  Charakter
und  regelmäßigen  Derlauf  an,  aber  zugleich  stellte  sich  heraus,  daß  eine
völlige  Genesung  erst  in  längerer  Seit  zu  erwarten  wäre.  Mindestens
        <pb n="256" />
        250  Erstes  Kapitel.

auf  drei  Monate,  verlangten  die  Ärzte,  hätte  der  König  sich  von  allen
Regierungsgeschäften  zurückzuziehen.  So  übertrug  er  denn  am  25.  Oktober
1857  dem  Hrinzen  von  Hreußen  auf  drei  Monate  seine  Stellvertretung
in  der  oberen  Leitung  der  Staatsgeschäfte.

Dementsprechend  richtete  der  Hrinz  am  folgenden  Tage  an  das
Staatsministerium  einen  Erlaß,  in  dem  er  sagte:

„In  Beziehung  auf  die  von  des  Königs  Majestät  Mir  aufgetragene
und  von  Mir  übernommene  Stellvertretung  erkläre  Ich  hiermit,  daß  es
Mein  fester  Wille  ist,  unter  gewissenhafter  Beobachtung  der  Landesverfassung
  und  der  Landesgesetze,  nach  den  Mir  bekannten  Intentionen
Sr.  Majestät,  Meines  Königlichen  Bruders  und  Berrn,  so  lange  die
Regierungsgeschäfte  zu  führen,  als  Seine  Moajestät  dies  für  erforderlich
erachten.“  Er  schloß  mit  den  Worten,  die  seine  Stimmung  bezeichnen:
„Ich  bitte  Gott,  daß  er  Mir  die  Kraft  und  den  Segen  verleihen  möge,
diese  Stellvertretung  zur  Sufriedenheit  Sr.  Majestät  des  Königs  und  zum
Beile  des  Landes  zu  führen,  und  daß  die  iederherstellung  der  zu
Meinem  und  des  TLandes  tiefstem  Schmerze  erschütterten  Gesundheit
Meines  Königlichen  Berrn  Mich  bald  einer  Aufgabe  überheben  möge,
welche  Ich  in  Gemäßheit  Königlichen  Befehles  und  im  Hinblick  auf
Meine  Pflichten  gegen  das  Daterland  übernebme."

Am  Mittag  nahm  der  Hrinz  dann  den  Dortrag  des  Ministerpräsidenten
  von  Manteuffel  entgegen  und  empfing  nach  demselben  die
Minister.  Mit  tiefer  Zewegung  sprach  er  zu  diesen  es  aus,  wie  schwer
er  die  Derantwortlichkeit  der  ihm  gewordenen  Aufgabe  empfinde,  und
wie  lebhaft  er  wünsche,  daß  der  König  bald  imstande  sein  möge,  die
Sügel  der  Regierung  wieder  zu  ergreifen.

Denn  die  Aufgabe,  die  Regierung  nach  den  Intentionen  des  Königs
weiter  zu  führen,  war  für  den  Hrinzen  weder  leicht  noch  erfreulich:
hatten  doch  seine  eigenen  Intentionen  eine  wesentlich  andere  Richtung.
Welche  Selbstverleugnung  gehörte  dazu,  auf  den  eigenen  Willen  zu  verzichten!
  Aber  rückhaltslos  gab  der  Hrinz  sich  hin.  Ruhig  ließ  er  die
Minister,  obgleich  er  ihre  Richtung  nicht  billigte,  weiter  ihres  Amtes
warten;  aber  selbst  in  kleinen  Dingen  stellte  er  sich  selbstlos  zurück.
Jenem  Skribenten  LCindenberg,  der  beleidigende  Berichte  über  das  Leben
des  Drinzen  in  Koblenz  geschrieben  hatte,  verliel  er  das  Amt,  das  unlängst
  der  König  diesem  in  Aussicht  gestellt.  Nicht  einmal  ein  Sug  von
Unmut  war  zu  bemerken,  als  er  die  Ordre  vollzog.

Die  drei  Monate  der  Stellvertretung  vergingen;  allein  mit  ihnen
war  auch  die  Roffnung  auf  die  Wiederherstellung  des  Königs  bei  allen
        <pb n="257" />
        Stellvertretung  und  Regentschaft.  251

Urteilsfähigen  geschwunden.  Die  Verfassung  schrieb  demnach  die  Ein—
setzung  einer  Regentschaft  vor,  zu  der  es  der  Mitwirkung  des  Landtages
bedurfte.  Das  eben  war  der  große  Unterschied,  daß  ein  Regent  die
Regierung  im  eigenen  Namen  unverantwortlich  führte,  der  Stellvertreter
aber  dem  Könige  verantwortlich  blieb.  Erst  die  Regentschaft  also  hätte
dem  Prinzen  Freiheit  der  Bewegung,  ein  Regiment  nach  eigenen  Grund—
sätzen  gegeben.  Das  aber  war  es,  was  die  Häupter  der  Fpartei  —
wie  der  Prinz  die  Gerlach  und  Uhden  in  vertrauten  Briefen  zu  bezeichnen
  pflegte  —  fürchteten.  Denn  sicher  bedeutete  das  den  Verlust
ihres  bisherigen  Einflusses.  Und  die  gleiche  Besorgnis  hegte  auch  die
Mehrzahl  der  Minister;  zumal  der  Kultusminister  von  Raumer  und  der
Minister  des  Innern  von  Westphalen  waren  entschieden  gegen  eine
Regentschaft.  Eine  Helferin,  aber  aus  ganz  anderen  Gründen,  war
ihnen  die  Königin  Elisabeth,  die  von  der  Einsetzung  einer  Regentschaft
einen  üblen  Eindruck  auf  ihren  kranken  königlichen  Gemahl  besorgte.
So  wurde  denn,  bevor  noch  die  Zeit  der  Stellvertretung  ganz  abgelaufen
war,  diese  durch  den  Erlaß  des  Königs  vom  6.  Januar  1858  auf
weitere  drei  Monate  verlängert.  Freilich  eine  starke  Zumutung  an  den
Prinzen,  das  Opfer,  das  er  dem  Könige  und  dem  Staate  durch  die
Fesselung  des  eigenen  Willens  brachte,  zu  verdoppeln!

Um  so  sonniger  hatte  sich  unterdessen  das  Schicksal  des  jungen
Prinzen  Friedrich  Wilhelm  gestaltet.  Alljährlich  war  er  in  England  und
verlebte  mit  seiner  Braut  eine  herrliche,  poesievolle  Brautzeit.  Da
dauerte  es  denn  nicht  lange,  daß  in  der  öffentlichen  Meinung  Englands
ein  völliger  Umschlag  des  Urteils  über  die  Verlobung  wie  über  seine
Persönlichkeit  eintrat.  Denn  sein  so  ungemein  anziehendes  Wesen,  seine
Herzensgüte,  seine  glückliche  Gabe,  jedem  das  Passende  zu  sagen,  ge—
wannen  schnell  ihm  aller.  Herzen.  Bald  waren  die  Engländer  über  die
Verbindung  ebenso  befriedigt,  wie  die  Preußen  es  nur  sein  konnten.  Das
zeigte  sich,  als  die  Derlobung  am  16.  Mai  1857  offiziell  bekannt  gemacht
  wurde;  das  zeigte  sich  noch  deutlicher  bei  der  Dermählung,  die
nach  dem  Wunsche  der  SEltern  um  der  Jugend  der  fürstlichen  Braut
willen  so  lange  aufgeschoben  war.  Endlich  am  25.  Januar  1858  fand
die  Trauung  in  der  Kapelle  des  St.  James--Halastes  in  London  nach
den  altherkömmlichen,  weihevollen  Bräuchen  der  englischen  Kirche  statt.
Aus  den  Händen  seines  Daters,  des  Hrinzen  von  Hreußen,  empfing  der
fürstliche  Zräutigam  den  Trauring,  um  ihn  an  die  Hand  der  Drinzessinbraut
  zu  stecken.  Und  als  die  Tranung  vorüber  war,  trat  das  rein
menschliche  Gefühl  der  Eltern  und  Kinder  in  seine  unabweisbaren  Rechte.
        <pb n="258" />
        252  Erstes  Kapitel.

Innig  umarmte  die  Prinzessin  von  Preußen  ihren  Sohn;  dann  schloß  der
fürstliche  Vater  ihn  voll  Rührung  in  seine  Arme  und  drückte  ihn  an
seine  Brust,  als  könnte  er  ihn  nimmer  wieder  von  sich  lassen.

Die  Heimreise  des  jungen  Paares  glich  einem  Triumphzuge;  gar
nicht  genug  thun  konnte  sich  Stadt  und  Land,  ihm  Ehre  und  Freude  zu
erweisen.  Am  8.  Februar  hielt  es,  von  dem  Jubel  der  Bauptstadt  em-Prinzessin

  Pirtoria  von  Preußen  (um  1860).

pfangen,  seinen  feierlichen  Sinzug  in  Berlin;  mit  einem  Ausdruck  freudigen
Stolzes  führte  der  glückstrahlende  Hrinz  seine  jugendliebliche  Gemahlin  in
das  Schloß  seiner  Däter,  und  bei  dem  Festmahle  in  dem  herrlichen
Weißen  Saale  brachte  der  Hrinz  von  Hreußen  einen  Trinkspruch  aus
auf  „die  glückliche  Derbindung  zwischen  Großbritannien  und  Hreußen
und  auf  das  erhabene  neuvermählte  Haar.“

Aber  nach  den  festlich-schönen  Tagen  forderte  das  LCeben  sein  Recht.
Die  Entsagung,  welche  der  Hrinz  von  Hreußen  übte,  indem  er  die  Der-
        <pb n="259" />
        Stellvertretung  und  Regentschaft.  253

längerung  der  Stellvertretung  sich  gefallen  ließ,  blieb  doch  nicht  ohne
Frucht.  Die  Überzeugung  durchdrang  immer  weitere  Kreise,  daß  dieser
Hrinz,  der  wahrem  Fortschritte  huldigte  und  doch  mit  Selbstverleugnung
die  geeignete  Seit  für  sein  Eingreifen  abwartete,  gewiß,  wenn  sie  einmal
gekommen,  mit  sicherer  Hand  den  Staat  in  die  Bahn  freier  Entwickelung
aller  ihm  innewohnenden  Kräfte  hinüberführen  und  ihm  die  Geltung,

Prinz  Friedrich  Wilhelm  von  Preußen  (um  1860).

die  er  verdiene,  verschaffen  werde.  Denn  wenn  auch  Hreußen  in  den
letzten  Jahren  den  Beweis  geliefert  hatte,  daß  es  sich  nichts  bieten  und
zumuten  lasse,  so  entsprach  doch  eine  solche  Stellung  der  Bedeutung  eines
Staates  nicht,  der  über  eine  Armee  von  einer  halben  Million  gebot  und
dessen  Kinanzen  geordnet  und  günstig  waren,  wie  die  keiner  andern
Großmacht.  Der  Unterschied  war  nicht  zu  verkennen  zwischen  dem,  was
dieser  Staat  hätte  sein  können,  und  dem,  was  er  in  weitgetriebener
Selbstbescheidung  wirklich  war.  Und  eben  dies  genügte  dem  anspruchs-
        <pb n="260" />
        254  Erstes  Kapitel.

vollen  Nationalstolze  nicht.  Zum  1.  April  indes  erwartete  auch  der
Prinz  von  Preußen  die  Einsetzung  der  Regentschaft,  die  allein  ihm  Frei—
heit  der  Bewegung  nach  eigenem  Willen  gewähren  konnte.  In  dieser
Erwartung  erwog  er  die  Entlassung  des  Ministeriums  Manteuffel,  dessen
ganze  Richtung  seinen  Anschauungen  widersprach.  Für  die  Neubildung
des  Kabinetts  richtete  er  sein  Auge  auf  Herrn  von  Alvensleben-Erxleben,
der  früher  eine  Seitlang  KFinanzminister  gewesen  war,  ein  Mann  von
streng  konservativen  Grundsätzen,  reaktionären  Bestrebungen  durchaus  abgeneigt.
  Alvensleben  war  bereit,  auf  die  Gedanken  des  Hrinzen  einzugehen,
  und  schlug  ihm  als  Minister  der  auswärtigen  Angelegenheiten  den
Rerrn  von  Bismarck-Schönhausen  vor.  Swar  im  Dereinigten  Landtage
hatte  Bismarck  auf  der  äußersten  Rechten  seinen  Hlatz  gehabt,  hatte  auch
1848  zu  den  Begründern  der  Kreuzzeitung  gehört,  in  der  die  reaktionäre
Tendenz  sich  unverhüllt  aussprach.  Aber  dann  als  preußischer  Bundestagsgesandter
  war  er  hoch  über  den  engen  Kreis  dieser  Bestrebungen  hinausgewachsen
  und  hatte  in  Frankfurt  am  Main  erkennen  gelernt,  wo  die
Feinde  Preußens  zu  suchen  seien.  Ghne  langes  Sögern  war  er  bereit,
dem  ihm  entgegengetragenen  Dertrauen  zu  entsprechen.  Da  starb  Ende
März  Alvensleben.  Sugleich  setzte  die  reaktionäre  Dartei  die  nochmalige
Derlängerung  der  Stellvertretung  durch.  Schweigend  ergab  der  Hrinz
sich  darein;  aber  er  empfand  die  Kränkung,  die  für  ihn  darin  lag.

Es  war  ein  Sieg,  den  die  Reaktionspartei  über  den  Hrinzen  errungen
  hatte.  zetzt  inmitten  der  Regierungsgeschäfte  empfand  er  zugleich
täglich  mehr  das  Widrige,  gegen  die  eigenen  Grundsätze  die  Regierung
führen  zu  sollen:  er  war  entschlossen,  aus  dieser  Swangslage  sich  zu  befreien
  und  das  WMinisterium  nicht  länger,  als  unbedingt  nötig,  im  Amte
zu  lassen.  Mit  Rudolf  von  Auerswald,  seinem  Jugendfreunde,  nahm  er
wiederholt  Rücksprache;  auch  der  frühere  Minister  des  Auswärtigen,
Rerr  von  Schleinitz,  wurde  herangezogen.  Und  aus  diesen  Gesprächen
entsprang  der  Gedanke,  den  Vorsitz  in  dem  neu  zu  bildenden  Ministerium
dem  Fürsten  Anton  von  Hohenzollern-Sigmaringen,  der  ebenso  patriotisch
gesinnt  wie  wohlmeinend  war,  anzutragen.

Allein  diese  Erwägungen  durchschnitt  ein  neuer  Erlaß,  der  die  Fortsetzung
  der  Stellvertretung  auf  weitere  drei  Monate  (vom  1.  Juli  an)
anordnete.  Die  Zäupter  der  reaktionären  Hartei,  durch  die  schweigende
Surückhaltung  des  Hrinzen  sicher  gemacht,  hatten  jenen  erwirkt;  als
selbstverständlich  stellten  sie  ihn  jetzt  hin  und  sahen  jeden  als  Königsfeind
an,  der  zu  behaupten  wagte,  daß  die  Derfassung  die  Einsetzung  einer
Regentschaft  verlange.  Die  Derfassung  aber  bestimmt  in  Art.  56:  Wenn
        <pb n="261" />
        Stellvertretung  und  Regentschaft.  255

der  König  dauernd  verhindert  ist,  so  übernimmt  derjenige  volljährige
Agnat,  welcher  der  Krone  am  nächsten  steht,  die  Regentschaft.

Ein  solches  Gebaren  erschöpfte  denn  doch  bald  die  Geduld  des
Drinzen.  Konnte  denn  der  gegenwärtige  Sustand  ohne  Herletzung  der
klaren  Bestimmung  der  Derfassung  noch  verlängert  werdend  Über  diese
Frage  erforderte  der  Drinz  am  8.  August  ein  Gutachten  der  Minister.
Dier  Wochen  lang  überlegten  sie;  dann  gaben  sie  es  dahin  ab,  daß  nach
der  Derfassung  die  Motwendigkeit  der  Regentschaft  vorläge.  Denn  kränker
als  er  hingereist  war  der  König  aus  Tegernsee,  wo  er  Genesung  gesucht,
  zurückgekehrt,  und  die  Ärzte  gaben  ihre  Erklärung  dahin  ab,
daß  an  eine  Hiederaufnahme  der  RKegierungsgeschäfte  seitens  des
Königs  für  jetzt  gar  nicht  zu  denken  und  ebensowenig  die  Möglickkeit.
vorhanden  sei,  den  Seitpunkt  auch  nur  annäherungsweise  vorherzusehen,
wo  eine  für  diesen  Sweck  ausreichende  Genesung  und  Erstarkung  stattgefunden
  haben  werde.

In  seiner  Gewissenhaftigkeit  erwog  der  Hrinz  fort  und  fort  die
Oflichten  gegen  den  Staat,  gegen  den  König  und  gegen  sich  selbst.  Am
20.  September  ließ  er  nochmals  in  der  Sitzung  des  Ministeriums  alle
Gründe  für  und  gegen  die  Regentschaft  entwickeln;  dann  erst  entschied
er  sich,  der  Derantwortung,  die  damit  auf  sein  Haupt  gelegt  war,  sich
voll  bewußt.  Man  wählte  die  mildeste  Form:  der  König  solle  aus.
souveränem  Rechte  den  Hrinzen  zur  Übernahme  der  Regentschaft  auffordern,
  aus  agnatischem  Rechte  der  Hrinz  sich  dazu  bereit  erklären  und
dann  die  Sustimmung  des  TLandtages  dazu  eingebolt  werden.

Sbensowenig  wie  der  Prinz  von  Hreußen  konnte  die  Königin  Elisabeth
  sich  dem  Eindrucke  verschließen,  daß  die  RZegentschaftsfrage  klargestellt
  werden  müsse.  In  schwerer  Sorge,  der  Gesundheit  des  Königs
zu  schaden,  legte  sie  ihm  den  Erlaß  vor,  durch  den  er  den  Hrinzen  von
Dreußen  zur  Ubernahme  der  Regentschaft  aufforderte.  Schweigend  las
ihn  der  König,  schweigend  unterzeichnete  er  ihn;  dann  schlug  er  die
Rände  vor  das  Gesicht  und  verließ  schweigend  das  Simmer,  um  einige
Tage  danach  nach  Jtalien  abzureisen.

So  endigte  —  am  7.  Oktober  1858  —  die  Regierung  König
Friedrich  Wilhelms  IV.,  des  vielgeprüften.  Wer  moöchte  nicht  mit  tiefer
Empfindung  des  genial  angelegten  Herrschers  gedenken,  dessen  tragisches
Geschick  es  war,  daß  seine  Randlungen  in  weite  Ferne  gewirkt  haben,
ohne  doch  ihm  selbst  Genugthuung  zu  verschaffen?

„Der  entscheidende  Schritt  ist  geschellen“,  schrieb  der  Hrinz  an  seine
Gemahlin.  „Gott  gebe  seinen  Segen  zu  dem  ernsten  Werke,  was  nun
        <pb n="262" />
        256  Erstes  Kapitel.

durch  mich  für  das  Vaterland  beginnt.“  Dann  eröffnete  er  durch  Erlaß
vom  9.  Oktober  dem  Ministerium,  daß  er  die  Regentschaft  übernehme,
und  berief  noch  an  demselben  Tage  die  beiden  Häuser  des  Landtages
zu  ihrer  verfassungsmäßigen  Mitwirkung  bei  der  Einsetzung  der  Regent—
schaft.

„Der  Regent  übt  die  dem  Könige  zustehende  Gewalt  in  dessen
Namen  aus“,  bestimmt  Artikel  58  der  Verfassung.

Mit  freudigem  Dertrauen  vernahm  man  im  ganzen  Lande  die  Kunde
von  der  UÜbernahme  der  Regentschaft  durch  den  Hrinzen  von  Hreußen.
Auch  der  Landtag  sprach  sich  mit  Stimmeneinbeit  für  die  Rotwendigkeit
der  Regentschaft  aus.  Das  gab  dem  Hrinzen  Dertrauen,  dessen  Herz
der  Kummer  über  das  schwere  Geschick  seines  königlichen  Bruders  erfüllte
  und  die  Sehnsucht  bewegte,  daß  der  königliche  Dulder  doch  noch
genesen  und  mit  hellen  Sinnen  auf  den  Thron  zurückkehren  möge.  So
erklärte  er  denn  dem  TLandtage,  daß  er  des  ernsten  Willens  sei  zu  thun,
was  die  Derfassung  und  die  Gesetze  erbeischten,  daß  aber  seine  Wüncsche
und  Gebete  unablässig  erflehten,  Gottes  Gnade  möge  dem  Rönige  gestatten,
  das  königliche  Amt  seinerzeit  selbst  wieder  auszuüben.  Wahrlich
nicht  nach  der  Rerrschergewalt  drängte  es  den  Hrinzen;  er  übernahm  sie,
weil  er  es  für  seine  Oflicht  hielt;  aber  unendlich  viel  lieber  wäre  es  ihm
gewesen,  nicht  in  diese  Lage  sich  gebracht  zu  sehen.

Am  26.  Oktober  leistete  der  Hrinzregent  den  Eid  auf  die  Derfassung.
Dann  wandte  er  sich  mit  einem  kurzen,  festen  Wort  an  den  Landtag.
„Es  ist  meinem  Herzen  Bedürfnis“,  sprach  er,  „Ihnen,  meine  Herren,
meinen  Dank  auszusprechen  für  die  patriotische  Einmütigkeit,  mit  welcher
Sie  mir  Ihre  Witwirkung  zur  Einrichtung  der  Regentschaft  gewährt
haben.  Sie  haben  dadurch  einen  erbebenden  Beweis  gegeben,  was
preußische  Daterlandsliebe  in  verhängnisvollen  Augenblicken  vermag.  Sie
haben  durch  die  Einstimmigkeit  Ihres  Beschlusses  —  davon  bin  ich  überzeugt
  —  das  Herz  unsers  teuren  Königs  und  Berrn  erquickt.  In  mir  aber
haben  Sie  die  schmerzlichen  Gefühle,  mit  welchen  ich  die  Regentschaft
übernahm,  wesentlich  gemildert  und  die  Suversicht  gestärkt,  daß  es  mir
gelingen  werde,  während  der  Dauer  meiner  Regentschaft  die  Ehre  und
das  Wohl  des  teuern  Daterlandes  zu  dessen  Heil  und  Segen  zu  fördern.
Das  walte  Gott!“  «

Aufmerksam  folgte  den  Vorgängen  in  Berlin  der  alte  Freund  in
England,  der  Prinzgemahl.  Von  ganzem  Herzen  wünschte  er  dem
Prinzregenten  zur  vollständigen  Lösung  der  Regentschaftsfrage  Glück.
„Bewundernd  anerkennen  muß  ich  dabei“,  setzte  er  hinzu,  „die  ganz  vor-
        <pb n="263" />
        Stellvertretung  und  Regentschaft.  257

treffliche  Haltung  des  preußischen  Volkes,  welches  Teilnahme  an  dem
traurigen  Schicksale  seines  Königs,  Anhänglichkeit  an  das  Haus,  festes
Vertrauen  in  dich  und  aus  diesem  heraus  große  Ruhe  im  Ertragen  des
oft  willkürlichen  Regierungsmaßregelns  einer  Partei  an  den  Tag  legte,
die  es  als  seinen  heiligsten  Interessen  feindselig  erkannte.“

Anton,  Fürst  von  Hohenzollern-Bigmaringen,
preußischer  Ministerpräsident  November  1858  bis  September  1862.

Auf  keinen  der  Minister  traf  dieser  Dorwurf  der  Willkür  in  höherem
Maße  zu,  als  auf  den  Minister  des  Innern,  Herrn  von  Westphalen.  Es
entsprach  daher  den  allgemeinen  Wünschen,  daß  der  Hrinzregent,  sobald
er  die  Regentschaft  übernommen,  estphalen  entließ  und  den  Ober—
präsidenken  von  Flottwell  mit  der  einstweiligen  Derwaltung  des  Ministeriums
  beauftragte.  Dadurch  war  den  übrigen  Mitgliedern  des  Ministeriums
  Manteuffel  es  nahe  gelegt,  ebenfalls  ihre  Entlassung  zu  nebmen.
Es  ward  auch  darüber  Beratung  gepflogen,  doch  nur  der  Beschluß  gefaßt,
  daß  dem  Hrinzregenten  anheimgestellt  wurde,  ob  er  noch  ferner
die  Derwaltung  mit  vollem  Dertrauen  in  den  Händen  der  bisherigen

Räte  der  Krone  belassen  wolle.
Kaiser  Wilhelm.  17
        <pb n="264" />
        258  Erstes  Kapitel.

Indessen  dies  Vertrauen  besaß  der  Prinzregent  nicht;  vielmehr
war  er,  die  Forderungen  der  Seit  erwägend,  zur  Neubildung  des
Ministeriums  seit  langem  entschlossen.  Auf  seinen  früheren  Gedanken
zurückgreifend,  beauftragte  er  den  Fürsten  Karl  Anton  von  Hohenzollern-Sigmaringen
  mit  der  Bildung  eines  neuen  Ministeriums.  Der  Fürst,
1811  geboren,  war  seinem  Vater  1848  in  der  Regierung  gefolgt.  Allein
schon  im  folgenden  Jahre  hatte  er,  durch  die  politischen  Stürme  gezwungen,
  bei  Hreußen  Schutz  zu  suchen,  sein  Land  an  Preußen  abgetreten:
ein  Mann,  ebenso  sehr  durch  sein  gründliches  Wissen  wie  durch  seine
reiche  Erfahrung  in  Staatsangelegenheiten  ausgezeichnet.  Trefflich
charakterisiert  ihn  sein  Wort:  „Ich  habe  ein  volles  preußisches  Herz  in
mein  zweites  Vaterland  mitgebracht  und  den  Schritt,  den  ich  1849  gethan,
noch  nicht  einen  Augenblick  bereut.“

Somit  erhielten  denn  am  6.  Movember  die  bisherigen  Minister  ihre
Entlassung.  Nur  zwei  waren  in  das  neuberufene  Kabinett  übernommen,
dessen  Präsidium  der  Fürst  von  Hohenzollern  übernahm.  Die  übrigen
Mitglieder  desselben  waren  Rudolf  von  Auerswald  als  Staatsminister,
Freiherr  von  Schleinitz  als  Minister  der  auswärtigen  Angelegenheiten,
Generalleutnant  von  Bonin  als  Kriegsminister,  Freiherr  von  Patow  als
Finanzminister,  Herr  von  Bethmann-Rollweg  als  Kultusminister,  Graf
Hückler  als  Ackerbauminister.  Flottwell  wurde  das  Ministerium  des
Innern  definitiv  übertragen,  doch  gab  er  es  schon  im  Juli  1850  an  den
Grafen  Schwerin  ab.  Aus  dem  früheren  Kabinett  blieb  Herr  von  der
Bevdt  Randels=  und  Simons  Justizminister.  Sie  stellten  das  konservative
Element  in  dem  neuen  Ministerium  dar,  während  dessen  übrige  Mitglieder
  einem  gemäßigten  Liberalismus  zugethan  waren.

„Dein  Ministerium“,  schrieb  der  Hrinzgemahl  aus  Windsor  alsbald
an  den  Hrinzregenten,  „ist  in  der  That  eines  von  Shrenmännern  und
wird  die  Achtung  des  In=  und  Auslandes  genießen,  und  Du  wirst  mit
Recht  für  die  Ruhe  und  den  Wut  bewundert,  mit  welchem  Du  das,  was
Du  als  Recht  und  zum  Besten  Deines  Landes  erkannt  hattest,  durchzuführen
  gewußt  hast.“

Am  8.  November  1858  war  das  Ministerium  zu  seiner  ersten  Sitzung
versammelt.  Der  Hrinzregent  eröffnete  dieselbe  mit  einer  Ansprache  an
die  Minister,  in  der  er  mit  KRlarheit  und  feierlichem  Wachdruck  die
Grundsätze  darlegte,  nach  denen  er  die  Regierung  Hreußens  fortan  geführt
  sehen  wollte.  Don  einem  Bruche  mit  der  Dergangenheit  solle  nun
und  nimmermehr  die  Rede  sein;  nur  die  sorgliche  und  bessernde  Hand  solle
angelegt  werden,  wo  sich  Willkürliches  oder  Unzeitgemäßes  zeige.  Das
        <pb n="265" />
        Kusprache  dro  Pri

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.  Hovember  185

8
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        260  Erstes  Kapitel.

Wohl  der  Krone  sei  von  dem  des  Landes  unzertrennlich  und  müsse  auf
gesunder,  kräftiger  konservativer  Grundlage  beruhen.  Vicht  von  sogenannten
liberalen,  in  Wahrheit  überspannten  Jdeen  dürfe  die  Regierung  sich  fort
und  fort  in  das  Unbestimmte  treiben  lassen;  die  wahre  Staatsweisheit  bestehe
in  richtiger  Erkenntnis  der  vorhandenen  Bedürfnisse,  in  Wahrheit,  Gesetzlichkeit
  und  Konsequenz.  Dann  werde  eine  Zegierung  stark  sein,  weil  sie
ein  reines  Gewissen  und  damit  das  Recht  habe,  allem  Bösen  kräftig  zu
widerstehen.

Hierauf  ging  der  hohe  Redner  auf  die  einzelnen  Verwaltungszweige
ein,  indem  er  das  Derhalten  der  bisherigen  Regierung  einer  einschneidenden
  Kritik  unterwarf.  „Eine  der  schwierigsten  und  zugleich  zartesten  Fragen,
die  ins  Auge  gefaßt  werden  muß“  —  sagte  er,  nachdem  er  einen  kurzen
Blick  auf  die  inneren  Derhältnisse,  die  Finanzen,  den  Handel  und  die
Justiz  geworfen  —  „ist  die  kirchliche,  da  auf  diesem  Gebiete  in  der  letzten
Seit  viel  vergriffen  worden  ist.  Sunächst  muß  zwischen  beiden  Konfessionen.
eine  möglichste  Harität  obwalten.  In  beiden  Kirchen  muß  aber  mit
allem  Ernste  den  Bestrebungen  entgegengetreten  werden,  die  dahin  abzielen,
  die  Religion  zum  Deckmantel  politischer  Bestrebungen  zu  machen.
In  der  evangelischen  Kirche  —  wir  können  es  nicht  leugnen  —  ist  eine
Orthodoxie  eingekehrt,  die  mit  ihrer  Grundanschauung  nicht  verträglich
ist  und  die  sofort  in  ihrem  Gefolge  Heuchler  hat.  Diese  Orthodoxie  ist
dem  segensreichen  Wirken  der  evangelischen  Union  hinderlich  in  den  Weg
getreten,  und  wir  sind  nahe  daran  gewesen,  sie  zerfallen  zu  sehen.  Die
Aufrechterhaltung  und  ihre  Weiterbeförderung  ist  mein  fester  Wille  und
Entschluß,  mit  aller  billigen  Berücksichtigung  des  konfessionellen  Standpunktes,
  wie  dies  die  dahin  einschlagenden  Dekrete  vorschreiben.  Um
diese  Aufgabe  lösen  zu  können,  müssen  die  Organe  zu  deren  Durchführung
  sorgfältig  gewählt  und  teilweise  gewechselt  werden.  Alle
Reuchelei,  Scheinheiligkeit,  kurzum  alles  Kirchenwesen  als  Mittel  zu.
egoistischen  Swecken  ist  zu  entlarven,  wo  es  nur  möglich  ist.  Die  wahre.
Religiosität  zeigt  sich  im  ganzen  Verhalten  des  Menschen;  dies  ist  immer
ins  Auge  zu  fassen  und  von  äußerem  Gebaren  und  Schaustellungen  zu.
unterscheiden.  Nichtsdestoweniger  hoffe  ich,  doß,  je  höher  man  im  Staate
steht,  man  auch  das  Beispiel  des  Kirchenbesuches  geben  wird.

„Der  katholischen  Kirche  sind  ihre  Rechte  verfassungsmäßig  festgestellt.
  Übergriffe  über  diese  hinaus  sind  nicht  zu  dulden.

„Die  Armee  hat  Hreußens  Größe  geschaffen  und  dessen  Wachstum
erkämpft;  ihre  Dernachlässigung  hat  eine  Katastrophe  über  sie  und  dadurch
  über  den  Staat  gebracht,  die  glorreich  verwischt  worden  ist  durch
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        Stellvertretung  und  Regentschaft.  261

die  zeitgemäße  Reorganisation  des  Heeres,  welche  die  Siege  des  Be—
freiungskrieges  bezeichneten.  Eine  vierzigjährige  Erfahrung  und  zwei
kurze  Kriegsepisoden  haben  uns  indes  auch  jetzt  aufmerksam  gemacht,
daß  manches,  was  sich  nicht  bewährt  hat,  zu  Änderungen  Veranlassung
geben  wird.  Dazu  gehören  ruhige  politische  Zustände  und  —  Geld,  und  es
wäre  ein  schwer  sich  bestrafender  Fehler,  wollte  man  mit  einer  wohlfeilen
Beeresverfassung  prangen,  die  deshalb  im  Momente  der  Entscheidung
den  Erwartungen  nicht  entspräche.  Preußens  Heer  muß  mächtig  und
angesehen  sein,  um,  wenn  es  gilt,  ein  schwer  wiegendes  politisches  Gewicht
  in  die  Wagschale  legen  zu  können.

„Und  so  kommen  wir  zu  Hreußens  politischer  Stellung  nach  außen.
Oreußen  muß  mit  allen  Großmächten  im  freundschaftlichsten  Dernehmen
stehen,  ohne  sich  fremden  Einflüssen  hinzugeben  und  ohne  sich  die  Rände
frühzeitig  durch  Traktate  zu  binden.  Mit  allen  übrigen  Mächten  ist
das  freundliche  Derhältnis  geboten.  In  Deutschland  muß  Hreußen  moralische
  Eroberungen  machen  durch  eine  weise  Gesetzgebung  bei  sich,  durch
Bebung  aller  sittlichen  Slemente  und  durch  Ergreifung  von  Einigungselementen,
  wie  der  Sollverband  es  ist,  der  indes  einer  Reform  wird  unterworfen
  werden  müssen.  Die  Welt  muß  wissen,  daß  Hreußen  überall  das
Recht  zu  schützen  bereit  ist.  Ein  festes,  konsequentes  und,  wenn  es  sein
muß,  energisches  Verhalten  in  der  Holitik,  gepaart  mit  Klugbeit  und
Besonnenheit,  muß  Hreußen  das  politische  Ansehen  und  die  Machtstellung
verschaffen,  die  es  durch  seine  materielle  Macht  allein  nicht  zu  erreichen
imstande  ist.

„Auf  dieser  Bahn  mir  zu  folgen,  um  sie  mit  Ehren  geben  zu
können,  dazu  bedarf  ich  Ihres  Beistandes,  Ihres  Rates,  den  Sie  mir  nicht
versagen  werden.  Alögen  wir  uns  immer  verstehen  zum  Wohle  des
Daterlandes  und  des  Königtums  von  Gottes  Gnaden!“

Der  Hrinzregent  hatte  geendet:  dies  war  sein  Regierungsprogramm.
In  konstitutionellen  Staaten  besteht  die  Sitte,  daß  ein  neu  eintretendes
Ministerium  dem  Berrscher  sein  Drogramm  vorlegt  und  von  dessen  Genehmigung
  eine  Übernahme  der  Geschäfte  abhängig  macht.  Bier  war
es  umgekehrt:  der  Hrinzregent  legte  den  Ministern  sein  Drogramm  vor.
Ganz  allein,  ohne  jeden  Beirat,  ohne  irgend  jemandes  Sustimmung  einzuholen,
  hatte  er  es  niedergeschrieben.  Er  unterwarf  die  darin  ausgesprochenen
  Grundsätze  auch  jetzt  gar  keiner  Erörterung,  sondern  befahl
die  Deröffentlichung.

Der  Eindruck,  den  die  Ansprache  auf  die  Bewohner  Dreußens
machte,  war  außerordentlich.  In  Berlin  drängten  sich  vor  den  BZuch-
        <pb n="268" />
        262  Erstes  Kapitel.

läden,  wo  das  Blatt  zu  kaufen  war,  die  Leute;  auf  den  Straßen  standen
sie,  es  lesend,  oder  lasen  es  den  sich  ansammelnden  Gruppen  laut  vor.
Besonders  die  Derurteilung  der  Scheinkirchlichkeit  und  die  Erwartung
moralischer  Eroberungen  in  Deutschland  machten  tiefen  Eindruck.  Die
Empfindung  war,  daß  „eine  neue  Ara“  für  Hreußen  heraufzöge;  viele
sprachen  es  aus,  und  das  Wort  fand  lauten  Beifall.  Denn  wer  konnte
verkennen,  daß  dieser  8.  Rovember  einen  Wendepunkt  in  der  Geschichte
Dreußens  und  Deutschlands  bedeuten  möchte?

Und  das  Ministerium  der  neuen  Ara  entsprach  durchaus  dem  Dertrauen,
  das  man  ihm  entgegentrug.  Der  Hresse  wurde  freierer  Spiel-=raum
  gewährt,  Ubergriffe  der  Geistlichkeit  wurden  zurückgewiesen  und  den
Beamten  befoblen,  sich  jeder  Beeinflussung  der  Wahlen  zu  enthalten,  auch
selbst  nicht  wie  bisber  nach  Mandaten  für  das  Abgeordnetenhaus  zu
trachten.  So  boten  denn  die  Wahlen  des  Spätherbstes  ein  völlig  verändertes
  Bild  gegen  die  der  letzten  Jahre.  Die  Freunde  des  Ministeriums,
die  Dertreter  der  Altliberalen,  hatten  alleroten  das  entscheidende  Wort.
Man  wollte  der  Regierung  durch  die  Wahl  demokratischer  Kandidaten
keine  Schwierigkeiten  bereiten  und  zugleich  die  reaktionären  Gegner  derselben
  aus  der  Dolksvertretung  beseitigen.  Dem  entsprach  das  Ergebnis.
Das  Ministerium  hatte  in  dem  neu  gewählten  Abgeordnetenhause  eine
überwältigende  Mehrbeit  für  sich;  Demokraten  waren  gar  nicht  gewählt,
Reaktionäre  nur  vereinzelt.

Am  12.  Januar  1850  eröffnete  der  Drinzregent  den  neu  gewählten
Landtag  im  Weißen  Saale  des  Schlosses.  „Auf  der  Fahne  Hreußens"“,
sagte  er,  „steht:  Königtum  von  Gottes  Gnaden,  Festhalten  an  Gesetz  und
Derfassung,  Treue  des  Dolkes  und  des  siegbewußten  Heeres,  Gerechtigkeit,
  Wahrheit,  Dertrauen,  Gottesfurcht!  Wohlan,  meine  Herren!  Helfen
Sie  mir  diese  Fahne  hoch  tragen!  Wer  ihr  folgt,  der  folgt  mir.“

Das  wären  goldene  Worte.  Die  Empfindung  war  in  Hreußen
allgemein,  daß  mit  diesem  Regimente  eine  Disharmonie  unmöglich  wäre.
Nur  der  Hrinzregent  selber  bei  seiner  besonnenen  Art  verschloß  sich  der
Frage  nicht,  inwieweit  es  möglich  sein  würde,  diesem  Jubel  freudiger
Erwartungen  durch  die  That  wirklich  zu  entsprechen.  Aber  auch  ihn  erfüllte
  es  mit  GSuversicht,  daß  das  Abgeordnetenhaus  die  Thronrede  mit
einer  einstimmig  angenommenen  Adresse  beantwortete,  in  der  es  das  freie
und  freudige  Susammentreffen  des  königlichen  Willens  mit  dem  Bedürfnis
  der  Nation  betonte  und  in  dem  ungeschwächten  Rechte  der  Krone
eine  teure  Bürgschaft  des  Gedeihens  und  der  Geltung  unter  den  andern
Dölkern  für  das  preußische  Dolk  anerkannte.  Am  25.  Januar  wurde
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        Stellvertretung  und  Regentschaft.  263

durch  eine  Deputation  diese  Adresse  dem  Prinzregenten  überreicht.  In
dem  freudigen  Ton,  in  dem  er  sie  beantwortete,  klingt  die  Befriedigung
wider,  die  diese  Zustimmungserklärung  ihm  bereitete.

„Mit  besonderer  Freude  und  aufrichtigem  Danke“,  sagte  er,  „nehme
ich  diese  Adresse  entgegen.  Ticht  nur  ihr  Inhalt  verpflichtet  mich  hierzu
sondern  auch  die  Einstimmigkeit,  mit  welcher  das  Haus  der  Abgeordneten
dieselbe  angenommen  hat.  Es  ist  das  zweite  Mal  seit  Einsetzung  der
Regentschaft,  daß  eine  solche  Einstimmigkeit  mir  entgegentritt.  An  jene
Einstimmigkeit  des  allgemeinen  Landtages  der  Monarchie,  mit  welcher  er
die  vom  Könige  eingesetzte  Regentschaft  anerkannte,  schließt  sich  Ihr
gestriger  Akt  würdig  an.  Wie  damals,  so  auch  jetzt  wird  dies  in  den

Erinnernungsmedaille  an  die  Geburt  des  Prinzen  Friedrich  Wilhelm  Viktor  Albert
(Kaiser  Wilhelm  II.).

Annalen  des  Repräsentatiofvstems  seltene  Ereignis  weithin  durch  das
Daterland  und  durch  Europa  widerhallen  und  seinen  Eindruck  nicht  verfehlen,
  weil  es  die  Einmütigkeit  der  Regierung  und  der  Oertreter  des
Landes  darstellt.  Mit  Freude  finde  ich  in  Ihrer  Adresse  die  Ansichten
und  Gefühle  wieder,  welche  ich  vom  Throne  herab  zum  Lande  gesprochen
habe.  Halten  wir  fest  an  diesen  Grundsätzen,  dann  wird  in  Erfüllung
gehen,  daß  das  Daterland,  wie  in  der  Dergangenbeit,  so  in  der  Gegenwart
  und  in  aller  Sukunft  kräftig  und  mächtig  dasteht.“

Dazu  kam  die  entschiedene  Anerkennung,  die  der  Hrinzgemahl  von
England  allen  Schritten  des  Hrinzregenten  spendete.  Hrinz  Wilhelm
schätzte  den  Drinzgemahl  sehr  hoch  und  legte  auf  sein  feines  politisches
Urteil  das  größte  Gewicht.  So  hatte  er  ihm  die  Ansprache  vom  8.  Tovember
  mitgeteilt  und  gab  ihm  auch  gern  von  allem,  was  er  that  und  an-
        <pb n="270" />
        264  Erstes  Kapitel.

strebte,  Kunde.  Darauf  schrieb  ihm  voll  herzlicher  Zustimmung  Prinz
Albert:  „Du  hast  nur  Deine  Pflicht  als  Unterthan,  als  Prinz  und  als
Ehrenmann  erfüllt.  —  Die  Stellung  des  Regenten  ist  die  des  Moderators,
und  daß  du  bereit  bist,  sie  nach  allen  Seiten  hin  mit  Festigkeit  zu  üben,
wird  dem  Ganzen  vom  wesentlichsten  Nutzen  sein.“

Und  nun  trat  das  Ereignis  ein,  das  mehr  als  alles  für  Fürst  und
Volk  den  Januar  1859  zu  einem  Glücksmond  machte.  Dem  Kronprinzen
wurde  am  27.  ein  Sohn  geboren:  Kaiser  Wilhelm  II.,  unser  jetzt
regierender  Herr.  Dadurch  wurde  das  stille,  innige  Familienglück
des  jungen  fürstlichen  Elternpaares  auf  den  Gipfel  erhoben,  und  mit
herzlicher,  frommer  Freude  begrüßte  der  Prinzregent  seinen  zweiten  Enkelsohn:
  auf  zwei  Generationen  war  die  Thronfolge  in  Preußen  festgestellt!
Swar  war  die  Entbindung  schwer  und  einen  Moment  selbst  das  Leben
des  kleinen  Hrinzen  in  Gefahr  gewesen:  um  so  inniger  aber  war  der
Jubel,  als  alles  zu  glücklichem  Ausgange  sich  wandte,  in  der  königlichen
Familie  wie  in  dem  ganzen  preußischen  Dolke.  101  Kanonenschüsse  erdröhnten
  vom  Lustgarten  herüber,  mit  brausendem  Jubel  von  der  Bevölkerung
  begrüßt.  Zu  Tausenden  staute  sich  die  Menge  vor  dem  den
Berlinern  so  lieben  Halais  König  Friedrich  Wilhelms  III.,  das,  stattlich
ausgebaut,  jetzt  von  dem  Kronprinzen  bewohnt  wurde.  TKicht  enden
wollten  die  Hochs  und  Hurras;  jubelnd  stürmten  die  Studenten  aus  der
gegenüberliegenden  Universität  herbei  und  warfen  ihre  Mützen  in  die
Luft,  so  daß  wieder  und  wieder  der  Kronprinz  auf  den  Balkon  heraustrat,
  um  für  die  begeisterten  Glückwünsche  zu  danken:  glückwünschende
Rochrufe,  in  denen  sich  ebenso  sehr  frohe  Roffnungen  für  den  jungen
Drinzen,  wie  die  warm  empfundene  Dolksbeliebtheit  seines  Daters,  des
Kronprinzen,  wie  die  ehrliche  und  herzliche  Verehrung  des  Hrinzregenten
Luft  machte.  Und  wer  hätte  nicht  den  freudigsten  Hoffnungen  für  einen
Hrinzen  sich  rückhaltslos  hingeben  sollen,  den  der  fürstliche  Dater  gelobte,
in  denselben  „Gesinnungen  und  Gefühlen  zu  erziehen,  die  ihn  selbst  an
das  Daterland  ketteten“,  dem  der  Großpvater  ein  so  leuchtendes  und  wirksames
  Dorbild  auf  dem  Throne  gabd  Und  wer  hätte  in  seinem  Herzen
nicht  einstimmen  mögen  in  die  frohe  feierliche  Weise,  die  in  vollen
Hosaunentönen  durch  die  Abendschatten  von  der  Kuppel  des  königlichen
Schlosses  herabklang:  „Lobe  den  Herren,  den  mächtigen  König  der  Ehrenl!"“
        <pb n="271" />
        Bweites  Kapitel.
Auswärtige  Angelegenheiten.

Eine  drückende  Schwüle  erfüllte,  als  der  Drinz  Wilhelm  die  Regentschaft
  übernahm,  die  politische  Atmosphäre  Europas.  Die  Großmächte
hatten  sich  in  zwei  Harteien  gespaltet.  Frankreich  und  Rußland  hatten
sich  in  dem  Gegensatze  zu  Esterreich  gefunden,  dem  Frankreich  in  verdeckter
  Feindseligkeit,  Rußland  in  unverhehltem,  bitterem  Grolle  gegenüber—
stand.  England  dagegen  neigte  sich  Osterreich  zu.  Und  Hreußen?
„Wer  unnütz  provoziert,  wird  so  leicht  keine  Alliierte  finden“,  war  die
Antwort,  welche  der  Prinzregent  den  fremden  Diplomaten  zu  geben
pflegte,  wenn  sie  seine  Gedanken  zu  ergründen  suchten.

Die  Überlieferung  war,  daß  Preußen  sich  an  sterreich  anschließen
müsse.  Zwar  hatte  Osterreich  in  der  Neuenburger  Frage,  die  Hreußen
schließlich  zur  Aufgabe  des  schweizerischen  Fürstentums  gebracht  hatte,  sich
sehr  unfreundlich  gestellt  und  fuhr  unablässig  am  Bundestage  fort,
Preußen  zu  hemmen  und  bei  Seite  zu  schieben,  aber  dennoch  suchte  es
sich  Preußens  zu  versichern,  indem  es  ihm  das  Mitbesetzungsrecht  in  der
Bundesfestung  Rastatt  anbot,  wenn  Preußen  ihm,  wie  es  1854  gethan,
seinen  gesamten  Besitzstand,  die  deutschen  wie  die  außerdeutschen  Provinzen,
garantiere.  Mit  aller  Entschiedenheit  indes  wies  der  Prinzregent  dies
Anerbieten  zurück,  aber  Herr  von  Schleinitz,  der  Minister  des  Äußern,
blieb  doch  geneigt,  einem  Zusammengehen  mit  Osterreich  das  Wort  zu
reden,  während  der  Prinz  Wert  darauf  legte,  auch  Esterreich  gegenüber
sich  freie  Hand  zu  bewahren.

Mun  aber  hatte  GEsterreich  sich  in  fremde  Angelegenheiten  gemischt,
indem  es,  auf  abgeschlossene  Bündnisverträge  sich  stützend,  über  die
italienischen  Kleinstaaten  eine  Gewaltherrschaft  ausübte  und  die  Bevölkerung
  despotisch  niederhielt.  In  Baden-Baden  suchte  daher  der
leitende  Minister  Sardiniens,  Graf  Cavour,  den  Hrinzregenten  auf  und
trug  ihm  beweglich  das  Elend  Jtaliens  vor.  Er  hatte  auch  die  Genug-
        <pb n="272" />
        266  Zweites  Kapitel.

thuung,  daß  ihm  der  Hrinzregent  beistimmte,  die  Zurücknahme  dieser  Ver—
träge,  durch  die  Osterreich  sich  Übergriffe  in  eine  fremde  Machtsphäre
erlaube,  sei  zu  wünschen  und  zu  erstreben.  Aber  war  zu  erwarten,  daß
sterreich  bloßen  Vorstellungen  nachgeben  würde?  Die  sympathische
Aufnahme,  die  sein  Schmerzensschrei  bei  dem  Prinzregenten  gefunden,
wenn  dieser  auch  nichts  anderes  als  Reformen  der  teils  despotischen,
teils  stagnierenden  Verwaltung  der  italienischen  Kleinstaaten  im  Sinne
hatte,  veranlaßte  Cavour,  zu  Weihnachten  1858  den  Marchese  Pepoli
nach  Düsseldorf  zu  dem  Fürsten  von  Hohenzollern  zu  senden,  um,  wenn
es  möglich  wäre,  bei  der  Ähnlichkeit  der  Cage  Preußens  zu  Deutschland
und  Sardiniens  zu  Italien  den  Abschluß  eines  preußisch-sardinischen  Bünd—
nisses  zu  erlangen.  Auch  der  Fürst  gab  seiner  Sympathie  für  Sardinien
offenen  Ausdruck,  lehnte  aber  mit  Bestimmtheit  es  ab,  durch  die  Übernahme
  irgend  welcher  Verpflichtung  die  freie  Bewegung  der  preußischen
Politik  einzuengen.  So  setzte  denn  Cavour  auf  die  Zukunft  seine  Hoff—
nung.  „Die  Alliance  Preußens  mit  Piemont“,  meinte  er,  „ist  mit  breiten
TLettern  eingeschrieben  in  das  Buch  der  zukünftigen  Geschichte!“  Und  so
unrecht  hatte  er  damit  nicht.

Da  erfolgte  am  1.  Jannar  1859  die  berüchtigte  Teujahrsbegrüßung,
durch  die  der  Kaiser  Tapoleon,  mit  dem  Könige  Diftor  Emanuel  von
Sardinien  verbündet,  die  Kriegserklärung  Gsterreichs  veranlaßte.  Die
Schwüle  wich,  die  Lage  der  Dinge  klärte  sich.  In  einem  ausführlichen
Schreiben  an  den  Hrinzgemahl  vom  2.  Februar  1850  sprachk  sich  der
Drinzregent  über  die  Seitlage  aus  und  über  die  Stellung,  die  sich  für
Dreußen  daraus  ergebe.  „Die  Gefahr  der  Zevolutionskriege",  schreibt
er,  „liegt  nahe,  daß,  im  Falle  den  französischen  Waffen  der  Sieg  verbliebe,
  diese  dann  bald  gegen  Deutschland  und  Hreußen  gerichtet  werden
würden,  wenn  diese  neutral  geblieben  wären  und  Esterreichs  désastres
ruhig  mitangesehen  hätten.  —  Aber  gesetzten  Falls,  sterreich  bleibt  siegreich
  gegen  eine  franco-italienische  Alliance,  werden  Deutschland,  also  auch
Hreußen,  Suschauer  bleibend  Wie  stiegen  Gsterreichs  Aktien  in  der  Welt
und  vor  allem  in  Deutschland!  Kann  dies  Hreußen  gleichgültig  sein  92“

„Jch  spreche  meine  Uberzeugung  aus,  daß  wir  in  nicht  zu  langer
Zeit  für  unsere  Existenz  gegen  Esterreich  werden  fechten  müssen“,  hatte
schon  drei  Jahre  zuvor  Herr  von  Bismarck,  der  scharfsichtig  urteilende
Bundestagsgesandte  Dreußens,  an  den  Minister  von  WManteuffel  geschrieben.
  Er  sah  in  GEsterreich  den  gefährlichsten  Gegner  Dreußens.
Es  mußte  daher  als  ein  Osterreich  günstiger  Umstand  gedentet  werden,
daß  er  jetzt  aus  Frankfurt  abberufen  und  als  Botschafter  nach  St.  Heters-
        <pb n="273" />
        Auswärtige  Angelegenheiten.  267

burg  versetzt  wurde.  Aber  auch  sein  Nachfolger,  Herr  von  Usedom,  ein
Gesinnungsgenosse  der  neuen  Minister  Preußens,  war,  von  warmer  Sym—
pathie  für  Italien  eingenommen,  sterreich  wenig  gewogen.  Indes  er
stand  bald  in  Frankfurt  ziemlich  vereinsamt  da.  Denn  COsterreich  hatte,
seit  es  zum  Kriege  entschlossen  war,  es  sich  angelegen  sein  lassen,  nicht
bloß  die  Oresse  Süddeutschlands  für  sich  zu  gewinnen,  sondern  stellte  auch
an  allen  deutschen  Höfen  es  als  eine  selbstverständliche  patriotische  Oflicht
der  Fürsten  dar,  für  Esterreich,  die  Dormacht  Deutschlands,  mit  ganzer
RBeeresmacht  in  dem  bevorstehenden  Kriege  einzutreten.  Es  hatte  damit
weitgehenden  Erfolg;  als  unumstößliche  Wahrheit  wurde  seinen  Dersicherungen
  wie  denen  der  ihm  ergebenen  Dresse  geglaubt,  daß  ein  Angriff
  auf  Esterreich  in  Italien  die  Sicherheit  Deutschlands  unmittelbar
bedrohe,  daß  der  Rhein  am  Ho  verteidigt  werden  müsse,  daß  der  Kampf
der  Ehre  Deutschlands  gelte.  In  Hreußen  jedoch,  zumeist  auch  in  Norddeutschland
  urteilte  man  schärfer;  man  ließ  sich  nicht  durch  Hhrasen  berauschen,
  man  versagte  den  gedrückten  und  mißbandelten  Jtalienern  sein
Mitgefühl  nicht  und  war  weit  entfernt,  für  die  österreichische  Suprematie
über  Jtalien  sich  zu  begeistern.

Aber  die  Gedanken  sterreichs,  als  es  das  Schwert  zog,  gingen  viel
weiter;  den  Kaiser  Mapoleon  zu  stürzen  und  Frankreich  an  den  bourbonischen
  Hrätendenten  auszuliefern,  war  das  Siel  der  herrschenden
Dartei.  Denn  in  diesem  glaubte  sie  dann  einen  unbedingten  treuen
Bundesgenossen  zu  haben.

Der  Erzherzog  Albrecht  erschien  in  Berlin,  um  dem  Drinzregenten
den  Kriegsplan  Gsterreichs  darzulegen.  Esterreich  wollte  Hiemont  besetzen
  und  dadurch  den  Feind  im  Süden  an  die  Kette  legen,  dann  aber
zum  Angriff  auf  Frankreich  am  Rhein  vorgehen.  Dieser  gelte  als  der
Rauptkrieg,  für  den  es  260000  Mann  bestimmt  habez;  diesen  solle  das
deutsche  Bundeshbeer  in  der  eise  sich  anschließen,  daß  die  Süddeutschen
unter  dem  Erzherzoge  Seite  an  Seite  mit  GEsterreich  fechten,  die  Norddeutschen
  am  Niederrhein  unter  Dreußens  Oberbefebl  in  den  Krieg  eintreten
  würden.  Tricht  ohne  Erstaunen  vernahm  der  Hrinzregent,  wie
man  in  ien  über  die  Streitkräfte  Dreußens  und  Deutschlands  lediglich
zu  dem  SZwecke  verfügte,  um  die  österreichische  Doppelherrschaft  über
Deutschland  und  Italien  zu  behaupten.  Er  lehnte  daher  rundweg  den
österreichischen  Olan  ab  und  erklärte,  daß  sich  Hreußen  auf  die  Beschützung
des  deutschen  Bundesgebietes  beschränken,  sonst  aber  in  neutraler  Stellung
verharren  würde.  Er  wünschte  heilsame  Reformen  in  Jtalien,  aber
keine  Revolutionen,  keine  Besitzueränderungen.  Demgemäß  war  er  ent-
        <pb n="274" />
        268  Sweites  Kapitel.

schlossen,  auch  Frankreich  nicht  weiter  gehen  zu  lassen,  sondern  thatkräftig
einzugreifen,  wenn  es  auf  Umsturz  in  Jtalien  ausginge.  Sein  Gedanke
war,  zur  geeigneten  Seit  als  bewaffneter  Dermittler  aufzutreten.  Deswegen
  ließ  er  das  preußische  Heer  in  Kriegsbereitschaft  treten,  also  in
eine  Vorbereitung  der  Mobilmachung,  aus  der  es  leicht  auf  den  Kriegsfuß
  übergeführt  werden  konnte.  Sugleich  entsandte  er  den  General
von  Willisen  nach  Wien,  um  mit  Gsterreich  eine  Perständigung  über
seine  Absicht  herbeizuführen.  Hreußen,  ließ  er  erklären,  sei  bereit,  für  die
Erhaltung  des  österreichischen  Länderbesitzes  in  Jtalien  einzutreten,  verlange
  aber  die  volle  Derfügung  über  die  Streitkräfte  des  Deutschen
Bundes.  Dies  Anerbieten  des  Hrinzregenten  erschien  aber  den  österreichischen
  Staatsmännern  durchaus  ungenügend.  Sie  schlugen  einen
sehr  hohen  Ton  an,  indem  sie  die  weitausgreifenden  Siele  der  österreichischen
  Bestrebungen  entrollten  und  dafür  die  Mitwirkung  Hreußens
und  Deutschlands  in  Anspruch  nahmen.  Koatürlich  lehnte  Willisen  jedes
Eintreten  Hreußens  für  die  österreichische  Berrschaft  über  Italien  oder
für  die  Erhebung  des  Grafen  Chambord  auf  den  französischen  Thron
rundweg  ab.

Bald  aber  zog  GEsterreich  andere  Saiten  auf.  Die  französische  Armee
war  inzwischen  in  Hiemont  angelangt  und  hatte  die  Csterreicher  am
20.  Mai  bei  Mkontebello  zurückgeworfen.  Jetzt  erklärte  man  sich  in
Wien  mit  den  preußischen  Dorschlägen  einverstanden;  nur  verlangte  Graf
Rechberg,  der  österreichische  Minister  des  Außern,  daß  sie  in  die  Form
eines  bindenden  Dertrages  gebracht  würden.  Dies  Begehren  mußte
Schleinitz  indessen  zurückweisen,  da  Dreußen,  wenn  durch  Dertrag  gebunden,
  unmöglich  mehr  in  der  Rolle  eines  Dermittlers  auftreten  konnte.

Nun  aber  mengte  sich  Rußland  in  die  Derhandlungen.  Frankreich
sich  zuneigend,  hatte  es  vier  Armeecorps  mobil  gemacht,  um,  wenn  es
notwendig  wäre,  einen  Triumph  Esterreichs  zu  verhindern.  Jetzt  nun
richtete  das  russische  Kabinett  an  die  deutschen  Regierungen  ein  Rundschreiben,
  in  welchem  es  ihnen  in  strengem  Tone  vorschrieb,  der  Sache
Esterreichs,  die  sie  gar  nichts  anginge,  fern  zu  bleiben.  Unbeirrt  ging
jedoch  der  Orinzregent  seinen  Weg:  er  wartete  auf  den  Seitpunkt,  wo
er  als  bewaffneter  Dermittler  in  den  Gang  der  Ereignisse  eingreifen
solle.  Schnell  wider  Erwarten  kam  dieser.  Esterreich,  bei  Magenta  am
4.  Juni  geschlagen,  mußte  die  Lombardei  räumen  und  hinter  den  Mincio
sich  zurückzieben.  Und  um  das  Mißgeschick  zu  vollenden,  erhob  sich  in
den  italienischen  Kleinstaaten  die  Bevölkerung,  verjagte  die  Regierungen
und  schloß  sich  in  hellen  Haufen  dem  Beere  Viktor  SEmanuels  an.  Da
        <pb n="275" />
        Auswärtige  Angelegenheiten.  269

befahl  der  Prinzregent  am  14.  Juni  die  Mobilmachung  von  sechs
preußischen  Armeecorps  und  stellte  zugleich  am  Bundestage  den  Antrag,
daß  auch  die  beiden  süddeutschen  Armeecorps  mobil  gemacht  würden.
Dem  gegenüber  versuchte  Esterreich  indes,  die  Leitung  der  deutschen  An—
gelegenheiten  in  seiner  Band  zu  behalten.  Rechberg  sandte  eine  Depesche
nach  Berlin,  in  der  er  dreist  behauptete,  es  sei  Hreußens  Bundespflicht,
nicht  nur  für  die  Behauptung  des  österreichischen  Besitzes  in  Jtalien,
sondern  auch  für  die  Aufrechterhaltung  der  Schutzverträge  einzusteben,
auf  denen  Esterreichs  Gberherrschaft  über  Jtalien  beruhte.  Für  alle
Jerhandlungen  beim  Bundestage  behielt  GEsterreich  überdies  sich  freie
Rand  vor,  d.  h.  es  wies  die  Forderung  Hreußens,  über  die  Streitkräfte
des  Deutschen  Bundes  DPerfügung  zu  erhalten,  zurück.  Und  doch  war
dies  die  Bedingung,  an  welche  Hreußen  sein  Sintreten  für  den  österreichischen
  Besitz  in  Italien  gebunden  hatte.

Auf  diese  Sumutung  Esterreichs  gab  der  Hrinzregent  gar  keine  Ant—
wort.  Er  sandte  vielmehr  nach  London  und  St.  Hetersburg  gleichlautende
Depeschen,  in  denen  er  den  Beginn  der  preußischen  bewaffneten  Dermittelung
  ankündigte  und  die  beiden  Großmächte  um  die  Unterstützung
derselben  ersuchte.  Die  Grundlage  sei  die  Erhaltung  des  Territorialbestandes
  und  die  Durchführung  politischer  Reformen  in  Italien.  Kachdruck
  gab  er  dieser  Erklärung  dadurch,  daß  er  jetzt  nicht  nur  die  ganze
preußische  Armee  auf  den  Kriegsfuß  setzte,  sondern  auch  beim  Bundestage
die  Wobilmachung  und  Susammenziehung  der  beiden  norddeutschen  Bundescorps
  beantragte.  Dadurch  war  die  Sicherheit  gegeben,  daß  in  kürzester
Frist  400000  Mann  deutscher  Truppen  kampfbereit  am  Rhein  standen.
Kaum  die  Hälfte  hatte  Frankreich  diesen  entgegenzustellen.  Konnte  da
der  Kaiser  Tapoleon  die  Surückgabe  der  eben  eroberten  Lombardei  an
Gsterreich  verweigern?  Oder,  wenn  er  es  doch  that,  bedurfte  da  Deutschland
  noch  der  Mitwirkung  Gsterreichs,  um  am  Rhein  den  Gegner  im
Schach  zu  halten?

Da  geschal  auf  dem  Kriegsschauplatze  das  Unerwartete.  Auch  die
Schlacht  bei  Solferino  hatte  das  Kriegsglück  nicht  den  Fahnen  Esterreichs
zugeführt;  mit  dem  Schwert  in  der  Band,  als  bewaffneter  Dermittler,  war
aber  jetzt  Preußen  bereit,  dem  Bedrängten  beizuspringen.  Schon  hatten
drei  preußische  Armeecorps  gegen  den  Rhein  sich  in  Marsch  gesetzt,  als
Uapoleon  dem  Kaiser  Franz  Joseph  den  Frieden  anbot  und  dieser  begierig
in  die  dargebotene  Hand  einschlug.  Don  London  her  war  Napoleon  die
Nachricht  von  der  bevorstehenden  Dermittelung  Hreußens  zugegangen.  Er
sollte  die  Lombardei  zurückgeben!  Wie  konnte  er  das  nach  all  den  Er-
        <pb n="276" />
        270  Sweites  Kapitel.

klärungen,  die  er  in  die  Welt  hinausgesandt:  „Jtalien  frei  bis  zur  Adria!“
Und  doch,  wie  konnte  er  es  wagen,  die  Dermittelung  zurückzuweisen?
Daher  der  rasche  Entschluß,  um  dem  Dermittler  zu  entgehen,  dem  besiegten
Gegner  den  Frieden  anzubieten.  Und  Gsterreichd  Am  4.  Juli  hatte
Dreußen  im  Bundestage  verlangt,  daß  die  sämtlichen  deutschen  Truppen
unter  seinen  Oberbefehl  gestellt  werden  sollten.  Durch  seinen  Gegenantrag
vom  7.  Juli  suchte  Gsterreich  dem  zu  begegnen,  daß  der  Hrinzregent  von
Dreußen  zum  Bundesfeldherrn  nach  den  Bestimmungen  der  Bundeskriegsverfassung
  ernannt  werde.  Das  war  ja  von  vornherein  klar,  daß
der  Orinzregent  sich  niemals  unter  die  Weisungen  des  Bundestages  stellen
oder  Aufsicht  führende  Bundeskommissare  in  seinem  ZKauptquartiere  dulden
würde.  Aber  würde  Hreußen  sich  so  den  Krieg  verbieten  lassend  Würde
es  nicht  vielmehr  die  Seitlage  benutzen  wollen,  um  sich  unter  Ausschließung
Esterreichs  an  die  Spitze  von  Deutschland  emporzuschwingend  Es  gab
nur  einen  Ausweg:  durch  raschen  Friedensschluß  allen  weiteren  Schritten
Dreußens  zuvorzukommen.  Darin  also  trafen  die  beiden  käaiserlichen
Gegner  zusammen.  So  genügten  denn  wenige  Stunden,  um  den  Frieden
zustande  zu  bringen.  Das  Auftreten  Hreußens  hatte  ihn  den  kriegführenden
  Harteien  aufgedrängt.  Jetzt  wandten  sich  beide,  wie  es  zu  geschehen
pflegt,  gegen  den  Dermittler.  Kapoleon  erklärte,  er  habe,  nur  um  den
Ausbruch  eines  neuen  Krieges  mit  Dreußen  und  Deutschland  zu  vermeiden,
den  Frieden  geschlossen.  Mit  Ingrimm  aber  erhob  GEsterreich  die  Anklage
gegen  Hreußen,  daß  es  von  ihm,  seinem  nächsten  natürlichen  Bundesgenossen,
  im  Stich  gelassen  sei.  Indessen  konnte  doch,  da  die  Erklärungen
sich  klar  entgegenstanden,  nur  einer  der  Gegner,  sei  es  Frankreich,  sei  es
Esterreich,  recht  haben!  Die  Ceidenschaft  blendete  das  Urteil.  Man
wollte  sogar  wissen,  daß  zwischen  Wien  und  Haris  Unterhandlungen  im
Gange  wären,  um  mit  vereinten  Kräften  Hreußen  zu  züchtigen.

Der  Hrinzregent  war  über  dies  Benebmen  des  Wiener  HBofes  empört.
  Wie  er  die  bewaffnete  Dermittelung  Hreußens  angekündigt,  so
hatte  er  sie  klar  und  korrekt  bis  zum  Friedensschlusse  durchgeführt.  In
Deutschland  selbst  aber  beklagten  nicht  wenige,  daß  er  die  Gunst  der  Umstände
  nicht  ausgenutzt,  um  die  Einigung  Deutschlands  unter  preußischer
Führung  durchzusetzen.  Allein  waren  denn  wirklich  die  Umstände  so
günstig  gewesend  Doch  nur  zwei  Wege  hatten  offen  gestanden,  das  schöne
Siel  zu  erreichen;  denn  es  konnte  nur  im  Anschluß  an  eine  der  beiden
kriegführenden  Mächte  geschehen.  Wäre  es  aber  mit  Gsterreich  im  Bunde
erreicht  worden,  so  würde  Esterreich  nimmer  geruht  und  gerastet  haben,
bis  es  mit  der  deutschen  Einheit  und  der  preußischen  Spitze  wieder  vorbei
        <pb n="277" />
        Auswärtige  Angelegenheiten.  271

gewesen  wäre.  Die  Genossenschaft  Frankreichs  aber  hätte  das  Brandmal
fremdländischer  Beihilfe  der  jungen  deutschen  Einbeit  aufgedrückt  und
Geltung  und  Gesundheit  ihr  schmerzlich  verkümmert.  Die  Dorstellung
beherrschte  überbaupt  den  Hrinzregenten,  daß  die  Einigung  Deutschlands
unter  preußischer  Führung  sicher  kommen  würde,  aber  nicht  unter  ihm,
sondern  erst,  wenn  sein  Sohn  oder  sein  Enkel  den  preußischen  Thron  inne
haben  würde.

Die  deutschen  Hatrioten  aber
hatten  die  Entsagung  nicht,  in
so  bescheidene  Boffnung  ihr  sehnsüchtiges
  Derlangen  zu  fassen.
Rudolf  von  Bennigsen,  der
nationale  Führer  der  Opposition
in  der  hannöverschen  Kammer,
gab  zuerst  dem  Worte,  was  alle
empfanden:  Deutschland  bedürfe
der  Führung  Hreußens  und  eines
gemeinsamen  deutschen  Harlaments.
  Am  190.  Juli  18590  berief
er  die  Liberalen  Hannovers  zu
einer  beratenden  Dersammlung,
deren  Ergebnis  die  öffentliche  Erklärung
  Bennigsens  mit  34  Gesinnungsgenossen
  war,  daß  die
Errichtung  einer  starken  Sentralgewalt
  in  Deutschland  und  die
Berufung  eines  deutschen  Harlamentes
  dringend  notwendig  sei.  Mndolf  von  Bennigsen  (um  1860).

Mit  warmer  Beredsamkeit  verteidigte

  Bennigsen  diese  Erklärung  gegen  den  herben  Tadel  des  Ministers
von  Borries  in  der  Kammer,  so  daß  schnell  die  Sahl  der  Unterschriften
bis  auf  700  anwuchs.  Eine  lebhafte  Bewegung,  hierdurch  angefacht,
lief  durch  ganz  Deutschland.  Sum  Greifen  klar  war  es  ja  allen  zum
Bewußtsein  gebracht,  daß  Deutschlands  Bundesverfassung  ohne  ein  Organ
des  nationalen  Willens  lahm,  daß  Deutschlands  Kraft  obne  Hreußen  ohnmächtig
  war.  Träger  dieser  Sentralgewalt  konnte  selbstverständlich  niemand
anders  als  der  Drinzregent  von  Dreußen  werden.  Wohl  war  dieser  auch
dem  Gedanken  geneigt,  nur  daß  die  nötige  Rücksicht  auf  Wien  und  Haris
ihm  noch  Surückhaltung  auferlegte.  Mun  hatten  aber  gleichzeitig  die
        <pb n="278" />
        272  Sweites  Kapitel.

norddeutschen  Demokraten  eine  Dersammlung  nach  Eisenach  berufen,  um
die  nationale  Bewegung  unter  ihre  Führung  zu  bringen.  Als  Bundesgenossen
  drängten  sie  sich  den  Liberalen  auf,  und  diese  ließen  sich  die
ungelegenen  Genossen  gefallen.  So  bildete  auf  einer  allgemeinen  Dersammlung
  zu  Frankfurt  am  Main  aus  der  Dereinigung  beider  Richtungen
sich  am  16.  September  1850  der  Mationalverein.  Aber  von  einer  Führung
durch  Dreußen  wollten  die  zahlreich  anwesenden  Süddeutschen,  selbst  solche
von  gemäßigter  Stellung,  nichts  wissen.  Es  war  eine  traurige  Lösung,
daß  man  wohl  eine  Sentralgewalt  schaffen  wollte,  aber  offen  ließ,  wer
ihr  Träger  sein  und  ihr  erst  Leben  und  Geltung  geben  sollte.  Bei  jedem
Kompromiß  zieht  ja  der  Gemäsßigtere  stets  schließlich  den  kürzeren.  Bald
füllrten  denn  in  dem  Dereine  auch  die  demokratischen  Elemente  das  große
Wort.  Die  Folge  war,  daß  der  Bundestag  den  leitenden  Ausschuß  des
Dereins  aus  Frankfurt  auswies,  so  daß  er  nach  Koburg  unter  den  Schutz
des  liberalen  Berzogs  Ernst  sich  begab.  Auch  der  Hrinzregent  war  jetzt
nicht  ohne  Bedenken.  „Wenn  solche  Leute  dabei  sind“,  meinte  er,  „so
kann  nichts  Gutes  daraus  werden.“  Doch  legte  er  in  Hreußen  ihm  nichts
in  den  Weg,  nur  daß  ihm  der  Seitpunkt  für  Einheitsbestrebungen  sehr
ungeschickt  gewählt  schien.  Ihm  galt  als  das  wichtigste  zunächst  die
Förderung  praktischer  Interessen,  die  Stärkung  der  Dehrkraft,  die  Sicherung
  der  deutschen  Rechtszustände;  die  Anderung  der  Bundesverfassung
werde  dann  schon  zur  rechten  Seit  ihre  Wege  zu  finden  wissen.  Die
kleinen  italienischen  Fürsten  gaben  ihm  den  Beweis.  „Daß  diese
Souveräne“,  schrieb  er  an  seinen  altbewährten  Freund,  den  Hrinzgemahl
von  England,  „nicht  rechtzeitig  Reformen  zu  gewähren  verstanden,  wird
wahrscheinlich  ihre  déchéance  zur  Folge  haben.  Möchte  doch  dies  Beispiel
  manchem  deutschen  Souveräne  die  Augen  öffnen;  aber  im  Gegenteil,
sie  werden  immer  blinder!“  Aber  doch,  unermüdlich  in  der  Sorge  um
die  Förderung  der  Wohlfahrt  Hreußens,  behielt  er  stets  das  Auge  auf
das  ganze  große  deutsche  Daterland  gerichtet;  und  man  verstand  ihn
wohl,  wenn  er  so  beim  KFestmahl  in  Köln  am  5.  Oktober  1850,  als  dort
die  Rheinbrücke,  die  erste  stehende  über  den  Strom,  eingeweiht  wurde,
einen  Trinkspruch  auf  die  Stadt  ausbrachte,  der  in  dem  Wunsche  gipfelte,
daß  die  Brücke  segensreich  sein  möge  für  Köln,  für  die  NMheinprovinz,
ja  für  das  ganze  Land,  für  alle  Stämme,  sie  mögen  heißen,  wie  sie
wollen!  Einen  Jubel  entzündeten  diese  Worte,  wie  ihn  der  alte  Gürzenich
noch  nimmer  vernommen,  und  es  dauerte  lange,  bis  sich  die  Gemüter
der  Festgenossen  wieder  beruhigt  hatten.  Und  durch  ganz  Deutschland
flog  das  mannhafte  Wort,  das  der  Hrinzregent  bei  der  Eröffnung  der
        <pb n="279" />
        Auswärtige  Angelegenheiten.  273

Rhein-Mah#Bahn  auf  dem  linken  Rheinufer  gesprochen:  „Preußen  wird
niemals  dulden,  daß  auch  nur  ein  Fußbreit  deutschen  Landes  verloren  geht!“

Gewiß  wollten  auch  die  deutschen  Kleinstaaten  sich  gern  von  Dreußen
beschützen  lassen.  Sie  wollten  auch  deutsch  sein,  aber  dabei  doch  schwäbisch
oder  säckhsisch  bleiben.  Die  deutsche  Einheit  war  ihnen  eine  schöne
Theorie;  aber  im  Grunde  ihres  Berzens  waren  sie  partikularisch  gesinnt.
So  kamen  sie  halben  Weges  dem  Wiener  Hofe  entgegen,  der  in  der
Stille  unablässig  vor  Hreußen  und  seiner  Begehrlichkeit  sie  warnte,
während  der  Drinzregent  ruhig  abwartete,  bis  es  an  der  Seit  sein  würde,
die  Reform  der  Derfassung  des  Deutschen  Bundes  in  die  Hand  zu  nebmen.
Mur  mit  dem  Schwerte,  meinte  er,  könne  die  Einbeit  Deutschlands  gewonnen
  werden:  es  genügte  ihm  daber,  das  Schwert  Hreußens  blank
und  stark  zu  erbalten,  wenn  er  auch  kaum  noch  erwartete,  daß  er  selbst
es  würde  in  die  Hand  zu  nebmen  haben.

Moralische  Eroberungen  —  hatte  der  Hrinzregent  angekündigt  —
müsse  Hreußen  in  Deutschland  machen.  Mit  einer  gewissen  Uberraschung
sah  man  jetzt,  wie  derselbe  Fürst,  den  seine  Gegner  nur  als  Soldaten
wollten  gelten  lassen,  der  Wissenschaft  und  Kunst  seine  Teigung,  ja  seinen
Respekt  bekundete.  Im  Jahre  1858  hatte  die  Universität  Jena  ihre
500  jährige  Jubelfeier  begangen:  der  Hrinz  von  Hreußen  hatte  der
Reimatsuniversität  seiner  Gemahlin  dazu  die  Marmorbüsten  der  großen
Dkilosophen  Fichte,  Hegel,  Schelling,  die  einst  an  ihr  gelehrt  hatten,  geschenkt.
  Jetzt  beging  die  Universität  Berlin  die  Feier  ihres  50jährigen
Bestellens:  mit  wärmstem  Interesse  beteiligte  sich  der  Drinz  von  Hreußen
daran,  diesen  Tempel  des  Wissens  zu  ehren,  in  welchem  —  nach  dem
Worte  Wilhbelms  von  Humboldt  —  das  höchste  Allgemein-Mencschliche
wie  in  einen  Brennpunkt  sich  sammeln  sollte.  Die  100  jährige  Geburtstagsfeier
  Schillers  gab  dem  Hrinzregenten  die  Deranlassung,  das  Andenken
des  großen  Dichters  durch  eine  Stiftung  zur  Förderung  des  geistigen
Lebens  im  deutschen  Volke  zu  ehren.  Er  rief  die  Schillerstiftung  ins
Leben,  indem  er  für  das  beste  in  dem  Seitraum  von  je  drei  Jahren
hervorgegangene  Werk  der  deutschen  dramatischen  Dichtkunst  einen  Hreis
von  tausend  Thalern  in  Gold  nebst  einer  goldenen  Denkmünze  zum  Werte
von  hundert  Thalern  in  Gold  bestimmte.  ,

Auch  den  Ruhmestitel  dürfen  wir  nicht  übergehen,  den  die  Ent—
sendung  der  ostasiatischen  Expedition  für  den  Prinzregenten  bildet.  Am
25.  Oktober  1860  liefen  die  Fregatte  Thetis  und  der  Schoner  Frauenlob
aus  dem  Hafen  von  Danzig  aus,  denen  im  November  die  Korvette

Arkona  folgte.  Der  Sweck  dieser  handelspolitischen  Mission,  an  deren
Kaiser  Wilhelm.  18
        <pb n="280" />
        274  Zweites  Kapitel.

Spitze  Graf  Eulenburg  stand,  war,  mit  den  Regierungen  von  Siam,
China  und  Japan,  nach  Umständen  auch  mit  dem  Reich  der  hawaiischen
Inseln,  Handelsverträge  abzuschließen,  um  ähnliche  Vorteile  zu  erringen,
wie  England,  Frankreich,  Rußland  und  Nordamerika  sie  sich  schon  gesichert
  hatten.  Bisher  hatte  unter  dem  Schutze  dieser  Mlächte  der  deutsche
Randel  in  GEstasien  gestanden.  Jetzt  erachtete  es  der  Hrinzregent  der
politischen  Stellung  Dreußens  und  des  Sollvereins  für  angemessener,  dem
deutschen  Handel  diesen  Schutz  selbst  zu  gewähren,  um  die  Unternehmungen
sicherer,  solider  und  ausgedehnter  zu  gestalten.  Darum  eben  sollte  die
preußische  Kriegsflagge  in  jenen  fernen  Gegenden  sich  zeigen,  die  Expedition
  in  wissenschaftlicher  und  kommerzieller  Beziehung  das  Terrain
erforschen  und  den  Abschluß  von  Derträgen  erwirken.  Darum  waren
dem  Chef  außer  seinen  Attachés  auch  vier  Naturforscher,  drei  Kaufleute
und  ein  Landwirt  beigegeben.  Dem  ganzen  Deutschland  also  sollte  zu
gute  kommen,  was  Hreußen  mit  den  Kräften  seiner  jungen  Flotte  unternahm.

Während  so  Hreußen  für  die  praktischen  Interessen  Deutschlands
Fürsorge  übte,  wurde  die  Stimmung  der  deutschen  Regierungen  gegen
Dreußen  unter  Rechbergs  unablässigem  Schüren  immer  gereizter.  „Allenthalben
  hört  man,  daß  du  uns  verschlucken  willst!“  sagte  König  Johann
von  Sachsen  zu  dem  Hrinzregenten.  „Wer  sagt  das?“  war  die  Gegenfrage.
  „Mun,  in  Berlin  sagen  es  alle  Schusterjungen!“  meinte  König
Johann.  Aber  mit  Unwillen  wies  der  Hrinz  die  Derleumdung  zurück.
Es  war  die  Furcht  vor  den  Reformgedanken  Hreußens,  welche  die  kleineren
deutschen  Staaten  aufregte;  und  der  Orinzregent  hatte  des  gar  kein  Hehl,
daß  er  mit  solchen  sich  trüge.  Die  Stettiner  Bürgerschaft  hatte  im
August  1850  eine  Adresse  an  ihn  gerichtet,  in  der  sie  um  die  Errichtung
einer  deutschen  Sentralgewalt  bat.  Graf  Schwerin  war  der  Meinung,
sie  kurzweg  abzuweisen;  aber  der  Hrinzregent  korrigierte  ihm  den  Antwortsentwurf
  so  gründlich,  daß  er  zwar  den  Antrag  für  noch  verfrüht
erklärte,  aber  die  Meinung,  daß  eine  Umgestaltung  der  Zundesverfassung
nötig  sei,  als  richtig  anerkannte.  Da  glaubten  denn  die  deutschen  Regierungen
  an  der  bundesfeindlichen  Gesinnung  Hreußens,  für  das  überdies
der  Rationalverein  noch  den  Freiwerber  machte,  nicht  länger  zweifeln  zu
können.  SOsterreich  ging  voran:  es  denunzierte  den  Berzog  Ernst  von
Sachsen-Koburg  als  Gesinnungsgenossen  und  Beschützer  des  Nationalvereins
  bei  Hreußen,  indem  es  diesem  die  weiteren  Waßregeln  anheimgab.
  Zu  seiner  höchsten  Ernüchterung  empfing  Graf  Rechberg  von  dem
Drinzregenten  die  Antwort,  daß  an  der  lopalen  Gesinnung  Herzog  Ernsts
gar  nicht  zu  zweifeln  sei;  denn  über  die  Notwendigkeit  einer  Bundes-
        <pb n="281" />
        Auswärtige  Angelegenheiten.  275

reform,  von  der  der  Herzog  gesprochen,  seien  schon  vor  zehn  Jahren  alle
deutschen  Fürsten  einig  gewesen.

Der  Sommer  hatte  jedem  Einsichtigen  gezeigt,  daß  vor  allem  die
Bundes-Kriegsverfassung  geändert  werden  müsse.  Da  brachte  denn  am
17.  Oktober  den  Gerüchten  gegenüber,  daß  Hreußen  eine  solche  Anderung
herbeizuführen  beabsichtige,  Sachsen  den  Antrag  beim  Bunde  ein,  der  Bundes-Militärkommission
  eine  genaue  Drüfung  der  Zundes-Kriegsverfassung
und  Bericht  über  etwa  nötige  Anderungen  derselben  aufzugeben.  Das
richtete  sich  nur  gegen  Dreußen;  indessen  Hreußen  stimmte  ohne  weiteres
für  den  Antrag  und  legte  dann  der  Kommission  seinen  Reformvorschlag
vor,  nach  welchem  im  Kriegsfalle  die  süddeutschen  Bundescorps  unter
österreichischen,  die  norddeutschen  unter  preußischen  Gberbefehl  gestellt
werden  sollten.  Der  Gberbundesfeldherr,  den  der  Bundestag  zu  wählen
und  durch  seine  Kommissare  zu  beaufsichtigen  hatte,  war  dann  in  einfachster
  Weise  beseitigt.  Dem  widerstrebte  indessen  Esterreich  mit  aller
Entschiedenheit,  da  so  Norddeutschland  seinem  Einflusse  entzogen  wäre.
So  kam  es,  daß  nach  mehrmonatlichen  Beratungen  die  Kommission  mit
allen  gegen  eine  Stimme  dem  Zundestage  die  Derwerfung  des  preußischen
Antrages  empfahl.  Aber  war  zu  erwarten,  daß  der  Hrinzregent  mit
dieser  Abweisung  sich  bescheiden  würde?

Nicht  weniger  als  diese  Reformfrage  regte  aber  das  Eintreten
Dreußens  für  die  hessischen  Stände  gegen  ihren  Kurfürsten  auf.  Es  gab
am  Bundestage  die  Erklärung  ab,  daß  der  Deutsche  Zund  durch  die
Mitwirkung  zur  Beseitigung  der  kurbessischen  Derfassung  von  1831  seine
Befugnis  überschritten  habe.  Das  machte  großes  Aufsehen  in  Deutschland:
  laut  spendeten  in  allen  Kammern  die  TLiberalen  dem  preußischen
Schützer  des  Rechts  ihren  Beifall,  und  selbst  in  Süddeutschland  fand
Dreußen  mehr  und  mehr  bereite  Sustimmung.

Dieser  Abgeneigtheit  der  deutschen  Regierungen  gegenüber,  während
gerade  die  Bedrohung  von  Ost  und  West  ein  einmütiges  Susammenfassen
aller  Kräfte  für  Deutschland  nötig  gemacht  Rätte,  Bielt  es  der  Hrinzregent
  für  unerläßlich,  die  Stellung  HDreußens  zu  Rußland  zu  klären  und
zu  sichern.  In  Breslau  Ende  Cktober  1850  trafen  die  Rerrscher  Rußlands
  und  Hreußens  zusammen.  Kaiser  Alexander  II.,  der  Veffe  des
Drinzregenten,  war  während  des  Krimkrieges  seinem  Dater  Mikolaus  auf
dem  russischen  Throne  gefolgt.  Er  hatte  den  Krieg  beendigt  und  dann
alsbald  sein  Lebenswerk,  die  Aufhebung  der  Leibeigenschaft,  durchzuführen
begonnen:  ein  Mann  milden  Sinnes,  friedliebend,  aber  nicht  von  jenem

imponierenden  Eindruck,  dessen  sein  Dater  sicher  war.  Die  Susammen-=«
  187
        <pb n="282" />
        276  Sweites  Kapitel.

kunft  der  beiden  Herrscher  führte  zu  einer  Erneuerung  des  altbefreundeten
Derhältnisses  Hreußens  zu  Rußland,  das  seit  fast  einem  Jahrhundert  alle
Schicksalswechsel,  wenn  auch  nicht  ohne  manche  Schwankungen,  überdauert
  hatte.  Die  übereinstimmenden  Gesinnungen  der  Herrscher  gaben
dafür  die  Gewähr.  Wo  in  so  hohem  Maße  —  schrieb  damals  eine
angesehene  preußische  Seitung  —  wie  in  diesen  beiden  erhabenen  Hersönlichkeiten,
  das  treue  Festhalten  an  den  Grundsätzen  des  Rechts  und  der
Gerechtigkeit  sich  vertreten  findet,  da  wird  jede  persönliche  Berührung

Kaiser  Alexander  II.  von  Rußland  (um  1860).

zu  einer  Bürgschaft  dafür,  daß  jene  Grundsätze  zum  Heile  der  Dölker
in  immer  höherem  Grade  zur  Geltung  gelangen.  Als  das  Ergebnis  der
Susammenkunft  konnte  man  die  Derständigung  ansehen,  daß  die  preußische
und  russische  Holitik  in  allen  Fragen,  welche  die  europäische  Diplomatie
in  Bewegung  setzten,  friedlich  nebeneinander  einbergehen,  vielleicht  gesonderte
  Siele  verfolgen  mochten,  aber  jedenfalls  nicht  zu  fürchten
brauchten,  in  einen  Interessenkonflikt  zu  geraten.

Kaiser  Alexander  hatte  sich  ein  politisches  Syvstem  dahin  zurechtgelegt,
  daß  eine  Alliance  zwischen  Rußland,  Hreußen  und  Frankreich  die
        <pb n="283" />
        Auswärtige  Angelegenheiten.  277

sicherste  Grundlage  für  den  Frieden  Europas  bilden  würde;  zugleich
würde  sie  Rußland  im  Grient  einen  festen  Rückhalt  gegen  England  und
Esterreich  gewähren.  Tapoleon  schloß  sich  der  russischen  Jdee  ganz  an
und  suchte  nun  seinerseits  den  Hrinzregenten  dafür  zu  gewinnen.  Im
Dertrauen  teilte  er  diesem  mit,  daß  er  es  mit  Freuden  begrüßen  würde,
wenn  Hreußen  zu  einer  würdigen  Stellung  im  Deutschen  Bunde  gelange;
er  ging  sogar  so  weit,  wenn  Hreußen  eine  kleine  „Grenzberichtigung“  am
Rheine  zulasse,  ihm  dafür  die  Erwerbung  Schleswig-Bolsteins  als  über-Kaiser

  Napolron  III.  (1859).
Gezeichnet  und  gestochen  von  Metzmacher.  Verlag  von  Boussod,  Daladon  &amp;amp;  Tie.

reiche  Entschädigung  zuzusichern.  Aber  der  franzäsische  Kaiser  hatte  in
dem  Charakter  des  Hrinzregenten  sich  völlig  getäuscht:  seine  lockenden
Anerbietungen  machten  gar  keinen  Eindruck.  So  glaubte  er  denn  noch
einen  Schritt  weitergehen  zu  sollen:  er  ließ  dem  Hrinzregenten  in  Berlin
den  Vorschlag  einer  persönlichen  Susammenkunft  machen.  Allein  der
Drinzregent  lehnte  den  Vorschlag  ab.  Gleichwohl  wiederholte  ihn  Napoleon
  nach  einiger  Seit.  Sum  zweitenmal  gab  der  Hrinzregent,  von
der  Uberzeugung  durchdrungen,  daß  TWapoleon  ihn  mit  den  deutschen
        <pb n="284" />
        278  Sweites  Kapitel.

Kürsten  zu  verfeinden  suche,  eine  ablehnende  Antwort.  Als  aber  dann
zum  drittenmal  der  Dorschlag  vor  ihn  gebracht  wurde,  nahm  er  ihn  an,
machte  jedoch  zur  ausdrücklichen  Bedingung,  daß  die  Unnverletzlichkeit
deutschen  Gebietes  die  Grundlage  aller  Derhandlungen  sei.

Allsommerlich  pflegte  der  Hrinzregent  einige  Wochen  mit  der  Großherzogin,
  seiner  Tochter,  und  deren  Familie  in  Baden-Baden  zuzubringen.
Dort  hatten  ihm  schon  die  Könige  von  Bavern  und  Württemberg  ihren
Besuch  zugesagt.  So  lud  er  denn  auch  den  Kaiser  Napoleon  dorthin
ein.  Sugleich  aber  zeigte  er  durch  ein  Sirkular  sämtlichen  deutschen
Kürsten  die  bevorstehende  Susammenkunft  an.  Infolgedessen  stellten  sich
auch  die  beiden  norddeutschen  Könige,  die  Großberzöge  von  Darmstadt
und  Weimar  und  die  HBerzöge  von  Nassau  und  Koburg  dort  ein.  Als
Wirt  des  Landes  war  auch  der  Großherzog  von  Baden  zugegen.  An
der  Spitze  dieser  gekrönten  hohen  Schar  empfing  der  Hrinzregent  am
15.  Juni  1860,  abends  um  7  Uhr,  den  kaiserlichen  Gast.  Eine  Stunde
später  machte  er  ihm  seinen  Besuch.  In  lebhaftem  Gespräch  verging
schnell  eine  Stunde.  Es  war  das  einzige  Gespräch,  das  die  beiden  Herrscher
  während  dieses  Besuches  unter  vier  Augen  hatten.  Napoleon  begann
  mit  der  Klage  über  die  Aufregung,  die  in  Deutschland  ganz  grundlos
  gegen  ihn  herrsche,  und  über  die  feindselige  Haltung  fast  der  ganzen
deutschen  Hresse.  Er  wünsche  vielmehr,  daß  die  beiden  Dölker,  die  an
der  Spitze  der  Sivilisation  ständen,  in  Frieden  verkehren  und  ihre  Interessen
  verschmelzen  möchten.  Der  Hrinzregent  wies  darauf  hin,  daß
die  Einverleibung  Savoyens  von  seiten  Frankreichs  die  Ursache  der  Besorgnisse
  in  Deutschland  sei.  „Was  ist  zu  thun“,  fragte  Napoleon,  „um
diese  Besorgnisse  zu  stillend“  „Sagen  Sie  den  deutschen  Fürsten“,  antwortete
  der  Prinzregent,  „was  Sie  mir  gesagt  haben!“

Wohl  hätte  der  Drinz  die  Zuvorkommenheit  Napoleons  ausnutzen
können,  um  die  Widersacher  seiner  nationalen  Bestrebungen  zu  beugen.
Es  ist  aber  charakteristisch  für  ihn,  daß  er  das  vollkommen  verschmähte
und  sich  mit  vollkommenster  Offenheit  Napoleon  als  den  Vertreter  aller
deutschen  Staaten  gegenüberstellte.

Den  folgenden  Tag  füllten  Besuche  und  Festlichkeiten  aus.  Am
Abend  war  eine  große  Soiree,  in  der  alle  Fürsten  zugegen  waren.  Na—-poleon
  war  sehr  ruhig  und  gemessen,  knüpfte  auch  mit  niemand  ein
längeres  Gespräch  an,  während  der  Hrinzregent  mit  der  heiteren  Ungezwungenbeit,
  die  ihm  eigen  war,  sich  bewegte.

Nochmals  fand  zwischen  den  beiden  Herrschern  am  17.  Juni  eine  Unterredung
  statt,  der  nur  der  König  von  Bapern  beiwohnte.  Es  handelte  sich
        <pb n="285" />
        Der  Prinzregent  wührend  der  Fürstenzusammenkunft  in  Paden-Baden  im  Jnnt  1860.
        <pb n="286" />
        280  Sweites  Kapitel.

dabei  hauptsächlich  um  Tapoleons  Stellung  zu  Teapel.  Am  Abend  des
Tages  reiste  er  ab.  Immerhin  wirkten  die  Friedensversicherungen,  die  er
gegeben,  beruhigend;  aber  völlig  setzte  doch  niemand  sein  Dertrauen  darauf.

VNach  der  Abreise  des  Kaisers  versammelte  der  Hrinzregent  noch
einmal  die  Fürsten  im  großberzoglichen  Schlosse  um  sich.  Er  dankte
ihnen,  daß  sie  seinem  Wunsche,  sie  möchten  bei  seiner  Begegnung  mit
dem  Kaiser  Mapoleon  gegenwärtig  sein,  bereitwillig  entsprochen  hätten.
Diesen  Dorgang  nebme  er  gern  als  ein  Unterpfand  an,  daß,  wenn
Deutschland  Gefahr  drohen  sollte,  die  deutschen  Fürsten  noch  eifriger  und
zahlreicher  zusammenstehen  würden.  Seine  Absicht,  die  gemeinsamen
deutschen  Interessen  Frankreich  gegenüber  zu  vertreten,  sei  durch  die  Anwesenheit
  der  Fürsten  wesentlich  unterstützt  worden.  Der  Kaiser  Mapoleon
habe  sich  wiederholt  dahin  ausgesprochen,  daß  er  mit  der  Begegnung  die
Absicht  verknüpft  habe,  Beweise  seiner  friedlichen  Gesinnungen  zu  geben
und  die  aufgeregten  Gemüter  in  Deutschland  zu  beruhigen.  —  Er  selbst
habe  die  Susammenkunft  in  der  Voraussetzung  und  unter  der  Bedingung
angenommen,  daß  die  Integrität  der  Grenzen  des  Daterlandes  durch
nichts  in  Frage  gestellt  werde.  Indem  der  Kaiser  darein  gewilligt  und
sich  daraufbin  nach  Baden--Baden  begeben,  habe  er  diese  Integrität  anerkannt.
  Der  Hrinzregent  aber  glaube  damit  einen  neuen  Beweis  gegeben
  zu  haben,  wie  sehr  seine  Holitik  die  Interessen  Gesamt-Deutschlands
im  Auge  habe.  Er  halte  es  für  die  Aufgabe  nicht  nur  der  deutschen,
sondern  auch  der  europäischen  Holitik  Dreußens,  die  Integrität  der
Grenzen  Deutschlands  zu  wahren;  diese  werde  stets  seine  erste  Sorge
sein  und  er  werde  sich  auch  dadurch  in  der  Erfüllung  dieser  Aufgabe
nicht  beirren  lassen,  daß  seine  Auffassung  über  den  Gang  und  die  Siele
der  preußischen  und  deutschen  Holitik  von  einigen  seiner  Bundesgenossen
nicht  geteilt  werde.  Uber  die  Loyalität  seiner  Bemühungen,  eine  Reform
der  Bundesverfassung  anzustreben  und  die  Kräfte  Deutschlands  zu  gedeihlicher
  Wirksamkeit  zu  entfalten,  könne  kein  Sweifel  bestehen.  Diese  Bemühungen
  hätten  nicht  in  der  Absicht  stattgehabt,  das  zwischen  den
deutschen  Regierungen  bestehende  völkerrechtliche  Band  zu  erschüttern.
Die  Akte  seiner  Regierung  hätten  gezeigt,  daß  Dreußen  für  den  Augenblick
  weitergellende  Reformen  nicht  erstreben  wolle,  aber  genau  die
Dunkte  bezeichnet,  die  festgebalten  werden  müßten.  Esterreich  habe  neuerdings
  Schritte  gethan  zu  einer  Annäherung.  Er  lege  darauf  großen
Wert,  und  seine  deutschen  Bundesgenossen  würden  von  den  Fortschritten
derselben  Kunde  erhalten.  Indem  er  an  dem  Wege,  den  er  in  Hreußen
und  Deutschland  bisber  eingeschlagen,  festhalte,  hoffe  er,  daß  sich  auf
        <pb n="287" />
        Auswärtige  Angelegenheiten.  281

demselben  immer  mehr  deutsche  Regierungen  mit  ihm  vereinigen  würden.
Er  hoffe,  daß  infolge  dieser  Susammenkunft  nicht  nur  ein  Susammenstehen
  der  deutschen  Fürsten  dem  Auslande  gegenüber,  sondern  auch  eine
Annäherung  in  inneren  Angelegenheiten  auf  dem  von  Hreußen  betretenen
  Wege  bewirkt  werden  möge.

Also  von  dem  Orinzregenten  eindringlich  ermahnt,  traten  die  Fürsten
die  Heimreise  an.  Nur  König  Max  von  Bapern  blieb  noch  zurück,  weil
er  noch  mehreres  auf  dem  HBerzen  hatte,  das  er  durch  persönliche  Einwirkung
  auf  den  Orinzregenten  hoffte  fördern  zu  können.  So  kam  es
denn  am  19.  Juni  noch  zu  einer  offenen  Aussprache  zwischen  den  beiden
Rerrschern.  Der  König  begann  damit,  daß  er  den  Orinzregenten  bat,
seinen  Antrag  auf  Sweiteilung  des  Bundesheeres  im  Kriegsfalle  zurückzuziehen,
  da  er  den  Fürsten  die  Derfügung  über  ihre  Truppen  nähme,
also  in  ihre  Souveränitätsrechte  eingriffe.  „Daran  ist  nicht  zu  denken“,
erwiderte  der  Drinzregent  mit  Tachdruck.  „An  sich  wäre  Einheit  das
beste;  jedoch  ergiebt  sich  bei  der  Größe  der  Heere  und  der  Entfernung
der  Kriegstheater  die  Sweiteilung  von  selbst.  Bundeskommissare  im
Hauptquartier  würden  überdies  durch  ihre  Einsprüche  und  Derwahrungen
alle  Bewegungen  des  Bundesheeres  lähmen.“  Nicht  mehr  Srfolg  hatte
der  König  mit  seinem  Wunsche,  der  Hrinzregent  möchte  dem  Nationalverein
  energisch  entgegentreten.  Allein,  solange  keine  strafbaren  Hand—
lungen  vorlägen,  verweigerte  dieser  jede  Derfolgung  des  Dereins.  Er
betonte  dabei,  daß  er  seine  Stellung  zu  den  deutschen  Fragen  in  seiner
Antwort  auf  die  Adresse  der  Stettiner  Bürgerschaft  deutlich  ausgesprochen
  habe.  "

Trotz  dieses  Mißerfolges  kam  nun  König  Max  mit  seinem  dritten
Wunsche  hervor:  eine  Annäherung  Hreußens  an  Esterreich  herbeizuführen,
ein  Wunsch,  der  es  eigentlich  gewesen,  der  ihn  nach  Baden-Baden  geführt
  habe.  „Dazu  bin  ich  sehr  bereit“,  antwortete  der  OHrinzregent,
„unter  der  einfachen  Bedingung,  daß  Gsterreich  endlich  aufhört,  Hreußen
als  Emporkömmling  zu  betrachten,  und  es  aufrichtig  als  gleichberechtigte
Großmacht  anerkennt.  Sobald  Esterreich  aufhört,  Hreußen  schaden  zu
wollen,  wird  der  Ausgleich  leicht  erreichbar  sein.“  Das  könne  am  besten,
meinte  der  König  von  Bapern  hierauf,  durch  eine  persönliche  Zusammen—
kunft  des  Drinzregenten  mit  dem  Kaiser  Franz  Joseph  geschehen,  zu  deren
Einleitung  er  mit  Frenden  bereit  sei  die  erforderlichen  Schritte  zu  thun.
Der  HOrinz  war  damit  einverstanden,  jedoch  verlangte  er,  nachdem  Gsterreich
  durch  sein  Manifest  die  Schuld  an  dem  Frieden  von  Dillafranca  in
beleidigender  Weise  auf  Hreußen  abzuwälzen  versucht  habe,  daß  der  erste
        <pb n="288" />
        282  Zweites  Kapitel.

Schritt  von  Wien  aus  geschehe.  „Übrigens“,  fügte  er  hinzu,  „werde  ich,
meinem  Grundsatze  getreu,  auf  vorzeitige  Garantien  und  Alliancen  nicht
eingehen;  jedoch  bin  ich  bereit,  bestimmte  Kriegseventualitäten  zu  besprechen,
  bei  denen  Gsterreich  und  Hreußen  in  Verbindung  mit  Deutschland
  vereint  aufzutreten  haben  würden.“

Sehr  bereites  Entgegenkommen  fand  der  König  von  Bayern  in
Wien.  Denn  auf  eine  vorsichtige  Anfrage  in  St.  Petersburg,  wie  Rußland
  sich  zu  dem  Gedanken  einer  Erneuerung  der  heiligen  Alliance  stelle,
hatte  Fürst  Gortschakow,  der  russische  Kanzler,  den  Grafen  Rechberg  zunächst
  an  Preußen  gewiesen.  Als  daher  der  Prinzregent  dem  Kaiser
von  Esterreich  einen  Bericht  über  die  Fürstenzusammenkunft  in  Baden
übersandte,  antwortete  dieser  mit  dem  Dorschlage  einer  persönlichen  Begegnung
  in  Dresden.  Su  dieser  erwarteten  auch  die  vier  deutschen
Könige  mit  Bestimmtheit  eingeladen  zu  werden.  Der  Hrinzregent  indessen
versprach  sich  von  einer  solchen  Dergrößerung  der  Teilnehmer  keine
Förderung  der  Sache.  Er  machte  daher  dem  Kaiser  Kranz  Joseph  den
Gegenvorschlag  einer  Besprechung  unter  vier  Augen  in  Teplitz,  womit
sich  dieser  umgehend  einverstanden  erklärte.  Nur  Rechberg  und  Schleinitz,
die  beiderseitigen  auswärtigen  Winister,  sollten  ihre  Herrscher  begleiten.

Am  25.  Juli,  abends  um  5½  Uhr,  traf  der  Hrinzregent  mit  einem
Extrazuge  in  Teplitz  ein.  Don  großem  Gefolge  umgeben,  empfing  ihn
der  Kaiser  auf  dem  Bahnbofe;  er  entblößte  sein  Haupt  und  streckte  dem
Drinzregenten,  der  die  kleidsame  Honveduniform  seines  ungarischen  Regimentes
  angelegt  hatte,  die  Rand  entgegen.  Mit  kräftigem  Druck  ergriff
sie  der  Drinz.  So  standen  die  Fürsten  schweigend  einen  Moment  einander
gegenüber,  sichtlich  ergriffen.  Wie  von  widerstreitenden  Gefühlen  bewegt,
wechselte  Kaiser  Franz  Joseph  mehrmals  die  Farbe.

Am  folgenden  Tage  um  11  Uhr  fand,  wie  verabredet  war,  die
Konferenz  der  beiden  Fürsten  statt.  Zu  Fuß,  nur  von  einem  Adjutanten
begleitet,  begab  sich  der  Kaiser  in  das  Botel  „Orinz  von  Ligne,  in  dem
der  Hrinzregent  wohnte.  KFünf  Diertelstunden  dauerte  die  Unterredung,
während  eine  unabsehbare  Menschenmenge  unten  in  lautloser  Erwartung
zu  den  Fenstern  des  Hrinzregenten  emporschaute.  Und  wahrlich,  es  war
nicht  weniger  als  das  Schicksal  Deutschlands,  was  dort  oben  in  Frage
stand!

Der  Hrinzregent  begann  die  Unterredung,  indem  er  darlegte,  was
er  bieten  und  was  er  dafür  erwarten  wollte.  Hreußen,  erklärte  er,  würde
bereit  sein  zu  gemeinschaftlicher  Abwehr  gemeinsamer  Gefahr,  zumal
also,  wenn  etwa  Frankreich  einen  Augriff  auf  die  Besitzungen  Esterreichs
        <pb n="289" />
        Auswärtige  Angelegenheiten.  283

oder  Hreußens  unternehmen  sollte,  ausgenommen  jedoch  den  Fall,  daß
der  Krieg  von  seiten  Esterreichs  provoziert  würde.  Der  Koaiser  unterbrach
  ihn:  er  werde  nie,  warf  er  ein,  einen  Krieg  provozieren;  sollte  er
sich  aber  zu  einem  Angriffe  gezwungen  glauben,  so  werde  er  ihn  nur
nach  Derständigung  mit  Hreußen  unternehmen.  Gemeinsamer  Widerstand
sei  ferner,  fuhr  der  Hrinzregent  fort,  gegen  die  auf  Belgien,  Holland
oder  die  Schweiz  sich  richtende  Begehrlichkeit  Rapoleons  zu  leisten.  Als

·  *
«  ’"

VerprinzrrgmtundgaiferFrquokkpliinTrpliy(Inli1860).

Kriegsfall  werde  Deutschland  auch  einen  Angriff  von  seiten  Sardiniens
für  den  Fall  betrachten,  daß  dabei  deutsches  Gebiet  verletzt  werde.  Bereitwillig
  stimmte  der  Kaiser  dem  allen  zu;  denn  der  Vorteil  für  Gsterreich
  lag  auf  der  Hand.

Was  aber  sollte  nun  Gsterreich  dafür  leistend  Denn  es  war  klar,
daß  für  das,  was  er  bot,  der  Hrinz  doch  nun  auch  ein  Entgegenkommen
des  Kaisers  erwarten  mußte.  Er  verlangte  also  zunächst,  daß  der  Vorsitz
am  Bundestage  regelmäßig  zwischen  Gsterreich  und  Hreußen  wechsele;
nur  so  könne  Hreußen  als  gleichberechtigte  Macht  erscheinen.  Mit  Be-
        <pb n="290" />
        284  Zweites  Kapitel.

stimmtheit  lehnte  der  Kaiser  das  ab.  „Der  Vorsitz  des  Bundestages“,
sagte  er,  „ist  ein  altes  Ehrenrecht  meines  Hauses  und  darum  für  mich
unantastbar.“

Ebensowenig  fand  der  zweite  Hunkt  seine  Lösung.  Der  Prinzregent
war  der  Meinung,  daß  ein  Bündnis  mit  Esterreich  überhaupt  nur  dann
Wert  habe,  wenn  der  Kaiserstaat  innerlich  wieder  gekräftigt  werde;  zu
einer  solchen  Wiederberstellung  bedürfe  es  aber  vor  allem  liberaler  Reformen
  und  religiöser  Duldsamkeit.  Dies  schien  dem  Kaiser  indessen  zu
weit  zu  gehen;  das  seien  innere  Angelegenheiten,  meinte  er,  über  die  er
keine  schriftliche  Derpflichtung  übernehmen  könne.  Gleichwohl  kam  der
Drinzregent  noch  einmal  auf  die  Gleichberechtigung  der  Konfessionen
zurück,  die  ihm  sehr  am  Herzen  lag;  und  er  erreichte  auch,  daß  ihm  der
Kaiser  volle  Gerechtigkeit  gegen  seine  protestantischen  Unterthanen  versprack.

Die  Besprechung  ging  nun  auf  die  deutschen  Angelegenhbeiten  über.
Der  Hrinz  brachte  die  in  Frankfurt  schwebende  Verhandlung  über  die
Bundes-Kriegsverfassung  und  den  preußischen  Antrag  auf  Teilung  des
Oberbefehls  zwischen  Gsterreich  und  Hreußen  zur  Sprache,  für  den  er  die
Unterstützung  Gsterreichs  am  Zunde  erwartete.  Dies  war  jedoch  die  Auffassung
  des  Kaisers  nicht;  er  gab  nur  die  Susage,  daß  eine  Kommission
preußischer  und  österreichischer  Generale  den  preußischen  Antrag  noch
weiter  beraten  solle.  War  das  aber  etwas  anderes,  als  eine  schwach
verhüllte  Ablehnungd

Endlich  wies  der  Hrinzregent  noch  auf  den  unbefriedigenden  Gang
der  schleswig-holsteinischen  Angelegenheit  hin.  Hier  wich  aber  die  Auffassung
  des  Kaisers  so  weit  von  der  des  Hrinzen  ab,  daß  eine  Derständigung
  ausgeschlossen  blieb.  Überhaupt  scheute  der  Kaiser  so  sehr
vor  der  Übernahme  jeder  Verpflichtung  zu  gunsten  Hreußens  zurück,  daß
die  Abschließung  eines  Dertrages,  der  Leistung  und  Gegenleistung  bestimmte,
  unmöglich  war.  Dennoch  war  der  Kaiser  Kranz  Joseph  mit  dem
Ergebnis  der  Susammenkunft  sehr  zufrieden.  Wenige  Tage  danach
sprach  er  es  offen  zu  König  Johann  von  Sachsen  aus:  „Ich  bin  sicher“,
meinte  er,  „daß  ich  nicht  zum  zweitenmal  werde  im  Stich  gelassen
werden.“  Denn  er  hatte  den  bestimmten  Eindruck  gewonnen,  daß,  falls
der  unberechenbare  Mapoleon  noch  einmal  einen  Angriff  auf  Gsterreich
unternehmen  sollte,  der  Hrinzregent  dem  auch  ohne  Derpflichtung  nicht
ruhig  zusehen  würde.  Ob  aber  der  Hrinzregent  auch  befriedigt  ward
Am  27.  Juli  morgens  verließ  er,  vom  Kaiser  geleitet,  Teplitz.

Ein  Dierteljahr  später  trafen  die  HBerrscher  nochmals  zusammen.
In  FJtalien  hatte  die  Einigung  die  raschesten  Fortschritte  gemacht;  außer
        <pb n="291" />
        Rönigin  Elisabeth  begrüßt  am  Totenbelte  Friedrich  Wilhelmo  IV.  den  Printregenten  alo  König.
        <pb n="292" />
        286  Sweites  Kapitel.

Rom  und  Denedig  war  die  ganze  Halbinsel  unter  dem  Septer  Diktor
Smanuels  vereinigt.  Tapoleon  schlug  daher  zur  Regelung  der  einzelnen
dabei  auftauchenden  Fragen  einen  Kongreß  der  Großmächte  vor.  Diesem
Gedanken  war  Rußland  auch  nicht  abgeneigt;  doch  wünsche  Kaiser
Alexander,  bevor  er  irgendwie  sich  bände,  vorher  mit  dem  Hrinzregenten
von  Hreußen  persönlich  sich  über  die  Weltlage  zu  verständigen.  Er  lud
ihn  daher  im  Oktober  zu  einem  Besuche  nach  Warschau  ein.  Gern  entsprach
  dieser  der  Einladung  und  traf,  von  seinem  Weffen,  dem  Großherzoge
  Friedrich  Franz  II.  von  Mecklenburg-Schwerin,  begleitet,  am
21.  Oktober  in  Warschau  ein.

Am  folgenden  Tage  langte  auch  der  Kaiser  Franz  Joseph  in
Warschau  an.  Er  hatte  auf  die  Kunde  von  der  bevorstehenden  Fürstenzusammenkunft
  bei  Kaiser  Alexander  angefragt,  ob  auch  sein  Besuch  willkommen
  sein  würde.  Swar  bestand  von  dem  Krimkriege  her  eine  starke
Spannung  zwischen  den  beiden  Kaiserstaaten,  die  der  lombardische  Krieg
nur  noch  vergrößert  hatte;  indes  bereitwillig  sprach  Kaiser  Alexander
seine  Sustimmung  aus.  Und  das  war  auch  das  Ergebnis,  daß  sich  das
persönliche  Derhältnis  der  beiden  Kaiser  zu  einander  fortan  freundlicher
gestaltete.  Den  Kongreßvorschlag  lehnte  indessen  Kaiser  Franz  Joseph
rundweg  ab.  Auch  der  rinzregent  hegte  große  Bedenken,  da  er  den
Dorschlag  nicht  bestimmt  genug  zu  praktischem  erfahren  fand.

Jäh  unterbrach  die  Besprechungen  die  NWachricht  von  der  lebensgefährlichen
  Erkrankung  der  Kaiserin-Mutter  in  St.  Petersburg.  Infolgedessen
  reiste  Kaiser  Alexander  sofort  dahin  ab.  Die  Entrevue  war  zu
Ende.  Am  Abend  desselben  Tages  verließ  auch  der  Drinzregent  Warschau.
Zur  Derständigung  über  ein  gemeinsames  Vorgehen  kam  es  nicht  mehr.
Dennoch  ergab  sich  als  die  Frucht  dieser  persönlichen  Begegnungen  und
Besprechungen  die  Erkenntnis  der  Interessen-Gemeinschaft  der  altlegitimen
Dynastieen  Europas  in  der  gleichen  Abneigung  gegen  die  unruhige,
projektenreiche  Holitik  Frankreichs.  Der  Hrinzregent  insbesondere  hatte
die  alten  herzlichen  Beziehungen  Dreußens  zu  Rußland  neu  befestigt,  dem
Verhältnis  zu  Deutschland  Klarheit  gegeben  und  die  Spannung  mit
Esterreich,  wenn  auch  nicht  ausgeglichen,  so  doch  gemildert.  Für  Hreußen
ergab  sich  daraus,  daß  es  den  dunklen  und  gefahrdrohenden  Seitläuften,
welche  die  nächste  Sukunft  in  sich  zu  schließen  schien,  in  größerer  Festigkeit
  und  Sicherbeit,  als  eben  noch,  entgegengeben  konnte:  ein  Erfolg,  den
Hreußen  durchaus  der  Hersönlichkeit  seines  Drinzregenten,  seinem  würdigen,
versöhnlichen  und  doch  festen  Auftreten  verdankte.  Als  Regent  erprobt
und  bewährt,  sollte  er  jetzt  nun  auch  die  Krone  empfangen.
        <pb n="293" />
        Auswärtige  Angelegenheiten.  287

Nach  Einsetzung  der  Regentschaft  hatte  König  Friedrich  Wilhelm
den  milden  Himmel  Italiens  aufgesucht,  bis  die  Vorboten  des  lombardischen
Krieges  ihn  wieder  in  die  Heimat  zurückführten.  Seitdem  verließ  der
königliche  Dulder  sein  geliebtes  Sanssouci  nicht  mehr.  Unter  der  auf—
opferungsvollen  Pflege  der  Königin  Elisabeth  weilte  er  dort  noch  zwei
schwere  Jahre  hindurch.  Die  Schlaganfälle  wiederholten  sich.  In  kürzeren
oder  längeren  Zwischenräumen  traten  Gehirnreizungen  ein,  die  jedesmal
längere  Störungen  der  Empfindung,  Bewegung  und  des  Gedächtnisses
zurückließen.  Im  Dezember  1860  war  die  nahe  Auflösung  unverkennbar;
  immer  größer  wurde  die  Abspannung  und  Schwäche.  Der  König
nahm  kaum  noch  Anteil  an  seiner  Umgebung.  Su  Weihnachten  stellte
sich  Erbrechen  ein,  das  sich  mehrmals  wiederhbolte.  Dann  versank  der
hohe  Kranke  in  einen  schlummersüchtigen  Sustand,  aus  dem  er  nicht
wieder  erwachen  sollte.  Am  Silvesterabend  erkannten  die  Arzte  die  Anzeichen
  einer  beginnenden  Lungenlähmung,  und  am  2.  Januar  1861,
bald  nach  Mitternacht,  entschlief  sanft  und  still  in  völliger  Bewußtlosigkeit
  und  ohne  Todeskampf  König  Friedrich  Wilbelm  IV.

Lautlos,  tief  ergriffen,  umstand  die  königliche  Familie  das  Sterbelager.
  Da  erhob  sich  die  Königin  Slisabeth,  die  der  Augenblick  zur
Witwe  machte.  Langsam  schritt  sie  vom  Kopfende  des  Bettes,  wo  sie
gesessen,  auf  ihren  Schwager,  den  Hrinzregenten,  zu,  der,  in  die  Trauer
um  den  geliebten  Bruder  ganz  versunken,  am  Fußende  stand.  Schwer
ihre  Bewegung  meisternd,  umarmte  sie  ihn  und  begrüßte  ihn  als  König,
indem  sie  ein  besseres  Los  in  dem  hohen  Berufe  ihm  wünschte,  als  es
ihrem  heimgegangenen  teuren  Gemahl  geworden.

Und  voll  erfüllte  ein  gütiger  Gott  ihr  den  Wuncch.
        <pb n="294" />
        Drittes  Kapitel.
Die  Krönung.

„Nie  hätte  ich  geglaubt“,  sagte  König  Wilhelm  wenige  Tage  nach
seiner  Thronbesteigung  zu  den  versammelten  Generalen,  „daß  die  Dorsehung
  mich  zu  dem  schweren  Amte  Ihres  Kriegsherrn  berufen,  nie  habe
ich  daran  gedacht,  daß  ich  meinen  teuren  Bruder  überleben  würde.  Ich
war  in  der  Jugend  so  viel  schwächlicher  als  er,  daß  nach  den  Gesetzen
der  Natur  meine  Nachfolge  auf  den  Thron  unserer  Ahnen  außer  aller
Berechnung  lag.  Darum  hatte  ich  auch  stets  meine  Lebensaufgabe  nurim
  Dienste  der  preußischen  Armee  erkannt,  darum  habe  ich  mich  diesem
Dienste  mit  voller  Liebe  und  Ausdauer  hingegeben  und  glaubte  so  am
besten  die  Hflichten  eines  preußischen  Hrinzen  gegen  seinen  König  und
sein  Daterland  zu  erfüllen.  Jetzt  hat  mich  der  unerforschliche  Ratschluß
des  Allmächtigen  auf  den  Thron  gerufen,  den  zu  stützen  ich  bisher  für
meine  einzige  Oflicht  gehalten.“

Licht  mit  der  frischen  Boffnungsfreudigkeit  eines  jungen  Kronprinzen,
dessen  Herz  die  ihm  vorschwebenden  Ideale  erheben,  bestieg  König-Wilhelm
  den  Thron,  sondern  tief  ergriffen  von  der  Schwere  der  Aufgabe,
die  seiner  warte,  aber  doch  voll  froher  Suversicht  und  auf  das  Dertrauen
bauend,  welches  das  Hreußenvolk  während  der  Seit  der  Regentschaft  ihm
entgegengetragen  hatte.  Sein  frommer  Sinn  war  sich  dessen  bewußt,  daß
wie  Gottes  Wille  das  schwere  Herrscheramt,  nach  dem  er  nie  in  sich  Derlangen
  empfunden,  ihm  auferlegt,  so  auch  Gottes  Gnade  in  demselben
ihn  tragen  und  führen  werde.  Als  König  von  Gottes  Gnaden  fühlte
er  sich  von  der  ersten  Stunde  an:  ihm  war  Don  Gottes  Gnaden  nicht
eine  ehrwürdige  Formel,  sondern  eine  lebendige  Wahrhbeit,  deren  Wirken
er  tief  und  voll  in  sich  empfand.

Mit  düsterer  Dracht  war  König  Friedrich  Wilhelm  in  der  von  ihm
selbst  erbauten  herrlichen  Friedenskirche  bei  Hotsdam  am  7.  Jannar  beigesetzt
  worden.  Jetzt  erst  hielt  es  König  Wilhelm  für  recht,  als  König
zu  seinem  Dolke  zu  sprechen.  Mit  pietätvoller  Anerkennung  richtet  er  den
        <pb n="295" />
        Die  Krönung.  289

Blick  rückwärts  auf  den  heimgegangenen  königlichen  Bruder;  mit  Klar—
heit  und  Festigkeit  richtet  er  ihn  vorwärts  auf  die  Zukunft,  vertrauensvoll
  seinem  Volke  sich  hingebend.  Das  ist  der  Inhalt  des  an  demselben
7.  Jannar  veröffentlichten  Erlasses:

An  Mein  Volk.

„König  Sriedrich  Wilhelm  der  Vierte  ruht  in  Gott.  Er  ist  erlöst
von  den  schweren  Leiden,  die  er  mit  frommer  Ergebung  trug.  Unsere
Thränen,  die  in  gerechter  Trauer  fließen,  wolle  der  Herr  in  Gnaden
trocknen;  des  Entschlafenen  gesegnetes  Andenken  wird  in  Weinem,  in
Euren  Berzen  nicht  erlöschen.

„Miemals  hat  eines  Hönigs  Berz  treuer  für  seines  Dolkes  Wohl  geschlagen.
  Der  Geist,  in  welchem  Unseres  Rochseligen  Daters  Mojestät,
der  Beldenkönig  —  so  nannte  ihn  der  nun  beimgegangene  Königliche
Sohn  —  nach  den  Jahren  des  Unheils  sein  Dolk  wieder  aufrichtete  und
zu  den  Kämpfen  stählte,  an  welchen  Mein  verklärter  Bruder  hochberzig
teilnahm,  war  König  Friedrich  Wilhelm  dem  Oierten  ein  beiliges  Erbteil,
welches  Er  treu  zu  pflegen  wußte.  Uberall  gewährte  Er  edlen  Kräften
Anregung  und  förderte  deren  Entfaltung.  Mit  freier  Königlicher  Hand
gab  Er  dem  TLande  Institutionen,  in  deren  Ausbau  sich  die  Roffnungen
desselben  erfüllen  sollten.  Mit  treuem  Eifer  war  Er  bemüht,  dem  gesamten
  deutschen  Daterlande  höhere  Ehre  und  festere  Einigung  zu  gewinnen.
  Als  eine  unheilvolle  Bewegung  der  Geister  alle  Grundlagen
des  Rechts  erschüttert  hatte,  wußte  Meines  in  Gott  ruhenden  Bruders
Moajestät  die  Derwirrung  zu  enden,  durch  eine  neue  politische  Schöpfung
die  unterbrochene  Entwickelung  herzustellen  und  ihrem  Fortgange  feste
Bahmnen  anzuweisen.

„Dem  Nönige,  der  so  Großes  zu  begründen  wußte,  dessen  unvergeßliches
  Wort:  „Ich  und  Mein  Haus,  wir  wollen  dem  Herrn  dienen“  auch
Meine  Seele  erfüllt,  gebührt  ein  hervorragender  Hlatz  in  der  glorreichen
Reihe  der  Monarchen,  welchen  Hreußen  seine  Größe  verdankt,  welche  es
zum  Träger  des  deutschen  Geistes  machten.

„Dies  hohe  Dermächtnis  Meiner  Ahnen,  welches  sie  in  unablässiger
Sorge,  mit  ihrer  besten  Kraft,  mit  Einsetzung  ihres  Lebens  gegründet  und
gemehrt  haben,  will  ich  getreulich  wahren.  Mit  Stolz  sebe  Ich  Mich
von  einem  so  treuen  und  tapferen  Dolke,  von  einem  so  ruhmreichen
Beere  umgeben.

„WMeine  Hand  soll  das  Wohl  und  das  Recht  aller  in  allen  Schichten
der  Bevölkerung  hüten,  sie  soll  schützend  und  fördernd  über  diesem  reichen

Maiser  Wilhelm.  19
        <pb n="296" />
        290  Drittes  Kapitel.

Leben  walten.  Es  ist  Preußens  Bestimmung  nicht,  dem  Genuß  der  erworbenen
  Güter  zu  leben.  In  der  Anspannung  seiner  geistigen  und  sittlichen
  Kräfte,  in  dem  Ernst  und  der  Aufrichtigkeit  seiner  religiösen  Gesinnung,
  in  der  Dereinigung  von  Gehorsam  und  Freibeit,  in  der  Stärkung
seiner  Wehrkraft  liegen  die  Bedingungen  seiner  Macht;  nur  so  vermag
es  seinen  Rang  unter  den  Staaten  Europas  zu  behaupten.

„Jch  halte  fest  an  den  Traditionen  WMeines  Hauses,  wenn  Ich  den
vaterländischen  Geist  Meines  Volkes  zu  heben  und  zu  stärken  Mir  vorsetze.
  Ich  will  das  Recht  des  Staates  nach  seiner  geschichtlichen  Bedeutung
  befestigen  und  ausbauen  und  die  Institutionen,  welche  König
Friedrich  Wilhelm  der  Dierte  ins  Leben  gerufen  hat,  aufrecht  erhalten.
Treu  dem  Side,  mit  welchem  ich  die  Regentschaft  übernahm,  werde  Ich
die  Derfassung  und  die  Gesetze  des  Königreichs  schirmen.  Möge  es  Mir
unter  Gottes  gnädigem  Beistand  gelingen,  Hreußen  zu  neuen  Shren  zu
führen!

„Meine  OÖflichten  für  Dreußen  fallen  mit  Weinen  Oflichten  für
Deutschland  zusammen.  Als  deutschem  Fürsten  liegt  Mir  ob,  Hreußen  in
derjenigen  Stellung  zu  kräftigen,  welche  es  vermöge  seiner  ruhmvollen
Geschichte,  seiner  entwickelten  Zeeresorganisation  unter  den  deutschen
Staaten  zum  Heile  aller  einnehmen  muß.

„Das  Dertrauen  auf  die  Ruhe  Europas  ist  erschüttert.  Ich  werde
Mich  bemühen,  die  Segnungen  des  Friedens  zu  erhalten.  Dennoch  können
Gefahren  für  Hreußen  und  Deutschland  heraufziehen.  Möge  dann  jener
Gott  vertrauende  Mut,  welcher  Hreußen  in  seinen  großen  Seiten  beseelte,
sich  an  Mir  und  Meinem  Volke  bewähren  und  dasselbe  Mir  auf  Meinen
Wegen  in  Treue,  Gehorsam  und  Ausdauer  fest  zur  Seite  stehen!  Möge
Gottes  Segen  auf  den  Aufgaben  ruhen,  welche  Sein  Ratschluß  Mir  übergeben
  hat.“

Das  waren  gewaltige  Worte,  die  der  König  an  sein  Dolk  richtete,
erhabener  und  bedeutungsvoller,  als  er  je  gesprochen.  Sie  kündigten
eine  Regierung  des  Rechts,  der  Freiheit  und  der  Gesittung  an,  indem
sie  mit  Ernst  auf  die  Bedingungen  der  Machtstellung  Hreußens  hinwiesen,
aber  zugleich  auch  die  Friedensliebe  des  Königs  betonten,  es  müßte  denn
sein,  daß  Oflicht  und  Ehre  zum  Kampfe  riefen.

Es  war  ein  schönes  Wort  der  Anerkennung,  das  dem  Könige  von
seiten  des  Drinzgemahls  von  England  zu  teil  wurde.  „Meine  RBoffnung“,
schrieb  Hrinz  Albert,  „wie  die  der  meisten  deutschen  Hatrioten,  steht  auf
Dreußen,  steht  auf  Dir.  Auf  Hreußen,  das  seine  Derfassung  nur  zu
handhaben  braucht,  um  in  sich  alle  Mittel  zu  finden,  den  Anforderungen
        <pb n="297" />
        19“

zu  Berli

e  prenischen  KRammern  im  Weißen  Saale  des  Rüni#
n  am  14.

Jannur  1861.

Kö

ni

ig  Wilhelm  erü

ffnet  di

glichen  Schlosses

—  —

——
        <pb n="298" />
        292  Drittes  Kapitel.

der  Zeit  zu  genügen,  dem  übrigen  Deutschland  zum  Muster  zu  dienen
und  seine  Sympathien  so  zu  gewinnen,  daß  dieses  den  engsten  Anschluß
an  das  preußische  Spstem  wünschen  muß.  Auf  Dir,  der  Du  zu  der
Regierung  gekommen  bist,  ohne  mit  jener  unseligen  Reaktionspolitik  verstrickt
  und  verwickelt  gewesen  zu  sein,  ja  oft  als  ein  Opfer  derselben  dastandest,
  und  dessen  bekannte  Loyalität  des  TCharakters  den  Deutschen  als
Trpus  ihres  ältesten  Wahlspruches  „Ein  Wort,  ein  Mlann“  vorschwebt!
Im  Dertrauen  zu  Deiner  Herson  liegt  der  Kern  der  Sicherheit  Europas.“

Und  zur  Bethätigung  dieser  Gesinnung  sandte  die  Königin  Dictoria
durch  eine  besondere  Gesandtschaft  unter  Lord  Breadalbane  dem  König
Wilhelm  die  Insignien  des  Bosenbandordens.

Ja,  Hrinz  Albert  hatte  recht:  in  dem  Dertrauen,  das  man  von
allen  Seiten  dem  König  Wilhelm  entgegentrug,  lag  die  günstigste  Vorbedeutung
  für  seine  Regierung.  Und  er  erwiderte  es  durch  einen  bezeichnenden
  Akt  der  ersten  Tage.  Am  12.  Januar  erließ  er  eine  umfassende
  Amnestie  für  alle  politischen  Derurteilten.  Nun  kehrten,  die  vor
der  Strafe  in  das  Ausland  geflüchtet  waren,  freudig  in  das  Daterland
zurück.  Denn  schon  seit  den  Tagen  der  Regentschaft  war  diesem  eine
neue  Ara  aufgegangen,  deren  Segnungen  auch  die  verbissensten  Gegner
der  alten  Seit  nicht  verkennen  konnten.

Mit  besonderer  Feierlichkeit  ward  am  14.  Jannuar  der  TLandtag  der
Monarchie  eröffnet,  der  dem  neuen  Könige  das  Treuegelöbnis  darzubringen
hatte.  Mit  violettem  Samt,  der  Landestrauer  entsprechend,  war  der  Thronsessel
  im  Weißen  Saale  des  Schlosses  bedeckt;  ein  Baldachin  aus  schwarzem
Samt,  mit  Bermelin  verbrämt,  erhob  sich  darüber.  In  Generalsuniform,
den  Helm  auf  dem  Raupte,  unter  Dortritt  sämtlicher  Hoschargen  betrat
der  König  den  Saal.  Er  stieg  die  Stufen  zum  Throne  empor,  begrüßte
durch  elbnehmen  des  Helmes  die  Dersammlung  und  las,  sich  wieder  bedeckend,
  die  Thronrede,  in  der  er  dankbar  des  heimgegangenen  Königs
gedachte  und  sein  Dertrauen  auf  die  Treue  des  Volkes  und  auf  die  Sukunft
  Dreußens  aussprach.  Die  Sidesleistung  der  Abgeordneten  beschloß
den  feierlichen  Akt.  „An  Gottes  Segen“,  sprach  der  König,  die  Hand
erhebend,  „ist  alles  gelegen.  Gott  segne  Ihren  Schwur!  Er  segne  und
schütze  das  Daterland!“  Und  langsam  stieg  er  die  Stufen  vom  Throne  herab.

Und  nun  wurde  auch  dem  Könige  die  hohe  Freude  zu  teil,  daß
er  die  Reorganisation  der  Armee,  die  er  mit  Zecht  stets  als  sein
eigenstes  Werk  angesehen,  durch  die  Weihe  der  Fahnen  für  die  neugebildeten
  Regimenter  vollenden  konnte.  Durch  diese  Reorganisation
war  das  stehende  Heer  vermehrt  worden  bei  der  Infanterie:  durch
        <pb n="299" />
        Die  Krönung.  293

acht  Füsilierbataillone,  durch  welche  die  schon  bestehenden  acht  Reserve—
Infanterieregimenter  auf  je  drei  Bataillone  vervollständigt  wurden,  durch
vier  neue  Garderegimenter  und  32  neue  Infanterieregimenter,  sowie
durch  Verstärkung  der  Zägerbataillone;  bei  der  Kavallerie:  durch  zwei
neue  Garderegimenter  (Ulanen  und  Dragoner)  und  durch  acht  Linienregimenter;
  bei  der  Artillerie:  durch  Errichtung  einer  zweiten  Festungsartillerie-Abteilung
  und  Derstärkung  der  Kopfzahl  für  die  Feldartillerie;
bei  den  Hionieren:  durch  Formierung  der  bisherigen  Abteilungen  in
Bataillone;  endlich  beim  Train:  durch  Verstärkung  der  Mannschaften  bei
den  Bataillonen.

Dadurch  war  die  Kriegsstärke  der  preußischen  Armee  auf  700000  Mann
gebracht,  so  daß  von  den  Armeen  aller  Großmächte  nur  die  einzige  französische
  an  Stärke  sie  noch  übertraf.  Dem  Könige  war  damit  ein  gewaltiges,
scharf  geschliffenes  Schwert  vom  Anfange  seiner  Regierung  an  in  die
Rand  gegeben:  eine  starke  Dersuchung  gewiß,  wenn  es  nicht  eben  König
Wilhelm  gewesen  wäre!  Die  Weihe  dieser  großartigen  Schöpfung  war
also  keine  militärische  Schaustellung,  sondern  der  Beginn  einer  neuen
Epoche  in  der  Geschichte  der  preußischen  Armee  sie  war  ein  historischer,
Akt.  So  war  die  Meinung  des  Rönigs,  die  Bedeutsamkeit  des  Vorganges
  auch  durch  die  Formen  auszudrücken,  in  denen  er  sich  vollzog.

Am  Abend  des  16.  Januar  wurden  die  Fahnen  und  Standarten,
die  den  neugebildeten  Truppenkörpern  verliehen  werden  sollten,  unter
militärischer  Bedeckung  in  das  Königliche  Schloß  in  Berlin  gebracht  und
hier  —  142  an  der  Sahl  —  in  einer  langen  Gimmerreihe  längs  der
Fenster  auf  Tischen  für  die  feierliche  Tagelung  niedergelegt.

Am  folgenden  Mittag  erschien  der  König,  von  den  Hrinzen  und
Drinzessinnen  des  Königlichen  Zauses  und  anderen  fürstlichen  Hersonen  umgeben.
  Im  Königszimmer  empfing  ihn  der  greise  Feldmarschall  Wrangel
an  der  Spitze  der  Generalität.  Mit  kurzen,  kräftigen  Worten  wies  der
König,  sichtlich  in  gehobener  Stimmung,  auf  die  hobe  Bedeutung  des
Momentes  hin.  Dann  ergriff  er  den  Kammer  und  schlug,  die  Reibe
entlang  schreitend,  in  jede  Fahne  den  ersten  Magel,  während  die  Deputationen
  der  neuen  Regimenter  an  den  änden  der  Himmer  entlang
ihre  Aufstellung  erbalten  hatten.  Dann  folgten  die  Königin,  die  Hrinzessinnen
  und  Hrinzen  des  Königlichen  Hauses  nach  ihrem  Geburtsrange,
die  fremden  Fürsten  und  die  Generale.

Der  Nagelung  folgte  am  18.  Jannar,  dem  Jahrestage  der  Errichtung
  des  preußischen  Königtums,  die  Einweihung.  vor  dem  Denkmale
Friedrichs  des  Großen  unter  den  Linden  war  ein  Altar  aus  Trommeln
        <pb n="300" />
        294  Drittes  Kapitel.

errichtet,  und  um  dasselbe  waren  die  neuen  Regimenter  teils  in  ihrer
ganzen  Stärke,  teils  nur  in  den  Kompanien  und  Schwadronen,  die  zur
Empfangnahme  der  Fahnen  und  Standarten  abgeordnet  waren,  aufge—
stellt.  Unter  der  Bedeckung  der  Leibkompanie  des  Ersten  Garderegiments
zu  Fuß  wurden  die  Fahnen  aus  dem  Schlosse  abgeholt,  mit  denen  die
Fahnenträger  in  drei  Gliedern  Aufstellung  nahmen,  dem  Alltare  gegenüber.
  Im  ersten  Gliede  standen  14  Fahnen  der  Garde,  10  Standarten,
8  Fahnen  der  Füsilierregimenter,  6  Fahnen  der  Jägerbataillone  und
8  Fahnen  der  Hionierbataillone.  Im  zweiten  Gliede  standen  48  Fahnen
der  Infanterieregimenter  Tr.  41—56,  im  dritten  endlich  48  Fahnen  der
Regimenter  Nr.  57—72.

Zetzt  schwenkten  die  Truppen  ein  und  bildeten  drei  Seiten  eines
Dierecks,  dessen  vierte  Seite  der  Altar  bezeichnete.  Die  übrigen  Truppenteile
  außerhalb  des  Dierecks  schwenkten  zur  Stelle,  die  Infanterie  mit
Sügen  rechts,  die  Kavallerie  mit  Sügen  links  ein  und  rückten  in  Kolonnen
auf  ihre  Hlätze.  Begleitet  von  allen  königlichen  Hrinzen,  von  einem
glänzenden  Gefolge  umgeben  trat  der  König  in  das  Diereck,  empfangen
von  den  Ehrenbezeigungen  der  Truppen  und  den  Klängen  aller  versammelten
  Musikcorps.  Der  Feldpropst  Thiessen  hielt  die  Weiberede;  ergreifend
  und  erhebend  sprach  er  zu  den  Berzen  der  Krieger.  Mit  dem
TChorale:  „Gieb  uns  Mut  in  den  Gefahren,  wenn  der  Feind  uns  einst
bedroht“  schloß  die  Feier.  Die  Fahnenträger  traten  jetzt,  jeder  mit  seiner
Fahne  zu  ihren  Truppenteilen,  welche  die  einrückende  Fahne  mit  Burra
empfingen.  Dann  begann  der  Abmarsch.  Der  König  stellte  sich  mit
seinem  Gefolge  vor  der  Universität  auf.  An  ihm  vorüber  zogen  die
glänzenden  Kolonnen  der  abrückenden  Truppen,  unablässig  in  freudig
erregter  Stimmung  mit  feurigen  Hurrarufen  ihren  Kriegsberrn  begrüßend,
dem  wohl  ein  Eefühl  des  Stolzes  über  das  großartig  gelungene  Werk
die  Brust  schwellen  mochte.

Indessen,  während  der  hochbedeutsame  militärische  Akt  jedes  Hreußenherz
  erbob,  konnte  die  Dolksvertretung  nur  mit  Mühe  den  Entschluß
finden,  die  Kosten  für  die  Heeresreform  wenigstens  im  Extraordinarium
des  Stats  zu  bewilligen.  Auch  dafür  sprach  ihr  beim  Schlusse  des  Landtages
  der  König  (am  5.  Juni)  seinen  Dank  aus,  in  der  Erwartung,  daß
das  nächste  Abgeordnetenhaus  die  Summe  (25  Millionen  Thaler)  in  das
Ordinarium  übernehmen  und  damit  die  Reorganisation  als  dauernde
Einrichtung  anerkennen  würde.  Denn  mit  dieser  Tagung  endete  das
Mandat  des  Abgeordnetenhauses:  im  Berbst  aber  war  das  neue  zu
wählen.
        <pb n="301" />
        Die  Krönung.  295

Unverzüglich  nach  dem  Schlusse  des  Candtages  rüsteten  sich  die
extremen  Parteien  zum  Wahlfeldzuge.  Die  äußerste  Rechte  sammelte  sich
in  dem  hochkonservativen  „Preußischen  Volksverein“,  dessen  Programm
in  seinen  Hauptsätzen  lautete:  wir  wollen  keine  Einigung  des  deutschen
Vaterlands  auf  italienischen  Wegen  „durch  Blut  und  Brand“,  sondern
eine  Verständigung  der  Fürsten  und  Völker  im  Festhalten  an  Obrigkeit
und  Recht.  Wir  wollen  keine  Verleugnung  unseres  preußischen  Daterlandes
  und  seiner  ruhmreichen  Geschichte,  kein  Untergehen  in  dem  Schmutz
einer  deutschen  Republik,  keinen  Kronenraub  und  Wationalitätenschwindel,
keine  Zeseitigung  des  christlichen  Fundaments  unserer  Derfassung  und
keine  Schädigung  unserer  Wachtstellung  durch  Schwächung  der  Armee,
kein  parlamentarisches  Regiment  und  kein  Königtum  von  Derfassungs
Gnaden,  sondern  allein  ein  persönliches  Königtum  von  Gottes  Gnaden
nebst  Oflege  der  Kirche  und  der  christlichen  Schule  zum  Kampf  gegen
die  immer  weiter  um  sich  greifende  Entsittlichung  und  Wichtachtung  göttlicher
  und  menschlicher  Ordnung.

Es  war  klar:  scharf  richtete  sich  der  Dolksverein  gegen  das  Ministe—
rium  der  neuen  Ara.  Aber  nicht  minder  scharf  formulierte  von  der
andern  Seite  her  die  „Deutsche  Fortschrittspartei“  ihre  Forderungen.  Das
waren  die  mehr  oder  weniger  demokratisch  Gesinnten,  die  im  Anfange
der  Regentschaft  sich  zurückgehalten  Hatten,  um  der  Regierung  der  neuen
Ara  keine  Schwierigkeiten  zu  bereiten.  Jetzt  war  der  versöhnliche  Geist  geschwunden;
  jetzt  verlangten  sie  in  einem  Atem  das  Unvereinbare:  kühne
Wagnisse  zur  Begründung  des  deutschen  Bundesstaates  unter  preußischer
Leitung  und  demütige  Unterordnung  der  Regierung  unter  den  Willen
der  Nation,  unbegrenzte  Kriegsopfer  für  die  Ehre  und  die  Machtstellung
des  Daterlandes  und  Derkürzung  der  militärischen  Dienstzeit.  Selbst  die
Person  des  Königs  ließen  sie  nicht  unangetastet.  Er  meine  es  wohl  gut,
war  die  Meinung,  aber  seine  Bedenklichkeit  trage  die  RKauptschuld,  daß
Oreußen  in  zwei  Jahren  wie  in  der  inneren  Gesetzgebung,  so  auch  in
der  Umgestaltung  des  Deutschen  Bundes  nur  so  geringe  Erfolge  erzielt
habe.  Die  Mißstimmung,  unter  der  sie  selbst  zu  leiden  glaubten,  waren
sie  bestrebt  durch  Wort  und  Schrift  in  weitere  Kreise  zu  verbreiten  und
verführten  wohl  auch  manch  jugendlich-urteilsloses  Gemüt.  Don  hier  her
hatte  der  unselige  Oskar  Becker  das  Gift  in  sich  aufgenommen,  das  zu
ruchloser  Frevelthat  ihn  verblendete.

Wir  lassen  die  Aufzeichnung  berichten,  die  der  König  selbst  unmittelbar
  nach  dem  Attentat  gemacht  hat.  Er  befand  sich  damals  mit  der
Königin  in  Baden-Baden.  „Als  ich  heute,  den  14.  Juli,  in  der  Lichten-
        <pb n="302" />
        296  Drittes  Kapitel.

thaler  Allee  ging,  früh  ½0  Uhr,  ging  ein  junger,  ungefähr  20  jähriger
Mann  an  mir  vorüber  von  hinten  kommend  und  grüßte  mich  auf  eine
besonders  freundliche,  fast  herzliche  Art,  indem  er,  den  Hut  abnebmend,
denselben  mehrere  Male  grüßend  schwenkte.  Da  er  bald  darauf  seine
Schritte  verkürzte,  so  ging  ich  wieder  an  ihm  vorüber,  wobei  er  nochmals
grüßte.  Dies  geschab  wenige  Schritte  vor  und  hinter  dem  Rause,  in
welchem  früher  der  Maler  von  Bever  wohnte.  An  der  Kettenbrücke  begegnete
  mir  mein  Gesandter,  Graf  Klemming,  der  mich  nun  begleitete.
Dielleicht  150  Schritt  jenseit  des  Birtenhäuschens  fiel  ein  Schuß  in  solcher
Nähe  von  hinten  auf  mich,  daß  ich  sofort  einen  Schmerz  an  der  linken
Seite  des  Halses  fühlte,  eine  Dröhnung  im  ganzen  Kopfe  empfand  und
mit  der  linken  Zand  sogleich  nach  der  verletzten  Stelle  griff,  ausrufend:
Mein  Gott,  was  war  das!  —  Graf  Flemming  und  ich  drehten  uns
gleichzeitig  um,  und  ich  sah  oben  bezeichneten  jungen  Alann  ganz  ruhig
hinter  uns  auf  drei  Schritte  stehen.  Graf  Flemming  fragte  ihn:  „Wer
hat  hier  geschossen  d  Haben  Sie  geschossen  d“"  worauf  der  Mann  ganz
gelassen  erwiderte:  „Ich  habe  auf  den  König  geschossen.“  —  Graf
Flemming  griff  ihm  nun  in  die  Halsbinde  und  hielt  ihn  fest,  fragend:  „Womit
  haben  Sie  geschossen  “  Er  zeigte  auf  einen  in  das  Gras  geworfenen
Regenschirm,  und  einige  Schritte  von  demselben  lag  ein  Doppelterzerol,
von  dem  beide  Läufe  abgeschossen  waren.  Da  sofort  ein  Herr,  der  der
Rechtsanwalt  Süpfle  von  Gernsbach  sein  soll,  und  ein  andrer  Mann,
der  Amtsverweser  Refr.  Schill  aus  Achern,  zugesprungen  waren  und  den
jungen  Mann  zu  Boden  warfen,  ausrufend:  „Das  ist  eine  Schmach  und
Schande  für  Baden,  das  muß  das  Dolk  rächen“,  —  so  hatte  Graf  Flemming
  Seit,  die  Histole  aufzunebmen  und  den  Regenschirm.  MWittlerweile
war  der  Hotelbesitzer  Zrandt  aus  Berlin  hinzugekommen  und  diese  drei
Berren  brachten  den  Wenschen  in  einen  Wietswagen,  der  gerade  vorbeifuhr.
  Ich  ersuchte  die  Berren,  ihm  nichts  zuleide  zu  thun,  und  bestimmte,
  daß  dieselben  unter  Geleite  des  Grafen  SFlemming  ihn  zum
Stadtdirektor  Kurz  transportieren  sollten.  —  Ein  vierter  Herr,  Wr.
Blanquet,  Kaufmann  aus  Haris,  sagte  mir  in  KFranzösisch,  daß  mein
Rockkragen  von  einer  Kugel  zerrissen  sei  und  ebenso  die  Zalsbinde  gestreift
  wäre;  ich  zog  ihn  aus  und  überzeugte  mich  von  der  Richtigkeit
der  Angabe.  Die  Kontusion  am  Halse  blutete  nicht,  aber  verursachte
einen  leichten,  brennenden  Schmerz.  Ich  konnte  daher  die  Dromenade
bis  gegen  Tichtenthal  fortsetzen  und  kehrte  von  dort  mit  der  Königin  zu
Fuß  nach  Rause  zurück.
Baden--Baden,  den  14.  Juli  1861,  11  Uhr  vormittags.“"
        <pb n="303" />
        Die  Krönung.  297

Der  Verbrecher  war  der  Sohn  eines  Gymnasialdirektors  in  Odessa,
wohin  dieser  vor  30  Jahren  von  Chemnitz  ausgewandert  war.  Der
Sohn,  1850  geboren,  studierte  seit  2  Jahren  in  Leipzig  die  Rechte;  er
lebte  hier  in  ziemlich  dürftigen  Verhältnissen,  hauptsächlich  durch  kleine
schriftstellerische  Arbeiten  in  russischer  oder  deutscher  Sprache  seinen  Unterhalt
  sich  erwerbend.  An  Fleiß  febhlte  es  ihm  nicht,  aber  er  hatte  etwas
Verschlossenes  und  Scheues  in  seinem  Wesen.  Daher  gehäörte  er  auch
keiner  Derbindung  an,  besaß  auch  keinen  vertrauten  Freund.  So  hatte
er  auch  keinen  Teilnehmer  oder  Mitwisser  der  verruchten  That,  zu  der  das
kritiklose  Lesen  demokratischer  Seitungen  ihn  gebracht  hatte.  Denn  in
seiner  Brieftasche  hatte  er  folgende  Erklärung  aufgezeichnet:

„Das  Motiv,  weshalb  ich  Se.  Majestät  den  König  von  Hreußen
erschießem  werde,  ist,  daß  derselbe  die  Einigkeit  Deutschlands  nicht  herbeiführen
  kann,  und  die  Umstände  überwältigen,  daß  die  Einigkeit  stattfindet;
  —  dieserbalb  muß  er  sterben,  daß  ein  anderer  es  vollbringt.
Man  wird  mich  um  der  That  willen  lächerlich  machen,  oder  für  überspannt
  halten;  ich  aber  muß  die  That  vollziehen,  um  das  Daterland
glücklich  zu  machen.“

Er  wurde  von  den  badischen  Gerichten  zu  langjähriger  Kerkerstrafe
verurteilt.

üÜber  König  Wilhelm  aber  hatte  Gott  seine  Band  schützend  gehalten.
Die  Untersuchung  durch  den  Ceibarzt  ergab,  daß  die  Kugel  die  linke
Seite  des  Ralses  gestreift  und  daselbst  eine  Kontusion  von  etwa  2,5  cm
Durchmesser  verursacht  hatte.  Die  Stelle  war  mit  Blut  unterlaufen,  die
Derletzung  aber,  obgleich  der  Schuß  aus  nächster  Tähe  abgegeben  war,
ohne  alle  Gefahr.  Ohne  Beschwerde  war  er  daher  imstande,  persönlich
Tag  für  Tag  alle  die  zahlreichen  Abordnungen  von  nah  und  fern
zu  empfangen,  die  da  kamen,  mit  ihrem  Abschen  über  das  nichtswürdige
  Attentat  ihre  Freude  über  die  glückliche  Errettung  ihm  auszusprechen
  und  die  DHersicherung  ihrer  treuen  LCiebe  und  Dereb#rung  ihm  darzubringen.


Von  Baden-Baden  begab  sich  der  König  nach  COstende,  um  dort
Scebäder  zu  nehmen.  Dann  nahm  er  seine  Residenz  auf  Schloß  Brühl
am  Rhein,  in  dem  die  großen  Manöpver,  die  in  der  Umgegend  stattfanden,
eine  glänzende  Schar  von  Hrinzen  und  Fürsten  um  den  König  versammelten.
  Don  hier  reiste  er  Anfang  Oktober  nach  Compiegne,  um
den  Besuch  Kaiser  Tapoleons  vom  vorigen  Sommer  zu  erwidern.

Wenn  man  nach  einer  zweistündigen  Fahrt  von  Haris  auf  der  Mordbahn
  den  Wagen  verläßt  und  durch  die  freundliche  Landschaft  bis  auf
        <pb n="304" />
        298  Zweites  Kapitel.

die  Höhen  von  Margny  gewandert  ist,  dann  werden  die  in  die  Runde
schweifenden  Blicke  durch  das  Bild  eines  Städtchens  gefesselt,  das  teils
auf  einer  Anhöhe,  teils  an  deren  Abhängen  gebaut  ist  und  stattliche
Türme  in  die  Luft  streckt.  Das  ist  Compieègne,  einst  ein  betriebsamer
Fabrikort,  jetzt  aber  lagert  kleinstädtische  Ruhe  über  den  engen  Gassen.
An  der  einen  Seite  begrenzt  das  prachtvolle  kaiserliche  Schloß  das  Städtchen.
Kier  stand  früher  die  Dfalz  Ludwigs  des  Beiligen.  Ludwig  XIV.  hatte
sie  zu  einem  Schlosse  umbauen  lassen,  Tapoleon  I.  jedoch  erst  den  Hrachtbau
  beendigt.  Ein  prächtiger  Hark  grenzt  daran,  der  unmittelbar  in
einen  herrlichen,  hochstämmigen  Forst  übergeht.  In  diesem  Walde,  an
einem  lieblichen  See  liegen  höchst  malerisch  die  Ruinen  des  Schlosses
Dierrefonds.  Nur  durch  die  starken  Stränge  üppig  wuchernden  Epheus
scheinen  die  geborstenen  Mauern  noch  zusammengehalten.  Der  interessanten
Chronik  des  Schlosses,  die  von  der  schönen  Benriette,  der  Gemahlin  Karl
Stuarts,  von  der  schwedischen  Königin  Christine  zu  erzählen  weiß,  wurde
jetzt  durch  den  Besuch  König  Wilhelms  bei  dem  französischen  Kaiserpaar
ein  neues,  nicht  minder  interessantes  Blatt  binzugefügt.

Kaiser  Napoleon  empfing  —  am  6.  Oktober  1861,  abends  um  6  Uhr
—  seinen  königlichen  Gast  auf  dem  Bahnhofe;  am  Fuß  der  Freitreppe
des  Schlosses  begrüßte  ihn  die  Kaiserin  Eugenie,  ihren  kleinen  Sohn  an
der  Kand.  Ritterlich  küßte  König  Wilhelm  der  Kaiserin  die  Hand  und
führte  sie  die  Treppe  binauf  in  die  Haradegemächer  des  Schlosses,  in
denen  ein  großes  Orunkmahl  stattfand.

Kür  den  folgenden  Tag  war  eine  Fasanenjagd  veranstaltet.  Um
2  Uhr  aber  wurde  ein  Ausflug  nach  den  Ruinen  von  Hierrefonds  unternommen.
  Als  die  Wagen  den  alten  Festungsgraben  des  Schlosses  erreichten,
  ertönten,  sie  begrüßend,  unvermutet  die  markigen  Klänge  des
Dessauer  Marsches.  Der  Kaiser  hatte  verdeckt  ein  Musikcorps  aufgestellt,
seinem  hohen  Gaste  diese  freundliche  Überraschung  zu  bereiten.  Die
Kaiserin  arrangierte  nun  schnell  ein  kleines  ländliches  Mahl,  bei  dem  sie
in  beiterster  Laune  die  liebenswürdigste  Wirtin  machte.  Die  Schönheit
des  Ortes  überraschte  den  König  sichtlich;  die  zwanglose  Fröhlichkeit  verfehlte
  auch  auf  ihn  ihren  Eindruck  nicht.  Nur  ungern  entschloß  man  sich
gegen  Abend,  die  Beimfahrt  anzutreten.  Denn  eine  neue  Aufmerksamkeit
wartete  des  hohen  und  hochwillkommenen  Gastes.  Der  Kaiser  hatte  die
besten  Kräfte  der  Comédie-Frangaise  aus  Haris  zu  einer  Festvorstellung
nach  Compiègne  kommen  lassen.  Aber  mehr  als  ihnen  war  die  allgemeine
  Aufmerksamkeit  den  beiden  Herrschern  zugewandt,  von  denen  der
eine  die  Genugthuung  wohl  erkennen  ließ,  die  es  ihm  bereitete,  seinem
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        Empfang  des  à#

uni

gs  Wi

lhelm  i

n  Compi

egne  (6

Oktober  1860).
        <pb n="306" />
        300  Drittes  Kapitel.

erlauchten  Gaste  so  Treffliches  zu  bieten,  der  andere  mit  Herzlichkeit  an—
nahm,  was  ihm  so  liebenswürdig  geboten  wurde.

Auf  den  Mittag  des  8.  Obtober  hatte  König  Wilhelm  seine  Abreise
festgesetzt.  Am  Morgen  lud  ihn  der  Kaiser  ein,  über  das  Suaven-Bataillon,
  das  in  Compiègne  stand,  die  Harade  abzunehmen.  Der  Kaiser
war  in  Sivil.  So  nahm  denn  auch  der  König  im  schwarzen  Überrock
und  Cxlinder  die  Harade  über  das  Bataillon  ab  und  empfing  so  die
militärischen  Konneurs:  was  sicher  sehr  gegen  seine  Empfindung  war.

Wieder  bis  zum  Bahnbofe  gab  der  Kaiser  seinem  abreisenden  königlichen
  Gaste  das  Geleit.  In  der  freundlichsten  Weise  verabschiedeten
sie  sich  voneinander.  Und  als  der  Sug  davonfuhr,  rief  der  Kaiser  dem
am  Fenster  stehenden  Könige  die  Worte  zu:  „Auf  Wiedersehen  an  den
Ufern  des  Rheines!“  Gewiß  sollten  sie  eine  politische  Anspielung  enthalten;
  aber  der  König  hatte  seinen  Besuch  durchaus  nur  als  eine  persönliche
  Aufmerksamkeit  gemeint,  der  alle  Holitik  fern  blieb.

Am  10.  Oktober  traf  König  ilhelm  wieder  in  seinem  lieben
Babelsberg  ein.  Aber  schon  drei  Tage  danach  machte  er  sich  von  neuem
auf:  es  ging  nach  Königsberg  zur  Krönung.  .

Seitdem  Friedrich  J.  am  18.  Januar  1701  sich  in  Königsberg
die  preußische  Königskrone  aufs  Haupt  gesetzt,  hatten  die  preußischen
Könige  sich  begnügt,  bei  ihrem  Regierungsantritte  die  Erbhuldigung  der
Stände  entgegenzunehmen.  Jetzt  aber  bestanden  die  Stände  in  dem  alten
Sinne  nicht  mehr.  Preußen  war  ein  konstitutioneller  Staat  geworden
und  dadurch  in  eine  neue  Phase  seiner  Entwickelung  eingetreten.  Durch
einen  neuen  Krönungsakt  —  war  die  Meinung  des  Königs  —  sei  dem
Ausdruck  zu  geben.  Ihm  war  die  Krönung  eine  Weihe,  welche  die
Krone  über  das  Getriebe  der  widerstreitenden  Parteien  weit  hinaushob.
Er  legte  die  Frage  dem  Rate  der  Minister  vor;  sie  stimmten  ihm  zu:
auf  den  18.  Oktober  ward  die  Krönung  festgesetzt,  die  nach  dem  Gedanken
des  Königs  das  durch  eine  glorreiche  Geschichte  geknüpfte  Band  zwischen
dem  königlichen  Hause  und  dem  Dolke  Hreußens  befestigen  sollte.  So
entschied  er  auch,  der  Geschichte  folgend,  nicht  für  die  LCandeshauptstadt
Berlin,  sondern  für  Königsberg,  wo  sein  Ahn  einst  die  Königskrone  sich
aufgesetzt.  Eine  neue  Krone  war  auf  Befehl  des  Königs  für  die
Krönungsfeier  angefertigt.  Als  aber  der  Hofjuwelier  Sx  sie  brachte  und
um  die  Erlaubnis  bat,  sie  dem  Könige  zur  Hrobe  aufsetzen  zu  dürfen,
gestattete  es  dieser  nicht:  nicht  anders  als  bei  der  Krönung  dürfe  er  die
Krone  auf  dem  Raupte  tragen.  So  ganz  beherrschte  ihn  der  weihevolle
Sinn,  in  dem  er  die  Krönung  erfaßte.
        <pb n="307" />
        Die  Krönung.  301

Ein  Ausdruck  dieses  Sinnes  war  es  auch,  daß  er,  als  er  die  Krönungsfahrt
  antrat  —  es  war  am  Sonntag,  dem  15.  GOktober  —  in  der
Mlorgenfrühe  einen  Gebetsgottesdienst  in  der  Friedenskirche  bei  Hotsdam
  halten  ließ,  an  dem  er  mit  der  Königin  und  dem  kronprinzlichen
Daare  teilnahm.  Dann  erst  erfolgte  (bald  nach  7  Uhr)  die  Abreise
nach  Berlin,  wo  die  übrigen  Mitglieder  des  königlichen  Hauses  sowie
der  Großherzog  von  Sachsen-Weimar  zur  Weiterfahrt  nach  Königsberg
sich  anschlossen.

Die  Reise  glich  einem  Triumphzuge.  Alle  Orte,  die  der  königliche
Sug  passierte,  hatten  sich  festlich  mit  Blumen  und  Fahnen  geschmückt,
und  selbst  auf  den  kleinsten  Stationen  begrüßten  dichtgescharte  Menschen—
massen  ihren  Berrscher  mit  herzlichen  ZHochrufen.  Nur  in  Kreutz  und  in
Bromberg  machte  der  König  einen  etwas  längeren  Aufenthalt,  um  die
Begrüßung  der  auf  dem  Babnsteig  versammelten  Abordnungen  entgegenzunelmen.
  Dennoch  wurde  es  11  Uhr,  bevor  der  königliche  Sug  in
Tudwigsort,  der  letzten  Station  vor  Königsberg,  eintraf.  Durch  die  acht
ging  es  indessen  von  hier  noch  15  Kilometer  weiter  nach  dem  Schlosse
des  Grafen  Dohna  Capustligall,  das  zum  Nachtquartier  bestimmt  war.

Am  nächsten  Dormittage  begab  sich  der  König  mit  der  HKönigin  nach
Schönbusch,  2  Kilometer  vor  Königsberg.  Denn  von  hier  aus  sollte  der
feierliche  ESinzug  in  die  Krönungsstadt  durch  das  neue  Brandenburger
Thor  stattfinden.  Frisches  Leben  durchwogte  die  Straßen  der  Stadt;
denn  von  weither  war  aus  Dorf  und  Stadt  nach  Königsberg  gekommen,
wer  sich  nur  irgend  daheim  freimachen  konnte.  Auch  die  Soldaten,  nicht
militärisch  aufgestellt,  hatten  Freiheit,  sich  nach  Gefallen,  das  Straßenbild
belebend,  unter  die  Einwohner  und  Gäste  zu  mischen.

Da  erdröhnten  die  Kanonen.  Es  war  mittags  12  Uhr.  Der
Krönungszug  war  vor  der  Stadt  angekommen.  Gendarmen,  in  einem
Gliede  reitend,  eröffneten  ihn.  Dann  kam  nach  altem  Brauch  die  Metzger—
zunft  zu  Pferde,  Trompeter,  auch  ein  Hauker  voran.  Ihr  folgte  im
Schritt  eine  Schwadron  der  Gstpreußischen  Kürassiere.  Unter  dem  Dortritt
  von  zwei  Flügeladjutanten  kam  jetzt  der  König  auf  einem  herrlichen
arabischen  Dollblutbraunen.  Er  hatte  die  große  Generalsuniform  mit
dem  Bande  des  Schwarzen  Adlerordens  angelegt.  KFreundlich  dankte  er
für  die  brausenden  Rurrarufe  der  dichtgedrängten  Dolksmassen.  In  den
Uniformen  ihrer  Regimenter,  gleichfalls  zu  Roß,  folgten  ihm  der  Kronprinz
  und  die  übrigen  Hrinzen  des  königlichen  Rauses.  Nach  ihnen,  in
geringem  Swischenraume,  kam  der  achtspännige  Galawagen  der  Königin,
dem  zwei  Vorreiter  und  zwei  Stallmeister  voranritten.  Die  Generale
        <pb n="308" />
        302  Drittes  Kapitel.

und  Flügeladjutanten  zu  Pferde  und  die  sechsspännigen  Wagen  der
Damen  und  Kapvaliere  der  Königin  schlossen  den  glänzenden  Zug.

Der  König  sollte  der  erste  sein,  der  das  neue  Festungsthor  passiere.
Noch  war  der  Bau  nicht  ganz  vollendet.  Aber  künstlich  hatte  man  ihm
seine  zukünftige  Gestalt  gegeben  und  die  Zinnen  und  Scharten  mit  Kronen,
Wappen  und  Fahnen  geschmückt,  während  frei  in  die  Cuft  darüber  die
Inschrift  sich  erhob:  „Glück  Zohenzollern!"  Nun  feel  die  Schranke,  die
es  bis  dahin  gesperrt  hatte:  und  hinein  ritt  der  König  in  seine  gute  Stadt,
von  einer  Schar  junger  Mädchen  festlich  bewillkommnet  und  von  dem
alles  übertönenden  Zubel  der  Menge  am  Wege  begrüßt,  die  hinter  den
Reihen  der  Spalier  bildenden  Schützengilden  der  ostpreußischen  Städte
alles  erfüllte.

Unter  endlosem  Jubel  ging  der  Sug  durch  die  Stadt  zum  Schlosse.
Vor  demselben  hatten  die  Offiziercorps  sich  aufgestellt;  auf  der  großen
Freitreppe  standen  die  Geistlichen  und  die  Hrofessoren  der  Universität  im
Ornat,  während  eine  einzige  wogende  Wenschenmenge  den  weiten  Schloßhof
  innehatte.  Oben  in  den  Sälen  des  Schlosses  war  die  Generalität,
die  Spitzen  der  Behörden  und  die  hervorragendsten  Dertreter  der  Wissenschaft
  und  Kunst  versammelt.  Nun  trat  der  König  in  ihre  Mitte.  Rückwärts
  wandten  sich  von  der  glänzenden  Gegenwart  seine  Gedanken,  als
er  mit  ernster  Miene  sie  anredete.  Don  der  schweren  Seit  sprach  er,
welche  die  königliche  Familie  einst  hier  in  diesem  selben  Schlosse  verlebt
hatte;  mit  Wehmut  gedachte  er  dabei  seines  in  Gott  ruhenden  Daters
und  Bruders.

Der  Erinnerung  war  dann  auch  der  folgende  Tag  geweiht:  war
er  doch  der  Geburtstag  König  Friedrich  Wilbelms  IV.  Auf  eine  einfache
  und  schlichte  Art  war  das  Schlafzimmer  der  Königin  Luise  zu  einer
Rauskapelle  geschmückt;  wo  sonst  das  Bett  der  Königin  stand,  war  ein
Altar  errichtet.  Hier  ließ  der  König  ganz  in  der  Stille  eine  Andachtsstunde
  durch  den  Oberhofprediger  Snethlage  halten  und  empfing  mit  der
Königin  aus  dessen  Bänden  dann  das  heilige  Abendmahl.  In  stiller
Surückgezogenheit,  wie  es  seine  Sitte  war,  verlebte  das  hohe  Haar  den
Tag  dann;  nur  der  Einweihung  der  Kapelle  des  Krankenhauses  „Gur
Barmherzigkeit“  wohnte  es  ohne  alles  Gepränge  bei.

Allein  der  Gottesfrieden  des  geistlichen  Rüsttages  wurde  am  späten
Abend  noch  in  sehr  geräuschvoller  Art  unterbrochen.  Der  Erzherzog
Karl  Ludwig  langte  an,  der  beauftragt  war,  den  Kaiser  von  Esterreich
bei  der  Krönungsfeier  zu  vertreten.  Und  kurz  nach  11  Uhr  traf  auch
der  „Diplomatenzug“"  ein,  der  von  Berlin  außer  manchen  fürstlichen
        <pb n="309" />
        Die  Krönung.  303

Gästen  die  „Krönungsbotschafter“  der  fremden  Mächte  sowie  das  ganze
diplomatische  Corps  brachte.  Nach  Staaten  waren  die  Coupés  eingeteilt
und  durch  entsprechende  Aufschriften  an  den  Thüren  kenntlich  gemacht,
während  die  letzten  Wagen  mit  der  Aufschrift  Corps  diplomatique  nicht
weniger  als  116  Bediente  der  Gesandten  bargen.  Da  wurde  es  denn
für  ein  paar  Stunden  in  dem  alten  ehrwürdigen  Schloßbau  unruhig
genug.

Am  folgenden  Mittage  fand  die  feierliche  Auffahrt  der  Krönungsbotschafter
  sowie  derjenigen  Gesandten  statt,  die  für  die  Krönung  mit
besonderen  Kreditiven  versehben  waren.  Am  Worgen  schon  hatte  der
König  dem  Einmarsche  der  Regimentsabordnungen,  welche  die  Fahnen
und  Standarten  der  Armee  zur  Krönung  brachten,  beigewohnt.  Es  war
ein  ernstes  Wort,  das  er  dabei  an  die  Generalität  und  die  Regimentskommandeure
  gerichtet  Ratte:  „Don  Gottes  RKänden  ist  mir  die  Krone
zugefallen,  und  wenn  ich  mir  dieselbe  von  Seinem  geweihten  Tische  auf
das  Haupt  setzen  werde,  so  ist  es  Sein  Segen,  der  sie  mir  erhalten  wolle.
Sie  zu  verteidigen  ist  die  Armee  berufen,  und  Hreußens  Könige  haben
die  Treue  derselben  noch  nie  wanken  sehen.“  Jetzt  nun  begab  er  sich
in  den  Thronsaal,  um  in  einer  langen  Reihe  von  Audienzen  die  Botschafter
  zu  empfangen.  Es  ist  Sitte,  daß  bei  solchen  Audienzen  der
Landesherr  die  Orden  desjenigen  Souveräns  anlegt,  dessen  Gesandter
empfangen  wird.  Selbst  in  solchen  äußerlichen  Dingen  war  König  Wilhelm
  bedacht,  das  zu  wahren,  was  er  als  eine  höfliche  Aufmerksamkeit
ansah.  Nach  jeder  Audienz  zog  er  sich  zurück,  um  die  Orden  des  nächstkommenden
  Staates  anzulegen,  so  daß  die  Auffahrt  bis  gegen  5  Uhr
sich  hinzog.

Am  Abend  begann  die  Reihe  der  glänzenden  Krönungsfestlichkeiten
mit  dem  Fest  im  Sommertheater,  das  die  Stände  der  Hrovinz  Hreußen
dem  Könige  gaben.  Mit  schwungvollen  Worten  gab  bei  demselben  Graf
Dohna-Lauck,  der  Obermarschall  im  Königreich  Dreußen,  dem  Wunsche
der  Stände  Ausdruck,  daß  „die  so  erhabene,  als  bedeutungsvolle  Krönungsfeier
  alle  heiligen  und  edlen  Bande,  welche  König  und  Dolk  in  Dreußen
so  lange  vereinigt,  aufs  neue  weihen  und  für  alle  Sukunft  befestigen“  möge.

„Wenn  so  das  Dolk“,  erwiderte  der  König,  „in  Treue  und  Hingebung
  mit  seinem  Könige  geht,  so  wird  die  Sukunft  Hreußens  unter
Gottes  gnädigem  Schutze  auch  unter  Stürmen  gesichert  sein."

Am  nächsten  Tage  —  am  17.  Oktober  —  empfing  der  Rönig  die
Mitglieder  der  beiden  Räuser  des  Landtages.  „Es  war  mir  ein  Bedürfnis“
  —  sagte  er  zu  ihnen  —  „die  Dertreter  des  Landes  noch  vor
        <pb n="310" />
        304  Drittes  Kapitel.

der  Krönung  um  mich  zu  versammeln,  und  ich  danke  Ihnen,  daß  Sie
meinem  Wunsche  gefolgt  sind.  Die  Herrscher  Preußens  empfangen  ihre
Krone  von  Gott.  Ich  werde  deshalb  morgen  die  Krone  vom  Tische  des
Herrn  nehmen  und  sie  auf  mein  Haupt  setzen.  Dies  ist  die  Bedeutung
des  Königtums  von  Gottes  Gnaden,  und  darin  liegt  die  Heiligkeit  der
Krone,  welche  unantastbar  ist.  Ich  weiß,  daß  Sie  selbst  den  Sinn  des
Aktes  so  verstehen,  zu  dessen  Zeugen  ich  Sie  berufen  habe.  Die  Krone
ist  mit  neuen  Institutionen  umgeben;  Sie  sind  nach  denselben  bernfen,
der  Krone  zu  raten.  Sie  werden  mir  raten  —  auf  Ihren  Rat  werde
ich  hören.“

Am  Vachmittage  hielt  der  König  ein  feierliches  Kapitel  des  Hohen
Ordens  vom  Schwarzen  Adler  in  der  Schwarzen  Adlerkammer  ab.  Es
war  dies  das  Zimmer,  in  welchem  am  17.  Januar  1701  einst  König
Friedrich  I.  den  Orden  gestiftet  hatte.  Seitdem  war  jedoch  kein  Kapitel
mehr  in  ihm  gehalten  worden.  Den  Abend  erfüllte  das  Fest,  welches
die  Stadt  Königsberg  dem  Herrscherpaare  gab,  indem  sie  in  drei  lebenden
Bildern  ihm  sinnig  ihre  Huldigungen  darbrachte.

Nun  war  der  Krönungstag,  der  18.  Oktober,  da.  Es  war  der
Geburtstag  des  Kronprinzen,  der  sein  50.  Lebensjahr  vollendete;  es  war
der  Jahrestag  der  Leipziger  Dölkerschlacht,  die  Deutschland  fast  ein  halbes
Jahrhundert  zuvor  die  Befreiung  von  verhaßter  Fremdberrschaft  gebracht;
es  war  aber  auch  der  Gedenktag  der  Huldigung  der  Stände  des  Herzogtums
  Hreußen,  die  der  Große  Kurfürst  am  18.  Oktober  1665  in  demselben
  Königsberg  entgegengenommen  hatte.

Beziehungsreich  war  der  Tag  gewählt;  beziehungsreich  war  auch
der  Ort  durch  den  Dorgang  der  Krönung  König  Friedrichs  I.  Als  ein
mächtiges  Diereck  von  107  Meter  Länge  und  60  Meter  Breite  legt  sich  der
Schloßhof  zwischen  das  Schloß  und  die  Schloßkirche.  Ausreichenden  Raum
gewährte  er  für  die  Krönungszeugen  wie  für  die  zuschauende  Menge.
Rings  um  den  Hof  waren  Wastbäume  aufgestellt,  an  denen  die  Haniere
der  Orovinzen,  Berzogtümer,  Grafschaften  und  Herrschaften  angebracht
waren,  die  das  Königreich  Hreußen  bildeten.  Unter  diesen  Hanieren
waren  auf  drei  Seiten  die  Innungen  und  Gewerke  mit  ihren  Fahnen
und  Abzeichen  aufgestellt.  Die  vierte  Schmalseite  blieb  frei;  hier  war
ein  breiter  Balkon  dem  ersten  Stockwerke  des  Schlosses  vorgelegt,  auf
den  man  unmittelbar  aus  den  Simmern  heraustrat,  während  eine  Freitreppe
  von  ihm  auf  den  Krönungsweg  nach  der  Kirche  hinabführte.

Unter  den  Klängen  des  Hariser  Einzugsmarsches  marschierten  die
Abordnungen,  welche  mit  ihren  Fahnen  und  Standarten  sämtliche  Regi-
        <pb n="311" />
        Die  Krönung.  305

menter  der  preußischen  Armee  nach  Königsberg  entsandt  hatten,  durch
das  große  Portal  in  den  Schloßhof  ein  und  nahmen  zu  beiden  Seiten
des  Krönungsweges  bis  zur  Schloßkirche  hin,  Front  nach  innen,  Auf—
stellung.

Nun  begann  mit  dem  Glockenschlag  10  der  Krönungszug.  Zwei
Herolde  eröffneten  ihn,  denen  die  Spielleute  wie  der  erste  Zug  der  TLeibkompanie
  des  Ersten  Garderegiments  zu  Fuß  folgten.  Haarweis  schritten
hinter  ihnen  die  Kammerjunker  und  die  Kammerherren  einber,  zwei  Schloßhauptleute
  und  die  Inhaber  der  Erbämter  aus  allen  Landesteilen.  Tun
kam  der  Reichsberold  mit  silbernem  Stabe.  Ihm  folgten  die  acht  Gberpräsidenten
  der  Drovinzen,  die  acht  kommandierenden  Generale  und  die
Generalinspekteure,  die  TChefs  der  Immediatbehörden  und  die  Minister.
Swei  Berolde  des  Schwarzen  Adlerordens  schritten  jetzt  den  BReichsinsig--nien
  voran.  Die  Krone,  auf  einem  Kissen  von  Goldbrokat,  trug  der  General
Fürst  Radziwill,  angetban  mit  dem  Wantel  des  Schwarzen  Adlerordens.
Ihr  folgten  das  Reichszepter,  das  Reichsinsiegel,  der  Reichsapfel  und
das  Reichsschwert.  *

Als  die  Reichsinsignien  am  Fuße  der  Freitreppe  angelangt  waren,
erschien  oben  unter  dem  Baldachin  ganz  allein  der  König,  den  Helm
auf  dem  HZaupte,  um  die  Schultern  den  wallenden  roten  Sammetmantel
des  Schwarzen  Adlerordens.  Die  Truppen  präsentierten,  die  Fahnen
neigten  sich,  und  ein  Jubelruf  erhob  sich,  der  den  König  bis  zum  Hortal
der  Kirche  begleitete.  Zu  seinen  Seiten  schritten,  etwas  zurück,  die  Kommandeure
  des  Ersten  Garderegiments  zu  Fuß  und  der  Gardes  du  Corps,
beide  mit  gezücktem  Degen,  unmittelbar  hinter  ihm  der  Oberstkämmerer,
der  GObersttruchseß,  der  Oberstmundschenk  und  der  Minister  des  Königlichen
Rauses,  denen  es  oblag,  nach  der  Krönung  den  Krönungsmantel  zu
tragen.

Den  Beschluß  machte  das  RZeichspanier,  getragen  von  dem  Feldmarschall
  von  Wrangel  und  umgeben  von  sämtlichen  General=  und  Flügeladjutanten
  des  Königs.

Der  König  war  in  das  Hortal  der  Kirche  eingetreten,  als  der  Kronprinz
  auf  den  Balkon  heraustrat.  Auch  er  war,  wie  der  König,  in  der
großen  Generalsuniform,  den  Mantel  des  Schwarzen  Adlerordens  um
die  Schultern  gelegt.  Unbedeckten  Hauptes  schritt  er  einher;  hinter  ihm
paarweise  in  gleichem  Aufzuge  die  sämtlichen  Drinzen  des  NKöniglichen
Rauses,  denen  sich  die  Ritter  des  Schwarzen  Adlerordens  anschlossen,  die
Generale  der  Infanterie  und  Kavallerie,  die  Generalleutnants,  hohe

Sivilbeamte  und  die  sämtlichen  Adjutanten.
Kaiser  Wilhelm.  20
        <pb n="312" />
        306  Drittes  Kapitel.

Nach  kurzer  Pause  folgte  nun  der  Zug  der  Königin.  Pagen,
Kammerherren,  Palastdamen  und  Hofdamen  eröffneten  ihn.  Vor  der
Königin  trug  der  General  der  Kavallerie,  Graf  von  der  Gröben,  die
Krone  einher;  neben  der  Königin  schritt  der  Oberhofmeister,  Graf  von
Boos-Waldeck.  Die  Königin  war  ganz  in  Weiß  gekleidet;  vier  Gräfinnen,
ebenfalls  in  Weiß,  trugen  ihre  Schleppe.  Ihr  folgte,  von  ihren  Damen
begleitet,  die  Kronprinzessin,  die  einen  Hermelinmantel  um  die  Schultern
gelegt  hatte.  Die  übrigen  Hrinzessinnen  des  HKöniglichen  Rauses  schlossen
sich  ihr  an.  Swölf  Hagen  bildeten  den  Beschluß.

Am  Hortal  der  Kirche  wurde  wie  der  KRönig,  so  auch  die  Königin
von  der  Geistlichkeit  empfangen  und,  während  der  Gesang  des  Domchores
von  der  Grgel  herübertönte,  zu  den  Thronen  geleitet.  Der  Gottesdienst
begann.  Der  Generalsuperintendent  Woll  hielt  die  Liturgie,  Hofprediger
Roffmann  die  Krönungspredigt.  Dann  ertönten  die  feierlichen  Klänge
des  Domine,  salvum  fac  regem.  Die  Würdenträger  nahmen  die  Krö—
nungsinsignien,  die  sie  auf  Taburetts  niedergelegt  hatten,  auf  und  trugen
sie  zum  Altare.  Nur  die  Träger  des  ZReichsschwertes  und  des  Reichsinsiegels
  blieben  auf  der  linken  Seite  des  Altars  stehen,  ohne  dieselben
aus  der  Band  zu  legen.

Der  König  erhob  sich  auf  dem  Throne.  Der  Obersttruchseß  und
der  Oberstmundschenk  nahmen  ihm  den  Wantel  ab;  er  trat  zum  Altare
hin,  kniete  auf  der  untersten  Stufe  desselben  nieder  und  verrichtete  ein
stilles  Gebet.  Dann  nahm  er  den  Helm  ab,  worauf  der  GOberstkämmerer
mit  dem  Grand-mattre  de  la  garderobe  ihm  den  purpurnen  Krönungsmantel
  umlegten.  Langsam  stieg  der  König  so  die  Stufen  zum  Alltare
hinauf,  erhob  sein  Angesicht  zu  dem  Bilde  des  Gekreuzigten,  neigte  sein
Haupt  auf  den  Altar  und  betete.  Darauf  ergriff  er  die  Krone  auf  dem
Altare,  hob  sie  empor  und  setzte  sie  sich  aufs  Haupt.  Mit  mächtigen
Tönen  schlugen  in  diesem  Augenblicke  die  Glocken  an,  und  draußen  auf
dem  nahen  Königsgarten  donnerten  die  Kanonen.  Mit  erhobener  Stimme
aber  betete  der  celebrierende  Geistliche,  Hofprediger  Snethlage:  „Sott,
der  Allmächtige,  der  Berr  des  Himmels  und  der  Erden,  bestärke  Euch  in
allen  christlichen  Tugenden,  auf  daß  das  Land  durch  Euer  gutes  und
glückliches  Regiment  aufblühe  und  daß  der  Tag  des  ewigen  ZReiches
wahrhaftig  werde!“

Der  König  ergriff  nun  mit  der  Rechten  das  Septer,  wendete  sich
um  und  hielt  dies  Seichen  höchster  weltlicher  Macht  mit  erbobenem  Arm
empor.  Der  Geistliche  aber  betete  laut:  „Gott,  der  Allmächtige,  welcher
Euch  zum  Herrscher  über  Sein  Dolk  gesetzt  und  befohlen  hat,  daß  Ihr
        <pb n="313" />
        Die  Krönung.  307

mit  Gerechtigkeit  das  Dolk  regieren  sollt,  verleihe  Euch  Seine  Gnade,
daß  Ihr  allezeit  ein  Septer  führet  in  Gerechtigkeit  und  Liebe  gegen
unsern  Herrn  Zesum  Christum!“

Darauf  nahm  der  König  den  Reichsapfel.  Der  Geistliche  betete
dazu:  „Gott,  der  Allmächtige,  verleibe  Euch  Seine  Gnade,  daß  Ihr  das
Reich  in  Macht  und  Wohlstand  erhalten  möget,  Ihm  zum  Hreise  und
zur  Ehre,  Euch  zum  Ruhme  und  dem  Lande  zum  Nutzen,  zur  Freude
und  Einigkeit!“

Nachdem  der  König  nun  nochmals  zu  dem  Kruzifix  emporgeblickt,
wandte  er  sich  zur  Gemeinde,  das  Septer  in  der  ausgestreckten  Rechten.

Denkmünze  nuf  die  Krüönnng  König  Wilhelms  I.  um  18.  Oktober  1861.
(Mönigl.  Münzkabinett  in  Berlin.)

Dann  wanodte  er  sich  wieder  zum  Altare,  legte  den  Zeichsapfel  nieder
und  nahm  statt  dessen  das  Schwert,  während  der  Geistliche  betete:  „Gott,
der  Cuch  das  Schwert  anvertraut  hat  zum  Schutze  der  Krommen  und
Rechtschaffenen,  zur  Strafe  der  Ungerechten  und  derer,  die  das  Land  in
Derderben  bringen  wollen,  gebe  Euch  Seine  heilige  Gnade,  daß  Ihr
allezeit  getrost  und  männlich  seid  und  Euren  Auftrag  zur  Ehre  Gottes,
zum  Frieden  Eures  Gewissens  und  zur  Wohlfahrt  Eurer  Unterthanen
ausrichten  möget  durch  Jesum  Christum!“  Damit  reichte  der  König  das
Reichsschwert  dem  Gberburggrafen,  der  es  getragen,  zurück,  legte  die
beiden  Arme  auf  den  Altar  und  betete,  den  Kopf  darauf  neigend,  in
stiller  Andacht.  Darauf  bestieg  er  wieder  den  Thron,  die  strahlende  Krone
auf  dem  Raupte,  in  der  Hand  das  Septer.

Die  Königin  kniete  indessen  in  frommer  Sammlung  am  Altare.
Der  Krönungsmantel  ward  ihr  umgelegt,  und  tief  verneigte  sie  sich  vor
dem  Rönige,  der  wieder  zum  Altare  emporstieg.  Graf  von  der  Gröben
reichte  auf  einem  Kissen  ihm  die  Königinnenkrone  dar;  der  König  ergriff

20“
        <pb n="314" />
        308  Drittes  Kapitel.

sie  und  setzte  sie  seiner  Gemahlin  aufs  Haupt,  während  der  Geistliche
betete:  „Der  Allmächtige  Gott,  der  Herr  des  Himmels  und  der  Erde,
stärke  Euch  in  allen  Pflichten  und  königlichen  Tugenden  in  Jesu  Christo!“

Gemeinsam  knieten  darauf  der  König  und  die  Königin  betend  vor
dem  Altare  nieder.  Auf  ein  Zeichen  des  Kronprinzen  sanken  nun  auch
alle  Anwesenden  auf  die  Kniee,  und  der  Geistliche  sprach  den  Segen  über
das  Königspaar  wie  über  das  ganze  Volk.  Unter  den  feierlichen  Klängen
der  Orgel  kehrten  darauf  die  Majestäten  zu  ihren  Thronen  zurück;  zur
Beglückwünschung  nahten  sich  ihnen  die  königlichen  Prinzen  und  Prin—
zessinnen,  und  die  vollen  Klänge  des  Tedeums  erfüllten  das  Gotteshaus.

In  derselben  Ordnung,  wie  er  eingezogen,  verließ  jetzt  der  Krönungszug
  die  Kirche.  In  der  vollen  Pracht  des  Krönungsornates,  die  Krone
auf  dem  Haupte,  in  der  Rechten  das  Zepter,  den  Reichsapfel  in  der
Cinken,  trat  der  König  in  das  Hortal,  frei  dem  ganzen  Volke  sichtbar,
und  tausendstimmiger  Jubelruf  empfing  ihn.  Dreimal  neigte  der  König
dankend  das  Zepter.  Auf  dem  ganzen  Krönungswege  geleiteten  ihn  die
begeisterten  Hochrufe  der  dicht  gescharten  Menge.  Oben  auf  der  Frei—
treppe  wandte  er  sich  zurück,  neigte  nochmals  dankend  das  Zepter  und
erwartete  das  Herannahen  der  Königin.  Auf  dem  Balkon  angelangt,
trat  die  Königin  an  die  Seite  ihres  hohen  Gemahls,  während  in  rauschenden
  Akkorden  „Heil  dir  im  Siegerkranz!“  von  den  dicht  gedrängt
im  innern  Schloßhofe  Dersammelten  angestimmt,  zu  dem  Herrscherpaare
empordrang.

Erst  als  die  Nationalhymne  verklungen  war,  traten  die  Majestäten
in  das  Schloß  ein.  Der  feierliche  Zug  durchschritt  es,  und  am  offenen
Fenster  zeigten  sie  sich  im  vollen  Krönungsschmucke  auch  dem  den  äußeren
Schloßhof  Kopf  an  Kopf  erfüllenden  Volke,  das  mit  begeisterten  Zurufen
sie  begrüßte.

Unterdessen  hatten  im  Thronsaale  die  königlichen  Prinzen,  die  Ritter
des  Schwarzen  Adlerordens,  die  Minister,  die  Oberpräsidenten,  die  Generale
und  die  Träger  der  Reichsinsignien  zu  beiden  Seiten  des  Thrones  Aufstellung
  genommen,  rechts  zunächst  der  Kronprinz,  links  zunächst  der  Feldmarschall
  Wrangel  mit  dem  Reichspanier.  Jetzt  trat  der  König  ein  und
ließ  sich  auf  dem  Thronsessel  nieder.  Der  Kardinalerzbischof  von  Köln
an  der  Spitze  der  acht  Bischöfe  des  Reichs  trat  vor,  dem  Könige  zu
huldigen  und  die  katholische  Kirche  dem  landesväterlichen  Schutze  des
Königs  zu  empfehlen.

Gern  verhieß  der  König  den  erbetenen  Schutz  mit  Gerechtigkeit  und
Wohlwollen,  aber  zugleich  sprach  er  die  zuversichtliche  Erwartung  aus,
        <pb n="315" />
        Die  Krönung.  309

daß  die  Geistlichkeit  fortfahren  werde,  die  katholischen  Unterthanen  zur
Gottesfurcht,  zum  Geborsam  gegen  die  Obrigkeit  wie  zur  Achtung  vor
dem  Gesetz  anzuhalten.

Munmehr  nahte  an  der  Spitze  der  ehemals  reichsunmittelbaren
Standesherren  der  Fürst  von  Solms-Lich  dem  Chrone,  den  Herrscher  der
Treue  und  Bingebung  seiner  ersten“  Unterthanen  versichernd.  Mit  huldvollen
  Worten  erwiderte  der  König;  dann  erhob  er  sich  und  begab  sich
zu  der  großen  Freitreppe.  Rier  nahm  er  unter  dem  Thronhimmel  Dlatz,
während  die  Hrinzen  und  die  Reichswürdenträger  sich  wieder  zu  den
Seiten  ordneten.  An  den  offenen  Fenstern  des  Schlosses  erschienen  zugleich
  die  Königin  mit  der  Kronprinzessin  und  den  übrigen  Hrinzessinnen
des  HKöniglichen  Hauses.  »  .

Es  war  ein  Schauspiel,  feierlich  und  erhebend,  das  hier  im  Angesicht
der  dicht  gedrängten  Volksmenge  sich  vollzog.  Denn  durch  den  Mund
des  Präsidenten  des  Landtags  huldigte  dem  Herrscher  sein  ganzes  Volk.
Der  Prinz  zu  Hohenlohe,  Präsident  des  Herrenhauses,  legte  vor  dem
Throne  das  Gelöbnis  unwandelbarer  Treue  nieder,  und  in  schwungvoller
  Rede  gab  Simson,  der  Präsident  des  Abgeordnetenhauses,  den  Gefühlen
  der  gewählten  Volksvertreter  begeisterten  Ausdruck.  Im  Namen
der  entbotenen  Krönungszeugen  machte  der  Graf  zu  Dohna-Lauck,  Obermarschall
  im  Königreich  Hreußen,  den  Beschluß.  Er  gab  dem  Wunsche
Worte,  daß  diese  Kronenweihe  auch  eine  Weihe  für  das  ganze  Hreußenland
  werden  und  Herrschaft  und  Recht,  Gesetz  und  Sitte  an  eine  höhere
Ordnung  der  Dinge,  in  der  ja  ihr  ewiger  Ursprung  sei,  knüpfen  möge.

Buldreich  dankte  der  König  jedem  Redner.  Dann  erhob  er  sich
und  nahm  aus  den  Bänden  des  Miinisterpräsidenten  den  Text  der  Antwort
  entgegen:

„Don  Gottes  Gnaden  tragen  Hreußens  Könige  seit  160  Jahren  die
Krone.  Nachdem  durch  zeitgemäße  Einrichtungen  der  Thron  umgeben
ist,  besteige  ich  als  König  denselben.  Aber  eingedenk,  daß  die  Krone  nur
von  Gott  kommt,  habe  ich  durch  die  Krönung  an  geheiligter  Stätte  bekundet,
  daß  ich  sie  in  Demut  aus  Seinen  Händen  empfangen  habe.  Die  Gebete
  meines  Dolkes,  ich  weiß  es,  haben  mich  bei  diesem  feierlichen  Akt  umgeben,
  damit  der  Segen  des  Allmächtigen  auf  meiner  Regierung  rube.
Die  Liebe  und  Anhänglichkeit,  welche  mir  seit  meiner  Thronbesteigung
erwiesen  wurde  und  die  mir  soeben  in  erhebender  Weise  bekundet  wird,
sind  mir  Bürge,  daß  ich  unter  allen  Derhältnissen  auf  die  Treue,  Hingebung
  und  Gpferfreudigkeit  meines  Dolkes  rechnen  kann.  Im  Dertrauen
darauf  habe  ich  den  althergebrachten  Erbhuldigungs=  und  Unterthaneneid
        <pb n="316" />
        310  Drittes  Kapitel.

meinem  treuen  Dolke  erlassen  können.  Die  wohlthuenden  Beweise  jener
Liebe  und  Anhänglichkeit,  die  mir  jüngst  bei  einem  verhängnisvollen  Ereignisse
  zu  teil  wurden,  haben  dies  Dertrauen  bewährt.  Gottes  Dorsehung
wolle  die  Segnungen  des  Friedens  dem  teueren  Haterlande  lange  erhalten!
Vor  äußeren  Gefahren  wird  mein  tapferes  Beer  dasselbe  schützen.  Dor
inneren  Gefahren  wird  Hreußen  bewahrt  bleiben;  denn  der  Thron
seiner  Könige  steht  fest  in  seiner  Macht  und  in  seinen  Rechten,  wenn
die  Einheit  zwischen  König  und  Dolk,  die  Hreußen  groß  gemacht  hat,
bestehen  bleibt.  So  werden  wir  auf  dem  Wege  beschworener  Zechte  den
Gefahren  einer  bewegten  Seit,  allen  drohenden  Stürmen  widerstehen
können.  Das  walte  Gottl!“

Der  König  hatte  geendet.  Voch  klangen  in  eines  jeden  Gemüt  die
tiefbedeutungsvollen  Worte  nach,  als  der  Meinister  des  Innern,  Graf
Schwerin,  bis  an  den  Rand  der  Freitreppe  vortrat  und  als  Erweisungen
der  Huld  des  Uönigs  die  Standeserhöhungen  und  Ordensverleihungen,
die  aus  Anlaß  der  Krönung  der  König  beschlossen,  mit  lauter  Stimme  verkündigte.
  Dann  erschien,  von  vier  andern  HBerolden  begleitet,  der  ZReichsherold
  zu  Oferde  vor  dem  Balkon.  Seinen  silbernen  Heroldsstab  hoch  erhebend,
  rief  er  aus:  „Es  lebe  König  Wilhelm!“  Dumpf  dröhnten  dazu  die
Kanonen  ihren  Salut,  während  die  sämtlichen  Meilitärkapellen  gleichzeitig
anstimmten  und  die  dicht  gescharte  Menge  kräftig  einfiel:  „Nun  danket
alle  Gottl!“

Der  König  erhob  sich;  dreimal  neigte  er  das  Septer  gegen  sein
Volk;  dann  zog  er  sich  mit  der  königlichen  Familie  in  die  inneren  Gemächer
des  Schlosses  zurück,  wo  ein  Festmahl  im  größten  Stile  die  weihevolle
Krönungsfeier  beschloß.  Ihr  Gedächtnis  auch  durch  ein  äußerliches
Seichen  festzuhalten,  stiftete  der  König  den  „Kronenorden“,  der  gleichwertig
  neben  dem  Roten  Adlerorden  stehen  sollte.

Am  Wontage,  den  20.  Oktober,  ließ  der  König  eine  religiöse  Rachfeier
  der  Krönung  in  der  Schloßkirche  abhalten,  der  er  selbst  mit  der
Königin  und  den  Königlichen  Drinzen  beiwohnte.  Dann  verließ  er  die
Krönungsstadt.  Auf  dem  Hlatze  vor  dem  Bahnbofe  war  die  ganze
Garnison  versammelt.  „Adien,  Kinder!“  rief  ihnen  der  König  zu,  bevor
er  mit  dem  kommandierenden  General  von  Werder  in  das  Hönigliche
Wartezimmer  eintrat.  Die  Königin  aber  hatte  alle  die  jungen  Damen,
die  bei  den  lebenden  Bildern  des  Festes  der  Stadt  mitgewirkt  hatten,  auffordern
  lassen,  auf  dem  Bahnsteig  zum  Abschied  zu  erscheinen.  Jetzt  trat
sie  in  Begleitung  der  Kronprinzessin  zu  ihnen  und  dankte  ihnen  für  jene
Darstellung.  Die  Kronprinzeß  stellte  nun  besonders  die  Darstellerin  der
        <pb n="317" />
        Die  Krönung.  311

Stadt  Köni  gsberg  aus  den  Bildern  ihr  vor:  so  empfing  diese  noch  einen
besonderen  Dank.  Mit  freumdlichen  Dankesworten  „zur  lieben  Erinnerung“
nalm  die  Bohe  Frau  all  die  schönen  Blumensträuße  entgegen,  die  fast
jede  der  jiungen  Damen  für  sie  mitgebracht  hatte.  So  säumte  auch  die
Abschiedsst#ande  noch  sich  mit  freundlichen  Eindrücken,  als  unter  den  lange
schallenden  Hurras  der  auf  dem  Bahnsteig  Surückbleibenden  der  Sug  sich
in  Bewegung  setzte,  der  aus  der  Krönungsstadt  das  Königspaar  wieder
heimrwärts  führen  sollte.

Über  Danzig  und  Bromberg,  wo  der  König  der  Grundsteinlegung
des  Denkmals  Friedrichs  Hes  Großen  beiwohnte,  ging  die  Beimfahrt.
Berlin  rüstete  unterdessen  sich  zu  dem  großartigsten  Empfange.  Die  alte
Sitte  bestimimte,  daß  durch  das  Frankfurter  Thor  der  Einzug  stattfände.
50  wurde  dem  bis  zu  diesem  von  der  Station  Rummelsburg  aus  eine
Eisen  bahn  gebaut,  damit  der  Sug  des  Königs  bis  an  das  Thor  freien
Weg  hätte  ,  und  ein  Stationsgebäude  am  Ende  der  Eisenbahn  mit  Empfangssälent,
  Coilettezimmern  und  einem  zeltartigen  Speisesaal  errichtet.
In  golden  en  gettern  prangte  hier  an  der  Eingangshalle  die  Inschrift:
„Willkommen  dem  gekrönten  Königspaar.“  Dom  Thore  ab  waren  paarwe
  ise  mächhtige  Mkastbämme,  deren  Spitzen  goldene  Adler  trugen,  aufgerichtet;
  mit  Klaggen  geschmückt,  durch  Guirlanden  verbunden,  bezeichneten
  sie  Den  Weg  der  festlichen  Einholung.  Auf  dem  Alexanderplatze
erhhob  sich  ein  herrlicher  Triumphbogen;  und  über  dem  Ganzen  strahlte
—  es  war  am  2Z2.  Ostober  —  der  blaue  Himmel  eines  sonnig-warmen
Herbsttages.  .

Zu  beiden  Seiten  des  langen  Einholungsweges  hatten  die  Gewerke
mit  ihren  Fahnen  Aufstellung  genommen;  Kopf  an  Kopf  drängte  sich
hinter  ihne  n  mabsehbar  die  Menschenmenge:  als  um  Mittag  Kanonendomner
  und  Glockengeläute  und  wie  in  Wogen  sich  fortpflanzendes  Hurra—
geschrei  den  Einzug  des  Königspaares  verkündigte.  Der  König  ritt  im
fest  lichen  Suge  sein  Cieblin  gsroß,  den  Jano,  die  Königin  fuhr  mit  der
Kronprinze  ssin  im  achtspänmigen  Krönungswagen,  auf  dessen  Tritten  Leibpagen
  stan  Den:

Am  Frankfurter  Thore  begrüßte  an  der  Spitze  der  städtischen  Behörden
  der  Cberbürgermeister  der  Residenz,  Krausnick,  den  König,  indem
er  der  „freien  Derehrung“,  welche  die  Stadt  für  den  König  empfände,
beredten  Ausdruck  gab.  Bewegt  reichte  ihm  der  König  die  Band.  „Ich
sage  Ihnem,“  erwiderte  er,  „meinen  innigsten,  wärmsten  und  herzlichsten
Dank  für  Den  Empfang,  den  Sie  mir  bei  dem  Einzuge  in  meine  Daterstadt
  bereit  en.  Ich  komme  soeben  von  der  andern  Residenz  mit  Gefühlen,
        <pb n="318" />
        312  Drittes  Kapitel.

die  ich  nicht  schildern  kann.  Ich  war  dort  mit  meinen  verewigten  Eltern
unter  ganz  anderen,  sehr  trüben  Verhältnissen,  und  jetzt  habe  ich  dort
eine  Feier  begangen,  die  bisher  nur  einmal  vollzogen  worden  ist.  So
liegen  Schmerz  und  Freude  nahe  beisammen,  und  dies  giebt  den  Wink,
stets  nach  oben  zu  schauen  und  Gott  für  die  Gnade  zu  danken,  die  er
mir  so  sichtlich  gewährt.  Darum  habe  ich  von  Gott  die  Krone  empfangen,
sie  von  Gottes  Tisch  genommen  und  sie  auf  mein  Haupt  gesetzt,  auf  daß
ich  sie  in  Demut  trage,  weil  Er  sie  mir  verliehen.  Mögen  die  Gefühle
dauernd  bleiben,  die  Sie  soeben  ausgesprochen.  An  mir  werden  Sie  stets
einen  Vater  des  Volkes  finden.“

Auf  dem  Alexanderplatz  waren  112  junge  Mädchen  aufgestellt,  deren
anmutige  Sprecherinnen  das  heimkehrende  Königspaar  mit  einigen  Dersen
willkommen  hießen.  Allle  Musikchöre  schwiegen.  Da  ertönten  von  der
Höhe  des  Triumphbogens  herab  die  rauschenden  Klänge  des  Triumphmarsches,
  unter  denen  der  Sug  sich  wieder  in  Bewegung  setzte.  In  der
Königsstraße  verklang  der  Marsch,  und  mit  „Beil  Dir  im  Siegerkranz!“
setzten  die  Musikchöre  wieder  ein,  über  die  Kurfürstenbrücke  und  den
Schloßplatz  hinweg.  Als  aber  der  König  in  die  Schloßfreiheit  einlenkte,
erhob  sich,  gleichsam  den  Weg  zu  weisen,  ein  dichter  Schwarm  von
Tauben,  alle  mit  schwarzweißen  und  grüngelben  Bändern  geschmückt;  wie
eine  Wolke  schwebten  sie  einen  Augenblick  über  dem  Festzuge;  dann
strichen  sie  schwirrend  über  das  Schloß  hin  und  verschwanden  nach  dem
Lustgarten.  Nun  bog  der  König  nach  dem  TLustgarten  ein,  und  zugleich
ging  langsam  über  dem  Schloßportale,  schwere  Falten  schlagend,  die
Königliche  Hurpurstandarte  in  die  Röhe,  dem  Dolke  verkündigend,  daß
sein  König  von  der  Krönungsfahrt  zu  dem  Schlosse  seiner  Däter  wieder
Beimgekehrt  sei.

Am  folgenden  Tage  fand  eine  große  Harade  der  Berliner  Garnison
und  nach  derselben  im  Weißen  Saale  des  Schlosses  bei  den  Majestäten
Krönungscour  statt.  Dann  folgten  in  raschem  Wecksel  sich  die  Festlichkeiten,
  welche  die  Drinzen  des  Königlichen  Hauses  und  nach  denselben  die
Krönungs-Botschafter  dem  Königspaare  zu  Ehren  gaben.  Es  schien,  als
wollten  die  fremden  Böfe  sich  überbieten:  so  viel  Hracht  und  Glanz
wurde  dabei  entfaltet.  Aber  Schöneres  bot  doch  niemand,  als  der  Mar—
schall  Mac  Mahon,  den  Kaiser  Mapoleon  als  seinen  Krönungs-Botschafter
entsendet  hatte.  Fünfzig  Dekorateure  hatte  der  Marschall  aus  Haris
kommen  lassen,  um  die  Räume  der  französischen  Botschaft  am  DHariser
Dlatz  in  zauberische  Hallen  umzuwandeln;  ja  eine  weite  maurische  Festhalle,
  in  all  ihren  Einzelheiten  in  Haris  hergestellt,  wurde  für  den  einen
        <pb n="319" />
        Die  Krönüng.  313

Abend  an  die  Botschaft  angebaut,  an  dem  der  Herzog  von  Magenta  die
Ehre  erfuhr,  das  preußische  Königspaar  als  seine  Gäste  zu  empfangen.

Aber  doch  schöner  als  alle  diese  rauschenden  Feste  und  mehr  als  sie
des  Königs  Herz  ansprechend  war  die  Nachfeier,  die  seine  getreue  Hrovinz
  Schlesien  ihm  bereitete.  Der  König  war  nach  Breslau  gekommen,
um  am  12.  November  der  Enthüllung  des  Denkmals  seines  in  Gott
ruhenden  Vaters,  das  Kiß'  Meisterhand  geschaffen,  mit  der  Königin
beizuwohnen.  Die  Feier  war  vorüber,  als  eine  Deputation  das  Königspaar
  feierlich  in  den  Fürstensaal  des  Rathauses  geleitete,  wo  an  derselben
Stelle,  an  der  Friedrich  der  Große  am  7.  November  1741  die  Huldigung
der  schlesischen  Stände  entgegengenommen,  die  Thronsessel  für  die
Majestäten  aufgestellt  worden.

Hier  berichtete  nun  an  der  Spitze  der  sämtlichen  Bürgermeister  der
Provinz  der  Oberbürgermeister  Elwanger  von  Breslau,  daß  die  Städte
der  Provinz  beschlossen,  aus  ihren  Mitteln  ein  Dampfkanonenboot  zu
erbauen  und  auszurüsten,  das  sie  als  Krönungsgeschenk  dem  Könige  für
die  junge  preußische  Flotte  darböten:  worauf  der  Oberbürgermeister
Haltig  von  Görlitz  die  Stiftungsurkunde  verlas  und  dem  Könige  überreichte.
  Sichtlich  erfreut  erwiderte,  vor  dem  Thronsessel  stehend,  der  König:

„Mit  dankbarem  Herzen  nehme  ich  das  patriotische  Geschenk  an,
welches  Schlesiens  Städte,  und  Breslau  an  ihrer  Spitze,  mir  darbringen,
und  verleihe  gern  dem  Kanonenboote  den  von  Ihnen  gewünschten  Namen
„Schlesien“,  welcher  zu  allen  Zeiten  der  preußischen  Flotte  die  Sesinnungen
dieser  Orovinz  vergegenwärtigen  soll.

„Erhebend  ist  in  diesem  Raume,  den  die  Geschichte  geheiligt  hat,
jene  Gabe  durch  die  Stadt,  welche  nach  einem  noch  nicht  hundertjährigen
Besitze  der  preußischen  Krone  im  Jahre  der  vaterländischen  Erbebung
mit  dem  schönsten  Beispiele  voranleuchtete,  und  in  deren  Mitte  wir  soeben
dem  Schöpfer  jener  Erbebung  das  schöne  Denkmal  errichteten.

„Unsere  Flotte  ist  zwar  noch  klein,  aber  sie  wird  als  der  einzige
schöne  Rest  aus  einer  Seit  der  Verwirrung,  als  würdiges  und  hoffentlich
dereinst  glorreiches  Glied  der  altberühmten  Wehrkraft  Hreußens  sich  einfügen.
  Sie  dient  nicht  dem  Kriege  allein;  auch  im  Frieden  soll  die  Flotte  dem
Schutze  von  Bandel  und  Wandel  dienen,  und  die  letzten  Monate  beweisen,
wie  das  Erscheinen  unserer  Schiffe  auch  in  der  Ferne  dem  engeren  wie
dem  weiteren  Daterlande  nutzbringend  werden  konnte  und  werden  wird.

„Und  nun  empfangen  sie  nochmals  meinen  innigsten  Dank  für  diese
patriotische  Gabe,  als  Anerkennung  und  Aufmunterung  für  alle,  die  sich
an  diesem  großen,  zukunftreichen  Werke  beteiligen.“
        <pb n="320" />
        314  Drittes  Kapitel.

Die  Freude  des  Königs  über  dies  patriotische  Bestreben  der  schlesischen
Städte  wurde  noch  dadurch  vergrößert,  daß  auch  das  platte  Land  der
Drovinz  auf  Anregung  des  Fürsten  Hatzfeld  erhebliche  Beiträge  für  die
preußische  Flotte  aufgebracht  hatte.  Denn  nur  mit  Dank,  äußerte  er,
könne  er  es  anerkennen,  wenn  „die  Sympathien  und  die  thätige  Mitwirkung
  des  Dolkes  den  Bestrebungen  der  Regierungen  entgegenkämen.“
Schon  als  Hrinzregent  hatte  er  seine  Aufmerksamkeit  dem  Marinewesen
zugewandt.  Im  Jahre  1850  war  die  ganze  deutsche  Küste  von  Memel
bis  Ostfriesland  behufs  Feststellung  aller  wichtigen  Derteidigungsmomente
untersucht  worden  und  seitdem  gar  manches  vorbereitet,  um  die  junge
preußische  Flotte  dem  Daterlande  für  Kriegs=  wie  für  Friedenszwecke
möglichst  nutzbar  zu  machen.

So  fand  die  hehre  Feier,  die  in  der  ostpreußischen  Zauptstadt  begangen
  war,  in  der  schlesischen  den  würdigsten  Ausklang.  Aber  im
Berzen  des  Königs  ist  sie  nie  verklungen.  Erschienen  ihm  durch  die
Krönung  die  Zechte  seiner  Krone  um  so  unantastbarer,  so  erfaßte  sein
ernster  und  ehrlicher  Sinn  sie  doch  vielmehr  als  HPflichten,  die  sich  für
ihn  daraus  ergaben.  Ihm  ward  die  Krönung  zu  einem  Gelöbnis  treuester
Oflichterfüllung,  abgelegt  im  Angesichte  des  gnadenreichen  Berrn.  Und
der  Tag  war  nahe,  was  er  in  tiefer  Andacht  gelobt,  nun  auch  vor  der
Welt  zu  erproben.
        <pb n="321" />
        Viertes  Kapitel.
Die  Armeereorganisation  und  der  Verfassungskonflikt.

Mit  lebhaftester  Zustimmung  war  bei  seinem  Amtsantritte  das
Ministerium  der  „neuen  Ara“  von  dem  preußischen  Volke  begrüßt  worden.
Aber  bald  kühlten  sich  die  Sympathien  ab.  Denn  weder  nach  außen
verstand  es  Hreußen  die  gebührende  Geltung  zu  verschaffen,  noch  schuf
es  im  Innern  rechten  Wandel.  Das  Ministerium  Mlanteuffel  hatte  dafür
Sorge  getragen,  daß  die  meisten  höheren  Derwaltungsstellen  nur  mit
Männern  seiner  politischen  Richtung  besetzt  wurden.  Darin  änderten
Flottwell  sowohl  wie  Graf  Schwerin  nichts;  kaum  daß  ein  paar  feudale
Landräte  beseitigt  wurden.  So  wurde  denn  das  TLand  unveränderten
Geistes  fortregiert,  nicht  selten  im  unverhüllten  Gegensatze  zu  der  Meinung
der  Minister.  Mißbehagen  und  Unmut  bemächtigten  sich  in  weiten.
Kreisen  der  Bevölkerung.  Wohl  hatten  die  Wahlen  zum  Abgeordnetenhause
  1859  dem  Ministerium  eine  große  Majorität  in  dem  Hause  gegeben;
aber  das  Berrenhaus,  der  verfassungsmäßige  Anwalt  des  Bestehenden,
stand  bald  in  offenem  Gegensatze  zu  dem  Ministerium.  Jahrhundertelang
  hatte  der  große  ritterschaftliche  Grundbesitz,  dessen  Dertreter  die
Mehrheit  des  Berrenhauses  bildeten,  Grundsteuerbefreiung  genossen.  Die
Reuregulierung  der  Grundsteuer  sollte  diese  Bevorzugung  beseitigen.
Indes  das  HBerrenhaus  wies  den  Oesetzentwurf  zurück.  Dasselbe  Schicksal
hatte  gleich  darauf  die  Vorlage  über  die  Notzivilehe.  Durch  die  Berufung
  einer  Anzahl  neuer  HBerrenhausmitglieder  suchte  das  Ministerium
diesen  Widerstand  zu  brechen;  allein  es  bemaß  den  „Oairsschub“  so
schmal,  daß  zwar  das  Grundsteuergesetz  durchgebracht,  aber  doch  für
weitere  Fragen  das  Herrenhaus  nicht  gefügiger  gegen  das  Ministerium
gemacht  wurde.  Man  sah,  daß  es  den  Ministern  an  der  rechten  Entschiedenheit
  gebrach;  und  dies  brachte  das  Dertrauen,  das  anfangs  ihnen
entgegengebracht  war,  unmerklich  immer  mehr  ins  Wanken.  GErell  trat
das  in  der  Frage  der  Armeereorganisation  zu  Tage,  mit  der  das
Ministerium  1860  vor  den  Landtag  trat.
        <pb n="322" />
        316  Viertes  Kapitel.

Aus  der  Begeisterung  der  Befreiungskriege  entsprungen,  hatte  das
Gesetz  vom  5.  September  1814  „über  die  allgemeine  Verpflichtung  zum
Kriegsdienste“  in  Preußen  die  allgemeine  Wehrpflicht  eingeführt.  Alljährlich
  wurden  seitdem  nach  diesem  40  000  Rekruten  ausgehoben,  die  5  Jahre
in  der  Armee  und  2  Jahre  in  der  Zeserve  dienten,  dann  7  Jahre  dem
ersten  und  nochmals  7  Jahre  dem  zweiten  Aufgebote  der  Landwehr  angehörten.
  Nun  aber  war  seitdem  die  Bevölkerung  Dreußens  um  78  Hrozent
  gewachsen,  ohne  daß  doch  der  Regimenterstand  wesentlich  geändert
war.  Es  konnten  demnach  nicht  mehr  als  etwa  zwei  Drittel  der  dienstpflichtigen
  jungen  Leute  in  die  Regimenter  eingestellt  werden;  nur  diese
traten  in  die  Reserve;  nur  sie  blieben  bis  zum  40.  Lebensjahr  dienstpflichtig,
  um  bei  jeder  Mobilmachung  aus  ihren  Familien  und  ihrem
Gewerbe  als  Landwehrmänner  gerissen  zu  werden,  während  die  Erhaltung
ihrer  Frauen  und  Kinder  den’  Gemeinden  zur  Last  siel.  Don  alledem
aber  blieb  das  letzte  Drittel,  für  das  in  den  Regimentern  kein  Hlatz  mehr
war,  lediglich  durch  die  Gunst  des  Loses  völlig  frei.  Konnte  es  eine
schreiendere  Ungerechtigkeit  geben  d  Eine  mildernde  Ausgleichung  war
daher  durch  die  Herabsetzung  der  Dienstzeit  auf  2½/  Jahr  versucht
worden.  So  konnte  wenigstens  eine  größere  Sahl  von  Zekruten  eingestellt
werden.  Allein  dies  Auskunftsmittel  war  häöchst  bedenklich,  da  es  die
militärische  Tüchtigkeit  der  Armee  bedrohte.  Denn  die  höhere  Ausbildung
der  Waffen  und  der  Gefechtsweise  verlangte  gerade  eine  um  so  sorgfältigere
  und  festere  Durchbildung  des  einzelnen  Soldaten  nicht  für  den
Daradeplatz,  sondern  für  das  Schlachtfeld,  wo  der  einzelne  oft  in  sich
allein  die  rechte  Entscheidung  zu  finden  hat.  Daher  eben  stand  die
Landwehr,  die  sich  in  den  Befreiungskriegen  mit  wohlverdientem  Ruhme
bedeckt  hatte,  jetzt  nicht  mehr  auf  der  Höhe  der  Brauchbarkeit;  und  doch
mußte  sie  in  der  Front  neben  der  Linie  verwendet  werden.  Die  Landwehrbataillone
  standen  ja  überhaupt  nur  auf  dem  Hapiere.  Denn  es  war
darauf  gerechnet,  daß  sie  bei  Mkobilmachungen  während  der  Marschwochen
weiter  exerziert  und  zu  festem  militärischen  Halt  in  sich  gebracht  würden.
Seit  der  Erbauung  der  Eisenbahnen  aber  war  es  nötig  geworden,  im
Kriegsfalle  sofort  mit  Wucht  dem  Feinde  entgegenzutreten.  Es  mußte
also  jetzt  die  Candwehr,  kaum  einberufen,  in  militärische  Disziplin  noch
nicht  wieder  eingewöhnt,  mit  ihren  Offizieren  unbekannt,  dem  Feinde  entgegengestellt
  werden.  Wie  konnte  sie  da,  ältere  Leute  von  jungen  Gelegen-Beitsoffizieren
  geführt,  dasselbe  leisten,  wie  die  Linie,  die  doch  aus  jungen
Teuten  unter  älteren  Berufsoffizieren  bestandd  Und  doch  beruhte  lediglich
  auf  der  Schlagfertigkeit  und  Kriegstüchtigkeit  seiner  Armee  die
        <pb n="323" />
        Die  Armeereorganisation  und  der  Verfassungskonflikt.  317

Stellung,  ja  die  Sicherheit  Preußens.  Denn  Preußen  ist  unter  allen
Großmächten  Europas  die  einzige,  die  nicht  bloß  gegen  Slawen  und
Romanen  aller  natürlichen  Schutzwälle  entbehrt,  sondern  an  alle  drei
großen  Militärmächte  des  Kontinents  unmittelbar  angrenzt.

Durchdrungen  von  der  Überzeugung,  daß  die  preußische  Armee
reorganisiert  werden  müsse,  um  Preußen  zu  der  verlorenen  Höhe  wieder
zu  erheben,  hatte  der  Prinz  von  Preußen  schon  in  Koblenz  den  Entwurf
einer  Reorganisation  in  großen  Zügen  festgestellt.  Das  Siel  desselben
war  nicht  nur  die  bewaffnete  Macht  Hreußens  soweit  zu  verstärken,  daß
die  allgemeine  Wehrpflicht  eine  Wahrheit  werden  konnte,  sondern  auch,
den  Derhältnissen  der  neueren  Seit  entsprechend,  eine  erhebliche  Beschleunigung
  der  M-lobilmachung  herbeizuführen.  Und  als  Hrinzregent  saß  er
dann  bis  tief  in  die  Macht  in  Berlin  Tag  für  Tag  in  seinem  Arbeitszimmer,
  bis  ins  einzelne  alles  ausarbeitend  oder  mit  General  von  Roon
zusammen  alles  prüfend  und  abwägend.

Nach  diesem  Entwurfe  des  Hrinzregenten  sollte  die  preußische  Armee
um  117  Bataillone  und  72  Schwadronen  verstärkt  und  damit  auf  81  Zegimenter
  Infanterie,  10  Bataillone  Jäger  und  56  Regimenter  Kavallerie
gebracht  werden.  Dann  konnte  die  allgemeine  Wehrpflicht  zur  wirklichen
Durchführung  gebracht,  die  Dienstzeit  aber  von  20  auf  12  Jahre  herabgesetzt
  und  die  Landwehr  fast  ganz  auf  den  Dienst  im  Lande  beschränkt
werden.  Für  den  Kriegsfall  stand  zugleich  an  Linie  und  Reserve,  die
dreijährige  Dienstzeit  festgehalten,  eine  Feldarmee  von  400  000  WMann
zur  sofortigen  Derwendung  bereit.

Freilich  erforderte  die  Durchführung  dieser  Reorganisation  eine  jährliche
  Erhöhung  des  Militäretats  um  0⅛  Millionen.  Aber  waren  denn
nicht  seit  1814  die  Staatseinnahmen  von  50  auf  00.  Millionen  Thaler
gestiegen  d  Und  hatte  nicht  1814  der  Militäretat  55  Drozent  der  Staatseinkünfte
  erfordert,  während  die  Kosten  der  reorganisierten  Armee  nur
20  Drozent  in  Anspruch  nahmend  Und  wie  erheblich  waren  die  orteile,
die  diesem  Mehraufwande  gegenüberstanden!  Der  verheiratete  Landwehrmann
  wurde  nicht  mehr  der  unmittelbaren  Kriegsgefahr  ausgesetzt,  die
Dienstpflicht  überhaupt  um  8  Jahre  herabgesetzt.  Welche  Schonung  der
Erwerbskraft  des  Landes  lag  in  der  Reorganisation,  welche  Entlastung
der  Gemeinden!

Der  Hrinzregent  hielt  daran  fest,  daß  die  Überzeugung,  die  er  selbst
von  der  Sweckmäßigkeit,  ja  von  der  Motwendigkeit  der  Armeereorganisation
  gewonnen  hatte,  von  dem  ganzen  Oolke  geteilt  werden  würde.
So  trat  denn  das  Ministerium  mit  der  Forderung  der  0½  Millionen
        <pb n="324" />
        318  Viertes  Kapitel.

Thaler  vor  den  Landtag.  General  von  Roon  wurde  zum  Kriegsminister
ernannt,  um  diese  Forderung  vor  dem  Candtage  zu  vertreten.  Aber  hier
erfuhr  sie  heftigen  Widerstand.  An  der  dreijährigen  Dienstzeit  zumal
nahm  die  Kammermajorität  Anstoß;  auch  das  Zurücktreten  der  Landwehr
stieß  auf  Widerspruch.  Doch  das  waren  Dorwände;  die  liberale  Ma—
jorität  erhob  Schwierigkeiten,  da  sie  in  der  Annahme  der  Reorganisationsvorlage
  eine  außerordentliche  Stärkung  einer  Regierung  sah,  der  sie  nicht
mehr  rechtes  Vertrauen  schenkte.  Um  demnach  das  Ministerium  gewissermaßen
  am  Sügel  zu  halten,  bewilligte  sie  endlich  die  geforderten  Mkillionen
  auf  ein  Jahr  „zur  Aufrechterhaltung  der  Kriegsbereitschaft".
Damit  gab  sich  das  MWinisterium  zufrieden,  und  die  Durchführung  der
Reorganisation  wurde  nunmehr  begonnen.  Der  Drinzregent  knüpfte  an
die  Mobilmachung  des  Jahres  1850  an;  bei  der  Demobilisierung  ließ
er  sämtliche  Landwehrstämme  mit  einem  Teile  der  Mannschaften  steben.
Aus  ihnen  wurden  die  neuen  Truppenkörper  der  Linie  gebildet.  Es
handelte  sich  um  die  Durchführung  einer  dauernden  Maßregel,  wie  eine
von  solcher  Bedeutung  für  den  Schutz  und  den  Schirm  —  nach  den
Worten  der  Thronrede  —  für  die  Größe  und  Wacht  des  Daterlandes
der  Landesvertretung  noch  niemals  vorgelegt  worden  war.

In  dieser  Frage  erblickte  der  Hrinzregent  die  Guintessenz  seiner
Dolitik.  Auf  die  reorganisierte  Armee  gestützt,  meinte  er  Dreußens  Ansehen
  mit  Nachdruck  zur  Geltung  zu  bringen.  Ihm  kam  alles  darauf
an,  die  Reform  durchzusetzen.  „Wenn  die  TLiberalen  jetzt  klug  sind",
meinte  der  alte  Minister  von  Manteuffel,  die  Situation  ganz  richtig  beurteilend,
  „so  ist  ihnen  auf  lange  Jahre  der  Besitz  der  Macht  gesichert."“

Aber  sie  waren  nicht  klug!  Die  liberale  Kammermajorität  bewilligte
die  Kosten  für  eine  dauernde  weitumfassende  Maßregel,  die,  wenn  einmal
durchgeführt,  obne  die  schwerste  Schädigung  mannigfaltigster  Interessen
gar  nicht  rückgängig  gemacht  werden  konnte,  mißtrauisch  nur  auf  ein
Jahr;  und  das  liberale  Ministerium  begnügte  sich  mit  so  Unzulänglichem.

Und  im  nächsten  Jahre  1861  war  die  Reorganisation  vollendet;
alsbald  nach  seiner  Thronbesteigung  ließ  König  Wilhelm  die  Fahnen
und  Standarten  der  neuen  Regimenter  feierlich  weihen.  zetzt  vor  die
vollendete  Thatsache  gestellt,  besann  sich  der  Landtag  nicht  etwa,  den
Fehler  des  Dorjahres  zu  verbessern,  sondern  er  vergrößerte  ihn,  indem
er  die  Kosten  der  Reorganisation  nur  im  Extraordinarium  des  Stats
bewilligte.  Das  ist  nun  zwar  bei  einjährigen  Stats  sachlich  kein  Unterschied,
  aber  der  Eindruck  dieser  Art  der  Bewilligung  war  doch  —  und
sollte  es  auch  sein  —  daß  es  sich  um  eine  außerordentliche  Bewilligung
        <pb n="325" />
        Die  Armeereorganisation  und  der  Verfassungskonflikt.  319

handele,  die  der  Landtag  bei  der  nächsten  Gelegenheit  wieder  zurücknehmen
  könne  und  würde.  Wiederum  gab  sich  auch  damit  das  Mini—
sterium  zufrieden.  Statt  getragen  und  gefördert,  sah  es  sich  in  seinen
Maßnahmen  durch  die  liberale  Kammermajorität  gehemmt  und  gegängelt,
ohne  doch  etwas  gegen  eine  solche  Abhängigkeit  zu  vermögen.  Aber  diese
Lauigkeit  und  Mattigkeit  machte  die  demokratische  Dartei  im  Lande,  die
vor  der  „neuen  Ara“  sich  vorsichtig  zurückgezogen  hatte,  dreist;  jetzt  erschien
  sie  auf  dem  Plan  und  erhob  ihre  Stimme  gegen  die  neue  Kra,
die  nirgend  die  gehegten  Erwartungen  erfüllt  hätte.  Es  waren  die
alten  umsturzlustigen  Demokraten,  jedoch  durch  die  gemachten  Erfahrungen
etwas  gewitzigt,  auch  wohl  gemildert,  die  jetzt,  da  die  Wahlperiode  des
Abgeordnetenhauses  im  Berbst  1861  zu  Ende  ging,  unter  dem  gut
klingenden  amen  der  „Deutschen  Fortschrittspartei"  in  die  Wahlbewegung
  eintrat.  KFreilich  den  Unterschied  gegen  1848  erkannten  sie
wohl:  jetzt  war  nicht  an  einen  Umsturz  des  Bestehenden,  nicht  an  einen
Aufruf  der  Massen  zu  revolutionären  Erhebungen  zu  denken,  und  vor
allem  jetzt  stand  ihnen  ein  König  gegenüber,  zu  dem  in  Treue  und  Derehrung
  sein  Dolk  stand.  Denn  des  Königs  redlicher  und  treuer  Wille
war  über  jeden  Sweifel  erhaben:  hatte  er  doch  eben  noch  im  Ministerium
  des  Außern  den  ängstlich  befangenen  Schleinitz  durch  den  Grafen
Bernstorff,  den  preußischen  Gesandten  in  London,  ersetzt,  um  einen  kräftigeren
  Sug  in  die  äußere  Holitik  Dreußens  zu  bringen.  Aber  man
hielt  ihn  für  schlecht  beraten.  Gegen  das  Ministerium  daher  richtete
sich  die  Agitation;  und  sie  war  so  erfolgreich,  daß,  während  die  Konservativen
  auf  24  Stimmen  zusammenschmolzen,  die  Fortschrittspartei  als
die  zahlreichste  in  das  neugewählte  Abgeordnetenhaus  eintrat.  Sie  forderte
  Umgestaltung  des  Berrenhauses,  keine  Bewilligung  für  die  Reorganisation
  des  Beeres,  bis  ein  Gesetz  durch  Einführung  der  zweijährigen
Dienstzeit  und  durch  Erhaltung  der  Landwehr  eine  Derminderung  der
Steuern  herbeigeführt  habe,  und  energisches  Eintreten  der  Regierung
für  die  Berufung  eines  deutschen  Darlaments  und  für  die  Schöpfung
einer  preußisch-deutschen  Sentralgewalt.  Sie  erreichte  damit,  daß  ein
erheblicher  Teil  der  LCiberalen  sich  ihr  anschloß,  so  daß  sie  alle  Aussicht
gewann,  in  dem  neu  zusammentretenden  Abgeordnetenhause  über  die
Mehrheit  der  Stimmen  zu  verfügen.

Beutzutage  besteht  nicht  der  geringste  Sweifel,  daß  die  Durchführung
der  Reorganisation  der  Armee  einer  der  ersten  Ruhmestitel  König  Wilhelms
  ist,  durch  den  er  den  Dank  des  Haterlandes  im  höchsten  Grade
sich  gewonnen  hat.  Denn  erst  durch  dies  grundlegende  Werk  sind  die
        <pb n="326" />
        320  Viertes  Kapitel.

Großthaten  der  folgenden  Jahre  überhaupt  möglich  geworden.  Damals
aber  erfuhr  es  Angriffe  über  Angriffe,  die  der  großen  Menge  des  Volkes
das  Urteil  verwirrten,  bald  wegen  der  militärischen  Einzelheiten,  bald
wegen  der  Höhe  der  Kosten.  Aber  in  Wahrheit  waren  das  nur  Vor—
wände,  nur  Scheinmanöver,  das  wahre  Siel  des  Abgeordnetenhauses  zu
verdecken.  Dies  Siel  aber  war,  die  Regierung  unter  den  Willen  der
Kammer  zu  beugen.  Die  Liberalen  wollten  damit  die  Entfernung  einiger
feudal  gesinnter  Oberpräsidenten  und  Landräte  erzwingen.  Georg  von

Kriegominister  Klbrecht  non  Noon.

Dincke,  der  Dorsitzende  der  Militärkommission  des  Rauses,  jubilierte,  als
die  Regierung,  der  steten  Angriffe  überdrüssig,  einen  Antrag  zurückzog.
Und  der  Abgeordnete  Fischel  sprach  es  offen  aus,  daß,  wenn  man  den
Militärvorlagen  ohne  weiteres  zustimmen  wollte,  die  liberale  Hartei  im
Lande  ruiniert  sein  würde.

Aber  in  der  Fortschrittspartei  fanden  die  Liberalen  ihren  Meister.
Sie  führte  mit  methodischer  Verbissenheit  den  Krieg  gegen  die  Regierung;
denn  ihr  Siel  war,  die  liberalen  Minister  über  der  Militärvorlage  zu
        <pb n="327" />
        Die  Armeereorganisation  und  der  Verfassungskonflikt.  321

Falle  zu  bringen  und  so  den  König  zu  zwingen,  sie  selbst  in  den  Rat  der
Krone  zu  berufen.  Aber  sie  brachten  bei  dieser  Rechnung  den  Charakter
des  Königs  nicht  in  den  richtigen  Ansatz,  wenn  sie  glaubten,  daß  der
König,  um  die  Militärvorlage  durchzubringen,  sich  zur  Berufung  eines
demokratischen  Kabinetts  entschließen  könnte.  König  Wilhelm  hat  einmal
seinen  politischen  Standpunkt  als  „konservativ-konstitutionell“  bezeichnet.
So  hatte  er  wohl  zuzeiten  die  Empfindung,  als  wenn  die  „neue  Ära“
ihn  zu  weit  nach  links  dränge.  Aber  solange  die  Minister  sein  Vertrauen
hatten,  behielt  er  sie;  denn  bei  seiner  hohen  und  reinen  Auffassung  der
Krone  verlangte  er  auch  von  den  Ministern,  daß  sie  Männer  seien,  mit
denen  er  in  der  Grundauffassung  von  Staat  und  Kirche  übereinstimmte.
Und  der  Verdacht  versteckten  Zwanges  würde  seinen  redlichen  Sinn
vollends  mit  Unmut  erfüllt  haben.  So  erklärte  er  sich  denn  mit  einigen
Abstrichen  an  der  Vorlage,  um  die  Kosten  herabzumindern,  wenngleich
mit  schwerem  Herzen,  einverstanden.  Denn  nunmehr  erwartete  er  mit
der  Landesvertretung  ins  Einvernehmen  zu  kommen.  Durch  die  eindringlichsten
  Vorstellungen  der  Thronrede  suchte  er  bei  der  Eröffnung  des
Candtages  am  14.  Januar  1862  das  Abgeordnetenhaus  für  seine  Holitik
zu  gewinnen.  Fort  und  fort  sei  er  bemüht,  die  deutschen  Fürsten  zu
einer  Reform  des  Deutschen  Bundes,  besonders  der  Wehrverfassung  desselben,
  zu  bestimmen.  Seien  hierin  noch  keine  befriedigenden  Ergebnisse
erreicht  worden,  so  ergebe  sich  doch  für  Hreußen  die  Mötigung,  zur
LCösung  seiner  nationalen  Aufgaben  um  so  stärker  sich  zu  rüsten.  Und  es
könne  dies  auch,  da  seine  günstige  Finanzlage  die  Mittel  zur  Aufrechterhaltung
  der  auf  das  sparsamste  eingerichteten  Reorganisation  vollauf
gewähre,  so  daß  nur  nötig  sei,  das  große  Kriegsdienstgesetz  vom  Jahre
1814,  das  noch  immer  die  gesetzliche  Grundlage  des  preußischen  Heerwesens
  bilde,  durch  endgültige  Billigung  der  Reorganisation  zeitgemäß
umzugestalten.  „Meine  Berren“,  schloß  der  König  die  Thronrede,  „Sie
sind  berufen,  im  Derein  mit  Meiner  Regierung  die  Gesetzgebung,  welche
in  einer  großen  Seit  begonnen  wurde,  weiter  zu  führen.  Wie  jene
Reformen  bestimmt  waren,  dem  Hatriotismus  des  preußischen  Dolkes  ein
größeres  Feld  der  Bethätigung  zu  eröffnen  und  dadurch  dessen  Aufschwung
  vorzubereiten,  so  erwarte  ich  von  der  gegenwärtigen  Fortführung
jener  Gesetzgebung  die  gleiche  Wirkung.  Die  Entwickelung  unserer  Institutionen
  muß  im  Dienste  der  Kraft  und  der  Größe  unseres  Daterlandes
  stehen.  Riemals  kann  ich  zulassen,  daß  die  fortschreitende  Entfaltung
  unseres  inneren  Staatslebens  das  Recht  der  Krone,  die  Macht

und  Sicherbeit  Hreußens  in  Frage  stelle  oder  gefährde.  Die  Lage  Europas
Maiser  Wilhelm.  21
        <pb n="328" />
        322  Viertes  Kapitel.

fordert  einträchtiges  Zusammenwirken  zwischen  mir  und  meinem  Volke.
Ich  zähle  auf  die  patriotische  Unterstützung  seiner  Vertreter.“

Aber  wie  wenig  entsprach  das  Abgeordnetenhaus  dieser  Erwartung
seines  Königs!  150  Stimmen  durch  den  Anschluß  der  Fraktionen  Bockum-Dolffs
  und  Immermann  stark,  behberrschte  die  demokratische  Linke  das
Raus;  nur  02  ministerielle  „Altliberale“"  mit  24  Konservativen  standen
ihr  gegenüber.  Denn  die  HZaltung  des  jetzt  zum  erstenmal  auftretenden
katholischen  Sentrums,  das  etwa  50  Stimmen  zählte,  war  noch  unklar.

Sofort  begann  die  Linke  den  Kampf  gegen  das  Ministerium.  Die
preußische  Regierung  hatte,  um  die  deutsche  Frage  zu  fördern,  durch  ein
Rundschreiben  an  die  deutschen  Böfe  (vom  20.  Dezember  1861)  erklärt,
die  Reform  des  Deutschen  Bundes  könne  nur  durch  die  Gründung  eines
Bundesstaates  innerhalb  des  deutschen  Staatenbundes  von  1815  bewirkt
werden.  Schon  diese  Erinnerung  an  die  preußischen  Unionsbestrebungen
von  1840  hatte  durch  die  Hindeutung  auf  Deutschlands  Einheit  in  den
Mittelstaaten  zumal  des  Südens  einen  wahren  Sturm  von  Ceidenschaft
hervorgerufen  und  auch  Ssterreich  im  höchsten  Grade  aufgebracht:  unbekümmert
  darum  ging  das  Abgeordnetenbaus  noch  viel  weiter.  Sur  Beratung
  der  deutschen  Frage  wurde  ein  Ausschuß  eingesetzt,  der  Ende
Februar  den  Antrag  vor  das  Raus  brachte,  daß  Hreußen  einen  deutschen
Bundesstaat  mit  einem  deutschen  Darlament  ins  Leben  zu  rufen  habe,
da  das  deutsche  Dolk  ein  Anrecht  auf  die  Zeichsverfassung  von  1840
habe,  der  Bundestag  aber,  1848  rechtmäßig  aufgehoben,  überhaupt  nicht
zu  Zecht  bestehe.  Eindringlich  wies  die  Regierung  auf  das  Gefährliche
dieses  Antrags  hin,  dessen  Annahme  sofort  zu  einem  Kriege  mit  Süddeutschland
  und  Csterreich  führen  müsse.  Aber  die  Kommission,  der  Annahme
  ihres  Antrages  im  Hlenum  des  HBauses  sicher,  beharrte  auf  ihrem
Beschlusse:  sie  glaube  nicht  an  eine  solche  Sefahr;  aber  wenn  das  Ministerium
  so,  war  die  Mleinung,  vor  jedem  tapferen  Entschlusse  zurückbebe,
wozu  dann  die  Bewilligung  der  neuen  Regimenter  der  Reorganisation?
Sie  würden  ja  doch  nur  für  müßigen  Haradedienst  bestimmt  sein!

Auf  die  Militärfrage  lief  eben  alles  hinaus.  Dem  Wunsche  des
vorjährigen  Abgeordnetenhauses  entsprechend,  brachte  die  Regierung  eine
neue  Gesetzesvorlage  über  die  Wehrpflicht  ein,  die  den  Wünschen  des  Hauses
möglichst  Rechnung  trug,  besonders  auch  die  Kosten  der  Reorganisation
noch  weiter  ermäßigte.  Sie  fand  indessen  in  der  für  das  Wehrgesetz  eingesetzten
  Kommission  sehr  wenig  Beifall.  Stavenhagen,  ein  General  a.  D.,
die  militärische  Autorität  der  Linken,  erklärte  alles  Entgegenkommen  der
Regierung  für  wertlos,  solange  sie  an  der  dreijährigen  Dienstzeit  fest—
        <pb n="329" />
        Die  Armeereorganisation  und  der  Verfassungskonflikt.  323

halte.  Das  Zugeständnis  einer  zweijährigen  Dienstzeit  sei  die  notwendige
Vorbedingung  für  die  Bewilligung  der  Reorganisationskosten.  Die  Kommission
  nahm  ein  Amendement  in  diesem  Sinne  an.  Kein  Sweifel,  daß
auch  das  Plenum  am  nächsten  Tage  sich  ebenso  entscheiden  würde.

Die  Minister  indessen  verlangten  die  Aussetzung  der  Verhandlung;
denn  sie  hielten  sich  für  verpflichtet,  dem  Könige,  bevor  die  Entscheidung
fiele,  von  der  Sachlage  Kenntnis  zu  geben.  Ohne  Verzug  berief  der
König  den  Ministerrat  in  sein  Palais.  Hier  sprach  sich  der  Minister
von  der  Heydt  für  die  Annahme  des  Stavenhagenschen  Amendements
aus;  denn  die  Fortdauer  des  budgetlosen  Zustandes  erschien  ihm  gefährlich
  und  für  die  Derwaltung  unerträglich.  Don  Roon,  der  Kriegsminister,
  von  dem  unausgesetzten  Kampfe  ohne  Aussicht  eines  andern
Ausgleiches  ermüdet,  hielt  es  für  geraten,  auf  weitere  Derhandlungen
mit  dem  Abgeordnetenhause  einzugehen.  Er  meinte,  daß  die  Regierung
die  Anträge  der  Kommission  unter  der  Bedingung  von  Kompensationen
annehmen  sollte,  indem  er  als  solche  Kompensationen  die  Vermehrung
der  Kapitulanten  und  die  Errichtung  von  stehenden  Lagern  vorschlug,
dem  äbhnlich,  das  Tapoleon  damals  in  Thalons  eingerichtet  hatte.  Diesen
Ansichten  stimmten  auch  die  andern  Minister  zu.  Da  erhob  sich  der
König.  „Nach  meiner  festen  Uberzeugung  und  militärischen  Erfahrung",
erklärte  er,  „kann  ich  es  mit  Oflicht  und  Gewissen  nicht  vereinigen,  auf
die  neue  Organisation  der  Armee  mit  dreijähriger  Dienstzeit  zu  verzichten.
  Wenn  nun  hierbei  auch  meine  Minister  mich  verlassen,  so  bleibt
mir  nichts  übrig,  als  auf  der  Stelle  den  Kronprinzen  zu  berufen,  der
zur  Seit  in  Süddeutschland  weilt.  Dieser  mag  und  kann  dann  statt
meiner  die  Regierung  übernehmen  und  die  neuen  Dorschläge  ausführen.“
In  dem,  was  seine  UÜberzeugung  war,  gab  es  bei  dem  Könige  kein
Markten.  Er  ergriff  die  Glocke,  um  dem  im  Nebenzimmer  befindlichen
Flügeladjutanten  vom  Dienst  ein  Seichen  zu  geben  und  den  Zefehl  zur
Absendung  des  Telegramms  an  den  Kronprinzen  zu  erteilen.  Erschrocken
sprangen  alle  Minister  auf  und  baten  den  Rönig  auf  das  dringendste,
es  nicht  zu  thun;  einmütig  erklärten  sie,  bis  aufs  äußerste  treu  bei  ihm
ausharren  und  auch  im  Abgeordnetenhause  seine  Entscheidungen  unbedingt
  vertreten  zu  wollen.  Der  König  war  innerlich  sehr  bewegt;  er
brach  die  Sitzung  ab.  Am  Abend  wurde  sie  fortgesetzt  und  nun  die
Antwort  vereinbart,  die  am  nächsten  Tage  der  Kriegsminister  im  Abgeordnetenhause
  abgeben  sollte.

So  erklärte  denn  Roon  am  5.  März  endgültig  in  der  Kammer,  daß

die  Regierung  von  der  dreijährigen  Dienstzeit  nicht  lassen  könne.  Damit
217
        <pb n="330" />
        324  Viertes  Kapitel.

stand  für  die  Mehrheit  des  Hauses  der  Entschluß  fest,  die  ganzen  Kosten
für  die  Reorganisation  der  Armee  zu  streichen.

Nun  aber  blieb  doch  noch  für  die  Regierung  die  WMöglichkeit,  bei
den  hohen  Beträgen  der  bisherigen  Haupttitel  des  Militäretats  an  verschiedenen
  Stellen  so  viel  herauszusparen,  wie  die  Neukosten  der  Re—
organisation  betrugen.  Auch  diesen  Ausweg  war  die  Cinke  bedacht,  ihr
sofort  zu  versperren.  Als  daher  am  nächsten  Tage  die  Beratung  des
Gesetzvorschlages,  betreffend  die  Oberrechenkammer,  auf  der  Tagesordnung
stand,  ergriff  der  Abgeordnete  Hagen  das  Wort.  Der  Gesetzentwurf  be—
stimmte,  dem  bisher  geübten  Brauche  entsprechend,  daß  für  die  Regierung
im  Etat  nur  die  Hauptsumme  der  einzelnen  Titel  bindend  sein  sollte,
während  die  einzelnen  Positionen,  aus  denen  jeder  Titel  sich  zusammensetzte,
  sich  gegenseitig  übertrügen.  Ragen  dagegen  beantragte,  daß  jede
einzelne  Dosition  für  die  Regierung  bindend  sein  und  danach  der  Stat
schon  für  das  laufende  Jahr  spezialisiert  werden  solle.  Miemand  war
zweifelhaft,  daß  dies  auf  den  Wilitäretat,  obgleich  er  nicht  genannt  war,
gemünzt  sei.  Denn  dadurch  wurde  der  Regierung  ein  Beraussparen,  wie
es  die  Linke  fürchtete,  völlig  unmöglich  gemacht.  Der  Finanzminister
von  Hatow  antwortete.  Er  versprach  für  das  nächste  Jahr  die  gewünschte
Spezialisierung  durchzuführen;  für  den  vorliegenden  Stat  von  1862  sei
sie  nicht  mehr  durchführbar.  Sollte  dennoch  das  Baus  sie  beschließen,
setzte  er  hinzu,  so  sei  das  ein  Ausdruck  des  Mißtrauens,  der  dem
Ministerium  den  Gedanken  zurückzutreten  nahe  legen  müßte.

Das  war  es  ja  gerade,  was  die  Linke  wollte:  natürlich  stimmte  sie
wie  ein  Mann  für  den  Antrag  Ragen,  den  das  Haus  mit  einer  Wehrheit
  von  54  Stimmen  annahm.  Und  soweit  ging  die  Derblendung  in
dem  ganzen  TLande,  daß  dieser  Beschluß  des  Abgeordnetenhauses  allerorten
  mit  lauter  Sustimmung  begrüßt  wurde.

Die  Folge  des  Beschlusses  war,  daß  das  gesamte  Ministerium  den
König  um  seine  Entlassung  bat.  Swar  der  Fürst  von  Bohenzollern  hatte
seit  Akonaten  schon  an  den  Beratungen  sich  nicht  mehr  beteiligt;  auch
Berr  von  Auerswald  wurde  durch  seine  Kränklichkeit  dauernd  ihnen  entzogen.
  Aber  doch  war  das  Ministerium  der  Ausdruck  der  neuen  Ara.
Und  an  dieser  hielt  der  König  fest.  Er  richtete  daher  am  9.  März  eine
Ordre  an  das  Gesamtministerium,  in  der  er  demselben  zu  erkennen  gab,
daß  bei  dem  Dertrauen,  welches  er  demselben  schenke,  wie  bei  der  Achtung,
in  welcher  dasselbe  bei  den  wohldenkenden  Klassen  der  Mation  stehe,  er
auf  das  Gesuch  desselben  nicht  eingehen  könne.  Dementsprechend  verfügte
  er  am  11.  März  die  Auflösung  des  Abgeordnetenhauses.
        <pb n="331" />
        Die  Armeereorganisation  und  der  Verfassungskonflikt.  325

Allein  über  das  weitere  Verfahren  waren  die  Minister  unter  sich
nicht  einig.  Roon,  von  der  Heydt  und  auch  Graf  Bernstorff  waren  der
Meinung,  daß  die  Regierung  sich  aus  Nachgiebigkeit  schon  zu  weit  nach
links  habe  drängen  lassen,  während  doch  nur  durch  festen  Widerstand
ein  Erfolg  der  Kammermehrheit  gegenüber  sich  hoffen  lasse.  Die  Mehr—
heit  des  Ministeriums  dagegen  glaubte  nur  durch  weitere  Zugeständnisse
an  das  Abgeordnetenhaus  die  Militärvorlage  durchbringen  zu  können.
Indessen  dieser  Weg  mußte  notwendigerweise  die  Regierung  in  Zwiespalt
mit  dem  Herrenhause  bringen,  das  bisher  treu  zu  dem  Könige  gestanden.
Uneingeschränkt  hatte  es  schon  1860  die  Reorganisation  gut  geheißen
und  die  Kosten  bewilligt,  sogar  in  einer  dem  Beschlusse  angefügten  Resolution
  die  Regierung  dringend  aufgefordert,  an  dem  Reformplane  festzuhalten
  und  alle  dazu  erforderlichen  Maßregeln  kräftig  zur  Ausführung
zu  bringen.

In  unversöhntem  Gegensatze  standen  demnach  die  beiden  Häuser  des
Candtages  gegeneinander.  Die  Frage  war  also,  auf  welches  die  Regie—
rung  fortan  sich  stützen  solle.  Wer  den  König  kannte,  konnte  nicht
zweifeln,  wie  seine  Entscheidung  ausfallen  würde.  Vie  vergaß  sein  treues
Herz  einen  Dienst,  der  ihm  einmal  geleistet  war.  Dazu  kam  die  Er—
wägung,  daß  er  bei  weiterer  Nachgiebigkeit  gegen  das  Abgeordnetenhaus
von  der  konservativen  Basis,  auf  die  er  seine  Regierung  gestellt,  ganz
abkommen  würde.  Und  die  Wage  sank  zu  gunsten  des  Herrenhauses.
Er  nahm  die  Entlassungsgesuche  der  liberalen  Minister  an  und  betraute
den  Präsidenten  des  Herrenhauses,  den  Fürsten  zu  Hohenlohe--Ingelfingen,
mit  dem  Vorsitz  in  dem  neuen  Kabinett.

Die  neue  Ara  war  zu  Ende.  Am  11.  März  erhielten  die  erbetene
Entlassung  die  Minister  Auerswald,  Patow,  Bernuth,  Graf  Pückler  und
Graf  Schwerin.  Wie  wenig  von  den  Hoffnungen,  die  einst  auf  sie  gesetzt
  waren,  hatten  sie  erfüllt!  Mit  freudigem  Beifall  vor  vier  Jahren
begrüßt,  sah  man  jetzt  sie  ohne  Bedauern  scheiden.  Dennoch  gehörte  bei
der  aufgeregten  Stimmung,  die  im  ganzen  Volke  durch  die  demokratischen
Umtriebe  und  Verhetzungen  geschürt  wurde,  Mut  dazu,  die  arg  verfahrene
Erbschaft  der  Scheidenden  anzutreten.  Das  Innere  übernahm  Herr
von  Jagow,  den  Kultus  Herr  von  Mühler,  Graf  zur  Cippe  die  Justiz,
die  Landwirtschaft  Graf  Itzenplitz.  Aus  dem  früheren  Kabinett  war
Roon  Kriegsminister  geblieben,  von  der  Heydt  wurde  Finanzminister  und
das  Außere  behielt  Graf  Bernstorff.  Da  aber  dieser  den  Botschafterposten
  am  englischen  Zofe,  von  dem  er  gekommen  war,  unbesetzt  ließ,  so
machte  es  den  Eindruck,  als  würde  er  auf  denselben  bei  nächster  Gelegen-
        <pb n="332" />
        326  Viertes  Kapitel.

heit  sich  zurückziehen.  Es  war  ein  Ministerium  von  gleichmäßig  streng
konservativer  Richtung,  das  am  18.  März  in  die  Leitung  der  Geschäfte
eintrat,  bestimmt  und  entschlossen,  sie  gegen  die  feindselige  Stimmung  des
Volkes  wie  gegen  den  Ingrimm  der  demokratischen  Partei,  die  ihre  Siele
durchkreuzt  sah,  im  Sinne  des  Königs  zu  führen.  Auch  die  Königin
Augusta  war  den  neuen  Ministern  nicht  eben  gnädig  gesinnt;  denn  sie
besorgte  von  ihnen  „reaktionäre“  Bestrebungen.

Aber  König  Wilhelm  war  weit  davon  entfernt,  den  Decksel  der
Dersonen  im  Ministerium  trotz  deren  veränderter  Harteistellung  zugleich
als  einen  Wechsel  des  Sstems  der  Regierung  aufzufassen.  „Ich  halte
unabänderlich  fest“,  erklärte  er  ihnen  in  der  Ordre  vom  10.  März  1862,
„an  den  Grundsätzen,  welche  ich  am  8.  Movember  1858  dem  Staatsministerium
  eröffnet  und  seitdem  wiederholt  vor  dem  Lande  kund  gegeben
habe;  sie  werden,  richtig  aufgefaßt,  auch  ferner  die  ZRichtschnur  WMeiner
Regierung  bleiben.  Aber  die  daran  geknüpften  irrtümlichen  Auslegungen
haben  Herwickelungen  erzeugt,  deren  glückliche  Lösung  die  nächste  Aufgabe
  Meiner  gegenwärtigen  Regierung  ist.

„In  weiterer  Ausfübrrung  der  bestehenden  erfassung  soll  die  Gesetzgebung
  und  Derwaltung  von  freisinnigen  Grundsätzen  ausgehen.  Es
kann  aber  ein  heilbringender  Fortschritt  nur  gedacht  werden,  wenn  man
nach  besonnener  und  ruhiger  Hrüfung  der  Seitlage  die  wirklichen  Bedürfnisse
  zu  befriedigen  und  die  lebensfähigen  Elemente  in  den  bestehenden
Einrichtungen  zu  benutzen  weiß.  Dann  werden  die  Reformen  der  Gesetzgebung
  einen  wahrhaft  konservativen  Charakter  tragen,  während  sie  bei
Übereilung  und  Überstürzung  nur  zerstörend  wirken.

„Es  ist  Meine  Pflicht  und  Mein  ernster  Wille,  der  von  Mir  beschworenen
  Derfassung  und  den  Rechten  der  Landesvertretung  ihre  volle
Geltung  zu  sichern,  in  gleichem  Maße  aber  auch  die  Rechte  der  Krone
zu  wahren  und  sie  in  der  ungeschmälerten  Kraft  zu  erhalten,  welche  für
Dreußen  zur  Erfüllung  seines  Berufes  notwendig  ist,  und  deren  Schwächung
dem  Daterlande  zum  Derderben  gereichen  würde.  Diese  Meine  Überzeugung
  ist  —  Jch  weiß  es  —  auch  in  den  Herzen  Meiner  Unterthanen
lebendig,  und  es  kommt  nur  darauf  an,  denselben  Meine  Gesinnung  für
deren  Wohl  klar  und  offen  darzulegen.“

In  unseliger  Derblendung  aber  erschien  die  Derwerfung  der  Militärvorlage
  der  großen  Mehrheit  des  preußischen  Dolkes  als  das  Halladium
politischer  Freiheit.  Und  in  der  ganzen  Wablbewegung,  die  der  Auflösung
  des  Abgeordnetenhauses  folgte,  kündigte  die  demokratische  Hartei
es  als  die  einzige  Oflicht  des  Dolkes  an,  der  drohenden  Rückkehr  zu
        <pb n="333" />
        Die  Armeereorganisation  und  der  Verfassungskonflikt.  327

reaktionärem.  Absolutismus  unbeugsamen  Widerstand  entgegenzusetzen.
Swar  suchte  durch  starke  Beeinflussung  der  ahlbewegung  das  neue
Ministerium  dem  zu  begegnen,  aber  es  erreichte  damit  nur,  daß  selbst
gemäßigte  Männer  der  oppositionellen  Strömung  sich  anschlossen.  So
ergaben  denn  die  Meuwahlen  des  6.  Mai  den  vollständigen  Sieg  der
ortschrittspartei  und  der  ihr  nahestehenden  Linksliberalen,  während  die
Dertreter  der  Konservativen,  der  gemäßigten  (#llt-)Liberalen  und  der
Katholiken  nur  ein  kleines  Zäuflein  ausmachten.  Welchen  Erfolg  konnte
in  einem  solchem  Zause  das  durchaus  konservative  Ministerium  erwarten?
An  eine  rein  sachliche  Behändlung  der  Dorlagen  war  nicht  zu  denken;
denn  der  Fortschrittspartei  galt  die  Sicherung  der  Mlachtstellung  des  Daterlandes
  weniger  als  der  Schein  der  Folgerichtigkeit  der  Harteitaktik,  durch
den  sie  der  öffentlichen  Meinung  zu  imponieren  glaubte.  Daher  machte
auch  die  Erklärung  des  Ministeriums,  daß  es  weitere  zwei  Millionen  im
Militärbudget  erspart  habe  und  nunmehr  auf  die  seit  dem  Jahre  1850
erhobenen  Steuerzuschläge  Derzicht  leisten  könne,  keinen  Eindruck:  wie
sonst  ohne  Sweifel  würde  geschehen  sein.

Dennoch  bewahrten  die  Dinge  noch  länger  als  ein  Dierteljahr  ein
friedliches  Antlitz:  die  Maßregeln  der  Regierung  in  den  äußeren  Angelegenheiten,
  der  deutschen  Frage,  der  Sollvereinssache  fanden  durchweg
die  Sustimmung  der  Dolksvertretung.  Ende  August  aber  hatte  die  Budget-Kommission
  die  Beratung  des  Militäretats  beendigt  und  stellte  an  das
Haus  den  Antrag,  alle  Mehrausgaben  für  die  Armeereorganisation  zu
streichen  und  es  der  Regierung  zu  überlassen,  welche  Wege  sie  einschlagen
wolle,  um  den  Gustand  der  Armee  wieder  auf  eine  gesetzliche  Grundlage
zu  stellen.  Und  am  29.  August  folgte  die  Marinekommission  mit  dem
Antrage,  den  von  der  Regierung  aufgestellten  Hlan  zur  Schaffung  einer
Kriegsflotte  zu  verwerfen.

So  begann  denn  am  I1I.  September  die  siebentägige  Redeschlacht,
wie  der  Landtag  bisher  eine  solche  noch  nicht  erlebt  hatte.  Swar  der
Ausgang  war  nicht  zweifelhaft;  aber  mit  unbeugsamem  Mute,  unermüdlich
  kämpften  die  Minister  und  eine  kleine  Rednerschar  aus  der  Minorität
für  die  verlorene  Sache,  voll  Unmut  und  Entrüstung,  daß  die  Selbständigkeit
  der  preußischen  Krone  gebeugt  werden  solle,  voll  tiefen  Schmerzes,
daß  das  Daterland  einem  Harteimanöver  geopfert  werde,  voll  gerechten
Unwillens  über  die  frivole  Derblendung,  die  Gegner  Oreußens  durch
Anläufe  zu  einer  energischen  Holitik  auf  den  Hlan  zu  rufen  und  dann
Dreußen  zu  Wasser  und  zu  Lande  wehrlos  ihnen  gegenüberzustellen.
„Ihr  beschließt,  was  ihr  gar  nicht  ausgeführt  haben  wollt!“  rief  der
        <pb n="334" />
        328  Viertes  Kapitel.

Abgeordnete  Twesten  in  gerechtem  Sorn  der  Linken  zu.  Denn  war  es
nicht  unerfüllbar,  was  sie  beschließen  wollte  d  Und  mußte  es  den  Staat
nicht  in  die  gefährlichste  Rotlage  stürzen2

Der  Konflikt  war  da  in  seiner  vollsten  Schärfe:  Forderung  stand
gegen  Forderung,  aber  auch  Zecht  gegen  Rechtl  Das  Gesetz  vom  5.  September
  1814  gab  dem  Könige  unzweifelhaft  das  Recht,  die  Stärke  der
jährlichen  Aushebung  und  damit  die  Stärke  und  Sahl  der  erforderlichen
Regimenter  zu  bestimmen,  und  die  Angriffe  der  Linken  auf  dies  Recht
waren  gar  nicht  aufrecht  zu  erhalten;  aber  ebenso  unzweifelbaft  war
das  Recht  des  Zauses  der  Abgeordneten,  neue  Ausgaben,  die  nicht
auf  einem  Gesetz  beruhten,  zu  streichen.  Indes  die  rücksichtslose  Durchführung
  dieses  Rechtes  brachte  notwendig  die  oberkriegsherrliche  Stellung
des  Königs  in  die  Gefahr,  zu  einem  inhaltlosen  Scheine  herabgedrückt
zu  werden,  während  anderseits  die  Leistung  einer  von  dem  BRause
nicht  bewilligten  Ausgabe  durch  die  Regierung  gegen  die  Derfassung
verstieß.  "

Wo  lag  die  Lösung  Der  Minister  von  der  Heydt  war  der  Mei—
nung,  daß  ohne  Derfassungsbruch  die  Reorganisation  der  Armee  nicht
aufrecht  zu  erhalten  sei.  Er  erbat  daber  seine  Entlassung.  Ja  in  der
Ritze  der  Kammerdebatte  hatte  er  sich  wirklich  fortreißen  lassen,  mit
Dingen  zu  drohen,  „die  in  der  Derfassung  nicht  geschrieben  ständen“.
Wie  schlecht  kannte  er  doch  seinen  König,  wenn  er  ihm  den  Gedanken
eines  Staatsstreichs  zutraute!  Wohl  bewegte  die  ganze  Sachlage  den
König  auf  das  tiefste;  schwer  litt  er  in  diesen  unseligen  Tagen.  Sollte
er  alle  seine  Sukunftsgedanken,  Dreußen  zu  Ehren  zu  bringen,  mit  der
Reorganisation  opfernd  Felsenfest  stand  ihm  die  ÜUberzeugung,  daß  sie
zum  Wohle  des  ganzen  Landes  sei.  Durch  das  Opfer  der  dreijährigen
Dienstzeit  sie  zu  erkaufen,  war  ausgeschlossen,  seitdem  das  Abgeordnetenhaus
  mit  überwältigender  Mehrheit  diesen  Dermittelungsvorschlag  verworfen
  hatte.  Ganz  unfaßbar  aber  war  seinem  ehrlichen  Herzen  der
Gedanke,  der  Derfassung  zum  Trotz  die  Beeresreform  aufrecht  zu  erhalten.
Er  hatte  die  Derfassung  beschworen,  und  sein  Eid  war  ihm  beilig.  Hier
stand  sein  Gewissen,  dort  seine  Überzeugung,  zu  der  ein  langes,  arbeitsund
  erfahrungsreiches  Leben  ihn  geführt  hatte!  Wieder  und  wieder  in
heißem  Gebete  rang  er  um  die  Lösung.  Da  erfaßte  ihn  der  Gedanke,
sich  selbst  zum  Opfer  zu  bringen.  Alsbald  ward  er  That.  Der  König
entwarf  seine  Abdankungsurkunde  und  unterzeichnete  sofort  das  Dokument.
  Es  sollte  für  sein  Dolk  die  Antwort  auf  den  jetzt  unmittelbar
bevorstehenden  Beschluß  des  Abgeordnetenhauses  sein.
        <pb n="335" />
        Die  Armeereorganisation  und  der  Verfassungskonflikt.  329

Die  Hohenzollern  sind  ein  ganz  eigenartiges  Herrschergeschlecht.
Denn  in  der  ganzen  Weltgeschichte  giebt  es  kein  Fürstenhaus,  in  dem
Thronentsagungen  so  zahlreich  vorgekommen  sind,  wie  in  der  Reihe  der
Kurfürsten  und  Könige  des  Hauses  Hohenzollern.  Man  sieht,  wenn  man
es  nicht  auch  sonst  wüßte,  sie  haben  ihre  fürstliche  Stellung  von  Anbeginn
  nicht  als  ein  Privilegium,  sondern  stets  als  ein  hohes  Amt  gefaßt,
das  sie  zum  Wohle  ihres  Landes  zu  verwalten  hätten.  Und  wenn  sie
der  Erreichung  dieses  Sieles  nicht  mehr  gewiß  sind,  so  legen  sie  ihr
Herrscheramt  nieder,  um  durch  einen  letzten  Entschluß  noch  das  Wohl
ihres  Volkes  zu  wahren.  Aber  sonst  ist  es  doch  immer  das  Bewußtsein
der  nachlassenden  Körperkraft  gewesen,  was  zu  diesem  letzten  Entschlusse
sie  geführt  hat.  Hier  aber,  in  König  Wilhelm,  war  es  das  erste  Mal,
daß  ein  Hohenzollernfürst  im  Vollbesitze  seiner  Kraft  für  den  Frieden
seines  Volkes  sich  zum  Opfer  darbringt.  Aber  Gott  nahm  das  Opfer
nicht  an:  Er  hatte  es  mit  Preußen  besser  im  Sinne.

Der  König  ließ  den  Kronprinzen,  seinen  einzigen  Sohn,  nach  Babelsberg
  kommen  und  übergab  ihm  die  Abdankungsurkunde  mit  dem  Auf—
trage,  sie  bekannt  zu  machen.  Der  junge  Kronprinz  erschrak  heftig:  es
war  die  ernsteste  Frage,  die  bisher  in  seinem  Leben  an  ihn  herangetreten
war.  Was  sollte  er  thund  Er  flehte  den  König  an,  von  seinem  Entschlusse
  Abstand  zu  nehmen.  Umsonst!  So  bat  er  ihn  um  eine  kurze
Bedenkzeit,  um  sich  zu  sammeln.  Er  hielt  die  Reorganisation  im  ganzen
nicht  weniger  für  unerläßlich  als  sein  königlicher  Vater,  wenngleich  er
der  Frage  frei  gegenüberstand;  aber  er  sah  voraus,  daß  jede  Nachgiebig—
keit  auf  diesem  Gebiete  von  vornherein  ihn  in  eine  schiefe  Stellung  zu
seinem  Dolke  bringen  müßte.  Er  erklärte  daher  dem  Könige,  daß  er  es
ablehnen  müsse,  die  Krone  anzunehmen.“)

So  mußte  der  König  denn  ausharren,  wie  es  auch  sei.  Er  sprach
zu  Roon  von  seinen  Seelenkämpfen,  von  seiner  Entschließung  und  verlangte
  den  Rat  des  altbewährten  Dieners  und  Freundes  in  seiner  schwierigen
  Lage.  Wiederholt  schon  hatte  der  Kriegsminister  dem  Könige  den
damaligen  preußischen  Gesandten  am  Tuilerienhofe,  Otto  von  Bismarck-Schönhausen,
  als  eine  besonders  geeignete  Hersönlichkeit  zum  Minister
vorgeschlagen;  und  mehr  als  einmal  hatte  ihn  auch  der  König  in  ernstliche
  Erwägung  genommen.  Aber  stets  nahm  er  doch  jedes  mal  wieder
von  ihm  Abstand,  weil  er  von  Bismarck  ein  allzu  ungestümes  und  rücksichtsloses
  Dorgellen  gegen  die  Gegner  der  Regierung  besorgte.  Aber

*)  Persönliche  Mitteilung  des  Kronprinzen.
        <pb n="336" />
        330  Viertes  Kapitel.

jetzt  verlangte  die  Sachlage  mehr  als  je  einen  Mann  von  Kraft  und
Nachdruck.  Deswegen  hatte  Roon,  als  die  letzten  Zweifel  über  das  zu
erwartende  Ergebnis  der  Abstimmung  im  Abgeordnetenhause  schwanden,
auf  eigene  Hand  an  Bismarck  telegraphiert  und  ihn  aufgefordert,  ohne
Verzug  nach  Berlin  zu  kommen.  „Berufen  Ew.  Majestät  nur  den  Herrn
von  Bismarck“,  war  daher  auch  jetzt  wieder  seine  Antwort  auf  des
Königs  Frage.  Sie  kam  dem  Könige  nicht  überraschend;  wie  es  schien,
hatte  er  schon  selbst  daran  gedacht.  Dennoch  wandte  er  ein:  „Er  wird
nicht  wollen;  er  ist  auch  nicht  da:  es  kann  mit  ihm  nichts  besprochen
werden.“  Nun  belohnte  sich  Roons  Voraussicht.  Er  versicherte  dem
Könige,  daß  Bismarck,  der  am  Morgen  dieses  Tages  in  Berlin  eingetroffen,
  nachmittags  um  2  Uhr  in  Babelsberg  sein  würde.

Aber  die  Bedenken  des  Königs  waren,  wenn  er  auch  zur  Berufung
Bismarcks  entschlossen  war,  noch  nicht  ganz  überwunden.  Er  setzte  sich
an  seinen  Schreibtisch  und  entwarf  für  Bismarck  ein  Drogramm,  sehr
eingehend,  16  eng  geschriebene  Seiten  lang,  in  durchweg  gemäßigt  liberalem
  Sinne.  Sben  hatte  er  es  vollendet,  als  ihm  auch  schon  der  Erwartete
  gemeldet  ward.  Ohne  ein  Wort  der  ÜUberraschung,  daß  er
seinen  Botschafter  in  Babelsberg  statt  in  Haris  sähe,  ging  der  König  sofort
  auf  die  Sache  ein,  die  seine  Gedanken  ganz  erfüllte.  „Wollen  Sie“,
fragte  er  ihn,  „denn  auch  gegen  die  Alajorität  des  Landes  Ihr  Amt
antreten  und  führen  d“"  Mit  Wachdruck  erklärte  sich  Zismarck  bereit.
Die  Unterredung  befriedigte  den  König;  jetzt  nahm  er  ihn  ernstlich  für
die  auswärtigen  Angelegenheiten  und  zugleich  für  den  Vorsitz  im  Ministerium
  in  Aussicht.  Sobald  sich  Bismarck  im  auswärtigen  Amt  des
genaueren  orientiert  hätte,  sollte  die  Vorbesprechung  weiter  fortgesetzt
werden.  Das  aber  war  schon  jetzt  das  Ergebnis,  daß  der  König  die  Abdankungsurkunde
  vom  Schreibtische  nahm  und,  nachdem  er  Bismarck
hatte  einen  Blick  darauf  werfen  lassen,  vor  dessen  Augen  zerriß.  Und
auch  die  Instruktion,  die  er  eben  erst  für  den  Teueintretenden  geschrieben,
zerriß  er  jetzt  wieder.  Einen  sprechenderen  Beweis  vollsten  Dertrauens
ihm  zu  geben  war  unmöglich.  Das  eben  ist  das  wahrhaft  welthistorische
Verdienst  Bismarcks,  daß  er  in  der  Entscheidungsstunde  König  Wilhelm
die  Suversicht  und  das  Dertrauen  auf  die  Sukunft  zurückgegeben  hat.
Und  darum  ist  dieser  20.  September  ein  Wendepunkt  der  preußischen  Geschichte
  von  der  höchsten  Bedeutung.  Hier  wurde  jene  wunderbare
pietätvolle  Treue  gepflanzt,  die  bis  ans  Lebensende  den  König  mit  seinem
Minister,  aber  nicht  weniger  auch  den  Minister  mit  seinem  Könige  ohne
Wanken  verbunden  hat.
        <pb n="337" />
        Die  Armeereorganisation  und  der  Verfassungskonflikt.  331

Konferenzen  zwischen  Graf  Bernstorff  und  Bismarck  erfüllten  die
nächsten  Tage.  Am  22.  ist  dieser  wieder  in  Babelsberg,  um  mit  dem
Könige  deren  Ergebnis  zu  besprechen.  Da  entlud  sich  in  der  Kammer
das  Gewitter.  Der  Worte  waren  genug  gewechselt:  am  25.  erfolgte  die
Abstimmung  nach  der  großen  Redeschlacht.  Mit  275  gegen  68  Stimmen
wurden  zunächst  die  gesamten  Kosten  der  Beeresreorganisation  aus  dem
Budget  für  1862  gestrichen  und  dann  dies  so  verstümmelte  Budget  mit
508  gegen  I1  Stimmen  angenommen.  Voch  über  die  ärgsten  Befürchtungen
  ging  die  Niederlage.  hinaus.  Auf  der  Stelle  erbat  Fürst  Hohenlohe,
  durch  Kränklichkeit  schon  seit  längerer  Seit  seinem  hohen  Amte
ferngehalten,  die  Entlassung  und  mit  ihm  zugleich  auch  der  Minister  von
der  Heydt.  Auch  Graf  Bernstorff  kehrte  jetzt  auf  seinen  früheren  Botschafterposten
  am  Hofe  von  St.  James  zurück.

Der  Kriegsminister  von  Roon  begab  sich  alsbald  nach  Babelsberg,
um  dem  Könige  über  die  Lage  der  Dinge  Bericht  zu  erstatten.  Noch
einmal  fragte  ihn  der  König,  ob  er  wirklich  Bismarck  für  den  rechten
Mann  halte;  noch  einmal  bestätigte  es  Roon  mit  allem  Ernste.  Nicht
als  ob  dem  Könige  doch  wieder  Zweifel  aufgestiegen  wären:  aber  ihm
lag  daran,  auch  Roon  in  vollster  Übereinstimmung  mit  Bismarck  zu
wissen.  Denn  jetzt  galt  es,  die  Reorganisation  der  Armee  auch  gegen
den  Willen  des  Abgeordnetenhauses  aufrecht  zu  erhalten.  Der  König
genehmigte  die  Entlassung  des  Fürsten  Hohenlohe,  und  als  Bismarck  am
Machmittage  um  5  Uhr  in  Babelsberg  erschien,  übergab  er  ihm  die  Ordre,
durch  die  er  ihn  zum  Staatsminister  ernannte  und  ihm  den  interimistischen
Dorsitz  des  Staatsministeriums  übertrug.

Am  nächsten  Tage  stand  die  Ordre  im  Staatsanzeiger.  Jetzt  ist  der
Schleier  zerrissen,  schrie  man  im  Abgeordnetenhause.  Man  sieht,  wohin
die  Regierung  steuert!  Man  kannte  ihn  ja,  den  „märkischen  Junker!“
Auf  die  Hernichtung  der  Derfassung  ist  es  abgesehen.  Die  Aufregung
der  Gemüter  in  ganz  Berlin  wuchs  ins  maßlose:  „Ja,  Bismarck  ist  der
Staatsstreich!“  Mit  höchster  Spannung  erwartete  man  sein  Auftreten  im
Abgeordnetenhause.

Allein  durchaus  friedfertig  waren  die  Schritte,  mit  denen  er  sich
einführte.  Er  suchte  Fühlung  mit  Simson  und  andern  Führern  der  Alltliberalen.
  Nur  deren  Forderung  der  zweijährigen  Dienstzeit  verhinderte
ihren  Eintritt  in  das  WMinisterium,  dessen  Vorsitz  der  König  endgültig  am
8.  Oktober  zugleich  mit  dem  Ministerium  der  auswärtigen  Angelegenheiten
  Bismarck  übertrug.  Den  Stat  für  das  Jahr  1865,  in  dem  die
Budgetkommission  des  Abgeordnetenhauses  die  Reorganisationskosten  auch
        <pb n="338" />
        332  Diertes  Kapitel.

schon  wieder  gestrichen  hatte,  zog  Bismarck  mit  dem  Hersprechen  zurück,
zur  neuen  Landtagssession  im  Januar  1865  ihn  wieder  vorzulegen.  Aber
das  Haus  antwortete  mit  der  Erklärung,  daß  vor  Beginn  des  Jahres
1865  der  Stat  ihm  wieder  vorzulegen  sei;  denn  jede  Ausgabe  vor  der
Genehmigung  des  Stats  sei  verfassungswidrig.

Unterdessen  ging  der  durch  die  Beschlüsse  des  25.  September  verstümmelte
  Stat  für  1862  dem  Berrenhause  zu.  Auf  Antrag  des  Grafen
Arnim-Boitzenburg  lehnte  das  Herrenhaus  am  114.  Oktober  mit  150
gegen  17  Stimmen  den  Stat  des  Abgeordnetenhauses  ab  und  nahm  mit
114  gegen  44  Stimmen  den  ursprünglichen  Stat  der  Regierung  an.
Allein  das  Abgeordnetenhaus  erklärte  diese  Annahme  des  Regierungsetats
  durch  das  Herrenhaus  am  folgenden  Tage  für  verfassungswidrig.
Allen  weiteren  Streit  zu  endigen,  ließ  der  König  noch  an  demselben  Tage
die  Session  des  Landtages  schließen.

Das  Statsgesetz,  welches  die  preußische  Derfassung  verlangt,  war
also  nicht  zustande  gekommen.  Denn  dazu  ist,  wie  zu  jedem  andern
Gesetze,  die  übereinstimmende  Genehmigung  der  Krone  und  der  beiden
Räuser  des  Landtags  notwendig.  Was  sollte  nun  geschehen  d  Das  Abgeordnetenhaus
  wies  auf  das  Beispiel  Englands  hin,  wo  das  Haus  der
Gemeinen  allein  die  Entscheidung  über  die  Einnahmen  und  Ausgaben
des  Staates  hat.  Aber  was  gebt  uns  Hreußen  England  an:  für  Hreußen
gelten  die  preußischen  Gesetze!  Die  preußische  Derfassung  bestimmt  nur
in  Artikel  100,  daß  die  bestehenden  Steuern  und  Abgaben  forterhoben
werden,  bis  sie  durch  ein  Gesetz  abgeändert  werden.  Aber  über  die  Ausgaben
  enthält  sie  keine  Zestimmung.  Denn  Artikel  00  schreibt  nur  vor,  daß
der  Staatshaushaltsetat  (Einnahmen  und  Ausgaben  des  Staates)  jährlich
durch  ein  Gesetz  festgestellt  werden  soll.  Run  war  dies  Gesetz  aber  nicht
zustande  gekommen.  Sollten  darum  nun  alle  Ausgaben  unterbleiben?
Das  hieße  ohne  Sweifel  den  Staat  vernichten;  denn  ohne  Ausgaben  kann
er  nicht  einen  Tag  bestehen.  Es  müssen  also  um  des  Staatszweckes
willen  die  notwendigen  Ausgaben  auch  ohne  Statsgesetz  geleistet  werden,
wie  ja  auch  Artikel  65  der  Regierung  das  Recht  giebt,  im  Falle  ungewöhnlichen
  Rotstandes  unter  Derantwortung  des  gesamten  Staatsministeriums
  Derordnungen,  die  der  Derfassung  nicht  zuwiderlaufen,  mit
Gesetzeskraft  zu  erlassen  unter  der  Bedingung,  daß  sie  den  Kammern
bei  ihrem  nächsten  Susammentritt  zur  Genebhmigung  sofort  vorgelegt
werden.

Dementsprechend  kündigte  die  Thronrede,  mit  der  Bismarck  auf
Befehl  des  Königs  die  Landtagssession  schloß,  die  Absicht  der  Regierung
        <pb n="339" />
        Die  Armeereorganisation  und  der  Verfassungskonflikt.  333

an,  die  Umformung  der  Heeresverfassung,  da  sie,  auf  Grund  früherer
Bewilligung  der  Candesvertretung  ausgeführt,  jetzt  nur  unter  Hreisgebung
  der  dafür  gebrachten  großen  Opfer  und  mit  Beeinträchtigung
der  Machtstellung  Preußens  rückgängig  gemacht  werden  könne,  aufrecht
zu  erhalten.  Sie  sehe  sich  nach  dem  Beschlusse  des  Herrenhauses  in  der
Notwendigkeit,  den  Staatshaushalt  ohne  die  in  der  Verfassung  vorausgesetzte
  Unterlage  zu  führen;  sie  sei  sich  dabei  ihrer  Verantwortlichkeit  in
vollem  Maße  bewußt;  ebenso  sei  sie  aber  auch  ihrer  Pflichten  gegen  das
Land  eingedenk,  bis  zur  gesetzlichen  Feststellung  des  Stats  die  Ausgaben
zu  bestreiten,  die  zur  Erhaltung  der  bestehenden  Staatseinrichtungen  und
zur  Förderung  der  Landeswohlfahrt  nötig  seien,  indem  sie  die  Suversicht
hege,  daß  dieselben  seinerzeit  die  nachträgliche  Genehmigung  des  Landtages
  erhalten  würden.

Das  war  der  einzige  Weg,  den  die  Derfassung  frei  ließ:  das  war
des  Königs  wie  Bismarcks  Uberzeugung,  von  der  Einsicht  der  Sukunft
erhoffen,  was  die  Harteileidenschaft  der  Gegenwart  versagte.  Aber
Wirren  und  Streit  —  wer  konnte  wissen,  wie  vield  —  schloß  er  in  sich.

„In  Avignon",  meinte  Bismarck,  „habe  ich  einen  Glzweig  gebrochen,
um  ihn  dem  hohen  Hause  der  Abgeordneten  zu  bringen.  Indes,  noch
scheint's  nicht  Seit  dazul!“
        <pb n="340" />
        Fünftes  Kapitel.
Deutsche  politik.

Seit  langem  kannte  König  Wilhelm  seinen  neuen  Miinisterpräsidenten
schon;  und  man  kann  sagen,  daß  er  niemals  ohne  ein  achtsames  Interesse
an  dem  um  18  Jahre  jüngeren  Mann  vorübergegangen  war.

Otto  von  Bismarck-Schönhausen  war,  einer  altgesessenen  märkischen
Adelsfamilie  entstammend,  am  1.  April  1815  geboren.  Im  DOereinigten
Landtage  einer  der  entschiedensten  Dorkämpfer  des  absoluten  Königtums,
hatte  er  1848  besonders  durch  seine  schneidigen  Artikel  in  der  „Kreuzzeitung“
  die  öffentliche  Aufmerksamkeit  auf  sich  gelenkt.  Er  war  es  gewesen,
  der  im  Berbste  1848  den  Blick  König  Friedrich  Wilhelms,  der  in
Sanssouci  ihn  oft  bei  sich  sah,  mit  richtigem  Urteil  auf  den  Grafen
Brandenburg  richtete.  In  dem  preußischen  Abgeordnetenhause  von  1840
galt  er  für  den  hervorragendsten  Führer  der  Rechten;  im  Erfurter  Harlamente
  bewies  er  sich  als  den  entschiedenen  Gegner  der  preußischen  Unionsbestrebungen
  wie  als  den  eifrigen  Förderer  einer  Gsterreich  zugewandten
Dolitik.  Infolgedessen  wurde  er  im  Sommer  1851  als  erster  Gesandtschaftssekretär
  Dreußens  an  den  wiederhergestellten  Zundestag  nach  Frankfurt
  gesandt.  Binnen  kurzem  indessen  trat  er  hier  an  die  Stelle  des
preußischen  Bundestagsgesandten  von  Rochow.  Damit  gewann  er  einen
tieferen  Einblick  in  das  diplomatische  Getriebe:  mit  offenen  Augen  sah
und  beobachtete  er,  und  die  tiefstgreifende  Wandlung  seiner  politischen
Ansichten  vollzog  sich  allmählich  in  ihm.  Ein  nicht  seltener  Gast  war  er
zudem  in  Koblenz,  wo  damals  der  Hrinz  von  Hreußen  residierte:  und
das  waren  Tage,  die  nicht  ohne  starke  Miteinwirkung  auf  die  Abklärung
der  Ansichten  Bismarcks  bleiben  konnten.

Wohl  hatte  im  Hereinigten  Landtage  der  Hrinz  von  dem  jungen
Wortführer  der  äußersten  Rechten  sich  sympathisch  angezogen  gefühlt.
Seine  Furchtlosigkeit,  seine  Frömmigkeit,  sein  strenges  Hflichtgefühl  nahmen
für  ihn  ein.  Seine  glühende  Daterlandsliebe,  seine  eifersüchtige  Sorge
        <pb n="341" />
        Deutsche  Politik.  335

um  Preußens  Ehre  fand  der  Prinz  in  dem  jungen  Deichhauptmann
wieder.  Dazu  stimmten  ihre  politischen  Grundanschauungen  durchaus
überein.  Beide  sahen  sie  in  der  ungeschmälerten  Königsmacht  den  starken
Tragepfeiler  des  preußischen  Staates  und  in  Preußen  den  wahrhaften
Grundbau  Deutschlands.  Beide  beklagten  sie  im  Grunde  ihres  Herzens
König  Friedrich  Wilhelms  Entschluß,  seine  ererbten  Kronrechte  freiwillig
zu  gunsten  des  Volkes  zu  schmälern;  beide  beklagten  sie  in  den  März—
tagen,  daß  die  Krone  den  Schein  nicht  mied,  vor  ungesetzlicher  Empörung
sich  zu  beugen.  Der  Revolution  gegenüber  waren  sie  beide  gleich  kampf—
bereit,  gleich  unversöhnlich.  So  fehlte  denn  auch  Bismarck  unter  denen
nicht,  die  schon  auf  dem  Bahnhofe  in  Potsdam  den  Prinzen  von  Preußen
nach  seiner  Rückkehr  aus  England  am  7.  Juli  1848  empfingen.

Hier  aber  trennten  sich  ihre  Wege.  Der  Prinz  war  nicht  als  der—
selbe  aus  England  zurückgekehrt.  Im  lebhaften  Verkehre  mit  den  eng—
lischen  Staatsmännern,  zumal  mit  dem  Prinzgemahl  Albert  und  dessen
väterlichen  Freunde,  dem  vielerfahrenen  Baron  Stockmar,  hatte  er  für
die  deutschen  Freiheitsbestrebungen  regen  Anteil  und  vorurteilsfreies  Ver—
ständnis  gewonnen.  Namentlich  das  Interesse,  das  Preußen  daran  hatte,
sich  an  die  Spitze  dieser  Bewegung  zu  stellen,  erfüllte  ihn  ganz.  Ander—
seits  war  ihm  für  die  Gefahr  und  die  Unlauterkeit  der  Gegenbestrebungen
Esterreichs  der  Blick  geschärft.  In  den  nächsten  Jahren  steht  er  daher
durchweg  auf  der  Seite  derjenigen,  die  dem  Könige,  seinem  Bruder,  zu
entscheidenden  Schritten  in  der  deutschen  Einheitsbewegung  raten.  Denn
schon  damals  erfüllt  ihn  die  Überzeugung,  daß  Osterreich  aus  Deutschland
auszuschließen  und  dies  dann  unter  der  Führung  Preußens  zu  vereinen
sei;  erst  wenn  dies  geschehen,  sei  die  Verbindung  Gsterreichs  mit  Deutschland
  durch  ein  Bündnis  ins  Auge  zu  fassen.

In  dieser  Seit  war  es,  zu  Anfang  1840,  daß  sein  Neffe,  der  junge
Großberzog  Friedrich  Franz  II.  von  Mecklenburg-Schwerin,  der  wie  ein
Sohn  durch  rückhaltloses  Dertrauen  ihm  verbunden  war,  sich  mit  der
Bitte  um  Belehrung  über  die  deutsche  Frage  an  den  fürstlichen  Oheim
wandte.  Der  Hrinz  antwortete  ihm  im  Februar:  „Deine  Bemerkung
über  die  Stellung  Ssterreichs  neben  Deutschland  erscheint  mir  die  ganz
richtige.  Wenn  aber  Esterreich  erklärt,  in  Deutschland  bleiben  zu  wollen,
wird  es  sich  durch  die  Derhandlungen  in  Frankfurt  erst  ergeben,  wie  es
dies  versteht  und  auszuführen  gedenkt,  und  was  die  übrigen  Staaten  dazu
sagen  werden.  Hierzu  wird  freilich  eine  Derständigung  der  Fürsten  nötig
sein.  Ob  ein  Königskollegium  zustande  kommt,  muß  sich  gleichfalls  aus
den  bei  dem  Minister  Camphausen  eingebenden  Vorlagen  ergeben.  Wäre
        <pb n="342" />
        336  Fünstes  Kapitel.

Gsterreich  auf  die  Stellung  eingegangen,  sich  neben  Deutschland  zu  stellen
—  die  ich  als  die  allein  richtige  betrachte  —  so  wäre  es  gewiß  dazu
gekommen,  Dreußen,  wenn  auch  nur  als  Reichsverweser,  vorläufig  zeitlebens,
  dann  später  vielleicht  erblich,  an  die  Spitze  des  engeren  Deutschland
  zu  stellen.  Doch  hätte  dies  auch  wiederum  von  den  Fürsten  abgehangen,
  da  der  König  nur  von  ihnen,  und  niemals  von  der  Nationalversammlung
  eine  solche  Stellung  annehmen  würde.  —  Käme  eine  solche
Mebeneinanderstellung  Deutschlands  und  Csterreichs  noch  zustande,  so  muß
dahin  gestrebt  werden,  daß  ein  so  enges  Bündnis  zwischen  ihnen  erzielt
wird,  daß  sie  zusammen  nach  außen  als  eins  erscheinen  und  in  Bezug  auf
das  ius  belli  et  pacis  in  das  engste,  untrennbarste  Bündnis  treten.  Eine
gegenseitige  Garantie  des  Besitzstandes,  im  Fall  eines  Angriffs,  wäre
wohl  kein  zu  hoher  Hreis  für  eine  solche  Mebeneinanderstellung!  Daß
Esterreich  seine  besondere  Diplomatie  behält,  erscheint  unter  allen  Umständen
  in  der  Natur  der  Dinge  zu  liegen.

„Wenn  ich  soweit  Deine  Fragen  beantwortet  habe,  so  siehst  Du  doch
ein,  daß  es  eigentlich  noch  zu  früh  war,  zu  antworten,  weil  alles  noch
schwankt.“

Der  Brief  ist  ein  Drogramm:  er  zeigt  die  Grundlinien,  nach  denen
sich  damals  der  Prinz  von  Hreußen  die  Lösung  der  deutschen  Frage
dachte.  Aber  der  Tag  von  Glmütz  kam  und  warf  die  Boffnungen  des
Drinzen  weit  zurück.  Ein  zweites  „Jena“  nannte  er  ihn;  sein  patriotisches
  Ehrgefühl  hat  die  Demütigung,  die  das  Abkommen  über  Hreußen
gebracht  hat,  niemals  überwunden.

Soweit  war  der  Orinz  in  seiner  politischen  Entwickelung  Bismarck
vorausgeeilt:  so  klar  war  er  sich  über  die  Siele  der  Sukunft!  Aber  so
günstig  wirkte  die  Schule  in  Frankfurt  auf  Bismarck  ein,  daß  er  binnen
weniger  Jahre  ebenfalls  den  Standpunkt  des  Hrinzen  erreichte.  Als  ein
warmer  Freund  Ssterreichs,  als  ein  Derteidiger  der  historischen  Vormacht—-stellung
  Gsterreichs  in  Deutschland  war  er  im  Mai  1851  nach  Frankfurt
gekommen.  zZetzt  hatte  er  die  reaktionären  Umtriebe  der  äösterreichischen
pHolitik  unmittelbar  vor  Augen;z  jetzt  sah  er,  daß  ihr  Siel  die  Aufrechterhaltung
  der  Ohnmacht  Deutschlands,  die  sstematische  HRerabwürdigung
Dreußens  war.  Wie  Schuppen  fiel  es  ihm  von  den  Augen:  ins  Herz
fühlte  er  sich  getroffen.  An  die  Stelle  der  vollen  Zingabe  trat  mißtrauische
Beobachtung,  die  schnell  in  kräftige  Abwehr  der  österreichischen  Ubergriffe
und  Hergewaltigungsversuche  überging.  Die  Überzeugung  erwuchs  ihm,
daß  der  Gegensatz  der  beiden  deutschen  Großmächte  nur  mit  dem  Schwerte
zu  lösen  sei.  Mit  scharfem  Wort  gab  er  in  seinen  Berichten  ihr  Aus-
        <pb n="343" />
        Deutsche  Politik.  337

druck.  Und  nun  in  Koblenz,  so  oft  er  als  Gast  bei  dem  Prinzen  von
Hreußen  weilte,  begegnete  er  der  gleichen  klaren  Überzeugung,  daß  nur
das  preußische  Schwert  den  Übermut  der  österreichischen  Holitik  zu  brechen
und  die  Uhr  des  Jahrhunderts  auf  die  richtige  Stunde  zu  stellen  vermögen
  würde.  Der  Derkehr  mit  dem  Prinzen  machte  ihn  klarer  und
fester  und  gewann  ihm  dessen  Dertrauen.  Damit  wurde  Bismarck  der
rechte  Mann,  um  einen  besonders  ehrenvollen,  ganz  vertraulichen  Auftrag
  des  Königs  Friedrich  Wilhelm  auszuführen.  Der  König  beauftragte
ihn,  da  Dreußens  Holitik  im  Krimkriege  eine  Derstimmung  und  Erkältung
zwischen  dem  Könige  und  seinem  Bruder  herbeigeführt  hatte,  sich  nach
Baden-Baden  zu  dem  Hrinzen  von  Hreußen  zu  begeben  und  einen  freundlichen
  Ausgleich  der  Spannung  herbeizuführen:  ein  Auftrag,  den  er
ebenso  taktvoll  wie  erfolgreich  ausführte.

Mit  stillen  großen  Sukunftsplänen  für  Hreußen  und  Deutschland
trug  sich  der  Hrinz.  Aber  er  meinte,  daß  es  erst  seinem  Sohne  beschieden
  sein  würde,  sie  zur  Ausführung  zu  bringen,  unter  Hreußens
Führung  Deutschland  die  heiß  ersehnte  Einheit  zu  geben.  Wohl  wußte
er,  daß  Hreußen  für  die  Stunde  der  Entscheidung  gewaltige  unberechenbare
  Kräfte  zur  Derfügung  habe,  wenn  es  entschlossen  an  die  Spitze  der
nationalen  Bewegung  sich  stelle.  Darum  sah  er  die  nächste  und  dringendste
Aufgabe  Hreußens  darin,  in  Deutschland  „moralische  Eroberungen“  —
wie  er  es  nannte  —  zu  machen:  aber  wie  wenig  Herständnis  hatte  man
dafür  in  Berlin!  Da  berief  den  Orinzen  die  Erkrankung  seines  königlichen
  Zruders  von  Koblenz  fort.  Aus  der  Stellvertretung  wurde  die
Regentschaft.  Schon  damals  faßte  er  Bismarck  für  das  Ministerium  der
äußeren  Angelegenheiten  ins  Auge:  aber  er  paßte  nicht  in  die  neue
Ara.  Der  sich  im  Kampfe  gegen  Ssterreich  in  Frankfurt  so  erfolgreich
bewährt,  wurde,  als  der  österreichisch=  französische  Konflikt  ausbrach,  im
Januar  1859  als  Botschafter  an  den  sehr  antiösterreichisch  gesinnten  Hof
von  St.  Hetersburg  gesandt,  wo  er  die  freundlichste  Aufnahme  fand.
Das  Ministerium  erhielt  Herr  von  Schleinitz,  der  die  liebenswürdigsten
Depeschen  schrieb  und  es  sorgsam  vermied,  bei  den  fremden  Mächten
irgendwie  anzustoßen.  Aber  auf  dem  Hrogramm  der  neuen  Ara  stand
die  Reform  des  Deutschen  Zundes.  So  mußte  denn  auch  Schleinitz,  der
öffentlichen  Meinung  genug  zu  thun,  die  schwierige  Frage  anregen;  aber
er  that  es,  vorsichtig  die  Empfindlichkeit  Esterreichs  schonend.  Offenbar
auf  die  Weisung  des  Hrinzregenten;  denn  dem  lag  daran,  bis  die  Zeorganisation
  der  Armee  durchgeführt  wäre,  alle  Derwickelungen  zu  vermeiden.

  In  der  Reorganisation  erst  sah  der  Hrinzregent  nicht  nur  die
Kaiser  Wilhelm.  22
        <pb n="344" />
        338  Fünftes  Kapitel.

von  der  Gerechtigkeit  gebotene  Ausgleichung  der  allgemeinen  Dienstpflicht,
sondern  auch  die  Grundlage,  auf  der  Hreußen,  mit  Entschiedenheit  und
gebührendem  VNachdruck  auftretend,  allein  sich  die  ihm  gebührende  Geltung
unter  den  Staaten  wiederzugewinnen,  zumal  zu  gunsten  Deutschlands  für
Olmütz  mit  Osterreich  mit  Erfolg  abzurechnen  vermögen  würde.

Zu  Anfang  des  Jahres  1861  war  die  Reorganisation  vollendet,
und  im  Sommer  beschied  König  Wilhelm  seinen  St.  Hetersburger  Botschafter
  zu  sich  nach  Zaden-Baden.  Hier  gab  er  ihm  den  Auftrag,  eine
kurze  Denkschrift  über  die  von  Hreußen  einzuhaltende  deutsche  Holitik  zu
entwerfen.  Nach  einigen  Tagen  schon  überreichte  sie  Bismarck  dem
Könige.  Um  so  bereiter  sprach  dieser  seine  Sustimmung  aus,  als  er  ja
in  allen  Kauptpunkten  Bismarck  mit  sich  eins  wußte.  So  kann  man
sagen:  Diese  Denkschrift  ist  das  Drogramm  geworden,  nach  dem  König
Wilhelm  in  so  ruhmreicher  Weise  die  deutsche  Frage  gelöst  hat.

Von  Baden  begab  sich  der  König  nach  Ostende  ins  Seebad.  Hierhin
  begleitete  ihn  der  preußische  Botschafter  in  London,  Graf  Bernstorff.
Es  war  klar,  der  König  wünschte  jetzt  Schleinitz  durch  einen  Minister
des  Auswärtigen  von  größerer  Energie  zu  ersetzen;  denn  die  Seit  zu
festerem  Auftreten  in  der  deutschen  Frage  schien  ihm  gekommen.  Bismarck
oder  Bernstorff  war  ihm  der  kommende  Mann.  Bismarck  hatte  Roons
beim  Könige  sehr  schwer  wiegende  Empfehlung  für  sich;  dennoch  entschied
sich  der  König  für  Bernstorff.  Man  möchte  sagen:  er  wollte  aus  dem
piano  nicht  unvermittelt  ins  forte  übergehen.  Im  Oktober  wurde  Bernstorff
  zum  Alinister  der  auswärtigen  Angelegenheiten  ernannt;  aber  er
hatte  selbst  die  Empfindung,  daß  er  nur  einen  vielleicht  kurzen  Übergang
zu  Bismarck  darstelle.  Wenigstens  ließ  er  den  Botschafterposten  in
London  unbesetzt,  als  wünsche  er  sich  jederzeit  wieder  auf  ihn  zurückziehben
zu  können.

Bismarck  kehrte,  nachdem  er  der  Krönung  des  Königs  in  Hönigsberg
  beigewohnt  und  von  diesem  den  Charakter  eines  Wirklichen  Geheimen
Rates  erhalten,  nach  St.  Hetersburg  zurück.

Das  Bedenken  des  Königs  indes,  daß  Bismarck  nicht  in  das  Ministerium
  der  neuen  Ara  hineinpasse,  fiel  fort,  als  das  Ministerium  Bohenzollern
  im  März  1862  seine  Entlassung  nahm.  Wiederum  war  es  der
Kriegsminister,  der,  aus  dem  alten  in  das  neue  Ministerium  übertretend,
auf  Bismarck  hinwies.  Er  kannte  ihn  seit  langem  und  war  überzeugt,
daß  er  an  ihm  einen  unverzagten  Mitkämpen  für  die  RNeorganisation
gewinnen  würde.  Er  erreichte  auch,  daß  Bismarck  nach  Berlin  beschieden
wurde.  Allein  diesem  lag  durchaus  nichts  an  einem  Ministerposten,  aber.
        <pb n="345" />
        Deutsche  Politik.  339

er  war  entschieden,  seinem  Könige  zu  dienen,  wo  es  auch  sei.  Es  schien
auch  einige  Tage  lang,  als  werde  der  König  ihm  den  Vorsitz  des  Mini—
steriums  übertragen.  Aber  das  Ministerium  Hohenlohe  kam  zustande
ohne  Bismarck;  dieser  wurde  vielmehr  als  Botschafter  an  den  Tuilerien=Hof
  versetzt.

Indes  nur  kurze  Zeit  blieb  Bismarck  dort.  Er  hielt  seine  feierliche
Auffahrt  bei  Hofe,  hatte  einige  Tage  später  eine  Privat-Audienz  bei
Kaiser  VNapoleon,  in  der  dieser  sich  sehr  freundlich  über  seine  Verehrung
für  König  Wilhelm  und  sein  Herhältnis  zu  Dreußen  aussprach.  Dann
nahm  Bismarck  Urlaub,  um  auf  Reisen  in  Süd-Frankreich  und  NWord-Spanien
  abzuwarten,  was  ihm  weiter  beschieden  sei.  Seine  Familie  war
überhaupt  auf  dem  Gute  Reinfeld  in  Hommern  zurückgeblieben.

Er  brauchte  nicht  lange  zu  warten.  Schon  um  die  Mitte  des  September
  war  mit  zweifelloser  Deutlichkeit  zu  erkennen,  wie  die  Abstimmung
des  Abgeordnetenhauses  über  die  Reorganisation  und  das  ganze  Budget
ausfallen  würde.  Dann  war  der  Konflikt  zwischen  der  Regierung  und
dem  Hause  da,  dem  Fürst  Hohenlohe  nicht  standhalten  würde.  „Die
Birne  ist  reif!“  telegraphierte  Roon  nach  Daris.  Aber  Bismarck  war
noch  nicht  von  seiner  Urlaubsreise  dorthin  zurückgekehrt.  Als  daher
keine  Antwort  kam,  telegraphierte  er  am  18.  September  nochmals  dorthin:
  „Periculum  in  mora.“  Am  Morgen  des  Tages  war  Bismarck  dort
eingetroffen;  am  nächsten  Morgen  saß  er  schon  wieder  im  Eisenbahnzuge.
In  Frankfurt  am  Abend  begrüßte  ihn  Roon,  der  ihm  voll  Ungeduld
entgegengefahren  war;  und  vereint  machten  sie  nun  die  nächtliche  Fahrt
nach  Berlin,  ohne  ein  Auge  zu  schließen.  Denn  das  drohende  Geschick
des  Daterlandes  bewegte  ihre  Berzen  in  der  Tiefe.  Drei  Tage  später
war  Bismarck  zum  Ministerpräsidenten  ernannt.

Kein  Sweifel,  daß  damit  der  Tag  der  Auseinandersetzung  mit  Esterreich
  nahegerückt  war.  Don  Wichtigkeit  war  es  daher,  daß  der  preußische
Ministerpräsident  diejenigen  beiden  Großmächte,  mit  welchen  Hreußen
bei  einem  Konflikte  mit  Osterreich  vornehmlich  zu  rechnen  hatte,  ihre
inneren  Verhältnisse,  die  maßgebenden  Persönlichkeiten,  die  Umgebung
des  sehr  wohlgesinnten  Zaren  sowohl  wie  des  undurchdringlichen  Fran—
zosenkaisers  aus  eigener  Beobachtung  kannte.  Aber  ungleich  wichtiger
war  es  doch  noch,  daß  er  in  sein  hohes  Amt  eine  unerschütterliche  und
#opferbereite  Königstreue,  die  lauterste  Daterlandsliebe,  weiten  Blick,  reiche
Erfahrung  und  schöpferische  Genialität  in  der  rechten  Auffindung  der
rechten  Mittel  mitbrachte.  Dazu  kam  ein  frischer  Mut  der  Initiative,
eine  durch  nichts  zu  ermüdende  Beharrlichkeit,  eine  oft  geradezu  ver-227
        <pb n="346" />
        340  Fünftes  Kapitel.

blüffende  Offenheit  und  eine  ganz  eigenartige  Rednergabe.  Es  war  ein
wahrhaft  heroisches  Bild,  wenn  die  reckenhafte  Gestalt  im  Abgeordnetenhause
  am  Ministertische  sich  erhob  und,  die  Rede  bald  mit  einer  fesselnden
  Frische  des  Ausdrucks,  bald  mit  schlagendem  Dergleiche  belebend,
bald  wieder  zur  packenden  Sentenz  sie  zuspitzend,  mit  wuchtigem,  gedankenschwerem
  Wort  oder  mit  ätzender  Ironie  auf  den  Gegner  eindrang.

Freilich  der  Fortschrittspartei  galt  Bismarck  noch  immer  als  der
„märkische  Junker“;  sie  hatte  keine  Abnung  von  der  tiefgreifenden  Wandlung,
  die  sich  in  Frankfurt  in  ihm  vollzogen;  sie  beurteilte  den  Minister
von  1862  nach  den  Zeden,  die  der  Abgeordnete  des  Dereinigten  Landtags
  gehalten.  „Diesem  Winisterium  keinen  Mann  und  keinen  Groschen!“
war  ihre  Harole.  So  glitten  denn  auch  die  Mahnungen,  die  der  König
an  das  im  Januar  1863  wieder  zusammentretende  Abgeordnetenhaus
richtete,  völlig  wirkungslos  ab.  „Das  Werk  der  Derständigung  ermöglicht
  zu  sehen“,  sagte  er,  „ist  Meinem  HBerzen  ein  Bedürfnis,  Meinem
BHerzen,  dessen  einziges  Derlangen  darauf  gerichtet  ist,  das  Wohl  des
preußischen  Volkes  zu  fördern  und  dem  Lande  die  Stellung  zu  erhalten,
die  eine  glorreiche  Geschichte  durch  treues  Susammengehen  von  König
und  Dolk  demselben  angewiesen  hat.“  Das  Abgeordnetenhaus  verlangte
einen  Minister=  und  Spstemwechsel  und  verwarf,  um  den  König  zu  zwingen,
das  ganze  Budget  für  1863.  Der  König  aber  bielt  fest  an  den  Kronräten
  seiner  Wahl  —  als  Finanzminister  war  Berr  von  Bodelschwingh
eingetreten;  an  Berrn  von  Jagows  Stelle  trat  als  Minister  des  Innern
Graf  Friedrich  Sulenburg,  in  dem  Bismarck  einen  rüstigen  und  unermüdlichen
  Mitstreiter  gewann.  Es  war  ein  Nabinett  von  gleichmäßiger,

streng  konservativer  Richtung,  in  dem  —  nach  dem  treffenden  Scherzworte
  des  Drinzen  Wilhelm  von  Baden  —  der  König  der  liberalste
Mann  war.

Das  Ende  war,  daß  das  Abgeordnetenhaus  aufgelöst  wurde.  Nun
aber  erhob  sich  die  schon  längst  auf  das  äußerste  erregte  fortschrittliche
Dresse  zu  so  zügellosen  Angriffen  auf  Regierung  und  HBerrenhaus,  daß
es  notwendig  schien,  ihren  Verhetzungen  und  Derleumdungen  einen  Sügel
anzulegen.  Am  I.  Juni  erschien  daher  eine  königliche  Derordnung,  welche
die  Oresse  unter  die  Aufsicht  der  VDerwaltung  stellte  und  dieser  das  Recht
gab,  nach  mehrmaliger  Derwarnung  das  Forterscheinen  einer  Seitung  zu
verbieten.  Moch  während  die  Angelegenheit  im  Ministerrate  verhandelt
wurde,  hatte  der  Kronprinz,  eben  erst  aus  dem  Süden  zurückgekehrt,
auf  das  Gefährliche  einer  solchen  Maßregel  hingewiesen  und,  da  er  selbst
zu  einer  militärischen  Inspektion  sich  nach  GOstpreußen  begeben  mußte,
        <pb n="347" />
        Deutsche  Politik.  341

brieflich  seinen  königlichen  Vater  gebeten,  von  dem  Erlaß  dieser  Hreß-=ordonnanzen
  Abstand  zu  nehmen.  Allein  der  König  ließ  sich  in  dem,
was  er  für  notwendig  hielt,  nicht  beirren.  Sobald  nun  aber  die  Ver—
ordnung  erschienen  war,  schrieb  der  Kronprinz  nochmals  an  den  König:
aus  tiefster  Überzeugung  müsse  er  gegen  die  Ordonnanz  Protest  einlegen,
obwohl  er  wisse,  daß  er  damit  seinem  königlichen  Vater  Schmerz  bereite.
Zugleich  lehnte  er  in  einem  scharfen  an  Bismarck  gerichteten  Schreiben

W

Ministerprüsident  Otto  von  Viomarchk-Schönhaufen  (um  1863).

jede  Verantwortlichkeit  für  die  Maßregel  ab.  In  Danzig  nun  war  es,
wo  am  5.  Juni  aus  der  Begrüßungsrede  des  Oberbürgermeisters  von
Winter  neben  der  herben  Verstimmung  über  die  Maßregel  die  Mahnung
entgegentrat,  seine  wahre  Stellung  der  Welt  darzuthun.  In  tiefer  Bewegung
  antwortete  der  Kronprinz:  „Ich  habe  keinen  Anteil  an  den
Ratschlägen  gehabt,  die  zu  dem  Zerwürfnis  geführt  haben.  Ich  war
abwesend.  Aber  wir  alle  und  ich  am  meisten,  der  ich  die  edlen  landesväterlichen
  Intentionen  und  die  hochherzigen  Gesinnungen  Seiner  Moajestät
des  Königs  am  besten  kenne,  wir  alle  haben  die  Suversicht,  daß  Hreußen
unter  dem  Septer  Seiner  Majestät  der  Größe  sicher  entgegengeht,  die
        <pb n="348" />
        342  Fünftes  Kapitel.

ihm  die  Vorsehung  bestimmt  hat.“  Was  sollte  der  König  thund  Konnte
er  es  zulassen,  daß  der  Thronerbe  sich  so  von  seiner  Oolitik  trennte.
Der  alte  Feldmarschall  von  Wrangel  war  bereit,  den  Kronprinzen  auf
eine  Festung  zu  führen;  aber  der  König,  dem  einzigen  Sohne  in  inniger
Liebe  zugethan,  begnügte  sich  damit,  ihm  einen  Derweis  zu  erteilen.
Allein  der  Kronprinz  entgegnete,  daß  er  bei  seinen  Anschauungen  verharren
  müsse  und  bereit  sei,  die  Konsequenzen  derselben  zu  tragen.  Der
König  jedoch  ließ  mit  der  Mahnung,  daß  der  Kronprinz  fernerhin  öffentliche
  Kundgebungen  politischer  Art  unterlassen  möge,  die  Sache  auf  sich
beruhen.))  Auf  jeden  Fall  indessen  trug  das  Auftreten  des  Kronprinzen
sehr  wesentlich  dazu  bei,  daß  die  Hreßordonnanzen  bald  wieder  zurückgenommen
  wurden.

Wohl  hätte  man  erwarten  dürfen,  daß  durch  den  bis  zur  äußersten
Schärfe  sich  steigernden  Konflikt  zwischen  der  Regierung  und  dem  Abgeordnetenhause,
  der  bis  zu  Versuchen,  die  Minister  der  Disziplinargewalt
des  Kammerpräsidiums  zu  unterwerfen,  ja  bis  zu  persönlichen  Beleidigungen
  der  Minister  und  zu  der  Erklärung  des  Rauses  gedieh,  daß  es
jede  Mitwirkung  zur  Holitik  der  Regierung  nach  innen  wie  nach  außen
ablehne:  daß  unter  diesen  Umständen  die  Thatkraft  der  preußischen  Regierung
  erlahmt  wäre.  In  kurzsichtiger  Harteinahme  für  das  Abgeordnetenhaus
  strich  auch  der  Nationalverein  „die  preußische  Spitze“  fortan
aus  seinem  Drogramm.  Allein  das  Gegenteil  geschah:  fest  und  bestimmt,
wie  seit  Jahren  nicht,  trat  die  Regierung  an  die  Aufgaben  heran,  die
zumal  in  den  deutschen  Dingen  ihrer  Lösung  harrten.

„Die  Welt  muß  wissen,  daß  Hreußen  überall  das  Recht  zu  schützen
bereit  ist!“  hatte  der  Hrinzregent  am  8.  Wovember  1858  als  seinen
Grundsatz  den  neu  ernannten  Ministern  ausgesprochen.  Seit  langem
schon  gab  Kurhessen  die  Mahnung  ihn  zu  bewähren.  Hier  hatte  der
Kurfürst  Friedrich  Milhelm  unter  dem  Schutze  des  wiederhergestellten
Bundestages  die  liberale  Derfassung  des  Jahres  185|  beseitigt  und  1852
eine  stark  reaktionäre  oktropiert.  Jahrelang  ertrugen  die  Hessen  das  Willkürregiment
  des  Kurfürsten,  die  Mißwirtschaft  seines  reaktionären  Ministers
Rassenpflug.  Sndlich  1857  wandten  sich  die  beiden  Kammern  des  Kurfürstentums
  Beschwerde  führend  an  den  Zundestag.  Sofort  that  Hassenpflug
  seinen  Gegenzug:  er  reichte  eine  Reihe  sogenannter  Derbesserungsvorschläge,
  die  das  Land  erst  recht  in  Fesseln  schlugen,  beim  Bundestage
ein  und  erbat  nun  für  die  so  verbesserte  Derfassung  die  Garantie  des

*)  Hersönliche  Mitteilung  des  Kronprinzen.
        <pb n="349" />
        Deutsche  Politik.  343

Bundes.  Dieser  war  auch  des  Willens,  mit  einigen  Zllodifikationen  sie
zu  gewähren.  Allein  dagegen  erklärte  sich  Herr  von  Usedom,  der  preußische
Bundestagsgesandte:  der  beabsichtigte  Beschluß  des  Bundestages  sei  eine
Kompetenzüberschreitung  desselben  und  deshalb  zurückzuweisen;  vielmehr
verlange  das  Recht,  die  kurbessische  Derfassung  von  1851  wieder  herzustellen.
  Dies  war  freilich  dem  damaligen  TLeiter  der  auswärtigen  Angelegenheiten,
  Herrn  von  Schleinitz,  viel  zu  kühn;  aber  der  Hrinzregent
beschied  Usedom  zu  sich  nach  Baden-Baden  und  faßte  nach  einer  eingehenden
  Unterredung  mit  ihm,  an  der  auch  Herr  von  Bismarck,  damals
preußischer  Botschafter  am  russischen  Zofe,  teilnahm,  den  Entschluß,  für
das  kurhessische  Perfassungsrecht  einzutreten.  Gsterreich  wurde  mit  dem
Bedeuten  zur  Mitwirkung  eingeladen,  daß  Dreußen  auch  im  Falle  einer
Ablehnung  die  nötigen  Schritte  zu  thun  gedenke.  Das  machte  gewaltigen
Eindruck  in  Deutschland;  überall  sprach  sich  die  liberale  Hartei  in  Seitungen
  wie  Adressen  für  die  gute  Sache  der  Kurhessen  aus;  ganz  Kurhessen
  aber  pries  Dreußen  als  den  Erlöser  aus  der  Schmach  und  dem
Druck  der  Rechtlosigkeit.  Das  war  der  erste  Schritt,  den  Hreußen  auf
der  Bahn  nationaler  Holitik  that:  sein  Erfolg  auf  die  Stimmung  in
Deutschland  war  über  Erwarten  glänzend,  aber  der  thatsächlichen
Durchführung  stellten  Schwierigkeiten  über  Schwierigkeiten  sich  entgegen.
Osterreich  konnte  nicht  zu  der  gleichen  Bochherzigkeit  wie  Hreußen  sich
erheben;  die  deutschen  Fürsten  waren  sehr  verstimmt  und  der  Bundestag.
glaubte  Herr  der  Sachlage  zu  bleiben,  wenn  er  Hreußen  vor  eine  vollendete
  Thatsache  stellte.  Am  24.  März  1860  erteilte  er  mit  wenigen
Abänderungen  der  kurhessischen  Derfassung  die  Garantie  des  Zundes.
Tachdrücklich  legte  Dreußen  gegen  diesen  Beschluß  Hrotest  ein  und  erklärte
  ihn,  da  er  eine  Kompetenzüberschreitung  in  sich  schlösse,  für  null
und  nichtig.  Der  Kurfürst  von  Hessen  indes  kehrte  sich  daran  nicht,
sondern  verkündigte  diese  vom  Bunde  garantierte  Derfassung  am  30.  Mai
1860  in  seinem  Lande  als  rechtsbeständig.

Unterdessen  hatte  sich  Gsterreich  aber  doch  dem  preußischen  Standpunkte
  mehr  genähert.  Dereint  stellten  die  beiden  Großmächte  daher  beim
Bundestage  den  Auntrag,  den  Kurfürsten  zu  veranlassen,  daß  er  unter
Beseitigung  dieser  Derfassung  von  1860  die  einzig  rechtmäßige  von  1851
wieder  in  Wirksamkeit  setze.  Der  Bundestag  zögerte,  einen  solchen  Beschluß,
  welcher  der  früheren  Abstimmung  völlig  zuwider  lief,  zu  fassen,
so  daß  der  Kurfürst  am  Bundestage  einen  Rückhalt  gewonnen  zu  haben.
glaubte.  Er  befahl  daber  seinem  Lande  durch  die  Wahlverordnung  vom
26.  April  1862  kurzweg,  die  oktrovierte  Derfassung  von  1860  anzuerkennen.
        <pb n="350" />
        344  Fünftes  Kapitel.

Das  war  dreist.  Konnte  König  Wilbelm  ein  solches  Derfahren  sich
bieten  lassen?  Mit  einem  eigenhändigen  Randschreiben  entsandte  er  seinen
Generaladjutanten,  den  General  von  Willisen,  nach  Kassel  und  kündigte
dem  Kurfürsten,  wenn  er  nicht  jene  Wahlverordnung  zurücknähme,  den
Abbruch  der  diplomatischen  Beziehungen  an.  Der  Kurfürst,  aufs  höchste
entrüstet  über  diesen  Eingriff  in  seine  Rechte,  wie  er  meinte,  ließ  den
preußischen  Abgesandten  bis  zur  Unhäflichkeit  lange  in  dem  Dorzimmer
warten,  dann  nahm  er  den  Brief  entgegen,  warf  ihn,  ohne  ihn  zu  öffnen,
mit  verächtlicher  Handbewegung  auf  einen  Seitentisch  und  fuhr  den
General  mit  groben  Worten  an,  als  dieser  seinen  Auftrag  ankündigte.
„Sehr  sonderbar",  sagte  der  Kurfürst  in  höchst  gereiztem  Tone,  „daß  der
König  von  Hreußen  solche  Schritte  in  einem  andern  Lande  kritisieren  will;
wird  aber  in  seinem  eigenen  Lande  bald  viel  Schlimmeres  thun  müssen.“
Mochmals  wies  Willisen  darauf  hin,  daß  es  die  Absicht  des  Königs  sei,  im
Falle  der  Ablehnung  den  diplomatischen  Verkehr  mit  Kurhessen  abzubrechen.
„Ich  kann  den  König  nicht  hindern“,  erwiderte  der  Kurfürst  trotzig,
„aber  es  ist  doch  ein  sonderbares  Derfahren,  Gesandte  abberufen,  weil  in
inneren  Fragen  im  Wachbarland  nicht  alles  geschieht,  was  man  vorschreibt."“

Unmittelbar  danach  setzte  auch  der  Bundestag  die  bessische  Wahlverordnung
  außer  Kraft.  Zedoch  nicht  im  geringsten  änderte  der  Kurfürst
  seine  Baltung.  Da  befahl  König  Wilhelm  das  4.  (sächsische)  und
7.  (westfälische)  Armeecorps  in  Warschbereitschaft  zu  setzen  und  forderte
  als  Sühne  für  den  beleidigenden  Empfang  seines  Gesandten  die
sofortige  Entlassung  der  kurhessischen  Minister.  Mit  der  Hand  am
Schwerte  stellte  Hreußen  sein  Ultimatum.  Noach  wenig  Tagen  schon  war
der  Beschluß  des  Bundestages  auf  Herstellung  der  Derfassung  von  1831
in  Bessen  fertig  und  das  kurfürstliche  Ministerium  verabschiedet.  Kurhessen
  hatte  seinen  Rechtsfrieden  wieder  —  aber  doch  nur  auf  kurze
Seit.  Wohl  war  die  Derfassung  von  1851  eingeführt;  durch  Anderung
des  Wahllgesetzes  indes  suchte  der  Kurfürst  ein  Gegengewicht  zu  schaffen.
Der  LCandtag  wurde  berufen  und  nur  der  Entwurf  des  neuen  Wallgesetzes
  ihm  vorgelegt.  Er  protestierte  gegen  die  Sumutung,  dies  Gesetz
anzunebmen,  verlangte  vielmehr  der  Derfassung  entsprechend  die  rechtzeitige
  Dorlage  des  Budgets.  Dieser  Forderung  stimmten  die  im  Wai
berufenen  Minister  zu.  Der  Kurfürst  war  außer  sich:  auf  der  Stelle  entließ
  er  das  Ministerium  und  vertagte  am  20.  Movember  den  TLandtag
auf  unbestimmte  Seit.

Das  hieß  der  Rechtsordnung,  die  Dreußen  im  Mai  hergestellt  hatte,
offen  Hohn  sprechen.  An  Hreußen  wandten  sich  daher  die  Bäupter
        <pb n="351" />
        Deutsche  Politik.  345

der  verfassungstreuen  Partei  in  Hessen  mit  ihrem  Hilferuf.  Und  König
Wilhelm  hielt  seine  Hand  über  sie.  Schon  am  24.  November  sandte
Bismarck,  da  der  diplomatische  Verkehr  abgebrochen  war,  durch  einen
Feldjägerleutnant  eine  Note  mit  der  Erklärung  nach  Kassel,  daß  Preußen,
falls  der  Kurfürst  in  seiner  Willkür  beharre,  sofort  mit  dessen  Agnaten
die  nötigen  Derhandlungen  einleiten  werde.  Was  konnten  diese  Derhandlungen
  anders  als  die  Absetzung  des  Kurfürsten  zum  Siel  habend?
Und  konnte  der  Kurfürst  bei  dem  Derhältnis,  wie  er  und  seine  Agnaten
zu  einander  standen,  auch  nur  einen  Augenblick  zweifeln,  daß  der  Familienrat
  nicht  obne  Genugthuung  auf  der  Stelle  die  Regierungsunfähigkeit
seines  Kauptes  aussprechen  würded  In  ohnmächtigem  Grimme  unterwarf
  er  sich  daher  der  Forderung  des  Königs,  berief  Landtag  und
Ministerium  zurück  und  versuchte  fürs  erste  keinen  Anstoß  weiter  zu  geben.

Mit  der  gleichen  Entschiedenheit  ging  Hreußen  auch  in  der  Sollvereins-Frage
  vor.  Längst  waren  die  Sachverständigen  sich  darin  einig,
daß  der  Solltarif,  vor  50  Jahren  aufgestellt,  den  bestehenden  Derhältnissen
  nicht  mehr  entspreche.  Er  mußte  also  mit  dem  Ende  der  Sollvereinsverträge
  (51.  Dezember  1865)  erheblichen  Anderungen  unterzogen
werden.  Nachdem  nun  aber  England  und  Frankreich  1860  einen  Handelsvertrag
  miteinander  geschlossen  hatten,  der  für  England  den  Übergang
zum  Freihandelssvstem,  für  Frankreich  sehr  bedeutende  Erleichterung  des
internationalen  Verkehrs  bedeutete,  regte  Kaiser  Napoleon  bei  König
Wilhelm  den  Abschluß  eines  HBandelsvertrages  mit  gleicher  Tendenz
zwischen  dem  deutschen  Sollvereine  und  Frankreich  an.  Die  daraufhin  begonnenen
  Derhandlungen  führten  indes  anfangs  zu  keinem  befriedigenden
Ergebnis,  so  daß  Hreußen  den  übrigen  Regierungen  des  Sollvereins  vorschlug,
  einen  neuen  Solltarif  unter  Ermäßigung  der  Eingangszölle  selbst
aufzustellen  und  die  Wohlthaten  desselben  allen  Tationen  zu  teil  werden
zu  lassen,  welche  die  deutschen  Erzeugnisse  ebenso  günstig  wie  die  einer
andern  Nation  behandelten.  Fast  ohne  Ausnahme  stimmten  die  Regierungen
  diesem  Dorschlage  zu.

Mun  mischte  sich  aber  Gsterreich  in  die  Verhandlungen,  die  dadurch
das  völlig  veränderte  Antlitz  einer  politischen  Frage  erbielten.  Beim
Abschlusse  des  Sollvereinsvertrages  vom  Jahre  1855  war  der  Abschluß
eines  Dertrages  zwischen  dem  Sollverein  und  Esterreich  in  unbestimmte
Anssicht  genommen  worden.  1860  schlug  nun  sterreich  vor,  diesen
Dertrag  anzubabnen,  während  Hreußen  ihn  bei  der  allzu  großen  Ver—
schiedenheit  des  Kulturstandes  beider  Sollgebiete  von  vornherein  für
undurchführbar  erklärte.  Gleichwohl  suchte  Gsterreich  1861  die  preußisch-
        <pb n="352" />
        346  Fünftes  Kapitel.

französischen  Unterhandlungen  als  nachteilig  für  die  mit  Gsterreich  in
Aussicht  genommene  Solleinigung  zu  hindern.  Im  Hintergrunde  lag
dabei  die  stille  Boffnung,  den  deutschen  Sollverein  zu  sprengen.  Denn
ließ  sich  nicht  erwarten,  daß  die  GEsterreich  stets  zugeneigten  deutschen
Mittelstaaten  auch  auf  dem  kommerziellen  Gebiete  seiner  Führung  willig
folgen  würden  d  Durch  schnelles  RKandeln  suchte  Hreußen  indes  der  Gefahr
  zu  begegnen.  Graf  Bernstorff  brachte  einen  kräftigen  Zug  in  die
Derhandlungen  mit  Frankreich,  und  am  20.  März  1862  wurde  in  Berlin
der  Bandelsvertrag  zwischen  Hreußen  und  Frankreichk  abgeschlossen.

Dagegen  aber  erhob  nun  Esterreich  Hrotest:  es  erklärte  das  Abkommen
  von  1855  für  verletzt,  da  in  dem  französisch-preußischen  Dertrage
die  Sollsätze  so  niedrig  gestellt  wären,  daß  Gsterreich  sie  ohne  schwere
Schädigung  seiner  eigenen  Industrie  nicht  annebmen  könne.

Die  Frage  war:  wie  würden  sich  dazu  die  anderen  Sollvereins-=staaten
  stellend  Auf  den  Einspruch  Esterreichs  antworteten  in  übereinstimmendem
  Sinne  Hreußen  und  auch  Sachsen,  das  aus  Rücksicht  auf  seine
hoch  entwickelte  Industrie  bei  aller  sonstigen  Abneigung  gegen  Hreußen
jetzt  die  österreichische  Gefolgschaft  sofort  fahren  ließ.  Die  Rücksicht  auf
die  österreichische  Industrie,  führten  sie  aus,  wie  sie  Esterreich  verlange,
sei  gerade  der  Beweis,  daß  eine  Sollvereinigung  im  Sinne  des  Abkommens
  von  1855  für  absehbare  Seit  nicht  ausführbar  sei;  übrigens
lasse  dies  Abkommen  auch  jedem  Beteiligten  volle  Freiheit.  Sachsen  also
trat  dem  preußisch-französischen  Zandelsvertrage  bei;  schnell  folgten  ihm
die  thüringischen  Staaten,  sowie  Baden  und  Gldenburg.  Allein  nochmals
trat  Gsterreich  dazwischen.  Es  verlangte  unter  Beibehaltung  des  bisherigen
  Solltarifs  die  Aufnahme  Gesamt-Gsterreichs  in  den  deutschen
Sollverein  und  dann  die  Ermächtigung  für  Esterreich  und  Hreußen,  gemeinschaftlich
  mit  Frankreich  und  England  über  Bandelsverträge  zu  unterhandeln.
  Konnte  Hreußen  darauf  eingebend  Die  Beibehaltung  des
bisherigen  Tarifs  war  mit  dem  Interesse  der  deutschen  Industrie  völlig
unvereinbar.  Hreußen  lehnte  daher  den  Antrag  Esterreichs  rundweg  ab,
bot  aber  den  süddeutschen  Staaten,  um  ihnen  den  Beitritt  zu  dem
preußisch-französischen  Dertrage  zu  erleichtern,  den  Fortfall  der  bisherigen
Übergangsabgabe  für  Wein  an,  den  diese  seit  langem  erstrebten.

Auf  das  lebhafteste  war  durch  diese  Derhandlungen  die  öffentliche
Meinung  in  Deutschland  in  Bewegung  gesetzt.  Der  Handelsstand  wie
die  Industrie  erkannten  das  Sweckmäßige,  das  ihnen  der  preußisch-französische
  Randelsvertrag  in  Aussicht  stellte.  Selbst  die  Landesvertretungen
sprachen  sich  in  den  meisten  Sollvereinsstaaten  in  scharfem  Gegensatze  zu
        <pb n="353" />
        Deutsche  Politik.  347

den  Regierungen  für  den  Vertrag  aus.  Auch  der  in  München  im
Oktober  1862  versammelte  deutsche  Handelstag  nahm  nach  heißer  Debatte
eine  Resolution  des  Inhalts  an,  daß  das  schleunige  Zustandekommen  des
Vertrags  nicht  in  Frage  gestellt  werden  dürfe.  Damit  war  der  Sieg  des
Randelsvertrages  in  der  öffentlichen  Meinung  Deutschlands  vollkommen
entschieden,  und  die  ihm  abgeneigten  Regierungen  sahen  sich  im  eigenen
Lande  durch  die  Vertreter  der  Handels-  und  Fabrikinteressen  sowie  durch
die  allgemeine  Volksstimmung  gedrängt.

Aber  freilich  der  Widerstand  der  Preußen  abgeneigten  Staaten  ruhte
viel  mehr  auf  politischen  als  auf  kommerziellen  Gründen;  mit  Gsterreich
in  nähere  Derbindung  zu  kommen,  war  ihr  Siel.  Hreußen  begegnete
dem  durch  die  Erklärung,  die  es  zunächst  an  die  süddeutschen  Königreiche
richtete,  daß  es  eine  Ablehnung  des  französischen  Dertrages  als  den  Ausdruck
  des  Willens  auffassen  müsse,  den  Sollverein  mit  Hreußen  nicht
fortzusetzen:  eine  Entschiedenheit,  deren  volle  Billigung  das  Abgeordnetenhaus
  trotz  seines  Konfliktes  mit  der  Regierung  mit  255  gegen  26  Stimmen
aussprach.  Uberhaupt  blieb  Hreußen  dabei  stehen,  daß  es  die  Sicherung
des  Sollvereins  als  die  Doraussetzung  für  alle  Derhandlungen  mit  GEsterreich
  ansähe.  Nach  Alöglichkeit  verzögerten  die  widerstrebenden  Staaten
ihre  Antwort  und  verschleppten  die  Derhandlungen.  Allmählich  indes
trat  einer  nach  dem  andern  zu  Hreußen  über,  bis  endlich  als  die  letzten
—  am  I2.  Oktober  1864  —  auch  Bapern,  Württemberg,  Bessen-Darmstadt
und  Nassau  folgten.  Damit  war  der  Sollverein  auf  Grund  des  deutschfranzösischen
  Handelsvertrages  auf  fernere  12  Jahre  erneuert,  sein  Eintritt
  in  das  System  der  westeuropäischen  Derträge  vollendet.  Drei  Jahre
lang  hatte  der  Kampf  die  öffentliche  Meinung  beschäftigt  und  Diplomaten
und  Hresse  in  Atem  erhalten.  Jetzt  war  er  glücklich  zu  Ende  geführt.
Hreußen  hatte  gesiegt,  weil  es  sich  auf  die  aufgeklärte  Überzeugung  des
preußischen  und  deutschen  Dolkes  stützte  und  in  ÜUbereinstimmung  mit  der
öffentlichen  Akeinung  befand.  Dagegen  war  der  cbochfliegende  Plan
Gsterreichs  auf  Berstellung  des  Siebzig-Millionen-Reiches  in  weitere  Ferne
denn  je  gerückt.  Die  Macht  der  Kabinette  hatte  dem  Kaiserstaate  nicht
mehr  zum  Siege  zu  verhelfen  vermocht;  man  begriff,  daß  die  gerade  von
Gsterreich  so  lange  verachtete  und  unterdrückte  öffentliche  Meinung  eine
Macht  geworden  war,  und  das  deutsche  Volk  lernte  wieder  einmal,  daß
es  von  Esterreich  nichts  zu  erwarten  habe.

Auf  die  zeitweilig  während  dieser  Derhandlungen.,  hervortretende
Verstimmung  Ssterreichs  hatte  Hreußen  durch  die  Anerkennung  des
Königreichs  Italien  geantwortet,  was  sofort  die  freundlichsten  Beziellungen
        <pb n="354" />
        348  Fünftes  Kapitel.

mit  dem  neu  erstandenen  Reiche  zur  Folge  hatte.  Auch  die  alte  Freund—
schaft  mit  Rußland  bestand  ohne  Wanken.  Durch  die  „Punktation“  vom
8.  Februar  1865  verband  sich  Preußen  mit  dem  Zarenreiche  zur  Unterdrückung
  des  damals  eben  ausgebrochenen  polnischen  Aufstandes  durch
gemeinsame  Maßregeln.  Endlich  waren  auch  die  guten  Beziehungen  zu
Frankreich  durch  den  Handelsvertrag  nur  noch  befestigt  worden.  So  war
die  Stellung  Preußens  so  günstig,  wie  sie  nur  sein  konnte.  Zu  allen
Großmächten  des  Kontinents  stand  es  in  dem  freundlichsten  Verhältnis.
Seine  Widersacher  hatte  es,  Gsterreich  voran,  nur  in  Deutschland.  Was  ließ
sich  da  für  die  Rohen  Jdeen  König  Wilbelms  von  einer  naturgemäßen
eugestaltung  der  Derhältnisse  des  Deutschen  Bundes  für  ein  Erfolg  erwartend

Durch  offene  Aussprache  suchte  Bismarck,  mit  seinem  königlichen
Berrn  darin  sich  völlig  eins  wissend,  den  Boden  zu  ebenen.  Er  führte
(am  4.  Dezember  1862)  dem  Grafen  Karolvi,  dem  österreichischen  Botschafter
  in  Berlin,  eindringlich  zu  Gemüte,  daß,  wenn  Gsterreich  fortfahre,
in  den  in  der  Machtsphäre  Hreußens  liegenden  deutschen  Staaten  einen
zur  Opposition  gegen  Hreußen  aufstachelnden  Einfluß  mit  Erfolg  geltend
zu  machen,  es  sich  dadurch  die  Sympathie  Hreußens  entfremden  würde.
Demnach  sei  es  „ein  gefährlicher  Irrtum“  für  Gsterreich  anzunehmen,
daß  in  einem  für  Esterreich  gefährlichen  Kriege  unter  allen  Umständen
die  beiden  deutschen  Großmächte  sich  als  Zundesgenossen  finden  würden.
Hielmehr  sei,  sollten  die  Derhältnisse  beider  Staaten  sich  nicht  bessern,  ein
Bündnis  Hreußens  mit  einem  Gegner  Ssterreichs  ebenso  wenig  ausgeschlossen,
  wie  im  entgegengesetzten  Falle  eine  treue  und  feste  Derbindung
beider  Mächte  gegen  gemeinschaftliche  Feinde.  Esterreich  habe  also  die
Wabl,  seine  gegenwärtige  antipreußische  Holitik  mit  dem  Stützpunkte  einer
mittelstaatlichen  Koalition  fortzusetzen  oder  eine  ehrliche  Derbindung  mit
Dreußen  zu  suchen.  Diese  aber  könne  nur  durch  das  Aufgeben  der
Hreußen  feindlichen  Thätigkeit  Gsterreichs  an  den  deutschen  Böfen  gewonnen
  werden.  Die  ganze  Behandlungsweise  Hreußens  von  seiten  des
Wiener  Kabinetts  scheine  auf  der  Doraussetzung  zu  beruhen,  daß  Hreußen
mehr  als  irgend  ein  anderer  Staat  auswärtigen  Angriffen  ausgesetzt  sei,
gegen  welche  es  fremder  Hilfe  bedürfe,  und  daß  es  sich  deshalb  von
seiten  der  Staaten,  von  denen  es  solche  Rilfe  erwarten  könne,  eine  rücksichtslose
  Behandlung  gefallen  lassen  müsse.  Die  Aufgabe  einer  preußischen
Regierung,  der  die  Interessen  des  königlichen  Hauses  und  des  eigenen
Landes  am  Herxzen  liege,  werde  es  daher  sein,  das  Irrtümliche  jener
Doraussetzung  durch  die  That  nachzuweisen,  wenn  man  ihren  Worten
und  Wünschen  keine  Beachtung  schenke.
        <pb n="355" />
        Deutsche  Politik.  349

Allein  die  Warnung  war  in  den  Wind  gesprochen.  sterreich,  die
Kräfte  Preußens  weit  unterschätzend,  blieb  auf  dem  traditionellen  Wege
seiner  deutschen  Holitik.  Durch  das  „Oktober-Diplom“  vom  20.  Oktober
1860  und  das  „Februar-Oatent“  vom  26.  Februar  1861  war  es  in  die
konstitutionelle  Zahn  zurückgekehrt,  so  daß  seine  Anhänger  in  Deutschland,
  die  „Großdeutschen",  nicht  müde  wurden,  auf  das  „dfrische  konstitutionelle
  Leben“  in  Esterreich  unter  ironischen  Seitenblicken  auf  Hreußen
mit  Befriedigung  hinzuweisen.  Unter  der  Gunst  der  äöffentlichen  Meinung
  glaubte  es  daher  jetzt  durch  eine  Umgestaltung  des  Deutschen
Bundes  sein  Übergewicht  in  Deutschland  auf  festere  Grundlagen  stellen
zu  können.  .

Am  15.  Oktober  1861  hatte  der  sächsische  Minister  von  Beust  dem
Bundestage  einen  Reformplan  vorgelegt,  der  auf  Berstellung  einer  ständischen
  Delegiertenversammlung  am  Bunde,  eines  Zundesgerichts  und
einer  aus  drei  Mitgliedern  bestehenden  Exekutivgewalt  gerichtet  war.
Osterreich  und  Hreußen  sollten  diese  sein,  dazu  ein  von  den  übrigen
Regierungen  zu  erwählender  deutscher  Fürst,  so  daß  Hreußen  mit  ziemlicher
  Zestimmtheit  darauf  rechnen  konnte,  die  Majorität  in  der  Exekutive
stets  gegen  sich  zu  haben.  Freilich  bei  den  weit  auseinander  gehenden
Ansichten  der  deutschen  Regierungen  blieb  der  Antrag  ohne  praktischen
Erfolg.

Indessen  unter  der  Hrotektion  Gsterreichs  wurde  der  Gedanke  von
acht  Staaten,  die  in  Würzburg,  um  über  ein  gemeinsames  Dorgehen  sich
zu  verständigen,  sich  zusammengefunden  hatten,  wieder  aufgenommen:
dem  Bundestage  solle  eine  ständische  Dersammlung  von  Delegierten  der
Einzellandtage  an  die  Seite  gesetzt  werden,  hauptsächlich  zur  Beratung
allgemeiner  Gesetzentwürfe.  Mit  größter  Entschiedenheit  trat  Dreußen
diesem  Hrojekte  entgegen.  Der  preußische  Bundestagsgesandte  von  Svdow
erklärte,  daß  jeder  Mehrheitsbeschluß  in  dieser  Sache  rechtswidrig  wäre.
Gewiß  würden  auch  alle  deutschen  Landtage  dies  Delegiertenprojekt  mit
Unwillen  zurückweisen;  denn  das  deutsche  Volk  verlange  eine  kräftige
Bundeszentralgewalt  und  eine  wirklich  nationale  Dolksvertretung.  Mit
großer  Mehrheit  stimmte  das  preußische  Abgeordnetenbhaus  dieser  Erklärung
  der  Regierung  zu;  und  König  Wilhelm  war  entschlossen,  eher
aus  dem  Deutschen  Bunde  auszuscheiden  ,  als  eine  solche  Delegiertenversammlung
  sich  aufdrängen  zu  lassen.  Indessen  diese  Gefahr  eines
Bürgerkrieges  wurde  noch  einmal  vermieden.  Sum  größten  Derdrusse
Osterreichs  verwarf  der  Bundestag  am  22.  Januar  1865  mit  0  gegen
7  Stimmen  das  OHrojekt.
        <pb n="356" />
        350  Fünftes  Kapitel.

„Nur  in  einer  Vertretung“,  erklärte  Preußen  bei  der  Abstimmung,
„welche  nach  Maßgabe  der  Bevölkerung  jedes  Bundesstaates  aus  letzterer
durch  unmittelbare  Wahl  hervorgeht,  kann  die  deutsche  Nation  das  be—
rechtigte  Organ  ihrer  Einwirkung  auf  die  gemeinsamen  Angelegenheiten
finden.“  Ein  deutsches  Harlament  stellte  es  jenem  untauglichen  Delegierten—
projekt  entgegen!  Es  war  das  erste  Mal,  daß  hier  die  preußische  Regierung
  mit  voller  Sustimmung  König  Wilhelms  die  Losung  eines  deutschen
Darlaments  ausgab!  Das  war  es  doch  gerade,  was  seit  1850  die
Deutschen  auf  allen  Sänger-,  Schützen-,  Turnerfesten,  und  allen  voran
der  Nationalverein,  verlangt  hatten.  Man  hätte  meinen  sollen,  daß  nun
ganz  Deutschland  in  beller  Freude  dem  preußischen  Antrage  zugejubelt
hätte;  denn  wie  in  der  Sollvereins-Krisis  stützte  sich  auch  hier  Hreußen
auf  das,  was  die  öffentliche  Meinung  verlangte.  Aber  so  sehr  verwirrte
auch  außerhalb  Hreußens  der  preußische  Konflikt  das  Urteil  der  großen
Menge,  daß  sie  nur  mit  ungläubiger  Derwunderung,  ja  vielfach  wie  einen
unpassenden  Scherz  mit  Gespött  den  großen  Gedanken  Hreußens  aufnahm.

Esterreich  allein  erfaßte  ihn  in  seiner  weittragenden  Bedeutung:  nur
durch  ein  Drojekt  im  größten  Stil  glaubte  die  österreichische  Regierung
ihn  überbieten  zu  können.

Die  Ärzte  hatten  König  Wilhelm  zur  Kur  nach  Karlsbad  geschickt.
Zur  Nachkur  begab  er  sich  gegen  Ende  Juli,  von  Bismarck  begleitet,
nach  Gastein,  dem  herrlich  grünen  Alpenthal,  das  die  Ache  wie  in  einem
„rasenden  Walzer“  durchrauscht.  Am  2.  August  traf  dort  auch  Kaiser
Franz  Joseph  von  Esterreich  ein  und  teilte  noch  an  demselben  Tage
König  Wilhelm  seine  Absicht  mit,  zur  Beratung  und  Entscheidung  über
eine  neue  deutsche  Bundesverfassung  einen  deutschen  Fürstentag  nach
Frankfurt  einzuladen.  Noch  eingebender  sprach  er  am  folgenden  Tage
sich  dahin  aus,  daß  die  Grundlagen  seines  Reformplanes  ein  Bundesdirektorium
  von  fünf  Köpfen  wären  sowie  die  periodische  Berufung  einer
Dersammlung  von  Abgeordneten  der  Kammern  der  Einzelstaaten.  Su--gleich
  übergab  er  ihm  eine  Denkschrift  der  Wiener  HBofkanzlei,  welche
über  die  Einzelheiten  des  Hrogramms  Aufschluß  geben  sollte.  Auch  mit
Bismarck  hatte  der  Kaiser  an  beiden  Tagen  eingehende  Besprechungen
über  seinen  Hlan.

Mit  rückhaltsloser  Offenheit  sprach  König  Wilhelm  dem  Kaiser  die
Bedenken  aus,  die  er  gegen  das  Reformprojekt  hegte.  Allein  sie  machten
wenig  Eindruck;  erst  im  Moment  der  Abreise  richtete  er  die  Bitte  an
den  König,  diese  Bedenken  ihm  schriftlich  zufertigen  zu  lassen.  Mehrere
Stunden  später  —  am  Spätabend  des  3.  August  —  überbrachte  zu  des
        <pb n="357" />
        Deutsche  Politik.  351

Königs  Erstaunen  ein  Generaladjutant  des  Kaisers  die  vom  81.  Juli
datierte  Einladung  zu  dem  auf  den  16.  August  nach  Frankfurt  ausgeschriebenen
  Fürstentage.  Nicht  die  geringste  Berücksichtigung  war  damit
den  Bedenken  des  Königs  zu  teil  geworden.  Man  sah,  es  war  die  Absicht
  des  Kaisers,  in  allem  bündig  seinen  Willen  durchzusetzen.  Das  war
die  Weise,  in  welcher  Esterreich  in  Deutschland  aufzutreten  liebte.  König

Kaiser  Franz  Joseph  (um  1860).
Gezeichnet  und  lithographiert  von  Metzmacher.  Derlag  von  Boussod,  Daladon  &amp;amp;  Tie.

Wilhelm  indessen  lehnte  die  Einladung  durch  eine  Depesche  an  den
Kaiser  ab,  zumal  auch  seine  Kur  zu  einem  so  frühen  Termine  sein  Erscheinen
  in  Frankfurt  verhindere.  Durch  ein  besonderes  Schreiben  legte
er  dann  dem  Kaiser  seine  schon  mündlich  geäußerten  Bedenken  dar.
„Einmal“,  schrieb  er,  „kommt  es  darauf  an,  zu  verhüten,  daß  das  bestehende
  Maß  der  Einigung  vor  jeder  Gefährdung  durch  das  Streben
nach  einem  festen  Bande  bewahrt  werde.

„In  dieser  Beziehung  entnehme  Ich  aus  Eurer  Majestät  Absicht,
die  wesentlichen  Grundlagen  der  Zundesverfassung  zu  erhalten,  die
        <pb n="358" />
        352  Fünftes  Kapitel.

Bürgschaft,  daß  das  Gute,  soweit  es  vorhanden,  dem  Streben  nach
Besserem  nicht  ohne  Sicherheit  des  Erfolges  geopfert  werden  wird.

„Meine  zweite  Erwägung  ist  die,  daß  die  Erreichung  des  für  die
Zukunft  gesteckten  Zieles  durch  die  Wahl  des  Weges  wesentlich  beeinträchtigt
  oder  gefördert  werden  wird.  Unsere  Arbeiten  würden  Meiner
Ansicht  nach  dadurch  nicht  erleichtert  werden,  daß  Wir  sie  mit  einer  Zu—
sammenkunft  der  Souveräne  beginnen.  Es  erscheint  Mir  unerläßlich,  daß
einem  so  bedeutsamen  Schritt,  wenn  er  den  gewollten  Erfolg  haben  soll,
eingehende  Vorarbeiten  und  Konferenzen  Unserer  Minister  vorausgehen,
über  deren  Ergebnis  schließlich  von  den  Souveränen  die  Entscheidung  zu
treffen  sein  wird.

„Aus  diesem  Grunde  glaube  Ich  Mir  die  Annahme  der  Einladung
Eurer  Majestät  zum  16.  August  versagen  und  Eurer  Majestät  vorschlagen
zu  sollen,  daß  Wir  die  Fragen,  über  welche  von  den  Souveränen  sämtlicher
  Bundesstaaten  zu  beschließen  sein  wird,  zunächst  in  Ministerialkonferenzen
  der  Vertreter  der  17  Stimmen  des  engeren  Rates  der  Bundesversammlung
  beraten  und  feststellen  lassen.“

Auf  diese  sachlichen  Bedenken  ging  die  Antwort  des  Kaisers  Franz
Joseph  gar  nicht  ein,  sondern  lud  nur  den  König  ein,  wenn  die  Badekur
  sein  Erscheinen  hindere,  durch  einen  Hrinzen  seines  Rauses  in  Frankfurt
  sich  vertreten  zu  lassen.  Darauf  antwortete  König  Wilhelm  noch
an  demselben  7.  August  durch  ein  eigenhändiges  Schreiben,  in  dem  er  es
nochmals  ablehnte,  sei  es  selbst  in  Frankfurt  zu  erscheinen,  sei  es  einen
Drinzen  dorthin  zu  entsenden.  Sugleich  sandte  er  an  alle  befreundeten
Regierungen  telegraphisch  die  Aufforderung,  auch  ihrerseits  die  Einladung
nach  Frankfurt  abzulehnen.  In  einer  Depesche  an  Herrn  von  erther,
den  preußischen  Botschafter  in  Wien,  wurde  aber  dargelegt,  daß  es  der
Würde  des  Königs  nicht  entsprechend  sei,  an  einer  Dersammlung  teilzunehmen,
  deren  Sweck  mit  ihm  nicht  vorher  beraten  sei,  sondern  erst
auf  der  Dersammlung  selbst  im  einzelnen  ihm  mitgeteilt  werden  solle;
Mehrhbeitsbeschlüssen  des  in  Aussicht  genommenen  Bundesdirektoriums
könne  Hreußen  nimmermehr  seine  Selbständigkeit  unterordnen;  die  zu
berufenden  beratenden  Delegationen  seien  absolut  bedeutungslos;  vielmehr
  halte  Dreußen  an  einem  aus  Dolkswahlen  hervorgehenden  Harlamente
  fest.

So  ging  denn  ohne  König  Wilhelm  der  Frankfurter  ürstentag  vor
sich.  Mit  Jubel  begrüßte  die  alte,  immer  gut  österreichisch  gesinnte
Reichsstadt  die  einziehenden  Fürsten;  und  vollends  den  Kaiser  Franz
Joseph  empfing  sie  mit  rauschendem  Enthusiasmus.  Die  WMeinung  war,
        <pb n="359" />
        Deutsche  Holitik.  353

daß  auch  der  Hreußenkönig  wohl  doch  noch  sich  entschließen  würde  zu
kommen.

Der  Hlan  Esterreichs  ging  dahin,  daß  der  Deutsche  Zund  künftig
von  einem  Direktorium,  bestehend  aus  Esterreich,  Dreußen,  Bapern  und
zwei  von  den  Fürsten  gewählten  Mitgliedern,  geleitet  werden  solle.  Daneben
  sollte  ein  Bundesrat  bestehen,  in  dem  Esterreich  wie  Hreußen  je
drei  Stimmen  führen  sollten;  doch  nahm  Esterreich  im  Direktorium  wie
im  Bundesrat  den  Vorsitz  für  sich  in  Anspruch.  Endlich  sollten  alle
drei  Jahre  Delegierte  der  Landtage  in  öffentlicher  Dersammlung  zusammentreten,
  über  deren  Beschlüsse  indes  den  Konferenzen  der  Fürsten
die  Entscheidung  zustehen  sollte.  Auch  ein  Bundesgericht  war  in  Aussicht
  genommen.  Und  für  dies  Entgegenkommen  Esterreichs  sollte
der  Deutsche  Bund  als  Gegenleistung  die  Bürgschaft  für  den  Gesamtbesitzstand
  Gsterreichs  übernehmen!  Bismarck  hatte  doch  wohl  so  unrecht
  nicht,  wenn  er  seiner  Frau  von  den  „Frankfurter  Windbeuteleien“
schrieb.

Bevor  nun  der  Fürstentag  in  die  Beratung  über  diesen  Reformplan
Esterreichs  eintrat,  beantragte  König  Wilhelms  Meffe,  der  Großherzog
Friedrich  Franz  II.  von  Mecklenburg  =  Schwerin,  den  jetzt  in  Baden-Baden
  weilenden  König  von  Hreußen  nochmals  zur  Teilnahme  an  den
Verhandlungen  einzuladen,  da  es  unangemessen  sei,  ohne  Hreußen  etwas
zu  unternehmen.  Die  andern  Fürsten  stimmten  zu,  und  König  Johann
von  Sachsen  übernahm  es,  die  Gesamteinladung  des  Fürstentages  an
König  Wilbelm  persönlich  zu  überbringen.  Auch  der  Kaiser  Franz  Joseph
  war  damit  einverstanden,  jedoch  nur  mit  dem  Vorbehalt,  daß  auch
für  den  Fall  der  Ablehnung  die  Fürsten  das  Derfassungswerk  in  kürzester
Frist  fertigzustellen  Hätten:  man  könne  ja  Hreußen  den  nachträglichen
Beitritt  offenlassen.  Ihn  beherrschte  durchaus  die  Empfindung,  daß  auch
dieser  Dersuch  der  Fürsten,  Dreußen  zu  gewinnen,  ohne  Erfolg  sein  würde.

Indessen  dreißig  Fürsten  als  Einlader,  ein  König  als  Kabinettskurier!
  König  Wilhelm  hatte  wirklich  einen  Moment  das  Gefühl,  daß
er  bei  seiner  ablehnenden  Haltung  nicht  mehr  beharren  könnte.  Alllein,
wie  stets  bei  ihm,  überwand  die  ruhige  Erwägung  bald  das  erste  Empfinden.
  Jedoch  die  begreifliche  Aufregung  machte  ihn  nervös,  und  als
er  den  König  Johann  empfing,  befand  er  sich  sellr  unwohl.  Er  bezeugte
seinem  hohen  Gaste  die  lebhafte  Neigung,  die  er  empfände,  nach  Frankfurt
  zu  kommen,  aber  er  legte  ihm  auch  alle  die  Gründe  dar,  die  ihn
davon  abbielten.  In  einem  eigenbändigen  Schreiben  an  den  Kaiser

Franz  Joseph,  das  der  König  von  Sachsen  mit  sich  nahm,  gab  er  seine
HKaiser  Wilhelm.  23
        <pb n="360" />
        354  Fünftes  Kapitel.

Entscheidung.  Was  der  Kaiser  erwartet  hatte,  geschah:  König  Wilhelm
blieb  klar  und  bestimmt  bei  seiner  Ablehnung.  Er  schrieb:

„Durchlauchtigster,  Großmächtigster  Fürst,
besonders  lieber  Bruder  und  Freund!

Ew.  Majestät  haben  in  Gemeinschaft  mit  Unseren  erhabenen  Bundesgenossen,
  den  in  Frankfurt  versammelten  deutschen  Fürsten  und  freien
Städten,  die  erneute  Einladung  an  Mich  gerichtet,  welche  Se.  Majestät
der  König  von  Sachsen  die  Güte  gehabt  hat,  Mir  unter  mündlichen  Erläuterungen
  zu  überbringen,  und  beehre  Ich  Mich,  nach  sorgfältiger  und
bundesfreundlicher  Erwägung  des  Inhalts  derselben,  darauf  in  Folgendem.
zu  erwidern.

„In  Meinem  Schreiben  vom  4.  d.  M.  habe  Ich  SEw.  Moajestät
neben  Meiner  Bereitwilligkeit,  zu  zeitgemäßen  Derbesserungen  der  Bundesverfassung
  mitzuwirken,  zugleich  die  Überzeugung  ausgesprochen,  daß  ein
solches  Werk  nicht  ohne  eingebende  Dorarbeiten  mit  einer  Susammenkunft
  der  Souveräne  begonnen  werden  könne,  wenn  der  beabsichtigte
Erfolg  erreicht  werden  solle,  und  Ich  habe  deshalb  zu  Meinem  Bedauern
Ew.  Majestät  Einladung,  Mich  am  16.  d.  M.  zur  Dersammlung  nach
Frankfurt  zu  begeben,  ablehnen  müssen.

„So  ungern  Ich  auch  der  wiederholten,  in  ihren  Formen  für  Mich
so  ehrenvollen  Sinladung  Mich  versage,  so  ist  doch  Meine  Überzeugung
auch  heute  noch  die,  welche  Meine  Erklärung  vom  4.  geleitet  hat,  und
beharre  Ich  bei  derselben  um  so  mehr,  als  Ich  auch  jetzt  noch  keine
amtliche  Mitteilung  der  der  Beratung  zu  Grunde  gelegten  Anträge  erhalten
  habe,  dasjenige  aber,  was  auf  andern  Wegen  zu  MWMeiner  Kenntnis
  gelangt  ist,  Mich  nur  in  der  Absicht  bestärkt,  Aleine  Entschließungen
erst  dann  festzustellen,  wenn  durch  geschäftsmäßige  Bearbeitung  der  Angelegenheit
  von  seiten  Meiner  Räte  die  zu  erörternden  Abänderungen.
der  Bundesverfassung  in  ihrem  Derhältnisse  zu  der  berechtigten  Macht—
stellung  Dreußens,  zu  den  berechtigten  Interessen  der  Nation,  eingehend
geprüft  sein  werden.  Jch  bin  es  Mleinem  Lande  und  der  Sache  Deutschlands
  schuldig,  vor  einer  solchen  Prüfung  der  einschlägigen  Fragen  keine
Mich  bindenden  Erklärungen  gegen  Meine  Bundesgenossen  abzugeben;
ohne  solche  aber  würde  Meine  Teilnahme  an  den  Beratungen  nicht  ausführbar
  sein.

„Diese  Erwägung  wird  Mich  nicht  abhalten,  jede  Mitteilung,  welche
Meine  Bundesgenossen  an  Mich  werden  gelangen  lassen,  mit  der  Bereitwilligkeit
  und  Sorgfalt  in  Erwägung  zu  zieben,  welche  Ich  der
        <pb n="361" />
        Deutsche  Holitik.  355

Entwickelung  der  gemeinsamen  vaterländischen  Interessen  jederzeit  gewidmet
  habe.

„Ew.  Alajestät  und  Unsere  in  Frankfurt  versammelten  erhabenen
Bundesgenossen  bitte  Ich  den  angelegentlichen  Ausdruck  bundestreuer
Freundschaft  zu  empfangen,  mit  der  Ich  verbleibe

Eurer  Majestät
freundwilliger  Zruder  und  Freund
wWilhelm.“
Baden-Baden,  20.  August  1865.  ·

Kaiser  Kranz  Joseph  war  der  Weinung,  daß  die  versammelten
Fürsten  den  Reformplan  gleich  im  ganzen  annehmen  sollten:  lief  er  doch
handgreiflich  auf  eine  Machterhöhmng  GEsterreichs  hinaus.  Allein  hiergegen
  legte  der  Großherzog  Friedrich  von  Baden  Derwahrung  ein.  Es
mußte  also  in  eine  Einzelberatung  aller  Haragraphen  des  Entwurfes
eingetreten  werden.  Das  Ende  war,  daß  24  Fürsten  die  durchberatene
Reformakte  „unter  Dorbehalt  der  Sustimmung  aller  Bundesstaaten"“,  d.  h.
des  allein  fehlenden  Dreußens,  unterzeichneten.  Ausdrücklich  jedoch  gegen
den  Derfassungsentwurf  stimmten  die  Großherzöge  von  Baden,  Sachsen-Weimar
  und  Mecklenburg-Schwerin,  der  Hrinz  Beinrich  der  Niederlande
für  Luxemburg  und  die  Fürsten  von  Waldeck  und  Reuß  jüngerer  Cinie.

War  aber  überhaupt  eine  Reform  des  Bundes  ohne  Hreußens  Beteiligung
  möglich  d  Die  Unterzeichner  der  Reformakte  wandten  sich  daberin
  einem  gemeinschaftlichen  Schreiben  an  König  Wilhelm,  um  ihn  zum
nachträglichen  Beitritte  zu  ihren  Beschlüssen  einzuladen.  Am  22.  Septeember
  antwortete  ihnen  der  König  von  Berlin  aus:

„Durch  das  Schreiben,  welches  Eure  ......  ...  in  Gemeinschaft
mit  andern  deutschen  Fürsten  und  Dertretern  der  freien  Städte  am  I.  d.  M.
an  Mich  gerichtet  haben,  sind  die  in  Frankfurt  a.  M.  beratenen  Bundesreformvorschläge
  zu  Meiner  Kenntnis  gelangt.  Ich  habe  dieselben  der
sorgfältigen  Erwägung  unterzogen,  welche  Ich  in  Meinem,  am  20.  v.  M.
an  Se.  Majestät  den  Kaiser  von  Esterreich  nach  Frankfurt  gerichteten
Schreiben  zugesagt  hatte.  Diese  Hrüfung  hat  Mir  nicht  die  Überzeugung
gewähren  können,  daß  die  vorgeschlagene  Reformakte  in  ihrer  gegenwärtigen
  Gestalt  geeignet  sei,  einen  Abschluß  Unserer  vieljährigen  Bemühungen
  um  die  Herbesserung  der  Bundesverfassung  zu  bilden.  In
dem  Entwurfe  habe  Ich  nicht  den  Ausdruck  der  wirklichen  Derhältnisse
und  Bedürfnisse,  deren  Berücksichtigung  allein  einem  solchen  Werke  Leben

und  Dauer  verleihen  kann,  zu  erkennen  vermocht.
23
        <pb n="362" />
        356  Fünftes  Kapitel.

„Ich  darf  daher  nicht  zögern,  es  Sier  wenn  auch  mit
Bedauern  auszusprechen,  daß  Meine  Pflichten  als  König  von  Preußen
und  als  deutscher  Fürst  es  Mir  nicht  gestatten,  den  Mir  mitgeteilten  Ent—
wurf  als  die  Grundlage  einer  neuen  Bundesverfassung  anzunehmen.

„Ich  vermag  in  eine  Erweiterung  des  bisherigen  vertragsmäßigen
Bundeszweckes  und  der  Kompetenz  der  Bundes-Zentralbehörde  nur  dann
zu  willigen,  wenn  dieselbe  mit  voller  und  gerechter  Rücksichtnahme  auf
das  Gewicht  Hreußens  im  Bunde  und  auf  die  Gesamtinteressen  der
deutschen  Tation  erfolgt.  In  diesem  Sinne  betrachte  Ich  als  Vorbedingungen
  Meiner  Zustimmung  zu  einer  durchgreifenden  Reform  der  be—
stehenden  Bundesverträge  die  Verständigung  über  drei  Punkte,  mit  deren
näherer  Darlegung  bei  Kurer  Regierung  Ich  Meinen  Mi—
nister  der  Auswärtigen  Angelegenheiten  beauftragt  habe.  Dieselben  betreffen:
  .
1.Da5VetoPreußen-.undÖsterreichsmindestensgegenjeden
Bundeskrieg,  welcher  nicht  zur  Abwehr  eines  Angriffs  auf  das  Bundesgebiet
  unternommen  wird.

2.  Die  volle  Gleichberechtigung  Hreußens  mit  Esterreich  zum  Vorsitze
  und  zur  Leitung  der  Bundesangelegenheiten.

5.  Eine  Dolksvertretung,  welche  nicht  aus  Delegationen,  sondern
aus  direkten  Wahlen  nach  Maßgabe  der  Bevölkerung  der  einzelnen
Staaten  hervorgeht,  und  deren  Befugnisse  zu  beschließender  Mitwirkung
in  Bundesangelegenheiten  Gegenstand  der  Herhandlung,  aber  jedenfalls
ausgedehnter  zu  bemessen  sein  würden,  als  in  dem  vorliegenden  Entwurfe
einer  Reformakte  der  Fall  ist.  ·

,,VoreinerVerständigungüberdieseGrundlagekannJcheingedeihliches
  Ergebnis  der  Erörterung  der  sonstigen  Einzelheiten  des  Mir
mitgeteilten  Entwurfes  nicht  in  Aussicht  nehmen.  Ich  habe  daher
Meinem  Minister  der  auswärtigen  Angelegenheiten  den  Auftrag  erteilt,
über  die  ersteren  zunächst  mit  der  kaiserlich-österreichischen  Regierung  in
Unterhandlung  zu  treten,  in  der  Boffnung,  daß  es  Euer  ...  gefallen
werde,  sobald  das  erforderliche  Sinvernehmen  angebahnt  sein  wird,  in
Gemeinschaft  mit  Mir  die  Berufung  von  Mlinisterialkonferenzen  zu  veranlassen,
  welche  die  definitive  Beschlußnahme  der  deutschen  Souveräne
vorzubereiten  haben  würden.“

Scharf  und  bestimmt  bezeichnete  König  Wilhelm  die  unerläßlichen
Dorbedingungen,  unter  denen  allein  Hreußen  die  Hand  zu  Beratungen
über  eine  Bundesreform  bieten  könne.  Das  war  eine  vernichtende
Kritik  des  österreichischen  Reformprojektes.  Die  Folge  war,  daß  das  mit
        <pb n="363" />
        Deutsche  Politik.  357

blendendem  Glanze  unternommene,  mit  lautem  Beifall  vielfach  begrüßte
Werk  in  sich  selbst  zusammenfiel.  sterreich  erklärte  die  preußischen
Dorbedingungen  für  „durchaus  unannehmbar“  und  gab  in  einer  am
50.  Oktober  nach  Berlin  gesandten  Note  ziemlich  unverhüllt  die  Absicht
zu  erkennen,  wenn  nicht  anders,  auch  ohne  Hreußen  sein  Bundesreformprojekt
  durchzuführen.  Eitles  Dornelbmen!  Der  Fürstentag  hatte  mit
zweifelloser  Deutlichkeit  gezeigt,  daß  ohne  Dreußen  und  vollends  gegen
Dreußen  für  Deutschland  nichts  durchgeführt  werden  könne.  Das  mußte,
wenn  irgend  etwas,  den  Gegensatz  der  beiden  deutschen  Großmächte
noch  mehr  verschärfen,  für  den  eine  ausgleichende  Lösung  sich  nicht
finden  ließ.

„Jede  fruchtbare  Bundesthätigkeit  ist  unmöglich“,  sagte  Großberzog
Friedrich  von  Baden  in  einer  Sitzung  des  Fürstentages,  „solange  zwei
Großmächte  dem  Bunde  angehören!“  Es  klang  wie  eine  arge  Ketzerei
in  dem  erlauchten  Kreise  und  war  doch  nicht  mehr,  als  die  schlichte
Wahrheit.
        <pb n="364" />
        Sechstes  Kapitel.
Die  Befreiung  Schleswig-Holsteins.

Und  nun  ereignete  sich  das  Unglaubliche:  die  beiden  deutschen
Großmächte,  eben  noch  scharfe  Gegner,  fanden  sich  zu  gemeinsamer  Aktion
zusammen!

Unter  dem  Antriebe  der  Demokraten,  die  auch  in  Dänemark  das
Sturmjahr  1848  ans  Ruder  gebracht,  hatte  König  Friedrich  VII.  den
Bereich  der  neu  erlassenen  dänischen  Gesamtverfassung  bis  zur  Eider  ausgedebnt
  und  damit  das  nur  durch  Hersonalunion  mit  Dänemark  verbundene
  Schleswig  trotz  allen  Hrotestes  der  dänischen  Monarchie  einverleibt.
  Alsbald  hatte  für  Schleswig  das  stammverwandte,  jedoch  zum
Deutschen  Bunde  gehörige  Berzogtum  HBolstein  Hartei  ergriffen,  und
beide  hatten  sich  von  Dänemark  losgesagt.  Allein  mit  ihren  eigenen
Kräften  den  Dänen  nicht  gewachsen,  mußten  sie  sich  1851  Dänemark
wieder  unterwerfen.  Denn  auf  Grund  der  Glmützer  Hunktation  bedrohten
Esterreich  und  Hreußen  sie  mit  „gemeinschaftlicher  Exekution  im  Weigerungsfalle."“
  Sugleich  versprach  ihnen  der  Bundestag,  „die  Rechte  des
Rerzogtums  HBolstein  und  das  altherkömmlich  berechtigte  verhältnis
zwischen  Holstein  und  Schleswig  auf  Grundlage  des  Sustandes,  wie  er
vor  dem  Kriege  gewesen,  zu  wahren.“  Freilich  ließ  er  es  in  der  Folge
ruhig  geschehen,  daß  Dänemark  jede  Verbindung  Schleswigs  mit  Holstein
beseitigte,  an  die  Eider  eine  Sollgrenze  legte  und  einen  dreisten  Dertilgungskampf
  gegen  deutsches  MWesen  und  deutsche  Sprache  in  dem
nördlichen  Schleswig  begann.

Nun  stand  aber  das  dänische  Königshaus  nur  auf  zwei  Augen.  Um
daher  allen  Thronstreitigkeiten  und  einer  möglichen  Erneuerung  des
Bürgerkrieges  vorzubeugen,  vereinbarten  die  Großmächte  untereinander
das  „LCondoner  Hrotokoll“  vom  8.  Mai  1852.  Dasselbe  setzte  fest,  daß
die  dänische  Monarchie  in  ihrem  ganzen  Bestande  mit  Einschluß  von
Schleswig-Holstein  erhalten  bleiben  solle  und  bestimmte  den  Orinzen
        <pb n="365" />
        Die  Befreiung  Schleswig-Bolsteins.  359

Christian  von  Schleswig-Rolstein-Sonderburg-Glücksburg  zur  Thronfolge,
während  von  den  anderen  Linien  des  schleswig-holsteinischen  Herzogshauses
die  Gottorper  Derzicht  leistete  und  die  Augustenburger  es  zufrieden  war,
durch  eine  ansehnliche  Summe  entschädigt  zu  werden.  Sugleich  verpflichtete
  sich  der  König  von  Dänemark,  auf  die  Inkorporation  des
Rerzogtums  Schleswig  zu  verzichten  und  demselben  selbständige  Drovinzialstände
  zu  gewähren,  auch  die  Gleichberechtigung  der  deutschen  und  dänischen
  Tationalität  in  Schleswig  anzuerkennen.

Indes  schon  1855  erließ  König  Friedrich,  von  den  Eiderdänen  gedrängt,
  eine  Gesamtverfassung  für  die  dänische  Monarchie,  welche  die
Susagen  von  1852  gröblich  verletzte.  Da  nun  aber  das  Herzogtum
Holstein  und  das  kleine  Kronland  Lauenburg  zum  Deutschen  Bunde  gehörten,
  so  erklärte  der  Bundestag,  daß  die  neue  Derfassung  für  diese
beiden  Länder  nicht  zu  Recht  bestehe,  und  verlangte  für  sie  die  Auf-Rebung
  der  Derfassung.  Dem  wollte  jedoch  die  dänische  Regierung  sich
nicht  fügen;  erst  als  der  Deutsche  Zund  1858  mit  Bundesexekution  drohte,
lenkte  sie  wenigstens  teilweise  ein,  bis  die  kriegerischen  Ereignisse  des
folgenden  Jahres  den  dänischen  Konflikt  ganz  in  den  Bintergrund
drängten.  Allein  die  Eiderdänen  ruhten  nicht:  sie  veranlaßten  den  HKönig,
das  Datent  vom  50.  März  1865  zu  erlassen,  durch  das  Schleswig  in
Dänemark  einverleibt,  Holstein  aber  und  Lauenburg  in  Abhängigkeit  von
Dänemark  gebracht  wurden.

Das  war  König  Wilhelm  indessen  nicht  gesonnen,  sich  bieten  zu  lassen.
Er  erließ  an  Dänemark  die  bündige  Erklärung,  daß  weder  der  Deutsche
Bund  noch  Hreußen  als  europäische  Großmacht  das  einseitige  Surücktreten
  Dänemarks  von  den  übernommenen  Derpflichtungen  dulden  könnten.
Der  Bund  beschloß  das  Erekutionsverfahren  gegen  Dänemark  wieder
aufzunehmen  und  beauftragte  die  österreichische,  die  preußische,  die  sächsische
  und  die  Rannöversche  Regierung  mit  der  Dollstreckung  der  Exekution
gegen  Dänemark.  Da  starb  König  Friedrich  VII.  am  15.  November
1865,  und  Hrinz  Christian  von  Glücksburg  bestieg  als  Christian  IX.  den
dänischen  Thron,  um  der  Gesamtverfassung,  die  der  dänische  Reichsrat
am  15.  Movember  angenommen  hatte,  auch  seinerseits  die  Sustimmung
zu  erteilen.  Damit  war  die  Einverleibung  der  Elbherzogtümer  in  die
dänische  Monarchie  vollendete  Thatsache.

Allein  nicht  in  dem  Könige  Christian  saben  die  Herzogtümer  ihren
Herzag,  sondern  in  dem  Hrinzen  Friedrich  von  Augustenburg,  dessen
Erbanspruch  ihnen  als  eine  Abwehr  der  drohenden  dänischen  Dergewaltigung
  galt.  Mit  Begeisterung  hoben  sie  ihn  auf  den  Schild,  und  auch
        <pb n="366" />
        360  Sechstes  Kapitel.

in  Deutschland  entstand  eine  lebhafte  Parteibewegung,  voll  Verlangens,
daß  die  Regierungen  sich  von  dem  Londoner  Hrotokoll  lossagen  und  den
Drinzen  von  Augustenburg  mit  Waffengewalt  als  Herzog  von  Schleswig-Rolstein
  einsetzen  sollten.  Dieser  Mkeinung  war  auch  das  preußische  Abgeordnetenhaus;
  die  Ehre  Deutschlands,  erklärte  es,  verlange,  daß  sämtliche
Regierungen  den  Hrinzen  von  Augustenburg  als  den  rechtmäßigen  Herzog
anerkennten  und  ihn  in  der  Geltendmachung  seiner  Rechte  unterstützten.
Und  was  wäre  das  Ergebnis  gewesend  Daß  es  einen  deutschen  Kleinstaat
  mehr  gegeben  hätte,  zu  schwach,  sich  selbst  zu  schützen,  und  darum,
wie  die  andern  alle,  auf  den  starken  Arm  Hreußens  lediglich  angewiesen.
Und  zu  der  Flotte,  deren  es  doch  dazu  bedurft  hätte,  hatte  eben  dies
Abgeordnetenhaus  erst  unlängst  die  Mittel  der  preußischen  Regierung  abgeschlagen!


König  Wilhelm  indes  war  auf  die  Nachricht  vom  Tode  des  Hönigs
Kriedrich  von  vornherein  entschlossen,  da  Dreußen  aus  seiner  früheren
Einmischung  in  die  schleswig-holsteinische  Sache  wenig  Anerkennung  und
Ruhm  gewonnen  hatte,  jetzt  alles  daran  zu  setzen,  um  die  alte  Streitfrage
  zu  einer  dauernden  Lösung  zu  führen,  wie  sie  der  Ehre  und  den
Interessen  Deutschlands  entspräche.  Der  Weg  freilich,  den  das  Abgeordnetenhaus
  eingeschlagen  sehen  wollte,  war  der  verkehrteste  von  allen;
denn  er  mußte  notwendig  den  Einspruch  und  Widerstand  aller  Großmächte
  als  der  Unterzeichner  des  Londoner  Hrotokolls  wachrufen.  Hreußen
begnügte  sich  daher,  nachdem  es  mit  Ssterreich  Verständigung  gesucht,
beim  Bundestage,  um  zunächst  die  Rechte  Holsteins  zu  wahren,  die  rasche
und  kräftige  Ausführung  der  Bundesexekution  gegen  Dänemark  zu  beantragen.
  Bereitwillig  schloß  sich  Gsterreich  diesem  Schritte  an,  freilich
nur  um  das  entschlossen  vorgehende  Hreußen  zügeln  und  nach  Umständen
auch  hemmen  zu  können.  Den  fremden  Mächten  aber  gab  die  Bundesexekution,
  da  sie  nicht  gegen  frühere  Abmachungen  verstieß,  keinerlei  Anlaß
  zur  Beschwerde.  So  wurden  denn  von  Zundes  wegen  Hannover  und
Sachsen  beauftragt,  zunächst  Rolstein  zu  besetzen,  während  als  Reserve
ihnen  25000  Hreußen  und  15000  Ssterreicher  an  der  Elbe  nachrücken
sollten.

Freilich  die  geforderte  Kriegsanleihe  von  36  Millionen  Mark  schlug
das  preußische  Abgeordnetenhaus  der  Regierung  ab;  der  österreichische
Reichsrat  dagegen,  weniger  kurzsichtig  als  die  preußische  Linke,  bewilligte
ohne  weiteres  die  geforderten  6  Millionen  Gulden  für  den  gleichen  Sweck.

An  der  Eider  mußte  die  Bundesexekution  Halt  machen;  aber  die
Großmächte  gingen  einen  Schritt  weiter.  Gemeinsam  richteten  sie  an
        <pb n="367" />
        Die  Befreiung  Schleswig—-Holsteins.  361

Dänemark  die  Forderung,  binnen  48  Stunden  jene  Gesamtstaatsverfassung
vom  13.  November  1863  für  die  Herzogtümer  aufzuheben.  Sie  hatten
beim  Deutschen  Bunde  die  Besetzung  Schleswigs  beantragt,  falls  Dänemark
  nicht  unverzüglich  das  verfassungsmäßige  Recht  dort  anerkenne  und
die  widerrechtliche  Einverleibung  Schleswigs  in  die  dänische  Monarchie
wieder  aufhebe.  Indessen  die  Mehrheit  der  deutschen  Kleinstaaten  wollte,
bis  der  Prinz  von  Augustenburg  zunächst  in  Holstein  eingesetzt  wäre,
Schleswig  noch  unberücksichtigt  lassen  und  lehnte  daher  den  Antrag  ab.
Da  thaten  denn  Preußen  und  Ssterreich  den  bedeutungsvollen  Schritt
und  nahmen  als  Großmächte  selbständig  die  Sache  in  die  Hand.  Dänemark
  aber  war  im  Dertrauen  auf  die  anderen  Großmächte  dreist  genug,
das  ihm  gestellte  Ultimatum  abzulehnen.  Und  nun  zeigte  sich  die  Weisheit,
  in  der  Hreußen  ein  gemeinsames  Vorgehen  Esterreich  angetragen.
Mit  Rußland  durch  die  polnische  Konvention,  mit  Jtalien  durch  die  bereite
  Anerkennung  stand  Hreußen  so,  daß  es  von  ihnen  keine  Einsprache
zu  erwarten  hatte.  Auch  auf  Tapoleons  freundliche  Gesinnung  konnte
es  rechnen.  So  waren  nur  von  England  und  zumal  von  Ssterreich,  dem
alten  Gegner,  Schwierigkeiten  zu  besorgen.  Durch  das  preußische  Erbieten
  aber  war  Esterreich  vor  die  Wahl  gestellt,  entweder  der  Widerpart
  Hreußens  oder  sein  Bundesgenosse  zu  sein.  Durch  die  Waffengemeinschaft
  glaubte  es  sich  am  besten  gesichert  und  ergriff  so  bereitwillig
fast  über  Erwarten  das  angetragene  Bündnis,  daß  es  den  militärischen
Oberbefehl  an  Hreußen,  wie  es  dieses  verlangte,  ohne  Schwierigkeit  überließ.
  Auf  England  allein  konnte  sich  also  das  Vertrauen  der  Dänen
stützen;  wohl  wurden  dort  auch  voller  Entrüstung  dröhnende  Reden  gehalten.
  Aber  da  zwei  Großmächte  verbündet  ihm  gegenüberstanden,  getraute
  sich  England  doch  nicht  irgend  etwas  gegen  sie  zu  unternebmen.
Vor  polternden  Reden  und  Noten  aber,  wie  England  hoffte,  wichen  die
verbündeten  Mächte  auch  nicht  einen  Schritt  zurück.  Sie  beantworteten
vielmehr  die  Ablehnung  ihres  Ultimatums  mit  der  Albberufung  ihrer
Gesandten  in  Kopenhagen,  und  der  Böchstkommandierende  der  verbündeten
Armeen,  der  greise  Feldmarschall  von  Wrangel,  befahl  mit  dem  lakonischen
Kommando:  „In  Gottes  Namen  druff!“  am  1.  Februar  1864  den  Einmarsch
  in  Schleswig.

Die  dänische  Armee  unter  General  de  Meza  zählte  502  14  Mann
mit  120  Geschützen.  Die  gleiche  Sahl  ihrer  Truppen  hielten  die  verbündeten
  Fürsten  für  ausreichend  zur  Besiegung  der  dänischen  Kriegsmacht,.
  So  waren  denn  überhaupt  nicht  mehr  als  57000  Hreußen  mit
110  Geschützen  und  25000  Ssterreicher  mit  56  Geschützen  für  den  Kricg
        <pb n="368" />
        362  Sechstes  Kapitel.

aufgeboten.  Nur  an  Artillerie  also  waren  die  Verbündeten  dem  Feinde
merklich  überlegen,  wogegen  aber  dieser  zur  See  ein  außerordentliches
Übergewicht  besaß.

Die  erste  Verteidigungslinie  der  Dänen  bildete  das  Dänenwerk,  eine
Reihe  von  festen  Werken  und  Wällen,  die  sich  hinter  der  Schlei  quer
über  einen  großen  Teil  von  Schleswig  erstreckten,  überall  geschützt  durch
Sümpfe,  Flüsse  und  Wasserflächen.  Die  östliche  Ecke  des  Festungswerkes
war  von  der  Schlei  umflossen,  die  sich  von  der  Stadt  Schleswig  bis  zum
Meere  wie  ein  breiter  See  ausdehnt  und  durch  ihre  Wasserfläche  eine
natürliche  Schutzwehr  für  das.  Dänenwerk  bildet.  Die  Übergangsstelle
bei  Missunde  war  zudem  durch  sieben  Schanzen  und  einen  starken  Brückenkopf
  befestigt.

Mit  56000  „tapperen  Landsoldaten“  hatte  Meza  den  80  Kilometer
langen  Schanzenwall  und  die  Schleilinie  besetzt.  Gegen  diese  Aufstellung
richteten  die  Derbündeten  sofort  ihren  Angriff.  Hrinz  Friedrich  Karl,
der  die  Hreußen  führte,  versuchte  bei  Missunde  den  Übergang  zu  erzwingen;
  allein  dem  konzentrierten  Geschützfeuer  der  Dänen  gegenüber
hatte  er  keinen  Erfolg  und  schlug  daher  weiter  abwärts  bei  Arnis  eine
Brücke  über  die  Schlei,  seinen  Marsch  auf  Flensburg  richtend,  um  die
Rückzugslinie  des  Feindes  zu  bedrohen.

Die  Mitte  der  langen  Angriffsfront  der  Derbündeten  bildeten  die
Esterreicher  unter  Feldmarschallleutnant  von  Gablenz.  Nach  dem  glücklichen
  Gefecht  bei  Overselk  drangen  sie  bis  an  das  Dänenwerk  vor.  Sie
schickten  sich  an,  es  zu  erstürmen:  da  sahen  sie,  daß  die  Dänen  es  mit
Gurücklassung  zahlreicher  Geschütze  aufgegeben  und  in  der  Nacht  vom
5.  zum  6.  Februar  den  Rückzug  angetreten  hatten.  Sben  war  König
Thristian  selber  im  Rauptquartier  der  Dänen  eingetroffen,  um  Kriegsrat
zu  halten  und  seine  Truppen  anzufeuern,  als  sie  auch  schon  mitten  in
der  Macht  in  höchster  Eile  sich  zurückziehen  mußten,  wenn  sie  nicht  zwischen
zwei  Feuer  geraten  und  durch  die  Hreußen  Friedrich  Karls,  den  rechten
Flügel  der  Derbündeten,  von  ihrer  zweiten  Derteidigungslinie,  den
Schanzenreihen  bei  Düppel  auf  der  Halbinsel  Sundewitt,  abgeschnitten
werden  wollten.  Ghne  Derzug  setzte  Gablenz  den  Abziehenden  nach  und
brachte  ihrer  Nachhut  bei  Gversee  am  6.  Februar  eine  empfindliche
Schlappe  bei;  und  am  nächsten  Tage  schon  rückten  die  Derbündeten  in
Elensburg  ein,  während  ein  Teil  der  dänischen  Armee  sich  nordwärts
nach  Jütland,  der  andere  in  die  feste  Stellung  von  Düppel  und  auf  die
gegenüberliegende  Insel  Alsen  zurückzog.  Ein  glänzendes  Ergebnis  hatte
somit  die  erste  Kriegswoche  gehabt:  die  Eider  war  überschritten,  das
        <pb n="369" />
        Die  Befreiung  Schleswig-Holsteins.  363

Dänenwerk,  das  für  uneinnehmbar  gegolten,  war  ohne  ernste  Derteidigung
aufgegeben,  110  schwere  Festungsgeschütze  und  20  Feldgeschütze,  dazu
große  Dorräte  aller  Art  waren  erbeutet,  und  vor  allem,  wie  hob  der
große,  rasche  Erfolg  das  kriegerische  Selbstgefühl  des  Soldaten!

Unterdessen  rückte  auch  die  preußische  Garde,  die  den  linken  Flügel
der  Derbündeten  darstellte,  nach  Rorden  vor:  am  18.  Februar  stand  sie
an  der  Grenze  Jütlands.  Sollten  die  Derbündeten  sie  überschreiten,  da
sie  doch  einzig  zur  Befreiung  Schleswigs  ausgezogen  warend  ESsterreich
war  bedenklich:  es  fürchtete  bei  dem  Einmarsche  den  Einspruch  der
fremden  Mächte.  Und  wirklich  ließ  es  auch  England  in  Wien  wie  in
Berlin  nicht  an  eindringlichen  Dorstellungen  gegen  ein  weiteres  Dorrücken,
  das  Dänemark  ganz  zu  Boden  werfen  mußte,  fehlen  und  drang
mit  allem  Eifer  auf  die  Bewilligung  eines  Waffenstillstandes;  allein
Dreußen  hielt  es  vor  allem  für  nötig,  die  kriegerischen  Erfolge  zu  sichern,
und  dazu  bedurfte  es  durchaus  der  Besetzung  Jütlands.  Der  Sweck  derselben
  war  ein  dreifacher:  es  wollte  für  die  Wegnahme  deutscher  Schiffe
an  den  Dänen  Repressalien  üben,  die  dänischen  Streitkräfte  teilen  und  die
Dänen  zu  einer  baldigen  Beendigung  der  kriegerischen  Aktion  willig
machen.  So  gingen  denn  am  18.  Februar  die  Hreußen  über  die  Grenze
von  Jütland,  und  die  preußische  Garde  besetzte  Kolding,  die  erste  Stadt
auf  jütischem  Boden.

Der  geschickten  Unterhandlung  des  Generals  Sdwin  von  Wanteuffel
gelang  es,  in  Wien  die  Bedenken  des  Kaisers  Franz  Joseph  zu  überwinden.
  Um  der  Mahßregel  indes  einen  lediglich  militärischen  Anschein
zu  geben,  wurde  schon  damals  ein  Vorgehen  gegen  die  Düppeler  Schanzen
ins  Auge  gefaßt.  Denn  so  wurde  am  besten  jedem  Mißtrauen  der
fremden  Mächte  gewehrt.  Daher  gingen  jetzt  auch  die  Gsterreicher  über
die  jütische  Grenze,  erstürmten,  durch  preußische  Zeiterei  verstärkt,  in
einem  scharfen  Gefecht  am  8.  Alärz  Deile  und  zwangen  die  Dänen,
während  die  preußische  Garde  die  Festung  Fridericia  einschloß,  hinter  dem
LCimfjord  Sicherheit  zu  suchen.  Und  nun  erwies  König  Wilhelm,  da  der
eldmarschall  Wrangel  der  Stellung  eines  Böchstkommandierenden  sich
doch  nicht  ganz  gewackhsen  zeigte,  dem  Kronprinzen  das  Dertrauen,  am
50.  März  zu  befehlen,  daß  Wrangel  keine  Anordnung,  ohne  vorher  mit
dem  Kronprinzen  Rücksprache  zu  nehmen,  erlassen  solle:  womit  denn
thatsächlich  die  oberste  Heeresleitung  auf  den  jungen  Kronprinzen  überging.

Mit  frischem  Wagemut  gingen  allenthalben  die  Derbündeten  vor,
während  die  Dänen  je  länger  je  mehr  sich  auf  eine  vorsichtige,  fast
ängstliche  Derteidigung  beschränkten.  Selbst  zur  See,  wo  sie  doch  das
        <pb n="370" />
        364  Sechstes  Kapitel.

überwältigende  Übergewicht  besaßen,  wagten  sie  außer  fortgesetzten
Kapereien  nichts  zu  unternehmen.  Um  so  größeren  Eindruck  machte  es
daher,  daß  die  preußischen  Schiffe  sich  erkühnten,  die  weit  überlegene
dänische  Flotte  aufzusuchen  und  anzugreifen.  Am  17.  März  gingen  aus
dem  sicheren  Hafen  von  Swinemünde  die  beiden  Schraubenkorvetten
Arkona  und  Wymphe  unter  dem  Befehle  des  Kapitäns  Jachmann  in
See;  auf  der  Höhe  von  Jasmund  trafen  sie  die  dänischen  Schiffe,  das
Schraubenlinienschiff  Skjold,  die  Schraubenfregatte  Själland  und  die
Schraubenkorvetten  Heimdal  und  Thor.  Don  Norden  her  näherte  sich
noch  die  Schraubenfregatte  Tordenskjold,  während  den  preußischen  Schiffen
sich  von  Westen  her  noch  der  Raddampfer  Loreley  näherte,  dem  die
erste  Kanonenboot-Division  folgte.  Mutig  gingen  die  Dreußen  vor.  Die
Arkona  eröffnete  den  Angriff  mit  einem  Schuß,  der  zu  kurz  bemessen
war;  schnell  entwickelte  darauf  sich  das  Gefecht.  Hlanmäßig  gaben  die
drei  preußischen  Schiffe  ihre  Breitseiten  und  gingen  dann,  nachdem  sich
das  Gefecht  südlicher  gezogen  hatte,  zu  dem  vorgesehenen  Rückzugsgefechte
über,  hauptsächlich  aus  den  Reckgeschützen  feuernd.  Die  Dänen  begnügten
sich  mit  ihren  Jagdgeschützen  nicht,  so  daß  Arkona  und  Nymphe  zweimal
Gelegenheit  erhielten,  der  Själland  Breitseiten  mit  großer  Wirkung  beizubringen.
  An  der  Derfolgung  beteiligten  sich  Själland  und  Skiold,  erlitten
  aber  erhebliche  Beschädigungen.  Heimdal  und  Thor  konnten  nicht
folgen.  Der  Tordenskjold  ging  den  Kanonenbooten  zu  TLeibe;  doch  konnte
er  ihnen  nichts  anhaben,  da  sie  nach  dem  TLandtief  bei  Rügen  zurückfuhren.
  Gegen  5  Uhr  nach  dreistündigem  Kampfe  langten  Arkona  und
Aymphe  auf  der  Greifswalder  Oie  an,  wohin  die  Dänen  folgten;  doch
wurde  deren  Leuer  immer  schwächer,  bis  sie  die  Derfolgung  ganz  aufgaben.
  Uber  1200  Schüsse  hatten  die  Dänen  abgegeben,  die  Arkona  156,
die  Nymphe  84,  die  Kanonenboote  zusammen  20.  Unter  dem  ZJubel  der
Bevölkerung  führte  Jachmann  sein  leichtes  Geschwader,  nachdem  die
Loreley  nach  Thiessow  zurückgegangen  war,  in  den  Hafen  zurück;  hatte
er  doch,  was  seit  den  Tagen  des  Großen  Kurfürsten  vergessen  war,  den
Dänen  klargemacht,  daß  es  auch  eine  preußische  Macht  zur  See  gäbe,
die  in  Gefechtsführung  und  mutigem  Vorgehen  ihnen  durchaus  ebenbürtig
  wäre.

Unterdessen  war  England  mit  rührigem  Eifer  beschäftigt,  die  Berufung
  einer  Konferenz  der  Großmächte  ins  Werk  zu  setzen,  um  wenigstens
  mit  diplomatischen  Waffen  den  Dänen  beizuspringen.  An  Entrüstungstiraden
  hatte  es  ja  Lord  Dalmerston,  Englands  leitender  Minister,
nicht  fehlen  lassen;  freilich  auf  die  Derbündeten  verfehlten  sie  jeglichen
        <pb n="371" />
        Die  Befreiung  Schleswig-Holsteins.  365

Eindrucks;  bei  den  Dänen  dagegen  hielten  sie  die  Hoffnung  rege,  daß
schließlich  England  doch  noch  thatkräftige  Hilfe  ihnen  bringen  würde.
Von  Waffenstillstand  und  Konferenz  wollte  darum  Dänemark  gegen  alle
Mahnungen  Englands  nichts  wissen.  Allein  Jütland  in  Feindeshand
übte  sehr  bald  seine  Wirkung.  Alle  Zekruten,  alle  Einkünfte  aus  der
ergiebigen  Hrovinz  fielen  für  Dänemark  weg:  konnte  es  da  noch
den  Krieg  aufrecht  erbalten  d  Sumal  da  der  Hauptteil  seiner  Armee
durch  den  Hrinzen  Friedrich  Karl  in  die  Schanzen  von  Düppel  festgebannt
  war.  Jetzt  nahm  es  also  die  Einladung  zur  Konferenz  in  London
an.  Hreußen  dagegen  hatte  von  vornberein  der  Berufung  einer  Konferenz,
  um  den  Frieden  einzuleiten,  zugestimmt;  aber  es  wünschte,  daß
diese  nicht  eher  zusammentrete,  als  bis  es  die  Düppeler  Schanzen  erobert
hätte.  Denn  es  war  klar,  daß  eine  glänzende  Waffenthat  wie  diese
das  Gewicht  seiner  Stimme  auf  der  Konferenz  außerordentlich  verstärken
  müsßte.

Swischen  dem  Apenrader  und  dem  Flensburger  Meerbusen  springt
an  der  Cstküste  von  Schleswig  die  Halbinsel  Sundewitt  vor,  nur  durch
den  Alsensund,  einen  schmalen  Meeresarm,  von  der  malerisch  schönen
Insel  Alsen  im  Kleinen  Belt  geschieden.  In  der  südöstlichen  Spitze  des
Sundewitt  vom  Allsensund  bis  zu  der  Weeresbucht  Wenningbund  ziebt
sich  eine  Rügelkette  hin,  die  Düppelberge,  die  in  ihren  höchsten  Erhebungen
  wohl  70  bis  80  Meter  aufsteigen.  Diese  von  Natur  feste
Stellung  hatten  1858  die  Dänen,  als  ihre  Beziehungen  zu  Deutschland
sich  immer  mehr  zu  trüben  begannmen,  durch  künstliche  Werke  noch  fester
gemacht.  Das  waren  die  Düppeler  Schanzen.  Diese  Schanzen,  sieben
in  der  vorderen  Reihe,  drei  dahinter  gelegen,  verfolgten,  ohne  gerade
immer  die  höchsten  Kuppen  der  Bügelkette  zu  wählen,  im  wesentlichen
nur  ihren  Rücken  von  Wasser  zu  Wasser,  vom  Wenningbund  zum  Allsensund.
  Sie  waren  Erdwerke,  6  Meter  hoch,  die  Gräben  4  Meter  tief
und  6  Meter  breit  ausgestochen  und  mit  Halissadenreihen  versehen.  Dor
den  Gräben  befanden  sich  Wolfsgruben,  SEggen,  Spickpfählchen  und
Drahtnetze,  um  die  Annäherung  zu  erschweren.  Jede  Schanze,  auf  6  Geschütze
  und  2  Kompanien  Besatzung  eingerichtet,  besaß  im  Innern  ein
starkes  hölzernes  Blocklkaus  und  ein  Hulvermagazin.  Untereinander
waren  sie  durch  Derbindungslinien  verbunden,  die  wieder  durch  „Oeschützaufstellungen“
  zu  eigenen  Derteidigungswerken  gemacht  waren.  Auch  auf
den  Uferhöhen  der  Insel  Alsen  waren  Batterien  angelegt,  die  den  rechten
Flügel  (vor  Schanze  X)  flankierten  und  von  Sonderburg  her  das  Gelände
zwischen  dem  Alsensund  und  den  Schanzen  bestrichen.  Überdies  war  das
        <pb n="372" />
        366  Sechstes  Kapitel.

Fahrwasser  im  Alsensunde  wie  im  Wenningbunde  tief  genug,  um  dem
Rolf  Krake,  dem  eisengepanzerten  Monitor  der  Dänen,  freie  Einfahrt  und
Verwendung  seiner  beiden  Kolossalgeschütze  zu  gewähren.

Zur  Eroberung  einer  so  außerordentlich  starken  Stellung  bedurfte
es  natürlich  umfassender  Vorbereitungen,  vor  allem  der  Herbeischaffung
schweren  Belagerungsgeschützes.  Am  13.  März  trafen  die  ersten  schweren
Kanonen  vor  Düppel  ein;  zwei  Tage  später  wurde  mit  der  Beschießung
begonnen.  Indessen  je  näher  man  an  die  Schanzen  herankam,  um  so
deutlicher  erkannte  man  ihre  Stärke.  Nur  durch  eine  regelrechte  Belagerung,
  nicht  durch  eine  Überraschung  konnten  sie  genommen  werden.
Am  30.  März  wurde  daher,  nachdem  Wochen  in  blutigen,  aber  ent—
scheidungslosen  Kämpfen  vergangen  waren,  mit  der  Aushebung  der  ersten
Parallele  begonnen.  Diesen  Schwierigkeiten  gegenüber  schlug  der  Oberst
von  Blumenthal  vor,  statt  einen  Sturm  auf  Düppel  zu  unternehmen,
nach  Alsen  überzusetzen,  dort  die  Dänen  entscheidend  zu  schlagen  und  so
den  Fall  der  Schanzen  ohne  weitere  Anstrengungen  herbeizuführen.  Wohl
war  es  ein  Wagnis,  aber  der  Kronprinz  hatte  volles  Vertrauen  zu  der
Energie  der  preußischen  Truppen,  denen  nur  bisher  die  Gelegenheit  zu
einer  größeren  Aktion  gefehlt  hatte.  Der  größte  Teil  der  Garde  wurde
nach  dem  Sundewitt  herangezogen,  um  die  26  Bataillone,  die  zu  dem
Übergang  nach  Alsen  bestimmt  waren,  frei  zu  machen,  und  die  Nacht
vom  2.  zum  53.  April  für  das  kühne  Unternehmen  angesetzt.  Alles  ließ
sich  günstig  an:  die  See  war  ruhig;  bei  dem  Dorfe  Ballegard  standen
die  schweren  Geschütze  aufgefahren,  die  dänischen  Kriegsschiffe  abzuwehren,
  welche  etwa  den  Ubergang  stören  sollten;  die  Mannschaften  waren
bereit,  in  Böten  und  Hontons  sich  einzuschiffen.  Da  schlug  um  Mitternacht
  plötzlich  das  Wetter  um;  in  mächtigem  Wogenschwall  erhob  sich
die  See;  selbst  die  wetterfesten  Schiffer  erklärten  eine  Uberfahrt  für  völlig
unmöglich.

Nach  diesem  Mißlingen  war  nicht  daran  zu  denken,  daß  man  die
Dänen  noch  ein  zweites  Mal  würde  überraschen  können.  Es  wurde
daher  die  regelmäßige  Belagerung  wieder  aufgenommen,  um  mit  Energie
und  Schnelligkeit  den  Sturm  vorzubereiten.  Dazu  würden  freilich,  meinte
der  im  preußischen  Lager  anwesende  französische  Militär-Bevollmächtigte,
Graf  Clermont-Tonnerre,  bei  der  Stärke  der  Schanzen  Monate  gehören;
allein  seine  Rechnung  war  irrig.  Binnen  zwei  Wochen  hatten  die
preußischen  Truppen  sich  so  weit  an  die  Werke  herangezogen,  daß
schon  auf  den  18.  April,  vormittags  10  Uhr,  der  Sturm  angesetzt
werden  konnte.
        <pb n="373" />
        lithographiert  von  C.  Burger  Werlag  von  A.

Slnrm  auf  dir  Düppelrr  Schanten  am  18.  April  1804.  Sezeichnet  von  U.  v.  Salpius.
        <pb n="374" />
        368  Sechstes  Kapitel.

Die  preußischen  Soldaten  nahmen  das  heilige  Abendmahl:  zu  siegen
oder  zu  fallen  waren  sie  entschlossen.  Aus  allen  Bataillonen  wurden
die  Sturmkolonnen  ausgelost;  denn  ein  jedes  verlangte  seinen  Anteil  an
dem  Kampfe.  In  der  milden  Frühlingsnacht  standen  sie  in  den  Laufgräben
  bereit.  Morgens  um  5  Uhr  begann  das  Bombardement;  stündlich
  steigerte  sich  dessen  Heftigkeit,  bis  um  8  Uhr  etwa  30  Schüsse  in
der  Sekunde  sielen.  Da  schlug  die  Turmuhr  in  dem  Dorfe  Düppel  zehn.
Mit  dem  Glockenschlage  schwiegen  sämtliche  Geschütze;  und  gleichzeitig
gegen  die  sechs  südlichen  Schanzen  rückten  im  TLaufschritte  die  Sturmkolonnen
  vor.  Noch  immer  waren  von  der  vierten  (letzten)  Harallele
bis  zu  den  Schanzen  400  Schritt  zurückzulegen.  Doran  eine  Kompanie
in  aufgelöster  Ordnung,  um  das  Feuer  mit  der  Besatzung  zu  unterhalten;
hinter  dieser  Hioniere  mit  Beilen,  Faschinen,  Hacken,  mit  Hulversäcken
zum  Wegsprengen  der  feindlichen  Halissaden;  ihnen  folgte  die  erste  Kolonne
  der  Stürmenden,  etwas  weiter  zurück  die  zweite.  Die  Tamboure
schlugen  an,  mit  Hurra  ging  es  vorwärts,  die  Schanzen  hinan.  Nach
sechs  Mlinuten  schon  war  die  erste  erobert,  nach  22  Minuten  alle  sechs.
Sofort  ging  es  nun  zum  Angriff  auf  die  vier  nördlicheren  Schanzen  bis
hinauf  zur  Böhe  der  Düppelmühle.  Ein  heißer  Kampf  entspann  sich
um  die  Mühle;  indessen  trotz  tapferer  Gegenwehr  der  Dänen  sind  die
Dreußen  nach  drei  Stunden  Herren  sämtlicher  Schanzen  und  des  Brückenkopfes,
  der  die  Schiffsbrücken  nach  Alsen  deckte.  Jetzt  drehten  sie  die
eroberten  Kanonen  um  und  feuerten  damit  auf  den  Rolf  Krake,  so  daß
dieser  doch  für  gut  fand,  schnell  abzudampfen;  und  hätten  die  Dänen
nicht  schleunigst  ihre  Schiffbrücken  über  den  Alsengrund  abgefahren,  so
würden  die  Hreußen,  von  Siegesfreudigkeit  fortgerissen,  gleich  den  flüchtenden
  Dänen  nach  Alsen  gefolgt  sein.  118  Kanonen  fielen  dem  Sieger
in  die  Hände,  der  Hreis  einer  der  glänzendsten  Waffenthaten,  von  denen
die  Kriegsgeschichte  zu  berichten  hat.

Die  nächste  Folge  des  Sieges  war,  daß  die  Dänen  es  aufgaben,
die  Festung  Fridericia  zu  verteidigen.  In  aller  Stille  zogen  sie  in  der
Nacht  des  28.  April  ab,  257  Kanonen  dem  siegreichen  Gegner  überlassend.


König  Wilbelm  hatte  am  Morgen  des  Düppeler  Siegestages  auf
dem  Tempelhofer  Felde  bei  Berlin  das  Füsilierbataillon  des  2.  Garderegiments
  zu  Fuß  vor  sich  exerzieren  lassen.  Don  da  ritt  er  nach  der
Stadt  zurück,  als  ihm  die  Depesche  des  Hrinzen  Friedrich  Karl  überreicht
wurde,  welche  die  glückliche  Eroberung  der  Schanzen  meldete.  Don
hoher.  Kreude  über  den  Sieg  erfüllt,  kehrte  der  König  sofort  auf  das
        <pb n="375" />
        Die  Befreiung  Schleswig-Holsteins.  369

Exerzierfeld  zurück,  wo  jetzt  das  Füsilierbataillon  des  Kaiser  Franz-Garde-Grenadierregiments
  seine  Ubungen  machte.  Er  ließ  das  Bataillon  präsentieren
  und  teilte  dann  die  frohe  Siegeskunde  mit.  Mit  brausendem
Kurra,  mit  HBochrufen  auf  den  König  nahmen  die  Füsiliere  die  stolze
Mär  auf,  und  der  König  telegraphierte  an  den  Hrinzen  zurück:  „Tächst
dem  Herrn  der  Heerscharen  verdanke  Ich  Weiner  herrlichen  Armee  und
Deiner  Führung  den  glorreichen  Sieg  des  heutigen  Tages.  Sprich  den
Truppen  Meine  höchste  Anerkennung  und  Meinen  Königlichen  Dank  für
ihre  Leistung  aus."“

Wohl  hatte  der  König  Ursache,  des  Sieges  sich  von  Berzen  zu
freuen.  Denn  dieser  bewies,  daß  die  Reorganisation  der  Armee,  des
Königs  eigenstes  Werk,  ihre  erste  Drobe  glänzend  bestanden  hatte.  Dem
preußischen  Daterlande  war  damit  die  Stellung  wieder  erobert,  die  seit
den  Tagen  von  Glmütz  ihm  bestritten  war.  Denn  dem  kriegerischen
Geiste  der  Armee  hatte  der  langjährige  Frieden  keinen  Abbruch  gethan;
auf  dem  Schlachtfelde  hatte  sie  ebenso  Tüchtiges  geleistet,  wie  bisher  nur
auf  dem  Haradeplatz.  Wie  drängte  es  den  König  daher,  auf  dem
Ehrenfelde  sie  aufzusuchen  und  den  ruhmbekränzten  Siegern  für  ihre
todverachtende  Tapferkeit  persönlich  seinen  Dank  auszusprechen.

Nach  rascher  Machtfahrt  traf  der  König  am  Morgen  des  21.  April
in  Hamburg  ein,  wo  er  die  glückwünschende  Begrüßung  des  Senats  mit
der  Anerkennung  erwiderte,  daß  die  Leistungen  der  Truppen  in  Schleswig
  in  nichts  hinter  denen  des  ruhbmreichen  Jahres  1815  zurückständen.
Auf  dem  Bahnhofe  in  Flensburg  erwartete  ihn  der  Kronprinz:  welche
Freude  des  Wiedersehens  für  beide  nach  überstandenen  Gefahren,  nach
errungenen  Siegen!  Lange  hielten,  von  innerer  Bewegung  übermannt,
Vater  und  Sohn  sich  umschlungen.

Das  nächste  Siel  des  Königs  war  Schloß  Gravenstein,  wo  bisher
Drinz  Friedrich  Karl  sein  Hauptquartier  gehabt  hatte.  Das  Schloß,
1258  in  schmucklosem  Stile  erbaut,  hatte  den  Berzögen  von  Augustenburg
  gehört,  die  hier  alljährlich  eine  Seitlang  zu  residieren  pflegten.
1852  war  es  durch  Kauf  in  den  Besitz  des  Grafen  Moltke  übergegangen.
Es  war  ein  stattlicher  Bau,  weiß  getüncht,  wie  die  Sdelsitze  in  Schleswig
meist  es  sind,  mit  langen  Korridoren  und  hohen  Simmerreihen.  Bis  in
den  Februar  hatten  die  Dänen  darin  gehaust;  das  Souterrain  und  das
Erdgeschoß  hatten  sie  zu  Pferdeställen  gemacht,  und  als  sie  abzogen,  alles
Rausgerät  zerschlagen.  Die  preußischen  Hioniere  hatten  erst  Tische  und
Stühle  anfertigen,  und  die  preußischen  Schiffe  aus  ihren  Kajütten  entbehrlichen

  Hausrat  hergeben  müssen,  bevor  der  Hrinz  in  dem  Schlosse
Kaiser  Wilhelm.  24
        <pb n="376" />
        370  Sechstes  Kapitel.

Wohnung  nehmen  konnte.  Auch  für  den  König  konnte  darin  nur  eine
dürftige  Unterkunft  geschafft  werden.  Allein  diesem  lag  nur  daran,  seine
braven  Soldaten  zu  sehen.  In  der  großen  Koppel  dicht  hinter  dem
Schlosse  nahm  er  die  Harade  über  die  in  den  nächsten  Dörfern  untergebrachten
  Düppel-Sieger  ab.  Das  war  nicht  eine  prunkvolle  Schaustellung,
  sondern  ein  Abglanz  des  ruhmvollen  Kampfes  und  Sieges.  In
demselben  Anzuge,  den  sie  bei  dem  Sturm  getragen,  ließ  der  König  die
Bataillone  antreten  und  unter  den  Klängen  des  Düppel-WMarsches,  in  dem
Diefke,  der  Stabsboboist  des  Leib-Grenadierregiments,  getreu  die  Wucht
des  Ansturms  und  den  Jubel  des  Sieges  zusammengefaßt  hatte,  in  derselben
  Ordnung,  wie  sie  zum  Sturm  vorgegangen  waren,  den  Dorbeimarsch
  machen.  Dann  trat  er  in  den  Kreis,  den  die  Generale  und
Offiziere  mit  den  dekorierten  Unteroffizieren  und  Gemeinen  um  ihn  bildeten.
  „Meine  Herren“,  redete  er  mit  erhobener  Stimme  sie  an;  „ich
bin  hierber  gekommen,  um  der  tapferen  Armee  persönlich  meinen  herzlichen
  Dank  auszusprechen  für  die  außerordentlichen  Leistungen,  für  die
bewundernswerte  Ausdauer  bei  den  gehabten  unendlich  großen  Strapazen,
für  die  umsichtige,  vorzügliche  Führung  der  Truppen,  für  den  großen
herrlichen  Sieg.  Gern  wäre  ich  in  diesem  Feldzuge  mitten  unter  Ihnen
gewesen,  leider  aber  gestattete  dies  zur  Seit  die  Stellung,  die  ich  jetzt
einzunebmen  berufen  bin,  nicht;  andere  Herhältnisse  bedingen  meine  Abwesenheit
  von  den  im  Felde  stehenden  Truppen,  und  dies  —  ich  versichere
  Ihnen  das  —  thut  meinem  Soldatenberzen  wehe.  Sie  haben  die
Augen  von  ganz  Europa  auf  sich  gezogen  und  überall,  wo  man  hinhört,
das  größte  Lob  eingeerntet.  Das  ist  die  Frucht  des  guten  Geistes,  der,
wie  allbekannt,  die  ganze  preußische  Armee  beseelt  und  gewiß  nie  in
derselben  erlöschen  wird.  Den  Sturmkolonnen  werde  ich  für  die  im
höchsten  Maße  bewiesene  Bravour  und  Unerschrockenheit,  mit  welcher
sie  den  großartigen  Sieg  herbeiführten,  ein  ganz  besonderes  Denkzeichen
verleihen.  Adieu,  meine  Berren!  Teilen  Sie  allen  Mannschaften  meine
allerhöchste  Anerkennung  mit  und  sagen  Sie  ihnen  meinen  königlichen
Dank!“

Es  war  die  Dügppel-WMedaille,  welche  der  König  prägen  ließ  und
allen,  die  an  dem  Sturme  teilgenommen,  als  Erinnerungszeichen  verlieh.

Von  Gravenstein  aus  besichtigte  der  König  die  eroberten  Schanzen.
Klarer  als  aus  allen  Berichten  sprang  es  hier,  wenn  man  die  steile
Böschung  der  Erdwerke  hinabsah  oder  auf  das  breite  Sturmfeld  davor
den  Blick  richtete,  in  die  Augen,  welche  Tapferkeit  und  Todesverachtung,
aber  auch  welche  Sucht  und  Disziplin  dazu  gehört  hatten,  um  diese
        <pb n="377" />
        Die  Befreiung  Schleswig-Rolsteins.  371

Werke  zu  stürmen.  Die  Rückfahrt  nahm  der  König  über  Tübel,  um
das  Lazarett  zu  besichtigen.  Er  trat  an  das  Schmerzenslager  des  Generals
  von  Raven,  tröstete  ihn  mit  freundlichem  Zuspruch  und  verlieh  ihm
den  GOrden  pour  le  mérite:  und  ein  leises  Lächeln  der  Freude  überzog
auf  einen  Moment  die  Süge  des  sterbenden  Helden.

Unterdessen  hatte  sich  bei  Gravenstein  die  andere  Rälfte  der  Düppel-Sieger
  versammelt,  die  in  entfernteren  Quartieren  im  Sundewitt  untergebracht
  war.  Auch  über  sie  nahm  der  König  die  Harade  ab  und  überreichte
  mehreren  Unteroffizieren  und  Gemeinen  mit  eigener  Rand  die
Auszeichnungen,  die  er  ihnen  für  bewiesene  Tapferkeit  verliehen.  Voch
am  Abend  fuhr  der  König  nach  Flensburg,  übernachtete  hier  im  Hause
des  Kaufmanns  Callsen,  besuchte  am  nächsten  Tage  die  Lazarette  und
kehrte  nach  dreitägiger  Abwesenheit  nach  Berlin  zurück.

Die  Püppel-Medaille.

Am  5.  Mai  langten  auch  die  Trophäen  des  Sieges,  die  eroberten
Geschütze  —  118  an  der  Sahl  —  in  Berlin  an.  Ein  Sug  von
127  Mann,  lauter  Düppel-Sieger,  geführt  von  dem  Oremierleutnant
Stöphasius,  der  sich  durch  tollkühnen  Wagemut  bei  dem  Sturme  hervorgethan,
  eskortierte  sie.  Dom  Brandenburger  Thor  ging  der  Sug,  reich
bekränzt,  von  flatternden  Danebrogfähnchen  umweht,  während  die  Berliner
Garnison  auf  dem  ganzen  Wege  Spalier  bildete,  die  Linden  hinauf  bis
zum  Halais  des  Königs.  Das  war  ein  Triumphzug,  wie  er  das  Herz
des  Hreußen  höher  schlagen  macht.  Mit  begeisterten  Hochrufen  begrüßte
die  dicht  gescharte  Dolksmenge  den  Zug  der  Tapferen,  die  im  unscheinbaren
  Feldanzuge,  aber  ruhmbekränzt,  den  dröhnenden  Geschützen  voranschritten.
  Bei  der  Statue  des  alten  Blücher  machten  sie  Ralt.  Bier  hielt
der  König.  Mit  eigener  hand  reichte  er  den  Mannschaften,  die  von
ihren  Truppenteilen  zur  Dekorierung  vorgeschlagen  waren,  die  ihnen
verliehenen  Shrenzeichen.  Und  am  nächsten  Tage  lud  er  sie  alle  als
seine  Gäste  ins  Schloß  zu  festlichem  Mahle,  erschien  selbst  in  der  Mitte

24•
        <pb n="378" />
        372  Sechstes  Kapitel.

der  fröhlichen  Streiter  und  führte  ihre  Freude  zum  Gipfel,  indem  er
allen  mit  freier  Fahrt  mit  Post  und  Eisenbahn  einen  zweiwöchigen  Ur—
laub  in  die  Heimat  ankündigte.

Unterdessen  war  in  London  die  Konferenz  der  Großmächte  zusammengetreten,
  an  der  als  Hertreter  des  Deutschen  Bundes  auch  der  sächsische
Minister  von  Beust  teilnahm.  Es  gelang  ihr  denn  auch,  als  Einleitung
des  Friedensschlusses  einen  Waffenstillstand  zwischen  den  kriegführenden
Mkächten  zu  vermitteln.  Aber  Dänemark  wies  jede  Sumutung  nachzugeben
  mit  kurzsichtiger  RKartnäckigkeit  zurück;  es  glaubte  immer  noch,
wenn  es  auf  seine  Inseln  sich  zurückzöge,  den  Waffen  der  Derbündeten
widerstehen  zu  können.  Nebenbei  hoffte  es  unbelehrt  auf  Englands
Bilfe.  Und  wirklich  setzte  England  alles  daran,  wenn  es  auch  nicht  den
Entschluß  finden  konnte,  selbst  in  den  Krieg  einzugreifen,  doch  die  kriegfülrenden
  Derbündeten  von  einander  zu  trennen.  Einen  Moment  wollte
es  auch  scheinen,  als  wenn  Esterreich,  SEnglands  Andrängen  nachgebend,
die  Fortführung  des  Krieges  Hreußen  allein  überlassen  würde;  indes  eine
Susammenkunft  König  Wilhelms  mit  dem  Kaiser  Franz  Joseph  in  Karlsbad
  stellte  nicht  nur  das  alte  Sinvernehmen  zwischen  den  Herbündeten
her,  sondern  führte  auch  zu  Derabredungen  über  die  Fortführung  des
Feldzuges.  Somit  löste  sich  ohne  Ergebnis  am  25.  Juni  die  Konferenz
auf,  und  der  Krieg  begann  sofort  von  neuem.

Auf  der  Insel  Alsen  stand  in  wohl  befestigten  Stellungen  die  Hauptmasse
der  dänischen  Armee,  unangreifbar,  wie  sie  meinte,  durch  den  Alsensund
gegen  die  Hreußen  auf  dem  Festlande  gedeckt;  denn  aus  ihren  Schanzen
auf  dem  hohen  Inselufer  konnte  sie  jedes  Boot,  das  etwa  die  Überfahrt
wagte,  in  Grund  schießen  oder  mit  dem  Rolf  Krake  niederrennen.

An  Wrangels  Stelle  als  Böchstkommandierender  war  inzwischen
Drinz  Friedrich  Karl  getreten,  während  für  diesen  die  Hreußen  jetzt
General  Rerwarth  von  Bittenfeld  führte.  Die  nächste  Aufgabe  für  die
Dreußen  mußte  die  Dertreibung  der  Dänen  von  Alsen  sein.  Indessen
wie  viel  Schwierigkeiten  stellten  sich  dem  entgegen!  Es  galt  nicht  einen
Fluß,  sondern  im  Angesichte  des  Feindes  einen  Meeresarm  zu  überschreiten,
dessen  reißende  Strömung  und  Breite  das  Schlagen  einer  Brücke  unmöglich
  machten,  dessen  jenseitiges  Ufer  mit  zahlreichen  Schanzen  und  Batterien
  dicht  besetzt  war.  Auf  leichten  Böten  galt  es  sich  dem  Meere,
bedroht  von  Wind  und  Wetter,  anzuvertrauen,  während  die  Kriegsschiffe
des  Feindes  mit  ihren  Geschützen  das  Meer  bestrichen.  Es  galt,  selbst
wenn  die  Landung  der  ersten  Bataillone  gelang,  einem  überlegenen
Feinde  auf  der  Insel  entgegenzutreten,  der,  längst  auf  diesen  Angriff  vor-
        <pb n="379" />
        Die  Befreiung  Schleswig-Holsteins.  373

bereitet,  während  des  Waffenstillstandes  Zeit  genug  gehabt  hatte,  alle
Vorkehrungen  zu  treffen,  um  jedem  Landungsversuche  mit  Nachdruck  zu
begegnen.  Allein  allem  erwiesen  sich  die  Preußen  gewachsen:  kühn  wurde
das  Unternehmen  beschlossen,  sorgsam  vorbereitet  und  dann  mit  so  kalt—
blütiger  Unerschrockenheit  ausgeführt,  daß  der  glänzende  Sieg  nur  mit
geringen  Opfern  erkauft  zu  werden  brauchte.

Die  Nacht  vom  28.  zum  29.  Juni  war  zur  Ausführung  des  Über—
ganges  bestimmt.  Das  Wetter  war  neblig;  der  Wind  wehte  entgegen.
Freilich  war  es  nicht  gelungen,  mehr  als  160  flachgehende  Kähne  in
der  Umgegend  aufzutreiben,  so  daß  immer  nur  5½/8  Bataillone  auf  einmal
  übersetzen  konnten.  Es  war  2  Uhr;  der  Morgen  begann  dunstig  zu
grauen  und  entschleierte  in  unbestimmten  Umrissen  den  Hochrand  der
Insel.  Geräuschlos  schifften  die  Truppen  von  der  Division  Mkanstein  in
Mützen,  ohne  Gepäck  sich  ein;  mit  umwickelten  Rudern  ruderten  die
Dontoniere.  In  den  vordersten  Böten  befanden  sich  die  Generale
Manstein  und  Röder.  Noch  waren  die  Böte  etwa  200  Schritt  von  der
Insel  entfernt,  als  die  Dänen  den  nahenden  Feind  erspähten.  Sofort
krachte  eine  Kartätschensalve  auf  die  Zöte.  „Hurra!“  riefen  die  Dreußen
und  gaben  Gewehrsalven  ab,  wo  es  im  Kebel  vor  ihnen  aufblitzte.  Die
Dontoniere  setzten  die  Ruder  ein,  daß  die  Stangen  sich  bogen.  Aus  den
Schanzen  auf  der  Insel  donnerten  die  Kanonen;  aus  den  Schützengräben
krachten  Salven  auf  das  Wasser.  Dom  Ufer  her  drähnten  die  schweren
Geschütze  der  Oreußen  die  Antwort;  hoch  über  die  Böte  weg  flogen  die
Granaten  in  die  dänischen  Schanzen  hinein.  Endlich  stoßen  die  Böte
auf;  watend  gewinnen  die  Soldaten  das  Ufer  und  stürmen,  des  Helotonfeuers
  nicht  achtend,  die  Köhen  hinauf.  Hartnäckig  verteidigt  sich  der
Feind  in  seinen  Gräben;  doch  bald  treiben  sie  ihn  in  die  Fohlenkoppel,
ein  nahes  Gehölz,  zurück.  Sugleich  flammen  auf  der  ganzen  Insel  Feuerzeichen
  auf,  die  Landung  der  Hreußen  weithin  ankündigend.  Da  kehren
auch  schon  die  Böte  mit  neuen  Bataillonen  zurück.  Durch  heftiges  Feuer
sucht  eine  seitwärts  liegende  Schanze  ihre  Landung  zu  verhindern.  Auch
der  Rolf  Krake  dampft  aus  einer  Bucht  heran  und  bestreicht  den  Sund
der  ganzen  Länge  nach  mit  seinen  Bomben;  aber  die  preußischen  Kugeln
aus  den  Uferbatterien  fallen  so  wuchtig  auf  seine  Eisenpanzer,  daß  er
nach  kurzer  Seit  das  Weite  sucht.

Um  5½  Uhr  morgens  ist  die  ganze  Division  WManstein  übergesetzt;
ihr  folgt  die  Division  Göben;  auch  Feldgeschütze  werden  herübergeschafft,
so  daß  das  Mißverhältnis  der  Sahl  allmählich  sich  ausgleicht.  Wohl
leisten  die  Dänen,  nachdem  sie  Derstärkungen  an  sich  gezogen,  heftigen
        <pb n="380" />
        374  Sechstes  Kapitel.

Widerstand.  Bei  der  Rönhoffschanze  entspinnt  sich  ein  hitziges  Gefecht;
allein  schon  um  6  Uhr  ist  es  entschieden.  Die  Dänen  werden  auf  Kjär,
dann  auf  Ulkebüll  und  Sundsmark  zurückgeworfen;  um  8  Uhr  räumen
sie  die  Stadt  Sonderburg,  im  Abziehben  sie  in  Brand  steckend,  so  daß  die
Dreußen  den  Brand  löschen  müssen,  und  schiffen  sich  endlich  auf  der
Ralbinsel  Kekenis  in  großer  Unordnung  nach  der  Insel  Fünen  ein.  Um
2  Uhr  nachmittags  befand  sich  kein  dänischer  Soldat  mehr  auf  der
Insel.  2600  Gefangene,  90  Kanonen,  26  Danebrogs  bestätigten  den
glänzenden  Sieg  der  Hreußen,  diesen  —  wie  Prinz  Friedrich  Karl  in
seinem  Armeebefehl  sagte  —  „in  der  Kriegsgeschichte  einzig  dastehenden
Übergang  über  einen  Meeresarm,  diesen  Sturm  zu  Wasser  gegen  gut
verteidigte  Schanzen.“  Wohl  verdient  war  darum  auch  die  Bewunderung,
  mit  der  Europa  die  Kunde  von  dem  Ubergange  der  Hreußen  nach
Alsen  allerorten  aufnahm.

Unverweilt  besetzten  die  siegreichen  Hreußen  jetzt  auch  Nordjütland.
Bei  heftigem  Sturm  ging  General  Dogel  von  Falckenstein  auf  100  Kähnen
über  den  breiten  Limfjord,  ohne  daß  die  Dänen  auch  nur  den  Dersuch
machten,  ihn  zu  hindern.  Und  am  12.  Juli  wehte  schon  die  preußische
Flagge  auf  Kap  Skagen,  der  10  Meter  hoch  aus  dem  Meere  aufsteigenden
Nordspitze  von  Jütland,  bis  wohin  seit  den  Tagen  Kaiser  Ottos  I.  kein
deutscher  Kriegsmann  mehr  vorgedrungen  war.  Und  wenige  Tage
später  mußte  sich  auch  Kapitän  Kammer  mit  seiner  Flotille,  die  das
Wattenmeer  gedeckt  hatte,  auf  der  Insel  Föhr  ergeben.

Die  Wirkung  dieser  raschen  Erfolge  auf  die  demokratischen  Hitzköpfe
in  Kopenhagen  war  außerordentlich;  trotzig  hatten  sie  eben  noch  jedem
Frieden  widerstrebt:  jetzt  saben  sie  im  Geiste  schon  die  Hreußen  nach
Künen  übersetzen  und  Seeland  und  Kopenhagen  bedrohen.  Kleinmütig
verlangten  sie  jetzt,  daß  die  Reste  von  Heer  und  Flotte  zur  Derteidigung
um  die  Reichshauptstadt  gesammelt  würden.  König  Christian  entließ
daher  sein  eiderdänisches  Ministerium  und  berief  Mkänner  gemäßigten
Sinnes  mit  dem  Auftrage  in  den  Rat  der  Krone,  den  Frieden  mit  den
siegreichen  Großmächten  anzubahnen.  Diese  bewilligten  denn  auch  eine
kurze  Waffenruhe  zur  Einleitung  des  Friedens.  Als  Grundlage  für  diesen
stellte  aber  Dreußen  die  Forderung  auf,  daß  die  drei  Herzogtümer
Schleswig,  Holstein  und  Lauenburg  von  Dänemark  völlig  an  die  verbündeten
  Sieger  Hreußen  und  Csterreich  abgetreten  und  der  Frieden  ohne
jede  fremde  Einmischung  abgeschlossen  würde.  GEsterreich  schloß  sich  dieser
zweifachen  Forderung  Hreußens  durchaus  an,  so  daß  Dänemark  nicht
umhin  konnte,  sie  anzunehmen.  So  wurde  denn  am  30.  Oktober  1864
        <pb n="381" />
        Die  Befreiung  Schleswig-Holsteins.  375

in  Wien  der  Friedensschluß  unterzeichnet,  durch  den  der  König  von
Dänemark  alle  seine  Rechte  auf  die  drei  Herzogtümer  an  den  Kaiser  von
Osterreich  und  den  König  von  Hreußen  abtrat,  indem  er  sich  zugleich
verpflichtete,  „die  Dispositionen,  welche  Hreußen  und  Esterreich  in  Bezug
auf  die  RBerzogtümer  treffen  würden,  anzuerkennen“.  Kriegskosten  wurden
nicht  verlangt.

Welch  ein  Erfolg!  Döllig  waren  die  Berzogtümer  aus  jeder  Derbindung
  mit  Dänemark  befreit,  und  damit  für  Deutschland  ein  Suwachs
an  Land  und  Macht,  wie  seit  Jahrbunderten  nicht,  gewonnen.  Die
Schleswig-Rolsteiner  freilich  verlangten  mit  Zartnäckigkeit,  als  ein  selbstständiger
  Staat  anerkannt  zu  werden  und  den  Herzog  Friedrich  eingesetzt
zu  sehen.  War  aber  darum  das  Blut  so  vieler  Tapferen  geflossen,  daß
Deutschland  einen  Kleinstaat  mehr  erhielted  Der  Meinung  war  König
Wilhelm  nicht:  nur  dann  schien  ihm  der  Hreis  nicht  zu  hoch,  wenn  aus
den  Berzogtümern  „eine  wahre  NMordmark  zu  Deutschlands  Schutz  und
Trutz  zu  Lande  und  zur  See“  gemacht  würde.

Indessen  der  Bundestag,  ganz  eingenommen  für  den  Kleinstaatsgedanken,
  war  bedacht,  sich  eine  Stimme  bei  der  künftigen  Gestaltung  der
Elbherzogtümer  zu  sichern.  Er  ließ  daher  die  Bundestruppen  in  Holstein
stellen,  um  dem  Herzog  Friedrich  eine  Stütze  zu  gewähren.  Gerade  deswegen
  verlangte  Hreußen  ihren  Abzug;  und  GEsterreich  schloß  sich  diesem
Begehren  an.  So  mußte  denn  der  Bundestag  sich  fügen.  Denn  nur  die
beiden  Großmächte,  nicht  aber  der  Deutsche  Bund  waren  durch  den
Wiener  Frieden  die  Berren  der  Berzogtümer  geworden.  Das  Derlangen
aber,  das  bei  dieser  Gelegenheit  zu  Tage  getreten  war,  Hreußen  unter  die
Entscheidungen  des  Bundestages  zu  beugen,  beantwortete  die  preußische
Regierung  mit  der  bündigen  SErklärung,  daß  sie  eine  Berrschaft  der  Mehrheit
  des  Bundes,  welche  ihr  eigenes  Belieben  an  die  Stelle  der  Bundesverträge
  setzen  wolle,  in  keinem  Falle  dulden  würde.  Wenn  daher  die
deutschen  Regierungen  auf  die  Dorteile,  die  ihnen  der  Bund  gewähre,
Wert  legten,  so  müßten  sie  sich  sorgfältig  hüten,  durch  willkürliche  Überschreitungen
  das  gemeinsame  Band  zu  zerreißen.

Sopo  hatte  Hreußen  noch  niemals  zu  dem  Bunde  gesprochen.  Erschreckt
  drängten  sich  die  Mittelstaaten,  deren  Bestreben  von  jeher  auf
eine  Hemmung  der  preußischen  Holitik  gerichtet  war,  an  Esterreich  heran.
Denn  Graf  MWenzdorff-Houillp,  der  neue  TLeiter  der  auswärtigen  Angelegenheiten
  Gsterreichs,  kehrte  sichtlich  zu  der  alten  Hraxis  Gsterreichs
zurück,  die  Gegnerschaft  gegen  Dreußen  zu  betonen  und  die  deutschen
Mittelstaaten,  die  Hreußen  abgeneigt  waren,  zu  protegieren.  Daher  war
        <pb n="382" />
        376  Sechstes  Kapitel.

es  denn  auch  für  die  Einsetzung  des  Herzogs  Friedrich  von  Augustenburg
und  begünstigte,  nachdem  die  Bundestruppen  aus  Holstein  abgezogen
waren  und  Sivilkommissare  der  beiden  Großmächte  die  Derwaltung  der
Herzogtümer  übernommen  hatten,  ganz  offen  die  Agitation  für  den  Berzog.
Auch  Hreußen  erwog,  wieweit  sich  die  Einsetzung  desselben  mit  dem  Interesse
Deutschlands  vereinigen  lasse.  In  einer  Mote  vom  22.  Februar  1865  formulierte
  es  die  Bedingungen  seiner  Anerkennung  dahin,  daß  die  Herzogtümer
dem  Sollvereine  beiträten,  ihr  Host=  und  Telegraphenwesen  an  Hreußen
übergäben,  ihre  Militärmacht  dem  Könige  von  Hreußen  zur  Verfügung
stellten,  der  dafür  den  Schutz  der  Herzogtümer  gegen  jeden  Angriff  übernähme,
  und  einige  strategisch  wichtige  Hunkte,  besonders  den  Kieler  Hafen,
abträten,  während  Rendsburg  Bundesfestung  würde.  Nur  so  konnte
Deutschland  Dorteil  von  der  Erwerbung  haben.  Esterreich  als  Mitbesitzer
billigte  diese  Bedingungen  mit  Ausnalme  der  militärischen;  Berzog
Friedrich  indessen  wies  sie  als  „unannehmbar“  zurück.  Damit  zerbrach
er  das  Brett,  auf  dem  er  stand.  Sein  Erbrecht  war  sehr  anfechtbar;
das  Gutachten  der  preußischen  Kronjuristen,  das  die  Regierung  eingefordert
  hatte,  wies  seine  Ansprüche  als  unbegründet  zurück,  und  durch
die  Agitation,  die  er  zuließ,  verscherzte  er  die  Sympathie  König  Wilhelms
vollends.  So  blieb  denn  nur  die  Einverleibung  der  Berzogtümer  in
Dreußen,  soweit  es  das  Mitbesitzrecht  sterreichs  zuließ,  ins  Auge  zu
fassen.  Allein  dieser  stand  das  Bedenken  entgegen,  daß  sie  Hreußen  eine
Machtverstärkung  nicht  bringen  konnten.  Denn  infolge  ihrer  Lage  legten
die  Elbherzogtümer  zu  ihrer  Derteidigung  die  Kräfte  Preußens  zu  Wasser
und  zu  Lande  fest,  während  sie  nicht  mehr  als  eine  Million  Einwohner
ihm  zubrachten.  Daß  er  dennoch  diese  Lösung  der  FKrage  ins  Werk  gesetzt
  und  durchgeführt  hat,  wer  sieht  darin  nicht  heute  ein  Derdienst
König  Wilhelms,  in  dem  seine  weise  Doraussicht  und  klare  Erfassung  der
Situation  sich  ausdrücktd

Freilich  das  Abgeordnetenhaus  in  Berlin  mutete  das  Entgegengesetzte
ihm  zu.  In  einer  Adresse  richtete  es  die  Bitte  an  den  König,  von  dem
Londoner  Dertrage  zurückzutreten,  den  Erbprinzen  von  Augustenburg  als
Herzog  von  Schleswig-Holstein  anzuerkennen  und  dahin  zu  wirken,  daß
der  Deutsche  Zund  ihm  in  der  Besitzergreifung  und  Befreiung  seiner
Erblande  wirksamen  Beistand  leiste.  Mit  ernstem  und  festem  Worte  wies
der  König  den  Versuch,  in  die  zweifellosen  Rechte  der  Krone  einzugreifen,
zurück.  Aber  die  Seiten  waren  vorüber,  wo  die  Vorgänge  im  Abgeordnetenhause
  noch  einen  tiefen  Eindruck  im  Lande  wie  vordem  gemacht
  hätten.  Swar  lehnte  auch  jetzt  noch  das  Haus  es  ab,  die  Kosten
        <pb n="383" />
        Die  Befreiung  Schleswig-Rolsteins.  377

für  den  so  ruhmreich  durchgeführten  Feldzug  zu  bewilligen,  und  verwarf,
durch  den  Krieg  auch  jetzt  noch  nicht  hinlänglich  belehrt,  nochmals  den
Flottengründungsplan,  den  Roon  ihm  vorlegte:  aber  die  öffentliche
Meinung  entschied  anders.  Am  17.  Dezember  hielten  die  aus  Schleswig
zurückkehrenden  Truppen  ihren  Siegeseinzug  in  Berlin.  Am  Abend  war
Festvorstellung  im  Opernhause.  „Ein  Feldlager  in  Schlesien“  wurde  gegeben.
  Don  der  Bühne  ertönte  der  kriegerische  Chor:  „Für  unsern
König  Gut  und  Blut!“  Da  erhob  sich  ein  jubelnder  Beifallssturm;  das
ganze  Hublikum,  Herren  und  Damen,  stand  auf  und  wandte  sich  der
königlichen  Loge  zuz;  von  begeisterten  Rochrufen  erbrauste  das  ganze  Haus.
Der  König  erhob  sich,  und  lächelnd  sich  über  die  Brüstung  der  Loge
verneigend,  dankte  er  für  die  jubelnde  Kuldigung,  die  an  diesem  Ehrentage
  seiner  Truppen  ihm  dargebracht  wurde.

Um  so  mehr  hielt  er  auch  an  der  Uberzeugung  fest,  daß  auch  das
Abgeordnetenhaus  die  Notwendigkeit  der  dreijährigen  Dienstzeit  —  des
alten  Streitpunktes  —  wenn  sie  ihm  nur  recht  vorgestellt  würde,  trotz
allem  doch  noch  einsehen  würde.  Und  hatten  denn  nicht  die  kriegerischen
Ereignisse  des  Jahres  1864  die  neue  Beereseinrichtung  glänzend  bewährt?
Darum  ergriff  König  Wilhelm  selbst  nochmals  die  Feder,  um  die  gegen
die  Reorganisation  der  Armee,  zumal  gegen  die  dreijährige  Dienstzeit
gerichteten  Angriffe  zu  entkräften.  Er  ließ  eine  Hofjagd  absagen  und
blieb  fast  den  ganzen  Tag  in  seinem  Arbeitszimmer  allein.  So  entstand
die  Denkschrift  „Im  Januar  1865“,  acht  eng  geschriebene  Folioseiten
lang.  Sie  wurde  nicht  gedruckt,  sondern  nur  handschriftlich  mehreren
Generalen  mitgeteilt,  besonders  dem  Kriegsminister,  um  ihre  Gedanken
in  der  Kammerdebatte  zu  verwerten.

„Die  Bekämpfung“,  beginnt  der  königliche  Derfasser  —  „der  trügerischen
  Auffassungen  und  Schlußziehungen  der  oppositionellen  Harteien
im  Landtage,  wie  dieselben  sie  in  den  Dreßorganen  als  Erfahrungen  des
letzten  Krieges  hinstellen,  um  die  Armeereorganisation  als  überflüssig  darzustellen
  und  die  Rückkehr  zu  der  alten  Organisation  zu  empfehlen  —
verlangt  eine  sehr  eingehende  und  scharf  accentuierte  Analvse  jener
Trugschlüsse.  Diese  Analvse  muß  sehr  durchdacht  sein,  weil  die  Massen
durch  jene  CTrugschlüsse  nur  zu  leicht  verführt  werden  können.

„Die  Opposition  stellt  drei  Hauptsätze  auf:

1.  Die  Erfahrung  habe  gelehrt,  daß  die  dreijährige  Dienstzeit  überflüssig
  ist,  da  die  ein=  und  zweijährigen,  ja  nur  wenige  Monate  erst
dienenden  Soldaten  sich  ebenso  gut  geschlagen  hätten,  wie  die  älteren
Mannschaften;
        <pb n="384" />
        378  Sechstes  Kapitel.

2.  die  Candwehroffiziere  hätten  sich  mit  gleicher  Tapferkeit  geschlagen,
wie  die  der  Linie,  und  hätten  überall  Lob  geerntet,  was  den  Beweis
liefere,  daß  der  einjährige  Freiwilligendienst  vollkommen  ausreiche,  um
Offiziere  zu  bilden;

5.  daß,  wenn  im  Jahre  1814  die  jetzigen  Hrinzipien  der  Reorganisation
  der  Armee  Anwendung  gefunden  hätten,  die  Defizits  im  Staatshaushalte
  bis  weit  über  das  Jahr  1850  gedauert  haben  würden.“

Ad  1.  Mit  scharfen  Strichen  zeichnet  der  Rönig  die  militärische
Erziehung.  „Mut,  Tapferkeit“,  sagt  er,  „sind  Eigenschaften,  die  allen
Menschen  mehr  oder  weniger  angeboren  sind;  sie  aber  unter  allen  Müh—
seligkeiten  und  Entbehrungen  des  Kriegs  aus  Oflichtgefühl  sich  zu  erhalten
  und  sie  im  entscheidenden  Augenblick  in  fester  Form  zur  Ausübung
  zu  bringen,  sich  zur  Ertragung  jener  Mühseligkeiten  und  Entbehrungen
  vorzubereiten,  dazu  gehört  eine  längere  Erziehung,  und  nur  wenn
dies  alles  in  gehörige  Wechselwirkung  gebracht  ist,  wird  der  Soldatengeist
  geschaffen.  Diesen  Geist,  namentlich  bei  langem  Frieden,  von  Geschlecht
  zu  Geschlecht  durch  Tradition  und  Ubung  zu  erhalten,  ist  die
Aufgabe  jedes  Kriegsherrn.  Ja,  es  ist  eine  seiner  höchsten  Oflichten,  weil
von  der  Tüchtigkeit  des  Heeres  und  von  dem  Geist,  der  es  belebt,  oft
die  Existenz  des  Daterlandes  abhängen  wirdl!  so  daß  eine  Vernachlässigung
auf  diesem  Gebiete  dem  Kriegsbherrn  zum  gerechten  Dorwurf  durch  seine
Mation  gemacht  werden  müßte!“  Wir  folgen  den  leitenden  Gedanken.
„Im  ersten  Dienstjahre  hat  der  Rekrut  seine  ganze  erste,  sehr  vielseitige
Instruktion  in  sich  aufzunehmen,  und  alles,  was  er  erlernt,  ist  vorläufig
Gedächtnissache.  —  Die  Erfahrung  lehrt,  daß  die  Masse  des  zu  Erlernenden
  im  ersten  Dienstjahre  den  Rekruten  zur  UÜberzeugung  von  der
MUotwendigkeit  des  Erlernten  noch  nicht  gelangen  läßt.  Erst  im  zweiten
Jahre  fängt  er  bei  den  Wiederholungen  des  in  sich  Aufgenommenen  an,
dasselbe  zu  verstehen  und  praktisch  selbständig  auszuführen.  Aber  er  ist
noch  lange  nicht  ein  Soldat,  der  durch  Beispiel  überzeugend  auf  den
Meuling  wirken  kann,  und  namentlich  nicht,  wenn  er  mit  dem  Ablaufe
seines  zweiten  Dienstjahres  die  Endschaft  seiner  Dienstzeit  erwartet,  weil
alsdann  der  Gedanke  an  seine  immer  näher  rückende  Entlassung  nur  zu
rasch  die  Freudigkeit  am  Dienst  erlahmen  läßt.  Erst  im  dritten  Dienstjahre
  fühlt  der  Mann  seine  Überlegenheit  über  den  neu  eintretenden  Ersatzmann,
  dem  er  nun  nicht  nur  als  Dorbild  aufgestellt  werden  kann,
sondern  wo  er  auch  selbst  als  Instruktor  auftritt,  indem  er  das  Erlernte
nicht  nur  vollständig  in  sich  aufgenommen  hat,  sondern  es  auch  andern
mitzuteilen  imstande  ist;  kurzum  er  fühlt  sich  nun  erst  als  Soldat  dem
        <pb n="385" />
        Die  Befreiung  Schleswig-Holsteins.  379

Geist  und  der  Fähigkeit  nach.  Mun  erst  fühlt  er  selbst,  daß  er  nach
längerer  Entlassung  imstande  sein  wird,  das  Erlernte  sich  rasch  wieder
anzueignen,  wenn  er,  nach  der  Reorganisationsbestimmung  selbst  erst  nach
15,  sonst  nach  16  Jahren  noch  zum  Dienst  wieder  herangezogen  werden
würde.  Und  nur  mit  einem  Kern  solcher  durchgebildeten  Soldaten  kann
man  siegesgewiß  in  den  Krieg  ziehen.  Denn  dieser  Kern  besteht  nach
der  neuen  Grganisation  erstens  aus  den  wieder  einberufenen,  völlig  geschulten
  und  daher  sich  rasch  wieder  eingewöhnenden  Mannschaften  im
Alter  von  24—27  Jahren;  zweitens  aus  denen,  welche  im  dritten  und
zweiten  Dienstjahre  sich  befinden,  die  bereits  imstande  sind,  das  Erlernte
zu  verwerten.  Diese  zwei  Kategorien  sind  daher  in  der  Lage,  den  letzteingestellten,
  wenig  ausgebildeten  Ersatz  mit  sich  fortzureißen;  und  in
einem  so  tüchtigen  Rahmen  findet  dann  auch  später  der  übereilt  ausgebildete
  Kriegsrekrut  einen  sicheren  Halt  und  wird  durch  das  Beispiel
seiner  älteren  Kameraden  rasch  kriegstüchtig..  Und  so  waren  unsere
im  Jahre  1864  kömpfenden  und  siegenden  Truppen  gebildet.  Wenn
man  einen  Stein  aus  dieser  GEliederung  entfernt,  so  muß  das  ganze
Gebäude  baufällig  werden!  Und  man  hat  mehr  als  eine  Armee  zu
Grunde  gehen  sehen,  weil  man  aus  Nebenrücksichten  falschen  Theorien
huldigen  zu  müssen  glaubte.  Solche  Irrtümer  rächen  sich  im  Kriege
nur  zu  rasch!"“

Ad  2.  „Es  ist  gerade  kein  Lob,  welches  die  Opposition  den  Landwehroffizieren,
  welche  im  Jahre  1864  gefochten  haben,  spendet,  wenn  sie
hervorhebt,  daß  sie  tapfer  gewesen  und  Tüchtiges  geleistet  hätten.  Niemand
  in  der  preußischen  Armee  hat  daran  gezweifelt,  daß  die  Landwehroffiziere
  tapfer  und  leistungsfähig  sein  würden.  Mut  und  Tapferkeit
zieht  man  in  unserer  Mation  nicht  erst  mit  dem  Waffenrock  an;  nur  die
Gelegenheit,  diese  Eigenschaften  bei  steter  Todesgefahr  fortgesetzt  zu  beweisen,
  bietet  die  Anlegung  des  Waffenschmuckes  dar!  Hätte  die  Armee
eine  andere  Ansicht  von  den  Landwehroffizieren  gehabt,  so  würde  man
diese  Klasse  von  Offizieren  gewiß  nicht  beibehalten  haben.  Im  Gegenteil,
  die  Rotwendigkeit,  bei  einem  geringen  Friedensstand  an  Offizieren
eine  Reserve  derselben  bei  eintretender  Kriegsaugmentation  zu  besitzen,
hat  die  Sorgsamkeit  auf  die  Ausbildung  der  Landwehr-Offizieraspiranten,
der  sogenannten  Einjährig-Freiwilligen  bei  den  Linientruppen,  von  Jahr
zu  Jahr  gesteigert,  und  es  wäre  ein  schlechtes  Seugnis,  welches  sich  die
Linienoffiziere  ausstellten,  wenn  sie  ihre  auf  die  Ausbildung  dieser  Offizieraspiranten
  verwendete  Sorgfalt  so  gering  anschlügen,  daß  sie  dereinst
nichts  von  ihrer  Kriegstüchtigkeit  erwarteten."
        <pb n="386" />
        380  Sechstes  Kapitel.

Der  König  zeigt  dann,  in  welcher  Weise  man  es  beim  Heere  erreicht
  habe,  daß  auch  die  Candwehroffiziere  mit  Erfolg  Dienste  leisten
konnten,  und  das  sei  um  so  leichter  zu  erreichen  gewesen,  als  „die  Bildungsstufe
  der  Klasse  der  Gesellschaft,  aus  welcher  diese  Offizieraspiranten,
noch  dazu  nach  einer  zu  bestehenden  Prüfung  hervorgehen,  zu  den  höheren
gehört;  ihre  Bildung  und  Gesittung  stellt  ihnen  die  Einsicht,  warum  sie
zeitweise  zum  Heeresdienste  verpflichtet  sind  klar  dar,  so  daß  nur  Routine
ihnen  nötig  ist,  um  tüchtige  Glieder  des  Heeres  zu  werden.“  Das  habe
sich  jetzt,  meint  der  König,  vollständig  bewährt;  daraus  aber,  wie  es
die  Opposition  thue,  den  Schluß  zu  ziehen,  daß  es  überhaupt  hinreiche,
als  Einjährig-Freiwilliger  ausgebildet  zu  werden,  um  ein  üüchtiger
Offizier  zu  sein,  sei  ein  Trugschluß,  den  nur  das  Harteigetriebe  aufstellen
  könne.

Ad  3.  Der  letzte  Abschnitt  der  Denkschrift  beschäftigt  sich  mit  Zudgetfragen.
  Der  königliche  Derfasser  stellt  die  Militärlasten,  wie  sie  1814,
1848  und  bei  den  durchgreifenden  Einrichtungen  seit  1851  dem  preußischen
  Dolke  auferlegt  waren,  unter  HBeranziehung  aller  einschlägigen
Fragen  mit  den  Oflichten  zusammen,  welche  die  von  ihm  durchgeführte
Reorganisation  fordere,  und  kommt  zu  dem  Schlusse,  „daß  es  doch  sehr
in  die  Augen  springend  sein  dürfte,  welche—-Erleichterung  dem  Lande
durch  die  Reorganisation  zu  teil  geworden,  indem  zum  dänischen  Kriege
nur  4—5000  Landwehrleute  eingezogen  wurden,  während  nach  den
(früher  bestandenen  Zestimmungen  über  50  000  Mann  Landwehr  hätten
einberufen  werden  müssen.  Und  faßt  man  die  in  Zeserve  aufgestellten
Truppen,  sowie  die  zum  Schutz  der  polnischen  Grenze  aufgestellten  ins
Auge,  so  würde  nach  der  alten  Landwehrorganisation  die  Mannschaft
von  6  Armeecorps  einberufen  worden  sein,  das  heißt  70  000  Mann
Landwehr.“

Auch  in  der  Thronrede,  mit  der  er  am  14.  Januar  1865  den  Landtag
  eröffnete,  weist  der  König  auf  die  großen  Dorzüge  der  Beeresreorganisation
  hin:  allein  vergeblich  hoffte  er  auf  einen  Umschwung  der
Stimmung,  auf  eine  Ausgleichung  des  Gegensatzes  zwischen  der  Regierung
und  dem  Abgeordnetenhause.  „Der  Wohlfahrt  Hreußens  und  seiner
Ehre“,  sagte  der  König,  „ist  mein  ganzes  Streben,  mein  Leben  gewidmet.
Mit  dem  gleichen  Siel  vor  Augen  werden  Sie,  wie  ich  nicht  zweifele,
den  Weg  zur  vollen  Derständigung  mit  meiner  Regierung  zu  finden
wissen  und  werden  Ihre  Arbeiten  dem  Daterlande  zum  Segen  gereichen.“
Allein  noch  war  der  Tag  nicht  da,  an  welchem  die  Nation  —  mit
Bismarck  zu  sprechen  —  auch  durch  den  Mund  ihrer  geordneten  Der-
        <pb n="387" />
        Die  Befreiung  Schleswig-Holsteins.  381

treter  ihrem  Königlichen  Herrn  Dank  und  Anerkennung  aussprechen  sollte
—  wenn  auch  das  Volk,  wie  am  Einzugstage,  aus  eigener  Bewegung
es  that.  So  fand  auch  der  Gedanke  des  Königs  im  Volke  bereite  Zu—
stimmung,  sein  tapferes  Heer  durch  ein  Denkmal  in  der  Reichshauptstadt
zu  ehren,  das  —  nach  den  Worten  des  Königs  —  „den  kommenden
Geschlechtern  bezeugen  soll,  wie  in  Unserem  Volke  auch  nach  langem
Frieden  der  Geist  seiner  Väter  lebte,  wie  Unser  Heer,  das  Volk  in  Waffen,
mutig  und  wohlgeübt,  die  ererbte  kriegerische  Tüchtigkeit  in  Zucht  und
Ordnung  bewährend,  zu  Wasser  und  zu  Lande  die  Ungunst  der  Elemente
und  den  tapferen  Widerstand  der  Feinde  überwunden  hat,  dem  Könige
die  Treue  haltend  bis  in  den  Tod.“  Am  Jahrestage  des  Düppelsturmes
wurde  in  Berlin  der  Grundstein  feierlich  dazu  gelegt.

Doch  auch  in  die  Politik  griff  der  Gegensatz  der  Regierung  und
der  demokratischen  Landtagsmehrheit  hinüber.  Das  Gutachten  des  preußischen
  Kronspndikats  erklärte  die  Ansprüche  des  Herzogs  von  Augustenburg
durch  die  Abfindung,  die  sein  Dater  erhalten  hatte,  für  erledigt.  Damit
war  für  die  Regierung  diese  Kandidatur  beseitigt;  die  Linke  des  Abgeordnetenhauses
  hielt  dagegen  an  ihr  fest.  Das  war  auch  die  Stellung
Gsterreichs,  das  die  Umtriebe  und  Settelungen  der  augustenburgischen
Dartei  gegen  Hreußen  ruhig  mit  ansah,  ja  auch  gelegentlich  begünstigte.
Alle  Dorstellungen  Hreußens  dagegen  fruchteten  nichts,  so  daß  Dreußens
Miitbesitzerschaft  fast  zu  einem  Gespött  in  den  Herzogtümern  wurde.  Das
konnte  sich  Hreußen  nicht  bieten  lassen.  Immer  bedrohlicher  schärfte  sich
daran  der  alte  Gegensatz  der  beiden  Großmächte  von  neuem;  täglich
wuchs  die  Entfremdung,  ja  die  Spannung  zwischen  ihnen.  Endlich  griff
Dreußen  zur  Selbsthilfe:  es  wies  zwei  von  den  augustenburgischen  Agitatoren,
  die  mit  besonderer  Rührigkeit  thätig  waren,  eine  Entscheidung  der
Großmächte  von  vornherein  zu  vereiteln,  kurzerhand  aus  dem  Lande  und
verlegte  die  Zauptstation  der  preußischen  Marine  von  Danzig  nach  Kiel;
ja  König  Wilhelm  war  entschlossen,  wenn  der  Berzog  von  Augustenburg
sein  preußenfeindliches  Treiben  nicht  einstellte,  ihn  aufheben  und  auf
einem  Kriegsschiffe  nach  der  Festung  Hillau  bringen  zu  lassen.  Dor  Kiel
lag  die  Dineta,  der  Ordre  gewärtig.  Da  nahm  der  Herzog  doch  die
eindringlichen  Mahnungen  seiner  Gönner  am  Bundestag,  zumal  Baxerns,
zu  Berzen  und  machte  sich  auf,  den  stets  so  gütigen  Hreußenkönig  in
persönlicher  Susammenkunft  zu  versöhnen.  Alllein  jetzt  war  es  zu  spät;
wie  ein  Donnerschlag  traf  ihn  unterwegs  die  Kunde,  daß  die  beiden
Großmächte,  von  deren  Widerstreit  er  zu  gewinnen  hoffte,  sich  friedlich
miteinander  verständigt  hätten.  ·
        <pb n="388" />
        382  Sechstes  Kapitel.

Es  war  der  Gedanke  Bismarcks  gewesen,  den  inneren  Frieden  in
den  Herzogtümern  dadurch  herzustellen,  daß  er  durch  eine  Geldzahlung
Osterreich  zur  Abtretung  seines  Mitbesitzrechtes  an  Preußen  bestimme.
Allein  Graf  Mensdorff  hatte,  obgleich  Osterreich  in  den  größten  finanziellen
  Bedrängnissen  sich  befand,  mit  auffallender  Entschiedenheit  den
Gedanken  zurückgewiesen.  Denn  durch  ein  Bündnis  mit  Frankreich  hoffte
er  es  in  seinem  Gegensatze  zu  Preußen  zu  stärken.  Graf  Metternich,  der
Botschafter  Gsterreichs  am  Tuilerien-Hofe,  gab  sich  auch  alle  Mühe,  in
der  Stille  dies  Siel  zu  erreichen.  Indes  die  Hoffnung  verwirklichte  sich
nicht:  Kaiser  Mapoleon  war  nicht  zu  bewegen,  das  Entgegenkommen  zu
erwidern.  Das  legte  Esterreich  nun  freilich  den  Wunsch  nahe,  es  nicht
zum  Bruche  mit  Dreußen  kommen  zu  lassen:  wenn  dies  nur  etwas  nachgiebiger
  gewesen  wäre!  Aber  König  Wilhelm  fand  die  Derhältnisse  in
den  Berzogtümern  je  länger,  um  so  unerträglicher.  Er  hatte  die  Kur,
welche  die  Arzte  ihm  auferlegt  hatten,  in  Karlsbad  beendigt  und  stand
im  Begriffe,  sich  zur  Tachkur  nach  Gastein  zu  begeben.  Unterwegs,  auf
der  Reise  dorthin,  versammelte  er  den  Ministerrat,  zu  dem  auch  die  Botschafter
  aus  Wien  und  Haris  beschieden  waren,  in  Regensburg  am
21.  Juli  um  sich;  der  Beschluß  war,  daß  Hreußen  auf  seinen  Forderungen
beharren  müsse.  Der  König  glaubte  das  der  Ehre  Hreußens  schuldig
zu  sein.  ·

UndinOsterreichüberwogdoch,alsdaspreußischeUltimatumin
Wien  eintraf,  die  Neigung  zum  Frieden.  Graf  Blome,  der  österreichische
Gesandte  in  München,  ein  geborener  Holsteiner,  fand  einen  Ausweg,
der  sich  gangbar  erwies.  Er  schlug  vor,  die  Herzogtümer  zwischen  die
beiden  Besitzer  zu  teilen.  Man  beschloß  in  Wien,  in  Ausführung
dieses  Gedankens,  Hreußen  eine  vorläufige  Teilung  der  Derwaltung
unter  Vorbehalt  der  gemeinsamen  Souveränität  in  beiden  Berzogtümern
anzutragen;  und  der  Kaiser  richtete  ein  sehr  warm  gehaltenes  Randschreiben
  an  König  Wilhelm  nach  Gastein,  um  ihn  für  diesen  Dorschlag
zu  gewinnen.  Graf  Blome,  mit  der  Führung  der  Derhandlungen  betraut,
  überbrachte  es  dem  Uönige  und  vereinbarte  mit  Bismarck  in
dreitägiger  Unterhandlung  alle  Einzelbeiten.  Am  14.  August  unterzeichneten
  beide  Staatsmänner  den  Dertrag  von  Gastein.  Danach
sollten  die  Rechte,  welche  die  beiden  Mächte  im  Wiener  Frieden  erworben
  hatten,  für  Bolstein  auf  GEsterreich,  für  Schleswig  auf  Hreußen
übergehen,  „unbeschadet  der  Fortdauer  dieser  Rechte  beider  Mächte  an
der  Gesamtheit  der  beiden  Herzogtümer.“  Hreußen  erhielt  jedoch  in
Holstein  zwei  Stappenstraßen  und  zwei  Telegraphendrähte  sowie  preußi-
        <pb n="389" />
        Die  Befreiung  Schleswig-Holsteins.  383

schen  Hostverkehr  auf  der  Eisenbahn.  Der  Kieler  Hafen  sollte  von
Dreußen  besetzt  bleiben,  das  auch  das  Recht  erhielt,  Friedrichsort  zu  befestigen.
  Rendsburg  dagegen  sollte  mit  jährlich  wechselndem  Kommando
von  beiden  Mächten  gemeinsam  besetzt  werden.  Endlich  sollten  beide
Berzogtümer  dem  Sollvereine  beitreten  und  Lauenburg  ganz  gegen
Sahlung  von  2½  Millionen  dänischer  Reichsthaler  (5  625  000  Mark)
in  den  Besitz  Dreußens  übergehen.

Edwin  von  Mantenffrl.

Der  Vorteil  des  Dertrages  lag  mithin  ausschließlich  auf  seiten
Dreußens.  Tachdem  auch  die  beiden  Berrscher  in  Salzburg  am  20.  August
ihn  unterzeichnet  hatten,  nahm  König  Wilbelm  ihn  zum  Anlaß  in  dankbarer
  Anerkennung  der  völlig  veränderten  Stellung,  die  Hreußen  während
der  letzten  Jahre  unter  den  Mächten  Europas  sich  errungen,  Bismarck
in  den  erblichen  Grafenstand  zu  erheben.  Hreußischer  Gouverneur  in
Schleswig  wurde  der  Generalleutnant  Sdwin  von  Moanteuffel,  ein  Vetter
        <pb n="390" />
        384  Sechstes  Kapitel.

des  früheren  Ministerpräsidenten;  österreichischer  Gouverneur  in  Holstein
wurde  Gablenz.

Höchst  niederschlagend  wirkte  die  Kunde  von  dem  Vertrage  auf  den
Herzog  von  Augustenburg;  denn  er  machte  den  Thronprätendenten  wieder
zum  schlichten  Privatmann.  Zum  Einlenken  war  es  jetzt  zu  spät.  Aber
nicht  weniger  bedrückte  das  Gasteiner  Abkommen  den  Bundestag;  er
entzog  sich  allen  Schwierigkeiten,  indem  er  mit  dem  Ende  des  Monats
August  in  die  Ferien  ging.  Zwar  in  den  deutschen  Mittelstaaten,  denen
der  Vertrag  alle  Wichtigkeit  nahm,  war  man  voll  Unmuts,  und  der  Ab—
geordnetentag  in  Frankfurt  hallte  von  Entrüstung  wider:  aber  wieder
einmal  ward  es  klar,  daß,  wenn  die  deutschen  Großmächte  einig  waren,
niemand  gegen  ihre  Entscheidung  aufkommen  konnte.

In  Wahrheit  indes  war  durch  den  Gasteiner  Vertrag,  wie  Bismarck
wohl  erkannte,  „der  Frieden  nur  geflickt  und  der  Riß  im  Bau  nur  verklebt.“
  Denn  der  Gegensatz  zwischen  Hreußen  und  sterreich  hatte  viel
tiefere  Wurzeln  als  die  Differenzen  über  die  Elbherzogtümer;  in  der
Stellung  beider  Mächte  in  und  zu  Deutschland  lag  der  wahre  Grund.
Und  der  Tag  mußte  kommen,  an  dem  eine  Auseinandersetzung  darüber
zwischen  ihnen  unvermeidlich  war.  Von  dieser  Überzeugung  war  der
König  ebenso  sehr  wie  sein  Ministerpräsident  durchdrungen  und  beide
gleichmäßig  darauf  bedacht,  die  Stellung  Preußens  zu  den  übrigen
Großmächten  dementsprechend  zu  erhalten.  Böchst  empfindlich  berührte
es  den  Hönig  daher,  daß  die  französische  Regierung  am  20.  August  ein
Rundschreiben  an  ihre  Gesandten,  das  indes  auch  in  die  Seitungen  gelangte,
  erließ,  in  wolchem  der  Gasteiner  Vertrag  als  ein  gewaltthätiger
Willkürakt  der  Teilungsmächte  gebrandmarkt  wurde.  Nur  mit  Widerstreben
  gab  er  daher  dem  Grafen  Bismarck  die  Erlaubnis,  durch  persönliche
  Zesprechung  mit  dem  Kaiser  Napoleon  diese  Trübung  der
freundlichen  Beziehungen  Dreußens  zu  Frankreich  zu  beseitigen.  Geschehen
mußte  indessen  etwas,  da  dieser  Angriff  der  französischen  Regierung
sachlich  völlig  unbegründet  war.  Und  Bismarck  hatte  denn  auch  die
Genugthuung,  seinem  königlichen  Herrn  berichten  zu  können,  nachdem  er
Mapoleon  in  Biarritz  gesprochen,  daß  der  Kaiser  durch  einen  Erlaß  an
den  französischen  Botschafter  in  Berlin  das  Rundschreiben  der  Hauptsache
nach  zurücknahm.  Sehr  wesentlich  wirkte  darauf  der  Umstand  ein,  daß
Bismarck  Mapoleons  Frage,  ob  Oreußen  etwa  Osterreich  zur  Entschädigung
  für  den  Gasteiner  Dertrag  Denetien  garantiert  habe,  mit
aller  Bestimmtheit  verneinen  konnte.  In  Csterreich  freilich  legte  man
diese  Reise  des  preußischen  Müinisterpräsidenten  nach  Biarritz  als  eine
        <pb n="391" />
        Die  Befreiung  Schleswig-Holsteins.  385

Intrige  gegen  GEsterreich  aus,  deren  Siel  nur  die  Derwirklichung  eines
Bündnisses  zwischen  Frankreich  und  Hreußen  sein  könne.  Wohl  war
auch  in  Fortsetzung  der  Biarritzer  Unterredungen  in  St.  Cloud  die  Möglichkeit
  eines  preußisch-französischen  Bündnisses  erwogen  worden,  aber
doch  hatte,  der  Weisung  König  Wilhelms  entsprechend,  Bismarck  den
Abschluß  eines  solchen  als  noch  verfrüht  bezeichnet  eine  Auffassung,  der
auch  Napoleon  zustimmte,  während  er  ein  österreichisch-französisches
Bündnis  als  für  ihn  unmöglich  erklärte.  Auch  zu  Jtalien  gestalteten  sich
die  Beziehungen  Hreußens  nur  noch  freundlicher.  Der  Abschluß  eines
HZandelsvertrages  zwischen  beiden  Staaten  wurde  in  Aussicht  genommen.
Bauptsächlich  aber  war  es  die  Hoffnung,  durch  Hreußens  Mitwirkung
das  noch  österreichisch  gebliebene  Denetien  zu  erlangen,  die  Jtalien  der
norddeutschen  Großmacht  näher  brachte.

Diese  achtsame  Dflege  der  internationalen  Beziehungen  Hreußens
machte  für  König  Wilhelm  der  Hinblick  auf  die  Dinge  in  Holstein  zur
MNotwendigkeit.  Denn  wenn  dort  auch  anfangs  Gablenz  jeden  Anstoß
zu  vermeiden  gesucht  hatte,  so  schien  es  doch  sehr  bald  so,  als  ob  der
Gasteiner  Dertrag  Osterreich  wieder  leid  geworden  wäre:  so  offen  wurde
unter  den  Augen  des  österreichischen  Souverneurs  die  Angitation  gegen
Dreußen  in  HBolstein  getrieben.  Effentliche  Kundgebungen  und  Dolksversammlungen
  fanden  statt,  und  die  TLandespresse  triefte  förmlich  von
Derunglimpfungen  Dreußens.  Alle  Beschwerden  Hreußens  darüber
verhallten  aber  in  Wien  völlig  wirkungslos.  Wollte  Esterreich
erproben,  wie  viel  sich  Hreußen  bieten  lassed  Freilich  schien  durch
den  fortdauernden  Konflikt  mit  der  TLandesvertretung  die  Kraft
der  preußischen  Regierung  lahm  gelegt  worden  zu  sein.  Am
15.  Januar  866  war  der  TLandtag  eräöffnet  worden.  Seine  erste
Kundgebung  war  eine  Zede  des  Hräsidenten  Grabow,  in  der  dieser
der  feindseligen  Stimmung  der  Mehrheit  des  Hauses  durch  herausfordernde
Dorwürfe  gegen  die  Regierung  Ausdruck  gab.  Aber  auch  weiterhbin  war
die  Thätigkeit  des  Hauses  nicht  den  Gesetzesvorlagen,  sondern  Angriffen
auf  die  Regierung  zugewandt.  Es  mißbilligte  die  Erwerbung  des
Rerzogtums  Lauenburg,  obgleich  der  König  die  Mlittel  dazu  aus  seiner
Drivatschatulle  hergegeben  hatte;  es  griff  gegen  Art.  86  der  Derfassung
die  Unabhängigkeit  der  Gerichte  an;  es  erteilte  gegen  Art.  45  der  Derfassung
  den  Beamten  Vorschriften  in  betreff  ihrer  dienstlichen  Oflichten.
Die  Roffnung,  mit  ihm  zum  Frieden  zu  gelangen,  schien  also  ausgeschlossen.
So  ließ  denn  König  Wilhelm  am  25.  Februar  die  Sitzungen  des  Landtages
  schließen  und  berief  auf  den  28.  unter  Suziellung  Manteuffels

Taiser  Wilhelm.  25
        <pb n="392" />
        386  Sechstes  Kapitel.

einen  Ministerrat  in  Berlin,  um  die  Situation  zu  erwägen.  Der  Beschluß
  desselben  ging  dahin,  daß  es  mit  der  Ehre  Preußens  unverträglich
  sei,  in  der  Angelegenheit  der  Elbherzogtümer  sich  vor  Esterreich
zu  beugen,  daß  indes  noch  jetzt  ein  Anlaß  zur  Mobilmachung  nicht
vorläge.

Anders  jedoch  sah  man  in  Esterreich  die  Sachlage  an.  Am  10.  März
hielt  der  Kaiser  Franz  Joseph  in  Wien  Kriegsrat.  Hier  erfüllte  alle  die
Suversicht,  daß  Hreußen,  wenn  es  Ernst  sähe,  sich  doch  beugen  würde.
Sofort  begann  man  daher  mit  militärischen  Dorbereitungen  und  Truppenansammlungen
  an  der  preußischen  Grenze  in  Böhmen  und  Mähren.
Sugleich  hoffte  Gsterreich  den  Bundestag  mit  fortzureißen.  Dertraulich
sprach  es  am  16.  März  den  ihm  befreundeten  deutschen  Regierungen  die
Erwartung  aus,  daß  sie,  falls  es  zum  Bruche  mit  Hreußen  käme,  für
Mobilmachung  der  Bundeskontingente  und  für  Bundesexekution  stimmen
würden.

So  erschien  mit  düsteren  Wolken  der  Bimmel  Hreußens  umzogen,
als  in  diesen  Tagen  König  Wilbelm  sein  siebzigstes  Lebensjahr  antrat.
Da  war  es  denn  ein  heller  Sonnenstrahl  für  ihn,  wie  am  Geburtstagsmorgen
  die  jüngsten  Hohenzollern  dem  greisen  Haupte  der  FSamilie  ihre
Glückwünsche  darbrachten.  Sie  waren  alle  gekommen,  die  fröhlich  heranwackhsenden
  Enkel,  von  den  kronprinzlichen  Sltern  geleitet,  der  verständige
Orinz  Wilhelm,  der  herzige  Beinrich,  die  liebliche  TCharlotte  und  der
kleine  Sigismund,  der,  obwohl  noch  nicht  ganz  sicher  auf  den  Füßen
(geboren  am  15.  September  1864),  sich  etwas  vordrängte,  um  ja  zuerst
dem  lieben  Großvater  sein  Sträußchen  darzubieten.  Wer  mochte  abnen,
daß  nach  drei  Monaten  schon  der  lebensfrische  Hrinz  in  der  Fürstengruft
der  Friedenskirche  ruhen  würde.  ·

Gegenüber  den  Umtrieben  österreichs  richtete  Ende  März  auch  Preußen
seinerseits  die  Anfrage  an  die  deutschen  Regierungen,  „ob  und  in  welchem
Maße  es  auf  deren  Unterstützung  in  dem  Falle  rechnen  könne,  wenn  es  von
Gsterreich  angegriffen  oder  durch  unzweideutige  Drohungen  zum  Kriege  genötigt
  werde“.  SZugleich  brachte  es  wiederum  die  so  notwendige  Bundesreform
  in  Anregung.  Allein  die  Antworten,  die  es  erhielt,  lauteten  meist
ausweichend;  manche  blieben  auch  ganz  aus.  Das  war  deutlich  genug.
Oreußen  zögerte  daher  jetzt  nicht  länger,  mit  Jtalien  ein  Schutz=  und
Trutzbündnis  auf  die  Dauer  von  drei  Monaten  abzuschließen,  in  dem  sich
Italien  die  Erwerbung  von  Denetien,  Hreußen  die  einer  mindestens  ebenso
großen  Gebietserweiterung  ausbedang.  Das  Ob  und  Wann  der  Kriegseröffnung
  war  darin  ausschließlich  in  Hreußens  RKand  gelegt.  Als  Kriegs--
        <pb n="393" />
        Dic  kronprinzliche  Familie  graluliert  Könin  Wilhelm  zu  seinem  69.  Geburtolage  (22.  März  1866).
        <pb n="394" />
        388  Sechstes  Kapitel.

fall  war  bezeichnet,  „wenn  Preußens  Antrag  wegen  einer  den  Bedürf—
nissen  der  Nation  entsprechenden  Bundesreform  zurückgewiesen  werden
sollte“-.  Denn  nicht  für  die  schleswig-holsteinische  Frage  wollte  König
Wilhelm  das  Schwert  ziehen.  Das  große  Siel,  das  er  im  Auge  hatte,
war  die  Neugestaltung  Deutschlands.  Am  Tage  nach  der  Unterzeichnung
des  preußisch-italienischen  Bündnisses  richtete  er  daher  an  den  Bundestag
den  Antrag,  eine  aus  allgemeinen  direkten  Wahlen  hervorgehende  deutsche
Nationalversammlung  einzuberufen.

Allein  so  sehr  feblte  es  dem  Bundestage  an  Derständnis  für  den
ehernen  Ernst  der  Situation,  daß  er  den  preußischen  Antrag  einer  Kommission
  überwies,  die  ihn  ruhig  beiseite  legte.  Schlimmer  konnte  er  gar
nicht  seine  Unfähigkeit  bezeugen.
        <pb n="395" />
        Siebentes  Kapitel.
Die  Auseinandersetzung  mit  österreich.

Die  schleswig-holsteinische  Frage  war  zur  deutschen  Frage  geworden.
Infolge  der  Rüstung  Gsterreichs  begann  auch  Hreußen  in  den  letzten
Mlärztagen  mit  militärischen  Dorbereitungen.  Hand  am  Schwerte  standen
die  beiden  Gegner  sich  gegenüber.  Jeder  warf  dem  andern  vor,  zum
Kriege  herausgefordert  zu  haben;  jeder  lehnte  von  sich  den  Dorwurf  ab.
Seine  Friedensliebe  zu  bethätigen,  schlug  Gsterreich  gleichzeitige  Abrüstung
vor.  Sofort  war  Hreußen  dazu  bereit.  Allein  Esterreich  wollte  nur
gegen  Hreußen,  nicht  auch  gegen  Jtalien  abrüsten,  während  Hreußen
verlangte,  daß  die  Abrüstung  aller  drei  Alächte  eine  vollständige  sein
müsse.  Indessen  dies  lehnte  Gsterreich  ab.  Nun  versuchte  Mapoleon  zu
vermitteln:  im  Einverständnis  mit  England  schlug  er  vor,  die  streitigen
Fragen  durch  einen  Kongreß  der  Großmächte  zu  schlichten.  Damit  war
Hreußen  einverstanden;  Esterreich  jedoch  wollte  ihn  sich  nur  unter  der
Bedingung  gefallen  lassen,  „daß  von  keiner  Seite  ein  Anspruch  auf  eine
Gebietsvergrößerung  erhoben  werden  dürfe“.  Was  sollte  aber  der  Kongreß,
  wenn  von  vornherein  die  Entscheidung  über  Schleswig-Holstein  und
Venetien  ihm  entzogen  blieb  b  Dem  Bundestage  vielmehr  wollte  Esterreich
  die  Entscheidung  über  die  Elbherzogtümer  übertragen  sehen.  Dem
widersprach  Hreußen,  da  der  Wiener  Frieden  ausschließlich  die  beiden
Großmächte  zu  Herren  der  Herzogtümer  gemacht  habe.  Osterreich  gab
darauf  keine  Antwort,  während  es  doch  mit  aller  Beschleunigung  seine
Rüstungen  fortsetzte.  Ende  Mai  waren  diese  so  weit  gefördert,  daß  es
den  Dorsprung  vor  Hreußen  zu  haben  glaubte.  Und  nun  übertrug  es
am  1.  Juni,  ohne  Hreußen,  als  wenn  es  Alleinbesitzer  wäre,  vorher
auch  nur  zu  benachrichtigen,  die  Entscheidung  der  schleswig-holsteinischen
Angelegenheit  dem  Bundestage  und  beauftragte  Gablenz  zugleich,  auf
den  11.  Juni  die  holsteinischen  Stände  einzuberufen.

Das  war  ein  Faustschlag,  Dreußen  vor  aller  Welt  ins  Gesicht  gegeben:
  der  Gasteiner  Dertrag  war  zerrissen.  Hreußen  stellte  sich  also
        <pb n="396" />
        390  Siebentes  Kapitel.

„auf  den  Boden  des  Wiener  Friedens“.  Demgemäß  kündigte  Manteuffel
dem  österreichischen  Gouverneur  an,  daß  er  wieder  in  Holstein  einrücken.
würde,  um  es  gemeinsam  mit  GEsterreich  zu  besetzen,  indem  er  Gablenz
anheimgab,  in  der  gleichen  Weise  in  Schleswig  zu  verfahren.  Das  bedeutete
  noch  nicht  den  Krieg;  aber  die  Gewitterschwüle  der  ganzen  politischen
  Atmosphäre  deutete  doch  auf  einen  nahen  Losbruch  des  Wetters.
Mit  beklommenem  Sagen  saben  in  Hreußen  nicht  wenige  ihm  entgegen.
Hreußen  gegen  Gsterreich,  gegen  Deutschland!  Der  Gedanke  eines  „Bruderkrieges“
  war  ihnen  unfaßbar,  weil  sie  die  zwingenden  Gründe  nicht  verstanden.
  Klarer  als  König  Wilhelm  selbst  hat  sich  niemand  über  diese
ausgesprochen,  als  er  am  4.  Juni  dem  Erzbischof  Melchers  von  Köln
auf  dessen  Bitte  antwortete,  „die  Schrecken  eines  deutschen  Bruderkrieges,
dessen  Ausgang  außer  aller  menschlichen  Berechnung  liege,  von  dem
teuren  Daterlande  fernzuhalten,  wenn  es  immer  noch  möglich  sei.“

„Der  Ernst  der  Seit“  —  schrieb  der  König  —  „hat  Ihnen  den
Wunsch  eingegeben,  sich  offen  gegen  Mich  auszusprechen,  und  das  ist
Mir  sehr  erwünscht  gewesen.  Sbenso  offen  werde  Ich  Ihnen  nun  antworten.


„Ich  weiß,  daß  in  weiten  Kreisen  der  wahrscheinlich  bevorstehende
Krieg  in  seinen  Ursachen  nicht  begriffen  wird,  teils  weil  diese  nicht  handgreiflich
  einem  jeden  vor  Augen  liegen,  teils  weil  nach  50  Friedensjahren,
  der  größten  und  höchsten  Wohlfahrt  der  Bevölkerung,  man  sich
des  Gedankens  entwöhnt  hatte,  daß  alle  die  gewonnenen  Güter  zeitweise
  einem  höheren  Sweck  geopfert  werden  müßten.  Diese  Unklarheit
über  die  Ursachen  zum  Kriege  wurzelt  aber  außerdem  noch  in  den
Tendenzen  der  Umsturzpartei  oder  Fortschrittspartei,  welche  seit  Jahren
Müißtrauen  gegen  Mich  und  Meine  Regierung  säet,  um  zu  ihrem  Zwecke,
d.  h.  der  Schwächung  und  zuletzt  der  Dernichtung  der  menarchischen
Macht  zu  gelangen;  diese  Hartei  benutzt  die  Gegenwart,  um  die  Unklarheit
  der  politischen  Lage  Dreußens  zu  vermehren  und  den  Mißmut,  der
bei  jedweder  kriegerischen  Aussicht  unvermeidlich  ist,  zu  nähren,  da  von
Hatriotismus  bei  dieser  Hartei  nicht  die  Rede  sein  darf,  sondern  nur
von  Egoismus.

„Wenn  man  aber,  wie  Ich  seit  Jahren  die  Tendenzen  Esterreichs
verfolgen  mußte,  so  mußte  es  Mir  immer  klarer  werden,  daß  selbst
während  der  Allianz  von  1864  diese  nur  einen  kurzen  Stillstand  in  jenen
Tendenzen  hervorbrachte,  um  sie  darauf  um  so  eklatanter  zum  Austrage  zu
bringen;  und  diese  Tendenz  ist  seit  dem  Siebenjährigen  Kriege  keine  andere,
als  Dreußen  von  seiner  Großmachtstellung  wieder  Berabzuwerfen  und  es
        <pb n="397" />
        Die  Auseinandersetzung  mit  sterreich.  391

zu  einem  Staate  zweiten  Ranges  zu  degradieren.  Selbst  die  glorreiche
Erfahrung  des  Jahres  1864  hat  Esterreich  nicht  vermocht,  diese  Richtung
  aufzugeben,  obgleich  es  sah,  daß  Hreußen  und  sterreich,  einig,
ganz  Europa  Schach  bieten  können.  Welche  Mittel  Esterreich  aufgeboten
hat,  um  Hreußen  in  der  öffentlichen  Mleinung  nicht  nur  in  den  Rerzogtümern,
  sondern  in  ganz  Europa  zu  degradieren,  liegt  jedermann  vor
Augen;  Lug,  Trug,  Herleumdung  in  allen  von  ihm  erkauften  Seitungen
Europas  waren  ihm  gesuchte  Mittel,  die  öffentliche  Meinung  gegen
Dreußen  aufzustacheln  und  dasselbe  als  von  Ehrgeiz  und  Eroberungssucht
aufgeblasen  zu  schildern,  und  so  vornebmlich  die  deutschen  Staaten  gegen
uns  aufzuhetzen.  Dies  ist  das  Lügengewebe,  welches  nun  zum  TKriege
führt.  Einem  solchen  Derfahren  darf  ein  Staat,  der  sich  achtet,  nicht
ruhig  zusehen.  Alle  Meine  Dorstellungen  in  Wien  gegen  ein  so  perfides
Benebmen  blieben  fruchtlos,  und  seit  dem  Februar  sistierte  auf  diesem
Terrain  jedwede  Derständigung  mit  Wien.  Dennoch  beschloß  Ich  im
Konseil  des  28.  Februar,  zu  keinen  Rüstungen  zu  schreiten,  sondern  alle
Mittel  auf  indirektem  Wege  (Rußland,  England)  zu  verfolgen,  um  einen
Bruch  mit  GEsterreich  zu  vermeiden.  Da  schritt  Gsterreich  am  15.  März
ganz  unerwartet  zu  Truppenkonzentrationen  an  Dreußens  Grenzen,  unter
den  lügenhaftesten  Dorwänden,  die  wir  durch  die  ja  bekannt  gewordenen
Aktenstücke  entlarvten.  Dolle  14  Tage  zögerte  Ich  mit  Gegenmaßregeln,
die  sich  nun  gegenseitig  so  steigerten,  daß  die  Armeen  sich  vollzählig
gegenüberstehen.  Wochmals  ist  die  Rand  zum  Frieden  geboten  in  einer
Konferenz  zu  Haris,  die  Ich  sofort  ergriff,  die  aber  von  Esterreich  schon
so  gut  wie  verworfen  ist.  Am  Bundestage  hat  vor  4  Tagen  Esterreich
den  Gasteiner  Dertrag  einseitig,  ohne  Hreußens  Vorwissen,  zerrissen  und
die  Herzogtümerfrage,  die  zwischen  uns  und  nicht  am  Bundestage  ge—
schlichtet  werden  sollte,  gegen  den  Vertrag  jenem  vorgelegt.  So  folgte
sich  Perfidie,  Lüge,  Vertragsbruch  unaufhaltsam  seitens  Gsterreichs.  Da
haben  Sie  in  kurzem  Abriß  die  Lage,  in  welche  Preußen  geworfen  ist!
Ich  habe  mit  Meinem  Gott  im  Gebet  gerungen,  um  Seinen  Willen  zu
erkennen,  und  nur  so  habe  ich,  Schritt  vor  Schritt  Preußens  Ehre  im
Auge  haltend,  nach  Meinem  Gewissen  gehandelt.  Nach  diesem  Exposé
werden  Sie  sich  überzeugen,  daß  wir  einem  Kampf  um  Preußens  Existenz
entgegengehen,  und  er  wird  nur  dann  ein  Bruderkrieg  werden,  wenn
Deutschland,  durch  Esterreich  aufgestachelt,  sich  unberufen  mit  demselben
gegen  Mich  verbündet.  Daß  Ich  freiwillig  keinen  deutschen  Boden  aufgebe,
  weiß  die  Welt,  und  Ströme  Blutes  müßten  geflossen  sein,  ehe  dies
geschähe.  Beten  Sie  für  Mich  und  für  Hreußen.  Dann  begegnen  sich
        <pb n="398" />
        392  Siebentes  Kapitel.

unsere  Berzen  am  Throne  Gottes,  dessen  Wille  geschieht,  wie  im  Rimmel,
so  auf  Erden!  Amen!
Ihr  ergebener  König

wilhelm.“

Allein  trotz  der  tiefen  Entrüstung  über  die  österreichische  Holitik,  die
den  König  erfüllte,  war  es  ihm  doch  nicht  leicht  geworden,  seinen  Entschluß
  zu  fassen.  Er  liebte  den  Kaiser  Franz  Joseph,  den  Neffen  König
Friedrich  Wilhelms  IV.,  aufrichtig;  er  sah  in  der  Dereinigung  der  beiden
deutschen  Großmächte  das  sicherste  Bollwerk  gegen  die  Revolution  im
Innern  wie  gegen  Angriffe  von  außen.  Dazu  kam,  daß  auch  die  Königin
Augusta,  deren  feinfühliges  Urteil  ihr  königlicher  Gemahl  sehr  hoch
schätzte,  einem  Bruche  mit  GEsterreich  durchaus  abgeneigt  war.  Aber  jetzt
war  durch  das  brüske  Vorgehen  GEsterreichs  Hreußens  Ehre  geschädigt;
und  über  alles,  seit  langen  Jahren  erfüllte  den  König  die  Überzeugung,
daß  Deutschland  nur  durch  das  Ausscheiden  Gsterreichs  gesunden  könnte.
Und  der  streng  abwägende  Derstand  siegte  über  die  Impulse  des  Berzens:
mit  klarer  Bestimmtheit  erwuchs  der  Entschluß,  nicht  zurückzuweichen.
Das  ist  eben  das  Bewundernswerte  in  König  Wilhelm,  daß  er  stets  bereit
war,  dem,  was  die  eiserne  Oflicht  gebot,  was  das  Wohl  des  Staates
verlangte,  sein  persönliches  Empfinden  zum  Opfer  zu  bringen:  ein  Held
in  Selbstüberwindung,  gerade  in  seiner  Schlichtheit  so  groß!  Und  doch,
was  hätte  er  bis  zur  letzten  Stunde  darum  gegeben,  den  Frieden  bewahren
  zu  können.  „Ich  bin  ein  alter  Mann  und  bald  70  Jahr“  —
sagte  er  zu  seinem  Meffen,  dem  Hrinzen  Friedrich  Karl,  als  dieser  sich
zur  Armee  begab  —  „wie  soll  ich  jetzt  noch  an  Krieg  denken  d  Jch
will  nichts  mehr,  als  meinem  Dolke  den  Frieden  lassen,  wenn  ich  sterbe.
Ichk  weiß  ja  auch,  daß  ich's  vor  Gott  und  meinem  Gewissen  verantworten
muß.  Ich  kann's  bezeugen  vor  Sott,  ich  habe  alles  gethan:  gebeten
habe  ich  den  Kaiser,  gebeten,  wie  man  nur  bitten  kann.  Ich  will  ja
zugestehen,  was  ich  mit  der  Shre  Hreußens  vereinen  kann.  Aber  sie
wollen  ja  den  Krieg!“

Ja,  Gsterreich  wollte  den  Krieg!  Mit  nervöser  Hast  drängte  es,
den  Bruch  zu  vollenden.  Am  7.  Juni  überschritten  die  Hreußen  die  Eider,
und  TWanteuffel  forderte  den  österreichischen  Statthalter  jetzt  auf,  wieder
eine  gemeinsame  Regierung  für  Schleswig-Rolstein  einzurichten,  die  einseitige
  Zerufung  der  holsteinischen  Stände  aber  zurückzunehmen.  Zeides
lehnte  Gablenz  ab.  Manteuffel  verkündigte  daher,  daß  er  zur  Wahrung
der  Rechte  des  Königs  von  Hreußen  die  oberste  Regierungsgewalt  auch
        <pb n="399" />
        Prinz  Friedrich  Karl.

in  Holstein  in  die  Hand  nehme.  Er  löste  die  von  Gablenz  eingesetzte
Landesregierung  in  Kiel  auf  und  setzte  den  bolsteinischen  Freiherrn
von  Scheel-Hlessen  als  Oberpräsidenten  für  Schleswig-Rolstein  ein,  indem
er  zugleich  die  nach  Itzehoe  einberufene  Ständeversammlung  verbot.
Gablenz  überschritt  unterdessen  mit  seinen  Truppen  die  Elbe  und  führte
sie  durch  Hannover  nach  Süddeutschland.

Da  war  auch  schon  in  Frankfurt  die  Entscheidung  gefallen.  Den
österreichischen  Antrag  vom  1.  Juni,  welcher  ohne  Rücksicht  auf  Dreußen
den  Bundestag  zur  Entscheidung  der  schleswig-holsteinischen  Krage  berief,
beantwortete  Dreußen  damit,  daß  es  den  deutschen  Regierungen  den  Entwurf
  einer  Zundesreform,  durch  den  Csterreich  ganz  aus  Deutschland
ausgeschieden  wurde,  vorlegte.  Er  kam  indessen  nicht  mehr  zur  Derhand-
        <pb n="400" />
        394  Siebentes  Kapitel.

lung.  Denn  schon  am  11.  Juni  beantragte  sterreich  bei  dem  Bundestage
  die  Mlobilmachung  sämtlicher  nichtpreußischen  Kontingente,  um  gegen
die  von  Hreußen  in  Schleswig-Bolstein  geübte  „gewaltsame  Selbsthilfe"
einzuschreiten  und  den  Bundesfrieden  wiederherzustellen.  Und  so  eilig
hatten  es  Esterreich  und  seine  Freunde  damit,  daß  der  Antrag  schon  auf
den  14.  Juni  zur  Derhandlung  angesetzt  wurde.  zede  bundesrechtliche
Grundlage  fehlte  ihm.  Der  preußische  Bundestagsgesandte  von  Savigny
legte  daher  Derwahrung  gegen  die  augenfällige  perletzung  der  durch  die
Bundesverfassung  vorgeschriebenen  Formen  ein  und  enthielt  sich  der  Abstimmung.
  Das  Ergebnis  derselben  war,  daß  nur  eine  Minorität  von
fünf  Stimmen  dem  Antrage  Esterreichs  entgegentrat.  Da  erhob  sich
Savigny,  erklärte  im  Namen  seines  Königs  durch  den  gefaßten  Beschluß
den  Bundesvertrag  für  gebrochen  und  damit  den  Deutschen  Bund  für
aufgelöst  und  verließ  die  BZundesversammlung.

Unverweilt  zeigte  Hreußen  jetzt  den  europäischen  Mächten  an,  daß
der  bisherige  Deutsche  Zund  seit  dem  1d.  Juni  aufgehört  habe  zu  besteheen.
  Allein  die  öffentliche  Meinung  war  durchaus  nicht  für  Hreußen.
Bei  den  Regierungen  galt  als  sicher,  daß  Dreußen,  wenn  es  nicht  noch
einlenke,  unterliegen  müsse,  da  Gsterreich  nicht  weniger  als  800000  Mann
ins  Feld  stellen  wolle.  Aber  auch  der  Nationalverein,  in  dem  freilich
die  Fortschrittspartei  das  große  Wort  führte,  legte  Hrotest  gegen  den
Ausbruch  des  Krieges  ein  und  verwarf  das  preußische  Zundesreformprojekt.
  Besonders  kriegerisch  war  die  Bevölkerung  Süddeutschlands  gestimmt:
  kriegslustig  drohten  sie  Hreußen  mit  ihrem  Einmarsche.  Selbst
der  treffliche  Großherzog  von  Baden,  König  Wilbelms  Schwiegersohn,
wurde  durch  die  allgemeine  Stimmung  in  seinem  TLande  auf  die  Seite
Gsterreichs  gedrängt.

Anders  dagegen  wirkte  in  Hreußen  selbst  der  rasche  Derlauf  der
Dinge.  Das  energische  Auftreten  des  Königs  war  von  tiefer  Wirkung;
unter  dem  Eindrucke  der  ersten  kriegerischen  Ereignisse  fanden  die  Tieuwahlen
  zu  dem  im  Februar  aufgelösten  Abgeordnetenhause  statt.  Das
Ergebnis  zeigte,  daß  das  preußische  Dolk  von  der  Fortschrittspartei  sich
abwandte  und  eine  starke  Mehrheit  von  Männern  der  gemäßigten
Darteien  in  den  Landtag  sandte,  die  bereit  war,  mit  der  Regierung  über
die  Armeereorganisation  Frieden  zu  schließen.

SPo  sehr  den  König  die  Beflissenheit  schmerzte,  mit  welcher  der
Bundestag  ohne  eine  Untersuchung,  ohne  eine  rechtliche  Entscheidung,  wie
die  Bundesverfassung  sie  doch  vorschrieb,  die  Mobilmachung,  welche  gegen
Bundesglieder  gar  nicht  statthaft  war,  gegen  Hreußen  beschloß:  so  lag
        <pb n="401" />
        Die  Auseinandersetzung  mit  GEsterreich.  395

ihm  doch  alles  daran,  gegen  deutsche  Mitfürsten  den  Kampf  zu  vermeiden.
Noch  in  der  Nacht  vom  14.—  15.  Juni  ließ  er  daher  an  die  preußischen
Gesandten  in  Dresden,  Hannover  und  Kassel  den  Befehl  ergeben,  unverweilt
  den  betreffenden  Monarchen  eine  „Sommation“  zu  überreichen,
um  den  Frieden  mit  diesen  nächsten  Nachbarn  zu  erhalten.  Es  war  eine
letzte  Aufforderung,  sich  zu  erklären,  ob  sie  bereit  seien,  ein  Bündnis  mit
Dreußen  unter  der  Bedingung  einzugehen,  daß  sie  ihre  Truppen  auf  den
Friedensstand  vom  1.  März  zurückführten  und  der  Berufung  eines  deutschen
Darlamentes  zustimmten  sowie  die  Wahlen  zu  demselben  ausschrieben,  sobald
  dies  von  Hreußen  geschähe:  wogegen  Hreußen  ihnen  ihre  Besitzungen
und  Souveränitätsrechte  auf  Grund  seiner  Reformvorschläge  gewährleisten
wolle.  Mit  Sicherheit  erwartete  König  Wilbelm,  daß  die  Fürsten  die
ihnen  dargebotene  Friedenshand  ergreifen  würden;  allein  alle  drei  beantworteten
  die  Sommation  ablehnend.  „Wohlan  denn“,  sagte  der
König  auf  die  Mieldung,  „wenn  sie  wirklich  alle  gegen  mich  sind,  so  stelle
ich  mich  selbst  an  die  Spitze  meiner  Armee  und  will  lieber  mit  ihr  untergehen,
  als  daß  ich  in  dieser  Lebensfrage  nachgebe!“  Und  damit  gab  er
den  Befebl,  in  die  ihm  abgeneigten  Staaten  einzurücken  und  sie  zu  besetzen:
  in  drei  Tagen  befanden  sie  sich  in  Hreußens  Macht.

Der  Krieg  hatte  begonnen:  für  seine  Existenz  zog  Dreußen  das
Schwert.  Dank  der  Doraussicht  König  Wilhelms  geschah  es  ohne  Sagen.
Es  sind  die  eigensten  Gedanken  des  Königs,  die  er  am  18.  Juni  in  dem
Aufruf  aussprach:

„An  mein  Dolk!

In  dem  Alugenblicke,  wo  Dreußens  Beer  zu  einem  entscheidenden
Kampfe  auszieht,  drängt  es  Mich,  zu  Meinem  Dolke,  zu  den  Söhnen
und  Enkeln  der  tapferen  Däter  zu  reden,  zu  denen  vor  einem  halben
Jahrhundert  Mein  in  Gott  ruhender  Dater  unvergessene  Worte  sprach:

Das  Daterland  ist  in  Gefahr!

„Gsterreich  und  ein  großer  Teil  Deutschlands  steht  gegen  dasselbe  in
Waffen!  Nur  wenige  Jahre  sind  es  her,  seit  Ich  aus  freiem  Entschlusse
und  ohne  früherer  Unbill  zu  gedenken,  dem  Kaiser  von  Csterreich  die
Bundeshand  reichte,  als  es  galt,  ein  deutsches  Land  von  fremder  Herrschaft
  zu  befreien.  Aus  dem  gemeinschaftlich  vergossenen  Blute,  hoffte
Ich,  würde  eine  Waffenbrüderschaft  erblühen,  die  zu  fester,  auf  gegenseitiger
  Achtung  und  Anerkennung  beruhender  Bundesgenossenschaft  und
mit  ihr  zu  all  dem  gemeinsamen  Wirken  führen  würde,  aus  welchem
Deutschlands  innere  Wohlfahrt  und  äußere  Bedeutung  als  Frucht  hervor-
        <pb n="402" />
        396  Siebentes  Kapitel.

gehen  sollte.  Aber  Meine  Hoffnung  ist  getäuscht  worden.  Osterreich  will
nicht  vergessen,  daß  seine  Fürsten  einst  Deutschland  beberrschten;  in  dem
jüngeren,  aber  kräftig  sich  entwickelnden  Hreußen  will  es  keinen  natürlichen
  Bundesgenossen,  sondern  nur  einen  feindlichen  Rebenbuhler  erkennen.
  Dreußen  —  so  meint  es  —  muß  in  allen  seinen  Bestrebungen
bekämpft  werden,  weil,  was  Hreußen  frommt,  Csterreich  schade.  Die
alte  unselige  Eifersucht  ist  in  hellen  Tlammen  wieder  aufgelodert:  Dreußen
soll  geschwächt,  vernichtet,  entehrt  werden.  Ihm  gegenüber  gelten  keine
Derträge  mehr,  gegen  Hreußen  werden  deutsche  Zundesfürsten  nicht  bloß
aufgerufen,  sondern  zum  Bundesbruch  verleitet.  Wohin  wir  in  Deutschland
  schauen,  sind  wir  von  Feinden  umgeben,  deren  Kampfgeschrei  ist:
Erniedrigung  Hreußens!

„Aber  in  Weinem  Dolke  lebt  der  Geist  von  1815.  Wer  wird  uns
einen  Fuß  breit  preußischen  Bodens  rauben,  wenn  wir  ernstlich  entschlossen
sind,  die  Errungenschaften  unserer  Däter  zu  wahren,  wenn  König  und  Dolk,
durch  die  Gefahren  des  Haterlandes  fester  als  je  geeint,  an  die  Ehre
desselben  Gut  und  Blut  zu  setzen  für  ihre  höchste  und  beiligste  Aufgabe  halten.

„In  sorglicher  Doraussicht  dessen,  was  nun  eingetreten  ist,  habe  Ich
seit  Jahren  es  als  die  erste  Hflicht  Meines  Königlichen  Amtes  erkennen
müssen,  Hreußens  streitbares  Dolk  für  eine  starke  Machtentwickelung  vorzubereiten.
  Befriedigt  und  zuversichtlich  wird  mit  Mir  jeder  Hreuße  auf
die  Waffenmacht  blicken,  die  unsere  Grenzen  deckt.  Mit  seinem  Könige
an  der  Spitze  wird  sich  Hreußen  als  ein  wahres  Volk  in  Waffen  fühlen!
Unsere  Gegner  täuschen  sich,  wenn  sie  wähnen,  Hreußen  sei  durch  innere
Streitigkeiten  gelähmt.  Dem  Feinde  gegenüber  ist  es  einig  und  stark;
dem  Feinde  gegenüber  gleicht  sich  aus,  was  sich  entgegenstand,  um  demnächst
  im  Glück  und  Unglück  vereint  zu  bleiben.

„Jch  habe  alles  gethan,  um  Hreußen  die  Lasten  und  GOpfer  eines
Krieges  zu  ersparen,  das  weiß  Mein  Dolk,  das  weiß  Gott,  der  die
Berzen  prüft.  Bis  zum  letzten  Augenblicke  habe  Ich  in  Gemeinschaft
mit  Frankreich,  England  und  Rußland  die  Wege  für  eine  gütliche  Ausgleichung
  gesucht  und  offen  gehalten.  Esterreich  hat  nicht  gewollt,  und
andere  deutsche  Staaten  haben  sich  offen  auf  seine  Seite  gestellt.

„So  sei  es  denn.  Kicht  Mein  ist  die  Schuld,  wenn  Mein  olk
schweren  Kampf  kämpfen  und  vielleicht  harte  Bedrängnis  wird  erdulden
müssen:  aber  es  ist  uns  keine  Wahl  mehr  geblieben!  Wir  müssen  fechten
um  unsere  Existenz,  wir  müssen  in  einen  Kampf  auf  Leben  und  Tod
gehen  gegen  diejenigen,  die  das  Dreußen  des  Großen  Kurfürsten,  des
Großen  Friedrich,  das  Hreußen,  wie  es  aus  den  Befreiungskriegen  hervor-
        <pb n="403" />
        Die  Auseinandersetzung  mit  Esterreich.  397

gegangen  ist,  von  der  Stufe  herabstoßen  wollen,  auf  die  seiner  Fürsten
Geist  und  Kraft,  seines  Volkes  Tapferkeit,  Hingebung  und  Gesittung  es
emporgehoben  haben.  ·

,,FlehenwirdenAllmächtigen,denLenkerderGeschickederVölker,
den  Lenker  der  Schlachten  an,  daß  er  unsere  Waffen  segne!

Helmut  von  Moltke.
„Derleiht  uns  Gott  den  Sieg,  dann  werden  wir  auch  stark  genug
sein,  das  lose  Band,  welches  die  deutschen  Lande  mehr  dem  Namen  als
der  That  nach  zusammenhielt,  und  welches  jetzt  durch  diejenigen  zerrissen
ist,  die  das  Recht  und  die  Macht  des  nationalen  Geistes  fürchten,  in
anderer  Gestalt  fester  und  heilvoller  zu  erneuen.  —  Gott  mit  unsl
wWilhelm.“
Und  an  dem  gleichen  Tage,  an  dem  der  König  so  zu  seinem  Dolke

sprach,  ordnete  sein  frommer  Sinn  an,  daß  im  ganzen  Hreußenlande  am
27.  Juni  ein  allgemeiner  Bettag  gehalten  würde.
        <pb n="404" />
        398  Siebentes  Kapitel.

Unterdessen  hatte  Italien  am  20.  Juni  an  Osterreich  den  Krieg  erklärt.
  Um  seine  Kräfte  durch  Teilung  nicht  schwächen  zu  müssen,  beschloß
sterreich,  sich  gegen  Italien  lediglich  auf  Verteidigung  zu  beschränken,
mit  der  ganzen  Wucht  seiner  Kraft  aber  Hreußen  zu  zerschmettern.  So
wurde  denn  fast  die  ganze  österreichische  Armee  bei  Brünn  und  Glmütz
zusammengezogen.  Langsam  rückte  sie  von  hier  nach  Böhmen  vor  und
nahm  zwischen  der  Festung  Josephstadt  und  der  preußischen  Grasschaft
Glatz  Aufstellung.  Der  Gedanke  ihres  Oberanführers,  des  Feldzeugmeisters
  von  Benedek,  war,  hier  die  in  Böhmen  einrückenden  preußischen
Armeen  einzeln  zu  schlagen  und  den  zurückgeworfenen  dann  nach  Hreußen
hinein  zu  folgen.  Im  vollen  Gegensatze  zu  ihm  war  dagegen  König
Wilhelm  zu  nachdrücklichem  Angriffe  entschlossen  und  drängte  zu  rascher
Entscheidung.

In  diesem  Gedanken  leitete  daber  als  Chef  des  Generalstabes  der
General  Helmut  von  Moltke  von  Berlin  aus  mit  wohlabwägender
Kühnheit  den  Einmarsch  der  preußischen  Heere  in  Böhmen.  „Getrennt
marschieren,  vereint  schlagen!“  war  sein  Grundsatz,  dessen  glänzende
Durchführung  ihm  jetzt  die  Bewunderung  der  ganzen  Welt  eintragen
  sollte.

Mit  brausendem  Hurra  überschritt  am  25.  Juni  die  Erste  preußische
Armee  unter  dem  Orinzen  Friedrich  Karl  von  der  Lausitz  her  die  österreichische
  Grenze  und  besetzte  die  große  Fabrikstadt  Reichenberg.  Am
25.  stieß  sie  auf  das  Corps  des  Grafen  Clam-Gallas,  das  die  Iser-Linie
decken  sollte.  Erst  nach  hartnäckigem  Widerstande  zog  es  sich  in  das
verschanzte  Dorf  Podol  zurück  und,  als  die  Hreußen  in  der  Kacht  auch
dies  stürmten,  in  eine  feste  Stellung  bei  Münchengrätz.  Gleichzeitig  indessen
  hatte  die  Elbarmee  unter  General  Herwarth  von  Bittenfeld,  dem
Sieger  von  Alsen,  auf  dem  Hasse  von  Schluckenau  das  TLausitzer  Gebirge
überstiegen  und  die  österreichischen  Truppen,  welche  die  Haßausgänge
besetzt  hielten,  bei  Hühnerwasser  zurückgeworfen.  Sie  reichte  damit  der
Ersten  Armee  die  Hand,  so  daß  sich  TClam-Gallas  von  zwei  Seiten  bedroht
  sah.  Nach  kurzer  Gegenwehr  gab  dieser  daher  die  Iser-Cinie  auf,
indem  er  sich  auf  Gitschin  zurückzog.

Hier  zum  zweitenmal  trafen  die  Hreußen  auf  deutsche  Truppen  in
den  Reihen  des  Gegners.  Die  Könige  von  Sachsen  und  Hannover,  wie
der  Kurfürst  von  Hessen  hatten  nach  Ablehnung  der  preußischen  Sommation
  ihre  Truppen  ins  Feld  rücken  lassen.  Die  Kurhessischen  marschierten
  auf  Krankfurt,  wo  sich  das  8.  Bundes-Armeecorps  unter  dem
Drinzen  Alexander  von  Hessen  sammelte,  während  der  Kurfürst  in  Kassel
        <pb n="405" />
        Die  Auseinandersetzung  mit  österreich.  399

von  den  Preußen  kriegsgefangen  gemacht  und  nach  Stettin  abgeführt
wurde.  Die  hannöverschen  Truppen  dagegen  zogen  von  Göttingen  südwärts,
  um  Anschluß  an  die  Bapvern  zu  gewinnen.  Alllein  durch  einen
verwegenen  Angriff  hielt  sie  der  General  von  Flies  bei  Langensalza  auf,
so  daß  die  Hreußen  Seit  gewannen,  das  hannöversche  Corps  rings  zu
umstellen  und  am  29.  Juni  zur  Ergebung  zu  zwingen.  Ein  besseres  Los
war  den  Sachsen  beschieden.  Sie  waren,  an  die  Esterreicher  sich  anschließend,
  dem  Corps  von  Clam-Gallas  zugeteilt  worden,  der  jetzt  mit
ihnen  die  Stadt  Gitschin  besettzte,
während  er  mit  seinen  Gsterreichern
auf  den  waldigen  Felsgruppen  vor
der  Stadt  Stellung  nahm.  Wohl  war
es  eine  schwierige  Aufgabe  für  die
Dreußen,  die  steilen  Berglehnen  zu
erstürmen  und  in  scharfem  nächtlichen
  Kampfe  die  Sachsen  aus  der
Stadt  zu  treiben;  allein  als  der  Morgen
  graut,  ziehen  Ssterreicher  und
Sachsen  erschöpft  und  entmutigt  auf
die  Hauptarmee  sich  zurück.

In  Gitschin  machte  die  Erste
Armee,  während  die  Elbarmee  noch
weiter  vorwärts  drang,  einstweilen
Halt.  Denn  hier  sollte  sie  den  Aufmarsch
  der  Sweiten  Armee  zur  weiteren
  gemeinsamen  Aktion  abwarten.

Die  Sweite  Armee,  welche  der  *  ·  s  .  —
Kronprinz  Friedrich  Wilhelm  aus  l

Mittelschlesien  nach  Böhmen  heran-  Kronprinz  Friedrich  Wilhelm.
führte,  hatte  einen  kürzeren,  aber

schwierigeren  Weg.  Die  Straßen  durch  das  Gebirge  bildeten  lange
Desileen,  deren  Ausgang  der  Feind  besetzt  hatte.  Der  Kronprinz  ließ
daher  zunächst  auf  seinem  äußersten  linken  Flügel  das  6.  Armeecorps  von
Neiße  in  der  Richtung  auf  Glmütz  vorgehen,  um  den  Feind  dorthin  abzuziehen.
  Dann  überschritt  das  1.  Armeecorps  auf  der  Straße  nach
Trautenau,  das  5.  auf  der  Straße  nach  Machod  und  zwischen  beiden  das
Gardecorps  die  österreichische  Grenze.  Die  weit  vorgeschobenen  Corps
von  Gablenz  und  Ramming  deckten  diese.  So  stießen  die  Spitzen  des
1.  Corps  schon  in  der  Stadt  Trautenau  auf  den  Feindz  sie  trieben  ihn
        <pb n="406" />
        400  Siebentes  Kapitel.

aus  der  Stadt  hinaus,  mußten  aber  am  Nachmittage  sie  wieder  aufgeben.
Indessen  am  folgenden  Tage  wetzte  das  Gardecorps  die  Scharte  glän—
zend  wieder  aus,  zersprengte  das  ganze  Gablenzsche  Corps,  eroberte
Trautenau  von  neuem  und  erstürmte  sogar  Königinhof,  wo  sich  nunmehr
  das  ganze  siegreiche  Corps  konzentrierte,  so  daß  jetzt  auch  das
L.  Armeecorps  sich  wieder  in  Dormarsch  setzen  konnte.

Auf  das  Corps  von  Ramming  traf  das  5.  Armeecorps,  das  der
greise  General  von  Steinmetz  anführte.  Aus  dem  langen  Engpasse  vorbrechend,
  warf  es  die  Esterreicher  zurück,  schlug  sie  bei  Nachod  aufs
Raupt  und  trieb  sie  bis  nach  Skalitz  zurück.  Allein  hier  zog  Benedek
das  Corps  von  Ramming  ganz  in  die  Reserve  und  ließ  statt  dessen
das  Corps  des  Erzherzogs  Leopold  in  die  Gefechtslinie  einrücken.
So  hatten  die  HDreußen  am  nächsten  Morgen  völlig  frische  Truppen  sich
gegenüber,  die  denn  auch  nicht  säumten,  die,  wie  sie  meinten,  ermatteten
Sieger  anzugreifen.  Allein  bald  waren  die  GEsterreicher  bis  binter  die
hohen  Eisenbalnndämme  von  Skalitz  zurückgetrieben.  Mit  gefälltem
Bajonett  stürmten  die  Dreußen  die  Dämme  und  trieben  die  Feinde  westwärts
  von  dannen.  Die  Sieger  setzten  sich  nunmehr  auf  Gradlitz  in
Marsch,  um  den  Anschluß  an  das  Gardecorps  zu  gewinnen:  als  ihnen
das  österreichische  Torps  des  Grafen  Fastetics  —  wiederum  frische  Truppen
—  den  Weg  zu  verlegen  suchte.  Allein  Steinmetz  ließ  das  Dorf  Schweinschädel
  erstürmen,  vertrieb  die  Feinde  aus  dem  Dorfe  und  dem  benachbarten
  Walde  und  nahm  dann  am  Abend  seinen  Marsch  wieder  auf,
auf  dem  das  fast  noch  unberührte  6.  Armeecorps  ihm  folgte.  Bis  über
Königinhof  hinaus  war  die  Elblinie  im  Besitze  der  Dreußen.

Die  Stellung  der  preußischen  Armeen  zu  einander  war  jetzt  eine
solche,  daß  ihr  Susammenwirken  die  Entscheidung  bringen  mußte.  Denn
nicht  mehr  als  50  Kilometer  trennten  die  Sweite  Armee  von  Gitschin.
Der  Seitpunkt  war  jetzt  da,  wo  die  gesamten  Streitkräfte  Dreußens  zu
übereinstimmendem  Handeln  unter  gemeinsamen  Gberbefehl  gestellt  werden
mußten.  Es  war  somit  notwendig,  daß  der  König  sich  jetzt  selbst  auf
den  Kriegsschauplatz  begab.

In  tiefernster  Empfindung  hatte  das  preußische  Dolk  den  allgemeinen
Buß=  und  Bettag,  den  der  König  angeordnet  hatte,  begangen.  Aber
wie  stärkten  schon  die  ersten  Nachrichten,  die  vom  Kriegsschauplatze  eintrafen,
  die  Meldungen  von  Hodol,  von  Turnau,  von  Nachod,  die  Gemüter!
  „Das  nasse  Stroh  fängt  an  zu  brennen“,  sagte  ein  General,  als
er  die  ersten  Kurrarufe  vor  dem  Halais  des  Königs  hörte.  Bald  stieg
die  Begeisterung,  aller  Kleinmut  war  verschwunden  und  durch  die  ganze
        <pb n="407" />
        Die  Auseinandersetzung  mit  Osterreich.  401

Stadt  hin  zogen  jubelnde  Scharen.  Allein  König  Wilhelm  blieb  ernst:  er
vertraute  nicht  leichthin  auf  den  Sieg.  Da  wurden  fast  gleichzeitig  drei
Siegesdepeschen  ihm  gebracht,  die  ihm  die  Siege  von  Skalitz,  von  Münchengrätz
  und  die  Kapitulation  von  Langensalza  meldeten.  Da  kam  auch  ihm
freudige  Suversicht.  Auf  dem  Tische  des  Fahnenzimmers,  vor  dem
Arbeitszimmer  des  Königs,  lagen  Karten  ausgebreitet.  Der  König  stand
davor,  und  verfolgte  nach  den  Meldungen  das  Dorrücken  der  Armeen.
Die  Fenster  standen  an  dem  schönen  Sommermorgen  (29.  Juni)  weit
offen.  So  sab  der  König  an  dem  Denkmal  Friedrichs  des  Großen  eine
Dame  stehen,  die  Gattin  seines  Vorlesers,  die  gekommen  war,  ihren  König
vor  seiner  Abreise  ins  Feld  wenigstens  aus  der  Ferne  zu  sehen.  Freundlich
  winkte  sie  der  König  heran  und  rief,  sich  aus  dem  Fenster  lehnend,
ihr  zu:  „Mein  Sohn  hat  einen  Sieg  erfochten.  Siegesnachrichten  von
allen  Seiten!  Es  geht  gut.  Ich  werde  alles  gleich  bekannt  machen
lassen.  Sie  können  das  allen  sagen.  Meine  brave  Armee!“  Dann  aber
gedachte  er  voll  Dank  des  Siegers.  Er  verlieb  dem  Kronprinzen  in
väterlichem  Stolze  den  Orden  pour  le  mérite  und  sandte  die  Ordre  in
das  -  RKauptquartier  der  Sweiten  Armec.  Allein  bei  dem  steten  Vorrücken
der  Armee  gebrauchte  sie  lange  Seit,  ihr  Siel  zu  erreichen.  „Mein
Sohn",  meinte  der  König,  „ist  glücklicher,  als  ich  in  meinen  jungen
Jahren  gewesen  bin.  Mir  war  ein  solches  Kommando  und  solche  Siege
nicht  beschieden!“  Und  nach  einer  Hause  fügte  er  binzu:  „Das  geht  ja
im  Anfange  alles  zu  gut;  wenn  es  nur  so  weiter  geht.  Wir  sind  noch
lange  nicht  über  den  Berg!“  Dann  setzte  er  sich  an  den  Schreibtisch
und  schrieb  den  Armeebefehl  nieder,  mit  dem  er  auf  dem  Kriegsschauplatze
  den  Gberbefehl  zu  übernehmen  gedachte.

Nun  galt  es  Abschied  zu  nehmen.  Es  war  der  Geburtstag  des
Drinzen  Karl,  seines  Bruders.  So  fuhr  der  König  denn  hinaus  nach
Glinicke  bei  Dotsdam,  um  dem  Bruder  seine  Glückwünsche  auszusprechen
und  an  der  Siegesfreude  ihn  teilnehmen  zu  lassen.  Von  da  machte  er
in  Sanssouci,  einen  Abschiedsbesuch  bei  der  Königin-Witwe  SElisabeth,  der
er  stets  mit  ritterlicher  Aufmerksamkeit  begegnete,  dann  auch  im  Neuen
Dalais  bei  der  Kronprinzessin,  seiner  Schwiegertochter,  die,  noch  in  tiefem
Schmerze  um  den  Tod  des  kleinen  Hrinzen  Sigmund,  mit  schwerem
Herzen  den  Semahl  hatte  in  den  Krieg  ziehen  sehen.  Welche  Erquickung
waren  ihr  die  freudigen  Nachrichten,  die  der  König  brachte!  Don  der
Wildparkstation  fuhr  er  dann  nach  Berlin  zurück.

Rasch  hatte  sich  unterdessen  in  der  RZauptstadt  die  Siegeskunde  verbreitet.
  Don  den.  Zausgiebeln  wehten  die  schwarzweißen  Fahnen,  zuerst
Naiser  wilhelm.  26
        <pb n="408" />
        402  Siebentes  Kapitel.

Unter  den  Cinden,  dann  bis  in  die  entlegensten  Stadtviertel  hinein.  Vor
dem  Königlichen  Halais  stand  Kopf  an  Kopf  die  Dolksmenge,  während
von  der  Rampe  des  Halais  ein  Flügeladjutant  immer  von  neuem  wieder
die  Siegesdepeschen  vorlas.  Denn  immer  neue  Dolksscharen  drängten
sich  heran;  ein  jeder  will  sie  hören,  bis  eine  kräftige  Stimme  den  Choral
„Ein'’  feste  Burg  ist  unser  Gott!“  anstimmte  und  die  dichtgedrängte
Menge,  ihrer  Smpfindung  Luft  machend,  einfiel.  Der  König  zurückgekehrt,
  öffnet  das  Fenster  und  spricht,  seine  Zewegung  kaum  meisternd,
zu  seinem  freudig  bewegten  Dolke  herzliche  Worte  des  Dankes  und  des
Abschiedes.  Der  Abend  sinkt  herab.  Festlich  erleuchten  sich  die  Fenster
der  weiten  Stadt,  und  froh  gestimmte  Dolksscharen  durchziehen  bis  gegen
Mitternacht  die  Straßen.  Aber  immer  noch  ist  bei  dem  Könige  Cicht.
In  seinem  SBibliothekszimmer,  das  neben  dem  Arbeitszimmer  nach  der
Opernplatzseite  liegt,  steht  eine  derbe  Rolzkiste  mit  starken,  eisernen  Bändern
  beschlagen,  wie  eine  Marktkiste  anzusehen.  Dahinein  packt  der
König  selbst  seine  wichtigsten  Hapiere,  um  für  den  schlimmsten  Fall  sie  in
Sicherbeit  zu  bringen.  So  wenig  hat  die  dreifache  Siegeskunde  die
kühlste  Dorsicht  ihm  getrübt.  Bis  gegen  5  Uhr  in  der  Kacht  hören  die
Schildwachen  ihn  hin-  und  hergeben.  Da  erst  legte  er  zu  kurzer  Ruhe
sich  nieder.

Schon  um  8  Uhr  früh  am  nächsten  Morgen  (50.  Juni)  reiste  der
König  ins  Feld  ab.  Auf  dem  schlesischen  Bahnhofe  waren  die  Königin,
die  Hrinzessinnen  und  die  höchsten  Staatsbeamten  versammelt.  Der  König
war  in  sehr  ernster  Stimmung;  mit  wenig  Worten,  aber  in  sichtlich
großer  innerer  Bewegung  nahm  er  von  allen  Abschied.  Für  jeden  hatte
er  einen  freundlichen  Blick  oder  einen  herzlichen  Zändedruck.  In  der
Begleitung  des  Königs  befanden  sich  der  Hrinz  Karl,  Roon,  der  Kriegsminister,
  Moltke,  der  TChef  des  Generalstabes,  und  Bismarck,  der  Ministerpräsident.
  Nach  preußischer  Sitte  hatte  dieser,  obgleich  Sivilbeamter,  die
Uniform  seines  Landwehrverhältnisses  angelegt,  und  machte  so  als  Major
des  7.  schweren  Landwehr-Reiterregiments  den  Feldzug  mit.

In  vier  Extrazügen  war  das  Große  Rauptquartier  mit  der  Stabswache
  dem  Könige  schon  vorangegangen,  in  einem  fünften  folgte  dem
Suge  des  Königs  das  Kriegsministerium  und  der  Generalstab.  So  umfaßte
  das  Gefolge  des  Königs  nicht  weniger  als  146  Gffiziere  und
960  Mann  mit  825  Pferden,  wovon  indessen  11  Offiziere  und  454  Mann
mit  255  Oferden  auf  die  Stabswache  (Infanterie  und  Kavallerie)  kamen.
Dies  starke  Gefolge  wird  verständlich,  wenn  man  bedenkt,  daß  der  König
auch  im  Felde  mit  gewohnter  Regelmäßigkeit  alle  Regierungsangelegen-
        <pb n="409" />
        Die  Auseinandersetzung  mit  Gsterreich.  403

heiten  erledigte.  Für  seine  persönliche  Bedienung  freilich  nahm  der
König  nur  einen  Kammerdiener,  einen  Garderobier  und  zwei  Leibjäger
mit,  die  auch  während  des  Feldzuges  nicht  abgelöst  wurden.  Denn  es
war  erstaunlich,  wie  wenig  Bedürfnisse  König  Wilhelm  für  seine  Herson
hatte.  Don  früh  morgens  bis  spät  abends  angezogen,  kannte  er  in  der
Kleidung  keine  andere  Bequemlichkeit,  als  daß  er  in  seinem  Arbeitszimmer
den  Zll#litärüberrock  aufknöpfte.  Die  meisten  Dinge  that  er  so  ausschließlich
  selbst,  daß  gar  keine  Hilfe  nötig  war.  Ja  manches,  wie  das
Auspacken  und  Einpacken  seiner  sämtlichen  Hapiere  in  die  für  Reisen
bestimmten  Hortefeuilles,  das  wohl  ein  anderer  hätte  thun  können,  that
er  bei  seiner  Sewöhnung  an  strenge  Grdnung  selbst.  Seine  Befehle
wurden  nie  hart  oder  unfreundlich  gegeben;  Versehen  nie  mit  einem
heftigen  Worte  oder  im  Sorn  gerügt,  so  daß  der  Dienst  bei  der  Herson
des  Königs  ein  leichter  war.  Uberhaupt  ließ  die  sich  immer  gleichbleibende
  milde  Ruhe  des  Königs  gar  keine  Unruhe  um  ihn  her  aufkommen;
  daher  eben  ging  alles  um  ihn  wie  am  Schnürchen.

Ganz  allein  befand  sich  der  König  während  des  Feldzuges  nur
selten,  höchstens  früh  morgens.  Wenn  früh  sein  TLeibarzt  von  TLauer,
der  Generalarzt  des  Gardecorps,  bei  ihm  gewesen  war,  las  der  König
die  eingegangenen  Depeschen  und  Telegramme  und  sandte  sie  nach  ihrem
Inhalt  an  Bismarck,  Roon,  Moltke  oder  die  Thefs  des  Militär-  oder
Sivilkabinetts.  Dann  folgten  die  Meldungen  des  Hofmarschalls,  Grafen
Derponcher-Sedlnitzkvy,  und  des  Rofstallmeisters  von  Rauch,  durch  die  das
ganze  innere  Getriebe  des  königlichen  Hofhaltes  geregelt  wurde.  Sofort
begannen  nun  die  Audienzen,  orträge  und  Besichtigungen,  die  kaum  von
der  kurzen  Tafelzeit  unterbrochen  wurden,  um  gleich  danach  wieder  fortgesetzt
  zu  werden.

Die  Bewachung  und  den  militärischen  Dienst  hatte  die  aus  allen
Infanterie=  und  Kavallerieregimentern  der  Armee  gebildete  Stabswache
unter  dem  Kommando  des  Oberstleutnants  von  Krosigk.  Die  Infanterie
war  in  ein  Bataillon,  die  Kavallerie  in  eine  Schwadron  formiert.  Sie
ritt,  wenn  das  Zauptquartier  sich  in  Bewegung  setzte,  dem  Wagen  des
HKönigs  teils  voran,  teils  folgte  sie  ihm,  und  zwar  immer  abwechselnd,
entweder  Kürassiere  und  Dragoner  oder  RKusaren  und  Ulanen.  Die
Infanterie  hatte  die  Bewachung  der  Wohnung  des  Königs  zu  übernehmen;
  sie  marschierte,  wenn  das  Zauptquartier  aufbrach,  entweder
voraus  oder  folgte  ihm  nach.  Waren  aber  schon  preußische  Truppen  in
der  Stadt,  so  gaben  diese  neben  der  Stabswache  auch  eine  Ehrenwache,

die  der  König  jedesmal  sofort  nach  seiner  Ankunft  inspizierte,  indem  er
26
        <pb n="410" />
        404  Siebentes  Kapitel.

diejenigen  Offiziere  und  Mannschaften,  die  sich  etwa  in  den  vorhergehenden
  Gefechten  ausgezeichnet  hatten,  sich  vorstellen  ließ.

Schon  auf  dem  Bahnhofe  in  Berlin  sah  der  König  die  Anzeichen
des  Krieges.  Endlos  lange,  schwer  beladene  Wagenzüge  mit  Hroviant,
Fourage  und  Kriegsbedürfnissen  aller  Art  hielten  da,  um  den  Truppen  im
Felde  nachgesandt  zu  werden.  Und  je  weiter  die  Fahrt  über  Görlitz  und
Sittau  nach  Reichenberg  in  Böhmen  ging,  um  so  mehr  führte  sie  in  den
vollen  Kriegszustand  hinein.  Die  unabsehbaren  Transporte  von  Kriegsmaterialien,
  die  Feldbäckereikolonnen,  die  Krankenträgerkompanien,  die
Lazarette,  die  Stroh=  und  Heudepots,  endlich  mehrere  Süge  mit  österreichischen
  Gefangenen  zeichneten  deutlich  den  Krieg.  Städtische  Deputationen,
  Abordnungen  und  Korporationen  warteten  auf  allen  Bahnhöfen,
den  König  zu  begrüßen.  In  Sorau  stand  er  an  dem  Wagenfenster,  als
ein  bescheiden  bürgerlich  gekleideter  Mann  an  den  Wagen  herantrat  und
dem  Rönige  ein  zusammengefaltetes  Blatt  reichte;  worauf  er  sich  sofort
wieder  in  die  Dolksmenge  zurückzog.  Der  König  entfaltete  es  und  las
eine  poetische  Antwort  auf  seinen  „Aufruf  an  Mein  Dolk“:

„Ich  ziehe  hin  in  Gottes  Namen,
Ich  ziehe  hin  in  Gottes  Krat;  *
Die  in  der  Menschen  amen  kamen,
Hat  oft  der  Sorn  schnell  hingerafft!.
Wer  Gott,  dem  Allerhöchsten,  traut,
Der  hat  auf  keinen  Sand  gebaut.“

Ja,  das  war  es,  was  den  Rönig  mit  stiller  Suversicht  erfüllte:  nachdenklich
  faltete  er  das  Blatt  wieder  zusammen  und  steckte  es  in  den.  Armelaufschlag
  seines  Üüberrockes.  Da  hat  es  ihn  wie  ein  Talisman  durch  den
ganzen  Feldzug  begleitet.

Auf  allen  preußischen  Zahnhöfen  empfing  Jubel  und  freudiger  Suruf
  den  König.  Nun  ging  es  über  die  sächsische  Grenze:  da  wurde  es
mit  einem  Male  still;  die  Bevölkerung  hielt  sich  zurück.  In  Feindes  Land
waren  die  Bahnhöfe  militärisch  von  preußischen  Truppen  besetzt.  Und
vollends  in  Böhmen  mußte  langsam  und  vorsichtig  gefahren,  werden.
Bei  jedem  Halt  sprang  die  Stabswache  aus  den  Wagen,  pflanzte  das
Bajonett  auf  und  besetzte  sofort  den  ganzen  Umkreis  der  Bahnböfe.

Um  4  Uhr  nachmittags  fuhr  der  königliche  Sug  in  Reichenberg  ein.
Mitten  hinein  in  die  Kriegswirren  war  der  König  versetzt.  In  dden
Wartesälen  und  Schuppen  des  Bahnhofes  waren  elfhundert  österreichische
Gefangenc  eingesperrt,  und  auf  dem  Bahnsteig  erwartete  eine  Doputation
der  Bürgerschaft  die  Ankunft  des  Königs,  um  ihn  um  Gnade  für  die
        <pb n="411" />
        Die  Auseinandersetzung  mit  sterreich.  405

schwer  heimgesuchte  Stadt  anzuflehen.  Auf  den  Abend  beschied  sie  der
König  zu  sich.  Denn  jetzt  drängte  es  ihn,  vor  allem  die  Cazarette  zu
besuchen,  die  in  den  Schulhäusern  eingerichtet  waren.  Da  stand  er  an
den  Betten  der  Verwundeten  und  Typhuskranken,  sprach  zu  ihnen  mit
freundlichen  Trostworten  und  empfahl  den  Arzten  alle  Sorgfalt.

Auf  einer  die  Stadt  ZReichenberg  beherrschenden  Anhöhe  liegt  das
Schloß  des  Grafen  Clam-Gallas,  der  in  den  Reihen  der  Feinde  focht.  Hier
nahm  König  Wilhelm  sein  Cuartier;  er  bewohnte  die  Harterrezimmer
nach  dem  Garten  links  vom  Eingange.  Denkwürdiges  Susammentreffen!
Es  waren  dieselben  Gimmer,  in  denen  Kaiser  Joseph  II.  am  50.  Juni  1766
gewohnt  hatte  —  auf  den  Tag  ein  Jahrhundert  zuvor.  Unmittelbar  vor
den  Fenstern  des  Königs,  am  Abhange  des  Gartens,  biwakierte  die  Stabswache.
  Denn  in  den  nahen  Bergen,  wurde  gemeldet,  hielten  sich  österreichische
  Truppen  auf,  von  denen  man  sich  wohl  eines  verwegenen  Bandstreiches
  versehen  durfte.  Kaum  war  im  Schlosse  das  kurze  Diner  beendigt,
  so  versammelte  der  König  die  Generale  um  sich,  verglich  mit
ihnen  die  sämtlichen  eingegangenen  Berichte,  welche  deutlich  das  auf  allen
Dunkten  siegreiche  Vorrücken  der  Hreußen  zeigten,  und  gab  danach  seine
Befelle.  Einen  LRriegsrat  hat  König  Wilhelm  während  des  ganzen
Feldzuges  nicht  gehalten.  Den  Bürgermeister  empfing  er,  während  er
abends  im  Garten  sich  erging,  und  gab  ihm  gnädigen  Bescheid,  indem
er  die  tägliche  Kontribution  von  5000  Gulden  auf  den  Betrag  ermäßigte,
  der  thatsächlich  zur  Derpflegung  der  in  Reichenberg  weilenden
preußischen  Truppen  gebraucht  wurde.  Und  als  dann  alles,  von  der
Reise  ermüdet,  im  Schlosse  bald  zur  Ruhe  gegangen  war,  sah  man  um
Mitternacht  den  König  noch  schreibend  an  einem  Tische  sitzen.  Sisern
zwang  durch  sein  Hflichtgefühl  der  bald  Siebzigjährige  den  ermattenden
MKörper.

Über  Zeichenberg  hinaus  war  die  Eisenbahn  von  den  Esterreichern
zerstört.  So  ging  es  denn  am  Somtagmorgen  (I.  Juli)  zu  Wagen
weiter.  Aber  so  sehr  der  König  auch  vorwärts  drängte,  so  machte  er
doch  dem  General  von  Tümpling,  der  in  der  NMacht  verwundet  in  das
Stephanshospital  gebracht  war,  einen  trostspendenden  Besuch,  bevor  er
sich  mit  dem  Prinzen  Karl  in  den  Wagen  setzte.  In  schärfstem  Trabe
ritt  ein  Zug  Ulanen  dem  königlichen  Wagen  voraus,  ein  Zug  Busaren
folgte.  So  ging  es  in  den  schönen  Sommermorgen  hinaus,  durch  ein
wohlbebautes  Land,  dessen  Bewohner  in  der  Sonntagsmuße  vor  die
Thüren  traten,  um  den  rasch  dahin  eilenden  Wagenzug  sich  anzusehen.
Eine  halbe  Stunde  vor  Turnau  biegt  der  Weg  nach  Sichrow,  dem
        <pb n="412" />
        406  Siebentes  Kapitel.

Schlosse  des  Prinzen  Rohan,  ab.  Hier  war  das  Quartier  des  Königs.
Eine  anmutige  Landschaft  breitete  vor  seinen  Fenstern  sich  aus.  In  dem
herrlichen  Schloßpark  biwakierte  die  Stabswache.  Den  ganzen  Kachmittag
  trafen  Mieldungen  ein,  die  über  die  Stellungen  der  Hreußen  genaue
  Nachrichten  brachten.  Ordonnanzen  kamen  und  gingen.  Man  ward
sich  dessen  schon  bewußt,  daß  seit  gestern  der  König  mit  fester  Rand  das
Ganze  leitete.

Nach  Gitschin,  wieder  50  Kilometer  näher  an  den  Feind  heran,
wurde  am  2.  Juli  das  Große  Rauptquartier  verlegt.  Der  Weg  dorthin
führte  den  König  fast  fortwährend  über  Schlachtfelder.  Der  fast  zerstörte
Bahnhof  von  Turnau,  die  nur  notdürftig  wieder  hergestellte  JIserbrücke,
die  Derhaue  aus  gefällten  Thausseebäumen,  das  in  Kolonnenbreite  niedergetretene
  Getreide,  die  herumliegenden  toten  Pferde  wiesen  auf  die  Heftigkeit
  der  Kämpfe  der  letzten  Tage  hin.  In  dem  Dorfe  Libuhn  waren
Feldlazarette  eingerichtet.  Durch  die  Fähnchen  mit  dem  roten  Kreuz  aufmerksam
  gemacht,  ließ  der  König  halten  und  besichtigte  die  Einrichtungen
in  der  Kirche,  der  Pfarrei  und  mebreren  Zäusern.  So  manchen  der
Derwundeten  kannte  der  König.  Graf  Voß,  ein  österreichischer  Offizier,
entstammte  einer  ihm  wohlbekannten  mecklenburgischen  Familie;  auch  der
sächsische  Oberst  von  Bocksberg  war  ihm  wiederbolt  begegnet.  Gern
erlaubte  der  König  allen  fremden  Offizieren,  sich  zur  Dflege  hinzubegeben,
wohin  sie  wollten,  wenn  sie  nur  ihr  Ehrenwort  gaben,  solange  der  Krieg
dauere,  nicht  mehr  gegen  Hreußen  zu  kämpfen.

Eine  halbe  Stunde  vor  Gitschin  kam  in  einem  leichten  Jagdwagen
Drinz  Friedrich  Karl,  wie  immer  in  der  roten  Uniform  der  Sieten-Rusaren,
dem  Könige  entgegengefahren.  Er  stieg  in  dessen  Wagen  und  erläuterte
ihm  nun  an  Ort  und  Stelle  den  Gang  der  Gitschiner  Kämpfe,  wozu
die  Wagen  voll  Tornister,  Gewehre,  Hatrontaschen,  die  auf  dem  Schlachtfelde
  jetzt  aufgelesen  wurden,  die  beste  Illustration  abgaben.  Gegen
1  Uhr  langte  der  König  in  Gitschin  an.  Sein  uartier  war  das  bescheidene
  Gasthaus  zum  Goldenen  Löwen  am  Ringe;  Bunderte  von  Einwohnern
  standen  auf  dem  Ring,  um  den  OHreußenkönig  zu  sehen.  Dor
dem  Cuartier  des  Königs  war  neben  der  Stabswache  eine  Ehrenwache
des  Grenadierregiments  König  Friedrich  Wilhelm  IV.  (I.  Dommersches)
r.  2  aufgestellt.  Es  waren  die  ersten  Truppen,  die  im  Feuer  gewesen
waren,  welche  der  König  sah.  „Guten  Morgen,  Euer  Majestät!“  erwiderten
  sie  herzhaft  seinen  Gruß.  Sie  waren  im  Feldanzuge,  Stiefeln
und  Bosen  bespritzt;  denn  das  Wetter  war  regnerisch  geworden.  Aber
der  Hulverdampf  hatte  die  Gesichter  bronziert,  und  abgeschossene  Helm-
        <pb n="413" />
        Die  Auseinandersetzung  mit  österreich.  407

spitzen  und  zerhauene  Beschläge  zeigten,  was  die  Wackeren  durchgemacht
hatten.  Ganz  nach  Laune  hatte  jeder,  was  zu  seiner  Ausrüstung  gehörte,
  sich  umgehängt.  Mit  warmem  Interesse  musterte  der  König  die
Reihe,  während  er  an  ihr  hinabschritt,  den  Offizieren  mehrfach  die  Hand
reichend.

Uoch  auf  dem  Ringe  sammelten  mehrere  hobe  Offiziere  sich  um
den  König,  der  mit  ihnen  die  militärische  Situation  besprach.  Dann  erst
begab  er  sich  in  sein  Quartier,  von  dem  Orinzen  Albrecht,  seinem  jüngsten
Bruder,  der  auch  zur  Begrüßung  herbeigekommen  war,  und  dem  Orinzen
Friedrich  Karl  begleitet.  Sofort  ließ  eine  Deputation  der  Stadt  um  eine
Audienz  nachsuchen,  um  sich  gegen  die  Derleumdung  zu  rechtfertigen,  daß
bei  der  nächtlichen  Erstürmung  der  Stadt  die  Bürger  sich  durch  Schießen
aus  den  Fenstern  am  Kampfe  beteiligt  hätten.  Ohne  Umstände  ließ  der
König  sie  eintreten  und  hörte  eine  eile  ihre  Reden  geduldig  mit  an;
dann  aber  sagte  er  ihnen  mit  Toachdruck:  „Weine  Truppen  sind  keine
wilden  Horden  und  verlangen  nur  das  zum  Leben  unbedingt  Notwendige,
und  Ihre  Sorge  ist  es,  ihnen  keine  Deranlassung  zu  gerechten  Klagen
zu  geben.  Sagen  Sie  es  den  Einwohnern,  daß  ich  nicht  gekommen  bin,
einen  Krieg  gegen  friedliche  Bürger  zu  führen,  sondern  die  Ehre  Hreußens
  gegen  Derunglimpfung  zu  verteidigen!“  Und  damit  entließ  er  sie.

Fortdauernd  liefen  beim  Rönige  die  militärischen  Weldungen  ein.
Durch  einen  Generalstabsoffizier  von  der  Ersten  Armee  ließ  er  sich  eingehend
  Dortrag  über  die  Stellung  der  Ersten  Armee,  die  schon  bis  Horiz
vorgedrungen  war,  über  die  Beschaffenheit  des  Geländes  und  über  die
bisherige  Fechtart  des  Feindes  halten.  Dann  befahl  er,  daß  die  Truppen,
die  unter  fortwährenden  Kämpfen  vorgerückt  waren,  um  nicht  übermüdet
zu  werden,  am  nächsten  Tage,  soweit  es  die  Derhältnisse  zuließen,  Ruhetag
  haben,  auch  das  Große  Rauptquartier  in  Gitschin  bleiben  solle.  Er
selbst  aber  wollte  am  Dormittage  zu  einer  Begegnung  mit  dem  Kronprinzen
  nach  Miletin  fahren.

Diesen  Befehl  nahm  Hrinz  Friedrich  Karl,  der  um  5  Uhr  Gitschin
verließ,  nach  Horiz  mit.  Sobald  er  in  Gitschin  den  Truppen  bekannt
gegeben  wurde,  breitete  sich  bald  große  Stille  über  die  Stadt  aus.  Man
wußte,  daß  also  nichts  bevorstand,  daß  man  unbesorgt  ausruhen  könne.
Der  Regen  überdies  steigerte  sich  gegen  den  Abend  und  verödete  die
Straßen  noch  mehr.

Zetzt  eigentlich  erst  in  Eitschin  hatte  der  König  den  aktiven  Oberbefehl
  über  die  ganze  preußische  TArmee  übernommen.  Zetzt  ließ  er,  um
dies  zum  Auedruck  zu  bringen,  den  Armcebefehl,  den  er  von  Berlin
        <pb n="414" />
        408  Siebentes  Kapitel.

mitgebracht  und  während  der  Nacht  in  Zeichenberg  in  der  Druckerei
der  Gebrüder  Stiepel  hatte  drucken  lassen,  an  die  Regimenter  austeilen.
Es  war  ein  warmer  und  trotz  aller  Erfolge  doch  von  jedem  Siegeshochmut
  freier  Gruß  an  die  Armee.

„Soldaten  Meiner  #Armeel

Ich  begebe  Mich  heute  zu  Euch,  Weinen  im  Felde  stehenden,  braven
Truppen,  und  biete  Euch  Meinen  Königlichen  Gruß.  In  wenigen  Tagen
sind  durch  Eure  Tapferkeit  und  Bingebung  Resultate  erfochten  worden,
welche  sich  würdig  anreihen  an  die  Großtbaten  unserer  Däter.  Mit
Stolz  blicke  Zch  auf  sämtliche  Abteilungen  Aleines  treuen  Beeres  und
sehe  den  nächsten  Kriegsereignissen  mit  freudiger  Suversicht  entgegen.
Soldaten!  Sahlreiche  Feinde  stehen  gegen  uns  im  Kampfe.  Laßt  uns
indes  auf  Gott  den  Berrn,  den  Lenker  aller  Schlachten,  und  auf  unsere
gerechte  Sache  bauen;  Er  wird  durch  Euere  Tapferkeit  und  Ausdauer
die  sieggewohnten  preußischen  Fahnen  zu  neuen  Siegen  führen.

1866,  20.  Juni.  Wilhelm.“

Den  Abend  brachte  der  König  in  seinem  Simmer  allein  zu.  Arbeitend
  saß  er  an  seinem  Schreibtische,  die  Vortragsmappen  neben  sich,
als  um  halb  11  Uhr  in  höchster  Eile  ein  Wagen  rasselnd  bei  dem  Gasthause
  vorfuhr  und  der  General  von  Doigts-Rhetz,  der  Generalstabschef
der  Ersten  Armee,  vom  Hrinzen  Friedrich  Karl  gesandt,  dem  Könige  die
Meldung  brachte,  daß  die  österreichische  Rauptarmee  oder  mindestens  ein
sehr  großer  Teil  derselben  nicht  hinter  der  Slbe,  wie  man  im  preußischen
Rauptquartier  angenommen  hatte,  sondern  vor  derselben  an  der  Zistritz,
also  dicht  vor  der  Ersten  Armee  der  Hreußen  sich  zusammengezogen  habe,
demnach  eine  Schlacht  zu  erwarten  sei;  infolgedessen  habe  auch  der  Hrinz
eine  Konzentration  seiner  Armee  nach  vorwärts  befohlen.  Ungläubig
schüttelte  der  König  den  Kopf:  er  konnte  sich  nicht  denken,  daß  ein  bewährter
  General  wie  Benedek  so  die  einfachsten  Dorsichtsmaßregeln  sollte
außer  acht  gelassen  haben;  denn  die  Elbe  im  Rücken  mußte  ihn  bei  einem
doch  immer  möglichen  Rückzuge  in  die  gefährlichste  Zedrängnis  bringen.
Gleichwohl  sandte  er  den  General  zu  Moltke,  dem  Chef  des  Großen
Generalstabes,  der  über  die  Straße  dem  HKönige  gegenüber  wohnte.
IDenn  Moltke,  so  lautete  die  Weisung,  es  nach  der  Zlleldung  für  nötig
halte,  so  möge  er  noch  in  der  Nacht  zu  jeder  Seit  zum  Könige  kommen.
Bis  Mlitternacht  wartete  der  König;  da  aber  Moltke  nicht  erschien,  so
legte  er  sich  in  sein  Feldbett,  das  auf  dem  Fußboden  des  Simmers  aus-
        <pb n="415" />
        Die  Auseinandersetzung  mit  österreich.  409

gebreitet  war.  Moltke  aber  prüfte  die  Meldung  ganz  genau;  dann  begab
er  sich  zum  Könige,  den  er  schon  im  Bette  fand.  Mit  kurzen  Worten
zeichnete  er  ihm  die  Gunst  der  augenblicklichen  Lage.  Sofort  war  der
König  entschlossen,  sie  auszunutzen  und  am  Morgen  den  Feind  von  allen
Seiten  anzugreifen.  Die  Alaßregeln  des  Hrinzen  Friedrich  Karl  entsprachen
  bereits  diesem  Gedanken;  es  kam  nur  noch  darauf  an,  die  Mit—
wirkung  der  Armee  des  Kronprinzen  sicherzustellen,  der  jetzt  gerade  in
der  Flanke  des  Gegners  stand,  aber,  um  ihn  zu  erreichen,  einen  Marsch
von  15—20  Kilometern  zurückzulegen  hatte.  Demgemäß  nahm  der  König
den  Ruhetagsbefehl  zurück  und  bestimmte  statt  dessen,  daß  die  Erste
Armee  schon  um  7  Uhr  morgens  in  den  ihr  angewiesenen  Stellungen
zum  Angriffe  bereitstehen  sollte;  denn  ihr  fiel  die  Aufgabe  zu,  den  Feind
festzullalten,  daß  er  nicht  hinter  die  Slbe  entweiche.  Die  Elbarmee  sollte
durch  einen  Angriff  auf  Nechanitz  den  linken  Flügel  der  GEsterreicher
lahm  legen,  der  Kronprinz  aber  mit  der  Sweiten  Armee  durch  einen
mächtigen  Dorstoß  gegen  den  rechten  Flügel  die  Entscheidung  herbeiführen.

In  dem  Quartier  Moltkes,  wo  die  Generale  von  Dodbielski  und
Graf  Wartensleben  schon  warteten,  wurden  nun,  entsprechend  der  Disposition
  des  Königs,  sogleich  die  nötigen  Befehle  aufgesetzt  und  ohne
Verzug  in  doppelter  Ausfertigung  auf  zwei  verschiedenen  Wegen  nach
Königinhof  an  den  Kronprinzen  abgesandt,  während  Hrinz  Friedrich  Karl
durch  den  zurückkehrenden  General  Doigts-Rhetz  von  der  Entscheidung
des  Königs  in  Kenntnis  gesetzt  wurde.

Unruhig  brachte  König  Wilhelm  die  wenigen  Wachtstunden,  die  bis
zum  Beginne  der  Aktion  noch  blieben,  zu.  Denn  eine  Schlacht  ist  unter
allen  Umständen  eine  sehr  ernste  Sache.  Swar  die  Entscheidung,  wenn
anders  die  Meldungen  richtig  waren,  konnte  hier  kaum  zweifelhaft  sein;
denn  selbst  wenn  die  Erste  Armee  auf  einen  übermächtigen  Gegner  traf
und  geschlagen  wurde,  so  mußte  das  Eingreifen  des  Kronprinzen  den
Sieg  zurückbringen.  Bedenken  hegte  der  König  nur  für  die  Elbarmee;
ihr  konnte,  wenn  sie  geschlagen  wurde,  wegen  der  weiten  Entfernung
keine  Hilfe  gebracht  werden;  und  doch  mußte  sie,  um  die  volle  Wirkung
zu  erzielen,  so  weit  ab  delachiert  werden.  Im  Grunde,  darf  man  sagen,
war  die  Schlacht  bei  Königgrätz  entschieden,  bevor  sie  begonnen  wurde:
die  taktischen  Vorteile,  welche  die  doppelte  Flankenstellung,  dank  des
wirkungsvoll  durchgeführten  Aufmarsches  der  drei  Armeen  gab,  sicherten
von  vornberein  den  Erfolg.

Es  war  ein  kalter,  regnerischer  Morgen,  die  Sonne  ganz  binter
grauen  Regenwolken  verborgen,  als  der  König  um  5  Uhr  früh  aus
        <pb n="416" />
        410  Siebentes  Kapitel.

seinem  Quartier  trat.  Er  war  in  Helm  und  Überrock,  einen  Füsiliersäbel
  umgeschnallt;  wie  gewöhnlich  trug  er  das  Eiserne  Kreuz  und  den
Orden  pour  le  mérite;  um  die  Schultern  hatte  er  einen  Mantel  geworfen.
  Meben  ihm  im  Wagen  nahm  der  Flügeladjutant  vom  Dienst
Graf  Lehndorff  Platz.  Zu  ihm  äußerte  der  König,  er  könne  immer  noch
nicht  glauben,  daß  Benedek  eine  im  Falle  der  Niederlage  strategisch  so
ungünstige  Position  zu  einer  Schlacht  gewählt  habe,  und  fürchte,  daß  das
nun  befohlene  Zusammenstoßen  aller  drei  Armeen  ein  Schlag  ins  Wasser
sein  werde.  In  schärfster  Gangart  ging  es  vorwärts  über  Horiz  nach
Klenitz.  Allenthalben  begegnete  der  König  den  vorwärts  strebenden
Bataillonen,  die,  sobald  sie  an  der  vorausreitenden  Stabswache  ihn  er—
kannt,  mit  freudigem  Hurra  ihren  Kriegsherrn  begrüßten.

In  2½  Stunde  waren  die  40  Kilometer  bis  Klenitz  zurückgelegt.
Im  Kruge  des  Dorfes  vertauschte  der  König  den  Mantel  mit  dem
Haletot,  da  das  Wetter  nicht  nach  Besserung  aussah,  ließ  sich  Überschnall—
sporen  anlegen,  hängte  seinen  Krimstecher  um  und  bestieg  sein  Leibpferd,
die  etwas  phlegmatische  braune  Stute  Fenella,  die  aber  nach  dem  Siege
fortan  den  amen  Sadowa  trug.

Sben  erst  hatte  die  Schlacht  begonnen:  zehn  Minuten  nach  7  war
bei  Lipa  der  erste  Kanonenschuß  gefallen.  Der  Morgenwind  vertrieb
den  Mebel  etwas,  und  man  vermochte  nun  am  jenseitigen  Ufer  der
Bistritz  die  Stellung  der  Gsterreicher  zu  erkennen.  Sie  bildete  von  dem
Dorfe  Drim  bis  zu  dem  Dorfe  Horenowes  eine  10  Kilometer  lange,
hakenförmig  eingebogene  Linie.  Das  Sentrum  befand  sich  vor  Chlum,
dessen  Kirchturm  sich  deutlich  am  Horizonte  abzeichnete.  Kein  GSweifel,
daß  es  die  ganze  Armce  des  Feindes  war,  die  man  vor  sich  hatte.

Der  König  ritt  von  Klenitz  neben  der  nach  Sadowa  führenden
Thaussee  eine  Anhöhe  dicht  bei  dem  Dorfe  Dub  hinauf,  um  einen  Überblick
  über  die  Schlacht  zu  gewinnen.  Denn  jetzt  donnerten  die  Kanonen
an  der  ganzen  Bistritz-Linie  entlang,  so  daß  der  Hulverdampf  die  Niede—
rungen,  alles  verhüllend,  erfüllte.  Don  diesem  Rügel  aus  leitete  Generalleutnant
  von  Horn  den  Dormarsch  seiner,  der  achten  Division.  Sobald
er  den  König  bemerkte,  sprengte  er  an  ihn  heran  und  rief  mit  lauter
Stimme:  „Ich  beschwöre  Ew.  Mlajestät,  diesen  Hlatz  zu  verlassen;  denn
der  Feind  enfiliert  die  TChaussee  auf  das  heftigste.“  Der  König  gab  ihm
eine  freundlich  ablehnende  Antwort  und  blieb  ruhig  auf  der  Stelle
halten,  während  sich  die  zahlreiche  Suile  um  ihn  sammelte.  Da  kam
auch  schon  eine  Granate  geflogen,  fiel  neben  der  TChaussee  nieder  und
überschüttete  krepierend  mit  den  Blättern  und  Sweigen  des  TLirsch-
        <pb n="417" />
        Die  Auseinandersetzung  mit  Gsterreich.  411

baumes,  neben  dem  der  König  hielt,  ihn  und  das  Gefolge.  Der  König,
die  Augen  auf  das  Schlachtfeld  gerichtet,  beachtete  es  nicht.  Eine  zweite
Granate  sauste  indes  schon  heran:  direkt  über  den  König  und  den  hinter
ihm  haltenden  Hofmarschall  Graf  Perponcher  flog  sie  hinweg  und  schlug
hinter  der  Suite,  in  tausend  Stücke  zerplatzend,  ein.  Der  König  folgte
ihr  mit  den  Augen.  „Das  habe  ich  Ihnen  zu  danken!“  rief  er  der
Suite  zu,  deren  glänzende  Uniformen  ohne  Zweifel  die  Aufmerksamkeit
der  österreichischen  Kanoniere  erregt  hatten.  Sofort  sprengte  Graf  Lehndorff
  vor  und  rief  laut  hinüber:  „Suite  sich  zerstreuen!“  Worauf  denn
die  Berren  des  Gefolges  sich  in  eine  rückwärts  gelegene  Dertiefung  des
Geländes  zurückzogen.  Der  König  indes  blieb  ruhig  auf  der  Höhe  halten,
obgleich  die  Gsterreicher  noch  mehrere  Schüsse  in  der  gleichen  Richtung
abgaben;  dann  ritt  er  in  scharfem  Trabe  zu  dem  näher  an  Sadowa
liegenden  Rozkosberge  hinüber,  der,  250  Meter  hoch,  einen  freieren  Blick
über  das  ganze  BZistritzThal  gewährte.  Von  hier  aus  leitete  er  die
Schlacht,  die  sich  jetzt  jenseit  des  Dorfes  Sadowa  so  heftig  entwickelte,
daß  sich  der  Kanonendonner  wie  ein  ununterbrochenes  Rollen  anhörte
und  Einzelschüsse  gar  nicht  mehr  zu  unterscheiden  waren.  Das  Siel  war,
die  Bistritz-Cinie  und  die  an  dem  Bach  liegenden  Dörfer  und  Waldungen
in  Besitz  zu  nehmen,  um  einen  Abschnitt  gegen  etwaiges  Vorgehen  des
Gegners  zu  gewinnen  und  um  später  selbst  die  Ubergänge  benutzen  zu
können.  Darüber  verliefen  natürlich  Stunden,  ohne  daß  die  Gefsechtslinie
  in  östlicher  Richtung  merklich  vorrückte.  Denn  die  sehr  wirksame
österreichische  Artillerie  und  immer  neu  herandringende  feindliche  Infanteriemassen
  machten  es  den  Hreußen  schwer,  die  im  ersten  Anlauf  besetzten
  Wälder  und  Terrainabschnitte  zu  behaupten.

Die  meiste  Seit  hielt  Drinz  Friedrich  Karl  neben  dem  Könige  auf
der  Höhe  des  Rozkosberges,  um  dessen  Befehle  entgegenzunehmen.  Auch
andere  Fürsten,  unter  ihnen  Graf  Bismarck,  fanden  sich  dazu,  so  daß  das
Gefolge  bald  wieder  eine  auffällige  Gruppe  bildete  und  eine  feindliche
Batterie  alsbald  etliche  Granaten  herüberschickte.  Bismarck  bat  den
König,  sich  nicht  so  rücksichtslos  dem  feindlichen  Feuer  auszusetzen.  Allein
dieser  meinte,  er  zweifele,  ob  das,  was  da  herumflöge,  wirklich  Kugeln
wären.  „Glauben  Ew.  Majestät  denn“,  fragte  Bismarck  zurück,  „daß
es  Schwalben  sindd“  Sum  Glück  vertrieben  die  Hreußen  die  österreichische
  Batterie  sehr  schnell.  Da  ward  dem  Uönige  die  große  Freude,
seinen  Meffen,  den  Großberzog  Friedrich  Franz  II.  von  Mecklenburg—
Schwerin,  zu  begrüßen.  Der  Großherzog  war  erst  am  Abend  vorher  in
Reichenberg  eingetroffen;  allein  auf  die  Meldung,  daß  eine  große  Schlacht
        <pb n="418" />
        412  Siebentes  Kapitel.

mit  nächstem  zu  erwarten  sei,  hatte  er  sich  schon  um  3  Uhr  nachts
wieder  in  den  Sattel  geworfen  und  die  66  Kilometer  bis  Sadowa  in
sechs  Stunden  zurückgelegt.  Er  kam  zur  rechten  Zeit;  denn  kaum  eine
halbe  Stunde  darauf  meldete  sich  der  Flügeladjutant,  Graf  Finkenstein,
der  in  nächtlichem  Ritte  von  Gitschin  den  Befehl  vorzurücken  dem  Kronprinzen
  nach  Königinbof  überbracht  hatte,  bei  dem  Könige  und  brachte
die  TWachricht,  daß  die  Zweite  Armee  schon  im  Beranrücken  sei.  Indes
früher  als  um  Mittag  konnte  ihr  Eintreffen  nicht  erwartet  werden.
Eine  Gefahr  für  die  Erste  Armee  ergab  sich  aber  daraus  nicht  im  geringsten,
  da  hinter  dem  ZRozkosberge  noch  die  5.  und  6.  Division  mit
zahlreicher  Reserveartillerie  in  Reserve  stand.  In  gefährdeter  Lage  befand
  sich  nur  die  Division  Franseckv,  die  den  Wald  von  Maslowed  auf
dem  äußersten  linken  Flügel  gegen  zwei  österreichische  Armeecorps  zu
halten  hatte.

In  Sorge  war  der  König  nur  um  die  Elbarmee,  da  er  die  bei
Drim  und  Hroblus  aufgestellten  feindlichen  Batterien  immer  aus  derselben
Dosition  feuern  sah:  ein  Seichen,  daß  sie  sich  gegen  die  Angriffe  Berwarths
  von  Bittenfeld  behaupteten.  Er  sandte  daher  den  Grafen  Lehndorff
  dorthin,  um  Wachricht  zu  bringen,  wie  es  stände.  Während  der
König  nun  auf  dessen  Rückkehr  wartete,  sab  er  kurz  vor  Mittag  einen
Trupp  von  etwa  700  Mann,  teils  von  dem  pommerschen,  teils  von  dem
sächsischen  Armeecorps,  sich  bunt  durcheinander  der  Reservestellung  des
brandenburgischen  Armeecorps  nähern.  Da  er  sich  diese  Erscheinung  nicht
zu  erklären  vermochte,  so  ritt  er  dem  Trupp  entgegen  und  fragte  den
Offizier,  der  ihn  führte,  nach  woher  und  wohin.  Der  Gffizier  meldete,
daß  sie  den  Befehl  bekommen  hätten,  sich  bei  der  Reserve  zu  ordnen,  da
dies  im  Gefecht  nicht  möglich  wäre.  Unverzüglich  stieg  der  König  vom
Oferde  und  kommandierte:  „Balt!  Front!“  Die  Soldaten,  den  König
erkennend,  machten  natürlich  gegen  ihn  Front.  „Wobin  ist  in  der  Schlacht
die  Front?“  fragte  der  König  scharf.  Durch  eine  kurze  Wendung  korrigierten
  sich  die  Soldaten.  Nun  ließ  der  König  sie  nach  den  Mummern
ihrer  Regimenter  zusammentreten,  Dordermann  nebmen  und  sich  richten,
so  daß  alsbald  die  Ordnung  wieder  hergestellt  war.  Da  sprengte  auch
schon  ein  Adjutant  herbei,  der  die  zum  2.  Armeecorps  gehörenden  Mannschaften
  ins  Gefecht  zurückrief.  „Bataillon,  WMarsch!“  kommandierte  der
König.  „Mun  zeigt,  daß  ihr  Dommern  seid!“  Und  damit  schwang  er
sich  wieder  in  den  Sattel.

Die  Rartnäckigkeit  der  Osterreicher  machte  es  indessen  notwendig,
auch  die  Reserven  vorzunelmen.  Die  Brigade  Schimmelmann  erbielt  daher
        <pb n="419" />
        Die  Auseinandersetzung  mit  sterreich.  413

den  Befehl,  mit  dem  Leibregiment  (Tr.  8)  und  dem  Regiment  Nir.  48
vorzugehen.  Mit  fliegenden  Fahnen  und  klingendem  Spiel  marschierten
sie  in  die  Schlacht.  Der  König  ritt  ihnen  entgegen  und  ließ,  in  den
Bataillonsintervallen  Stellung  nehmend,  sie  an  sich  vorüberziehen.  Der
Stabshoboist  Hiefke  ließ,  mit  dem  gezogenen  Degen  den  Takt  markierend,
„Heil  Dir  im  Siegerkranz!“  spielen,  aber  die  Soldaten  durchbrachen,
sowie  sie  den  König  erkannten,  mit  jubelnden  Rurrarufen  allen  Takt.
Das  machte  einen  tiefen  Eindruck  auf  den  König,  diese  Kampfesfreudigkeit,
  mit  der  die  wackeren  Brandenburger  gegen  die  donnernden  Geschütze
  des  Keindes  vorrückten.  Sichtlich  ergriffen  ritt  er  im  Schritt  die
Anhöhe  wieder  hinauf  und  fragte  Moltke,  den  Chef  des  Großen  Generalstabes,
  was  er  von  der  Sachlage  halte.  „Ew.  Majestät“,  war  dessen
ruhige  Antwort,  „werden  heute  nicht  nur  die  Schlacht,  sondern  den  Feldzug
  gewinnen.“  Denn  jenseit  des  Waldes  von  Mlaslowed  zeichnete  sich
eine  Bergkuppe,  auf  der  zwischen  zwei  Bäumen  ein  Steinkreuz  sich  erhob
  —  die  Höhe  von  Horenowes  —  scharf  gegen  den  Horizont  ab.
Dort  sah  Moltke  die  weiße  Wolke  einer  feuernden  Batterie  emporsteigen.
Er  sagte  sich,  daß  dieses  Feuer,  da  die  Anhöhe  von  der  Ersten  Armee
gar  nicht  angegriffen  war,  nur  gegen  Truppen  der  Sweiten  Armee  gerichtet
  sein  konnte:  also  der  Kronprinz  war  heran!  Und  in  weniger  als
zwei  Stunden  zeigte  das  erkennbare  Aufblitzen  der  Geschütze,  daß  die
Höhe  von  der  Sweiten  Armee  besetzt  sei.  Auch  in  der  entgegengesetzten
Richtung  ließ  der  Hulverdampf  ein  VDorschreiten  des  Generals  Herwarth
von  Bittenfeld  gegen  den  linken  Flügel  des  Feindes  erkennen.

Der  König,  von  dem  langen  Sitzen  im  Sattel  etwas  ermüdet,  stieg
von  seinem  Pferde  ab.  Aber  die  preußische  Garde  hatte  noch  vor  5  Uhr
das  Dorf  Chlum  eingenommen,  den  Schlüssel  der  österreichischen  Aufstellung.
  Damit  war  die  Kraft  des  Widerstandes  der  CEsterreicher  gebrochen;
  das  Alrtilleriefener  ermattete,  die  Infanterie  ging  zurück.  Da
saß  der  König  auch  schon  wieder  im  Sattel.  „Das  Ganze  vor!“  kommandierte
  er,  und  in  einem  einzigen  ungeheuren  Angriff  rückte  jetzt  die
ganze  preußische  Schlachtreihe  vor,  von  Höhenzug  zu  Böhenzug  die  Oster—
reicher  zurücktreibend.  In  gestrecktem  Galopp  sprengte  der  König  den
Rozkosberg  herab,  nahm,  kerzengerade  im  Sattel  sitzend,  die  breiten,
steilen  Gräben,  welche  die  Thaussee  einfaßten,  und  traf,  südwärts  reitend,
bei  Langenhof  auf  die  2.  Gardedivision.  Es  waren  die  ersten  Truppen
der  Sweiten  Armee,  die  der  König  antraf.  Es  war  ein  freudigsstürmisches
  wiedersehen.  „Der  Jubel“,  schrieb  der  König  an  die  Königin,
„welcher  hier  ausbrach,  als  diese  Truppen  mich  sahen,  ist  nicht  zu  be-
        <pb n="420" />
        414  Siebentes  Kapitel.

schreiben;  die  Offiziere  stürzten  sich  auf  meine  Hände,  um  sie  zu  küssen,
was  ich  diesmal  gestatten  mußte.  Und  so  ging  es,  allerdings  im  Ka—
nonenfeuer,  immer  vorwärts  und  von  einer  Truppe  zur  andern,  und
überall  das  nicht  endenwollende  Burrarufen.“

Weiter  ging  es  über  die  flache  Hochfläche  von  Langenhof  südwärts
auf  das  Dorf  Stresetitz  zu.  Hier  war  die  Reservekavallerie  der  Ersten
Armee  eben  im  Avancieren.  Der  König  setzte  sich  selbst  an  ihre  Spitze
und  führte  sie  gegen  den  Feind.  Der  Boden  dröhnte  unter  den  Hufen
der  Rosse.  Mit  furchtbarer  Wucht  traf  sie  auf  die  österreichischen  Kürassiere
  und  Ulanen.  Ein  wildes  Gefecht  entspann  sich,  bis  die  feindlichen
  Reiter  geworfen  wurden.  Ein  Trupp  von  etwa  70  Kürassieren
löste  sich  aus  dem  Gewühl  und  jagte  so  dicht  an  dem  Könige  vorbei,
daß  er  in  Gefahr  war,  übergeritten  oder  mit  fortgerissen  zu  werden.  Im
Galopp  holte  Graf  Finkenstein  die  Stabswache  herbei,  den  HKönig  zu
schützen;  aber  die  Gefahr  war  schon  vorüber.  In  der  Hast  der  Flucht
hatten  die  Reiter  den  König  nicht  erkannt  und  jagten  jetzt  zwischen  dem
ersten  und  zweiten  Treffen  der  preußischen  Infanterie  von  dannen.  Die
brave  österreichische  Artillerie  hielt  jetzt  allein  noch,  um  den  Rückzug  zu
decken,  den  Kampf  aufrecht.  So  war  es  denn  kein  Wunder,  daß  der
König,  mit  seinen  Truppen  avancierend,  in  das  heftigste  Granatfeuer
hineingeriet.  Die  Suite  war  zurückgeblieben:  Bismarck  allein  hielt  bei
seinem  Könige  aus.  Er  ritt  an  ihn  heran  und  sagte  mit  Nachdruck:
„Als  Ew.  Majestät  verantwortlicher  Minister  muß  ich  darauf  bestehen,
daß  Sie  sich  nicht  länger  aussetzen.  Denn  wenn  Ew.  Mojestät  totgeschossen
  werden,  hilft  uns  der  ganze  Sieg  nichts!“  Der  König  gab
das  zu,  fragte  aber  zurück:  „Wissen  Sie  denn,  wo  wir  aus  der  Feuerlinie
  kommen  d“  „Ja“,  meinte  Bismarck,  „wenn  WMajestät  da  den  kleinen
Graben  nebhmen,  kommen  wir  heraus.“  Wirklich  folgte  der  König;  aber
bald  ritt  er  doch  wieder  vorwärts  in  das  Feuer  hinein.  Da  reckte  sich
Bismarck  nur  auf  dem  Öferde  und  sah  den  König  an.  „Jch  komme
ja  schon!"  rief  dieser  ärgerlich  hinüber  und  kehrte  um.  Aber  der  leichte
Trab  genügte  Bismarck  nicht:  er  ritt  dicht  an  den  König  heran,  nahm
den  Fuß  aus  dem  rechten  Bügel  und  versetzte  der  Fenella,  ohne  daß  es
der  König  merkte,  einen  kräftigen  Tritt.  Das  war  der  Stute  denn  doch
noch  nicht  passiert:  sofort  setzte  sie  sich  in  schlanken  Galopp  und  brachte
den  Hreußenkönig  in  Sicherheit.

Noch  nicht  gerade  weit  war  der  HKönig  geritten,  als  er  auf  Truppen
der  Elbarmee  traf,  die  am  Nachmittage  über  Hroblus  hinaus  die  Feinde
zurückgetrieben  hatte.  Es  waren  die  Füsiliere  des  17.  Regiments  und
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        Degegnnung  König  Wilhelmo  mit  dem  Kronprinzen  am  Rboend  der  Schlacht  von  Königgräh  (3.  Juli  1866).
Nach  der  Seichnung  von  F.  Uaiser,  lithographiert  von  F.  Hortwich.
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        416  Siebentes  Kapitel.

die  rheinischen  Zäger.  Er  befahl  ihnen,  hinter  einer  nahen  Schenne
Deckung  zu  nehmen,  da  immer  noch  österreichische  Granaten  herüberflogen,
  während  er  sich  selbst  ostwärts  wandte,  um  die  Erfolge  der  Sweiten
Armee  zu  prüfen.  Bald  begegnete  er  denn  auch  südöstlich  von  dem  Borwalde
  dem  General  von  Bonin,  dem  Kommandierenden  des  l.,  und
weiterhin  bei  Rosnitz  dem  General  von  Mutius,  dem  Kommandierenden
des  6.  Armeccorps.  So  befand  er  sich  mitten  in  der  Sweiten  Armec.
Er  suchte  den  Kronprinzen.  Er  ritt  um  das  Dorf  Wsestar  herum  und
dann  so  ziemlich  den  Weg,  den  er  gekommen  war,  wieder  zurück.  Das
Wetter  hatte  sich  gegen  Abend  aufgeklärt;  von  der  Abendsonne  beschienen,
sah  der  König  die  Festung  Königgrätz  daliegen,  bis  die  untergehende
Sonne  einen  rosigen  Schein  über  das  ganze  Gelände  warf.  Er  gab,  da
die  Gsterreicher  nirgends  mehr  standhielten,  die  Befehle  für  die  weitere
verfolgung;  dann  wandte  er  sein  Roß  gerade  nordwärts  nach  Sadowa,
wohin  die  Wagen  von  Klenitz  befohlen  waren.  Da  ward  ihm  doch  um
8  Uhr  noch  die  Freude,  auf  dem  Schlachtfelde  südöstlich  von  Stresetitz
dem  Kronprinzen  zu  begegnen.  Es  war  ein  ergreifender  Moment  nach
allem  Erlebten.  Mit  tiefer  Bewegung  umarmte  und  küßte  er  den  Sohn;
dann  nahm  er  den  eigenen  Grden  pour  le  mérite  vom  Halse  und  hängte
ihn  dem  ruhmbekränzten  Sieger  selbst  um.  Das  Berliner  Telegramm
hatte  den  Kronprinzen  noch  nicht  erreicht;  so  war  also  die  Uberraschung
vollständig  —  und  vor  Rührung  und  Freude  rannen  dem  Kronprinzen
die  Thränen  über  die  Dangen:  ein  ergreifender  Moment  für  alle  Anwesenden!
  Dann  schieden  mit  einem  Rändedruck  die  beiden  Helden  wieder
voneinander:  ·  .  «  ·

Jetzt  erst,  als  das  Tagewerk  gethan  schien,  ward  der  König  inne,
daß  er  den  ganzen  Tag  nichts  gegessen  hatte.  Allein  niemand  aus  dem
Gefolge  hatte  Proviant  bei  sich.  Nur  ein  Feldgendarm  zog  aus  seinem
Brotbeutel  ein  Stück  trockenes  Schwarzbrot,  unsicher,  ob  er  es  wagen
dürfe,  seinem  Könige  es  anzubieten.  Indes  mit  freundlichem  Dankeswort
  nahm  es  der  König  an.  Und  nun  bot  ein  Sergeant  seine  Feld—
flasche  dar,  die  noch  einen  Rest  sauren  Landweines  enthielt.  Das  war
an  seinem  herrlichen  Siegestage.  des  Hreußenkönigs  Mkahlzeit.

Es  begann  zu  dunkeln.  Die  Truppen  richteten  sich  zum  Biwak
auf  dem  Schlachtfelde  ein.  Aber  sobald  sie  den  mit  seinem  Gefolge  vorüberreitenden
  König  erkannten,  drängten  sie  sich  zu  ihm  und  küßten  mit
stürmischen  Hurrarufen  seine  Bände.  Auch  manchem  Derwundeten,  der
noch  nicht  aufgeboben  war,  brachte  er  Trost  und  sorgte  persönlich  dafür,
daß  er  so  rasch  wie  thunlich  nach  dem  nächsten  Derbandplatze  getragen
        <pb n="423" />
        Die  Auseinandersetzung  mit  sterreich.  417

wurde.  Da  begegneten  ihm  drei  Bauernwagen  mit  verwundeten  Dra—
gonern,  die  das  Gefecht  bei  Stresetitz  gar  übel  zugerichtet  hatte.  Allein
der  unvermutete  Anblick  des  Königs  elektrisierte  die  braven  Neumärker,
unter  kräftigen  Hurrarufen  fuhren  sie  im  Schritt  an  ihrem  sie  salutieren—
den  Kriegsherrn  vorüber.

Endlich  war  Sadowa  erreicht;  aber  der  König  beschloß,  nicht  nach
Gitschin  zurückzufahren.  Denn  die  der  Armee  schon  in  der  KNacht  nachrückenden
  Munitionskolonnen  nahmen  alle  Straßen  ein.  Daher  nahm  er
das  Anerbieten  des  Prinzen  Friedrich  Karl  an,  in  dessen  Quartier  in
Horiz  die  Nacht  zuzubringen.  Allein  hier  fehlte  es  an  jeder  Bequemlichkeit.
  Nichts  weiter  als  eine  Tasse  Thee  konnte  der  König  zu  seiner  Erquickung
  bekommen.  Erst  spät  in  der  Vacht  gelang  es,  noch  einen
bescheidenen  Imbiß  für  ihn  zu  beschaffen.  Ein  Bett  war  nicht  vorhanden.
Michts  weiter  als  ein  Tisch,  zwei  Stühle  und  ein  uraltes  Sofa  standen
in  dem  kahlen  Simmer.  Aus  dem  Wagen  bolte  der  Ceibjäger  Kretl#
ein  paar  Sitzkissen  und  bereitete  auf  dem  Sofa  daraus  für  den  König
ein  Lager,  auf  dem  dieser,  seine  Schreibmappe  als  Kopfkissen,  seinen
Mantel  als  Decke  benutzend,  bald  fest  und  ruhig  eingeschlafen  war.  Um
5  Uhr  in  der  Nacht  traf  dann,  von  Gitschin  herbeitelegrapbiert,  die
Bagage  des  Königs  in  Horiz  in.  Der  Kammerdiener  Schmidtke  weckte
den  König  und  meldete,  daß  das  Feldbett  jetzt  da  wäre  und  er  es  gleich
aufschlagen  werde.  Aber  der  König  meinte,  daß  es  jetzt  der  Mühe  nicht
mehr  lohnte,  dankte  Schmidtke  für  seine  Aufmerksamkeit  und  schlief  auf
seinem  Sofa  weiter,  bis  die  Sonne  um  sechs  ins  Fenster  hereinschien
und  ihn  weckte.  Um  7  Uhr  saß  der  greise  Held  schon  an  dem  Tische
und  schrieb  an  die  Königin  von  dem  Gewaltigen,  was  sich  tags  vorher
zugetragen.  Denn  unablässig  kamen  die  Meldungen  und  bestätigten  in
immer  umfassenderer  Weise  die  Vollständigkeit  des  Sieges.  Es  war  die
größte  Schlacht  des  Jahrhunderts;  denn  mehr  Kämpfer  als  bei  TLeipzig
hatten  bei  Königgrätz  gegeneinander  im  Feuer  gestanden.  Es  war  der
glänzendste  Sieg,  den  Hreußen  seit  den  Tagen  Friedrichs  des  Großen  gewonnen
  hatte.

Eine  traurige  Oflicht  rief  den  König  am  nächsten  Tage  nach  Chlum.
Rier  hatte  die  Garde  sich  durch  die  Erstürmung  des  Dorfes  reiche  Lorbeeren
  errungen;z  jetzt  galt  es,  die  Gefallenen  —  unter  ihnen  den  Kommandeur
  der  1.  Gardedivision,  General  Biller  von  Gärtringen  —  auf  dem
Felde  ihres  Ruhmes  zu  bestatten.  Als  der  König,  an  der  Trauerfeier
teilzunehmen,  dorthin  unterwegs  war,  begegnete  ihm  ein  hoher  österreichischer
  Offizier,  den  Kopf  verbunden,  von  preußischen  Soldaten  es-Kaiser

  Wilhelm.  27
        <pb n="424" />
        418  Siebentes  Kapitel.

kortiert.  Der  König  ließ  sofort  halten,  stieg  aus  seinem  Wagen  und  trat
an  den  Gffizier,  den  er  für  verwundet  hielt,  heran.  Es  war  der  General
Gablenz,  der  den  König  an  der  Stimme  erkannte  und  nun,  rasch  aussteigend,
  seines  Auftrages  sich  entledigte.  Er  war  als  Harlamentär  mit
verbundenen  Augen  zum  König  gesandt,  um  Waffenstillstand  zu  bitten.
Der  König  ließ  ihn  durch  den  Grafen  Lehndorff  nach  Horiz  geleiten,
wohin  er  selbst,  als  die  Salven  über  die  frischen  Gräber  bei  Chlum  verhallt
  waren,  zurückkehrte.  Tun  saßen  in  dem  Stübchen  des  Königs  um
den  Tisch  herum  der  König  mit  dem  Kronprinzen,  Bismarck  und  die
Generale  des  königlichen  Stabes.  Wohl  sprach  manches  für  die  Gewährung
  der  österreichischen  Bitte:  allein  um  Mitternacht  entschied  der
König,  daß  sie  abzulebnen  und  mit  allem  Nachdruck  der  Krieg  fortzuführen
  sei:  um  so  schneller  winke  der  Frieden.  So  mußte  Gablenz  denn
in  der  Frühe  des  5.  Juli  unverrichteter  Sache  zurückkehren.

Da  langte  noch  an  demselben  Nachmitttage  eine  Depesche  des  Kaisers
Mapoleon  bei  dem  Könige  an,  in  der  er  diesem  die  Abtretung  Denetiens
mitteilte  und  die  Abschließung  eines  Waffenstillstandes  zur  Herbeiführung
des  Friedens  vorschlug.  Wohl  stellten  dem  Könige  sofort  die  Folgen  sich
vor  Augen:  die  Abtretung  Denetiens  an  Mapoleon  sollte  die  gegen  Jtalien
kämpfende  Armee  der  GEsterreicher  zur  Derwendung  gegen  Hreußen  frei
machen,  und  die  Ablehnung  des  französischen  Dorschlages  konnte  immerhin
jetzt  auch  Frankreich  auf  den  Hlan  rufen.  Dennoch  war  der  König  alsbald
  entschieden,  durch  den  Dorschlag  Napoleons  in  seinem  Siegeslaufe
sich  nicht  aufhalten  und  von  Italien  nicht  trennen  zu  lassen.  Das  Rauptquartier
  wurde  nach  Hardubitz  verlegt,  wieder  30  km  vorwärts:  das  war
deutliche  Antwort!  ·

Der  Weg  nach  Pardubitz  führte  an  der  Festung  Königgrätz,  die  von
der  II.  Division  der  Hreußen  beobachtet  wurde,  fast  vorüber.  Sobald
der  König  die  Dorposten  der  Cernierungstruppen  erreicht  hatte,  stieg  er
zu  Hferde  und  beritt  mit  seinem  Stabe  die  Truppenaufstellung  wie  die
ganze  Umgebung  der  Festung  bis  nahe  an  deren  Außenwerke  heran;  aber
kein  Schuß  von  den  Feinden  fiel  auf  die  auffällige  Gruppe.  Gegen
Abend  wurde  Hardubitz  erreicht.  Indes  das  Schloß  vor  der  Stadt  war
ganz  mit  österreichischen  Derwundeten  belegt,  so  daß  der  König  in  einem
Bürgerhause  in  der  Dorstadt  an  der  Eisenbahn  sein  Quartier  nehmen
mußte.  Bis  zum  0.  Juli  dehnte  sich  hier  der  Aufenthalt  aus;  denn  der
König  erkrankte  hier  an  einer  heftigen  Erkältung  und  an  sehr  empfindlichen
  Schmerzen  in  Kreuz  und  Hüfte,  die  ihn  für  mehrere  Tage  das
Simmer  nicht  zu  verlassen  zwangen.  Die  regelmäßigen  Dorträge  beim
        <pb n="425" />
        Die  Auseinandersetzung  mit  GEsterreich.  419

Könige  wurden  indes  nicht  unterbrochen,  und  auch  die  Truppen  marschierten
  wacker  vorwärts:  die  Erste  Armee  rückte  über  Brünn,  die  Elbarmee
über  Iglau  direkt  auf  Wien  los,  während  die  zweite  Armee  sich  zunächst.
nach  Olmütz  wandte,  wo  Benedek  mit  seinen  schwer  getroffenen  Corps
in  einem  verschanzten  Lager  Zuflucht  gesucht  hatte.  Das  Corps  von
Gablenz  jedoch  und  eine  Kavalleriedivision  war  nach  Wien  entsandt
worden,  um  den  Bau  der  Florisdorfer  Schanzen  und  damit  den  Donauübergang
  zu  decken.  Denn  ein  Teil  der  österreichischen  Südarmee  war
schon  im  Anmarsch  auf  Wien.  Um  nun  für  diesen  Seit  zu  gewinnen,
erschien  Gablenz  zum  zweitenmal,  um  Waffenstillstand  zu  bitten,  als
Harlamentär  im  preußischen  Zauptquartier.  Allein  der  König  durchkreuzte
diesen  Gedanken  der  Esterreicher,  indem  er  als  Dorbedingung  einer
Waffenruhe  die  Forderung  aufstellte,  daß  sämtliche  Truppen  während  derselben
  ihre  Bewegungen  einstellten.  Das  aber  lehnten  die  Esterreicher  ab.

Von  Hardubitz  rückte  das  Zauptquartier  über  Hohenmauth  nach
Swittau  vor.  Im  Begriff,  am  Morgen  des  12.  Juli  nach  Czernahora
weiterzufahren,  erhielt  der  König  die  Meldung,  daß  der  französische
Botschafter  in  Berlin,  Benedetti,  eingetroffen  wäre.  In  der  Nacht  war
er  angelangt  und  völlig  überraschend  bei  Bismarck  eingetreten.  Bismarck
saß  in  seinem  Quartier,  einem  öden,  verlassenen  Rause,  bei  spärlichem
Lichte,  den  Revolver  neben  sich,  noch  schreibend  am  Tische,  als  der  späte
Besuch  ihm  gemeldet  wurde.  Bis  um  4  Uhr  dauerte  das  Gespräch.  Am
Morgen  empfing  der  König  den  Botschafter;  allein  er  hatte  schon  vor
fünf  Tagen  durch  den  Hrinzen  Reuß  dem  KNaiser  Napoleon  seine  Antwort
  gesandt:  ein  weiteres  Eingehen  hielt  er  für  unzulässig.  Er  fuhr
daher  noch  am  Dormittage  nach  Czernahora  weiter,  wo  er  abends  um
7  Uhr  anlangte  und  im  Schlosse  des  Grafen  Fries  Quartier  nahm.  Ein
verwandter  des  Schloßherrn,  bei  Skalitz  durch  beide  Arme  geschossen,  lag
noch  in  dem  Schlosse.  Su  ihm  war  des  Rönigs  erster  Gang.  Geduldig
wartete  er  an  der  Thür  des  Krankenzimmers,  bis  drinnen  aufgeräumt
war;  denn  er  wollte  den  Kranken  nicht  in  Derlegenbeit  setzen.  Dann
sandte  er  ihm  sofort  den  eigenen  Leibarzt,  des  Derwundeten  Schmerzen
zu  lindern.

Schon  am  folgenden  Tage  wurde  das  Rauptquartier,  den  Truppen
folgend,  nach  Brünn  verlegt.  Am  ersten  Hause  der  mährischen  Rauptstadt
  erwartete  den  König  eine  Abordnung  der  Bürgerschaft,  an  der
Spitze  der  Bürgermeister  Giskra  und  der  Bischof  Graf  Schaffgotsch.  Sie
war  gekommen,  um  Schonung  der  Stadt  zu  bitten.  Der  König  mit  dem

neben  ihm  sitzenden  Großherzoge  von  Mecklenburg-Schwerin  verließ  den
27“
        <pb n="426" />
        420  Siebentes  Kapitel.

Wagen  und  gab  den  Bittenden  gnädigen  Bescheid:  „Gott  weiß,  daß
dieser  Krieg  weder  in  meiner  Wahl  noch  in  meinem  Willen  gelegen,
sondern  ich  bin  dazu  durch  den  Monarchen  gezwungen  worden,  dessen
Armee  ich  jetzt,  aber  nicht  die  friedlichen  Bürger  seines  Landes  bekriege."


Nach  den  kühlen  Regentagen  war  jetzt  das  Wetter  auch  schön  und
gleichmäßig  warm  geworden.  Infolgedessen  besserte  sich  von  Brünn  an
auch  das  Befinden  des  Königs,  der  in  dem  kaiserlichen  Halais  Ouartier
genommen  hatte,  zusehends,  so  daß  er  am  nächsten  Abend  mit  seinem
Gefolge  den  Augarten,  eine  Harkanlage  bei  der  Stadt,  besuchte  und  dort
inmitten  der  Bevölkerung  eine  Stunde  verweilte.  Der  folgende  Tag  war
Sonntag.  Auf  dem  Josephstädter  Glacis  zwischen  dem  Halais  und  der
Statthalterei  ließ  der  König  am  Morgen  Feldgottesdienst  halten.  Recht
nach  seinem  Herzen  predigte  der  Dinisionspfarrer  Kretschmar  über
Pssalm  115,1:  „NMicht  uns,  Herr,  nicht  uns,  sondern  deinem  Namen
gieb  Ehre!“

Unterdessen  hat  Benedek  drei  Corps  von  seiner  Armee  mit  der
Eisenbahn  von  Glmütz  nach  Wien  gesandt,  bis  durch  das  Gefecht  bei
Tobitschau  die  Sweite  Armee  ihm  den  Weg  verlegte,  so  daß  er  nunmehr
in  Gewaltmärschen  auf  dem  Jawornikpasse  die  Kleinen  Karpathen  überschritt,
  um  das  Waagthal  hinab  zur  Donau  zu  gelangen.  Aber  die
beiden  andern  Armeen  der  Hreußen  sahen  schon  in  der  Ferne,  über  die
Donau  herüber  den  St.  Stephansturm  von  Wien  glitzern.  Denn  bis
Stockerau,  26  Kilometer  von  Wien,  drangen  die  Spitzen  der  Elbarmee,
bis  Gänserndorf,  51  Kilometer  von  Wien,  die  Spitzen  der  Ersten  Armee
vor.  Am  18.  Juli  folgte  ihnen  das  Große  Bauptquartier  nach.

Von  Brünn  führt  die  „Kaiserstraße"“,  eine  breite  und  gut  gehaltene
Thaussee  durch  freundliche  und  wohlkultivierte  Gegenden,  hin  und  wieder
auch  an  malerischen  Bergzügen  hin  über  Nikolsburg  nach  Wien.  Nikols—
burg  ist  ein  kleines  Städtchen,  dessen  langgedehnte  Mordvorstadt  fast  ausschließlich
  armes  Judenvolk  bewohnt.  Mlitten  in  dem  Städtchen  erhebt
sich  ein  mächtiger  Fels,  so  steil,  daß  es  Beschwerde  macht,  zu  Wagen  ihn
zu  erklimmen.  Den  Gipfel  des  Felsens  krönt  das  alte  Schloß,  aus  dessen
Fenstern  eine  weite  Aussicht  in  die  lachende  Landschaft  sich  bietet.  Dor
der  Schlacht  bei  Austerlitz  wohnte  Tapoleon  hier;  jetzt  verlegte  König
Wilhelm  sein  Hauptquartier  in  das  Schloß,  in  dem  nun  in  den  nächsten
Tagen  ein  Stück  Weltgeschichte  sich  vollziehen  sollte.

Erst  um  10  Uhr  abends  am  18.  Juli  langte  der  König  in  dem
engen  und  bergigen  Städtchen  an.  Die  Einwohner  hatten  TLichter  an  die
        <pb n="427" />
        Die  Auseinandersetzung  mit  Gsterreich.  421

Fenster  gestellt,  weil  es  ihnen  so  befohlen  war,  aber  die  Juden  hatten
es  so  reichlich  gethan,  daß  man  meinen  konnte,  sie  hätten  aus  Freuden
ihre  ärmlichen  Vorstadtgassen  so  strahlend  erleuchtet.

In  Mikolsburg  war  es  nun,  wo  nach  dem  glänzend  durchgeführten
militärischen  Feldzuge  ein  diplomatischer  sich  entwickelte,  der  in  wenigen
Tagen  nicht  minder  erfolgreich  durchgeführt  wurde  als  jener.  König
Wilhelm  war  fest  entschlossen,  nur  einen  den  großen  Erfolgen  seiner
Waffen  entsprechenden  Frieden  zu  schließen.  In  der  Depesche  des  Kaisers
Mapoleon  sah  er  aber  einen  Dersuch,  die  Früchte  seines  großen  Sieges
ihm  zu  kürzen.  Daher  ließ  er  sich  auf  den  empfohlenen  Waffenstillstand
nicht  ein,  sondern  strebte  unablässig  auf  Wien  zu.  Das  war  für  Napo—
leon  eine  höchst  empfindliche  Tiederlage:  er  begriff  schnell  selber,  daß  er
durch  seine  Depesche  sich  allzu  sehr  auf  die  Seite  Gsterreichs  gestellt
hatte,  und  verlangte  nun  mit  Ungeduld  aus  dieser  schiefen  Stellung  heraus.
Shrlich  genug  bekannte  er  dem  Grafen  Goltz,  dem  preußischen  Botschafter
in  Haris,  daß  die  Depesche,  die  er  am  4.  Juli  an  König  Wilhelm  gerichtet,
  ein  großer  Fehler  gewesen  wäre,  und  bat  nun  um  Mitteilung  der
Bedingungen,  unter  denen  Hreußen  den  Waffenstillstand  zu  gewähren
bereit  sei:  man  würde  sich  darüber  verständigen.  Hrinz  Reuß  brachte
diese  denn  auch:  die  Waffenruhe  halte  König  Wilhelm  nur  für  möglich
mit  Gustimmung  Jtaliens  und  mit  der  Gewähr,  daß  sie  wirklich  zum
Frieden  führe.  König  Wilhelm,  obgleich  entrüstet  über  Tapoleons  unberufene
  Einmischung,  wünschte  doch  die  Möglichkeit  eines  gleichzeitigen
Krieges  gegen  Esterreich  und  Frankreich  zu  vermeiden.  Denn  wenn  auch
die  militärischen  Streitkräfte  Frankreichs,  durch  den  Krieg  in  Alexiko  sehr
geschwächt,  nicht  eben  furchtbar  waren,  so  konnte  ihnen  doch  der  Anschluß
der  Streitkräfte  Süddeutschlands  eine  sehr  beachtenswerte  Stärke  geben.
Er  war  daher  entschlossen,  das  französische  Selbstgefühl  so  weit  zu  schonen,
wie  es  mit  der  Ehre  Deutschlands  und  mit  dem  Interesse  Hreußens  nur
irgend  verträglich  wäre.  Demgemäß  sandte  auf  seinen  Befehl  Graf
Bismarck  durch  einen  Feldjäger  an  den  Grafen  Goltz  die  preußischen
Forderungen:  Ausscheiden  Gsterreichs  aus  dem  Deutschen  Zunde,  Suprematie
  Hreußens  in  Deutschland,  endlich  Annexion  Sachsens  und  der  norddeutschen
  Gegner  Hreußens  und  Sahlung  der  Kriegskosten.  Als  ein
Schreckbild  würde  der  öffentlichen  Aleinung  Frankreichs,  meinte  Mapoleon,
  das  einige  deutsche  Reich  unter  Hreußens  Führung  erscheinen;  auch
gegen  die  Einverleibung  des  dänisch  redenden  Nordschleswig  hatte  er
Bedenken.  Man  müsse  demnach  Süddeutschland  unabhängiger  stellen,
als  der  preußische  Reformplan  vorschreibe,  und  den  Mordschleswigern  die
        <pb n="428" />
        422  Siebentes  Kapitel.

Entscheidung  über  ihr  Schicksal  überlassen.  Im  übrigen  bezeichnete  er
die  preußischen  Annexionen  als  ihm  „gleichgültig.“

Auf  die  Einladung  des  Kaisers  schrieb  nun  Graf  Goltz  das  Ergebnis
der  Unterredung  nieder:  „Osterreich  erkennt  die  Auflösung  des  alten
Deutschen  Bundes  an  und  widersetzt  sich  nicht  einer  neuen  Organisation
Deutschlands,  an  der  es  keinen  Teil  nimmt.  Preußen  bildet  eine  Union
Norddeutschlands,  welche  alle  Staaten  nördlich  des  Main  umfaßt;  es
wird  den  Befehl  über  die  Truppen  derselben  erhalten.  Die  deutschen
Staaten  südlich  vom  Wain  haben  die  Freibeit,  unter  sich  eine  süddeutsche
Union  zu  schließen,  die  eine  internationale,  unabhängige  Stellung  genießt.
Die  zwischen  der  nördlichen  und  der  südlichen  Union  zu  erhaltenden
nationalen  Bande  werden  durch  freies,  gemeinsames  Einverständnis  geregelt.
  Die  Elbherzogtümer  werden  mit  Hreußen  vereinigt  außer  den
Bezirken  Nordschleswigs,  falls  deren  Sinwohner  in  freier  Abstimmung
die  Rückabtretung  an  Dänemark  wünschen  würden.  Esterreich  und  dessen
Derbündete  ersetzen  Dreußen  die  Kriegskosten.“  Mit  dieser  Friedensgrundlage
  erklärte  sich  der  Kaiser  am  14.  Juli  völlig  einverstanden,  nur
in  der  letzten  Seile  änderte  er,  um  Ssterreich  nicht  abzuschrecken,  „einen
Teil  der  Kriegskosten."  Die  Annexionen  hatte  Goltz  absichtlich  weggelassen:
er  wollte  NMapoleons  Begehrlichkeit  nicht  wecken.  Und  so  sehr  war
Mapoleon  mit  diesem  gewonnenen  Einverständnis  zufrieden,  daß  er  es
noch  in  derselben  Stunde  an  König  Wilhelm  wie  an  Kaiser  Franz
Joseph  mit  dem  dringenden  Ersuchen  telegraphierte,  auf  dieser  Grundlage
  nunmehr  den  Waffenstillstand  abzuschließen.  Auch  Benedetti,  der
noch  in  Brünn  weilte,  erhielt  den  Befehl,  sich  sofort  nach  Wien  zu  begeben,
  um  dort  zusammen  mit  dem  Herzoge  Gramont,  dem  französischen
Botschafter,  auf  raschen  Friedensschluß  zu  dringen.  Sehr  wesentlich
unterstützte  sie  dabei  das  mutige  Dordringen  der  JZtaliener,  die  gegen
Tapoleons  Befehl  das  jetzt  französische  Denetien  besetzten  und  auch
Welschtirol  zu  gewinnen  trachteten,  so  daß  Ssterreich  von  seiner  Südarmee
  kaum  die  Hälfte,  um  Wien  gegen  die  Hreußen  zu  schützen,  heran—
ziehen  konnte.

Im  preußischen  Zauptquartier  in  Nikolsburg  dagegen  nahm  man
die  französische  Kriedensgrundlage  vom  14.  Juli  nur  mit  Mißtrauen  auf;
man  argwöhnte,  daß  Napoleon,  wenn  man  sie  annähme,  noch  mit  irgend
welchen  Kompensationsforderungen  hervortreten  würde.  Es  schien  also
ratsam,  eine  direkte  Derhandlung  mit  Osterreich  zu  versuchen.  Natürlich
konnte  diese  nur  dann  Aussicht  auf  Erfolg  haben,  wenn  man  Gsterreich
günstigere  Bedingungen  anbot,  als  sie  ihm  der  napolecnische  Dorschlag
        <pb n="429" />
        Die  Auseinandersetzung  mit  sterreich.  423

vom  14.  Juli  gewährte.  König  Wilhelm  legte  überhaupt  auf  die  geplanten
  Annexionen  mehr  Gewicht,  als  auf  die  Einengung  Esterreichs.
Demgemäß  wurde  der  Hräsident  des  Brünner  Handelsgerichtes,  Baron
von  Berring,  nach  Wien  mit  der  Srklärung  gesandt,  daß  Hreußen  bereit
  wäre,  sofort  in  Brünn  mit  GEsterreich  Frieden  zu  schließen.  Es  böte
an,  daß  Csterreichs  gesamtes  Gebiet  außer  Denetien  unversehrt  bleiben,
die  Grenze  für  die  preußische  Horherrschaft  in  Deutschland  der  Main
bilden,  die  süddeutschen  Staaten  freie  Hand  behalten  und  es  Osterreich
überlassen  bleiben  solle,  sich  mit  denselben  in  beliebige  Derbindung  zu
setzen,  dazu  verzichtete  es  auf  alle  Kriegskosten.  Dies  Anerbieten  Dreußens
verursachte  anfangs  in  Wien  helle  Freude,  und  Gramont  erkannte  aus
den  Bedingungen  den  Gedanken  König  Wilhelms,  den  besiegten  Gegner
jetzt  zum  verbündeten  Freunde  zu  gewinnen.  Um  so  mehr  setzte  er
mit  Benedetti  alles  daran,  die  Mission  Berrings  zu  vereiteln,  und  erreichte
  auch  durch  die  Drohung,  daß  Frankreich  sonst  Gsterreich  seinem
Schicksal  überlassen  würde,  daß  Kaiser  Franz  Joseph  nicht  das  Anerbieten
  Dreußens,  sondern  das  französische  Drogramm  vom  14.  Juli
annahm.

Mit  diesem  Drogramm  indessen  war  König  Wilhelm  sehr  wenig
zufrieden.  Er  sah  in  den  in  Aussicht  genommenen  Annexionen  eine
Notwendigkeit:  nur  durch  sie  konnte  Hreußen  ein  geschlossenes  Staatsgebiet
  und  diejenige  militärische  und  finanzielle  Stärkung  gewinnen,  die
ihm  die  Führerschaft  Deutschlands  wenigstens  für  die  Sukunft  gewährleistete.
  Ja,  in  einem  Alomente  der  DHerstimmung  sagte  er:  „Ich  will
lieber  abdanken,  als  ohne  bedeutenden  Ländererwerb  für  Dreußen  zurückkehren.“
  Und  nun  stand  in  dem  französischen  Drogramm  nichts  von
Annexionen!  Er  verlangte  daher  die  Unterstützung  Mapoleons  für  dieselben,
  bevor  er  selbst  das  französische  Drogramm  annehmen  und  es  dem
verbündeten  Jtalien  empfehlen  könne.  Umgehend  traf  denn  auch  durch
Hermittelung  des  Grafen  Goltz  die  Sustimmung  Napoleons  zu  den
preußischen  Annexionen  telegraphisch  in  Tikolsburg  ein.  Das  genügte
indessen  dem  Könige  noch  nicht:  er  verlangte  die  ausdrückliche  Anerkennung
  und  Empfehlung  der  Annexion  nicht  bloß  der  Slbherzogtümer,
sondern  auch  Bannovers,  Sachsens,  Kurhessens,  Nassaus  und  der  Stadt
Frankfurt  durch  eine  Erklärung  des  Kaisers  Mapoleon.  Doch  verstattete
er  die  vorläufige  Eröffnung  der  verhandlungen  mit  Gsterreich  und  bewilligte
  vom  Mittage  des  22.  Juli  ab  eine  fünftägige  Waffenruhe.
Infolgedessen  mußte  das  für  Hreußen  siegreiche  Gefecht  von  Blumenau
abgebrochen  werden,  und  die  österreichische  Zevollmächtigten  Graf  Karolyi,
        <pb n="430" />
        424  Siebentes  Kapitel.

Baron  Brenner  und  Graf  Degenfeld  stellten  auf  dem  alten  Schlosse
zu  Vikolsburg  sich  ein.

Am  WMorgen  des  25.  Juli  langte  auch  die  von  König  Wilhelm  verlangte
  Erklärung  Napoleons  an,  daß  er  die  preußischen  Annexionen  als
billig  anerkenne  und  empfehle.  Damit  war  nun  die  Grundlage  gegeben,
die  Verhandlungen  rasch  zu  fördern;  mit  gewohnter  Energie  brachte
Graf  Bismarck  sie  in  Gang.  Nur  zwei  Einwendungen  erhoben  die  Be—
vollmächtigten  Esterreichs:  sie  verlangten  die  Herabminderung  der  auf
55  Millionen  Thaler  angesetzten  Kriegskosten  und  erklärten  es  für  eine
Shrensache  des  Kaiserstaates,  Sachsen,  das  als  opferwilliger  Bundesgenosse
  Seite  an  Seite  mit  ihm  gekämpft,  die  volle  Unverletztheit  des
Gebietes  und  Selbständigkeit  zu  erhalten.  Die  Herabsetzung  der  baren
Kriegskosten  auf  20  Millionen  bewilligte  König  Wilhelm  ohne  weiteres,
dagegen  bestand  er  darauf,  wenn  er  auch  den  Gründen  Kaiser  Franz
Josephs  seine  Anerkennung  nicht  versagte,  daß  von  Sachsen  wenigstens
die  Kreise  Leipzig  und  Bautzen  an  Hreußen  abgetreten  würden.  Denn
seit  Jahren  hatte  die  sächsische  Regierung  gegen  Hreußen  gehetzt  und
gewühlt.  Der  Gerechtigkeitssinn  des  Königs  lehnte  sich  dagegen  auf,
Sachsen  ganz  ohne  Strafe  dafür  zu  lassen;  ja  er  sah  eine  Gefahr  für
die  Sukunft  darin.  Da  traf  am  Morgen  des  24.  aus  St.  Hetersburg
eine  Depesche  in  Nikolsburg  ein,  in  welcher  der  dortige  preußische  Botschafter
  von  Redern  meldete,  daß  der  Kaiser  Alexander  den  Susammen-=tritt
  eines  europäischen  Kongresses  lebhaft  betreibe;  denn  der  Friedensschluß
  zwischen  Hreußen  und  Esterreich  dürfe  nicht  ohne  die  Sustimmung
Europas  geregelt  werden.  In  kürzester  Frist,  fügte  Redern  hinzu,  werde
die  Einladung  zu  dem  Kongresse  in  Nikolsburg  eintreffen.

Was  sollte  der  König  thun  ?  Konnte  er  die  Bemessung  des  preußischen
  Siegespreises  der  Entscheidung  der  neidischen  Großmächte  überlassen  ?
Bismarck,  der  getreue  Berater,  riet,  die  Hräliminarverhandlungen  mit
Esterreich  schleunigst  zum  Abschlusse  zu  bringen,  damit  der  Kongreß  der
vollendeten  Thatsache  sich  gegenüber  sähe.  Denn  sicher  würde  er  größere
Entsagung  Dreußen  zumuten,  als  nur  auf  Sachsen  zu  verzichten.  Der
König  beschied  den  Kronprinzen  von  dessen  Hauptquartier  in  Schloß
Eisgrub  zu  sich.  Ghne  alle  Seugen  besprach  er  mit  seinem  Thronerben
die  Situation.  Dieser  teilte  die  Ansicht  Bismarcks  durchaus  und  riet  zum
Derzicht  auf  Leipzig  und  Bautzen.  Sugleich  setzte  er  alles  daran,  seinen
Königlichen  Dater  zur  Annahme  der  Kaiserkrone  zu  bestimmen:  dem
Kaiser  würde  der  König  von  Sachsen  sich  willig  unterordnen,  wie  ja  die
Aufrichtung  des  Kaisertums  alsbald  auch  Süddeutschland  mit  dem  Norden
        <pb n="431" />
        (wost  nuc)  aanqojouitt  ni  ĩuaaajuoqjauaqala  aic
Uaoqeuolc;  jvi  Itjoarꝝ  iound  qualuaa  #a  ###n  #ser  ————J  Mohs  Wagunsi  Jonznn  aht  #à  #610  Ju#-un  Jund
        <pb n="432" />
        426  Siebentes  Kapitel.

vereinigen  würde.*)  Allein  mit  diesem  Gedanken  drang  er  bei  dem  Könige
nicht  durch;  wohl  aber  entschloß  sich  dieser,  auf  Sachsen  zu  verzichten.
Denn  in  letzter  Linie  war  bei  ihm  ausschlaggebend  das  Vertrauen,  das
er  in  den  Charakter  König  Johanns  setzte,  von  dem  er  erwartete,  daß,
wie  er  ihm  ein  entschiedener  Gegner  gewesen,  so  auch  fortan  ein  entschiedener
  Freund  sein  würde.  Und  wie  sicher  hat  seine  Menschenkenntnis
ihn  geführt!  Einen  Ausgleich  für  den  Verzicht  fand  zudem  Bismarck
dadurch,  daß  Sachsen  nicht  die  freie  Stellung  der  süddeutschen  Staaten
erhalten,  sondern  dem  norddeutschen  Bunde  eingefügt  werden  sollte:  wodurch
  die  Kraft  des  Candes  doch  zu  Hreußens  Derfügung  blieb.

Damit  waren  die  Schwierigkeiten  gehoben.  In  rascher  erständigung
wurden  nun  die  einzelnen  Bestimmungen  der  Hräliminarien  durch  Zismarck
  und  die  österreichischen  Zevollmächtigten  festgestellt.  Am  26.  Juli
wurde  der  Dertrag  von  beiden  Seiten  unterzeichnet:  keinen  Tag  zu  früh.
Denn  die  Kongreßeinladung  aus  St.  Hetersburg  traf  ein,  und  in  Nikolsburg
  erschien  Benedetti,  um  eine  Kompensationsforderung  des  Kaisers
Mapoleon  auf  dem  linken  Rheinufer  (Landau  und  Luxemburg)  anzumelden.
  Der  Hinweis  auf  den  unterzeichneten  Hräliminarvertrag  genügte
indes,  um  Napoleon  zu  bestimmen,  sie  sofort  fallen  zu  lassen;  denn  auf
einen  Krieg  ohne  Zundesgenossen  konnte  er  unmöglich  es  ankommen
lassen.  Am  28.  Juli  fand  der  Austausch  der  Ratifikationen  des  Dertrags
in  Nikolsburg  statt.  Welche  glänzenden  Resultate,  weit  über  kübnes  Erwarten
  hinaus,  hatte  der  rasche  Feldzug  ergeben!  Jetzt  hielt  König
Wilhelm  die  Bestätigung  in  Händen:  der  Eindruck  überwältigte  ihn.
Thränen  traten  ihm  in  die  Augen.  Um  ihn  herum  standen  die  treu
bewährten  Berater  seiner  Krone:  Roon,  Moltke  und  Bismarck.  Und  von
seiner  inneren  Bewegung  bingerissen,  stand  er  auf  und  schloß  einen  nach
dem  andern  in  seine  Arme,  küßte  ihn  und  dankte  jedem  mit  beweglichen
Worten.  Sugleich,  seine  Dankbarkeit  auch  äußerlich  zu  bekunden,  verlieh
er  Bismarck  das  Großkreuz  des  Hohenzollerschen  Rausordens,  Roon  und
Moltke  den  Schwarzen  Adler-Orden:  für  alle  ein  unvergeßlicher  Moment!

Auf  der  zu  RMikolsburg  gegebenen  Grundlage  wurde  am  25.  August
1866  der  Frieden  zu  Hrag  zwischen  Hreußen  und  Esterreich  abgeschlossen.
In  demselben  erkannte  der  Kaiser  von  GEsterreich  die  Auflösung  des  bisherigen
  Deutschen  Bundes  an  und  gab  seine  Sustimmung  zu  einer  neuen
Gestaltung  Deutschlands  ohne  Beteiligung  des  österreichischen  Kaiserstaates
  (Artikel  4).  Ferner  trat  er  sein  Mitbesitzerrecht  an  Schleswig-*)

  Hersönliche  Mitteilung  des  Kronprinzen.
        <pb n="433" />
        Die  Auseinandersetzung  mit  sterreich.  427

Holstein  dem  Könige  von  Preußen  freilich  mit  der  Einschränkung  ab,
daß,  „falls  die  nördlichen  Distrikte  von  Schleswig  durch  freie  Abstimmung
den  Wunsch  zu  erkennen  geben  sollten,  mit  Dänemark  vereinigt  zu
werden,  sie  an  Dänemark  abgetreten  werden  sollten“  (Artikel  5)  —  eine
Einschränkung,  die  1877  durch  ein  Sonderabkommen  zwischen  Preußen
und  Ssterreich  wieder  beseitigt  worden  ist.  Endlich  zahlte  Osterreich
40  Millionen  Thaler  Kriegsentschädigung,  wovon  20  bar  erlegt,  15  für

Feldparade  bei  Hrünn  am  1.  Kugust  1866:  König  Wilhelm  führt  dem  Kronprinzen  und  dem
General  Steinmetz  das  Königsgrenadierregiment  (Nr.  7)  vor.

die  Elbherzogtümer  und  5  für  die  bis  zum  Friedensschlusse  zu  gewährende
freie  Derpflegung  des  preußischen  Beeres  gerechnet  werden  sollten.
Micht  mehr  als  das  Notwendige  schlossen  diese  Friedensbedingungen
in  sich.  Auf  den  Siegeseinzug  in  Wien  verzichtete  König  Wilhelm.
Wohl  mußte  Ssterreich  der  lange  geübten  mittelbaren  Herrschaft  über
Jtalien  und  der  noch  älteren  über  Deutschland  entsagen;  aber  dennoch
war  durch  den  Friedensschluß  weder  seiner  Shre  noch  seiner  unmittelbaren
  Machtstellung  eine  Wunde  geschlagen,  die  unheilvolle  Feindschaft
zwischen  Dreußen  und  Osterreich  hätte  pflanzen  müssen.  Vielmehr  be-
        <pb n="434" />
        428  Siebentes  Kapitel.

reitete  die  Milde  des  Friedens  die  Wiederherstellung  eines  freundschaftlichen
  Derhältnisses  zwischen  den  beiden  Großmächten  in  wirksamster-Weise
  vor:  ein  Moment,  hoch  bedeutungsvoll  für  die  Sukunft!

Bevor  der  König  nun  aus  Feindesland  die  Beimreise  antrat,  zog.
es  ihn,  seine  siegreichen  Armeen  noch  einmal  zu  sehen.  Suerst  ging  die
Fahrt  zur  Elbarmee  nach  Ladendorf,  wo  er  deren  Führer  Berwarth  von
Bittenfeld  den  Schwarzen  Adler.  Orden  persönlich  überreichte.  Dann  ging.
es  weiter  zur  Ersten  Armee  nach  Gänserndorf.  Zalbwegs  dorthin  beie.
Wolkersdorf  stand  auf  der  Böhe  eines  Weinberges  eine  Hütte,  die  sich
Generalstabsoffiziere,  da  die  Höhe  einen  weiten  und  freien  Ausblick  nach
Süden  gewährte,  zu  einem  Observatorium  eingerichtet  hatten.  Hier  ließ.
der  König  seinen  Wagen  halten  und  stieg  zu  der  Böhe  hinauf.  Dort
stand  der  greise  Held  ganz  allein  —  das  Gefolge  war  zurückgeblieben  —
und  betrachtete  durch  sein  Fernglas  Wien,  das,  nur  15  Kilometer  entfernt,
  im  hellen  Sonnenglanze  ihm  zu  Füßen  lag.  Deutlich  traten  die
hervorragendsten  Gebäude  hervor.  Lange  stand  er  da,  wie  in  tiefe  Gedanken
  versunken:  was  mochte  sein  Herz  empfinden!  Wie  viel  Unbill  und
Kränkung  war  von  hier  aus  seit  zwei  Jahrhunderten  über  sein  Haus  und.
Land  gekommen!  Zetzt  hatte  die  stolze  Stadt  sich  gebeugt,  und  ihm,  dem
Enkel,  war  es  beschieden,  endlich  Wandel  zu  schaffen  für  alle  Seitl

In  Gänserndorf  stieg  der  König  zu  Dferde  und  nahm  auf  einer
RHochfläche  nördlich  von  dem  Moarchfelde  im  Angesichte  Wiens  über  seine
siegreichen  Truppen  von  der  Ersten  Armee  Feldparade  ab.  Erst  spät
abends  kehrte  er  nach  Mikolsburg  zurück.  Am  nächsten  Tage  (I.  August)
galt  sein  Besuch  der  Sweiten  Armee.  Bei  Wislau  unweit  Brünn  war
sie  zur  Feldparade  zusammengezogen.  Als  beim  Dorbeimarsch  der  0.  Division
  des  Königs  Regiment,  das  2.  westpreußische  Ar.  7,  kam,  rief  er
den  Grenadieren  zu:  „Ihr  habt  euch  und  mir  Ehre  gemacht!“  Dann
zog  er  den  Degen  und  setzte  sich  selbst  an  die  Spitze.  So  führte  er  mit
den  Worten:  „Der  König  seinen  kommandierenden  Generalen!“  sein
Regiment  im  Harademarsch  vor  dem  Kronprinzen  und  dem  General
Steinmetz  vorüber,  dem  er  in  Anerkennung  seiner  Siege  einige  Tage
zuvor  durch  den  Kronprinzen  ebenfalls  den  Schwarzen  Adler-Orden  übersandt
  hatte.

Bis  zum  Z.  August  verweilte  der  König  in  Brünn.  Dann  trat  er
die  Beimreise  an.  Ein  Extrazug  brachte  ihn  am  Nachmittage  nach  Hrag,
wo  auf  dem  ganzen  Wege  vom  Bahnhofe  bis  zum  Blauen  Stern  die
Einwohner  in  dichtgedrängten  Scharen  standen,  den  siegreichen  Herrscher
zu  sehen.  Wirsing,  der  Direktor  des  Stadttheaters,  hatte  eine  Festvorstellung
        <pb n="435" />
        Die  Auseinandersetzung  mit  GEsterreich.  49

arrangiert,  die  zu  besuchen  er  den  König  bitten  ließ.  Alllein  leise  schüttelte
dieser  den  Kopf  und  sagte:  „Wer  so  viele  seiner  braven  Soldaten  tot
und  verwundet  gesehen  wie  ich,  der  kann  in  kein  Theater  geben!“

Mit  unendlichem  Jubel  begrüßten  den  hbeimkehrenden  Helden  am
nächsten  Tage,  sobald  der  Sug  die  preußische  Grenze  passiert  hatte,  alle
Bewohner;  selbst  auf  den  Dörfern  standen  sie  an  der  Bahn,  um  ihn
wenigstens  vorüberfahren  zu  sehen.  Ein  fortgesetzter  Triumphzug  war
die  Fahrt  über  Görlitz,  Guben  und  Frankfurt.  Endlich  um  10½  Uhr
abends  lief  der  Sug  in  den  schlesischen  Bahnhof  in  Berlin  ein,  wo  die
Königin,  von  allen  Hrinzessinnen  des  Röniglichen  Hauses  umgeben,
den  rubhmbekränzten  Sieger  empfing.  So  dichtgedrängt  stand  auf  dem
langen  Wege  bis  zum  Palais  des  Königs  die  laut  jubelnde  Dolksmenge,
daß  die  Hferde  oft  nur  im  Schritt  gehen  konnten.  In  hell  strahlendem
Glanze  begrüßte  den  Beimgekehrten  das  Denkmal  Friedrichs  des  Großen
vor  seinen  Fenstern  und  aus  der  Ferne  die  Diktoria  auf  dem  Brandenburger
  Thor.  Aber  um  WMitternacht  sah  man  den  König  in  seinem
Arbeitszimmer  bei  der  gewohnten  einsamen  Studierlampe  sitzen,  das  Berz
sicher  von  andern  Gefühlen  erhoben,  als  sie  vor  56  Tagen  am  Abend
vor  seiner  Abreise  ins  Feld  es  erfüllt  hatten.  Der  erste  Gang  des  Königs
am  andern  Morgen  aber  war  in  den  Dom,  um  mit  seinem  ganzen
Kause  dem  Rerrn  für  all  das  Große  zu  danken,  das  in  diesen  Tagen
gescheben  war.
        <pb n="436" />
        Achtes  Kapitel.
Uach  dem  Kriege.

Gegen  Esterreich  hatte  Hreußen  seine  ganze  Kraft  eingesetzt.  So
hatte  es  nicht  mehr  als  drei  Divisionen  den  deutschen  Bundesgenossen
Esterreichs  entgegenzustellen.  Allein  diese  55  400  Alann  mit  96  Geschützen
der  „Mainarmee“  genügten,  um  der  doppelten  Übermacht  der  Gegner
die  Überlegenheit  der  preußischen  Waffen  einleuchtend  zu  machen.  Es
war  nicht  das  Sündnadelgewehr  der  preußischen  Infanterie,  sondern  die
Energie  und  Schnelligkeit  des  Handelns,  die  sorgfältige  Dorbereitung,
die  gute  Führung  und  die  staunenswerte  Leistungsfähigkeit  der  Truppen,
welche  wie  in  Böhmen,  so  am  Main  rasch  und  glänzend  den  Feldzug
entschied.  Und  doch  waren  es  tüchtige  Truppen,  die  hier  den  Hreußen
entgegentraten,  tapfer  und  ausdauernd,  aber  obhne  festen  inneren  Gusammenhalt
  und  ohne  Begeisterung  für  die  Sache,  die  sie  verfochten.

Auf  den  Antrag  Gsterreichs  hatten  Württemberg,  Baden  und  Bessen-Darmstadt
  ihre  Bundeskontingente  (das  8.  Zundesarmeecorps)  zum
Kampfe  gegen  Hreußen  aufgeboten;  außerdem  wurden  diesem  Bundescorps
  die  kurhessischen  und  nassauischen  Truppen  sowie  aus  den  Bundesfestungen
  eine  österreichische  Division  zugeteilt.  Indessen  die  kurhessischen
Truppen  blieben,  ohne  an  dem  Kampfe  teilzunelmen,  in  Mainz  stehen,
und  auch  Baden  beeilte  sich  mit  seinen  Rüstungen  wenig.  Aber  auch  so
zählte  das  Bundescorps,  dessen  Führung  dem  Hrinzen  Alexander  von
Ressen  übertragen  war,  50  000  Mann  mit  mehr  als  140  Geschützen.
Sbenso  stark  war  die  barrische  Armee  unter  dem  Oberbefehle  des  Hrinzen
Karl  von  Bavern.

Dieser  Ubermacht  begegnete  General  Dogel  von  Falckenstein,  der
Anführer  der  preußischen  Alainarmee,  dadurch,  daß  er  sich  zwischen  die
beiden  feindlichen  Armeen  einschob,  um  ihre  Dereinigung  zu  verhindern.
Sbenso  kühn  wie  geschickt  führte  er  bald  gegen  die  eine,  bald  gegen  die
andere  unerwartete  Dorstöße  und  nötigte  sie  dadurch,  immer  weiter  nach
        <pb n="437" />
        Nach  dem  Kriege.  431

Süden  auszuweichen.  Da  traf  die  Siegeskunde  von  Königgrätz  ein:  den
Süddeutschen  wurde  es  klar,  daß  sie  für  eine  verlorene  Sache  kämpften.
Die  Bapern  zogen  sich  infolgedessen  binter  die  fränkische  Saale  zurück,
und  die  Bundestruppen  entwichen  bis  nach  Frankfurt.

Von  Kissingen  bis  Hammelburg  in  einer  Länge  von  20  Kilometern
  hatten  die  Bapern  in  trefflicher  Stellung  die  fränkische  Saale
besetzt.  Allein  am  10.  Juli  sandte  Dogel  von  Falckenstein  die  Division
Göben  gegen  Kissingen  vor,  die  Division  Bever  gegen  Hammelburg.
Mit  Rartnäckigkeit  verteidigten  sich  die  Zavern;  allein  am  Nachmittage
hatten  die  Preußen  nach  hartem  Kampfe  Kissingen  erobert  und  vertrieben
mit  dem  Bajonett  die  Gegner  auch  von  den  im  Osten  der  Stadt  liegenden
  Höhen.  Alsbald  erstürmten  sie  auch  Hammelburg  und  eroberten
den  dortigen  Flußübergang  mit  dem  Bajonett,  während  weiter  nördlich
bei  Waldaschach  die  Division  Manteuffel  den  Übergang  über  die  Saale
erkämpft  hatte.  So  waren  am  Abend  die  Hreußen  im  Besitze  der  ganzen
früheren  Stellung  der  Bapern  und  nötigten  diese,  nach  Würzburg  hinter
den  Main  zurückzuweichen.  Munmehr  wandte  sich  Dogel  von  Falckenstein,
in  höchst  anstrengenden  Märschen  den  Spessart  übersteigend,  gegen  das
Bundescorps.  Dieses  hatte  sich  in  Bewegung  gesetzt,  um  den  Bapern
die  Kand  zu  reichen.  Allein  Dogel  von  Falckenstein  ließ  es  durch  die
Division  Bever  bei  Gelnhausen  festbhalten  und  brach  dann  mit  seinen
beiden  andern  Divisionen  unversehens  aus  dem  Spessart  Bervor  und
faßte  am  14.  Juli  bei  Aschaffenburg  den  Gegner  in  der  rechten  Flanke.
Ein  heftiger  Kampf  um  die  Häuser  und  Straßen  der  Stadt  entwickelte
sich:  trotz  der  starken  Uberzahl  der  Feinde  bemächtigten  sich  die  Preußen
der  Mainbrücke  und  versperrten  ihnen  dadurch  den  Rückzug.  Mehr  als
2000  UMkann  mußten  dem  Sieger  sich  ergeben.  Die  Folge  war,  daß
Orinz  Alexander  das  Bundescorps  bis  nach  dem  Odenwalde  zurückführte.
So  hielt  denn  am  16.  Dogel  von  Falckenstein  an  der  Spitze  seiner  Truppen
seinen  Einzug  in  Frankfurt.  Don  den  Hansestädten  sich  trennend,  hatte
die  freie  Reichsstadt  FKrankfurt  am  14.  Juni  ihre  Stimme  gegen  Hreußen
abgegeben:  jetzt  hatte  sie  aufgelört,  es  zu  sein.  „Die  Länder  nördlich
des  Mains“,  schrieb  der  Sieger  an  seinen  König,  „liegen  jetzt  zu  Euer
Königlichen  Majestät  Füßen!“  Sbenso  rasch  wie  erfolgreich  hatte  die
Mainarmee  ihre  nächste  Aufgabe  erfüllt.  «

An  die  Stelle  Vogel  von  Falckensteins  trat  nunmehr  der  General
Edwin  von  Manteuffel.  Zugleich  wurde  die  Mainarmee  bis  auf
60000  Mann  verstärkt,  während  unter  dem  Befehle  des  Großherzogs
Friedrich  Franz  II.  von  Mecklenburg-Schwerin  ein  zweites  Reservecorps
        <pb n="438" />
        432  Achtes  Kapitel.

—ê

formiert  wurde,  das  bei  Leipzig  sich  sammelte.  Demnach  konnte  Man—
teuffel  jetzt  wieder  ohne  weiteres  gegen  das  Bündescorps  vorgehen,  das
hinter  der  Tauber  eine  günstige  Stellung  eingenommen  hatte.  Mitten
in  dem  gebirgigen  Gelände  des  Odenwaldes  führte  r  eine  geschickte
Linksschwenkung  aus,  die  ihn  sofort  in  Fühlung  mit  dem  Gegner  brachte.
Ohne  Anstrengung  drängte  Flies  am  25.  Juli  bei  Werbach  die  Badener
zurück,  die,  wie  es  schien,  einen  ernstlichen  Kampf  überhaupt  vermeiden
wollten.  Am  folgenden  Tage  griff  dann  Manteuffel  die  Tauberlinie  an:
blies  nahm  den  Hessen  Wertheim,  Göben  eroberte  Tauberbischofsheim,
das  die  Württemberger  besetzt  hatten.  Mit  großer  Tapferkeit  erneuerten
diese,  von  dem  General  von  Hardegg  geführt,  am  NWackmittage  den
Kampf  um  das  Städtchen:  fünfmal  stürmten  sie  an,  indes  die  Hreußen
bielten  fest,  was  sie  hatten.  Die  Tauberlinie  war  damit  verloren.  Um
indes  sein  Corps  zu  sichern,  zog  sich  Hrinz  Alexander  näher  an  die  bei
Helmstadt  stebenden  Bayern  heran,  indem  er  die  bewaldete  Hochfläche  von
Herchsheim,  8  km  von  Helmstadt,  mit  seinen  Divisionen  besetzte.  So  sah
sich  Manteuffel  einer  großen  Ubermacht  gegenüber.  Dennoch  zögerte  er
nicht,  schon  am  folgenden  Tage  (25.  Juli)  mit  der  Division  Göben  die
Bundestruppen  bei  Herchsheim,  mit  der  Division  Bever  die  Bapern  bei
Relmstadt  anzugreifen.  Bier  wie  dort  wichen  die  Feinde  dem  preußischen
Angriff.  Die  Bavern  gingen  auf  ürzburg  zurück.  Indes  am  26.
rückten  sie  von  neuem  vor,  wurden  aber  nach  hartnäckigem  Kampfe  bei
Roßbrunn  nochmals  geworfen  und  zogen  sich  nun  in  der  Nacht  über  den
Main  zurück.  Ohne  Derzug  folgte  ihnen  Manteuffel  und  eröffnete  gegen
die  Feste  Marienberg,  die  Titadelle  von  Würzburg,  ein  beftiges  Feuer.
Zugleich  erschien  in  der  FKlanke  der  Bayern  der  Großberzog  von  Mecklenburg
  mit  seinem  Reservecorps,  nachdem  er  am  29.  Juli  durch  das  Gefecht
  bei  Seybottreuth  sich  den  Weg  nach  Bapern  hinein  eröffnet  und  am
31.  ürnberg  besetzt  hatte.  Aber  schon  schwirrten  Gerüchte  von  Waffenstillstand
  durch  die  Luft:  sofort  begann  das  Bundescorps  sich  aufzulösen.
Schon  am  50.  Juli  berief  der  Großberzog  Friedrich  seine  Badener  in  die
Heimat  zurück.

Schon  waren  in  Nikolsburg  die  Gesandten  der  süddeutschen  Fürsten
mit  der  Bitte  um  Frieden  erschienen.  Sobald  der  Frieden  mit  Esterreich
gesichert  war,  wurde  auch  ihnen  Waffenstillstand  gewährt.  Bayern  übergab
  als  Friedenspfand  das  feste  Würzburg  den  Hreußen  und  die  Bundeskontingente
  gingen  auseinander.  Sie  nahmen  die  ernste  Lehre  mit,  daß
ohne  eine  energische  Susammenfassung  und  Ceitung  ihrer  Kräfte  all  ihre
persönliche  Tapferkeit  nichts  auszurichten  vermöchte.  Da  bedurfte  es  denn
        <pb n="439" />
        Nach  dem  Kriege.  433

nicht  erst  langer  Verhandlungen,  um  den  Frieden  Preußens  mit  den  süd—
deutschen  Staaten  herbeizuführen.  Schon  am  13.  August  wurde  in  Berlin
der  Frieden  mit  Württemberg  unterzeichnet,  am  17.  mit  Baden,  am
22.  mit  Bayern,  das  ausdrücklich  gewünscht  hatte,  nicht  in  den  Friedensschluß
  mit  Gsterreich  aufgenommen  zu  werden,  sondern  mit  Hreußen  durch
Sonderverhandlungen  sich  zu  verständigen.  Am  Z.  September  folgte
Ressen-Darmstadt.  Nur  die  Kriegskosten  hatten  die  süddeutschen  Staaten
zu  erlegen:  Württemberg  8,  Baden  6,  Bayern  30,  Hessen-Darmstadt
3  Millionen  Gulden;  dazu  kamen  einige  ganz  geringfügige  Gebietsabtretungen:
  von  Bayern  der  Kreis  Orb,  von  Hessen-Darmstadt  der

Denkmünze  auf  den  Feldeug  von  1866.  (Königl.  Mänzkabinett  in  Berlin.)

Kreis  Biedenkopf,  deren  Dreußen  zur  Derbesserung  seiner  Grenzlinien  bedurfte.
  Endlich  ging  auch  die  Landgrafschaft  Bessen-ZKomburg,  die  Hessen-Darmstadt
  im  Frühling  ererbt  hatte,  nunmehr  an  Hreußen  über.  Den
Beschluß  machte  der  Frieden  mit  Sachsen  am  21.  Oktober,  das  10  Millionen
Thaler  an  Kriegskosten  zu  erlegen  hatte.

Mit  Recht  rief  diese  große  Mäßigung  in  den  Friedensbedingungen
Befremden  hervor;  ja  manche  Stimme  in  Hreußen  fand  die  Milde  des
Königs  viel  zu  weitgehend.  Allein  König  Wilhelm  war  frei  von  dem
Derlangen  nach  Vergeltung,  frei  von  Ländersucht:  ihn  leiteten  bei  dem  Ab—
schlusse  dieser  Friedensverträge  durchaus  höhere  nationale  Gesichtspunkte.
Ihm  kam  es  darauf  an,  die  Gemüter  in  Süddeutschland  zu  versöhnen
und  sie  Hreußen  näher  zu  bringen,  damit  so  die  rechte  Grundlage  für
die  Schutz=  und  Trutzbündnisse  gewonnen  würde,  durch  die  Hreußen  sich

mit  den  süddeutschen  Staaten  in  einem  Gebeimartikel  der  Friedensverträge,
Kaiser  Wilhelm.  28
        <pb n="440" />
        434  Achtes  Kapitel.

um  „das  künftige  Verhältnis  der  Fürsten  und  ihrer  Staaten  möglichst
innig  zu  gestalten",  verbunden  hatte.  In  aller  Stille  war  damit  die
Mlainlinie,  die  Napoleons  Holitik  durch  Deutschland  gezogen  zu  haben
glaubte,  wirksam  überbrückt.

Es  war  ein  anderes  Hreußen,  das  König  Wilbelm  aus  dem  glorreichen
  Feldzuge  heimbrachte,  als  er  vor  Jahren  überkommen  hatte.  Ausgesucht
  ungünstig  hatte  die  Mißgunst  Metternichs  das  wiederhergestellte
Dreußen  gestaltet,  sogar  in  zwei  völlig  getrennte  Reichshälften  es  zerrissen.
  Das  eben  war  es,  was  die  Annexionen  notwendig  gemacht.  Sie
gaben  dem  preußischen  Staate  nicht  nur  eine  Gebietsvergrößerung  von
75000  Quadratkilometern  mit  4,8  Millionen  ESinwohnern,  sondern  —  was
noch  bedeutender  war  —  endlich  ein  zusammenhängendes,  leidlich  abgerundetes
  Gebiet  mit  Küstenstellung  an  beiden  deutschen  Meeren.  zetzt
konnte  von  einem  Aufgehen  Hreußens  in  Deutschland  fürder  nicht  die
Rede  sein;  so  sehr  hatte  es  jetzt  das  Übergewicht  gewonnen,  daß  nur
durch  den  Anschluß  an  Hreußen  die  Teugestaltung  Deutschlands  sich  vollziehen
  konnte.

Und  dazu  geschah  denn  nun  auch  ohne  Derzug  der  erste  Schritt
Esterreich  hatte  sich  verpflichtet,  „das  engere  Bundesverhältnis  anzuerkennen,
  welches  Seine  Majestät  der  König  von  Hreußen  nördlich  von
der  Linie  des  Mains  begründen  wird.“"  Dementsprechend  richtete  die
preußische  Regierung  am  4.  August  an  alle  norddeutschen  Regierungen,
die  sie  schon  am  16.  Juni  nach  dem  Aufhören  des  alten  zur  Begründung
eines  neuen  Bundes  eingeladen  hatte,  ein  Rundschreiben,  in  welchem  sie
dieselben  aufforderte,  da  alle  außer  Sachsen-Alkeiningen  und  Reuß  älterer
Cinie  ihre  Bereitwilligkeit  zum  Beitritt  erklärt,  den  beigefügten  Entwurf
eines  Bündnisvertrages  baldigst  zum  Abschluß  zu  bringen.  Dieser  Entwurf
  entsprach  genau  dem  Reformplane,  den  Hreußen  am  10.  Juni  den
deutschen  Regierungen  vorgelegt  hatte.  Wie  hätte  jetzt  König  Wilhelm
ganz  andere  Forderungen  aufstellen  können  nach  dem,  was  inzwischen
geschehen  war:  allein  er  begnügte  sich,  wie  damals,  so  auch  jetzt  nicht
mehr  als  das  Motwendige  zu  verlangen:  nur  das  Bundespräsidium  in
dem  neu  zu  gründenden  Bunde  nahm  er  in  Anspruch  und  den  Cberbefehl
  über  die  Bundestruppen.  Die  vollzielende  Gewalt  blieb  den  im
Bundesrat  vertretenen  Regierungen  vorbehalten;  die  Gesetzgebung  sollte
gemeinsam  dem  Bundesrate  und  dem  Reichstage  zustehen.  Bevollmächtigte
aller  Regierungen  traten  nun  auf  Hreußens  SEinladung  in  Berlin  zusammen,
  um  den  Derfassungsentwurf  auszuarbeiten,  der  dann  dem  zu
berufenden  Reichstage  vorgelegt  werden  solle.
        <pb n="441" />
        Nach  dem  Kriege.  435

Damit  vollzog  sich  die  Umwandlung  des  nördlichen  Deutschland
aus  einem  Staatenbunde  in  einen  Bundesstaat.  Sachsen-Meiningen  erwarb
  sich  den  Eintritt  in  diesen  durch  die  Thronentsagung  des  preußenfeindlichen
  Herzogs  Bernhard  Erich  Freund,  das  Fürstentum  Reuß  dadurch,
daß  die  streitbare  Fürstin-Regentin  Karoline  eine  empfindliche  Buße  von
500000  Mark  an  die  preußische  Invalidenkasse  zu  zahlen  hatte.  Auf
Grund  des  Friedensschlusses  trat  das  Königreich  Sachsen  und  von  Hessen-Darmstadt
  die  Drovinz  Oberhessen  bei.  Im  April  1867  nahm  dann  der
aus  allgemeinen  direkten  wahlen  hervorgegangene  norddeutsche  Reichstag
die  Bundesverfassung  mit  großer  Majorität  an;  und  am  17.  April  1867
wurde  diese  Derfassung  des  Norddeutschen  Bundes  feierlich  verkündigt.
  Sie  legte  die  Leitung  des  Bundes  und  den  GCberbefehl  über
die  gesamte  norddeutsche  Hehrkraft  in  König  Wilbelms  Hände;  sonst
aber  begnügte  sie  sich  damit,  „ein  geringstes  Maß  derjenigen  Sugeständnisse
  zu  finden,  welche  die  Einzelstaaten  der  Allgemeinheit  machen  müssen,
wenn  diese  Allgemeinheit  lebensfähig  werden  soll.“

Unterdessen  hatte  König  Willlelm  auch  denjenigen  Friedensschluß  angebahnt,
  der  seinem  warm  fühlenden  Berzen  besonders  wohltliuend  war:
in  hochbherzigster  Weise  brachte  er  den  „Konflikt“,  der  seit  Jahren  zwischen
seiner  Regierung  und  der  Moajorität  des  preußischen  Abgeordnetenhauses
bestand,  zum  gedeihlichen  Abschluß.  "

Schon  im  Juni,  als  König  Wilhelm  mit  der  angekündigten  nationalen
  Holitik  Ernst  machte,  hatte  sich  sofort  der  alte  kriegerisch-patriotische
Geist  des  preußischen  Volkes  erhoben:  wie  nichtig  mußte  aller  Harteihader,
  wenn  die  Shre  Hreußens,  ja  seine  Existenz  auf  dem  Spiele  stand,
erscheinen!  Schon  die  Wahlmännerwahlen  ergaben  daher  ein  ganz
anderes  Resultat  als  sonst  seit  Jahren;  und  als  nun  unter  dem  Eindrucke
der  ersten  Siegesnachrichten  am  5.  Juli  die  Meuwahlen  zu  dem  Abgeordnetenhause
  stattfanden,  da  sagte  das  Dolk  sich  los  von  der  Führung
der  stets  verneinenden  Dartei.  Mehr  als  hundert  Sitze  verlor  die  Fortschrittspartei
  in  dem  Hause.  Ein  völlig  verändertes  Antlitz  zeigte  daher
das  neue  Haus.  Don  einem  leidenschaftlichen  Gegensatze  gegen  die  Regierung,
  wie  er  die  Jahre  des  Konflikts  charakterisiert  hatte,  war  nicht
die  Rede.  Auf  Böhmens  Schlachtfeldern  hatte  die  Reorganisation  der
Armee  die  glänzendste  Anerkennung  sich  erkämpft.  Aber  wie  würde  nunmehr
  der  königliche  Sieger  zu  den  ihn  einengenden  Bestimmungen  der
Derfassung  sich  stellend  Würde  er  nicht  jetzt  den  Wunsch  haben  müssen,
sich  über  sie  als  königlicher  Diktator  zu  erbeben  d  Die  Hartei  der  Kreuzzeitung,
  die  äußerste  Rechte,  sah  darin  die  naturgemäße  Lösung  aller

28
        <pb n="442" />
        436  Achtes  Kapitel.

inneren  Schwierigkeiten;  und  die  Stimmung  der  großen  Mehrheit  des
neuen  Abgeordnetenhauses  war,  wenn  König  Wilhelm  nach  diesen  Erfolgen
  eine  königliche  Diktatur  in  Anspruch  nebmen  wollte,  willig  dem
zuzustimmen.  Und  doch,  wie  sehr  verkannte  sie  damit  ihres  Königs  Sinn!

Seit  Jahren  war  das  Staatshaushaltsgesetz  nicht  zustande  gekommen.
Ohne  Zudget  hatte  der  König  die  Regierung  geführt;  jetzt  war  sein
perlangen,  daß  das  Abgeordnetenhaus  dazu  nachträglich  seine  Sustimmung
gebe  und  ihn  entlaste.  So  ebrlich  fühlte  er  sich  als  konstitutionellen
König,  von  allem  Derlangen  nach  Absolutismus  fern!

Der  Umschwung  in  der  Stimmung  des  TLandes,  wie  er  schon  in  den
Wahlmännerwahlen  des  Juni  sich  angekündigt,  hatte  —  wie  es  scheint
—  in  dem  Grafen  Bismarck  zuerst  den  Gedanken  hervorgerufen,  durch
einen  formellen  Friedensschluß  mit  dem  neuen  Abgeordnetenhause
den  Derfassungskonflikt  endgültig  abzuschließen.  In  der  Chronrede,
welche  von  der  Zevdt  als  ältester  der  in  Berlin  zurückbleibenden  Minister
zur  Eröffnung  des  Landtages  voraussichtlich  zu  verlesen  haben  würde,
müsse  diese  Absicht  —  meinte  er  —  angekündigt  werden.  Auf  Grund
einer  Unterredung  mit  dem  Ministerpräsidenten  machte  daher  Graf
Eulenburg,  der  Minister  des  Innern,  einen  Entwurf  zu  dieser  Stelle  der
Thronrede,  in  dem  es  bieß,  daß  der  Landtag  um  nachträgliche  Gutheißung
  angegangen  werden  solle.  Diesen  Entwurf  benutzte  von  der
Bevdt,  als  er,  nachdem  die  Wahlen  zum  Tandtage  geschehben  waren,  die
zu  haltende  Thronrede  zu  entwerfen  hatte;  doch  wählte  er  statt  des
Eulenburgschen  Ausdruckes  das  Wort  „Indemnität.“  Am  28.  Juli  fand
nun  Ministerrat  zur  Feststellung  der  Rede,  bevor  sie  dem  HKönige  zur
Genebhmigung  vorgelegt  würde,  in  Berlin  statt.  Mit  lebhafter  Entrüstung
  sprachen  sich  Graf  Lippe,  der  Justizminister,  und  der  Kultusminister
  von  Mühler  gegen  das  ganze  Vornehmen  aus.  Sie  faßten  den
Antrag  auf  Indemnität  als  ein  reumütiges  Sündenbekenntnis.  Bismarck
dagegen  und  Roon,  die  im  Feldlager  in  Mähren  ihre  besonderen  Nota
hinzufügten,  nahmen  die  Indemnität  als  nachträgliche  Sustimmung  zu
dem  Dorgehen  der  Regierung  in  den  budgetlosen  Jahren.

Dies  war  auch  die  Auffassung  des  Königs.  Nach  seiner  Weise
prüfte  er  den  ganzen  Entwurf  der  Thronrede  genau,  fügte  hie  und  da
Randbemerkungen  hinzu  und  hielt  dann  in  Drag  mit  Bismarck  eingebende
Beratung  über  alles  Einzelne.  Sugleich  bestimmte  er,  schon  auf  der  Heimreise
  begriffen,  daß  er  den  Landtag  in  eigener  Herson  eröffnen  wolle.
So  gab  denn  Bismarck  jetzt  nach  den  Anweisungen  des  Königs  der
Thronrede  ihre  endgültige  Gestalt  und  sandte  sie  mit  der  Anordnung
        <pb n="443" />
        Nach  dem  Kriege.  437

nach  Berlin,  daß  der  König  eine  weitere  Derhandlung  darüber  nicht
gestatte.

Am  Sonntag,  den  5.  August,  am  Tage  nach  der  Rückkehr  des  Königs,
um  12  Uhr  mittags  fand  im  Weißen  Saale  des  Berliner  Schlosses  die

König  Wilhelm  im  70.  Lebensiahr.
Kupferstich  von  E.  Mandel  (Derlag  von  E.  B.  Schröder  in  Berlin).

Eröffnung  des  Landtages  statt.  An  der  Spitze  aller  Drinzen  des  königlichen
  Hauses  durchschritt  König  Wilhelm  in  feierlichem  Suge  den  Saal
und  stieg  unter  dem  begeisterten  Jubel  der  Anwesenden  die  Stufen  zum
Throne  empor.  Da  stand  der  königliche  Held,  der  in  wenig  Wochken  so
Großes  vollbracht,  trotz  seiner  70  Jahre  ungebeugt,  Ehrfurcht  gebietend
        <pb n="444" />
        438  Achtes  Kapitel.

und  doch  durch  den  milden  Blick  des  Auges  alle  Herzen  gewinnend:  und
er  war  gekommen,  den  Frieden  zu  bringen!  Mit  Spannung  hing  jedes
Auge  an  seinen  Cippen,  als  Bismarck  ihm  mit  ehrfurchtsvoller  Derbeugung
  den  Text  der  Thronrede  überreichte.  Mit  ergreifenden  Worten
begann  der  König,  indem  er  in  seinem  und  seines  Volkes  Namen  Gott
für  die  gewaltigen  kriegerischen  Erfolge  dankte  und  mit  warmer  Teilnahme
  der  vielen  Tapferen  gedachte,  die  siegesfroh  den  Beldentod  gestorben.
  Aber  atemlose  Spannung  erfaßte  die  ganze  Dersammlung,  als
nach  einem  befriedigten  Blicke  auf  die  günstige  Finanzlage  des  Staates
der  König  fortfuhr:  „Uber  die  Feststellung  des  Staatshaushaltes  hat  eine
Vereinbarung  mit  der  Landesvertretung  in  den  letzten  Jahren  nicht  herbeigeführt
  werden  können.  Die  Staatsausgaben,  welche  in  dieser  Seit
geleistet  worden  sind,  entbehren  daher  der  gesetzlichen  Grundlage,  welche
der  Staatshausbhalt,  wie  ich  wiederbolt  anerkenne,  nur  durch  das  nach
Artikel  99  der  Derfassungsurkunde  alljährlich  zwischen  meiner  Regierung.
und  den  beiden  Räusern  des  Landtags  zu  vereinbarende  Gesetz  erhält.
Wenn  meine  Regierung  gleichwohl  den  Staatshaushalt  ohne  diese  gesetzliche
  Grundlage  mehrere  Jahre  geführt  hat,  so  ist  dies  nach  gewissenhafter
  Hrüfung  in  der  pflichtmäßigen  Überzeugung  geschehen,  daß  die
Fortführung  einer  geregelten  Derwaltung,  die  Erfüllung  der  gesetzlichen
HDerpflichtungen  gegen  die  Gläubiger  und  die  Beamten  des  Staats,  die
Erhaltung  des  Beeres  und  der  Staatsinstitute  Existenzfragen  des  Staates
waren,  und  daß  daher  jenes  Derfahren  eine  der  unabweisbaren  Notwendigkeiten
  wurde,  denen  sich  eine  Regierung  im  Interesse  des  Landes
nicht  entziehen  kann  und  darf.  Ich  hege  das  Dertrauen,  daß  die  jüngsten
Ereignisse  dazu  beitragen  werden,  die  unerläßliche  Derständigung  insoweit
zu  erzielen,  daß  meine  Regierung  in  Bezug  auf  die  ohne  Staatshaushaltsgesetz
  gefülrte  Derwaltung  die  „Indemnität",  um  welche  die  Landesvertretung
  angegangen  werden  soll,  bereitwillig  erteilt  und  damit  der
bisherige  Konflikt  um  so  sicherer  zum  Abschluß  gebracht  werden  wird,
als  erwartet  werden  darf,  daß  die  politische  Lage  des  Haterlandes  eine
Erweiterung  der  Grenzen  des  Staates  und  die  Einrichtung  eines  einheitlichen
  Zundesheeres  unter  Dreußens  Führung  gestatten  werde,  dessen
Lasten  von  allen  Genossen  des  Bundes  gleichmäßig  werden  getragen  werden.“
Begeisterter  Zuruf,  sich  immer  erneuernd,  durchbrauste  bei  diesen  Worten
des  Königs  den  weiten  Saal.  Der  ruhmgekrönte  Sieger,  nach  den
glänzendsten  Erfolgen  das  Budgetrecht  der  Landesvertretung  anerkennend,
bot  zuerst  die  Rand  zum  Frieden!  Ein  Dorgang,  völlig  ohne  Beispiel
in  der  Weltgeschichte!
        <pb n="445" />
        Nach  dem  Kriege.  439

„Meine  Rerren",  schloß  der  König,  „mit  mir  fühlen  Sie,  fühlt  das
ganze  Daterland  die  große  Wichtigkeit  des  Augenblicks,  der  mich  in  die
Heimat  zurückführt.  Möge  die  Dorsehung  ebenso  gnadenreich  Hreußens
Sukunft  segnen,  wie  sie  sichtlich  die  jüngste  Dergangenbeit  segnete!  Das
walte  Gott!“  Wie  freudig  erregt,  wie  herzlich  zugleich  erklangen  die
Hochrufe  auf  den  König,  als  er  nun  von  den  Stufen  des  Thrones  her—
abstieg!  Mit  solchem  Jubel  war  noch  nie  ein  Landtag  eröffnet  worden;
und  manchem  Hatrioten,  fern  in  der  Reimat,  traten  die  Thränen  in  die
Augen,  als  er  die  Worte  las,  mit  denen  sein  König  den  Frieden  dem
Dolke  darbot.

Und  einen  kräftigen  Widerhall  fanden  die  Worte  des  königlichen
Vertrauens  in  dem  Abgeordnetenhause  selbst.  Es  beantwortete  die  Thronrede
  durch  eine  Adresse  voll  begeisterter  Anerkennung  und  freudigen
Dankes  für  König  und  Beer.  Den  Oräsidentenstuhl  des  Zauses  bestieg
nicht  Grabow,  der  Dräsident  der  vergangenen  Jahre,  dessen  Mame  zu
eng  mit  der  Erinnerung  an  den  Konflikt  verknüpft  war,  sondern  der
viel  gemäßigtere  Forckenbeck.  Einige  zwanzig  besonnene  Männer  traten
aus  der  Fortschrittspartei  aus,  die  dadurch  fast  bis  zur  Bedeutungslosigkeit
  herabsank.  Mit  freiem  Blick  zeichnete  einer  von  ihnen,  Cwesten,  die
völlig  veränderte  Situation:  „Die  öffentliche  Aleinung  unseres  Landes
hat  sich  kundgegeben  durch  die  Stimmung  des  Beeres,  durch  die  Wahlen,
durch  das  gehobene  Gefühl,  welches  unser  Dolk  erfüllt.  Die  Hunderttausende
  unserer  Krieger,  welche  an  den  heimatlichen  Berd  zurückkehren,
die  werden  nicht  von  dem  Budgetstreit  sprechen,  sondern  von  den  Schlachten,
die  sie  gewonnen,  und  von  den  Erfolgen,  die  sie  errungen.  Auf  diese
Stimmung  und  auf  diese  äöffentliche  Meinung  haben  wir  Rücksicht  zu
nehmen.“  Das  waren  die  Anfänge  der  „national-liberalen“  Hartei,  die
es  sich  zur  Aufgabe  machte,  eine  Stütze  der  nationalen  Holitik  König
Wilhelms  zu  sein.

Und  nun  bewies  das  Abgeordnetenhaus  denn  auch  durch  die  That,
daß  die  Seiten  andere  geworden.  Mit  250  gegen  75  Stimmen  sprach
es  am  5.  September  die  beantragte  Indemnität  aus.  Mit  der  gleichen
Bereitwilligkeit  bewilligte  es  der  Regierung  einen  außerordentlichen
Kredit  von  180  Millionen  Mark  für  Heer  und  Warine;  es  bestimmte,
dem  Könige  die  Verteilung  überlassend,  eine  Summe  von  4½  Millionen
Mark  zu  Dotationen  für  Graf  Bismarck,  „in  Anerkennung  der  von  ihm
so  erfolgreich  geleiteten  äußeren  preußischen  Holitik“,  und  für  diejenigen
Beerführer,  „welche  in  dem  letzten  Kriege  zu  dem  glücklichen  Ausgange
desselben  in  hervorragender  Weise  beigetragen",  für  die  Generale  der
        <pb n="446" />
        440  Achtes  Kapitel.

Infanterie  von  Roon,  von  Moltke,  Herwarth  von  Bittenfeld,  von  Steinmetz
  und  Vogel  von  Falckenstein.  Es  genehmigte  die  Einverleibung  der
neuen  Provinzen  und  erteilte  der  Regierung  bis  zum  1.  Oktober  1867.
wo  die  preußische  Derfassung  in  den  neuen  Candesteilen  eingeführt  werden
sollte,  eine  Art  Diktatur.  Mit  tiefer  Befriedigung  sah  König  Wilhelm
das  Dertrauen,  das  die  Landesvertretung  jetzt  seiner  Regierung  entgegenbrachte;
  es  bot  ihm  die  Gewähr,  daß  die  nationale  Teugestaltung  Deutschlands,
  wie  sie  ihm  vorschwebte,  ihres  Sieles  nicht  verfehlen  werde.  Je
stärker  und  in  sich  gefestigter  die  Macht  Hreußens  sich  binstellte,  um  so
mehr  war  sie  im  stande,  den  deutschen  Mittel-  und  Kleinstaaten  zu  geben,
was  sie  alle  brauchten  und  was  doch  keiner  von  ihnen  sich  selbst  geben
konnte:  sicheren  Schutz  in  Seiten  der  Gefahr,  wenn  sie  nur  unter  die
Fittiche  des  preußischen  Aars  sich  sammeln  wollten.  „Ich  vertraue  auf
die  roten  Hosen!“  meinte  der  alte  Großherzog  Ludwig  von  Bessen,  als
Dreußen  den  Abschluß  einer  Mi#litärkonvention  mit  Hessen  verlangte.
Und  doch  mußte  Hreußen  allein  ihm  das  linksrheinische  Rheinhessen  vor
der  französischen  Begehrlichkeit  retten!

Nur  ungern  hatte  König  Wilhelm  den  vierten  Artikel  des  Prager
Friedens  sich  gefallen  lassen,  der  den  süddeutschen  Staaten  verstattete,  in
einen  Verein  zusammenzutreten,  „dessen  nationale  Verbindung  mit  dem
Vorddeutschen  Bunde  der  näheren  Verständigung  zwischen  beiden  vorbehalten
  bleiben“  sollte.  Nur  auf  Napoleons  Drängen  war  der  Artikel
in  die  Friedensakte  hineingekommen;  denn  seine  Meinung  war,  daß  die
gegenseitige  Eifersucht  die  beiden  getrennten  Hälften  von  Deutschland  hinlänglich
  auseinander  halten  werde.  An  der  Mlain-Linie  sollte  der  preußische
Einfluß  endigen  und  in  Frankreich  die  süddeutsche  Union  den  stets  hilfsbereiten
  Freund  sehen.  Allein  der  kluge  Berechner  täuschte  sich  in  seiner
Erwartung.  Hreußen  gewann  nicht  nur,  den  Main  überbrückend,  durch
die  geheimen  Schutz=  und  Trutzbündnisse  die  Derfügung  über  die  Streitkräfte
  des  Südens,  sondern  schon  bei  den  Friedensverhandlungen  ergab
sich  deutlich,  daß  an  das  Sustandekommen  einer  süddeutschen  Union  als
eines  Gegengewichtes  gegen  Dreußen  nicht  zu  denken  war.  Denn  diese
hätte  jedem  der  drei  Staaten  starke  Opfer  an  Souveränitätsrechten  auferlegt,
  ohne  ihnen  wirksamen  Schutz  gegen  äußere  Angriffe  zu  gewähren.
Daher  erklärte  Württemberg  schon  in  Berlin,  daß  es  einer  süddeutschen
Union  nicht  beitreten  würde,  nahm  aber  um  so  bereitwilliger  das  Aner—
bieten  Dreußens  an,  sich  gegenseitig  den  Bestand  ihrer  Staaten  zu  gewährleisten,
  woraus  sich  das  Schutz=  und  Trutzbündnis  von  selbst  ergab.
Mochk  entschiedener  war  Baden  gegen  die  Union;  es  beantragte  vielmehr
        <pb n="447" />
        Nach  dem  Kriege.  441

seine  Aufnahme  in  den  Norddeutschen  Bund.  Dies  freilich  konnte  nicht
geschehen,  da  der  Hrager  Frieden  nicht  die  Verbindung  mit  den  einzelnen
süddeutschen  Staaten,  sondern  nur  mit  deren  Union  dem  Norddeutschen
Bunde  freigab.  Damit  war  denn  das  napoleonische  Drojekt  einer  süddeutschen
  Union  beseitigt;  denn  nur  allein  Bapern  stand  noch  gegen
Dreußen.  #  «

Bayern  wurde  in  Berlin  vor  die  Wahl  gestellt  —  bis  Nürnberg
hin  hatten  die  preußischen  Truppen  es  besetzt  —  entweder  das  ober—
fränkische  Gebiet  rechts  vom  Main  mit  200  000  Einwohnern  an  Hreußen
abzutreten  oder  sich  mit  Preußen,  sein  Heer  unter  König  Wilhelms
Oberbefehl  stellend,  zu  Schutz  und  Trutz  zu  verbünden.  Mit  Begeisterung,
ohne  Besinnen  ergriff  der  bayrische  Bevollmächtigte,  Herr  von  der
Pfordten,  das  dargebotene  Bündnis  und  umarmte  Bismarck  mit  der
feierlichen  Versicherung,  daß  er  hieran  sähe,  wie  in  Bismarcks  Busen
ebenso  gut  wie  in  dem  seinigen  ein  deutsches  Herz  schlüge.  Und  auch
Ludwig  II.  von  Bapern  bewegte  des  Siegers  Milde  tief:  zum  Ausdrucke
dauernder  Freundschaft  bot  er  König  Wilhelm  den  Mitbesitz  der  alten
Burggrafenburg  in  Nürnberg  an,  von  der  die  Hohenzollern  vorzeiten
ausgezogen  waren,  um  Brandenburg  zu  gewinnen.  „Wenn  von  den
Sinnen  dieser  gemeinschaftlichen  Ahnenburg“,  schrieb  er,  „die  Banner
von  Hohenzollern  und  ittelsbach  vereinigt  wehen,  möge  darin  ein
Svmbol  erkannt  werden,  daß  Hreußen  und  Bapvern  einträchtig  über
Deutschlands  Sukunft  wachen!“

Aber  in  Wahrheit  waren  NMord=  und  Süddeutschland  gar  nicht  von
einander  zu  trennen:  das  zeigte  sich  auf  der  Stelle.  Wohl  hatte
der  Krieg  den  Sollverein  gesprengt;  allein  kaum  war  der  Kanonendonner
  verhallt,  so  erhoben  sich  auch  schon  im  Morden  wie  im  Süden
Stimmen,  die  laut  die  Wiederherstellung  des  Dereins  verlangten.  Ja  im
Grunde  galt  diese  den  Deutschen  als  ganz  selbstverständlich.  Schon  in
den  ersten  Augusttagen  gaben  die  in  Braunschweig  versammelten  Ausschüsse
  des  deutschen  Handelstages  und  des  Nationalvereins  dem  allgemeinen
  Derlangen  Ausdruck,  indem  sie  vorschlugen,  fortan  die  Derwaltung
  und  Gesetzgebung  des  Sollvereins  einem  Soll-Bundesrate,  in
den  alle  deutschen  Regierungen  ertreter  zu  entsenden  hätten,  und  einem
Soll-Oarlamente  zu  übertragen,  zu  dem  alle  deutschen  Staaten  Abgeordnete
  wählen  sollten.  Das  war  also  neben  den  Bündnisverträgen  eine
zweite  Überbrückung  der  Main-Cinie,  lediglich  durch  die  materiellen  Interessen
  bewirkt.  So  wenig  wollten  und  konnten  Napoleons  Gedanken
sich  erfüllen!
        <pb n="448" />
        442  Achtes  Kapitel.

Unterdes  waren  die  Friedensverträge  unterzeichnet  und  die  siegreichen
  Bataillone  in  die  Heimat  zurückgekehrt.  Durch  den  Erlaß  einer
Amnestie  „aus  Anlaß  des  ruhmvoll  wiederhergestellten  Friedens“  gab
König  Wilhelm  am  20.  September  seiner  Freude  Ausdruck.  Und  an
demselben  Tage  fand  der  Einzug  der  ruhmbekränzten  Armee  in  die
Candeshauptstadt  statt:  ein  Fest,  wie  es  seit  mehr  als  50  Jahren  Berlin
nicht  erlebt  hatte.  Am  Brandenburger  Thor  begrüßte  der  König,  von
begeisterten  Zochrufen  empfangen,  die  Truppen,  indem  er  die  Fronten  abritt.
  Dann  setzte  er  sich  an  die  Spitze  und  führte  sie  die  Linden  hinab,
durch  eine  Triumphstraße,  wie  die  Weltgeschichte  sie  noch  nicht  kannte.
208  auf  dem  Schlachtfelde  eroberte  feindliche  Kanonen,  paarweis  aufgestellt,
  faßten  den  ganzen  Weg  ein.  Doran  im  festlichen  Suge  wurden
die  erbeuteten  österreichischen  Fahnen  und  Standarten  getragen.  Bismarck,
  Roon  und  Moltke  mit  den  Generalstabschefs  der  Ersten  und
Sweiten  Armee,  den  Generalen  Doigts-Rhetz  und  Blumenthal,  ritten
unmittelbar  vor  dem  Könige;  ihm  zunächst  folgten  der  Kronprinz  und
Drinz  Friedrich  Karl,  in  weiterer  Reihe  die  Hrinzen  Karl,  Albrecht,
Adalbert  und  Alexander,  denen  sich  die  kommandierenden  Generale  anschlossen.
  Dor  dem  Standbilde  Blüchers  am  Opernplatz  nahm  der  König
den  orbeimarsch  ab.

Der  Zaum  verstattete  nicht  mehr  als  50  000  Mann  an  dem  Einzuge
  teilnehmen  zu  lassen;  um  aber  doch  möglichst  vielen  von  seinen
braven  Truppen  die  Ehre  und  den  Sestesjubel  des  Einzugs  zu  gewähren,
führte  König  Wilhelm  in  gleicher  Weise  auch  die  übrigen  Truppen  am
nächsten  Tage  durch  die  Triumphstraße  in  seine  Hauptstadt  hinein.  Über
die  hBerrlich  geschmückte  Schloßbrücke  marschierten  sie  bis  zum  Lustgarten
vor  dem  königlichen  Schloß,  wo  zu  den  Füßen  einer  gewaltigen  Borussiastatue
  ein  Feldaltar  errichtet  war.  Ein  Dankgottesdienst  unter  freiem
Rimmel  beschloß  hier  die  glanzvolle  Feier.  Kurz  und  eindringlich  predigte
der  Feldpropst  Thielen  über  das  HPsalmenwort  (118,  23):  „Das  ist  vom
Rerrn  gescheben  und  ein  Wunder  vor  unsern  Augen.“  Dann  stimmte  der
aus  tausend  Hersonen  bestehende  Sängerchor,  von  allen  Musikcorps  begleitet,
  während  von  den  Kirchen  Glockengeläute  ertönte  und  dumpf  die
Kanonen  dazwischen  donnerten,  den  Ambrosianischen  Lobgesang  an:  „Berr
Golt,  dich  loben  wir!“  Und  all  die  Tausende,  die  den  weiten  Hlatz  einnahmen,
  stimmten  bewegten  Berzens  voll  mit  ein,  und  an  Innigkeit  gewann
  der  ehrwürdige  Sang  reichlich  zurück,  was  an  Gleichklang  ihm
vielleicht  verloren  ging:  für  alle,  die  mitsangen,  ein  ganz  unvergeßlicher
Moment!
        <pb n="449" />
        Nach  dem  Kriege.  443

Es  waren  herrliche,  festliche  Tage;  und  der  Mlittelpunkt  aller  Freude
und  alles  Jubels  war  König  Wilhelm,  als  wenn  das  Hreußenvokk  sich
gar  nicht  genug  thun  könnte,  ihn  zu  feiern  und  ihm  zu  danken.  Aber
der  König  wies  allen  Dank  an  die  Armee;  für  sich  nahm  er  nichts
weiter  in  Anspruch,  als  seine  Hflicht  gethan  zu  haben.  „Sie  haben“,
sagte  er  auf  dem  Festmahle  der  Stadt  Berlin  zu  dem  Gberbürgermeister
Krausnick,  „in  Ihrer  Ansprache  gesagt,  daß  die  Fürsten  Bohenzollerns
stets  die  Pflicht  allem  andern  vorangestellt  Kaben.  Das  ist  richtig!  In
diesem  Hflichtgefühl  habe  ich  die  Armee  auf  den  Stand  gestellt,  auf  dem
wir  sie  jetzt  siegreich  zurückkehren  sehen.  Aus  diesem  Öflichtgefühl  habe
ich  allen  Anfechtungen  widerstanden,  die  gegen  meine  Mahßregeln  erhoben
  worden  sind:  und  sie  sind  mit  Ruhm  gekrönt  worden.“

Uoch  stand  indessen  der  Abschluß  des  Friedens  mit  Sachsen  aus,  da
König  Johann  sich  sträubte,  dem  Norddeutschen  Bund  beizutreten.  Endlich
  jedoch  fügte  er  sich  in  das  Unabänderliche  und  kam  im  Dezember
persönlich  nach  Berlin,  wo  die  seit  langen  Jahren  befreundeten  Herrscher
in  vertraulicher  Derhandlung  die  Stellung  Sachsens  in  dem  neuen  Bundesstaate
  regelten.

Damit  ging  das  Jahr  1866,  das  bedeutungsvollste,  das  König
Wilhelm  bisher  durchlebt,  zu  Ende.  In  der  Silvesternacht  saß  er  einsam
  in  seinem  Arbeitszimmer;  er  hielt  Rückschau  und  Einkehr  und  schrieb
nieder,  was  in  der  Stille  der  Mitternacht  sein  Herz  bewegte:

„Seitdem  ich  am  10.  April  1857  meinen  Abschiedsgruß  meinen
zu  Hinterlassenden  niederschrieb,  hat  das  Schicksal  mächtig  in  mein  Leben
eingegriffen.  Die  Dorsehung  bestimmte  in  einer  ungeabnten  Weise  über
die  letzten  Lebensjahre  meines  teuren  Bruders  und  berief  mich  noch  bei
seinem  Leben  zu  seinem  Nachfolger.  Als  Gott  den  vielgeprüften  König
und  Bruder  von  seinem  schweren  TLeiden  gnädig  erlöste,  mußte  ich  den
Thron  der  Däter  besteigen.  Gegen  meine  Keigung  schritt  ich  zur  Krönung
  in  tiefster  Demut,  um  Hreußen  mit  seinen  neuen  Institutionen  die
irdische  Macht  zu  vergegenwärtigen,  die  zu  dessen  Beil  fest  bestehen  müsse.
Diese  meine  gewissenhafte  Uberzeugung  hat  mich  geleitet  und  gestählt
in  schweren  Kämpfen,  die  ich  mit  jenen  neuen  Institutionen  jahrelang
zu  bestehen  hatte.

„Diese  Kämpfe  haben  mich  tief  erschüttert,  weil  ich  standhalten
mußte  gegen  ein  wirres  Andrängen  gegen  jene  irdische  Macht,  die  ich
nicht  aus  den  Händen  geben  durfte,  wenn  Hreußens  Geschichte  nicht
aufgegeben  werden  sollte.  Ich  vergebe  allen,  die  wissentlich  und  unwissentlich
  sich  meinen  auf  Gewissensüberzeugung  begründeten  Absichten
        <pb n="450" />
        444  Achtes  Kapitel.

zum  Wohle  des  Vaterlandes  entgegensetzten,  um  die  Macht  der  Krone
zu  schmälern  und  die  Herzen  der  Preußen  derselben  zu  entfremden.

„Vergessen  mögen  meine  Nachkommen  es  aber  nicht,  daß  Zeiten
möglich  waren,  wie  die  von  1861—661

„In  dem  Jahre,  welches  heute  schließt,  hat  sich  Gottes  Gnade  in
einer  Art  über  Hreußen  ergossen,  die  für  soviel  Erduldetes  reichlich  entschädigt.
  In  Demut  erkenne  ich  diese  göttliche  Gnade,  die  mich  ausersehen
  hat,  in  meinem  vorgerückten  Alter  eine  Wendung  der  Derhältnisse
herbeizuführen,  die  zum  Heil  des  engeren  und  weiteren  Daterlandes  bestimmt
  zu  sein  scheint.  Das  Werkzeug,  so  großes  zu  erreichen,  die  Armee,
steht  umübertroffen  in  diesem  Augenblick  vor  der  Welt.  Der  Geist,  der
sie  beseelt,  ist  der  Ausdruck  der  Gesittung,  die  eine  sorgliche  Rand  meiner
erhabenen  Dorfahren  der  Nation  anerzogen  hat.  Die  Armee  finde  in
allen  ihren  Teilen  in  dieser  ernsten  Scheidestunde  des  Jahres  meinen
Herzensdank  für  die  Hingebung  und  Aufopferung,  mit  der  sie  meinem
Rufe  folgte  und  vor  meinen  Augen  siegte  —  ein  Erlebnis,  für  das  ich
Gott  meinen  demütigen  Dank  stammlel

„Aber  ganz  Hreußen  finde  hier  meinen  Königlichen  Dank  für  die
Gesinnung,  die  es  in  diesem  denkwürdigen  Jahre  an  den  Tag  legtel

„Wo  solche  Daterlandsliebe  sich  zeigt,  da  ist  der  gesunde  Sinn  vorhanden,
  der  Mationen  groß  macht,  und  darum  segnet  sie  Gott  sichtlich!
Meinen  heißesten  Dank  finden  alle  hier,  die  mir  halfen,  durch  schwere
Seiten  zu  dem  Lichtpunkte  dieses  Jahres  zu  gelangen!

„Möge  Gottes  Segen  immer  auf  Hreußen  ruhen  und  Hreußen  sich
dieses  Segens  würdig  zeigen!

„Möge  mein  Sohn  und  seine  Machkommen  solches  Volk  und  solche
Armee  um  sich  sehen,  und  durch  besonnenes,  zeitgemäßes  Fortschreiten
das  Wohl  und  Gedeihen  beider  sorglich  fördern  und  Hreußen  die  Stellung
  sichern,  die  ihm  von  der  Dorsehung  sichtlich  angewiesen  ist.

„Das  walte  Gott  in  Seiner  Gnadell!

„Mitternacht  1866—07.  Wilhelm.“
        <pb n="451" />
        Ueuntes  Kapitel.
Preußen  und  Frankreich.

Es  war  im  August  des  Jahres  1857.  Der  Kaiser  Napoleon  weilte
zum  Besuche  der  englischen  Königsfamilie  in  Osborne.  In  vertraulichem
Gespräch  saß  er  eines  Tages  nach  dem  Diner  mit  dem  Prinzgemahl
zusammen,  als  ihn,  indem  er  sich  eine  Sigarre  ansteckte,  die  Laune  anwandelte,
  von  seinen  Sukunftsplänen  zu  sprechen.  „Nur  eins  noch“,
meinte  er  lächelnd,  „ist  unerläßlich  für  die  Befestigung  meines  Thrones:
Belgien  und  das  linke  Rheinufer  muß  ich  an  Frankreich  zurückbringen!“
Erschrocken  warf  Hrinz  Albert  ein:  „Aber  der  Widerstand  des  Harlaments!
  Der  Widerstand  Dreußens!  Einen  ungeheuren  Krieg  wird  das
entzünden.“  „Durchaus  nicht“,  erwiderte  der  Kaiser  ganz  ruhig.  „icht
ein  Histolenschuß  wird  darum  abgefeuert  werden.  Ihrem  Harlamente
gebe  ich  einen  günstigen  Zandelsvertrag;  Hreußen  aber  versteht  seinen
Vorteil,  es  wird  mir  gern  zwei  Millionen  Seelen  abtreten,  wenn  es  dafür
zehn  oder  zwölf  sich  selbst  in  Deutschland  nehmen  darf.“  Durchaus  beherrschte
  den  Kaiser  dieser  Gedanke;  mit  aller  Sähigkeit  hielt  er  in  der
Stille  ihn  fest,  der  günstigen  Gelegenheit  wartend,  ihn  zur  Ausführung
zu  bringen.  Aber  der  kluge  Rechner  hatte  das  Selbstgefühl  des  preußischen
  Dolkes  dabei  außer  Ansatz  gelassen,  das  gegen  einen  solchen  Länderhandel
  mit  Leidenschaft  sich  ausbäumen  würde;  er  hatte  vor  allem  nicht
das  redliche  Herz  König  Wilhelms  bedacht,  dem  die  Shre  seiner  Krone
mehr  galt  als  der  größte  Gewinn.  Dies  war  der  starke  Fels,  an  dem
Napoleons  verhängnisvoller  Olan  und  damit  sein  ganzer  Thron  in  Stücke
brechen  sollte.

Für  seinen  Hlan  erschien  dem  Kaiser  der  Ausbruch  des  Krieges  der
beiden  Großmächte  sehr  günstig.  Er  erwartete  zwar,  daß  Hreußen  siegen,
aber  dann  doch  so  geschwächt  sein  würde,  daß  es  dem  französischen  Ver—
langen  nach  „Kompensationen“  keinen  Widerstand  entgegenzusetzen  vermöchte.,.
  Darum  verursachte  der  rasche  und  glänzende  Sieg  Hreußens
        <pb n="452" />
        446  Neuntes  Kapitel.

ihm  „patriotische  Beklemmungen“,  und  hastig  erraffte  er  die  Rolle  des
Vermittlers,  die  König  Wilhelm  nur  mit  tiefem  Unmut  sich  gefallen  ließ.
Kaum  aber  war  dieser  im  strahlenden  Siegerkranze  in  seine  Rauptstadt
zurückgekehrt,  als  auch  schon  Graf  Benedetti,  der  französische  Botschafter,
am  5.  August  auf  Befehl  seines  Kaisers  bei  dem  Grafen  Bismarck  die
schon  in  NTikolsburg  zur  Sprache  gebrachten  Kompensationsforderungen
Frankreichs  anmeldete.  Er  verlangte  die  1814  von  Frankreich  abgetrennten
  Gebietsteile  Dreußens  auf  dem  linken  Rheinufer,  ferner  die
linksrheinischen  Gebiete  Baverns  und  Hessens  mit  Mainz,  endlich  Luxemburg
  und  Limburg.  Und  am  folgenden  Tage  erschien  er  selber  bei  dem
Grafen,  um  die  Forderung  durch  Kriegsdrohungen  zu  stützen.  Allein
König  Wilhelm  entschied  kurz  dahin,  daß  bei  der  Stimmung  der  Nation
kein  Soll  breit  deutschen  Landes  abgetreten  werden  könne.  Benedetti
reiste  nach  Haris,  diese  Antwort  Napoleon  zu  überbringen.  Und  an  der
Festigkeit  und  Furchtlosigkeit  des  Oreußenkönigs  scheiterte  die  französische
Begehrlichkeit.  Mapoleon  entließ  den  Minister  des  Außern  Droupn
de  l'Huys  und  sandte  Benedetti  mit  der  Erklärung  nach  Berlin  zurück,
man  möge  dort  die  Sache  als  „nicht  geschehen“  betrachten.

Dieser  glänzende  diplomatische  Sieg  machte,  als  König  Wilhelm  ihn
dem  Kaiser  Alexander  II.  mitteilen  ließ,  auf  diesen  einen  solchen  Eindruck,
daß  er  den  Abschluß  eines  Bündnisses  mit  Hreußen  ins  Auge  faßte.
Allein  der  König  zog  es  vor,  mit  der  Freundschaft  Rußlands  sich  wie
bisher  zu  begnügen.  ·

Aber  auch  Frankreich  umwarb  das  sieggekrönte  Preußen.  Die  Zurück—
ziehung  der  Kompensationsansprüche  benutzte  Napoleon  nur  zur  Handhabe,
  um  sie  in  etwas  veränderter  Gestalt  alsbald  wieder  aufleben  zu
lassen.  Er  bot  Hreußen  ein  geheimes  Schutz=  und  Trutzbündnis  an,  auf
Grund  dessen  er  Belgien  in  Besitz  nelmen  wolle;  der  Hreis  des  Bündnisses
  solle  in  der  Wiederherstellung  der  französischen  Grenzen  von  1814,
also  in  der  Abtretung  von  Landau,  Luxemburg  und  des  oberen  Saargebietes
  bestehen.  Es  war  eine  unverschämte  Sumutung,  die  damit  an
Dreußen  gerichtet  wurde.  Tapoleon  selbst  hatte  die  Empfindung,  daß  er
zu  weit  gegangen;  er  ließ  sich  daher  zu  der  Einschränkung  herbei,  daß
er  kein  deutsches  Gebiet  begehre,  vielmehr  auch  mit  Belgien  und  Luxemburg
  unter  der  Doraussetzung  zufrieden  wäre,  daß  Dreußen  den  Groß—
herzog  von  Luxemburg  entschädige.

Die  Situation  war  sehr  ernst.  Ein  nochmaliger  Mißerfolg  konnte
aus  Sorge  um  seinen  Thron  nur  allzu  leicht  den  Kaiser  Mapoleon  zum
Kriege  drängen.  König  Wilhelm  wußte  dem  zu  begegnen.  Auf  der
        <pb n="453" />
        Dreußen  und  Frankreich.  447

Stelle  schloß  er  den  Frieden  mit  Bavern  ab  und  sandte  die  Mlainarmee
und  das  Sweite  Reservecorps,  die  dadurch  frei  wurden,  in  Eilmärschen
gegen  die  österreichische  Grenze.  Das  wirkte:  Gsterreich,  das  immer  noch
auf  ein  Eingreifen  Frankreichs  gehofft  hatte,  unterzeichnete  jetzt  zu  Prag
den  Frieden.  Sugleich  erging  die  Anfrage  an  RKußland,  ob  es  geneigt
wäre,  im  Falle  eines  preußisch-französischen  Krieges  Gsterreich  zu  neutraler
Unthätigkeit  zu  nötigen.  Die  Antwort  lautete  zufriedenstellend.  Jetzt
kehrte  daher  Dreußen  zu  den  Derbandlungen  mit  Frankreich  zurück,  in
dessen  Tamen  Benedetti  dem  Grafen  Bismarck  den  Entwurf  eines  Dertrages
  vorlegte.  Don  vornherein  stand  der  Entschluß  des  Königs  wie
seines  Ministers  fest,  nichts  zu  bewilligen,  ohne  daß  sie  doch  den  Kaiser
Mapoleon  zu  Gewaltmaßregeln  reizen  wollten.  Denn  der  Gesundbeitszustand
  desselben  stellte  einen  baldigen  Thronwechsel  in  Aussicht,  der
voraussichtlich  den  Kompensationsgelüsten  ein  Ende  machen  würde.  Mit
höflicher  Entschiedenheit  gab  daher  Hreußen  die  Erklärung,  daß  es  dem
französischen  Dertragsentwurfe  nicht  näher  treten  könne,  da  dieser  keinen
andern  Sweck  zu  verfolgen  scheine,  als  Dreußen  mit  England  in  Swiespalt
  zu  bringen,  das  ja  das  Königreich  Belgien  unter  seinen  besonderen
Schutz  genommen  hatte.  Da  wurde  es  denn  dem  Kaiser  klar,  daß
Dreußen  ihn  nur  binzuhalten,  aber  nicht  zu  befriedigen  wünsche.  Enttäuscht
  schrieb  er  in  sein  Tagebuch:  „Ich  sah  deutlich,  daß  der  Krieg
mit  Dreußen  unvermeidlich  war.“  Der  ersten  Militärmacht  Europas
hielt  er  aber  seine  Armee  jetzt  noch  nicht  für  gewachsen.  Er  erließ  daher
am  16.  September  ein  Rundschreiben  an  die  französischen  Gesandten,
durch  das  er  sich  als  den  entschiedenen  Freund  Hreußens  binstellte,  der
sich  glücklich  über  Hreußens  Erstarkung  fühle.  Allein  die  Umtriebe  ließ
er  deswegen  doch  nicht.  Auf  Luxemburg  richtete  er  die  begehrlichen
Augen.  Das  Großherzogtum,  mit  den  Tiederlanden  durch  Hersonalunion
verbunden,  hatte  bis  1866  zum  Deutschen  Bunde  gehört,  war  aber  bei
der  Neugestaltung  der  deutschen  Verhältnisse  nicht  in  den  Norddeutschen
Bund  aufgenommen  worden;  doch  blieb  es  im  Sollvereine,  und  Dreußen
behielt  mit  Sustimmung  des  Königs  der  Miederlande  das  schon  seit  1815
geübte  Besatzungsrecht  der  Festung  Luxemburg.

Dem  holländischen  Könige  schien  das  Anerbieten  KNapoleons,  das
Großherzogtum  ihm  für  eine  bedeutende  Geldsumme  abzukaufen,  nicht
unwillkommen  zu  sein.  Er  fügte  zu  seiner  Sustimmung  aber  die  Zitte,
„sich  mit  Dreußen  zu  benehmen.“  Allein  König  Wilhelm  weigerte  sich,
durch  das  GSurückziehen  der  preußischen  Zesatzung  das  in  00  Hrozent  der
Bevölkerung  deutsche  Land  der  Fremdberrschaft  auszuliefern;  und  das
        <pb n="454" />
        448  Neuntes  Kapitel.

ganze  deutsche  Volk  stand  darin  auf  seiner  Seite.  Die  französische  Eitelkeit
  dagegen  geriet  über  den  Gedanken  ganz  außer  sich,  daß  ein  franzö—
sischer  Kaufvertrag  deshalb,  weil  Preußen  ihm  nicht  zustimmte,  unausgeführt
  bleiben  solle.  Die  überhitzten  Köpfe  abzukühlen,  befahl  daher
König  Wilhelm,  die  bisher  geheim  gehaltenen  Schutz-  und  Trutzbündnisse
Preußens  mit  den  süddeutschen  Staaten  am  19.  und  23.  März  1867  im
Preußischen  Staatsanzeiger  zu  veröffentlichen.  Das  war  eine  ernste
Warnung  für  die  Franzosen  und  zugleich  eine  schmerzliche  Enttäuschung,
wenn  sie  auf  die  Sympathien  Süddeutschlands  gerechnet  hatten:  nicht
Preußen,  sondern  ganz  Deutschland  trat  ihnen  gegenüber:  Die  militä—
rischen  Autoritäten  in  Berlin  waren  auch  übereinstimmend  der  Ansicht,
daß  Preußen  den  ihm  freventlich  hingeworfenen  Fehdehandschuh  auf—
nehmen  solle;  denn  zweifellos  war  jetzt  die  deutsche  Armee  der  franzö—
sischen,  deren  Reorganisation  Napoleon  eben  erst  begonnen  hatte,  über—
legen.  Allein  König  Wilhelm  war  dem  Kriege,  den  er  noch  für
vermeidbar  hielt,  durchaus  abgeneigt;  er  willigte  daher  darein,  daß  durch
die  Vermittelung  der  übrigen  Großmächte  das  drohende  Unwetter  be—
schworen  würde.  So  wurde  denn  in  LCondon  am  31.  Mai  1867  ein
Vertrag  dahin  abgeschlossen,  daß  Frankreich  auf  den  Ankauf  Luxemburgs
und  nunmehr  Preußen  auf  das  Besatzungsrecht  verzichtete,  während  die
übrigen  Großmächte  eine  Gesamtgarantie  für  die  Neutralität  des  Gro
herzogtums  unter  Schleifung  der  Befestigungen  der  Festung  übernahmen
Es  war  damit  erreicht,  was  Hreußen  erstrebt  hatte:  das  deutsche  Land
war  der  Begebtrlichkeit  der  Franzosen  unzugänglich  gemacht.

Es  war  aber  nicht  bloß  das  Derlangen  nach  einer  Gebietsvergrößerung,
  das  nach  wie  vor  NMapoleons  Sinnen  erfüllte;  sondern  immer
brennender  mischte  sich  das  Begehren  nach  einem  Triumph  über  Hreußen,
es  sei,  worin  es  sei,  hinein.  Denn  nur  dadurch  glaubte  er  die  verletzte
französische  Eitelkeit,  die  den  RNiedergang  des  Ansehens  Frankreichs  ihm
allein  schuld  gab,  mit  seiner  Regierung  wieder  aussöhnen  zu  können.
Darum  versuchte  Napoleon  es  auf  alle  Weise  zu  erreichen,  daß  Hreußen
durch  die  Sustimmung  zu  irgend  einer  Gebietsvergrößerung  Frankreichs,
zu  einem  Gewinne  ohne  Einsatz,  seine  indirekte  Anerkennung  der  Oberhoheit
  Frankreichs  ausspreche,  daß  es  dadurch  Frankreich  Dank  schuldig
zu  sein  bekenne  dafür,  daß  dieses  es  1864  und  1866  frei  habe  gewähren
lassen.  Nur  so,  rechnete  er,  würde  dem  Sigendünkel  der  Franzosen  Genüge
  geschehen.  Allein  mit  voller  Entschiedenheit  widerstrebte  König
Wilhelm,  die  Gedanken  Wapoleons  alsbald  durchschauend,  auch  der  leisesten
  Anerkennung  eines  französischen  Übergewichtes;  beharrlich  trat  er
        <pb n="455" />
        Preußen  und  Frankreich.  449

eben  darum  allen  Vergrößerungsgelüsten  Frankreichs  entgegen.  Aber  er
beschränkte  sich  durchaus  auf  eine  kühle  Abwehr  der  Zumutungen  Tapoleons
  und  ließ  alles  vermeiden,  was  den  Charakter  einer  Provokation
hätte  annehmen  können.  Denn  einen  Bruch  mit  Frankreich,  solange  es
nur  Preußens  Ehre  zuließe,  war  er  entschlossen  zu  vermeiden.  Er
fürchtete  den  Krieg  nicht,  wie  es  Napoleon  that;  aber  die  schweren
Opfer,  die  er  auch  von  dem  Sieger  fordert,  schreckten  ihn.  Nicht  für
irgend  welche  Vorteile,  sondern  nur  für  die  bedrohte  Ehre  Preußens  sie
zu  bringen,  galt  ihm  allein  für  gerechtfertigt.  Aber  mit  Bestimmtheit
hoffte  der  siebzigjährige  Herrscher,  daß  für  seinen  Lebensabend  ihm  und
seinem  Volke  der  Segen  des  Friedens  bewahrt  bleiben  würde.

Wohl  mochte  das  auch  Napoleon  hoffen.  Aber  die  Sorge  für  die
Sicherung  seines  Thrones  und  die  Befestigung  der  Dvnastie  hielt  ihn  in
Unruhe.  Die  diplomatischen  Mittel,  die  er  angewendet,  hatten  versagt.
Von  persönlicher  Besprechung  versprach  er  sich  besseren  Erfolg.  Mit
hellem  Glanze  umgab  ihn  die  Weltausstellung,  welche  die  kaiserliche  Regierung
  1867  in  Haris  ins  Werk  gesetzt.  Sahllose  Gäste  rief  das  großartig
  gelungene  Unternehmen  aus  allen  Landen  nach  der  Seinebauptstadt.
Auch  der  preußische  Kronprinz  hatte  mit  der  Kronprinzessin  sich  dorthin
begeben.  So  lud  denn  der  Naiser  auch  den  König  Wilhelm  zum  Besuche
  der  eltausstellung  ein.  Bereitwillig  entsprach  dieser  der  Einladung;
  doch  nahm  er  in  der  Erwartung,  daß  es  sich  um  mehr  als
Feste  und  Ausstellung  handeln  würde,  seinen  Ministerpräsidenten  Bismarck
auf  die  Ausstellungsfahrt  mit.

Bis  Compiegne  war  das  kronprinzliche  Haar  dem  Könige  entgegengefallren.
  Auf  dem  Nordbahnbofe  in  Haris  waren  Tribünen  errichtet,
dicht  gedrängt  mit  Suschauern  gefüllt,  die  den  grimmigen  —  wie  sie
meinten  —  Hreußenkönig  sehen  wollten.  Als  der  Zug  in  die  Halle  einlief,
  stand  der  Kaiser  Aapoleon,  seinen  hohen  Gast  selbst  zu  empfangen,
mit  glänzendem  Gefolge  auf  dem  Babhnsteig.  Er  eilte,  während  der
König  aus  dem  Wagen  stieg,  auf  ihn  zu,  reichte  ihm  beide  Hände  dar
und  begrüßte  ihn  auf  das  herzlichste,  während  das  Hublikum  auf  den
Tribünen  Züte  und  Tücher  zur  Begrüßung  schwenkte.  Wiederholt  dankte
der  König  lächelnd  mit  militärischem  Gruße.  Dann  nahm  der.  Kaiser
den  Arm  des  Königs  und  führte  ihn  so  zu  den  bereitstehenden  Hofwagen.
Im  ersten  derselben  nahmen  die  beiden  Herrscher  Hlatz,  ihnen  gegenüber
der  preußische  Kronprinz  mit  dem  Hrinzen  Joachim  Murat.  Bis  zum
Boulevard  Magenta  bildeten  die  Truppen  Spalier,  hinter  denen  in  unabsehbaren

  Scharen  die  Menge  sich  drängte.  Auch  auf  dem  Couvre—
Maiser  wilhelm.  29
        <pb n="456" />
        450  Neuntes  Kapitel.

platze,  dem  Karussellplatze  und  im  Tuilerienhofe  waren  Truppen  in
Doppelreihben  aufgestellt.  Anfangs  fuhren  die  Wagen,  denen  Garde-Lanciers
  voranritten  und  folgten,  ganz  langsam,  so  daß  die  Suschauer
die  Berrscher  sehr  gut  sehen  konnten  und  nach  Hariser  Art  lebhaft  ihre
Bemerkungen  austauschten.  Mit  Le  voildà  machten  sie  sich  auf  den
König,  der  ihr  ganzes  Interesse  erregte,  aufmerksam.  „Quelle  bonne
figurel“  riefen  die  Damen  voller  Bewunderung.  Don  einer  feindseligen
Stimmung  war  nicht  das  geringste  zu  bemerken;  vielmehr  rief  man  sich
zu,  wie  freundlich  er  blicke  und  wie  gut  er  aussehe,  ganz  im  Gegensatze
zu  der  bleichen,  ernsten  Miene  des  russischen  Kaisers,  der  vor  einigen
Tagen  angelangt  war.  Auch  nach  Bismarck  fragte  man  sich  in  der
Menge;  aber  in  der  weißen  Kürassieruniform,  die  er  trug,  erkannte
ihn  niemand.  Da  erhob  sich  auf  dem  Boulevard  de  Straßbourg
eine  starke  Stimme:  „Vive  PEmpereur  d'Allemagnel“  Und  laut  stimmten
die  Umstehenden  mit  ein.  Es  war  ein  Deutscher,  der  seinem  Herrscher
die  RKuldigung  darbrachte:  aber  König  Wilhelm  wollte  nichts  gehört
haben.

Am  Fuß  der  großen  Ehrentreppe  empfing  die  Kaiserin  Eugenie  in
den  Tuilerien,  umgeben  von  ihrem  Hofstaat,  ihren  hohen  Gast.  Er
reichte  ihr  den  Arm  und  führte  sie  in  den  Empfangssalon,  von  wo  nach
kurzem  Derweilen  der  Kaiser  selbst  den  König  nach  dem  Havillon  Marsan
in  die  für  ihn  in  Bereitschaft  gesetzten,  kostbar  ausgestatteten  Gemächer
geleitete.  Aber  auch  jetzt  noch  gestattete  König  Wilhelm  sich  keine  Rube.
Er  fuhr  zu  der  Hrinzessin  Mathilde,  ihr  seinen  Besuch  zu  machen,  und
dann  nach  dem  Elisée,  um  den  Kaiser  von  Rußland,  der  dort  wohnte,
zu  begrüßen.  Ein  Galadiner  von  mehr  als  100  Gedecken  in  den  Tuilerien
  beendete  den  wechselvollen  Tag.

Gleich  am  nächsten  Morgen  besuchte  der  König  die  Ausstellung.
Am  Eingange  zu  dem  Kaiserlichen  Havillon  erwarteten  ihn  die  Ceiter
derselben  mit  mehreren  Ministern  und  den  preußischen  Kommissarien.
Dadurch  aufmerksam  gemacht,  hatte  sich  eine  vielköpfige  Menge  angesammelt,
  die  den  König,  obgleich  er  ebenso  wie  der  Kronprinz  in  Gipvilkleidung
  war,  dennoch  sofort  erkannte  und  mit  sympathischen  RBochrufen
begrüßte.  Er  besichtigte  zuerst  den  Oberbau  der  Maschinengalerie,  dann
begab  er  sich  durch  den  großen  schlesischen  Marmorpavillon  nach  der
preußischen  Ausstellung,  wo  ihn  die  versammelten  Aussteller  mit  freudigherzlichem
  Hurra  empfingen.

Durch  Festlichkeiten  aller  Art,  durch  große  Schaustellungen  war  das
französische  Kaiserpaar  bedacht,  seinen  hohen  Gästen  den  Aufenthalt  in
        <pb n="457" />
        Preußen  und  Frankreich.  451

Paris  abwechselungsvoll  zu  gestalten.  So  wurden  die  Herrscher  bald
den  Parisern  bekannt.  Allein  während  die  Bevölkerung  dem  König
Wilhelm  gegenüber  niemals  die  geziemende  Ehrfurcht  aus  den  Augen
setzte,  war  der  Kaiser  von  Rußland  wiederholt  frechen  Beleidigungen
ausgesetzt.  Nicht  genug,  daß  von  Polen  und  Polenfreunden  ihm  mebr—
mals  ein  unverschämtes  „Vive  la  Pologne!“  zugerufen  wurde,  so  ertönte
auch,  wenn  er  vorüberfuhr,  wiederholt  der  Ruf  „à  bas  Alexandre!“,  der
nur  durch  massenhafte  Verhaftungen  zum  Schweigen  gebracht  werden
konnte.  Das  schrecklichste  aber  war,  daß  sogar  ein  Mordversuch  gegen
den  Kaiser  Alexander  unternommen  wurde.  Als  die  Monarchen  von  der
großen  Truppenrevue  im  Boulogner
Gehölz  zurückkehrten  —  im  ersten
Wagen  die  beiden  Kaiser,  im  zwei—
ten  König  Wilhelm  mit  der  französischen
  Kaiserin  —  gab  ein  junger
Dole,  Bereczowsky  mit  Tamen,  mit
dem  Rufe:  „Vive  la  Polognel“  aus
geringer  Entfernung  einen  Oistolenschuß
  auf  den  russischen  Kaiser  ab.
Das  Histol  indessen,  mit  gehacktem
Blei  geladen,  zersprang  bei  dem
Schusse,  riß  dem  Thäter  die  Hälfte
der  Hand  weg  und  verwundete,  ohne
die  beiden  Kaiser  zu  verletzen,  eine
zufällig  in  der  Nähe  stehbende  Frau
aus  dem  Dolke.  „Sire“,  sagte  Na—
poleon,  „wir  sind  zusammen  im
Feuer  gewesen!“  Ruhig  erwiderte
Alexander:  „Unsere  Geschicke  ruhen  in  den  Ränden  der  Dorsehung.“  Auf
das  tiefste  bewegte  die  Gefahr,  in  der  sein  von  ihm  sehr  hoch  geschätzter
Neffe  geschwebt  hatte,  das  teilnehmende  Berz  König  Wilhelms;  er
sprach  der  Kaiserin  den  Wunsch  aus,  direkt  in  die  Tuilerien  zurückzukehren.
  Und  jetzt  waren  auch  die  Hariser  taktvoll  genug,  den  Kaiser
Alexander,  als  er  einige  Stunden  später  im  offenen  Wagen  nach  dem
Grand  Hotel  fuhr,  seine  Schwester,  die  Großberzogin  Marie,  zu  beruhigen,
  mit  lebhaften  Hochrufen  zu  begrüßen;  ja  viele  erleuchteten
am  Abend,  um  ihre  Freude  über  die  Errettung  des  Zaren  kundzugeben,
festlich  die  Fenster.  Am  Worgen  des  nächsten  Tages  wurde  in  der
Kapelle  der  russischen  Botschaft  ein  Tedeum  gehalten,  dem  auch  König
29  *

Prinz  Wilhelm  (Kaiser  Wilhelm  II.,  1869).
        <pb n="458" />
        452  Neuntes  Kapitel.

Wilhelm  mit  dem  Kronprinzen  beiwohnte.  Kurze  Zeit  danach  verließ
Kaiser  Alexander  das  ungastliche  Paris;  am  14.  Juni  folgte  ihm  König
Wilhelm.

Wir  wissen  nicht,  was  während  des  zehntägigen  Aufenthaltes  in

Paris  Napoleon  mit  seinem  Königlichen  Gaste  besprochen  hat.  Aber  er
scheint  doch  die  Überzeugung  bekommen  zu  haben,  daß  es  unmöglich  sein
würde,  den  König  für  irgend  einen  seiner  vergrößerungsdurstigen  Pläne
zu  gewinnen.  Wenigstens  hütete  er  sich  während  der  nächsten  Jahre,
die  freundliche  Stimmung,  welche  zwischen  den  beiderseitigen  Regierungen
nun  wieder  herrschte,  durch  neue  Hrojekte  zu  trüben.  Freilich  begann  er
zugleich  durch  den  Marschall  Niel  die  französische  Armee,  die  durch  den
mexikanischen  Feldzug  stark  mitgenommen  war,  nach  Zahl  und  Ausrüstung
zu  reorganisieren  und  mit  dem  Chassepot,  das  dem  preußischen  Zünd—
nadelgewehre  entschieden  überlegen  war,  auszurüsten:  was  denn  doch,
wenn  auch  nicht  auf  Kriegsabsicht,  so  doch  auf  Kriegserwartung  hinzudeuten
  schien.  Aber  auch  für  Deutschland  waren  diese  Friedensjahre
wertvoll;  denn  nun  konnte  der  Norddeutsche  BZund  sich  ausgestalten  und
festigen  und  die  militärische  Kraft  Deutschlands  auf  Grund  der  gewonnenen
Erfahrungen  entwickelt  werden.
Allein  mit  jedem  Jahre  deutlicher  erkannte  Mapoleon,  ein  scharf
blickender  Beobachter  der  Dinge,  daß  mit  erschreckender  Schnelle  das
Kaisertum  in  Frankreich  den  Boden  unter  den  Füßen  verlor.  Er  begriff,
daß  etwas  geschehen  müßte.  Aber  er  war  ein  schwerkranker  Mann,
der  kaum  noch  die  Kraft  zu  einem  großen  und  festen  Entschluß  in  sich
fand.  Mit  erstaunlicher  Offenherzigkeit  hatte  er  1867  die  Lage,  in  der
er  sich  befand,  bei  Gelegenheit  des  Ausstellungsbesuches  dem  Grafen
Bismarck  dargelegt.  Denn  daraus,  daß  dieser  durch  teilweise  Machgiebigkeit
  den  Krieg  um  die  luxemburgische  Angelegenheit  zu  vermeiden  möglich
  gemacht,  schloß  er  auf  ein  Interesse  des  preußischen  Staatsmannes
für  die  Erhaltung  der  bonapartischen  Dnastie  auf  dem  Throne  Frankreichs.
  Man  riete  ihm,  sagte  der  Kaiser,  das  bisherige  absolutistische
Regiment  aufzugeben  und  eine  parlamentarische  Regierung  in  liberaler
Weise  in  Frankreich  einzuführen.  Dem  könne  er  nur  beistimmen,  war
Bismarcks  Meinungz  aber  zugleich  sei  es  dann  nötig,  daß  der  Kaiser
sich  mit  einem  zuverlässigen,  der  kaiserlichen  Dynastie  durchaus  ergebenen
Beer  umgebe,  namentlich  die  Garde  in  treuer  Gesinnung  an  sein  Haus
fessele.  Tur  so  werde  er  die  Ausschreitungen,  zu  denen  liberale  Institutionen
  in  Frankreich  leicht  verführen  könnten,  erfolgreich  zurückzuweisen
im  stande  sein.
        <pb n="459" />
        Preußen  und  Frankreich.  453

Der  Rat  war  gut;  aber  doch  zögerte  der  Kaiser,  ihm  zu  folgen.
Ihn  beherrschte  der  Gedanke,  vor  allem  seine  Stellung  nach  außen  hin
so  zu  stärken,  daß  Preußen  sein  stolzes  Selbstgefühl,  durch  das  er  sich
in  den  Augen  der  Franzosen  herabgesetzt  fühlte,  ihm  gegenüber  aufgeben
müßte.  Schon  im  September  1867  suchte  er  daher  in  Salzburg  sich  mit
dem  Kaiser  Franz  Joseph  zu  verständigen.  Auch  den  König  Victor
Emanuel  von  Italien  strebte  er  nach  langer  Entfremdung  wieder  mehr
an  sich  heranzuziehen:  wenn  nur  die  französische  Besatzung  in  Rom  nicht
gewesen  wäre,  die  den  Italienern  den  Einzug  in  Rom,  ihre  naturgemäße
Rauptstadt,  verbot!  Als  das  Haupt  einer  solchen  Tripelallianz  Frankreich-Esterreich-Jtalien,
  meinte  er  es  erreichen  zu  können,  daß  Hreußen
sich  vor  seinen  Wünschen  beuge,  und  damit  die  Franzosen  zufrieden  gestellt
  würden.  An  Krieg  dachte  er  nicht;  kriegerischen  Gedanken  war  er
durchaus  abgeneigt.

Nun  entschloß  Napoleon  sich  auch,  nachdem  er  das  Dolk  KFrankreichs
durch  ein  Hlebiscit  befragt,  zu  Anfang  1870  liberale  Reformen  und  eine
liberale  Perfassung  einzuführen.  Allein  lärmend  erhob  sich  sofort  die
Opposition.  Vorsichtig  that  daher  der  Kaiser  einen  Schritt  weiter.  Er
berief  im  Mai  in  das  liberale  Ministerium  Gllivier  als  Minister  des
Auswärtigen  den  streng  klerikalen  Herzog  von  Gramont,  der  seit  Zahren
französischer  Botschafter  in  Wien  und  durch  seine  Suneigung  zu  Esterreich
  ebenso  wie  durch  seine  Abneigung  gegen  Hreußen  bekannt  war.
Esterreich  sich  zu  nähern,  war  der  Sweck  der  Ernennung.

Allein  auch  in  Berlin  blieben  diese  Hrojekte  einer  sich  bildenden
Tripelallianz  kein  Geheimnis.  Gegen  wen,  als  gegen  Hreußen,  konnte
sie  sich  richtend  Ohne  Herzug  begab  sich  daher  König  Wilhelm,  von
Bismarck  begleitet,  zu  dem  Kaiser  Alexander  von  Rußland,  der  damals
in  Ems  zur  Kur  weilte.  Er  erreichte,  daß  ihm  dieser  für  den  Fall,  daß
Dreußen  angegriffen  würde,  die  wohlwollende  Neutralität  Rußlands  zusicherte,
  vorausgesetzt,  daß  es  keinerlei  Swang  gegen  die  süddeutschen
Staaten  übe.  Damit  schien  denn,  als  der  König  am  4.  Juni  nach  Berlin
zurückkehrte,  das  bedrohte  Gleichgewicht  wieder  hergestellt  und  der  Frieden
wieder  gesichert  zu  sein,  so  daß  die  meisten  Alinister  auf  Urlaub  gingen
und  auch  König  Wilbelm  sich,  wie  er  pflegte,  am  20.  Juni  nach  Ems
zur  Badekur  begab.  Indes  wie  schnell  täuschte  sich  aller  Erwartung!

Die  äußerste  Rechte  in  der  französischen  Kammer  bildeten  die  „Arkadier“,
  hochkonservative  Leute,  die  großenteils  dem  kaiserlichen  Bose
nahestanden.  Ihnen  war  das  liberale  Ministerium  im  höchsten  Grade
verhaßt;  auf  jede  Weise  strebten  sie  danach,  es  zu  stürzen.  Das  sicherste
        <pb n="460" />
        454  Neuntes  Kapitel.

Mittel  dazu  schien  zu  sein,  wenn  es  gelänge,  das  Ministerium  in  irgend—
welche  kriegerischen  Verwickelungen  zu  drängen.  Denn  dann  war  es
klar,  daß,  wenn  es  dem  Drängen  nachgäbe,  der  friedliebende  Kaiser  es
entlassen  würde;  wenn  es  aber  dem  Drängen  nicht  nachgäbe  und  auf
friedlichem  Sinne  beharrte,  daß  es  dann  von  der  öffentlichen  Meinung
gerichtet  werden  würde,  die,  von  den  Zeitungen  aufgehetzt,  laut  nach  Wiederherstellung
  des  französischen  „Prestige“  durch  Demütigung  des  „undank—
baren“  Preußen  verlangte.  So  klar  die  Rechnung  indes  schien,  so  ergab
doch  die  erste  Gelegenheit,  daß  sie  unrichtig  war.  Das  Mirnisterium
traute  sich  Gewandtheit  genug  zu,  auf  zwei  Rossen  zu  voltigieren;  es
wollte  durch  kriegerisches  Gebaren  die  öffentliche  Meinung  für  sich  festhalten,
  ohne  doch  die  Dinge  wirklich  bis  zum  Kriege  zu  treiben.  Aber
waren  sie  auch  die  Meister,  die  dem  Aufwogen  der  Dolksstimme  gebieten
konntend  Und  selbst  wenn  sie  es  konnten,  so  standen  eine  TLinie  weiter
zurück,  die  den  Krieg  aufrichtig  endlich  einmal  wollten,  gerade  die  entschiedenen
  Anhänger  des  Kaisertums,  die  durch  einen  auswärtigen  Krieg
am  leichtesten  die  erschütterte  Disziplin  in  der  Armee  wiederherzustellen,
die  Demokratie  einzudämmen,  zu  dem  früheren  Absolutismus  zurückzukehren
und  vor  allem  durch  Kriegsrulm  den  Thron  Wapoleons  zu  befestigen
hofften.  Sie  vertrauten  auf  das  Chassepot,  auf  die  Überlegenheit  der
französischen  Marine  und  hielten  die  Berichte  des  Barons  Stoffel,  des
französischen  Militärattachts  in  Berlin,  von  der  Dortrefflichkeit  der
preußischen  Armee  für  übertreibende  Doreingenommenheit.  Diese  Leute  sind
es  gewesen,  die  das  klarere  Urteil  des  Kaisers  getrübt  und  seine  Friedfertigkeit,
  gerade  weil  er  sie  als  ergebene  Anhänger  der  Dynastie  kannte,
zu  dem  verhängnisvollen  Entschlusse  des  Krieges  fortgerissen  haben.

Es  war  am  5.  Juli  1870,  als  in  der  französischen  Kammer  der
Deputierte  Cochery  erklärte,  er  wünsche  das  Ministerium  über  die  spanische
  Thronkandidatur  zu  interpellieren.  Das  war  der  rote  TLappen,
den  die  Arkadier  unauffällig  —  denn  Cocherv  gehäörte  nicht  zu  ihrer
Gruppe  —  dem  liberalen  Ministerium  hinhielten.  Und  sofort  senkte  der
Stier  die  Hörner:  der  Herzog  von  Gramont  erklärte  sich  bereit,  am
nächsten  Tage  die  Interpellation  zu  beantworten.  Denn  er  glaubte  einen
Fallstrick  für  das  Ministerium  darin  zu  erkennen.

Seit  Jahr  und  Tag  suchten  die  Spanier,  nachdem  sie  den  Thron
der  Bourbons  umgestürzt  hatten,  einen  neuen  König.  Allein  von  Harteiungen
  zerrissen,  wie  das  Land  war,  fand  es  niemand,  der  auf  das
Abenteuer  sich  einlassen  wollte.  Der  Staatsrat  Salazar  schrieb  eine  eigene
Broschüre,  in  der  er  eindringlich  seinen  Landsleuten  den  Erbprinzen  Leopold
        <pb n="461" />
        Preußen  und  Frankreich.  455

von  Bohenzollern-Sigmaringen  zum  Könige  empfahl.  JZedoch  als  er  sich
im  September  1860  nach  Schloß  Weinburg  in  der  Schweiz  begab,  wo
damals  der  Erbprinz  weilte,  lehnte  dieser  durch  die  Aufstellung  unerfüllbarer
  Bedingungen  die  dargebotene  Krone  ab.  Indes  General  Drim
nahm  den  Gedanken  Salazars  wieder  auf  und  sandte  den  Staatsrat  im
Februar  1870  mit  einem  Schreiben  an  König  Wilhelm  und  an  den
Grafen  Bismarck  nach  Berlin.  Der  Rönig  lehnte  es  jedoch  ab,  den
Abgesandten  zu  empfangen;  nur  einen  Familienrat  der  HPohenzollern-Drinzen
  berief  er,  das  Unerbieten  zu  erwägen.  Auf  diesem  sprach  sich
Bismarck,  der  gleichfalls  zugegen  war,  mit  Entschiedenheit  für  die  Annahme
  der  Königskrone  aus;  doch  vermochte  er  den  Entschluß  des  Erbprinzen
  nicht  ins  Wanken  zu  bringen.  Da  war  es  nun  dessen  ater,
der  Fürst  Karl  Anton,  der  auf  die  Möglichkeit  hinwies,  bei  seinem
jüngsten  Sohne  Friedrich  —  der  zweite  war  der  Fürst  Karl  von  RKumänien
  —  größere  Geneigtheit  zu  finden.  Infolgedessen  wurden  im
April  der  Geheime  Rat  Lothar  Bucher  und  der  Major  von  Dersen  nach
Spanien  gesandt,  um  an  Ort  und  Stelle  die  Derhältnisse  zu  prüfen.
Ihr  Bericht  lautete  so  günstig  —  „rosenrot“  nannte  ihn  König  Wilhelm
  —  daß  nunmehr  am  20.  Juni  der  Erbprinz  Leopold  die  ihm  dargebotene
  spanische  Krone  annahm  und  nach  Ems  kam,  wo  König  Wilhelm
  soeben  zur  Badekur  eingetroffen  war,  um  diesem  persönlich  seinen
Entschluß  mitzuteilen.  Der  Rönig,  durch  den  Wechsel  überrascht,  antwortete
  ihm  doch,  er  könne  einem  inneren  Berufe  des  Hrinzen  keinen
Widerspruch  entgegensetzen.  Denn  die  schwäbischen  Fürsten  von  Bohen-=zollern,
  die  sich  schon  1226  von  der  fränkischen  Hauptlinie,  dem  späteren
preußischen  Königshause,  abgezweigt  hatten,  standen  zu  dem  preußischen
Staate  in  gar  keinen  weiteren  Beziehungen,  als  daß  König  Friedrich
Wilhelm  IV.  ihnen  1840  nach  der  Abtretung  ihrer  Fürstentümer  an
Dreußen  den  Rang  von  nachgeborenen  preußischen  Hrinzen  erteilt  hatte.
König  Wilhelm  sah  daher  mit  Zecht  die  ganze  Angelegenbeit  als  eine
Drivatsache  des  schwäbisches  Rauses  an.  Und  in  der  gleichen  Auffassung
antwortete  der  Staatssekretär  von  Thile  dem  französischen  Geschäftsträger
  Le  Sourd,  der  den  beurlaubten  Botschafter  in  Berlin  vertrat,
daß  für  die  preußische  Regierung  die  spanische  Angelegenheit  „nicht
existiere“.  Mapoleon  freilich  schkon  hatte  1860  das  lebhafte  Interesse,
das  er  an  der  Sache  nahm,  zum  Ausdruck  gebracht;  aber  er  dachte
nicht  daran,  Schwierigkeiten  zu  bereiten.  Denn  mit  dem  Fürsten  Anton,
der  mütterlicherseits  ihm  nabe  verwandt  war,  stand  er  auf  durchaus  vertrautem
  Fuße.
        <pb n="462" />
        456  Neuntes  Kapitel.

Nun  wurde  am  5.  Juli  die  Kandidatur  des  Erbprinzen  Leopold  in
Madrid  öffentlich  verkündigt;  am  folgenden  Tage  brachten  Pariser  Seitungen
  die  NMachricht  und  am  6.  erhob  sich  der  Berzog  von  Gramont,
um  auf  Cochervs  Znterpellation  zu  antworten.  Nachlässig,  die  Hand  in
der  Hosentasche,  gab  er  die  Erklärung  ab,  er  hoffe  nicht,  daß  durch  die
Hohenzollersche  Kandidatur  die  Interessen  und  die  Ehre  Frankreichs  gefährdet
  würden.  „Sollte  es  aber  anders  kommen"“,  schloß  er,  „so  würden
wir  unsere  Oflicht  ohne  Saudern  und  ohne  Schwäche  zu  erfüllen  haben.“
Das  war  eine  Drohung,  nach  Berlin  gerichtet.  Mit  lautem  Beifall
nahm  die  ganze  Kammer  sie  auf.  Und  sie  gewann  noch  an  Gewicht,
als  nun  Gllivier,  der  Alinisterpräsident,  die  Erklärung  hinzufügte,  daß
dies  nicht  nur  Gramonts  Meinung  wäre,  sondern  daß  diese  Antwort
tags  zuvor  im  Ministerrate  beschlossen  sei.  Ja,  er  verschärfte  sie  noch,
während  Gramont  das  Wort  Krieg  vermieden  hatte,  durch  die  Erläute--rung,
  daß  diese  Antwort  klar  zeige,  ob  die  Regierung  den  Frieden  wolle,
oder  den  Krieg  herbeiführe.  Denn  so  brachte  es  die  Rolle,  die  das
Ministerium  zu  spielen  gedachte,  mit  sich.

Die  Aufregung,  in  welche  diese  kriegslustigen  Reden  die  leicht  entzündliche
  Bevölkerung  von  Haris  versetzten,  spiegelten  am  andern  Tage
die  Seitungen  wider.  Selbst  der  amtliche  „Moniteur“  schrieb,  es  sei
Seit,  der  preußischen  Anmaßung  ein  Siel  zu  setzen.  Alber  der  Kaiser
Mapoleon  griff  ein:  er  befahl  Gramont  die  Erklärung  abzugeben,  daß
ein  freiwilliger  Rücktritt  des  Drinzen  Leopold  von  der  Kandidatur  die
glücklichste  Lösung  der  schwierigen  Frage  sein  würde.  Allein  der  Herzeg
besaß  gar  nicht  die  geistige  Kraft,  sich  innerbalb  der  Linie  des  Ministeriums
  zu  halten;  das  Tosen  der  äöffentlichen  Aleinung  riß  ihn  fort,
und  unablässig  schürten  dazu  die  Arkadier  seinen  Kriegseifer.  Diese  Eelegenheit
  glaubte  er  auf  jede  Gefahr  festhalten  zu  sollen,  um  die  ersehnte
Demütigung  endlich  über  Hreußen  zu  bringen.  Er  gab  daher  dem  Grafen
Benedetti  die  Weisung,  sich  nach  Ems  zu  begeben  und  den  König  aufzufordern,
  wenn  nicht  durch  einen  Befehl,  so  doch  durch  einen  Ratschlag
den  Hrinzen  zum  Rücktritt  zu  bewegen.  Am  9.  Juli  erteilte  König
Wilhelm  dem  Botschafter  die  erbetene  Audienz.  Mit  würdevoller  Gelassenheit
  legte  er  dem  Grafen  seinen  Standpunkt  in  der  Frage  dar,
indem  er  zugleich  mit  ernstem  Tadel  der  provokatorischen  Sprache  ge—
dachte,  die  Gramont  in  der  Kammer  geführt.  Er  lehnte  es  ab,  als
Familienhaupt  den  Drinzen  zum  Rücktritt  zu  bestimmen,  sagte  jedoch  zu,
an  den  Dater  des  Hrinzen  zu  schreiben,  um  dessen  Ansichten  über  die
Sache  zu  hören.  Unablässig  drängte  indes  Gramont  den  viel  besonne-
        <pb n="463" />
        Preußen  und  Frankreich.  457

neren  Botschafter,  die  Entscheidung  des  Königs  zu  verlangen,  so  daß
dieser  den  Eindruck  gewann,  als  sei  es  von  seiten  Frankreichs  durchaus  auf
einen  Konflikt  abgesehen.  Er  beschied  daher  den  Grafen  Bismarck,  der
ruhig  auf  seinem  Gute  Varzin  weilte,  zu  sich  nach  Ems.

Unterdessen  erklärte  der  Erbprinz  Ceopold  auf  die  Kunde  von  den
entstandenen  Verwickelungen  sofort  seinen  Rücktritt  von  der  Thronkandidatur,
  und  der  spanische  Gesandte  in  Haris  überbrachte  Gramont  unverzüglich
  die  amtliche  Meldung.  „Wir  haben  jetzt“,  sagte  Ollivier,  „was  wir
wünschen:  es  bleibt  Friede!“  Und  befriedigt  teilte  er  die  Nachricht  der
Kammer  mit.  Allein  die  Arkadier  waren  keineswegs  von  dem  Derlaufe
der  Sache  befriedigt.  Sofort  richtete  der  Deputierte  Duvernois  an  das
Ministerium  die  Frage,  welche  Bürgschaften  es  sich  ausbedungen  habe  oder
ausbedingen  werde,  um  die  Wiederkehr  fortwährender  Derwickelungen
mit  Dreußen  zu  verhüten.  Das  hieß  den  Berzog  von  Gramont  wieder  vorwärts
  drängen:  als  ob  er  es  an  sich  fehlen  lassen  könnte,  die  Gelegenhbeit
zu  einer  Demütigung  Hreußens  selbst  auf  die  Gefahr  eines  Krieges  hin
auszunutzen.  Ohne  zu  merken,  wie  die  Arkadier  fortfuhren  ihn  zu  gängeln,
sah  er  in  der  Frage  einen  Zweifel  an  seinem  Mute  und  erklärte  daber
am  Nachmittage  desselben  12.  Juli  noch  dem  preußischen  SBotschafter
von  Werther,  daß  der  Derzicht  des  Erbprinzen  Nebensache  sei,  da  Frankreich
  doch  niemals  seine  Thronbesteigung  würde  zugelassen  haben;  vielmehr
  sei  es  notwendig,  daß  der  König  von  Hreußen  in  einem  Briefe
ausdrücklich  erkläre,  er  schließe  sich  der  Derzichtleistung  des  Drinzen  an
und  versichere,  daß  er  die  Kandidatur  nicht  von  neuem  genebmigen  werde.
Und  sofort  setzte  er  sich  an  den  Schreibtisch  und  schrieb  den  Entwurf  zu
einem  solchen  Entschuldigungsbriefe  nieder.  Werther  hatte  nicht  den  Mut,
die  Demütigung,  die  für  seinen  König  in  einem  solchen  Briefe  lag,  auf
der  Stelle  mit  Entschiedenheit  zurückzuweisen,  sondern  sandte  den  Entwurf
wirklich  nach  Ems  an  den  König,  während  auch  Gramont  am  Abend
telegraphisch  den  Botschafter  Benedetti  anwies,  eine  derartige  schriftliche
Entschuldigung  von  dem  Könige  zu  verlangen.

Am  12.  Juli  hatte  der  König  dem  Botschafter  mitgeteilt,  daß  telegraphischer
  Meldung  zufolge  das  erwartete  Antwortschreiben  des  Fürsten
Anton  am  nächsten  Tage  eintreffen  werde,  und  hatte  ihm  zugesagt,  daß
er  gleich  nach  Eingang  desselben  ihn  werde  rufen  lassen.  Nach  dem
Empfang  der  Abenddepesche  Gramonts  wartete  indessen  Benedetti  den
Ruf  des  Königs  nicht  ab,  sondern  suchte  den  König  auf  der  Dromenade,
wo  der  König  seinen  Kurspaziergang  machte,  schon  am  Morgen  des  15.
auf.  Sobald  König  Wilhelm  nun  des  Botschafters  ansichtig  wurde,  ging
        <pb n="464" />
        458  Neuntes  Kapitel.

er  auf  ihn  zu  und  teilte  ihm  mit,  daß  zwar  die  amtliche  Anzeige  vom
Rücktritte  des  Prinzen  noch  nicht  bei  ihm  eingegangen  wäre,  aber  doch
ein  Extrablatt  der  Kölnischen  Zeitung,  das  in  einem  Telegramm  aus
Sigmaringen  den  Verzicht  des  Prinzen  melde.  Benedetti  erwiderte,  daß
er  diese  Nachricht  schon  gestern  Abend  aus  Paris  erhalten  habe.  Damit
sehe  er  die  Sache  als  erledigt  an,  entgegnete  der  König  und  wandte  sich
zum  Weitergehen.  Nunmehr  aber  richtete  Benedetti  der  erhaltenen
Weisung  gemäß  das  Verlangen  an  den  König,  die  Rücktrittserklärung  des
Prinzen  ausdrücklich  zu  billigen  und  die  Versicherung  auszusprechen,  daß
er  niemals  wieder  seine  Einwilligung  geben  werde,  wenn  diese  Kandidatur
  wiederaufleben  sollte.  Natürlich  lehnte  König  Wilhelm  eine  solche
Erklärung  mit  aller  Bestimmtheit  ab  und  ließ  sich  auch  nicht  wankend
machen,  als  Benedetti  mit  dringenden  Worten  das  unverschämte  Ansinnen
wiederholte;  und  als  dieser  gar  noch  einen  dritten  Anlauf  nehmen  wollte,
wies  er  ihn  ernst  zurück  und  setzte  seine  Morgenpromenade  fort.

Am  Vormittage  lief  nun  bei  dem  Könige  das  Schreiben  Werthers
mit  dem  Gramontschen  Entwurfe  des  Entschuldigungsbriefes  ein.  Der
König  war  entschlossen,  nunmehr  den  französischen  Botschofter  nicht  mehr
zu  empfangen.  Als  daher  um  Mittag  auch  das  Schreiben  des  Fürsten
Anton  eintraf,  sandte  er  es  durch  seinen  Adjutanten,  den  Fürsten  Anton
Radziwill,  an  Benedetti  mit  dem  Bescheide,  er  sehe  hiermit  diese  An—
gelegenheit  als  abgemacht  an.  Gleichwohl  bat  dieser  um  eine  nochmalige
Audienz,  allein  König  Wilhelm  gewährte  sie  ihm  nicht,  sondern  ließ  ihm
durch  den  Prinzen  Radziwill  sagen:  er  könne  sich  nur  auf  das  beziehen,
was  er  am  Morgen  dem  Botschafter  selbst  gesagt  habe;  das  sei  sein
letztes  Wort.  Sugleich  übergab  er  dem  Geheimen  Rat  Abeken  eine
kurze  schriftliche  Darstellung  der  Dorgänge  des  MWorgens,  die  er  selbst
niedergeschrieben  hatte,  und  wies  ihn  an,  sie  Bismarck  telegraphisch  mitzuteilen.


Bismarck  war  auf  seiner  Fahrt  von  Darzin  bis  Berlin  gelangt,  als
er  die  Nachricht  von  dem  Derzichte  des  Erbprinzen  erfuhr.  Er  glaubte
damit  die  Sache  erledigt  und  die  Weiterreise  überflüssig  geworden.
Abends  um  6  Uhr  (am  15.  Juli)  saß  er  mit  Roon  und  Moltke  zu  Tisch.
Da  traf  Abekens  Depesche  ein.  Sie  lautete:

„Seine  Majestät  schreibt  mir:  „Benedetti  fing  mich  auf  der  Dromenade
  ab,  um  auf  zuletzt  sehr  zudringliche  Art  von  mir  zu  verlangen,  ich
sollte  ihn  ermächtigen,  sofort  zu  telegraphieren,  daß  ich  für  alle  Sukunft
mich  verpflichtete,  niemals  wieder  meine  Sustimmung  zu  geben,  wenn  die
RBohenzollern  auf  ihre  Kandidatur  zurückkämen.  Ich  wies  ihn,  zuletzt
        <pb n="465" />
        Auf  der  Promenade  zu  Ems  um  13.  Juli  1870.
        <pb n="466" />
        460  Neuntes  Kapitel.

etwas  ernst,  zurück,  da  man  à  tout  jamais  dergleichen  Engagements  nicht
nehmen  dürfe  noch  könne.  Natürlich  sagte  ich  ihm,  daß  ich  noch  nichts
erhalten  hätte,  und,  da  er  über  Paris  und  Madrid  früher  benachrichtigt
sei,  als  ich,  er  wohl  einsähe,  daß  mein  Gouvernement  wiederum  außer
Spiel  sei.“  Seine  Majestät  hat  inzwischen  ein  Schreiben  des  Fürsten
(von  Sigmaringen)  bekommen,  und  da  Seine  Majestät  dem  Grafen
Benedetti  gesagt,  daß  er  Nachricht  vom  Fürsten  erwarte,  hat  Allerhöchst
derselbe  mit  Rücksicht  auf  obige  Zumutung  auf  des  Grafen  Eulenburg
und  meinen  Vortrag  beschlossen,  Benedetti  nicht  mehr  zu  empfangen,
sondern  nur  durch  den  Adjutanten  sagen  zu  lassen,  daß  Seine  Majestät  jetzt
vom  Fürsten  die  Bestätigung  der  Nachricht  erhalten,  die  Benedetti  aus
Paris  schon  gehabt,  und  dem  Botschafter  nichts  weiter  zu  sagen  habe.
Seine  Majestät  stellt  Euer  Exzellenz  (Bismarck)  anheim,  ob  nicht  diese
neue  Forderung  Benedettis  und  ihre  Zurückweisung  sogleich  sowohl  unsern
Gesandten  als  auch  in  der  Presse  mitgeteilt  werden  sollte."  ·

Durchaus  war  Bismarck  für  die  sofortige  Veröffentlichung  der  De—
pesche.  Sogleich  an  der  Tafel  strich  er  die  schärfsten  Ausdrücke  und  einige
unwesentliche  Zusätze  und  las  sie  dann  seinen  Gästen  in  folgender  Ge—
stalt  vor:  ·  ·  ,

„Nachdem  die  Nachricht  von  der  Entsagung  des  Hrinzen  Hohen—
zollern  der  französischen  Regierung  mitgeteilt  worden,  stellte  der  Botschafter
  in  Ems  an  den  Rönig  die  Forderung,  ihn  zu  ermächtigen,  daß
er  nach  Haris  telegraphiere:  der  König  verpflichte  sich  für  alle  Sukunft,
niemals  wieder  zuzustimmen,  wenn  die  Hohenzollern  auf  diese  Kandidatur
zurückkämen.  Der  König  lehnte  jedoch  ab,  den  französischen  Botschafter
nochmals  zu  empfangen,  und  ließ  demselben  durch  den  Adjutanten  vom
Dienst  sagen:  „Seine  Mlajestät  habe  dem  Botschafter  weiter  nichts  mitzuteilen.“"“!
  «

Roon  sowohl  wie  Moltke  waren  mit  dieser  verkürzten  Fassung,  welche
nur  fortließ,  aber  nicht  zusetzte,  durchaus  einverstanden.  „Das  klingt
besser!“  meinte  Roon.  Und  an  demselben  Abend  noch  schickte  Bismarck
die  Depesche  an  die  „Norddeutsche  Allgemeine  Zeitung“;  zugleich  aber  wies
er  Herrn  von  Werther  an,  Paris  ohne  Verzug  „aus  Gesundbeitsrücksichten“
  zu  verlassen.

Die  Seitung  veröffentlichte  die  Depesche  in  einem  Extrablatt.  Bismarck
ließ  dies  an  sämtliche  preußische  Gesandte  senden.  Doch  teilten  nur  die
in  Bern  und  München  es  den  Regierungen,  bei  denen  sie  beglaubigt
waren,  amtlich  mit:  ein  Dorgang,  den  die  dortigen  französischen  Gesandten
sofort  nach  Paris  telegraphisch  meldeten,  als  enthielte  er  eine  Bloßstellung
        <pb n="467" />
        Preußen  und  Frankreich.  461

Frankreichs.  Auch  Ollivier  nannte  die  Nachricht  „eine  Ohrfeige,  die
Frankreich  bekommen.“

Noch  am  15.  hatte  Benedetti  die  Dorgänge  des  Tages  nach  Haris
ganz  friedlichen  Sinnes  gemeldet.  Der  Ministerrat  gab  sich  infolgedessen
zufrieden,  indem  er  die  Forderung  des  Entschuldigungsbriefes  fallen  ließ.
Damit  schien  der  Frieden  erhalten  zu  sein.  Am  folgenden  Tage  trat  er
indes  zu  einer  neuen  Sitzung  zusammen.  Gramont  legte  in  derselben
eine  Mummer  der  „NVorddeutschen  Allgemeinen  Seitung“  vor,  in  welcher
eine  kurze  Notiz  dahin  lautete,  daß  Benedetti  in  Ems  die  Regeln  des
diplomatischen  Anstandes  verletzt  habe,  da  er  sich  nicht  gescheut,  den
König  in  der  Badekur  zu  stören  und  auf  der  Dromenade  zu  interpellieren,
um  ihn  zu  Erklärungen  zu  drängen.  Er  sah  in  dieser  Notiz  wie  in
der  Mitteilung  der  Emser  Depesche  an  fremde  Regierungen  eine  Beleidigung
  Frankreichs  und  behauptete,  die  Stimme  des  französischen  Volkes
verlange  mit  Ungestüm  den  Krieg  gegen  Dreußen.  Ihm  stand  der
Kriegsminister  Leboeuf  zur  Seite,  indem  er  die  französische  Armee  für
Harchiprste“  erklärte.  Die  Entscheidung  aber  gab  zumeist  die  Kaiserin
Eugenie,  die  einzige  Rettung  der  Dynastie  in  einem  auswärtigen  Kriege
sehend,  rief  sie  ihrem  Gemahl  zu:  „Dein  Thron  fällt  in  den  Kot!“  Der
Krieg  gegen  Dreußen  wurde  beschlossen.  Erdfahlen  Angesichts,  ganz  gebrochen
  in  der  Haltung  verließ  der  Kaiser  Tapoleon  die  Sitzung.  Ihn
erfaßte  die  Ahnung  des  Endes.  Aber  noch  einmal  ermannte  er  sich.
Am  Abend  um  10  Uhr  berief  er  nochmals  den  Ministerrat,  um  den  gefaßten
  Beschluß  wieder  aufzuheben.  Aber  der  Beschluß  des  Dormittags,
die  Reserve  einzuberufen,  war  bekannt  geworden;  die  Menge  sah  darin
ein  sicheres  Anzeichen  des  Krieges:  johlend  und  lärmend  durchzogen
Holkshaufen  die  Stadt.  Und  dieser  Äußerung  des  Dolkswillens  gegenüber
  wagte  der  Ministerrat  trotz  des  Drängens  des  Kaisers  es  nicht,
jetzt  seinen  Beschluß  zu  ändern.

Wie  würde  sich  aber  dazu  die  Kammer  stellen  d  Wobl  waren  die
Köpfe  erhitzt,  als  am  15.  Juli  die  Minister  ihr  die  Kriegsfrage  vorlegten.
  Einem  diplomatischen  Triumphe  über  Dreußen  würde  sie  einstimmig
  zugejubelt  haben.  Aber  den  Krieg?  Nein!  Die  Stimmung
der  Mehrheit  ging  durchaus  auf  Frieden.  Ungestüm  verlangte  sie  die
Meitteilung  der  aufregenden  Depeschen,  von  denen  Gllivier,  der  den  Beschluß
  des  Ministeriums  vertrat,  sprach.  Allein  er  hütete  sich  zu  verraten,
  daß  damit  nur  jene  Seitungsnotiz  gemeint  sei,  und  begnügte  sich,
die  in  dem  letzten  Ministerrat  abgefaßte  Erklärung  vorzulesen,  durch  die
der  Antrag  des  Ministeriums,  den  Krieg  zu  beschließen,  begründet  werden
        <pb n="468" />
        462  Neuntes  Kapitel.

sollte.  Da  war  denn  aus  dem  Ertrablatt  der  „Norddeutschen  Allgemeinen
Seitung“  eine  amtliche  Note  gemacht,  die  Hreußen,  um  Frankreich  herabzusetzen,
  an  die  übrigen  Regierungen  erlassen  hätte;  da  war  dreist  behauptet,
  daß  Hreußen  durch  die  Abberufung  des  NMorddeutschen  Botschafters
  den  diplomatischen  Verkehr  mit  Frankreich  schroff  abgebrochen
und  auch  bereits  mit  der  Mobilmachung  seiner  Armee  begonnen  hätte.
Das  war  von  Anfang  bis  zu  Ende  nicht  wahr:  ein  Seitungsblatt  ist
keine  Note;  mit  der  Dertretung  des  auf  Urlaub  geschickten  Berrn  von
Werther  war  ordnungsmäßig  der  erste  Botschaftssekretär  Graf  Solms
beauftragt,  und  an  Alobilmachung  vollends  dachte  niemand  in  Hreußen.
Allein  die  Lügen  wirkten:  von  den  Miinistern  getäuscht,  beschloß  die
Kammer  den  Krieg;  und  auch  der  Senat,  in  dem  Gramont  dieselbe  Erklärung
  vorlas,  stimmte  zu.  Der  Krieg  war  dal  Und  Haris  hallte  von
dem  Rufe  wider:  „Wach.  Berlin!  Nach  Berlin!"“

Gewaltig  aber  lohte  auch  diesseit  des  Rheines  die  Erregung  auf.
Mit  ruhiger  Würde  hatte  König  Wilhelm  der  unverschämten  Sumutung
FKrankreichs  widerstanden;  aber  in  seinem  geliebten  Könige  fühlte  jeder
Dreuße  sich  selbst  beleidigt.  Mit  unbeschreiblicher  Begeisterung  begrüßte
ihn,  zu  den  Bahnhöfen  zusammenströmend,  sein  treues  Dolk,  als  er  am
Vormittage  des  15.  Juli  Ems  verließ,  um  angesichts  der  drohenden  Seitlage
  nach  Berlin  zurückzukehren.  Auch  Benedetti  war  auf  dem  Bahnhofe.
  Und  so  wenig  rechnete  in  seiner  Herzensgüte  König  Wilhelm  ihm
an,  was  er  doch  im  Auftrage  seiner  Regierung  gethan,  daß  er  mit  einem
kurzen  freundlichen  Wort  sich  von  ihm  verabschiedete.  Ein  Triumphzug
ohne  gleichen  war  für  den  König  die  Beimfahrt.  Stundenlang  stand
wie  Mauern  das  Dolk,  um  wenigstens  einen  kurzen  Moment  unter  brausendem
  Jubelruf  „unsern  Wilhelm“  vorüberfahren  zu  sehen.

Bis  Brandenburg  fuhr  der  Kronprinz  mit  Bismarck,  Roon  und
Moltke  dem  Könige  entgegen,  um  unterwegs  schon  mit  ihm  Rates  zu
pflegen.  Denn  jetzt  waren  selbst  Stunden  kostbar.  Mit  Entschlossenheit
wollte  der  Kronprinz,  nachdrücklichst  von  Bismarck  unterstützt,  den  freventlich
  von  Frankreich  hingeworfenen  Fehdehandschuh  aufheben.  Aber  der
König  hielt  die  Hoffnung  fest,  seinem  Dolke  doch  noch  den  Krieg  ersparen
zu  können.

Kurz  vor  0  Uhr  abends  lief  der  Sug,  ohne  in  Hotsdam  zu  halten,
in  den  im  Umbau  begriffenen  Hotsdamer  Bahnhof  in  Berlin  ein.  Kopf
an  Kopf  gedrängt  stand,  den  König  erwartend,  die  Dolksmenge  auf  dem
Bahnsteig  und  vor  dem  Bahnhof;  nur  ein  schmaler  Gang  von  dem
Salonwagen  nach  dem  Königlichen  Wartezimmer  wurde  mit  Mühe  frei
        <pb n="469" />
        Preußen  und  Frankreich.  463

gehalten.  Aus  dem  auswärtigen  Ministerium  hatte  sich  der  Staatssekretär
  von  Thile  selbst  aufgemacht,  um  dem  Könige  die  neuesten,  aus
Daris  eingegangenen  Depeschen  sogleich  auf  dem  Bahnbofe  zu  übergeben.
Graf  Solms  meldete  in  ihnen  den  Kriegsbeschluß  der  französischen  Kammern
und  die  Einberufung  der  französischen  Reserven.  Allein  es  gelang  Thile
nicht,  die  Menschenmauer  zu  durchbrechen;  nur  bis  in  die  Nähe  des  freien
Ganges  gelangte  er.  So  rief  er  denn,  als  der  König  ausstieg,  mit
halblauter  Stimme  dem  Kriegsminister  zu,  daß  die  Franzosen  den  Krieg
beschlossen  hätten.  Und  mit  seinem  dröhnenden  Baß  antwortete  Roon,
so  daß  alle  Umstehenden  es  vernabmen,  ohne  auch  nur  die  Miene  zu
verziehen:  „Dann  wollen  wir  es  ihnen  bestens  besorgen!“  und  folgte
ruhig  dem  Könige  nach.  JQetzt  erst  gelang  es  auch  CThile,  sich  hindurchzudrängen.
  "

Es  war  ein  sehr  schlichter  Raum,  der  während  des  Umbaues  zum
Wartezimmer  des  Königs  eingerichtet  war.  Unter  dem  Kronleuchter  stand
der  König,  als  ihm  jetzt  Bismarck  die  Depeschen  vorlas.  Da  musßte
auch  des  Rerrschers  mildes  Rerz  der  Friedenshoffnung  entsagen.  Nur
einer  kurzen  Beratung  mit  den  Getreuen  bedurfte  es  jetzt  noch.  „Balb
seitwärts  neben  dem  Könige“  —  erzählt  Roon  —  „stand  der  Kronprinz
da  wie  ein  flammender  Kriegsgott,  das  Urbild  teutonischen  Sornes,  mit
zurückgeworfenem  Zaupte  und  drohend  erhobener  Rechten.“  Der  König
sprach  das  entscheidende  Wort,  und  leuchtenden  Auges  trat  der  Kronprinz'
auf  den  Bahnsteig  hinaus  und  rief  laut  in  die  brausende  Menge  hinein:
„Die  Mobilmachung  der  Armee  ist  befohlen!“  Und  wie  ein  Donnerruf,
von  tausend  Stimmen  aufgenommen,  rollte,  mächtig  anschwellend,  das
Wort  weiter,  daß  die  Fensterscheiben  erklirrten.

Anfangs  nur  im  Schritt  konnte  der  Wagen,  in  dem  der  König  mit  dem
Kronprinzen  nach  dem  Königlichen  Dalais  fuhr,  durch  die  aufgeregte,
mit  ungestümen  RBochrufen  ihn  begrüßende  Dolksmenge  seinen  Weg  finden.
Ze  weiter  er  fuhr,  desto  stürmischer  wurden  die  Huldigungen.  „Bei
einer  solchen  Begeisterung  meines  Dolkes“,  sagte  der  König  mit  bewegter
Stimme  zu  seinem  Sohne,  „ist  uns  der  Sieg  sicher.  Wir  können  der
Sukunft  ohne  Furcht  entgegengehen.“

Der  Wagen  fuhr  die  Rampe  zum  Dalais  hinauf.  Der  König  stieg
aus  und,  an  die  vordere  Brüstung  derselben  vortretend,  wollte  er  zu  dem
dichtgedrängten  Dolke  sprechen.  Alllein  die  begeisterten  Rochrufe  der  nachdrängenden
  Tausenden  machten  es  ganz  unmöglich.  Er  verneigte  sich
mehrmals  und  trat  in  das  Dalais.  Da  stimmte  einer  „Beil  Dir  im
Siegerkranz“  an,  und  mit  Kraft  sangen  die  Umstehenden  die  National-
        <pb n="470" />
        464  Meuntes  Kapitel.

hymne  mit.  Don  einer  andern  Stelle  tönte  brausend  das  Hreußenlied:
„Ich  bin  ein  Hreuße,  kennt  ihr  meine  Farben?“  Berüber.  Da  erklang
aus  weiterer  Ferne  „Es  braust  ein  Ruf  wie  Donnerhall."“  Immer  mehr
stimmten  kräftig  mit  ein;  wie  mächtige  Wogen  drangen  die  Töne  herüber,
bis  auch  die  Sänger  des  Hreußenliedes  und  zuletzt  die  der  Nationalhymne
  mit  einfielen  und  zuletzt  alles  wie  ein  Mann  sang:  „Sum  Rhein,
zum  deutschen  Rhein!  Wir  alle  wollen  Hüter  sein!“  Aber  nicht  als
Kunstlied  in  vierstimmigem  Tonsatz,  wie  sonst  nur  nach  Wilhelms  Komposition
  das  vor  einem  Menschenalter  gedichtete  Lied  Schneckenburgers  in
Gesangvereinen  gesungen  war,  sondern  einstimmig  als  Volkslied,  wie  es
dann  von  hier  aus  rasch  seinen  Weg  zu  allen  deutschen  Berzen  gefunden
  hat.

Ein  Flügeladjutant  trat  unter  die  Menge,  die  immer  wieder  durch
Gesang  und  Hochrufe  auf  den  allgeliebten  König  dem  übervollen  Rerzen
Luft  zu  machen  suchte,  und  bat  sie  auseinanderzugeben,  da  der  König
noch  zu  arbeiten  habe.  Rasch  flog  das  Wort  weiter,  und  in  kurzer  Frist
war  der  weite  Hlatz  leer;  aber  noch  bis  in  die  späte  Nacht  durchzogen,
die  „Wacht  am  Rhein“  singend,  Gruppen  die  Straßen  der  Stadt.

Moch  am  späten  Abend  berief  der  König  die  Minister  zu  sich.  Der
Beschluß,  der  gefaßt  wurde,  ging  dahin,  daß  die  gesamte  Armee  des
Norddeutschen  Bundes  ungesäumt  planmäßig  mobil  zu  machen  sei.  Und
der  Telegraph  trug  den  Befehl  noch  in  derselben  Nacht  hinaus  in
alle  LCande.

Einstimmig  schloß  sich  der  Bundesrat  des  Norddeutschen  Bundes
allen  Beschlüssen  des  Bundespräsidiums  an.  Am  10.  Juli  wurde  der
telegraphisch  einberufene  Reichstag  von  dem  Könige  von  Hreußen  eröffnet,
  nachdem  schon  am  Abend  zuvor  alle  Fraktionen  des  Reichstages
übereingekommen  waren,  ohne  Debatte  alle  Dorlagen  der  Regierung  zu
bewilligen.  Mit  tief  bewegter  Stimme  las  König  Wilhelm  im  Weißen
Saale  die  Thronrede.  Wieder  und  wieder  unterbrach  ihn  der  jubelnde
Beifall  der  Abgeordneten,  aber  an  keiner  Stelle  begeisterter,  als  wie  der
Königliche  Besieger  Gsterreichs  betonte,  daß  Deutschland,  das  so  manche
Dergewaltigungen  seines  Rechts  und  seiner  Ehre  von  Frankreich  früber
schweigend  ertragen,  jetzt  in  sich  selbst  den  Willen  und  die  Kraft  trüge
zur  Abwehr  erneuter  französischer  Gewaltthat.  Da  zitterte  in  dem  greisen
Zelden  die  Mahnung  der  Königin  Luise  nach,  welche  seine  unvergeßliche
Mutter  einst  in  Schwedt  auch  an  ihn  gerichtet:  den  Ruhm  Hreußens
von  Frankreich  zurückzuerobern.  Andachtsvoll  —  es  war  ihr  Todestag
—  hatte  er  am  Worgen  im  Mausoleum  in  Charlottenburg  an  dem
        <pb n="471" />
        Preußen  und  Frankreich.  465

Grabe  der  Frübhverklärten  geweilt;  jetzt  knüpfte  er  die  begeisterungsvolle
Gegenwart  an  die  begeisterte  Vergangenheit,  indem  er  an  diesem  denkwürdigen
  10.  Juli  den  GOrden  des  Eisernen  Kreuzes  für  jegliches  Derdienst
  in  dem  bevorstehenden  Kriege  erneuerte.

Eben  wollte  Bismarck  in  die  Reichstagssitzung,  die  der  Eröffnung
sofort  sich  anschloß,  sich  begeben,  als  der  französische  Geschäftsträger  La
Sourd  ihm  gemeldet  wurde.  Er  überreichte  dem  Grafen  die  Kriegserklärung
  Frankreichs:  das  Derhängnisvolle  war  geschehen!

Hochaufgerichtet  trat  Bismarck  in
die  Sitzung,  die  eben  erst  begonnen  hatte.
Sofort  verlangte  er  das  Wort;  atemlos
lauschte  alles.  Er  begann:  „SIch  teile
dem  hohen  Hause  mit,  daß  mir  der  französische
  Geschäftsträger  soeben  die  Kriegserklärung
  Frankreichs  —.“  RKundertstimmiger,
  begeisterter  Suruf  unterbrach  ihn;
die  Abgeordneten  sprangen  von  ihren
Sitzen  auf,  und  Bändeklatschen,  Hurraruf
durchbrauste  minutenlang  den  Saal.  Endlich
  winkte  er  um  Stille  und  fuhr  fort:
„Mach  den  Worten,  die  Seine  Majestät
soeben  an  den  Reichstag  gerichtet  hat,
füge  ich  der  Mitteilung  dieser  Thatsache
nichts  weiter  binzu.“  Und  von  neuem
ertönte  Bravo  und  Hurra  ungestüm  von
allen  Seiten.

Am  folgenden  Tage  beantwortete  Das  Eiserne  Kreuz  von  1870.
der  Reichstag  in  einer  debattelos  einstimmig
  angenommenen  Adresse  an  den  König  die  Thronrede,  in  der
er  mit  warmen  Worten  die  Opferfreudigkeit  der  Nation,  das  Dertrauen
zu  der  bewährten  Kriegsleitung,  den  Glauben  an  die  gerechte  Sache
Deutschlands  aussprach.  „Möge  der  Segen  des  allmächtigen  Gottes“,
schloß  der  Dräsident  Simson  die  bewegte  Sitzung,  „auf  unserem  Dolke
ruhen  auch  in  diesem  heiligen  Kriege!“  Und  zwei  Tage  später  bewilligte
der  Reichstag  auch  mit  allen  Stimmen  gegen  die  der  beiden  Sozialdemo-=kraten
  Bebel  und  Liebknecht  die  360  Millionen  Mark,  welche  die  Regierung
  für  den  Krieg  forderte.

Nun  konnte  das  Werk  der  Waffen  seinen  Lauf  nehmen.  Da  erbot

sich  in  einem  eigenhändigen  Schreiben  an  König  Wilhelm  noch  in  letzter
Maiser  Wilhelm.  30
        <pb n="472" />
        466  Neuntes  Napitcl.

Stunde  der  Papst  Pius  IX.  zum  Friedensvermittler.  Konnte  der  König
aber  ohne  weiteres  darauf  eingehend  Hatte  er  denn  den  Krieg  ent—
zündetd  Seine  Antwort  lautete:

„Sehr  erhabener  Papst!

Ich  war  nicht  erstaunt,  sondern  tief  bewegt,  als  Ich  die  von  Ihrer
Band  aufgezeichneten  rührenden  Worte  las,  um  Mich  die  Stimme  des
Gottes  des  Friedens  hören  zu  lassen.  Wie  könnte  Mein  Zerz  einen  so
mächtigen  Ruf  nicht  hören!  Gott  ist  Mein  Seuge,  daß  weder  Ich  noch
Mein  Dolk  den  Krieg  gewünscht  oder  hervorgerufen  haben.  Indem  Wir
den  gehbeiligten  Oflichten,  welche  Gott  den  Souveränen  und  den  Nationen
auflegt,  gehorchen,  ergreifen  Wir  das  Schwert,  um  die  Unabhängigkeit
und  die  Ehre  des  Daterlandes  zu  verteidigen,  und  Dir  werden  immer
bereit  sein,  es  niederzulegen,  sobald  diese  Güter  bewahrt  sein  können.
Wenn  Ew.  Beiligkeit  Mir  von  seiten  dessen,  welcher  den  Krieg  so  unvermutet
  erklärt  hat,  die  Dersicherung  aufrichtig  friedlicher  Gesinnungen
und  Bürgschaften  gegen  die  Rückkehr  eines  ähnlichen  Angriffes  auf  den
Frieden  und  die  Ruhe  Europas  geben  könnten,  so  würde  JIch  sicher
Mich  nicht  weigern,  sie  aus  den  verehrungswürdigen  Händen  Ew.  Beiligkeit
  zu  empfangen,  mit  der  Ich  durch  die  Bande  der  christlichen  Liebe
und  einer  aufrichtigen  Freundschaft  verbunden  bin.

Berlin,  den  50.  Juli  1870.
Wilhelm.“

Von  solcher  Versicherung  indessen  war  man  in  Frankreich  fern.  Wie
sehr  aber  das  großmütige  Herz  des  Königs  zum  Vergeben  und  Vergessen
gern  bereit  war,  bewies  er  gerade  in  diesen  Tagen  in  sprechendster
Weise.  Die  Welfenlegion,  durch  die  der  König  Georg  von  Hannover
seinen  verlorenen  Thron  sich  zurückzuerobern  gedachte,  war  von  diesem,
als  finanzielle  Verluste  in  Wien  ihn  trafen,  aufgegeben  worden.  Die
Mannschaft  war  auseinander  gegangen;  aber  die  Offiziere  der  Legion
befanden  sich  in  Haris,  von  allen  Mitteln  entblößt,  in  drückendster  Lage.
Die  Reimkehr  hatten  sie  sich  abgeschnitten  und  gegen  ihr  Daterland  zu
kämpfen  konnten  sie  sich  auch  nicht  entschließen.  Da  griff  König  Wilhelm
ein:  hochherzig  verstattete  er  ihnen  nicht  nur  die  Rückkehr,  sondern  bewilligte
  auch  einem  jeden  ein  Jahrgeld  von  5600  Mark,  um  ihm  die
Möglichkeit  zu  geben,  zu  einem  nützlichen  Gliede  der  menschlichen  Gesellschaft
  sich  auszubilden.  Thränen  traten  den  Mißleiteten  ins  Auge,  als
ihnen  so  ohne  ihr  Zuthun  Hilfe  von  der  Seite  geboten  wurde,  von  der
sie  es  am  wenigsten  erwartet  und  auch  verdient  hatten.
        <pb n="473" />
        Dreußen  und  Frankreich.  467

Und  nun  beugte  sich  das  gesamte  deutsche  Dolk  vor  Gott,  um  an
dem  allgemeinen  Bettage,  den  der  König  auf  den  27.  Juli  angeordnet
hatte,  um  den  Sieg  der  gerechten  Sache  zu  beten.  Die  Kirchen  vermochten
  nicht  die  Scharen  der  Andächtigen  zu  fassen:  so  sehr  entsprach
die  Anordnung  dem  allgemeinen  Derlangen.  Im  Gebet  stärkten  sie  ihre
Suversicht.  Und  in  allen  öffentlichen  Gottesdiensten  während  der  ganzen
Dauer  des  Krieges  —  so  wollte  es  des  Königs  frommes  Gemüt  —
wurde  gebetet,  daß  Gott  die  deutschen  Waffen  zum  Siege  führen,  daß  er
den  Deutschen  Gnade  geben  möge,  auch  gegen  die  Feinde  sich  als
Christen  zu  erweisen,  und  daß  er  das  deutsche  Dolk  zu  einem  die  Ehre
und  Unabhängigkeit  Deutschlands  dauernd  verbürgenden  Frieden  in
Gnaden  gelangen  lasse.

Der  Krieg  war  da.  Schon  im  Feldanzuge  mit  hohen  Reitstiefeln
erschienen  am  28.  alle  Taufgäste  bei  dem  Kronprinzen,  der  sein  jüngst
gebdrenes  Täöchterchen,  die  Hrinzessin  Sophie,  bevor  er  ins  Feld  zöge,
taufen  ließ.  Auch  König  Wilhelm  war  in  Kriegsausrüstung.  Es  war
eine  ernste  Feier,  auf  die  der  Krieg  seinen  Schatten  warf.  „Wer  von
uns  wird  wiederkehren?“  schrieb  der  Kronprinz  am  Abend  in  sein  Tagebuch;
  aber  getrost  setzte  er  hinzu:  „Wir  siegen!“
        <pb n="474" />
        Behntes  Kapitel.
Abrechnung  mit  Frankreich.

An  Mein  Dolk!

„Indem  JIch  heute  zur  Armee  gehe,  um  mit  ihr  für  Deutschlands
Ehre  und  für  Erhaltung  unserer  höchsten  Güter  zu  kämpfen,  will  Jch
im  Hinblick  auf  die  einmütige  Erhebung  Meines  Dolkes  eine  Amnestie
für  politische  Derbrechen  und  Vergehen  erteilen.  Ich  habe  das  Staatsministerium
  beauftragt,  Alir  einen  Erlaß  in  diesem  Sinne  zu  unterbreiten.

„Mein  Dolk  weiß  mit  Mir,  daß  Friedensbruch  und  Feindschaft
wahrhaftig  nicht  auf  unserer  Seite  war.

„Aber  herausgefordert,  sind  wir  entschlossen,  gleich  unsern  Dätern
und  in  fester  Suversicht  auf  Gott  den  Kampf  zu  bestehen  zur  Errettung
des  Daterlandes.

„Berlin,  den  51.  Juli  1870.
Wilhelm.“

Das  waren  die  Worte,  mit  denen  König  Wilhelm  von  seinem  Dolke
Abschied  nabm,  als  er  sich  ins  Feld  begab.  Am  Abend  des  51.  Juli
verließ  er  Berlin.  Ein  Gewitter  brach  los,  als  der  Sug  abfuhr.  Aber
die  begeisterten  Bochrufe  der  unabsehbar  versammelten  Dolksmenge  übertönten
  den  rollenden  Donner.  Man  sah  dem  greisen  Helden  die  tiefe
Bewegung  an,  in  die  ihn  das  versetzte:  wiederholt  strich  er,  die  Rührung
zu  meistern,  nach  seiner  Gewohnhbeit  mit  der  Hand  über  den  weißen
Schnurrbart.

Schon  hatte  nach  seiner  Art  Graf  Bismarck  den  Krieg  gegen  Frankreich
  eröffnet.  In  den  „Times“  hatte  er  die  Dokumente  der  Vergrößerungspläne
  Mapoleons  veröffentlicht,  durch  welche  dieser  schon  vor  Jahren
Dreußen  hatte  ködern  wollen,  Gebietserweiterungen  Frankreichs  zu  unterstützen.
  Er  enthüllte  damit  vor  der  ganzen  Welt  die  ihre  Nachbarn  unaufhörlich
  bedrohende  Begehrlichkeit  der  napoleonischen  Regierung.
        <pb n="475" />
        Abrechnung  mit  Frankreich.  469

Den  Süddeutschen  zunächst  galt  die  Warnung;  aber  es  bedurfte
ihrer  nicht.  In  der  gleichen  Begeisterung  für  Deutschlands  Ehre  wie
der  Morden  machten  sie  ohne  jeden  Derzug  ihre  Truppen  mobil  und
stellten  sie  den  Bestimmungen  der  Bündnisse  gemäß  unter  preußischen
Oberbefehl.  Und  alle  Herzen  durchzitterte  die  Abnung,  daß  jetzt  oder
nie  das  deutsche  Daterland  zu  seiner  Einigung  gelangen  müsse  und  würde.
Und  doch  meinten  die  französischen  Kriegsschürer  mindestens  der  wohlwollenden
  eutralität  Süddeutschlands  sicher  zu  sein!  Aber  auch  sonst
erwies  sich  deren  Rechnung  als  falsch.  Die  Tripelallianz  verwirklichte
sich  nicht.  Italien  erklärte  sich  schon  am  24.  Juli  für  neutral;  und  der
Eifer,  den  manche  TKreise  in  Osterreich  zeigten,  wurde  sehr  stark  durch
die  Erklärung  Rußlands  abgekühlt,  daß,  wenn  eine  der  andern  Mächte
sich  auf  die  Seite  Frankreichs  stellen  sollte,  es  seine  Meutralität  aufgeben
und  das  Schwert  für  Dreußen  ziehen  würde.  So  traten  denn  die  beiden
Gegner,  Deutschland  und  Frankreich,  jeder  ohne  Bundesgenossen  in  den
Kampf.

In  elf  Tagen  war  die  Wobilmachung  der  deutschen  Reere  beendigt,
und  acht  Tage  später  standen  sie  schon  auf  dem  linken  Rheinufer.  Ihre
Stärke,  Feldarmee,  Ersatztruppen  und  Besatzungsmannschaften  zusammengerechnet,
  sollte  nach  dem  Alobilisierungsplane  882  000  Mann  mit  2046  Geschützen
  betragen,  aber  sie  stieg  bald,  da  sämtliche  Staaten  erbeblich  mehr
leisteten,  als  ihnen  vertragsmäßig  oblag,  auf  1  185  580  WMann  und
250  575  Pferde.

Schon  im  Winter  1868  —69  hatte  Moltke  in  Erwartung  der  Dinge,
die  da  kommen  würden,  einen  Kriegsplan  entworfen,  König  Wilbelm
genehmigte  ihn,  so  daß  er  den  ersten  Operationen  zu  Grunde  gelegt
wurde.  Danach  sollten  die  Deutschen,  dreifach  geteilt,  in  gemeinsamer
Operation  gegen  den  Feind  vorrücken  und  ihn  besiegen,  wo  sie  ihn  träfen.
Den  rechten  Flügel  des  gewaltigen  Aufmarsches  bildete  die  Erste  Armee,
zwei  Armeecorps  umfassend,  unter  dem  Befehle  des  greisen  Steinmetz.
Die  Sweite  Armee,  mehr  als  dreifach  so  stark,  rückte,  von  dem  Hrinzen
Friedrich  Karl  geführt,  in  der  Mitte  von  der  Hfalz  aus  vor.  Nur  wenig
schwächer  war  die  Dritte  Armee,  die  den  linken  Flügel  des  deutschen
Reeres  darstellte.  Susammengesetzt  aus  zwei  preußischen  Armeccorps  und
den  süddeutschen  Truppen,  hatte  sie  in  dem  Kronprinzen  Friedrich  Wilhelm,
  dem  gefeierten  Sieger  von  Königgrätz,  gerade  den  rechten  Anführer
erhalten.  Denn  gerade  die  Süddeutschen  galt  es  bei  aller  Begeisterung,
welche  sie  für  die  deutsche  Sache  zeigten,  doch  mit  dem  preußischen  Oberbefehle
  auszusöhmnen.  Und  wer  hätte  das  besser  vermocht,  als  „unser
        <pb n="476" />
        470  Sehntes  Kapitel.

Fritz“,  dem  die  ungekünstelte  Art  sich  zu  geben  ebenso  wie  die  schneidige
Energie,  die  er  im  rechten  Moment  zu  entwickeln  wußte,  in  wenig  Tagen
schon  das  volle  Dertrauen  auch  der  süddeutschen  Truppen  gewannd  Aber
auch  das  erschwerte  die  Führung  gerade  dieser  Armee,  daß  sie,  um  zugleich
  die  linke  Flanke  der  Sweiten  Armee  und  Süddeutschland  gegen
Unternehmungen  des  Feindes  aus  dem  Elsaß  zu  decken,  von  vornherein
auf  ein  angriffsweises  Vorgehen  in  einer  von  den  Bewegungen  der
beiden  andern  Armeen  anfangs  abweichenden  Richtung  angewiesen  war.
„Große  Unternehmungen  werde  ich  schwerlich  ausführen  können“,  meinte
daher  der  Kronprinz.  Allein,  sobald  er  mit  seiner  Armee  die  feindliche
Grenze  überschritten  hatte,  bewies  er  sofort  das  Gegenteil.

Den  Oberbefehl  über  die  gesamten  deutschen  Heere  übernahm  natürlich
  wieder  König  Wilhelm  selbst.  Don  Mainz  aus  kündigte  er  am
2.  August  es  den  Truppen  an:

„Ganz  Deutschland  stebt  einmütig  in  den  Waffen  gegen  einen  Wachbarstaat,
  der  uns  überraschend  und  ohne  Grund  den  Krieg  erklärt  hat.
Es  gilt  die  Derteidigung  des  bedrohten  Daterlandes,  unserer  Ehre,  des
eigenen  Herdes.  Ich  übernehme  heute  das  Kommando  über  die  gesamten
  Armeen  und  ziebe  getrost  in  einen  Kampf,  den  unsere  Däter  in
gleicher  Lage  einst  ruhmvoll  bestanden.  Mit  Mir  blickt  das  ganze  Daterland
  vertrauensvoll  auf  Euch.  Gott  der  Berr  wird  mit  unserer  gerechten
  Sache  sein.  Wilhelm.“

Einfach  als  seine  Pflicht  faßte  der  König  die  Führung  des  Ober—
befehls  auf.  Er  achtete  seiner  73  Jahre  nicht.  Das  war  selbst  in  der
Geschichte  der  Hohenzollern,  des  kriegerischesten  Herrschergeschlechtes,  das
die  Weltgeschichte  kennt,  ohne  Beispiel.  Denn  Friedrich  der  Große  zählte
doch  erst  66  Jahre,  als  er  in  den  Bayrischen  Erbfolgekrieg  hinauszog.
Und  nimmer  sich  schonend,  führte  König  Wilhelm  den  Oberbefehl  höchst
wirksam.  Er  übte  auf  die  militärischen  Operationen,  die  er  genau  über—
wachte,  den  maßgebenden  Einfluß  aus;  in  der  Armeeverwaltung  und  der
Verwendung  des  Armeepersonals  traf  er  die  entscheidenden  Bestimmungen.
Er  war  es,  der  das  gewaltige  Heer  geschaffen  hatte;  und  er  zeigte,  daß
er  es  zu  gebrauchen  wußte.  Gewisse  strategische  Grundgedanken,  die  der
König  schon  in  dem  badischen  Feldzuge  durchzuführen  gestrebt  hatte,
kehren  auch  in  dem  französischen  Feldzuge  wieder.  Denn  wenn  er  auch
für  den  Aufmarsch  und  die  ersten  Operationen  den  Kriegsplan  Moltkes
billigte,  so  führten  doch  sehr  bald  die  Ereignisse  dahin,  daß  der  König
in  sich  selbst,  was  notwendig  war,  finden  mußte.  Einen  Kriegsrat  hat
König  Wilbelm  während  des  ganzen  Krieges,  ebensowenig  wie  Friedrich
        <pb n="477" />
        Abrechnung  mit  Frankrcich.  471

der  Große,  gehalten:  er  verlangte  die  genauesten  Berichte,  trug  meist
selbst  das  Nötige  in  seine  Karte,  eine  Kopie  der  französischen  General—
stabskarte,  ein,  hörte  auch  wohl  die  Ansicht  seiner  erfahrenen  Berater,
gab  aber  dann  ohne  Schwanken  selbständig  die  Entscheidung.

Auf  einige  Stunden  bemächtigten  sich  die  Franzosen,  indem  sie  mit
ihrer  dreißigfachen  Übermacht  die  geringe  preußische  Besatzung  zurück—
drängten,  der  Stadt  Saarbrücken;  am  Abend  indessen  kehrten  sie  wieder

Kronprinz  Friedrich  Wilhelm  (1870).
Kupferstich  von  S.  Mandel  (Derlag  von  E.  5H.  Schröder  in  Berlin).

auf  die  Höhen  von  Spichern  vor  der  Stadt  zurück.  Nur  noch  als  Kriegsgefangene
  haben  sie  seitdem  den  deutschen  Boden  betreten.

Auch  Mapoleon  führte  in  Herson  den  Gberbefehl  über  die  französische
  Armee.  Sein  Gedanke  war,  bei  Maxau  den  Rhein  zu  überschreiten,
  um  Nord--  und  Süddeutschland  auseinanderzuhalten.  Er  ließ
daher  die  vor  Metz  stehende  Armee  sich  weiter  südwärts  nach  dem  Elsaß
ziehen.  Da  brach  auch  schon  der  Kronprinz  mit  der  Dritten  Armee  vor
und  zertrümmerte  am  4.  August  bei  Weißenburg  die  Avantgarde  der
Kranzosen  und  damit  den  ganzen  Hlan.
        <pb n="478" />
        472  Sehntes  Kapitel.

Das  war  so  schnell  gekommen,  daß  die  Siegeskunde  bei  der  Bevölkerung
  auf  Unglauben  stieß.  Aber  im  Großen  Rauptquartier  erregte  sie
helle  Freude,  und  aus  den  Worten,  mit  denen  der  König  sie  der  Königin
Augusta  mitteilte,  spricht  die  Genugthuung  des  Gberfeldherrn  zugleich
mit  dem  Stolze  des  Daterberzens  zu  uns:

„Unter  Fritzens  Augen  heute  einen  glänzenden,  aber  blutigen  Sieg
erfochten  durch  Stürmung  von  Deißenburg  und  des  dahinter  liegenden
Gaisberges.  —  Gott  sei  gepriesen  für  diese  erste  glorreiche  Waffenthat!
Er  belfe  weiter!“

Infolge  dieses  Sieges  verlegte  der  König  das  Große  Zauptquartier
am  7.  August  von  Mainz  näher  an  den  Feind  heran  nach  Homburg  in
der  Hfalz.  Die  kurze  Eisenbahnfahrt  versetzte  ihn  mitten  in  den  Krieg
hinein.  Das  kleine  Städtchen  war  mit  Sinquartierung  überfüllt;  nur
ein  paar  kleine  Simmerchen  konnten  für  den  König  beschafft  werden.
Aber  eine  stille  Freude  erhob  ihn:  hatte  er  doch  noch  kurz  vor  der  Abfahrt
  die  Nachricht  von  dem  zweiten,  noch  glänzenderen  Siege  des  Kronprinzen
  bei  Wörth  erhalten!  Und  jetzt  traf  Depesche  um  Depesche  ein,
aus  denen  immer  klarer  sich  ergab,  daß  der  Kronprinz  das  ganze  Corps
des  Mlarschalls  Mac  Mahon  vernichtet  und  zersprengt  hatte.  „Welches
Glück“",  telegraphierte  der  König  an  seine  Gemahlin,  „dieser  neue  große
Sieg  durch  Fritz.  Hreise  Gott  für  Seine  Gnade!“  Aber  auch  die  neue
große  Freude  machte  ihn  nicht  vergessen,  was  er  als  seine  Oflicht  ansah.
Stundenlang  stand  er  in  Komburg  im  Regen,  um  das  sächsische  (12.)
Armeecorps  durch  das  Städtchen  marschieren  zu  sehen.

Am  Tachmittage  des  90.  August  rückte  das  Große  HBauptquartier
nach  Saarbrücken  weiter.  In  einem  einfachen  Landauer,  den  vier  starke
Braune  zogen,  von  Hostillonen  aus  dem  Sattel  gefahren,  während  den
Bocksitz  seine  zwei  einzigen  Kammerdiener  einnahmen,  machte  der  greise
Oberfeldherr  die  Hahrt;  und  nicht  anders  hat  er  seinen  Siegeszug  bis
nach  Dersailles  gemacht.

An  dem  Siegestage  von  Wörth  war  auch  Steinmetz  mit  der  Ersten
Armee  vorgegangen  und  hatte  in  sehr  blutigem  Ringen  die  Franzosen
von  den  Höhen  von  Spichern  vertrieben.  Jetzt  biwakierten  die  Truppen
auf  den  Feldern.  Aber  auf  die  Kunde,  daß  der  König  komme,  stürmten
sie  herbei  und  stellten  sich  am  Wege  auf.  kllanche  hielten  sich  mühsam
an  Bäumen  und  Gesträuch  fest,  um  nicht  von  den  steilen  Höhen  zur  Seite
des  Weges  hinabzustürzen.  Aber  mit  begeistertem  Rurra  in  heller  Freude
begrüßten  sie  ihren  allgeliebten  Herrscher,  der  mit  freundlichem  Winke
den  Braven  dankte.  Er  besuchte  das  Schlachtfelldd  vom  sechsten.  Er  würde
        <pb n="479" />
        Abrechnung  mit  Frankreich.  473

es  nicht  für  möglich  gehalten  haben,  meinte  er,  daß  diese  Höhen  von
Spichern,  auf  denen  sich  die  Franzosen  verschanzt  gehabt  hatten,  überhaupt
genommen  werden  könnten.  Aber  aus  den  Eisenbahnzügen  hatten  sich
die  Pommern  in  den  Kampf  gestürzt  und  unter  dem  Feuer  des  Feindes
die  unersteiglich  scheinenden  Höhen  erstürmt!  Freilich  nicht  wenige  lagen
jetzt  in  den  Lazaretten  der  Stadt,  wo  sie  der  König  in  der  Frühe  des
nächsten  Morgens  besuchte  und  die  Tapferen  mit  freundlichem  Suspruch
erquickte.

Im  Begriff  jetzt  den  Boden  Frankreichs  selbst  zu  betreten,  richtete
der  König  von  Saarbrücken  aus  am  11.  August  eine  Hroklamation  an
das  französische  Dolk.  „Ich  führe  Krieg“,  kündigte  er  ihm  an,  „mit  den
französischen  Soldaten  und  nicht  mit  den  Bürgern  Frankreichs.  Diese
werden  demnach  fortfahren,  einer  vollkommenen  Sicherheit  ihrer  Herson
und  ihres  Eigentums  zu  genießen,  und  zwar  so  lange,  als  sie  Mich  nicht
selbst  durch  feindliche  Unternelmungen  gegen  die  deutschen  Truppen  des
Rechtes  berauben  werden,  ihnen  Meinen  Schutz  angedeiben  zu  lassen.“

Swischen  Saarbrücken  und  Forbach  führte  die  Landstraße  über  die
französische  Grenze.  Aber  die  vorbeimarschierenden  deutschen  Soldaten
hatten,  der  Sukunft  vorgreifend,  die  französischen  Grenzzeichen  umgestürzt.
Allein  an  den  finster-drohenden  Alienen  der  Bewohner  mochte  der  König
erkennen,  daß  er  sich  jetzt  in  Feindesland  befand.  Für  die  Nacht  blieb
das  Zauptquartier  in  dem  Städtchen  St.  Avold.  Die  Situation  war  nicht
ohne  Gefahr;  denn  von  den  rasch  vorrückenden  deutschen  Truppen  waren
außer  zwei  Kompanien  des  TLeib-Grenadierregiments  keine  in  dem
Städtchen,  während  in  den  benachbarten  Wäldern  und  Bauernhäfen  sich
Hunderte  von  versprengten  französischen  Soldaten  verborgen  hielten.  So
nahe  lag  die  Gefahr  eines  nächtlichen  Uberfalles,  daß  der  König  seinem
Kammerdiener  den  Befehl  gab,  ihm  die  Reithosen  zurechtzulegen,  falls
„es  in  der  Nacht  etwas  geben“  sollte.

Indessen  der  Frieden  der  Wacht  blieb  ungestört.  Dagegen  langten
sellr  wichtige  Tachrichten  über  die  Dorgänge  bei  der  französischen  Armee
an.  Napoleon  hatte  nach  der  zweifachen  Riederlage  am  6.  August  die
„Rheinarmee“  bis  hinter  die  Nied  zurückgenommen  und  suchte  die  vier
Corps,  aus  denen  sie  bestand,  durch  die  Heranziehung  des  sechsten  von
Thalons  zu  verstärken.  Sugleich  hatte  er  jetzt  den  Oberbefehl  an  den
Marschall  Bazaine  abgegeben.  Dieser  aber  hielt  es  für  notwendig,  die
gesamten  Streitkräfte  bis  nach  Haris  zurückzuführen  und  erst  unter  den
Mauern  der  Rauptstadt  in  eine  Entscheidungsschlacht  sich  einzulassen.  Es
war  daher  für  die  Deutschen  von  häöchster  Wichtigkeit,  vor  der  Der-
        <pb n="480" />
        474  Zehntes  Kapitel.

einigung  aller  feindlichen  Streitkräfte  die  Entscheidung  herbeizuführen.
Demgemäß  befahl  König  Wilhelm,  um  den  Abzug  der  Franzosen  zu  ver—
hindern,  den  allgemeinen  Vormarsch  der  deutschen  Heere  gegen  die  Wosel.
Das  Hauptquartier  rückte  zugleich  am  13.  August  in  der  Richtung  auf
Metz  bis  Herny  vor.  Freilich  fand  in  dem  kleinen  Grtchen  nur  die
nächste  Umgebung  des  Königs  Unterkunft;  selbst  der  König  hatte  so  wenig
Raum,  daß  seine  Kammerdiener  auf  dem  Flur  vor  der  Thür  des  Königs
schlafen  mußten.

Da  langte  auch  schon  von  Steinmetz  die  Meldung  an,  daß  er
Kühlung  mit  dem  Feinde  habe.  Denn  sein  Weg  war  der  kürzeste  gewesen:
  die  Ostseite  der  Moselfestung  Metz  war  ihm  als  Siel  gegeben.
Und  kurz  danach  traf  auch  vom  Drinzen  KFriedrich  Karl  die  gleiche  Meldung
  ein.  Sugleich  ließ  der  Prinz  bei  dem  Könige  anfragen,  wie  die
politische  Situation  sei;  er  müsse  das  wissen,  bevor  er  sich  zu  der  unmittelbar
  bevorstehenden  Schlacht  entschlösse.  Aber  der  König  ließ  ihm
antworten:  vor  der  Hand  sei  der  Sieg  in  einer  rangierten  Schlacht  ohne
alle  Rücksicht  auf  anderweitige  Derhältnisse  das  nötigste;  aus  einem  solchen
werde  weiteres  sich  leichter  vorteilhaft  entwickeln  lassen,  als  wenn  man
jetzt  schon  die  etwa  drohenden  politischen  Derhältnisse  berücksichtigen  wolle.
Als  Siel  wurde  der  Sweiten  Armee  Hont--à-Mousson  gegeben,  während
der  Kronprinz,  nachdem  er  die  Wasganpässe  überschritten,  in  der  Richtung
auf  VNancy  vorrückte.

Jedermann  fühlte  die  Entscheidung  nahe.  In  Wahrheit  aber  hatte
der  große  Entscheidungskampf  schon  begonnen.  Wie  friedlich  indes  sah
in  Herny  am  1d.  August  noch  alles  aus!  Die  Ruhe  des  Sonntags  lag
über  dem  Ort;  Glockengeläut  tönte  aus  den  benachbarten  Dörfern  herüber.
Nach  mehreren  Regentagen  stand  die  Sonne  strahlend  am  Kimmel.  Da,
am  Nachmittage,  vernahm  man  in  der  KFerne  von  Westen  her  Kanonendonner.
  Bald  steigerte  er  sich;  aber  niemand  legte  ihm  großes  Gewicht
bei.  Denn  die  allgemeine  Aleinung  war,  daß  erst  morgen,  den  Wapoleonstag
  zu  feiern,  die  Franzosen  etwas  Großes  unternehmen  würden.  Sehr
überraschend  wirkte  daher  die  Mleldung,  die  Steinmetz  am  Abend  sandte,
daß  er  seit  Mittag  mit  den  Franzosen  im  Kampfe  liege.  Die  Erste
Armee  war  auf  die  Nachhut  Bazaines  gestoßen,  die  eben,  um  abzurücken,
die  Selte  abbrach.  Sofort  war  Steinmetz  zum  Angriff  vorgegangen  und
hatte  dadurch  Bazaine,  um  seinem  angegriffenen  dritten  Corps  Hilfe  zu
leisten,  gezwungen,  auch  das  schon  abmarschierende  vierte  Corps  wieder
kehrt  machen  zu  lassen.  Bis  auf  das  Glacis  von  Wetz  waren  am
Abend  die  Hreußen  vorgedrungen;  dann  aber  hatte  sie  Steinmetz,  zahl-
        <pb n="481" />
        Abrechnung  mit  Frankreich.  475

reiche  Derwundete  aufgebend,  10  Kilometer  bis  nach  Dange  zurückgebhen
lassen,  wo  sie  bessere  Unterkunft  finden  sollten,  als  Biwaks  auf  dem
Schlachtfelde  sie  boten.

Damit  waren  aber  die  Truppen  sehr  wenig  einverstanden.  Dadurch
daß  sie  in  die  Stellungen,  die  sie  vor  der  Schlacht  inne  gehabt  hatten,
zurückkehren  mußten,  kamen  sie  sich  wie  besiegt  vor  und  zweifelten  nicht,
daß  die  Franzosen  sich  jetzt  den  Sieg  zuschreiben  würden.  Aber  auch
König  Wilhelm  fand  die  Mlaßregel  bedenklich.  Sobald  er  die  Meldung
erhalten,  fuhr  er  nach  Hange,  wo  er  zu  Dferde  stieg.  In  Hange  sah  es
wüst  aus.  Die  Männer  aus  allen  Dörfern  der  Umgegend  waren  zum
Schanzenbau  nach  Metz  berufen  worden,  die  Weiber  hatten  sich  geflüchtet,
und  in  den  leeren,  mit  Derwundeten  überfüllten  Häusern  fanden  die
Deutschen  nichts,  als  was  sie  selbst  mitbrachten.  Sofort  befahl  der  König,
daß  alle  Derwundeten,  deren  Zustand  es  nur  irgend  zuließ,  weiter  zurückgefahren
  werden  sollten,  um  in  Hange  TLuft  zu  schaffen.  Dann  beritt  er
während  des  ganzen  Nachmittags  das  Schlachtfeld,  an  Ort  und  Stelle
den  Gang  der  Schlacht  sich  veranschaulichend.  We  er  sich  zeigte,  begrüßten
  ihn  die  Truppen  mit  so  begeistertem  Burra,  daß  Augenzeugen
versichern,  es  auf  vier  Kilometer  Entfernung  gehört  zu  haben:  es  war,
als  wenn  sie  sich  sicher  fühlten,  daß  ihnen  jetzt  keine  Unbill  mehr  zugemutet
  werden  würde.

Am  Abend  kehrte  der  König  nach  Herny  zurück  und  versammellte
nach  dem  Diner  die  Generale  um  sich.  Man  berichtete  ihm,  was  die
französischen  Gefangenen  ausgesagt  hatten,  zumal  auch  von  dem  Miß—
trauen  und  der  Abneigung,  welche  die  ganze  französische  Armee  gegen
den  Kaiser  Mapoleon  zeige.  Mit  Klarheit  stellte  sich  sein  Schicksal  schon
jetzt  dem  geistigen  Auge  König  Wilbelms  dar.  „Sigentlich  thut  mir
Rapoleon  leid“,  sagte  er,  „denn  er  hat  Frankreich  besser  als  irgend  einer
seiner  Dorgänger  regiert  und  erleidet  nur  die  Folgen  davon,  daß  er  sich
einer  parlamentarischen  Regierung  in  die  Arme  geworfen  hat.  Am  besten
wäre  es,  wenn  wir  mit  ihm  Frieden  schließen  könnten;  denn  weder  eine
Republik,  noch  die  Orleans  oder  Bourbons  werden  das  Land  so  gut
regieren,  wie  er  es  regiert  hat.  Aber  freilich,  einen  gedemütigten  Napoleon
wird  Frankreich  auch  nicht  ertragen  wollen!“

Und  nun,  nachdem  er  alles  selbst  geprüft,  sprach  der  König  auch  sein
Urteil  über  das  Surückgehen  der  Ersten  Armee  auf  Hange  offen  aus.  Er
mißbilligte  es,  daß  Steinmetz  die  gewonnenen  Stellungen  nicht  behauptet
hatte;  aber  freilich,  setzte  er  hinzu,  für  den  weiteren  Gang  des  Krieges
sei  das  gleichgültig,  da  die  Entscheidungsschlacht  doch  erst  jenseit  Metz
        <pb n="482" />
        476  Sehntes  Kapitel.

stattfinden  würde.  Demgemäß  befahl  er,  daß  am  nächsten  Mittage  das
Große  Hauptquartier  nach  der  Stadt  Hont-à-Mousson  vorrücken  solle.

Der  Sieg  der  Ersten  Armee  bei  Colombey  hatte  doch  insofern  zu
der  Entscheidung  beigetragen,  als  er  Bazaine  kostbare  Zeit  gekostet  hatte.
Denn  erst  am  16.  kam  dieser  jetzt  dazu,  sein  Heer  an  der  Westseite  von
Metz  aufzustellen.  Er  wartete  nur  noch  auf  das  Heranrücken  seines  5.
und  4.  Corps,  um  dann  gemeinschaftlich  mit  diesen  den  Marsch  nach  der
Maas  westwärts  anzutreten.  Allein  ohne  Säumen,  sobald  er  nur  die
Mosel  überschritten  hatte,  griff  Hrinz  Friedrich  Karl  mit  dem  5.  Armeecorps
  den  dreifach  überlegenen  Feind  an,  erstürmte  die  Dörfer  Mars  la
Tour  und  Dionville  und  behauptete  sie  mit  unerschütterlicher  TLapferkeit
gegen  die  feindliche  Ubermacht.  während  des  Kampfes  aber  zieht
Bazaine  die  beiden  erwarteten  Corps  heran,  und  auch  die  Dreußen  erhalten
  vom  4.  und  10.  Armeecorps  Hilfe.  Aber  immer  noch  stehen  nicht.-mehr
  als  60000  Hreußen  gegen  150  000  Franzosen.  Allein  trotz  dieses
Mißverhältnisses  gelingt  es  dem  Hrinzen  durch  die  Wucht  gewaltiger
Kavallerieangriffe  den  Gegner  festzuhalten.

In  Pont-à-Mousson  wartete  auf  den  König,  als  er  gegen  Abend
dort  anlangte,  schon  die  Meldung  des  Hrinzen,  daß  er  seit  Mittag  mit
den  Franzosen  in  ein  Gefecht  verwickelt  sei.  Aber  es  schien,  daß  eine
große  Schlacht  erst  für  den  nächsten  Tag  zu  erwarten  sei.

Der  König  wohnte  in  Dont-à-Wousson  in  einem  Hrivathause,  Ecke
der  Rue  Militaire  und  der  Rue  Raugraf.  Die  Musik  des  sächsischen
Regiments  Drinz  Georg  brachte  ihm  eine  Serenade;  aber  die  feindselig
gesinnten  Einwohner  hielten  sich  fern:  man  sah  in  der  breiten  Rue
Militaire  nur  deutsche  Soldaten  und  Offiziere.

Von  dem  Städtchen  Gorze,  wo  sich  das  Hauptquartier  der  Sweiten
Armee  befand,  bis  Hont-à-Mousson  sind  50  Kilometer.  Tief  in  der
Macht  langte  daher  erst  die  Meldung  des  Hrinzen  Friedrich  Karl
von  dem  glücklichen  Ausgange  der  Schlacht  und  der  jetzt  veränderten
Stellung  seiner  Torps  im  Großen  RKauptquartier  an.  Schon  am  Abend
hatte  man  hier,  da  es  windstill  geworden,  deutlich  von  Nordwesten  her
Kanonendonner  gebört  und  mit  großer  Spannung  der  Meldung  entgegengesehen,
  allein,  da  sie  nicht  kam,  sich  doch  zur  Rube  begeben.
Jetzt  —  um  2  Uhr  nachts  —  war  die  Siegeskunde  dal  Wan  weckte
den  König.  Er  befahl  sofort  die  Reitpferde  nach  Gorze  vorauszuschicken.
Swei  Stunden  später,  als  der  Morgen  eben  graute,  saß  er  schen  selbst
im  Wagen,  in  schärfster  Gangart  dem  Schlachtfelde  zufahrend.  Bei  der
Rochfläche  von  Flavigny  verließ  er  den  Wagen  und  bestieg  den  Romeo,
        <pb n="483" />
        Abrechnung  mit  Frankreich.  477

der  den  greisen  Helden,  bis  die  große  Entscheidung  gefallen  war,  ge—
tragen  hat.  Hier  erwarteten  Prinz  Friedrich  Karl  und  der  kommandierende
  General  des  5.  Armeecorps  von  Alvensleben  den  König,  der  nun
das  ganze  Schlachtfeld  des  16.  beritt  und  sich  an  Ort  und  Stelle  von
jenen  über  den  Gang  der  Schlacht  Bericht  erstatten  ließ.  Die  Truppen,
denen  der  König  begegnete,  waren  alle  in  kampfesfreudigster  Stimmung;
sie  glaubten,  daß,  nachdem  der  König  bei  ihnen  eingetroffen,  nun  der
Kampf  bis  zur  letzten  Entscheidung  alsbald  fortgeführt  werden  würde.
Etwa  um  10  Uhr  machte  der  König  einen  kurzen  Halt;  er  stieg  vom
Pferde.  Rasch  wurden  einige  französische  Tornister  zusammengesucht,
übereinander  gelegt  und  mit  einem  Stück  Seltleinwand  überdeckt.  Darauf
ließ  sich  der  König  nieder  und  verlangte  etwas  zu  essen.  Sum  GElück
hatte  der  TLeibreitknecht  in  der  Satteltasche  etwas  kalte  Küche  mitgenommen.
  Nachdem  der  König  in  guter  Laune  davon  gegessen,  bestieg
er  wieder  den  Romeo  und  ritt  weiter.

Das  Reranrücken  der  deutschen  Corps,  die  zum  Teil  noch  die  Mosel
zu  überschreiten  hatten,  verzögerte  sich  indessen  so,  daß  Hrinz  Friedrich
Karl  es  nicht  mehr  für  ratsam  hielt,  an  demselben  Tage  noch  —  dem
17.  August  —  den  Kampf  zu  erneuern.  Dieswar  auch  die  Meinung  des
Königs.  Er  gab  daher  den  Befehl,  heute  nicht  weiter  anzugreifen,  aber
sich  auf  morgen  zu  einer  wahrscheinlich  großen  Schlacht  vorzubereiten:
Und  für  diese  traf  der  König  gleich  an  Ort  und  Stelle  die  wichtigsten
Dispositionen.  Dann  ritt  er  nach  Gorze  zurück  und  bestieg  dicht  vor  dem
Städtchen  seinen  Wagen,  um  nach  Hont-à-Ellousson  zurückzukehren.

Gorze  war  so  mit  Soldaten  und  Kriegsmaterial  überfüllt,  daß  der
Wagen  des  Königs  beim  Hindurchfabhren  einige  Augenblicke  anhalten
mußte.  In  diesem  Moment  trat  eine  Ordonnanz  an  den  Wagen  und
überreichte  dem  Könige  im  Auftrage  eines  Offiziers,  der,  in  dem  nächsten
Rause  schwer  verwundet  untergebracht,  von  dem  Horüberfahren  des
Königs  gehört  hatte,  eine  schöne  rote  Rose.  Es  war  der  Zauptmann
von  Sedtwitz  vom  72.  Inufanterieregiment,  der  seinem  Könige  diese  sinnige
RKuldigung  darbrachte.  Sie  machte  diesem  eine  so  große  Freude,  daß  er,
als  es  wieder  Frieden  geworden,  dem  Wiederhergestellten  „in  dankbarer
Erinnerung“  als  Gegengabe  sein  Bild  übersandte,  in  dessen  Goldrahmen
eine  in  mattem  Silber  getriebene  Rose  angebracht  war.

Der  Sieg  der  Deutschen  bei  Vionville  hatte  der  französischen  Armee
den  Abmarsch  nach  Thalons  verlegt  und  sie  gezwungen,  sich  näher  an
Metz  bheranzuziehen.  Hier  hatte  sie  nun  vor  den  Forts  St.  Quentin  und
Plappeville  auf  der  steil  ansteigenden  Bochfläche  von  Amamwillers,  Front
        <pb n="484" />
        478  Zehntes  Kapitel.

gegen  Westen,  eine  starke  Defensivstellung  eingenommen.  Etagenförmig
waren  am  Abhange  Schützengräben  angelegt  und  auf  der  Höhe  die
Batterien  aufgefahren.  Den  linken  Flügel  schützte  überdies  die  enge
Schlucht  von  Mance.  Die  Aufgabe  der  Deutschen  war  demnach,  aus
dieser  Stellung  die  Franzosen  in  die  Festung  Metz  bineinzudrängen.
Freilich  ihrer  ganzen  Kraft  bedurften  sie  dazu.  Indessen  war  nach  den
WMeldungen  mit  Sicherheit  anzunehmen,  daß  das  Gardecorps  und  das
pommersche  Armeecorps  schon  soweit  heran  waren,  um  mit  Erfolg  in  diese
letzte  Phase  des  Entscheidungskampfes  bei  Mietz  mit  eingreifen  zu  können.

wieder  mit  dem  ersten  Morgengrauen  verließ  der  königliche  Oberfeldherr
  Hont-à-Mlousson,  um  persönlich  den  gewaltigen  Kampf  zu  leiten.
Um  6  Uhr  bestieg  er  bei  Gorze  den  Romeo  und  ritt  zu  der  HPochfläche
hinauf,  die  zwischen  Gorze  und  Flavigny  sich  erbebt.  Hier  nahm  er  die
Mleldungen  entgegen,  die  über  den  Stand  der  deutschen  Armeecorps  wie
über  die  Aufstellung  des  Feindes  ihm  überbracht  wurden.  In  gespannter
Erwartung  verging  der  HDormittag;  denn  wenn  die  Franzosen  standhbielten,
so  mußte  es  bei  der  Uberlegenheit  ihrer  Stellung  und  ihrer  Bewaffnung
eine  sehr  blutige  Schlacht  werden.  Das  7.,  8.  und  0.  Corps  standen
zum  Angriff  bereit.  Da  gab  denn  um  Mittag  der  König  den  Befehl
zum  Horrücken.  Unter  seinen  Augen  gingen  sie  gegen  die  Wälder  Bois
des  Oignons  und  de  Daux  vor  und  griffen  die  Aufstellung  der  Franzosen
in  der  Front  an.  Nun  langte  auch  die  Meldung  des  Generals  Fransecky
an,  daß  er  mit  den  Spitzen  seines.  pommerschen  Armeecorps  um  3  Uhr
auf  dem  Schlachtfelde  eintreffen  würde.

Die  Franzosen  standen  fest.  Mit  der  größten  Heftigkeit  entbrannte
bald  der  Kampf.  Der  König  ritt  von  seinem  Standorte  herab  und  stellte
sich  weiter  nach  rechts,  seitwärts  von  dem  Dorfe  Rezonville  auf,  von
wo  er  das  ganze  Schlachtfeld  südlich  von  Gravelotte  überseben  konnte.
Die  angreifenden  Corps  hatten  den  Befehl  bekommen,  nicht  zu  stark  zu
drängen,  da  der  König  erst  durch  den  Flankenangriff  der  Garden  und
des  sächsischen  Armeecorps,  die  noch  nicht  heran  waren,  die  Entscheidung
der  Schlacht  herbeizuführen  gedachte.  So  machten  sie  bei  dem  tapferen
Widerstande  der  Franzosen  nur  geringe  Fortschritte.  Der  König  ritt
daher,  um  den  Stand  der  Dinge  besser  zu  erkennen,  auf  der  Chaussee
bis  dicht  vor  das  Dorf  Gravelotte.  Hier  nun  war  es,  wo  er  um  6  Uhr
abends  die  Meldung  erhielt,  daß  die  Umgehung  des  rechten  Flügels  des
Feindes  durch  die  Garden  und  Sachsen  vollständig  gelungen  und  bei
St.  Hrivat  der  Kampf  in  der  Flanke  der  Franzosen  beftig  entbrannt  sei.
Der  König  ritt  daher  zu  der  hochliegenden  Ferme  Malmaison  hinauf,  um
        <pb n="485" />
        König  Wilhelm  beri  Gravelotte  (18.  Kugun  1870).
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        480  Zehntes  Kapitel.

einen  freieren  Überblick  zu  gewinnen,  kehrte  dann  aber  in  die  Nähe  von
Rezonville  zurück.  Es  fing  schon  an  zu  dunkeln,  als  das  Geschützfeuer
der  Franzosen,  das  seit  fast  einer  Stunde  geschwiegen,  mit  größter  Beftigkeit
  wieder  begann.  Der  König  befand  sich  im  Bereiche  der  feindlichen
Granaten;  in  seinem  Gefolge  wurde  der  Rittmeister  von  Buddenbrock  verwundet.
  Und  nur  den  ernsten  Dorstellungen  Roons  gelang  es,  den
König  zu  bewegen,  auf  seine  Sicherheit  ZKücksicht  zu  nehmen.  In  langsamem
  Schritt  ritt  der  König  nach  dem  Dorfe.  Die  Franzosen  machten
einen  letzten  gewaltigen  Dorstoß;  allein  die  Dommern,  nach  16  stündigem
Moarsche  soeben  an  der  Schlucht  von  Mance  angelangt,  dringen  hindurch
und  treiben  durch  einen  Bajonettangriff  die  Feinde  zurück;  bis  zu  dem
Standplatze  des  Königs  tönt  ihr  siegesfreudiges  Hurra  herüber.

Der  gewaltige  Sieg  ist  errungen:  bis  unter  die  Kanonen  von  Wetz
sind  die  Feinde  zurückgeworfen.  Es  ist  Abend  geworden.  Um  den
königlichen  Sieger  sammeln  sich  seine  Haladine.  Sur  Seite  brennt  in
dem  Dorfe  eine  große  Wollspinnerei  und  erhellt  die  ganze  Umgebung
mit  unheimlichem  Lichte.  Da  sitzt  der  König  auf  einer  Leiter,  deren  eines
Ende  auf  einer  Dezimalwage,  das  andere  auf  einem  toten  französischen
Grauschimmel  ruht.  Jetzt  nach  dem  Siege,  nach  dem  spannungsvollen
Tage  verlangt  auch  ein  jeder  nach  einer  Erquickung.  Ein  Marketender
wird  Berbeigeschleppt.  Der  König  trinkt  aus  einem  Tulpenglase,  von
dem  der  Fuß  abgebrochen  ist.  Lebensmittel  sind  kaum  zu  beschaffen.
Für  den  greisen  Berrscher  werden  einige  Koteletts  zurecht  gemacht;  dazu
giebt  es  etwas  trockenes  Brot.  Mur  dem  findigen  Bismarck  ist  es  gelungen,
  noch  ein  paar  Eier  aufzutreiben,  die  er  vergnügt  an  seinem
Degenknopf  aufschlägt  und  roh  austrinkt.

Nach  Dont-à-Monusson  zurückzukehren,  ist  es  zu  spät  geworden.  Der
König  bestimmt  daher  auf  dem  Schlachtfelde  zu  übernachten.  Er  wollte
in  seinem  Wagen  schlafen;  doch  gelingt  es  noch,  in  einem  haldbzerstörten
Hause  ein  Simmer  für  ihn  ausfindig  zu  machen.  Von  dem  Krankenwagen
des  Königs  wird  eine  Bahre  herbeigeschafft,  und  auf  dieser  schläft  er,  völlig
angezogen,  nur  mit  dem  Mantel  zugedeckt,  die  Nacht  nach  seinem  großen  Siege-Es

  war  spät  geworden,  bevor  der  Nönig  sich  niederlegen  konnte:
denn  von  allen  Seiten  trafen  noch  am  Abend  die  Z-lleldungen  über  die
erlangten  Erfolge,  aber  auch  über  die  gehabten  Derluste  ein.  Dennoch
war  er  am  nächsten  Morgen  schon  um  halb  7  Uhr  wieder  ganz  munter.
Seine  Absicht  war,  wie  er  pflegte,  das  Schlachtfeld  abzureiten.  Aber  als
nun  aus  den  weiter  eintreffenden  Berichten  neben  der  Größe  des  Erfolges
  auch  die  Schwere  der  Derluste  sich  immer  deutlicher  herausstellte,
        <pb n="487" />
        König  Wilhelm  übergiebt  dem  Kronprinzen  in  Pont-a--Mousson
das  Eiserne  Krenz  1.  Klasse.

Uaiser  Wilhelm.  31
        <pb n="488" />
        482  Zehntes  Kapitel.

da  fühlte  er  sich  zu  tief  erschüttert,  um  den  Ritt  zu  unternehmen.  Er
ließ  sich  nur  von  den  Generalen  Vortrag  halten,  bestimmte,  was  weiter
geschehen  sollte,  und  bestieg  dann  seinen  Wagen,  um  nach  Hont-à-Mousson
zurückzufahren.  Ein  Gewitter  stieg  unterdessen  herauf;  unterwegs  brach
es  los,  und  unter  Blitz  und  Donner  kehrte  der  Sieger  von  Gravelotte,
gleichsam  unter  dem  Salut  des  Himmels,  in  sein  Quartier  zurück.  Elückwünschend
  suchte  ihn  hier  am  nächsten  Vormittage  der  Kronprinz  auf.
Welche  Freude  für  den  König,  dem  ruhmbekränzten  Sieger  von  Wörth
persönlich  das  Eiserne  Kreuz  1.  Klasse  zu  überreichen!  Es  war  das  erste
dieser  Klasse,  das  in  dem  Feldzuge  zur  Verleihung  kam.

Schon  in  Zezonville  hatte  der  König  befohlen,  daß  die  Erste  Armee
unter  den  Oberbefehl  des  Hrinzen  Friedrich  Karl  treten  sollte,  dem  die
Einschließung  der  Festung  Metz  und  der  darin  gefangenen  französischen
„Rheinarmee“  übertragen  war.  Dafür  aber  gab  dieser  von  seiner  Armee
das  Gardecorps,  das  4.  und  12.  Armeecorps  sowie  2  Kavalleriedivisionen
her,  aus  denen  die  „Maasarmee“  unter  dem  Gberbefehle  des  Kronprinzen
Albert  von  Sacksen  gebildet  wurde.  Ihre  Aufgabe  war,  im  Derein  mit
der  Dritten  Armee,  die  der  preußische  Kronprinz  führte,  gegen  die  Armee
zu  operieren,  die  der  Marschall  Wac  Mahon  in  einer  Stärke  von
150  000  Mkann  in  dem  Lager  von  Chalons  zusammengebracht  hatte.
Bei  dieser  befand  sich  auch  der  Kaiser  Napoleon.  Schon  reichten  nach
einem  Marsche  weniger  Tage  die  beiden  „Kronprinzen-Armeen“  zu  gemeinsamem
  Angriffe  auf  das  Lager  von  Chalons  sich  die  Hand,  als  die
überraschende  Meldung  einging,  daß  das  Lager  leer  sei.  Napoleon  hatte
dem  Marschall  befohlen,  es  zu  verlassen  und  längs  der  belgischen  Grenze
vorzugehen,  um  den  in  Metz  eingeschlossenen  Bazaine  zu  entsetzen.  Das
Siel  der  beiden  Kronprinzen  war  demnach,  die  Armee  des  Marschalls
zwischen  sich  zu  bringen,  bevor  sie  Metz  erreichen  könnte.  Die  Dritte
Armee  schwenkte  daher  rechts  nordwärts  ein:  eine  höchst  schwierige  taktische
Bewegung,  die  der  Kronprinz  ohne  jede  Stockung  mit  erstaunlicher
Schnelligkeit  vollzog,  während  die  Maasarmee  in  gerader  Richtung  westwärts
  vorrückte.  Sie  hatte  den  kürzeren  Weg  und  mußte  also  zuerst
auf  den  Feind  treffen.

Das  Große  Zauptquartier  blieb  unterdessen  noch  bis  zum  25.  August
in  Hont--à-Mousson;  dann  rückte  es  nach  dem  Städtchen  Commercy  vor.
Durch  Zufall  wurde  hier  für  den  König  in  demselben  Hause  Cuartier
gemacht,  in  dem  er  in  dem  Feldzuge  von  1815  im  Gefolge  seines  königlichen
  Daters  gewohnt  hatte.  Der  Dergleich  der  Seiten  drängte  sich  ihm
auf:  aber  wie  ganz  anders  als  damals  war  jetzt  die  Stellung  Hreußens!
        <pb n="489" />
        Abrechnung  mit  Frankreich.  483

Schon  am  nächsten  Tage  fuhr  der  König  weiter  nach  Bar-le-Duc,
einer  höchst  malerisch  gelegenen  Stadt,  die  durch  manche  Reste  mittelalterlicher
  Architektur  interessant  ist.  Die  Einwohner  hatten  noch  nichts
von  den  großen  Siegen  der  Deutschen  bei  Metz  gehört,  und  als  man
ihnen  davon  erzählte,  glaubten  sie  es  nicht,  wie  sie  denn  nicht  den  ge—
ringsten  Zweifel  hegten,  daß  Frankreich  siegreich  aus  dem  Kampfe  hervorgehen
  würde.  Die  widersprechendsten  Meldungen  gelangten  hier  an  den
König.  „Es  scheint  fast“,  äußerte  er,  „als  wolle  Napoleon  sich  nicht
nach  Paris,  sondern  nach  dem  Vorden  zurückziehen.  Unsere  Kavallerie
ist  schon  in  Chalons  eingerückt  und  hat  erfahren,  daß  die  Armee  Mac
Mahons  von  dort  mit  der  Direktion  auf  Reims  und  die  Festungen  im
Norden  abmarschiert  ist.“  Diese  Unklarheit  der  Situation  veranlaßte  den
König,  auch  den  folgenden  Tag  noch  in  Bar-le-Duc  zu  bleiben;  dann
aber  ließ  er  am  26.  das  Große  Hauptquartier  gleich  um  45  Kilometer
bis  nach  Clermont  in  den  Argonnen  vorrücken.  Die  Bewegung  Mac
Mahons  war  jetzt  klar.  Der  Gedanke  der  Generale  war,  ihn  über  die
belgische  Grenze  zu  drängen  und  dadurch  zur  Triederlegung  der  Waffen
zu  nötigen.  König  Wilbelm  nahm  diesen  Gedanken  an;  er  befahl,  daß
die  Spitzen  der  beiden  „Kronprinzen-Armeen“  eine  Rechtsschwenkung  ausführen
  und  dadurch  den  Gegner  zugleich  von  Paris  und  von  Metz  abschneiden
  sollten,  so  daß  ihm  nichts  anderes  übrig  bliebe,  als  auf  neutrales
Gebiet  überzutreten  oder  sich  zu  ergeben.  Und  nun  eilte  er,  dem  Schauplatze
  des  Ereignisses  nahe  zu  sein.  Kurz  vor  dem  Aufbruche  nach
Tlermont  traf  der  Kronprinz  Friedrich  Wilhelm  im  Großen  Kaupt--quartier
  ein  und  empfing  mündlich  die  Instruktion  seines  königlichen
Daters  für  die  veränderte  Gperation.

Tlermont  ist  ein  ärmliches  Bergstädtchen,  in  dem  notdürftig  nur  die
engere  Umgebung  des  Königs  untergebracht  werden  konnte.  So  sehr  fehlte
es  an  allem,  daß  die  Lichte  in  Weinflaschen  gesteckt  wurden,  dem  HKönige  zu
leuchten.  Dazu  kam  andauerndes  Regenwetter,  das  alle  Wege  aufweichte.

Am  230.,  als  beide  Armeen  in  ihre  Warschschwenkung  eingetreten
waren,  wurde  das  Große  Rauptquartier  gerade  nordwärts  nach  Grand
Dré  vorgeschoben.  Aber  schon  unterwegs  in  Darennes  erhielt  der  König
die  Meldung,  daß  die  Spitzen  der  vorrückenden  Armeen  bereits  vollständig
Kühlung  mit  dem  Feinde  hätten.  Eine  Schlacht  stand  also  nahe  bevor.
Um  4  Uhr  langte  der  König  in  Grand  Dré  an,  wo  er  in  dex  Apotheke
des  kleinen  Ortes  wohnte.  Nach  dem  Diner  versammelte  er  die  Generale
  um  sich.  Denn  ein  französischer  Generalstabsoffizier  war  von  den

5.  Garde-Ulanen  abgefangen  worden,  dessen  Brieftasche  wichtige  Kach-31
        <pb n="490" />
        484  Zehntes  Kapitel.

richten  über  die  Absichten  und  Bewegungen  des  Feindes  enthielt.  Nun
kam  es  darauf  an,  den  möglichsten  Nutzen  daraus  zu  ziehen.

Am  30.  August  verließ  der  König,  um  der  erwarteten  Schlacht  bei—
zuwohnen,  schon  in  der  Morgenfrühe  Grand  Pré  und  stieg  schon  eine
Stunde  davon  bei  Sommauthe  zu  Pferde.  Unter  seinen  Augen  warf  der
Kronprinz  Albert  die  beiden  ihm  gegenüber  stehenden  französischen  Corps
bei  Beaumont  zurück  und  nötigte  dadurch  Mac  Mahon,  mit  seiner
ganzen  Armee  binter  der  Maas  Deckung  zu  suchen.  Aber  unmittelbar
hinter  den  Franzosen  überschritt  auch  die  Maagsarmee  den  Strom.  Da
zog  auch  schon  mit  der  Dritten  Armee  der  Kronprinz  Friedrich  Wilhelm
heran,  um  von  Süden  und  Westen  den  Feind  zu  umfassen  und  ihn  dadurch
  von  TChalons  und  Haris  abzuschneiden.

Fast  den  ganzen  Tag  blieb  der  König  zu  Hferde,  kehrte  aber  am
Abend  nicht  nach  Grand  Oré  zurück,  sondern  nahm  sein  Nachtquartier  in
Buzancy,  wohin  am  Wachmittage  das  Große  Zauptquartier  vorgerückt  war.
Der  ganz  kleine  Ort  war  so  gedrängt  voll  Truppen  aller  Art,  daß  die  Diener
und  Pferde  des  RKauptquartiers  unter  offenen  Thorwegen  oder  im  Freien
die  Nacht  zubringen  mußten.  Auch  für  den  König  war  nur  ein  kleines
Simmerchen  vorhanden,  in  dem  man  ihn  bis  Mitternacht  am  Tische  sitzen
sah.  Er  schrieb  einen  langen  Brief  an  den  Kaiser  Alexander  von  Rußland,
  eingehend  ihm  von  dem  bisherigen  Gange  des  Kampfes  zu  berichten.

Gleichwohl  war  er  am  nächsten  Morgen  schon  um  5  Uhr  wieder
auf.  Er  ritt  zu  derselben  Höhe  wieder  hinauf,  von  der  er  am  vorhergehenden
  Tage  die  Schlacht  bei  Beaumont  überschaut  hatte.  Sie  gewährte
  einen  weiten  Überblick  über  das  Maasthal,  in  welchem  Mac  Mahon
seine  Armee  um  die  kleine  Festung  Sedan  zusammengezogen  hatte.  Tiefe
Ruhe  lagerte  über  dem  Gelände.  Gegen  11  Uhr  indessen  sab  man
hinter  dem  Dorfe  Bazeilles  über  den  dunkel  bewaldeten  Höhen  kleine
weiße  Rauchwolken  sich  emporkräuseln.  Es  war  das  Seichen,  wenn  auch
wegen  der  weiten  Entfernung  Kanonendonner  nicht  zu  hören  war,  daß
die  Dritte  Armee  heran  sei.  Während  der  König  nun  das  Schlachtfeld
beritt,  traf  er  bei  La  Besace  mit  Moltke  zusammen,  der  ihm  genauen
Bericht  über  die  Bewegungen  der  beiden  „Kronprinzen-Armeen“  gab.
Die  Umfassung  des  Gegners  war  im  Begriff  sich  zu  vollenden:  und  König
Wilhelm  gab  den  Befehl  zur  Schlacht  bei  Sedan!  Am  nächsten  Tage
sollte  von  allen  Seiten  her  der  Angriff  auf  die  französische  Armee  erfolgen,
falls  diese  es  nicht  vorzöge,  über  die  nahe  belgische  Grenze  zu  entweichen.
Eine  solche  Entscheidung  ohne  neues  Blutvergießen  war  aber  König
Wilhelms  lebhaftester  Wunsch.
        <pb n="491" />
        Abrechnung  mit  Frankreich.  485

Das  Hauptquartier  der  Dritten  Armee  war  schon  bis  Chemery  vor—
geschoben.  Dorthin  begab  sich  von  dem  Schlachtfelde  der  König.  Mit  seinem
Heldensohne  hatte  er  eine  lange  Unterredung.  Denn  eine  Schlacht  ist  unter
allen  Umständen  ein  sehr  ernstes  Ding.  Darüber  war  es  spät  geworden;
erst  mit  Einbruch  der  Dunkelheit  langte  er  in  Vendresse  an,  wohin  er,  um
der  Entscheidung  nahe  zu  sein,  das  Große  Hauptquartier  vorgeschoben
hatte.  In  dem  prachtvoll  eingerichteten  Hause  des  Kaufmanns  Haumont
hatte  hier  der  König  sein  Quartier.  Zum  Thee  beschied  er  die  Generale  zu
sich:  und  nun  gab  er  ihnen  die  Dispositionen  für  die  bevorstehende  Schlacht
und  ließ  sie  sogleich  durch  Ordonnanzen  an  die  Armeecorps  befördern.

Ein  dichter,  weißer  Nebel  lag  in  der  Frühe  des  1.  September  über
dem  breiten  Thale  der  Maas.  Hier  und  da  blitzte  im  Süden  ein  Feuer—
schein  hindurch:  es  war  der  Angriff  der  Bayern  auf  Bazeilles.  Um
6  Uhr  früh  verließ  der  König  Dendresse.  In  TCheveuges  am  Fuße  des
Bergrückens,  der  hier  das  Maasthal  begrenzt,  stieg  er  zu  Pferde.  Es
war  8  Uhr.  Er  ritt  den  Bergrücken  hinauf  und  nahm  dann  seine  Aufstellung
  zwischen  Krenois  und  Wadelincourt.  Allein  bald  bemerkten  ihn
die  Franzosen  und  richteten  in  der  Festung  ihr  schweres  Geschütz  nach  der
Stelle.  Mehrere  Granaten  schlugen  in  der  Nähe  des  Königs  ein,  so  daß
er  den  Befehl  gab,  die  Dferde  hinter  den  Rand  der  Höhe  zurückzuführen.

Um  11  Uhr  war  die  Schlacht  auf  der  ganzen  Linie  im  Gange.
Der  Kronprinz  Friedrich  Wilhelm  hatte  persönlich  von  der  Höhe  bei
Donchery  das  Dorrücken  seines  linken  Flügels  geleitet;  jetzt  kam  er  von
dort  zu  dem  Könige  herüber  und  blieb  bis  zum  Ende  der  Schlacht  in
seiner  Nähe.  Um  halb  4  Uhr  war  die  völlige  Einschließung  der  Franzosen
  vollendet;  und  jetzt  kam  denn  auch  die  Meldung,  daß  alles  in  die
Festung  aufgelöst  hineindränge.  Allein  kein  Seichen  erschien,  daß  sie  an
Ergebung  dächten.  Da  befahl  denn  der  König,  um  dem  schon  wankenden
  Feinde  den  letzten  Kalt  zu  nehmen,  daß  die  schweren  baprischen
Batterien  ihr  Feuer  auf  die  Festung  konzentrieren  und  sie  in  Brand
schießen  sollten.  Das  wirkte  indessen  auch  noch  nicht.  Dennoch  ließ  der
König,  sobald  an  mehreren  Stellen  in  der  Stadt  die  Flammen  aufschlugen,,
das  Feuer  einstellen  und  sandte  den  Oberstleutnant  Bronsart  von  Schellendorff
  als  Harlamentär  in  die  Stadt,  um  Festung  und  Armee  zur  Ergebung
aufzufordern.  Sugleich  meldete  er  der  Königin  in  Berlin  durch  den  Feldtelegraphen
  die  „siegreich  fortschreitende  Schlacht."“

Bronsart  wurde  in  die  Festung  eingelassen  und  auf  seine  Frage  nach
dem  Gberstkommandierenden  vor  den  Kaiser  Tapoleon  geführt,  der  ihm
sofort  einen  Brief  an  den  König  übergeben  wollte.  Der  Kaiser  fragte
        <pb n="492" />
        486  Zehntes  Kapitel.

ihn,  was  er  für  Aufträge  habe.  Als  Bronsart  erwiderte:  „Armee  und
Festung  zur  Übergabe  aufzufordern“,  wies  ihn  Napoleon  an  den  General
von  Wimpffen,  der  für  den  blessierten  Mac  Mahon  soeben  das  Kommando
übernommen  habe,  und  fügte  hinzu,  daß  er  nunmehr  seinen  Generaladjutanten
  Reille  mit  dem  Briefe  an  den  König  absenden  werde.

Es  war  7  Uhr,  als  Bronsart  und  Reille  bei  dem  König  anlangten.
Zu  seiner  Überraschung  vernahm  dieser,  daß  Napoleon,  den  er  fern  ge—
glaubt  hatte,  in  der  Festung  anwesend  sei.  In  einiger  Entfernung  sprang
Reille  vom  Pferde  und  überreichte  dem  Könige  den  Brief  Napoleons,
indem  er  hinzufügte,  daß  er  sonst  keine  Aufträge  habe.  Allein  bevor  der
König  den  Brief  noch  öffnete,  sagte  er  zu  Reille:  „Aber  ich  verlange  als
erste  Bedingung,  daß  die  Armee  die  Waffen  niederlege.“

In  dem  Schreiben  erklärte  Napoleon,  daß  er  sich  dem  König  ergebe,
alles  weitere  ihm  anheimstellend.  Auf  der  ganzen  Gefechtslinie  war  das
Geschützfeuer  verstummt;  kaum  daß  auf  den  entferntesten  Punkten  noch
vereinzelte  Kanonenschüsse  fielen.  Atemlose  Stille  herrschte  in  der  ganzen
zahlreichen  Umgebung  des  Königs;  er  winkte  ihr  zurückzutreten,  als
Reille  ihm  den  Brief  übergab.  Nur  ein  wirres  Summen  von  den
Tausenden  vom  Kampfe  ruhender  Krieger  tönte  aus  dem  Thale  herauf.
Der  König  las  den  Brief;  ohne  ein  Wort  zu  äußern,  übergab  er  ihn
dann  Bismarck,  der  ihn  dem  Kronprinzen,  Roon  und  Moltke  vorlas.
Der  König  trat  herzu,  wechselte  einige  Worte  mit  ihnen  und  befahl  dann,
Schreibzeug  herbeizubringen.  Das  war  nicht  leicht:  indes  der  Großherzog
von  Weimar  hatte  Tinte  und  Feder  bei  sich,  der  Kronprinz  Papier  in
der  Satteltasche.  Ein  Tisch  wurde  dadurch  hergestellt,  daß  der  Flügel—
adjutant  von  Alten  zwei  rasch  herbeigebrachte  Strohsessel  aufeinandersetzte
und  der  Leutnant  von  Gustedt  seine  Säbeltasche  darauf  legte.  Darauf
schrieb  der  König  nach  einer  kurzen  Besprechung  mit  jenen  ihm  zunächst
stehenden  Männern  seines  Vertrauens  stehend  die  Antwort:

„Monsieur  mon  frerel

„En  regrettant  les  circonstances  dans  lesquelles  nous  nous  ren-Controns,
  j’accepte  Iépée  de  Votre  Majesté  et  je  vous  prie  de  bien  vouloir
  nommer  un  de  Vos  officiers  muni  de  Vos  pleins  pouvoirs,  pour
traiter  la  capitulation  de  Parmée  qui  s'est  si  bravement  battue  sous  Vos
ordres.  De  mon  cC6té  j'ai  designé  le  général  Moltke  à  cet  effet.  Je
suis  de  Votre  Majesté  le  bon  frère

Devant  Sédan  le  1.  Septembre  1870.

Guillaume."“
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        488  Sehntes  Kapitel.

Den  Brief  übergab  der  König  selbst  dem  General  Reille;  dann
wechselte  er  noch  einige  Worte  mit  ihm  als  einem  alten  Bekannten  und
entließ  ihn.  Mit  Glückwünschen  drängten  jetzt  alle  Anwesenden  herzu;
die  Spannung  löste  sich  in  eine  unbeschreibliche  Begeisterung  auf;  König
und  Kronprinz  fielen  sich  um  den  Hals;  manchen  flossen  Thränen.  Außerlich
  wohl  erschien  der  König  ruhig;  doch  konnte  man  die  tiefe  Bewegung
seines  Innern  in  seinen  Sügen,  im  Ausdruck  seines  Auges  lesen.  Freundlich
  reichte  er  diesem  und  jenem  die  Hand.  Aber  auf  Bismarcks  Elückwünsche
  antwortete  er  ernst:  „Dies  welthistorische  Ereignis,  fürchte  ich,
bringt  uns  den  Frieden  noch  nicht.“  Und  nun,  als  die  Aufregung  sich
ein  wenig  gelegt,  schrieb  er  rasch  eine  Depesche  nieder,  der  Königin  daheim
  das  Große,  was  geschehen  war,  mitzuteilen.

Auf  dem  Schlachtfelde  vor  Sedan,  1.  Sept.  70,  7  ¼  Uhr.

„Die  französische  Armee  ist  in  Sedan  eingeschlossen  und  der  Kaiser
Aapoleon  hat  Mir  den  Degen  dargeboten.  Ich  habe  ihn  angenommen
und  verlange  die  Kapitulation  der  Armee  als  Kriegsgefangene.  Gott

hat  uns  sichtlich  gesegnet.
Wilhelm.“

Allein  an  die  Königin  ist  diese  Depesche  niemals  gelangt;  daher
fehlt  sie  in  der  Reihe  der  Kriegsdepeschen  König  Wilhelms.  Die  Or—
donnanz,  der  sie  zur  Besorgung  übergeben  war,  verirrte  sich  in  der
Nacht  und  vermochte  auch  am  folgenden  Tage  den  Feldtelegraphen  nicht
aufzufinden.  Schließlich  gelangte  sie  statt  nach  Darennes,  wo  die  Tele—
graphenstation  des  Großen  Hauptquartiers  war,  nach  Donchery  in  das
Hauptquartier  der  Dritten  Armee.  Sie  übergab  hier  die  Depesche  dem
Feldtelegraphen,  der  dieselbe  sofort  weiter  telegraphierte;  allein  in  Berlin
ist  das  Telegramm  niemals  angelangt.  Indes  als  am  2.  auf  Befehl
des  Königs  in  Berlin  Viktoria  geschossen  wurde,  da  begriff  auch  so  ein
jeder  den  großen  Sieg.

Kehren  wir  auf  das  Schlachtfeld  zurück!

Als  der  Abend  hereinbrach,  fuhr  König  Wilhelm  zu  Wagen  nach
Vendresse  zurück.  Aber  die  wunderbare  Kunde  von  der  Ergebung  des
französischen  Kaisers  war  ihm  vorausgeeilt;  zu  jedem  Biwak  der  sieg—
reichen  Heere  war  sie  gedrungen,  und  unbeschreiblicher  Jubel  erhob  sich
überall,  wo  der  König  vorüberfuhr.  Die  Soldaten  zündeten  Freudenfeuer
an,  und  in  Vendresse  hatten  sie  auf  dem  Markte  aus  Mangel  an  Holz
einen  großen  Strohhaufen  aufgetürmt,  den  sie  unter  Hurrarufen  in  Brand
steckten,  als  der  König  nahte.  Das  Musikcorps  der  Königsgrenadiere
        <pb n="495" />
        Abrechnung  mit  Frankreich.  489

r.  7  zog  vor  das  königliche  Quartier,  dem  allgeliebten  Sieger  eine
Serenade  darzubringen.  In  allen  Zäusern  des  Städtchens  waren  Soldaten
  einquartiert:  sie  illuminierten  die  Fenster,  so  gut  es  die  Derhältnisse
zuließen,  und  zogen  in  ihrer  Berzensfreude  die  halbe  Nacht,  singend  und
Rochrufe  ausbringend,  durch  die  Straßen.  Auch  der  König  versammelte
seine  Umgebung  um  sich  und  trank  mit  ihr  auf  das  Wohl  der  Armee,
„die  solches  Ereignis  erkämpfte“.

Am  andern  Worgen  war  der  König  frisch  und  ruhig,  wie  immer.
Aber  die  Tiefe  seiner  Seele  bewegte  doch  gewaltig  der  große  Sieg  und
seine  Folgen.  „Wenn  man  nur  wüßte“,  sagte  er,  „mit  wem  man  nun
Frieden  schließen  soll,  da  der  Kaiser  mein  Gefangener  ist.  Furchtbares
Schicksal  für  einen  Mann,  der  dock  eigentlich  Frankreich  gut  regiert  hat.“
Auch  der  Kaiserin  Eugenie  gedachte  er  voll  Teilnahme,  was  sie  in  Haris
nun  thun  werde.  Aber  am  lebhaftesten  weilten  seine  Gedanken  doch  bei
seinen  siegreichen  Truppen:  mit  großer  Anerkennung  gedachte  er  der  geschickten
  fsührung  des  Kronprinzen,  der  den  rechten  Flügel  des  Feindes
so  nachdrücklich  umfaßt  und  zur  Unthätigkeit  gezwungen  hatte;  er  freute
sich,  daß  auch  die  Süddeutschen  alle  zu  dem  Siege  mitgewirkt;  aber  dann
umwölkte  sich  seine  Stirn  in  Trauer,  wenn  er  an  die  Herluste  dachte,
über  die  jetzt  bald  die  Meldungen  ihm  zugeben  mußten.

In  Doncherv  waren  Moltke  und  Bismarck  zurückgeblieben,  um  die
den  Franzosen  angebotene  Kapitulation  zum  Abschlusse  zu  bringen.  Allein
die  Kapitulation  verzögerte  sich,  da  der  Kommandant  Schwierigkeiten
erhob.  Infolgedessen  blieb  die  Meldung  des  Abschlusses,  die  der  König
erwartete,  aus.  Dadurch  beunruhigt,  bestieg  er  um  8  Uhr  seinen  Wagen,
um  sich  auf  das  Schlachtfeld  zu  begeben.  In  Chemery  stieg  der  Kronprinz
  in  den  Wagen  des  Rönigs.  Fortwährend  begegneten  dem  Wagen
schwere  Batterien  von  der  Dritten  Armee  mit  endlosen  Munitionskolonnen,
die  während  der  Nacht  den  Befehl  erhalten  hatten,  gegen  Sedan  vorzugehen.
  Dann  langte  auch  Graf  Moltke,  dem  Könige  entgegenkommend,
an,  um  Weldung  zu  erstatten.  Der  König  verließ  daber  auf  der  Höhe
von  Cheveuges  unweit  eines  kleinen  Gasthauses  seinen  Wagen  und  begab
sich  mit  seinem  Gefolge  auf  den  Acker  rechts  von  der  Chaussee.  Bier
berichtete  nun  Moltke,  daß  er  den  entstandenen  Schwierigkeiten  gegenüber
alle  Reservebatterien  näher  an  die  Stadt  herangezogen  und  sie  zur  Beschießung
  Hosition  habe  nehmen  lassen,  um  sofort,  wenn  die  Kapitulation
nicht  bis  12  Uhr  mittags  von  den  Franzosen  unterzeichnet  in  seiner  Hand
wäre,  die  Beschießung  der  Festung  zu  beginnen:  eine  Entschiedenheit,  die
der  König  durchaus  billigte.
        <pb n="496" />
        490  Sehntes  Kapitel.

Zugleich  berichtete  Moltke,  daß  der  Kaiser  Napoleon  sich  in  Don—
chery  befinde.  Dieser  hatte  schon  um  5  Uhr  früh  die  Festung  zu  Wagen
verlassen.  „Wo  ist  der  König?“  fragte  er  selbst  in  deutscher  Sprache
den  Offizier  der  ersten  preußischen  Feldwache,  und  wurde  von  diesem
nach  Donchery  gewiesen.  Dort  fand  er  indessen  den  König  nicht,  wohl
aber  Bismarck  und  Moltke.  Er  blieb  daher  einstweilen  da.  Vor  einem
kleinen  Hause  in  der  Vorstadt  des  Städtchens  saß  er  auf  einer  Bank
mit  Bismarck;  aber  die  Unterhaltung  wollte  nicht  in  Fluß  kommen,  ja
Bismarck  meinte  später,  sie  sei  geschraubt  und  langweilig  gewesen:  nur
zu  begreiflich  unter  diesen  Umständen!

Unterdessen  war  König  Wilhelm  wieder  in  den  Wagen  gestiegen,
und  der  ganze  Zug  setzte  sich  in  Bewegung  nach  der  steilen  Höhe  über
Doncherv,  von  der  aus  der  Kronprinz  tags  zuvor  die  GOperationen  seiner
Armee  geleitet  hatte.  In  tiefster  Ruhe,  hell  von  der  Sonne  beschienen,
lag  jetzt  das  breite  Thal  der  Maas  zu  den  Füßen  des  Siegers.  Auf
einer  von  dem  Strome  umflossenen  Halbinsel  lagerte,  von  der  tapferen
Gegenwehr  des  gestrigen,  von  der  Boffnungslosigkeit  des  heutigen  Tages
ermattet,  die  französische  Armee,  und  aus  der  Festung  wirbelten  Rauchstreifen
  in  die  Luft,  wie  von  verglimmenden  Feuersbrünsten.  Nur  auf
der  steil  abfallenden  Chaussee,  die  nach  Sedan  führt,  jagten  in  ununterbrochener
  Folge  die  schweren  Geschütze  der  Deutschen  hinab,  um  noch
rechtzeitig  die  ihnen  zugewiesene  Stellung  zu  erreichen.  Ihr  Rasseln  tönte
bis  zu  der  Höhe  herauf,  auf  der  jetzt  der  König  stand.

Hierher  überbrachte  nun  Bismarck  die  Bitte  Mapoleons  um  eine
Unterredung  mit  dem  Könige  und  zugleich  dessen  Erbieten,  zum  Könige
auf  die  Böhe  zu  kommen.  Allein  König  Wilhelm  wünschte  dem  besiegten
Gegner  die  Demütigung  zu  ersparen,  zugleich  besorgte  er,  daß  dem  körperlich
  schwer  leidenden  Kaiser  das  Reiten  sowohl  wie  das  Sitzen  in  dem
steil  aufwärts  fahrenden  Wagen  Schmerzen  verursachen  möchte.  Er  lehnte
daher  das  Anerbieten  Mapoleons  ab,  indem  er  sich  dafür  entschied,  sobald
das  Schicksal  des  Tages,  sei  es  durch  Kapitulation,  sei  es  durch  Bombardement,
  entschieden  sein  würde,  dem  Kaiser  selbst  einen  Besuch  zu
machen,  gleichsam  den  des  Kaisers  erwidernd.  Er  schlug  dafür  das
kleine  Schlößchen  Bellevue  unweit  Donchery  vor.

Unbedingte  Waffenstreckung  der  französischen  Armee  verlangte  der
König.  Es  war  halb  12  Uhr.  Ruhig  setzte  er  sich  auf  einen  Grenzstein
und  frühstückte.  700  Geschütze  standen  bereit,  ein  vernichtendes  Bombardement
  gegen  die  Festung  zu  eröffnen.  Da  erschien  der  Bauptmanm
von  Alten  und  meldete  dem  Könige,  daß  Graf  Bismark  und  General
        <pb n="497" />
        Abrechnung  mit  Frankreich.  491

Moltke  mit  der  vollzogenen  Kapitulation  ihm  folgten.  Das  Gesicht  des
Königs  erheiterte  sich,  als  er  von  diesen  die  Kapitulation  entgegennahm.
Nachdem  er  sie  gelesen,  ließ  er  sie  durch  den  Generaladjutanten  von  Treskow
seiner  Umgebung  laut  vorlesen.  Schon  während  der  Schlacht  hatten
die  Deutschen  21000  Mann  gefangen  genommen.  Jetzt  ergab  sich  ihnen
durch  die  Kapitulation  eine  Armee  von  84  450  Mann,  darunter  1  Warschall
  und  50  Generale,  mit  sämtlichen  Adlern,  Geschützen  und  Pferden
kriegsgefangen:  ein  Triumph  für  die  Deutschen,  völlig  ohnegleichen  in
der  Peltgeschichte!  Was  wollte  hiergegen  die  Kapitulation  der  24  000
Gsterreicher  bei  Ulm,  die  bisher  für  die  größte  gegolten,  bedeuten!

„Sie  wissen  nun,  meine  Berren“,  wandte  sich  nach  der  Derlesung
der  König  an  seine  Umgebung,  in  der  sich  auch  eine  Anzahl  von  deutschen
  Fürsten  und  Hrinzen  befand,  „welch  großes,  weltgeschichtliches  Ereignis
  sich  zugetragen  hat.  Ich  verdanke  dies  den  ausgezeichneten  Thaten
der  vereinigten  Armeen,  denen  ich  mich  gerade  in  diesem  Augenblicke
gedrungen  fühle,  meinen  königlichen  Dank  auszusprechen  —  um  so  mehr,
als  diese  großen  Erfolge  wohl  geeignet  sind,  den  Kitt  noch  fester  zu  gestalten,
  der  die  Fürsten  des  Morddeutschen  Zundes  und  meine  andern
Verbündeten,  deren  fürstliche  Mitglieder  ich  in  diesem  großen  Momente
zahlreich  um  mich  versammelt  sehe,  mit  uns  verbindet,  so  daß  wir  hoffen
dürfen,  einer  glücklichen  Sukunft  entgegenzugehen.  Allerdings  ist  unsere
Aufgabe  mit  dem,  was  sich  unter  unsern  Augen  vollzieht,  noch  nicht
vollendet;  denn  wir  wissen  nicht,  wie  das  übrige  Frankreich  es  aufnehmen
und  beurteilen  wird.  Darum  müssen  wir  schlagfertig  bleiben;  aber  schon
jetzt  sage  ich  jedem  meinen  Dank,  der  ein  Blatt  zum  TLorbeer=  und
Ruhmeskranze  unseres  Haterlandes  beigetragen.“

Der  König  hatte  geendet.  Tief  ergriffen  von  dem  großen  Moment
schwiegen  alle.  Die  Dferde  wurden  vorgeführt,  und  den  ruhmbekränzten
Sohn,  der  ganz  besonders  zu  dem  Erfolge  beigetragen,  zur  Seite,  während
je  ein  Sug  der  Stabswacke  voranritt  und  folgte,  ritt  der  König  die
Doncherrhöhe  hinab  nach  Bellevue  zu,  wo  sein  hoher  Gefangener  auf
ihn  wartete.  In  gebeugter  Zaltung,  fahlgrau  im  Gesicht,  barhäuptig
mit  verworrenem  Baar  trat  der  Kaiser  auf  die  Treppe  vor  dem  Schlößchen,
  als  König  Wilhelm,  hochgewachsen,  in  kräftiger  Haltung,  mit  frischgerötetem
  Gesicht,  den  Helm  auf  dem  schneeweißen  Haar,  auf  seinem
Rappen  in  scharfem  Trabe  mit  dem  Kronprinzen  herangeritten  kam.
Stumm  reichten  die  Berrscher  sich  die  Kand,  Mapoleon  drückte  sein  Taschentuch
  gegen  die  Augen,  und  sie  traten  durch  den  Glaspavillon  des  Schlöß-
        <pb n="498" />
        492  Zehntes  Kapitel.

chens  in  das  Empfangszimmer  daneben.  In  dem  Papvillon  blieb  der
Kronprinz  zurück,  während  das  Gefolge  zu  Pferde  neben  der  Treppe  hielt.

In  dem  kleinen  Empfangszimmer  stand  König  Wilhelm,  in  der
Campagneuniform,  Überrock,  den  Helm  in  der  Hand,  frei,  die  rechte
Seite  dem  Fenster  zukehrend;  Napoleon  dagegen  in  kleiner  Generalsuniform,
  den  Stern  der  Shrenlegion  auf  der  Brust,  lehnte  sich  an  eine
Kommode,  die  links  von  der  Derandathür  an  der  Wand  stand.

Der  König  eröffnete  die  Unterredung.  Nachdem  das  Schicksal  des
Krieges,  sagte  er,  sich  gegen  den  Kaiser  gewandt  und  dieser  ihm  seinen
Degen  anbiete,  so  sei  er  gekommen,  um  ihn  zu  fragen,  welches  jetzt  seine
Absichten  seien.

Mapoleon  stellte  seine  Sukunft  lediglich  dem  Könige  anheim.

Dieser  erwiderte,  daß  er  mit  aufrichtigem  Mitgefühl  seinen  Gegner
in  solcher  Lage  sehe,  zumal  ihm  nicht  unbekannt  sei,  daß  es  dem  Kaiser
nicht  leicht  geworden,  sich  zum  Kriege  zu  entschließen.

Diese  Außerung  that  Napoleon  offenbar  wohl.  Mit  Wärme  beteuerte
  er,  daß  er  nur  der  öffentlichen  Meinung  gewichen  sei,  als  er  sich
zum  Kriege  entschlossen  habe.

„Daß  aber  die  öffentliche  Meinung“,  entgegnete  der  König,  „diese
Richtung  genommen,  das  haben  diesjenigen  verschuldet,  welche  Sie  zu
Ihren  Ratgebern  berufen.“

Mapoleon  schwieg.  So  fragte  denn  der  König,  auf  den  unmittelbaren
  Sweck  des  Besuches  eingebend,  ob  der  Kaiser  jetzt  irgendwelche
Unterhandlungen  beabsichtige.

Mapoleon  verneinte  dies;  denn  ihm  als  einem  Gefangenen  stehe
keinerlei  Einfluß  auf  die  Regierung  zu.

Wo  denn  diese  Regierung  sei,  fragte  der  König.

„In  Haris!"  entgegnete  Napoleon.

Der  König  leitete  nun  die  Unterredung  auf  die  persönliche  Lage
des  Kaisers  und  bot  ihm  das  Schloß  Wilhelmshöhe  bei  Kassel  als  Aufenthalt
  an.

Napoleon  nahm  dies  sofort  an;  besonders  schien  ihn  dabei  die  Bemerkung
  des  Königs  zu  befriedigen,  daß  ihm  zur  Sicherheit  eine  Shrenwache
  über  die  Grenze  beigegeben  werden  würde.

Im  weiteren  Verlaufe  der  Unterredung  sprach  er  die  Dermutung
aus,  daß  er  die  Armee  des  Hrinzen  Friedrich  Karl  sich  gegenüber  gehabt
habe.  Der  König  berichtigte  ihn:  es  sei  sein  Sohn  und  der  Kronprinz
von  Sachsen  gewesen,  die  bei  Sedan  gefochten.

„Und  wo  ist  denn  Hrinz  Friedrich  Karl?“
        <pb n="499" />
        Zusammenkunft  König  Wilhelmes  mit  Napoleon  III.  im  Schlosse  Delleune  bei  Sedan
am  2.  September  1870.
        <pb n="500" />
        494  Sehntes  Kapitel.

„Mit  sieben  Armeecorps  vor  Metz!“  antwortete  der  König,  scharf
die  Worte  betonend.

Da  trat  Napoleon  mit  allen  Seichen  schmerzlicher  Überraschung
einen  Schritt  zurück.  Ein  schmerzliches  Sucken  fuhr  über  sein  Gesicht;
denn  jetzt  erst  ward  ihm  klar,  daß  er  nicht  die  ganze  deutsche  Armee
gegen  sich  gehabt  habe.

Den  tief  Gebeugten  aufzurichten,  sprach  der  König  von  der  Tapferkeit,
  mit  der  die  französische  Armee  gefochten  habe.

Gern  bestätigte  Napoleon  das;  aber  —  setzte  er  hinzu  —  ihr  fehle
die  Disziplin,  welche  die  deutsche  Armee  so  sehr  auszeichne.  Die  preußische
Artillerie  sei  die  erste  der  Welt:  ihrem  Feuer  hätten  seine  Truppen  nicht
widerstehen  können.

Die  Unterredung  war  zu  Ende.  21  Minuten  hatte  sie  gedauert.
Die  Rerrscher  traten  aus  dem  Simmer  in  den  Havillon.  Tapoleon  war
in  tiefer  Bewegung.  Er  reichte  dem  Kronprinzen  die  Hand,  indem  er
mit  dem  Handschuh,  den  er  in  der  andern  trug,  sich  die  Thränen  aus
den  Augen  wischte.  Voller  Dankbarkeit  gedachte  er  dabei  der  Worte
und  der  großmütigen  Art  überbaupt,  mit  der  König  Wilhelm  ihm  begegnet
  wäre.

Mit  einem  Kändedruck  verabschiedete  sich  der  König  an  der  Treppe
von  seinem  kaiserlichen  Gefangenen.  Auch  er  war  durch  das  Geschick
Rapoleons  sehr  bewegt,  den  er  vor  drei  Jahren  auf  dem  Gipfel  seiner
Macht  gesehen  hatte.  Der  tiefe  Ernst  in  seinen  Sügen  bellte  sich  erst
auf,  als  er  zu  den  Biwaks  der  Truppen  kam.  Fünf  Stunden  hindurch
beritt  er  das  weite  Schlachtfeld  von  einem  Corps  zum  andern;  und  alle
begrüßten  ihn  mit  einem  Jubel,  daß  er  selbst  lächelnd  sagte,  so  etwas
hätte  er  denn  doch  noch  nicht  erlebt.

Darüber  kam  die  Nacht.  Mitten  im  Walde  la  Garenne  brach  überdies
  mit  heftigen  Regenschauern  ein  Unwetter  los,  so  daß  der  König  den
weiteren  Ritt  ausgeben  mußte.  In  dem  Wagen  des  DHrinzen  Allbrecht,
seines  Bruders,  der  in  der  Nähe  biwakierte,  kehrte  er  nach  Bazeilles  zurück,
wo  die  Wagen  des  großen  RZauptquartiers  warteten.  Allein  die  Reimfahrt
  war  bei  der  Dunkelheit  und  den  vielfach  versperrten  Wegen  so
schwierig,  daß  der  König  erst  um  halb  2  Uhr  nachts  in  Dendresse  wieder
eintraf.  Sechzehn  Stunden  war  der  greise  Held  in  anstrengender  und
aufregender  Thätigkeit  ohne  eine  andere  Stärkung  gewesen,  als  ein  wenig
kalte  Küche  in  Doncherv  zum  Frühstück:  jetzt  zog  er  sich  müde  und  abgespannt
  in  sein  Simmer  zurück,  während  das  Gefolge  nebenan  zu  einem
rasch  improvisierten  Souper  sich  niedersetzte.  Da,  nach  kurzer  eile,
        <pb n="501" />
        Abrechnung  mit  Frankreich.  495

öffnete  sich  die  Thür:  König  Wilhelm  trat  herein,  um  in  froher  Stim—
mung  noch  im  Kreise  seiner  Getreuen  zu  verweilen.

Dennoch  saß  er  am  nächsten  Morgen  schon  um  halb  8  Uhr  früh
wieder  am  Schreibtisch:  er  schrieb  an  die  Königin  den  berühmten
Brief  vom  3.  September,  in  welchem  er  ein  Bild  der  Schlacht  und  ihrer
Folgen  ihr  entwirft.  „Nun  lebe  wohl“,  schloß  er,  „mit  bewegtem  Herzen
am  Schlusse  eines  solchen  Briefes.“

Still,  nach  so  großen  weltbewegenden  Ereignissen,  verging  der  Tag.

Aber  eine  Feier  hatte  sich  der  König  noch  vorbehalten.  Er  ließ  beim
Diner  —  zum  erstenmal  in  diesem  Feldzuge  —  Champagner  bringen;
dann  erhob  er  sich,  seine  Mitarbeiter  an  dem  großen  Werke  durch  einen
besonderen  Trinkspruch  zu  ehren.  „Sie“  —  sagte  er  —  „Kriegsminister
von  Roon,  haben  unser  Schwert  geschärft,  Sie,  General  von  Woltke,
haben  es  geführt,  und  Sie,  Graf  von  Bismarck,  haben  seit  Jahren  durch
die  Leitung  der  Holitik  Dreußen  auf  seinen  jetzigen  Höhepunkt  gebracht!“
Und  damit  trank  er  auf  das  Wohl  der  drei  Getreuen;  er  konnte  sich  gar
nicht  genug  thun,  sie  recht  zur  Anerkennung  zu  bringen.
Anm  nächsten  Tage,  als  die  abwägende  Überlegung  wieder  in  ihre
Rechte  trat,  wurde  in  Gegenwart  des  Königs  gegen  den  Trinkspruch  eingewandt,
  daß  nicht  Moltke,  sondern  der  König  selbst  das  Schwert  „geführt.“
„Nun  ja“,  gab  der  König  nach,  „gefübrt  habe  ich  das  Schwert.  Aber“,
setzte  er  gleichsam  sich  entschuldigend,  hinzu,  „ich  hatte  im  Augenblick
kein  anderes  Wort.“  Sicher  war  es  das  nicht,  sondern  nur  wieder  einmal
  das  Bestreben  des  selbstlosen  Fürsten,  seine  Getreuen  in  den  hell  beleuchteten
  Dordergrund  zu  stellen  auf  die  Gefahr,  daß  sein  eigenes  Derdienst
  dadurch  nicht  zu  vollem  Rechte  käme.

Der  Vormarsch  der  siegreichen  Armeen  gegen  die  feindliche  Haupt—
stadt  vollzog  sich  nunmehr,  da  keine  französische  Armee  mehr  im  Felde
stand,  durchaus  ungestört.  Und  damit  rückte  denn  auch  das  Große  Rauptquartier
  stetig  nach  Südwesten  vor.  In  Rethel  machten  die  aus  Berlin
eintreffenden  Seitungen,  die  alle  voll  Jubels  über  die  gewaltige  Nieder—
schmetterung  des  französischen  Kaiserreichs  waren,  dem  HKönig  herzliche
Freude.  „Wie  nun“,  sagte  er,  „wenn  damals  die  Herren  von  der  Opposition
  ihre  Absichten  gegen  meine  Reorganisation  der  Armee  durchgesetzt
hätten!  elche  furchtbaren  Erfahrungen  würde  Hreußen  haben  machen
müssen!  Jetzt  wird  man  einsehen,  warum  ich  so  fest  geblieben  bin.“

In  Reims  verlängerte  sich  der  Aufenthalt.  Denn  nachdem  in
Daris  die  Republik  ausgerufen  war,  wollte  der  König  abwarten,  „wer
sich  an  die  Spitze  einer  etwaigen  erteidigung  stellen  und  sich  die  Macht
        <pb n="502" />
        496  Sehntes  Kapitel.

anmaßen  würde,  über  einen  Frieden  zu  unterhandeln.“  Aber  das  Bild,
das  er  in  den  nächsten  Tagen  aus  den  französischen  Seitungen  von  der
Gestaltung  der  Dinge  in  Haris  gewann,  erfüllte  ihn  mit  ernster  Sorge.
„Jetzt  fängt  der  Krieg  erst  an“,  meinte  er,  „jetzt  werden  die  Wortführer
  eine  leyée  en  masse  predigen,  wie  1814  die  bewaffneten  Bauern,
mit  denen  wir  damals  genug  zu  thun  hatten.  Wir  werden  vielleicht
noch  schwere  Tage  zu  durchleben  haben.“

Und  wirklich  trat  schon  in  den  nächsten  Tagen  das  Unwesen  der
Franctireurbanden  zu  Tage,  die,  rasch  auftauchend  und  verschwindend
viel  Schaden  im  kleinen  thaten  und  das  Land  in  Unrube  erhielten.  Mit
Infanteriepiketts  mußte  daher  die  Landstraße  besetzt  werden,  als  der
König  am  10.  September  nach  Thalons  fuhr,  um  das  dortige  Übungslager
  zu  besichtigen.  Er  besuchte  dort  den  Havillon  des  Kaisers,  das
Kasino,  die  Chalets  der  Generale;  aber  alles  lag  in  greulichster  Derwüstung.
  Die  Bewohner  der  benachbarten  Dörfer  hatten  alles  geplündert
und  zerschlagen.  So  ganz  hatte  in  der  Bevölkerung  das  napoleonische
Kaisertum  allen  Halt  verloren!

Als  Undank  erschien  das  dem  Könige.  Denn  die  Derlegung  des
Großen  Rauptquartiers  (am  14.  September)  nach  Chateau  Thierrr  führte
ihn  in  das  reizende  Marnethal.  Allenthalben  sab  man  hier  den  Segen
der  zwanzigjährigen  napoleonischen  Regierung,  vortreffliche  Landstraßen,
wohlhabende  Bauern,  sorgsame  Kultur.  Aber  die  undankbaren  Franzosen
erschienen  dem  Könige  als  ein  Dolk,  „das  alles  vergesse  und  nichts
lerne“  —  wie  er  sagte.  ·

Immer  klarer  stellte  sich  dem  Könige,  während  seine  Umgebung
nahen  Friedenshoffnungen  sich  hingab,  die  Erkenntnis  heraus,  daß  nach
allen  großen  Erfolgen  die  definitive  Entscheidung  doch  in  Wahrhbeit  erst
in  der  Einnahme  der  feindlichen  Hauptstadt  liegen  werde.  Und  diese
war  entschlossen,  sich  auf  das  äußerste  zu  wehren!  Die  ganze  Umgegend
von  Paris  war  in  eine  Einöde  verwandelt.  Noch  vor  Meaux,  dem
nächsten  Ziel  des  Großen  Hauptquartiers,  kam  der  König  durch  Dörfer,
die  von  allen  ihren  Bewohnern  verlassen  waren.  Nur  hin  und  wieder
schlich  eine  hungrige  Katze  um  die  leer  stehenden,  von  allem  Hausrat
entblößten  Wohnungen.  Nirgends  eine  lebende  Seele  außer  den  deutschen
Soldaten!  Das  erfüllte  den  König  mit  schwerer  Sorge;  auf  das  ge—
naueste  verfolgte  er  den  Anmarsch  aller  Corps  auf  der  Karte  und  berechnete
  alle  Zllöglichkeiten;  ja  er  war  auf  einen  Winterfeldzug  gefaßt.
Am  16.  kam  der  Kronprinz  nach  Meaux,  wo  nach  dem  Dortrage  der
Generale  der  König  den  Hlan  für  die  Einschließung  von  Haris  im  ein-
        <pb n="503" />
        Abrechnung  mit  Frankreich.  497

zelnen  feststellte:  fürwahr  ein  Gedanke  von  überraschender  Kühnheit,  mit
150  000  Mann  eine  Stadt  von  1/  Millionen  Bewohnern,  von  denen
mindestens  400000  zur  Verteidigung  die  Waffen  trugen,  in  einer  80  Kilometer
  langen  TLinie  einschließen  zu  wollen,  um  ihre  Ergebung  zu  erzwingen!

Bis  zum  Abend  des  10.  sollte  nach  dem  DHlane  die  Einschließung
von  Haris  vollendet  sein.  Da  meldete  der  Flügeladjutant  Fürst  Radziwill
dem  Könige,  daß  der  Kronprinz  von  Sachsen  im  Norden  von  Daris  auf
Truppen  gestoßen  wäre,  so  daß  ein  Gefecht  wahrscheinlich  sei.  Mit  der
Elastizität  eines  Jünglings  sprang  bei  diesen  Worten  der  König  vom
Stuhle  auf  und  gab  die  nötigen  Befehle.  Die  Reitpferde  sollten  nach
Claye  sofort  abgehen  und  das  Rauptquartier  nach  Ferrières  vorrücken:
Indessen  als  der  König  auf  dem  Schlachtfelde  ankam,  war  das  ganz
unbedeutende  Gefecht  schon  vorüber.  Er  beritt  daher  nur  die  Stellungen
der  Truppen;  und  bei  diesem  Ritte  war  es,  daß  er,  die  Thaussee  nach
Lille  hinaufreitend,  unweit  des  Dont  d'Iblon  östlich  von  St.  Denis  von
einem  geringen  Rügel  aus  Haris  vor  sich  liegen  sah.  Auch  1814  hatte
er  von  derselben  Seite  aus  der  Stadt  sich  genähert:  er  suchte  daher  nach
Erkennungspunkten;  doch  war  er  nicht  sicher,  ob  er  den  Triumphbogen
und  das  Hantheon  wiedererkenne.

Das  Schloß  in  Ferrières,  das  dem  Baron  Rothschild  gehörte,
war  mit  erstaunlicher  Hracht  eingerichtet.  „Ich  kann  mir“,  sagte  der
König,  „so  etwas  nicht  erlauben.  Darum  habe  ich  mich  auch  in  das
einfachste  Simmer  zurückgezogen.“  In  der  That  machte  er  das  Zadezimmer,
  in  welchem  nur  die  Badewanne  in  eine  Art  Chaiselongue  verkleidet
  war,  zu  seinem  Arbeitszimmer.  Über  Truppenbesichtigungen,  über
mancherlei  Sorgen  über  die  Derproviantierung  des  Heeres,  über  der
Freude,  daß  Straßburg  kapituliert,  kam  der  50.  September,  der  Geburtstag
  der  Königin,  heran.  Es  war  das  erste  Mal  seit  seiner  Dermählung,
daß  der  UKönig  ihn  nicht  mit  seiner  erlauchten  Gemahlin  zusammen
feierte  —  und  es  ist  auch  das  einzige  Mal  geblieben  —  aber  die  sämtlichen
  fürstlichen  Verwandten,  die  bei  der  Armee  sich  befanden,  lud  er
zur  Festtafel  nach  Ferrières.  Nur  der  Kronprinz  fehlte.  Die  Besatzung
von  Haris  hatte  in  der  Richtung  auf  Oillejuif  einen  Ausfall  unternommen,
  den  ersten,  den  sie  wagte;  aber  die  12.  Division  genügte,  ihn
zurückzuweisen.  Dann  warf  sich  der  Kronprinz  auf  ein  Ordonnanzpferd
und  erschien  mit  der  Siegesnachricht,  wenngleich  verspätet,  auf  dem
Feste,  das  seiner  königlichen  Mutter  galt.

Der  Kronprinz  blieb  die  Nacht  in  Ferrières,  da  der  König  am

Abend  sich  unwohl  fühlte  und  an  dem  Thee  nicht  teilnahm.  Indes  die
Kaiser  Wilhelm.  32
        <pb n="504" />
        498  Sehntes  Kapitel.

Nachtruhe  stärkte  den  greisen  Berrscher,  und  mit  lebhaftem  Interesse  besprach
  er  mit  seinem  sieggekrönten  Sohne  den  Herlauf  des  gestrigen  Gefechtes,
  dessen  Ausgang  ihn  besonders  erfreute,  weil  der  Sieg  trotz  des
noch  mangelhaften  Susammenbanges  und  der  Unfertigkeit  der  Einschließungsarbeiten
  errungen  worden  war.  „Wir  werden“,  meinte  er,
„bald  mehr  von  solchen  Ausfällen  zu  hören  bekommen,  namentlich  wenn
sie  erst  erfahren,  daß  wir  auf  zwölf  Meilen  Umfang  auf  jedem  einzelnen
Dunkte  viel  schwächer  sind  als  sie.  Sie  haben  ja  Leute  genug.“"  Und
daraus  ergab  sich  ihm  denn  der  Wunsch,  das  Große  Hauptquartier
näher  an  die  Umfassungslinien  heranzulegen.  Das  Ergebnis  der  Besprechung
  mit  dem  Kronprinzen  war,  daß  das  Große  Bauptquartier  nach
Versailles,  wo  sich  schon  das  RKauptquartier  der  Dritten  Armee  befand,
verlegt  werden,  der  Kronprinz  aber  die  dortige  Hräfektur  dem  Könige
überlassen  und  selbst  in  die  Dilla  aux  Ombrages  vor  der  Stadt  übersiedeln
  solle.

So  erfolgte  denn  am  5.  Oktober  die  Derlegung  des  Großen  Rauptquartiers
  nach  Dersailles.  Beim  Übergang  über  die  Seine  bei  Villeneuve
St.  Georges  erwartete  der  Kronprinz  mit  seinem  Stabe  seinen  königlichen
Dater  zur  Begrüßung.  Dann  fuhren  sie  miteinander  nach  dem  alten
Königssitze  der  Bourbonen.

Wohl  waren  auf  den  Befehl  der  republikanischen  Regierung  auch
bei  Dersailles  die  prächtigen  Alleebäume  umgehauen  und  über  die  Straßen
geworfen,  wohl  waren  auch  hier  die  Brücken  zerstört  und  das  Chausseepflaster
  aufgerissen  worden;  aber  die  Stadt  war  doch  nicht  verödet.  Die
Einwohner  waren  in  ihren  Wohnungen  geblieben,  die  Läden  waren
offen,  die  Cafés  besucht,  und  auf  den  Straßen  standen  eine  Menge
Alenschen,  selbst  Damen  in  eleganten  Toiletten,  um  den  König  von
Preußen  zu  sehen,  als  er,  seinen  ritterlichen  Sohn  zur  Seite,  abends  um
6  Uhr  ohne  alles  Gepränge  in  Versailles  seinen  Einzug  hielt,  abnungslos,
  daß  dort  sich  in  kurzer  Frist  das  größte  Ereignis  des  Jahrhunderts
ihm  vollziehen  würde.  Eine  Kaiserkrone  schwebte  über  seinem  HBaupte:
aber  nur  erst  sein  erlauchter  Begleiter  ward  sie  gewahr.
        <pb n="505" />
        <pb n="506" />
        Viertes  Buch.

Unser  Raiser.

32
        <pb n="507" />
        Erstes  Kapitel.
Kaiser  und  Reich.

Zu  neuer  Herrlichkeit  war  im  Schwabenlande  die  Hobenzollernburg
durch  die  Fürsorge  HKönig  Wilhelms  erstanden.  Wie  ein  Svymbol  mochte
das  manchen  wohl  anmuten,  der  sie  stark  und  stolz  auf  ihrem  Berge
ragen  sah.  Der  König,  die  wiedererstandene  einzuweihen,  war  auf  der
Fahrt  dorthin.  Da  trat,  als  der  Sug  in  Geißlingen  hielt  —  es  war
im  September  1867  —  aus  der  dichtgescharten  Dolksmenge  auf  dem
Balmhof  ein  angesehener  Bürger  der  Schwabenstadt  vor  und  rief  mit
weit  hallender  Stimme:  „Der  Kriegsherr  des  Morddeutschen  Zundes,  der
von  der  Dorsehung  berufene  deutsche  Kaiser:  hoch!“  Und  hundertfach
stimmte  alles  mit  ein  in  den  Ruf.  Denn  auf  „Kaiser  und  Reich“,  auf
eine  feste  und  starke  Dereinigung  der  deutschen  Stämme  ging  im  Süden
wie  im  Norden  das  Sehnen  des  deutschen  Dolkes.  -

Und  jetzt  nun,  Schulter  an  Schulter  stehend,  hatten  die  Söhne  des
Nordens  und  des  Südens  in  gemeinsamer  Anstrengung,  mit  gemeinsamer
Gefahr  den  französischen  Erbfeind  niedergeworfen:  war  es  denkbar,  daß
die  treuen  Kampf=  und  Siegesgenossen  von  Wörth  und  Sedan,  wenn  der
Krieg  vorüber  wäre,  wieder  zu  kühlen  Nachbarn  auseinandertreten  sollten  d!
Das  erschien  selbst  unter  den  Fürsten  im  Reerlager,  die  doch  „dem  Reiche“
ihre  Sonderrechte  abzutreten  hatten,  mehr  als  einem  unmöglich.  Und  in
der  Tagespresse  erhoben  sich  Stimmen:  jetzt  sei  der  rechte  Moment.  Mit
freudigem  Eifer  erfaßte  ihn  der  Kronprinz  Friedrich  Wilhelm.  Nur  gefestigt
  hatte  sich  ihm  seit  Nikolsburg  die  Überzeugung  von  der  hohen
idealen  Kraft  des  Kaisertums.  Und  am  Abend  in  Ferrieres,  als  die  Geburtstagsgäste
  wieder  auf  ihre  Dosten  vor  dem  Feinde  zurückgekehrt  waren,
redete  er  in  vertraulicher  Swiesprache  seinen  königlichen  Dater  darauf  an.
Wenig  ermutigend  klang  die  Antwort:  „Davon  verstehst  du  nichts,  Fritz!“
Denn  dem  schlichten  Sinne  des  Königs  widerstrebte  der  „Kaiser“*).  Er

*)  Hersönliche  Mitteilung  des  Kronprinzen.
        <pb n="508" />
        502  Erstes  Kapitel.

betrachtete  die  Kaiserfrage  als  gar  nicht  in  Aussicht  stehend,  indem  er  sich
auf  die  ÄAußerung  des  großen  Naturforschers  Du  Bois-Rermond  berief,
der  Imperialismus  liege  zu  Boden,  so  daß  es  in  Deutschland  künftig  nur
einen  König  von  Hreußen,  Berzog  der  Deutschen,  geben  könne.  Der
Kronprinz  wendete  dagegen  ein,  daß  die  tausendjährige  Kaiser=  oder
Königskrone  nichts  mit  dem  modernen  Imperialismus  zu  thun  habe,  daß
vielmehr  die  drei  deutschen  Könige  es  notwendig  machten,  den  Supremat
durch  die  Kaiserwürde  zu  ergreifen.  Damit  war  der  Stein  ins  Rollen
gebracht  und  sollte  trotz  des  Widerstrebens  König  Wilhelms  nicht  wieder
zur  Ruhe  kommen.

Unterdessen  vermochte  auch  das  republikanische  Frankreich  nicht  den
deutschen  Waffen  zu  widerstehen.  Am  27.  Oktober  kapitulierte  Wetz;
170000  Mann,  darunter  drei  Marschälle,  gaben  sich  kriegsgefangen.
Infolgedessen  konnte  die  Armee  des  Orinzen  Friedrich  Karl  nach  Haris
zur  Derstärkung  der  Belagerungsarmee  gezogen  werden.  Aber  auch  so
blieb  es  für  diese  eine  schwere  Aufgabe,  zugleich  die  Ausfälle  der  ihr
doppelt  überlegenen  Besatzung  von  Haris  abzuwehren  und  die  zum  Entsatze
  der  Hauptstadt  aufgebotenen  Armeen  zurückzuschlagen.

Swar  gelang  es  der  neugebildeten  Loirearmee,  die  Bayern  von
Orléans  abzudrängen;  aber  am  5.  Dezember  nahm  der  Großherzog
Friedrich  Franz  von  Mecklenburg-Schwerin  Orléans  wieder  ein  und  schlug
im  Derein  mit  der  Armee  des  Hrinzen  Friedrich  Karl  die  Armee  Chanzvs
bei  Le  Mans  in  völliger  Auflösung  zurück.  Nicht  besseren  Erfolg  hatte
die  Armee,  die  unter  Faidherbes  Befehl  von  Norden  her  die  belagerte
Rauptstadt  entsetzen  sollte.  General  von  Manteuffel  schlug  ihn  bei  Amiens,
und  als  er  nochmals,  um  den  Ausfall  bei  Le  Bourget  zu  unterstützen,
angriff,  an  der  Hallue.  Die  Surückweisung  dieses  Ausfalles  hatte  zur
Folge,  daß  am  27.  Dezember  das  Bombardement  gegen  den  Mont  Avron
eröffnet  wurde.  Und  nach  dem  vernichtenden  Erfolge  desselben  begann
am  5.  Januar  1871  die  Beschießung  von  Haris  selber.  Doch  wurden
täglich  nur  200  bis  300  Granaten  in  die  Stadt  geworfen;  denn  es  kam
nicht  darauf  an  zu  zerstören,  sondern  nur  zu  schrecken  und  den  Entschluß
zur  Kapitulation  zu  beschleunigen.  Auch  von  Csten  her  konnte  Daris
auf  keinen  Entsatz  rechnen.  Denn  die  Scharen  Garibaldis  trieb  General
von  Werder  bei  Hasquez  zurück  und  zersprengte  die  auf  Dijon  heranrückende
  Rhonearmee  völlig  bei  Muits.

Nur  allein  die  Wasgauarmee  unter  Bourbaki  stand  gegen  die
Deutschen  im  Felde.  Sie  sollte  durch  einen  Einfall  in  Süddeutschland
den  Entsatz  der  Hauptstadt  bewirken.  Allein  Werder  hielt  an  der  Cisaine
        <pb n="509" />
        Kaiser  und  Reich.  503

mit  unerschütterlicher  Tapferkeit  den  heftigen  Angriffen  des  dreifach  überlegenen
  Gegners  stand,  bis  Manteuffel  mit  dem  Sweiten  und  Siebenten
Armeecorps  in  Eilmärschen  herbeieilte,  dem  Gegner  die  Rückzugslinie
durchschnitt  und  die  Hässe  des  Jura  ihm  sperrte.  Damit  war  denn  auch
das  Schicksal  der  Armee  Bourbakis  besiegelt  und  für  Haris  die  letzte  Boffnung
  auf  Entsatz  zertrümmert.

—.

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Prinz  Frirdrich  Rarl.

Während  so  die  eisernen  Würfel  rollten  und  Siegespost  auf  Siegespost
  in  Dersailles  eintraf,  hatte  dort  die  Frage  der  Weugestaltung  Deutschlands
  mit  nichten  geruht.  Der  Großberzog  Friedrich  von  Baden  war  zu
Anfang  des  November  angelangt,  nachdem  er  schon  am  3.  September
die  Aufnahme  seines  Landes  in  den  Worddeutschen  Bund  beantragt  hatte.
Das  schien  ja  die  einfachste  Lösung,  daß  die  süddeutschen  Staaten  in  den
Torddeutschen  Bund  einträten.  Auch  Hessen  folgte  bald  mit  einem  ähnlichen
  Antrage.  Ja  auch  Bapern  begann  Derhandlungen,  um  durch  einen
freieren  Anschluß  an  den  Bund  aus  seiner  vereinsamten  Stellung  herauszukommen.
  Su  gleicher  Seit  wirkte  Großherzog  Friedrich  unermüdlich
        <pb n="510" />
        504  Erstes  Kapitel.

unter  den  Fürsten  für  die  Wiederherstellung  von  Kaiser  und  Reich,  und
der  greise  König  Johann  von  Sachsen  erbot  sich,  die  Verhandlungen
darüber  mit  den  übrigen  deutschen  Fürsten  zu  führen.  Dagegen  hatte
Graf  Bismarck  mancherlei  Bedenken;  er  meinte,  man  müsse  der  Zeit
anheimstellen,  die  deutsche  Frage  sich  entwickeln  zu  sehen.  Aber  mit  lebhafter
  Entschiedenheit  widersprach  ihm  der  Kronprinz:  man  dürfe  den
weltgeschichtlichen  Moment  nicht  versäumen.

Ohne  Sweifel  hatte  der  Kronprinz  recht.  Er  verstand  das  Sehnen
des  deutschen  Dolkes,  in  dem  nach  den  großen  Erfolgen  des  Krieges  das
Bewußtsein  der  Kraft  geweckt  worden  war,  die  aus  der  Einheit  stammt.
Er  fühlte  sich  mitverantwortlich  dem  Hertrauen  gegenüber,  mit  dem  die
Deutschen  von  König  Wilhelm  jetzt  die  Erfüllung  dessen  erwarteten,  was
einst  der  Wiener  Kongreß  ihnen  vereitelt  hatte.  War  Deutschland  jetzt
durch  seine  Thaten  in  die  erste  Reihe  der  Großmächte  eingetreten,  so
hatte  es  auch  das  Recht,  die  Anerkennung  seiner  Stellung  von  den
Alächten  zu  verlangen:  und  diese,  die  eben  noch  auf  die  ersten  Erfolge
des  Kampfes  mit  Scheelsucht  geblickt,  hielten  sich  seit  Sedan  in  begreiflicher
  Scheu  vorsichtig  zurück.

Schon  im  September  hatten  eine  Anzahl  von  Führern  des  Norddeutschen
  Reichstages  mit  süddeutschen  Gesinnungsgenossen  Besprechungen
gehalten  und  eine  Derständigung  über  die  gemeinsame  nationale  Aufgabe
Berbeizuführen  gestrebt;  und  Süddeutschlands  Bevölkerung  hatte  durch  Zeschlüsse
  und  Adressen  an  ihre  Fürsten  das  Derlangen  nach  einer  staatlichen
  Derbindung  mit  dem  Norden  kundgegeben.  Ja  als  der  Oräsident
des  Norddeutschen  Bundeskanzleramts,  der  Staatsminister  Delbrück,  zu
Ende  des  September  aus  Anlaß  der  bafrischen  Anträge  in  München
weilte,  begrüßte  ihn  die  Bevölkerung  der  baxrischen  RKauptstadt  bei  seiner
Rückkehr  vom  Schlosse  Berg  nach  seiner  Unterredung  mit  König  Ludwig  II.
mit  lautem  Jubel  und  brachte  freudige  Lebehochs  auf  den  „Deutschen
Kaiser“  aus.  Allein  die  Forderungen,  welche  Bapvern  stellte,  waren  zu
hoch,  auch  der  „Deutsche  Kaiser“"  dem  König  Tudwig  unspmpathisch.
Daher  blieben  die  Derhandlungen  erfolglos.  Allein  die  Bewegung  war
nicht  aufzuhalten;  denn  es  war  eben  der  rechte  Moment.  Konnte  es
aber  Bapern  darauf  ankommen  lassen,  vereinsamt  zur  Seite  zu  steben,
während  die  Erneuerung  Deutschlands  sich  vollzog  d  Sollte  es  abwarten,
daß  der  Antrag  auf  „Kaiser  und  Reich“  von  dem  am  24.  Movember
zusammentretenden  Norddeutschen  Reichstage  —  wie  sicher  zu  erwarten
war  —  ausginge,  oder  daß  König  Johann  und  Großherzog  Friedrich
die  deutschen  Fürsten  zu  raschen  Entschlüssen  führtend  Bavern  schickte
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        wilhelm.

önig

NK

Der  Kronprinz.

General  von  Moltse.

General  von  Hodbielski.

Portrag  beim  König  in  Versnilles.
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        506  Erstes  Kapitel.

daher  den  Grafen  Bray  und  die  Minister  Lutz  und  Pranckh  mit  der
Vollmacht  zur  Wiederaufnahme  der  Verhandlungen  nach  Versailles,  und
König  Ludwig  dachte  daran,  selbst  im  Großen  Hauptquartier  zu  erscheinen,
und  entsandte  den  Grafen  Holnstein,  um  eins  der  Trianons  zur  Aufnahme
  für  den  König  einzurichten.

Durch  eine  eingehende,  stellenweise  etwas  scharf  geführte  Unterredung,
die  er  am  16.  Movember  mit  dem  Grafen  Bismarck  hatte,  war  es  dem
Kronprinzen  gelungen,  diesen  seinem  Standpunkt  näher  zu  bringen.  Zismarck
  nahm  infolgedessen  die  Derhandlungen  mit  Bapern  in  die  Hand,
das  seine  Jorderungen  sehr  herabgestimmt  hatte.  Die  wesentlichsten  der
geforderten  „Reservatrechte“  in  Bezug  auf  Militär,  Derkehrswesen  und
Reimatsgesetzgebung  konnten  ihm  bewilligt  werden;  und  am  25.  November
  wurde  in  Bismarcks  Quartier  der  Vertrag  mit  Bapern  abends
um  10  Uhr  unterzeichnet.  Zefriedigt  trat  er  darauf  zu  einigen  im
Rebenzimmer  wartenden  Freunden.  „Nun  wäre“,  sagte  er  mit  bewegter
Stimme,  „der  baprische  Vertrag  fertig  und  unterzeichnet.  Die  deutsche
Einheit  ist  gemacht  und  der  Kaiser  auch!“  Dann  ließ  er,  seiner  Befriedigung
  Ausdruck  zu  geben,  eine  Flasche  Champagner  bringen.  „Es
ist  ein  Ereignis!“  sagte  er  bedeutungsvoll.  Aber  wie  nachsinnend  fügte
er  hinzu:  „Die  Seitungen  werden  nicht  zufrieden  sein,  und  wer  einmal
in  der  gewöhnlichen  Art  Geschichte  schreibt,  kann  unser  Abkommen  tadeln.
Er  kann  sagen:  „Der  dumme  Kerl  hätte  mehr  fordern  sollen,  er  hätte
es  erlangt,  sie  hätten  gemußt.“  Er  kann  recht  haben  mit  dem  Müssen.
Mir  aber  lag  mehr  daran,  daß  die  Leute  mit  der  Sache  innerlich  zufrieden
  waren.  Was  sind  Derträge,  wenn  man  mußd  Und  ich  weiß,
daß  sie  vergnügt  fortgegangen  sind.  Ich  wollte  sie  nicht  pressen,  die
Situation  nicht  ausnützen.  Der  Dertrag  hat  seine  Mängel,  aber  er  ist
so  fester.  Ich  rechne  ihn  zu  dem  Wichtigsten,  was  wir  in  diesen  Jahren
erreicht  haben.  Was  den  Koaiser  betrifft,  so  habe  ich  ihnen  den  bei  den
Verhandlungen  damit  annebmbar  gemacht,  daß  ich  ihnen  vorstellte,  es
müsse  für  ihren  König  doch  bequemer  und  leichter  sein,  gewisse  Rechte
dem  Deutschen  Kaiser  einzuräumen,  als  dem  benachbarten  Könige  von
Dreußen.“

Zwei  Tage  danach  wurde  nun  auch  der  Dertrag  mit  Württemberg
unterzeichnet,  dem  ebenfalls  nicht  unwichtige  Sugeständnisse  gemacht
wurden,  welche  geeignet  waren,  dem  Dertrage  ebenso  wie  dem  baprischen
mehr  den  Charakter  eines  Bündnisses  zu  geben.

König  Ludwig  als  Beberrscher  des  mächtigsten  deutschen  Staates
nach  Dreußen  nahm  nunmehr  die  Verhandlungen  mit  den  deutschen
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        Kaiser  und  Reich.  507

Fürsten  und  Freien  Städten  in  die  Hand,  und  richtete,  als  alle  bereit
der  Wiederaufrichtung  von  Kaiser  und  Reich  zustimmten,  an  Bismarck
die  Bitte  um  den  Entwurf  eines  an  den  König  von  Preußen  zu  rich—
tenden  Schreibens,  da  man  in  München  die  richtige  Fassung  nicht  zu
finden  vermöchte.  Ohne  Verzug  entsprach  Bismarck  diesem  Wunsche;  und
schon  am  3.  Dezember  kehrte  Graf  Holnstein  von  Schloß  Berg  mit  diesem
Schreiben  König  Cudwigs  zurück.  Noch  an  demselben  Tage  überreichte
es  Prinz  Luitpold  von  Bayern  auf  Befehl  seines  königlichen  Neffen  dem
Könige  von  Hreußen.  Als  im  Einverständnis  mit  allen  deutschen  Fürsten
und  Freien  Städten  bat  darin  König  Ludwig  den  preußischen  Herrscher,
daß  fortan  die  Ausübung  der  HOräsidialrechte  mit  Führung  des  Titels
eines  Deutschen  Kaisers  verbunden  werde,  damit  die  dem  Bundespräsidium
zustehenden  Rechte  durch  Wiederherstellung  eines  Deutschen  ZReiches  und
der  Deutschen  Kaiserwürde  als  Rechte  bezeichnet  werden,  welche  der
König  von  Dreußen  im  Namen  des  gesamten  deutschen  Daterlandes  auf
Grund  der  Einigung  seiner  Fürsten  ausübe.

König  Wilhelm  gab  nicht  ohne  einiges  Piderstreben  seine  Sustimmung;
  dem  Wunsche  der  Fürsten  wollte  er  sich  fügen.  Damit  war  denn
Kaiser  und  Reich  in  deutschen  Landen  unwiderruflich  hergestellt;  und  der
Kronprinz  und  Bismarck  reichten  sich  die  Hand,  als  sie  miteinander  das
Simmer  des  Rönigs  verließen.  Mit  Begeisterung  nahm  das  deutsche
Volk  die  Wiederaufrichtung  des  Deutschen  Kaisertums  auf  und  mit  allen
Stimmen  gegen  die  6  der  sozialdemokratischen  Abgeordneten  nahm  der
Norddeutsche  Zeichslag  die  Adresse  an,  in  der  er  seinerseits  König  Wilhelm
  bat,  durch  Annahme  der  Deutschen  Kaiserkrone  das  Einigungswerk
zu  weihen.  Eine  Abordnung  des  Reichstages  begab  sich  nach  Hersailles,
um  dem  Könige  die  Adresse  zu  überreichen.  Im  großen  Saale  der  Dräfektur
  empfing  der  König  die  Deputation;  zu  seiner  Rechten  standen  die
Drinzen  des  Königlichen  Rauses,  zur  Linken  die  regierenden  deutschen
Fürsten,  die  in  Dersailles  anwesend  waren.  Berrliche,  tiefergreifende
Worte  sprach  Simson,  der  Hräsident  des  Reichstages;  gar  manches  Auge
wurde  feucht;  dem  Kronprinzen  liefen  die  hellen  Thränen  über  die  Wangen.
Und  von  draußen  dröhnten  dumpfrollend  die  Kanonenschüsse  des  Mont
Halerien  herein.  Mit  tiefer  Zewegung  nahm  König  Wilbelm  die  Adresse,
nachdem  Simson  sie  verlesen,  entgegen.  In  der  einmütigen  Stimme  der
deutschen  Fürsten  und  Freien  Städte,  antwortete  er,  vor  Rührung  mehrmals
  innehaltend,  und  in  dem  damit  übereinstimmenden  Wunsche  der
deutschen  Tation  und  ihrer  Dertreter  werde  er  den  Ruf  der  Dorsehung
erkennen,  dem  er  mit  Hertrauen  auf  Gottes  Segen  folgen  dürfe.
        <pb n="514" />
        508  Erstes  Kapitel.

Eine  Freude  war  es  dem  Könige,  schon  wenige  Tage  nach  dem
Empfange  der  Kaiserdeputation  einen  Brief  von  dem  Könige  der  Belgier
zu  erhalten,  voll  Sympathie  für  Kaiser  und  Reich,  voll  großer  Erwar—
tungen  von  denselben;  denn  König  Leopold  sah  in  der  Wiederaufrichtung
des  Kaisertums  die  Wiederherstellung  der  Ordnung  und  des  Ziechtsbewußtseins
  in  Europa.  Wahrhaft  herrliche  Aufgaben,  schrieb  er,  harrten
damit  des  Kaisers.

Und  mitten  hinein  nun  in  diese  großen  Dinge  fiel  das  Weihnachtsfest.
  Der  König  ließ  es  sich  nicht  nehmen,  auch  hier  in  Dersailles  —
wie  er  es  in  Berlin  gewohnt  war  —  am  heiligen  Abend  für  seine  Umgebung
  selbst  eine  Bescherung  zu  besorgen  und  aufzubauen;  jedem  wußte
er  eine  Freude,  eine  sinnige  Uberraschung  zu  bereiten.

Die  Reichsverfassung  war  unterdessen  mit  den  notwendigen  Anderungen
  in  Berlin  gedruckt;  der  Deutsche  Kaiser  wie  das  Deutsche  Reich
hatten  darin  ihre  angemessene  Stellung  erhalten.  Mun  meldete  der
Dräsident  des  Bundesrates,  daß  sie  am  31.  Dezember  im  Bundesgesetzblatte
  erscheinen,  und  damit  Kaiser  und  Reich  mit  dem  I.  Januar  1821
verfassungsmäßig  ins  Leben  treten  würden.  Welche  hehre  Weihe  würde
das  Ereignis  erhalten  haben,  wenn  an  dem  gleichen  Tage  in  Dersailles
König  Wilbelm  die  Annahme  der  Kaiserkrone  feierlich  proklamierte!
Alle  Fürsten,  die  Dolksvertretungen  aller  deutschen  Staaten  hatten  ja  zugestimmt;
  einzig  die  Erklärung  der  baprischen  Abgeordnetenkammer  stand
noch  aus.  Allein  dem  Empfinden  des  Königs  widerstrebte  es,  als  eile  er
mit  der  Hroklamation;  er  erklärte,  daß  er  für  den  Neujahrstag  keine  öffentliche
  Kundgebung  beabsichtige.  Dielmehr  wurde  erst  der  18.  Januar,  der
preußische  Krönungstag,  den  der  Kronprinz  vorschlug,  für  die  Kaiserproklamation
  ins  Auge  gefaßt.  Eine  reichliche  Seit  war  damit  den  Bapern  bewilligt.

Aber  doch  blieb  auch  der  1.  Januar  nicht  ohne  Auszeichnung.  Der
König  empfing  die  Abordnung  des  preußischen  Herrenhauses,  die,  von
dem  Grafen  Sberhard  von  Stolberg  geführt,  ihm  eine  Adresse  gleichen
Sinnes,  wie  die  des  Abgeordnetenhauses,  überbrachte.

„Der  Inhalt“,  erwiderte  der  König,  „der  von  Ihnen  verlesenen
Adresse  des  Herrenhauses  kann  mich  nur  erfreuen,  und  Sie  legen  mit
Recht  dem  Orte  und  dem  Tage,  an  welchem  ich  dieselbe  von  Ihnen
entgegennehme,  eine  ihren  Wert  erhöhende  Bedeutung  bei.  Was  das
Berrenhaus  von  den  folgenschweren  Ereignissen  sagt,  welche  uns  hierhergeführt,
  läßt  mich  der  Armee  gedenken,  der  wir  diese  Erfolge  verdanken,
läßt  mich  diesen  Dank  aber  auch  dem  Herrenhause  für  die  richtige  Auffassung
  und  die  patriotische  Unterstützung  meiner  Reorganisation  der
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        70.

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        510  Erstes  Kapitel.

Armee  aussprechen,  die  so  lange  anhaltenden  Widerstand  erfahren  mußte,
daß  fast  unsere  Zukunft  gefährdet  erschien.  Das  werde  ich  dem  Herren—
hause  nie  vergessen!  Noch  eines  anderen  hochwichtigen,  uns  noch  bevorstehenden
  Ereignisses  erwähnt  Ihre  Adresse,  welches  die  so  lange  erstrebte
Einheit  Deutschlands  darzustellen  geeignet  ist.  Mit  Ihnen  sage  ich,
möge  sich  dieselbe  zur  Ehre  Gottes  und  zur  Freude  der  Menschen  be—
festigen  und  bewähren,  möge  es  aber  auch  nie  vergessen  werden,  daß
Preußens  ganze  geschichtliche  Entwickelung  es  ist,  welche  auf  das  jetzt
erreichte  Ziel  hingeführt  hat!“

Wer  irgend  von  den  Fürsten,  die  im  Felde  standen,  sich  freimachen
konnte,  war  nach  Versailles  gekommen,  um  dem  Könige  zum  Jahresanfang
  seine  Glückwünsche  auszusprechen.  Der  Kronprinz  war  der  erste,
der  sie  ihm  darbrachte.  „Möge  es  dir  dereinst  vergönnt  sein“,  erwiderte
sie  der  König,  „die  Friedenssaat  der  jetzigen  Arbeit  zu  erleben!"  Und
als  er  sie  abends  bei  festlichem  Mahle  alle  um  sich  versammelt  hatte,
stand  er  auf.  „Ich  erhebe  mein  Glas“,  sagte  er,  „um  das  neue  Jahr
zu  begrüßen.  Auf  das  vergangene  blicken  wir  mit  Dank,  auf  das  beginnende
  mit  Hoffnungen.  Der  Dank  gebührt  dem  HBeere,  das  von  Sieg
zu  Sieg  gezogen.  Mein  Dank  aber  gebührt  den  anwesenden  deutschen
ürsten,  die  teils  Führer  in  diesem  Beere  gewesen,  teils  sich  ihm  angeschlossen
  HRaben.  Die  HBoffnungen  richten  sich  auf  die  Krönung  des
Werkes,  auf  einen  ehrenvollen  Frieden!“

Sofort  erbat  sich  Großbherzog  Friedrich  von  Baden  die  Erlaubnis
zur  Erwiderung.  Einst  habe,  entgegnete  er,  König  Friedrich  Wilhelm  IV.
gesagt,  nur  auf  dem  Schlachtfelde  könne  eine  Kaiserkrone  errungen  werden.
  Dies  königliche  Wort  habe  sich  heute  glänzend  erfüllt.  Denn  heute
trete  durch  das  amtliche  Erscheinen  der  Derfassung  das  Deutsche  Reich
in  Kraft.  Aber  doch  wolle  ihm  nicht  eher,  als  bis  sämtliche  Stämme
ihre  Sustimmung  erteilt,  der  König  die  Krone  aufsetzen;  und  daß  das
bald  geschehe,  sei  aller  Derlangen.  Mit  einem  Hoch  auf  König  Wilhelm
„den  Siegreichen“  schloß  er  seine  begeisterten  Worte,  die  eines  tiefen
Eindrucks  auf  alle  Anwesenden  nicht  verfehlten.

Ohne  Sweifel  ist  die  Aufrichtung  des  Deutschen  Kaisertums  das
größte  Ereignis  unsfres  Jahrhunderts.  Denn  damit  ist  das  Übergewicht
in  Europa,  nachdem  es  250  Jahre  bei  den  Romanen  gewesen,  fortan
auf  die  Germanen  übergegangen  und  das  ganze  politische  Antlitz  des
Erdteils  verändert.

Allein  König  Wilhelm  entschloß  sich  nur  schwer  dazu,  den  neuen
Stand  der  Dinge  anzuerkennen  und  die  Hroklamation  des  Kaisertums,
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        Kaiser  und  Reich.  511

für  die  der  Kronprinz  die  Spiegelgalerie  des  Versailler  Schlosses  aus—
gewählt  hatte,  zu  genehmigen.  In  einem  Rundschreiben  an  die  deutschen
Fürsten  legte  er  seine  Auffassung  der  Kaiserwürde  dar.  „Ich  nehme  die
deutsche  Kaiserkrone  an“,  heißt  es  darin,  „nicht  im  Sinne  der  Macht—
ansprüche,  für  deren  Verwirklichung  in  den  ruhmvollsten  Zeiten  unserer
Geschichte  die  Macht  Deutschlands  zum  Schaden  seiner  inneren  Entwicke—
lung  eingesetzt  wurde,  sondern  mit  dem  festen  Vorsatze,  soweit  Gott  Gnade
giebt,  als  deutscher  Fürst  der  treue  Schirmherr  aller  Rechte  zu  sein  und
das  Schwert  Deutschlands  zum  Schutze  desselben  zu  führen.“

Am  Nachmittage  des  17.  Januar  waren  beim  Könige  zu  einer
Sitzung  der  Kronprinz,  Graf  Bismarck  und  der  Minister  des  königlichen
Hauses  von  Schleinitz  versammelt.  Denn  es  war  doch  so  manches  noch
mit  Beziehung  auf  die  neue  Würde  zu  ordnen  und  festzusetzen.  König
Wilhelm  hätte  am  liebsten  sich  fortan  „König  von  Preußen,  erwählter
Kaiser  von  Deutschland“  genannt.  Dagegen  indessen  war  der  Kronprinz
mit  Entschiedenbeit:  ihm  schwebte  vor  „Kaiser  von  Deutschland“.  Riergegen
  wandte  jedoch  Bismarck  ein,  daß  diese  Fassung  auf  eine  Territorialmacht
  hindeute,  die  der  König  von  Hreußen  über  Deutschland  nicht
besäße.  Darum  hätten  auch  schon  die  bafrischen  Bevollmächtigten  dagegen
  Hrotest  erboben,  so  daß  sie  sich  auf  die  Bezeichnung  „Deutscher
Kaiser“  verständigt  hätten.  Dem  KRönige  mißfiel  sie,  ebenso  wie  dem
Kronprinzen;  doch  stimmten  sie  endlich  ihr  zu.  Jedoch  die  Abkürzung
„K.  K."  die  ihm  in  GEsterreich  immer  zuwider  gewesen,  verbat  sich  der
König  ernstlich.  Auch  von  einem  „kaiserlichen“  Heere  wollte  er  nichts
hören,  gab  aber  zu,  daß  die  Mlarine  „kaiserlich"  genannt  würde.  Man
sah  es  ihm  an,  wie  schwer  es  ihm  wurde,  von  dem  alten  Hreußen,  an
dem  er  so  festhielt,  jetzt  Abschied  nehmen  zu  sollen.  Dem  Kronprinzen
dagegen  erschien  die  Kaiserwürde  nur  als  das  Schlußglied  einer  langen
weltgeschichtlichen  Entwickelungsreihe  des  Rauses  Bohenzollern.  „WMein
Sohn",  sagte  der  König  zu  den  Ministern,  „ist  mit  ganzer  Seele  bei  dem
neuen  Stand  der  Dinge,  während  ich  mir  nicht  ein  Haar  breit  daraus
mache  und  nur  zu  Hreußen  halte.  Ich  sage,  er  wie  seine  Nachkommen
mögen  berufen  sein,  das  Bergestellte  Reich  zur  Wahrheit  zu  machen!“

So  fand  denn  am  18.  Januar  1871,  mittags  um  12  Uhr,  dem
170.  Jahrestage  der  Erbebung  Hreußens  zum  Königreiche,  in  demselben
Dersailler  Schlosse,  in  welchem  vorzeiten  so  viel  auf  Deutschlands  Herabwürdigung
  gesonnen  war,  der  Deutschen  höchster  Triumph  statt,  die
Droklamierung  der  Wiederaufrichtung  des  Deutschen  Kaiserreichs.  In
der  Säulenhalle  an  der  „Treppe  der  Hrinzen“  empfing  der  Kronprinz
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        512  Erstes  Kapitel.

den  König  und  geleitete  ihn  in  die  Spiegelgalerie,  in  der  Deputationen
aller  Regimenter  mit  ihren  Fahnen,  die  obersten  Führer  und  Abgesandte
aller  Offiziercorps  versammelt  waren.  Ein  Sängerchor  der  Mannschaften
begrüßte  den  eintretenden  König  mit  dem  Psalm  „Jauchzet  dem  Herrn
alle  Welt“.  Gerade  vor  den  Fahnen  des  Ersten  Garderegiments,  die
ihn  sein  ganzes  Leben  hindurch  begleitet  haben,  nahm  der  König  auf
einem  Hautpas  seine  Aufstellung,  im  Halbkreise  um  ihn  die  zahlreich  anwesenden
  deutschen  Fürsten  und  Hrinzen,  hinter  den  Fürsten  die  Minister
und  Generale.  Der  Kronprinz  kommandiert:  „Helm  ab  zum  Gebetl“"
und  der  Gottesdienst  beginnt.

Nachdem  die  kirchliche  Keier  mit  dem  Segen  und  dem  Choral  „Nun
danket  alle  Gott“  beendigt  ist,  tritt  der  König  etwas  vor  und  verkündet
mit  kräftiger  Stimme,  die  darüber  ausgestellte  Urkunde  verlesend,  die
Wiederaufrichtung  des  Deutschen  Kaiserreichs.  Dann  erteilt  er  dem
Kanzler  den  Befehl,  die  Hroklamation  zu  lesen,  die  der  neue  Kaiser
„an  das  Deutsche  Dolk“  richtet:

„Wir,  Wilhelm,  von  Gottes  Gnaden  König  von  Hreußen  —  nachdem
  die  deutschen  Fürsten  und  Freien  Städte  den  einmütigen  Ruf  an
Uns  gerichtet  haben,  mit  Berstellung  des  Deutschen  Reiches  die  seit  mehr
denn  60  Jahren  ruhende  deutsche  Kaiserwürde  zu  erneuern  und  zu  übernehmen,
  und  nachdem  in  der  Derfassung  des  Deutschen  Bundes  die  entsprechenden
  Bestimmungen  vorgesehen  sind,  bekunden  hiermit,  daß  Wir  es
als  eine  Hflicht  gegen  das  gemeinsame  Daterland  betrachtet  haben,  diesem
Rufe  der  verbündeten  deutschen  Fürsten  und  Freien  Städte  Folge  zu  leisten
und  die  deutsche  Kaiserwürde  anzunehmen.  Demgemäß  werden  Wir  und
Unsere  Tachfolger  an  der  Krone  Hreußens  fortan  den  kaiserlichen  Titel
in  allen  Unseren  Beziehungen  und  Angelegenheiten  des  Deutschen  Reiches
führen  und  hoffen  zu  Gott,  daß  es  der  deutschen  Nation  gegeben  sein
werde,  unter  dem  Wabhrzeichen  ihrer  alten  Herrlichkeit  das  Daterland
einer  segensreichen  Sukunft  entgegenzuführen.  Wir  übernehmen  die
kaiserliche  Würde  in  dem  Bewußtsein  der  Oflicht,  in  deutscher  Treue  die
Rechte  des  Reiches  und  seiner  Glieder  zu  schützen,  den  Frieden  zu
wahren,  die  Unabhängigkeit  Deutschlands,  gestützt  auf  die  geeinte  Kraft
seines  Dolkes,  zu  verteidigen.  Wir  nehmen  sie  an  in  der  Hoffnung,  daß
dem  deutschen  Dolke  vergönnt  sein  wird,  den  TLohn  seiner  heißen  und
opfermütigen  Kämpfe  in  dauerndem  Frieden  und  innerhalb  der  Grenzen
zu  genießen,  welche  dem  Haterlande  die  seit  Jahrhunderten  entbehrte
Sicherung  gegen  erneute  Angriffe  Frankreichs  gewähren.  Uns  aber  und
Unseren  Nachfolgern  an  der  Kaiserkrone  wolle  Gott  verleihen,  allzeit
        <pb n="519" />
        IEIIIIEEIIDIIIIIIIIIIIIIIIII

E
        <pb n="520" />
        514  Erstes  Kapitel.

Mehrer  des  Deutschen  Reiches  zu  sein,  nicht  an  kriegerischen  Eroberungen,
sondern  an  Gütern  und  Gaben  des  Friedens  auf  dem  Gebiet  nationaler
Wohlfahrt,  Freiheit  und  Gesittung!“

Eine  freudige  Bewegung  geht  durch  die  Versammelten.  Der.  Großherzog
  Friedrich  von  Baden  tritt  vor.  Mit  lauter  Stimme  ruft  er:
„Es  lebe  Seine  Kaiserliche  Majestät,  der  Kaiser  Wilhelm!“  Und  dreimal
stimm#e#  die  persammlung  begeistert  ein,  und  die  mächtigen  Klänge  von
„Beil.  Dir  im  Siegerkranz“  durchbrausen  den  Festsaal.  Zuldigend  beugt
der  Kronprinz  ein  Knie  vor  dem  Kaiser  und  küßt  ihm  die  Hand;  aberder
  -aiserliche  vater  hebt.  ihn.  auf.  und  umarmt  ihn  mit  tiefer  Bewegung.
Dann.  die  Reihe.  der  im  Saale  aufgestellten  Truppen  abschreitend,  verläßt
  der  Kaiser  unter  den  Klängen  des  Hohenfriedberger  Marsches  den
für  die  Deutschen  auf  alle  Seiten  geweihten  Raum.

Das  GEroße.  war  geschehen:  Alldeutschland  jauchzte  seinem  Kaiser  zu.
Jetzt.  traf·  auch  die.  Sustimmung  der  bafrischen  Abgeordnetenkammer  ein.
Wonach  sich.  unsere  Ahnen  gesehnt,  worauf  sie  in  langen,  schweren
Jahren  gehofft,  wovon  die  Dichter  geträumt:  im  Kaisertum  war  es  erfüllt;
  Deutschland  hatte  sich  selbst  wiedergewonnen.  Befreit  von  den
Schlacken  des  heiligen  römischen  Unsegens,  stieg  ein  an  Raupt  und  Gliedern
  reformiertes  Reich  unter  dem  altehrwürdigen  Mamen  und  dem
tausendjährigen  Abzeichen  aus  sechzigjähriger  Nacht  empor:  im  glorreichen
  Hause  der  Bohenzollern  war  ein  Kaisertum  aufgerichtet,  glänzender
als  das  der  HBohenstaufen,  kraftvoller,  als  je  eines  in  deutschen  Landen
gewesen  war.

Aber  durfte  man  nicht  meinen,  daß  Esterreich  aus  dieser  gewaltigen
Weugestaltung  der  deutschen  Derhältnisse  einen  Stachel  empfangen  würde?
Dem  zu  begegnen,  ließ  König  Wilhelm  schon  Mitte  Dezember  in  Wien
von  dem  Bevorstehenden  mit  der  Dersicherung  Mitteilung  machen,  daß
Deutschland  nach  wie  vor  wünsche,  seine  freundschaftlichen  Beziehungen  zu
EOsterreich  zu  erhalten  und  zu  fördern.  Und  noch  war  das  Jahr  nicht
zu  Ende,  als  Kaiser  Franz  Joseph  in  seiner  Antwort  dem  rückhaltslosen
Wunsche  Ausdruck  gab,  daß  Deutschland  in  den  neuen  Formen  seines
staatlichen  Daseins  die  wahren  Bürgschaften  einer  glücklichen,  für  seine
eigene  wie  für  die  Wohlfahrt  des  ihm  so  vielfach  verwandten  österreichischen
  Kaiserstaates  gleich  segensreichen  Zukunft  finden  möge.  Kein
Sweifel,  das  Bündnis  der  beiden  Kaiserreiche  bahnte  sich  schon  jetzt  an.

Am  Abend  des  großen  18.  Januar  saß  Kaiser  Wilhelm  wie  alle
Tage  an  seinem  Schreibtische  bei  der  Arbeit.  Graf  Bismarck  hatte  ihm
Hapiere  gesandt,  auf  dem  Umschlag  mit  der  Aufschrift  „An  des  Kaisers
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        Kaifer  und  Reich.  515

Majestät  vom  BZundeskanzler“".  Nach  seiner  Gewohnheit  benutzte  der
Kaiser  zur  Rücksendung  denselben  Briefumschlag,  nur  vertauschte  er  das
An  und  Dom,  strich  „Bundes“  durch  und  schrieb  darüber  „Reichs“.  In
schlichterer  Weise  ist  nie  ein  Reichskanzler  ernannt  worden.

Immer  aber  stand  noch  mit  Frankreich  der  Frieden  aus.  Schon
vier  Monate  hatte  Daris  mit  unerwarteter  Standhaftigkeit  alle  Leiden
einer  Belagerung  ertragen.  Allle  Ausfälle,  alle  Entsatzversuche  waren
gescheitert:  doch  immer  noch  ließ  es  von  der  Roffnung  nicht.  Wieder,
am  19.  Januar,  unternahm  General  Trochu,  der  Kommandant  von
Haris,  mit  100000  Mann  von  der  Südostseite  des  Mont  alerien  gegen
Buzonval  einen  Ausfall,  den  ein  gleichzeitiger  Dorstoß  der  Nordarmee
General  Faidberbes  unterstützte.  Allein  diesen  schlug  Göben  bei  St.  DQuentin
aufs  Haupt,  und  die  Kraft  der  Ausfallsarmee  zerschellte  an  dem  tapferen
Widerstande  des  5.  Armeecorps.  Ihre  Antwort  aber  gaben  die  Deutschen
zwei  Tage  später:  sie  eröffneten  auch  von  der  Nordseite  das  Bombardement
  gegen  Haris.  —-Das

  war  mehr,  als  die  Stadt  ertragen  konnte.  Die  Widerstandskraft
  der  republikanischen  Regierung  brach  zusammen;  mit  der  Bitte  um
Waffenstillstand  sandte  sie  Jules  Favre  am  25.  Januar  nach  Dersailles.
AUlehrere  Stunden  dauerte  die  Derhandlung  mit  Bismarck.  Dann  begab
sich  dieser  nachts  um  11  Uhr  zum  Kaiser.  Als  er  um  Mitternacht
wieder  die  Treppe  herabstieg,  trat  er  noch  auf  einen  Augenblick  bei  dem
Flügeladjutanten,  Graf  Lehndorff,  ein:  er  sagte  kein  Wort,  er  pfiff  nur
die  Ralali-Jagdfanfare  —  aber  alle  verstanden  ihn.  Am  28.  gewährte
donn  auch  als  Einleitung  des  Friedens  Kaiser  Wilhelm  den  Franzosen
einen  dreiwöchigen  Waffenstillstand  unter  der  Bedingung,  daß  die
Dariser  Forts  ausgeliefert  würden,  die  Besatzung  von  Haris  sich  kriegsgefangen
  gebe  und  ihre  Waffen  abliefere,  sowie  daß  in  den  Waffenstillstand
  sämtliche  Departements  mit  Ausnahme  derjenigen  des  Doubs,  des
Jura  und  Cote  d'Or  eingeschlossen  würden.  Denn  in  diesen  Departements
vollzog  sich  gerade  jetzt  das  Schicksal  der  „WMasgau-Armee“.  Manteuffels
kühner  Marsch  hatte  ihr  den  Rückweg  verlegt:  ihr  blieb  keine  andere
Rettung,  als  auf  das  Schweizer  Gebiet  überzutreten,  wo  sie  sofort  entwaffnet
  wurde.  „Was  hier  geschehen“,  rief  Kaiser  Wilbhelm,  als  er  die
Nachricht  erhielt,  freudig  erregt  aus,  „ist  ja  alles  wunderbar  und  verdienstlich;
  aber  was  jetzt  dort  geschehen,  ist  entscheidend.  Tun  wenigstens
ist  Aussicht  auf  Frieden!“

Die  letzte  Hoffnung  der  Franzosen  war  gebrochen.  Das  beschleunigte

die  Friedensverhandlungen  zwischen  Bismarck,  Thiers,  der  von  der  in
337
        <pb n="522" />
        516  Erstes  Kapitel.

Bordeaux  tagenden  Nationalversammlung  zum  Präsidenten  der  französi—
schen  Republik  gewählt  worden  war,  und  Jules  Favre,  dem  französischen
Minister  der  auswärtigen  Angelegenheiten.  Am  20.  Februar  begonnen,
wurden  sie  am  26.  zum  Abschlusse  gebracht,  ohne  doch  den  Wünschen
des  Kaisers  voll  gerecht  zu  werden.

Bei  der  Besichtigung  der  Forts  Issr  und  Douves  hatte  sich  Kaiser
Wilhelm  am  4.  Februar  eine  heftige  Erkältung  zugezogen.  Die  Folge
waren  sehr  heftige  rheumatische  Schmerzen,  die  in  der  Nacht  sich  einstellten.
  Gehen  und  Sichniedersetzen  wurde  ihm  sichtlich  sehr  schwer;
aber  eine  Klage  von  ihm  hörte  man  nicht.  Er  erschien  sogar  zur  Tafel,
mußte  sich  jedoch  bald  wieder  zurückziehen.  Wohl  trat  nach  einigen
Tagen  etwas  Besserung  ein;  allein  da  der  Kaiser  auf  sein  Befinden
durchaus  keine  Rücksicht  nahm,  so  erfolgten  immer  wieder  Rückfälle,  so
daß  schließlich  zur  Anwendung  von  warmen  Bädern  und  Schröpfköpfen
geschritten  werden  mußte.  Gleichwohl  ließ  er  sich  fortlaufend  von  Bismarck
  über  den  Gang  der  Derhandlungen  Dortrag  halten.  Er  wünschte,
daß  die  gesamte  deutsche  Armee  durch  den  Siegeseinzug  in  das  bezwungene
  Haris  ihre  wohlverdiente  Genugthuung  erhalte.  Als  aber  die
französischen  Bevollmächtigten  sich  auf  das  äußerste  dagegen  sträubten,
stellte  er  ihnen  die  Wahl  zwischen  dem  Einzuge  der  Deutschen  in  Haris
und  der  Abtretung  der  Festung  Belfort.  Da  zogen  sie  denn  doch  die
vorübergehende  Demütigung  dem  dauernden  Schaden  vor.  Am  26.  Februar,
nachmittags  um  halb  5  Uhr,  unterzeichnete  der  Kaiser  das  Abkommen
und  verkündigte,  als  er  zur  Tafel  kam,  den  Anwesenden  selber  den  Abschluß
  des  Dräliminar-Friedens.

Am  I.  März  sollte  der  Siegeseinzug  der  Deutschen  in  Haris  stattfinden.
  Die  Sahl  der  Einzielbenden  war  auf  50000  Wann  festgesetzt.
Der  Kaiser  aber  bestimmte,  daß  die  zunächst  einziehende  Abteilung,  aus
Regimentern  des  6.,  11.  und  2.  baprischen  Armeecorps  zusammengesetzt,
später  durch  Regimenter  der  Garde  und  der  andern  Armeecorps  abgelöst
werden  sollte,  bis  die  Tiationalversammlung  in  Bordeaux  den  Frieden
angenommen  hätte.  Denn  er  wünschte,  daß  möglichst  vielen  von  seinen
Tapferen  die  Ehre  des  Einzugs  zu  teil  werden  sollte.

Bei  herrlichem  Frühlingswetter  hielt  Kaiser  Wilhelm  auf  dem  Felde
von  Longchamps  vor  Haris  über  die  einziehenden  Truppen  Harade  ab:
dann  zogen  sie  durch  den  Triumphbogen  der  Slyseischen  Felder  hinab
in  den  ihnen  zugewiesenen  Stadtteil  unter  den  Klängen  des  Hariser  Einzugsmarsches
  von  1814.  In  den  ersten  Reihen  ritt  auch  Graf  Bismarck,
mit  Genugthuung  seine  Sigarre  rauchend.  Am  folgenden  Tage  folgten
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        Kaiser  und  Reich.  517

die  Garden.  Ohne  Gewehr,  den  Helm  mit  jungem  Caube  geschmückt,
zogen  sie  unter  hellem  Gesange  einher.

Auch  Kaiser  Wilhelm,  obgleich  immer  noch  von  Schmerzen  gequält,
fuhr  mit  dem  Grafen  Lehndorff  am  2.  März  nach  Paris.  Über  Sevres
nahm  er  den  Weg  nach  dem  Point  du  Jour,  um  von  hier  aus  nach
dem  Triumphbogen  und  den  Elpyseischen  Feldern  zu  gelangen.  Allein
alles  war  so  unwegsam,  verbarrikadiert  und  zertrümmert,  daß  mit  dem
Wagen  nicht  durchzukommen  war.  Der  Kaiser  gab  daher  den  Befehl,
bei  der  nächsten  Courtine  der  Umfassungsmauer  wieder  in  die  Plaine  de
Boulogne  hinauszulenken.  Er  gab  die  Fahrt  auf  und  kehrte  nach  Ver—
sailles  zurück.  Da  langte  auch  am  Abend  noch  die  Nachricht  an,  daß
die  Nationalversammlung  in  Bordeaux  den  OHräliminar-Frieden  angenommen
  hätte.  Am  nächsten  Morgen  war  das  unterzeichnete  Dokument
in  den  Zänden  des  Kaisers.  Demzufolge  verließen  die  Deutschen  am  5.
mit  fliegenden  Fahnen  und  klingendem  Spiel  wieder  die  französische  Rauptstadt.
  Auch  über  die  ausrückenden  Truppen  nahm  der  Kaiser  in  Longchamps
  die  Harade  ab.  Nach  dem  Schlusse  derselben  ließ  er  die  Generale
und  Stabsoffiziere  zusammentreten.

„Sie  werden  mit  mir  fühlen,  meine  Herren“,  sagte  er  zu  ihnen,
„unter  welchen  Eindrücken  ich  heute  das  Gardecorps  wiedergesehen,  nachdem
  es  sich  mit  einem  Beldenmute  geschlagen,  der  meine  höchste  Anerkennung
  verdient,  und  die  ich  mich  gedrungen  fühle,  gerade  hier  Ihnen
auszusprechen!  Mit  Schmerz  vermisse  ich  viele  Tapfere  in  Ihren  Reiben;
denn  solche  Thaten,  solche  Erfolge  verlangen  Opfer.  Wie  ich  es  immer
vom  Gardecorps  erwartet,  hat  es  auch  diesmal  das  Beispiel  in  Tapferkeit,
  HKingebung  und  Ausdauer  gegeben,  aber  auch  die  ganze  Armee  hat
untereinander  gewetteifert  in  Leistungen,  die  sich  nicht  allein  den  ruhmreichsten
  Tagen  der  Geschichte  anreihen,  sondern  uns  auch  zu  einem
Siele  geführt  haben,  welches  durch  den  gestern  vollzogenen  ehrenvollen
Friedensschluß  für  alle  Seit  in  der  Geschichte  unseres  Haterlandes  fortleben
  wird.  Daher  gebührt  dieser  heldenmütigen  Armee  und  Ihnen,
meine  Berren,  heute  und  hier  insbesondere  mein  tiefgefühlter  Dank
und  meine  volle  königliche  Anerkennung.  Dergessen  wir  aber  nicht,
daß  wir  alle  der  Dorselung  unsern  Dank  schuldig  sind,  welche  es
gewollt,  daß  wir  die  Werkzeuge  waren,  um  so  große  welthistorische  Ereignisse
  herbeizuführen!  —  TLeben  Sie  wohl  bis  zum  Wiedersehen  in
der  Heimat!“

Ja,  auf  die  Beimkehr  waren  jetzt  nach  dem  glorreichen  Ende  alle
Gedanken  gerichtet.  Wer  sich  frei  machen  konnte,  reiste  ab.  Auch  Kaiser
        <pb n="524" />
        518  Erstes  Kapitel.

Wilhelm  verließ  am  Morgen  des  7.  März  Versailles.  Unterwegs  nahm
er  zu  Pferde  bei  Villiers  die  Parade  über  die  württembergische  Division,
das  sächsische  und  das  1.  baprische  Armeecorps  ab.  Dadurch  indessen
hatte  sich,  als  er  abends  in  Ferrières  anlangte,  sein  Befinden  so  verschlechtert,
  daß  er  mehrere  Tage  das  Zimmer  nicht  verlassen  konnte  und
am  10.  sogar  den  größten  Teil  des  Tages  im  Bett  zubringen  mußte.
In  der  bintersten  Scke  des  schmalen  Schlafzimmers  war  sein  Feldbett
aufgeschlagen,  kaum  einen  Fuß  über  den  Boden  sich  erhebend.  Dort  lag,
mit  seiner  grau  und  schwarz  gewürfelten  Decke  zugedeckt,  der  kaiserliche
Reld;  er  klagte  über  heftige  Schmerzen  auf  der  linken  Seite,  sah  sehr
echauffiert  aus  und  sprach  beiser,  so  daß  die  Befürchtung  einer  ernstlichen
  Erkrankung  nur  allzu  begründet  schien.  Seine  Stimmung  war
sehr  weich  und  trübe,  wozu  auch  die  von  den  Truppenteilen  jetzt  eingehenden
  Derlustlisten  das  ihrige  beitrugen.

Indes  der  starke  Wille  des  Kaisers  überwand  die  Schwäche  des
Körpers.  Am  Morgen  des  15.  März  stieg  er  wieder  —  zum  letztenmal  —
in  seinen  Campagnewagen  und  fuhr  nach  Lagny,  von  wo  nun  die  Eisenbahn
  ihn  der  Heimat  zuführte.  Sobald  er  sich  wieder  auf  deutschem
Boden  befand,  fühlte  er  sofort  sein  Befinden  sich  bessern.  Doch  bedurfte  es
im  Sommer  noch  einer  Kur  in  Ems  und  Wiesbaden,  um  die  Folgen  des
Winterfeldzuges  völlig  zu  heben.

Am  Abend  des  17.  März  langte  Kaiser  Wilhelm  wieder  in  Berlin
an.  Er  stand  schon  ausschauend  am  Fenster,  als  der  Sug  in  den  Bahnhof
  einfuhr.  Und  sowie  er  nur  den  Waggon  verließ,  umdrängten  ihn
die  Kaiserin  und  die  andern  Damen  der  kaiserlichen  Familie.  Stürmisch
umklammerten  seine  Enkel  Wilhelm  und  Heinrich,  des  Kronprinzen  junge
Söhne,  seine  Knie  und  hbielten  ihn  fest.  Vor  tiefer  Bewegung  fuhr  sich
der  Katser  wiederholt  über  die  Augen.  Swei  Schritte  zurück  stand  der
alte  Wrangel;  er  schwenkte  den  Federhut  und  wollte  Hurra  rufen:  aber
dem  greisen  Krieger  versagte  vor  Rührung  die  Stimme,  und  Thränen
rannen  ihm  über  die  tiefgefurchten  Wangen.

Dor  seinem  Halais  begrüßte  den  heimkehrenden  Sieger,  am  Denkmale
  Friedrichs  des  Großen  befestigt,  ein  Banner:  „Beil,  Kaiser  Wilhelm,
Heil  Dir  und  dem  tapferen  deutschen  Heere!“  Und  endlos  brachte  die
Kopf  an  Kopf  den  weiten  Hlatz  erfüllende  Menge  auf  den  geliebten
Berrscher  in  der  Kreude  des  Wiedersehens  Hoch  auf  Hoch  aus;  und  immer
wieder  mußte  er  mit  der  Kaiserin  auf  den  Balkon  heraustreten;  denn
immer  wieder  verlangte  das  treue  Dolk  ihn  zu  sehen,  bevor  es  jubelnd
durch  die  festlich  geschmückten  Straßen  sich  zerstreute.
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        Kaiser  und  Reich.  519

Am  21.  März  eröffnete  Kaiser  Wilhelm  den  ersten  Reichstag  des
Deutschen  Reiches.  Mit  dem  Danke  gegen  Gott,  der  alles  zu  so  wunderbar
  herrlichem  Ende  geführt,  beginnend,  schloß  er  mit  dem  Wunsche,  daß
die  Aufgabe  des  deutschen  Dolkes  fortan  darin  beschlossen  sein  möge,  sich
in  dem  Wettkampfe  um  die  Güter  des  Friedens  als  Sieger  zu  erweisen.

Während  nun  der  Reichstag  beschäftigt  war,  die  Neugestaltung
Deutschlands  durch  Gesetze  zu  ordnen  und  das  neugewonnene  „Reichs-Rüchkehr

  Kaiser  Wilhelms  nach  Nerlin  (17.  März  1871).

land“  Elsaß-Lothringen  dem  deutschen  Reichsorganismus  zweckmäßig  einzufügen,
  versuchten  bei  den  Derhandlungen  über  den  definitiven  Frieden,
die  in  Brüssel  eröffnet  waren,  die  französischen  Bevollmächtigten  die  in
dem  DHräliminarfrieden  festgestellten  Derpflichtungen  Frankreichs  hinauszuziehen
  und  abzuschwächen.  Erst  durch  die  Drohung  mit  sehr  entschiedenen
  Maßregeln  erreichte  es  die  deutsche  Regierung,  daß  endlich  am
10.  Mai  in  Frankfurt  am  Wain  der  Abschluß  des  definitiven  Friedens
auf  Grund  der  Dersailler  Oräliminarien  zustande  kam.  Hrankreich  trat
darin  an  das  Deutsche  Reich  das  Elsaß  (mit  Ausnahme  Belforts)  und
        <pb n="526" />
        520  Erstes  Kapitel.

Deutsch-Lothringen  ab,  14500  Quadratkilometer  mit  1½  Millionen  Einwohnern,
  und  zahlte  fünf  Milliarden  Frank  Kriegskosten.  Mit  Treulosigkeit
  und  Gewalt  war  einst  das  deutsche  Land  seinem  2  Kutterlande  entrissen
  worden.  Jetzt  war  der  Schimpf  gefühnt.

Und  jetzt  ließ  der  Reichstag  sich  angelegen  sein,  dem  deutschen  Reere
und  seinen  Führern  den  Dank  des  Daterlandes  zu  bethätigen.  Für  die
Invaliden  wurde  ein  ansehnlicher  Fonds  sicher  gestellt,  zwölf  Millionen
Mark  wurden  zur  Unterstützung  von  Reservisten  und  Landwehrmännern
angewiesen  und  die  gleiche  Summe  zu  Dotationen  für  die  Heerführer  und
Staatsmänner  bestimmt.  Der  Kaiser  fügte  noch  andere  Ehren  hinzu.
Der  Kronprinz  und  Hrinz  Friedrich  Karl  hatten  während  des  Feldzuges
den  Feldmarschallstab,  Moltke  die  Grafenwürde  erhalten;  jetzt  wurden  der
Kronprinz  Albert  von  Sachsen  und  Moltke  zu  Feldmarschällen  ernannt,
Roon  empfing  die  Grafenwürde  und  Graf  Bismarck  den  Fürstenhut  zugleich
  mit  dem  Sacksenwalde,  den  lauenburgischen  Domänen.

Am  15.  Juni  schloß  Kaiser  Wilbelm  den  Reichstag,  indem  er  in  der
Thronrede  ihm  den  Dank  des  Daterlandes  aussprach.  Und  am  16.  Juni
hielten  die  aus  Frankreich  heimgekehrten  Truppen  ihren  festlichen  Einzug
in  die  Reichshauptstadt  Berlin.  Fröhlichen  Mutes,  ruhmbekränzt  schritten
sie  dahin  durch  eine  Siegesallee  von  7441  eroberten  französischen  Geschützen,
  während  107  französische  Adler  und  Fahnen  im  Triumphe  ihnen
vorangetragen  wurden.  An  der  Spitze  seiner  Tapferen  ritt  in  ungebeugter
  Kraft  der  kaiserliche  Oberfeldherr  —  ein  unvergeßlich-erhebendes
  Bild  für  jeden,  der  es  gesehen  hat  —  neben  ihm,  doch  etwas  zurück,
den  Feldmarschallsstab  in  der  Rechten,  die  beiden  prinzlichen  Beerführer,
den  Fürsten  voran  in  einer  Reihe  Moltke,  Bismarck  und  Roon:  Kaiser
Wilhelms  Haladine,  mit  geschwungenem  Schwerte  Frankreichs  Frevelmut
  zu  brechen,  mit  kräftigem  Kammerschlag  Deutschlands  Einheit  zu
schmieden.

Die  Königgrätzer  Straße  entlang,  die  Linden  hinauf  ging  der  stolze
Siegeseinzug.  Er  endete  im  Lustgarten.  Denn  hier  sollte  die  feierliche
Enthüllung  des  Denkmals  König  Friedrich  Wilhelms  III.  den  Abschluß
bilden.  So  hatte  es  Kaiser  Wilhelms  pietätvolle  Dankbarkeit  bestimmt:
als  gelte  dem  königlichen  Vater  das  herrliche  Siegesfest.  „Was  wir  im
tiefsten  Frieden  ersonnen  und  vollendet“,  sprach  er  mit  bewegter  Stimme,
als  die  ZKülle  von  dem  Standbilde  gefallen,  zu  den  Deputationen  am
Denkmal,  „was  wir  hofften,  im  tiefsten  Frieden  enthüllen  zu  können,  dieses
Standbild,  ist  nun  auch  zum  Denkmal  des  Schlusses  eines  der  glorreichsten,
wonn  auch  blutigsten  Kriege  der  Teuzeit  geworden.  Wenn  der  König
        <pb n="527" />
        Kaiser  und  Reich.  521

uns  sehen  könnte,  so  würde  er  mit  seinem  Volke  und  seinem  Heere  zu—
frieden  sein.  Möge  der  Friede,  den  wir  mit  so  vielen  Opfern  erfochten,
auch  ein  dauernder  werden!  An  uns  allen  ist  es,  die  Hand  anzulegen,
daß  es  also  geschehe.  Das  walte  Gott!“

Diesen  Frieden  zu  befestigen  und  zu  sichern,  ließ  nun  Kaiser  Wilhelm
vor  allem  seine  Sorge  sein.  Er  machte  dem  Kaiser  Franz  Joseph  am
11.  und  12.  August  in  Ischl  einen  Besuch,  den  dieser  bald  darauf  in
Gastein  erwiderte.  Der  herzliche  Verkehr  der  beiden  Herrscher  blieb  denn
auch  nicht  ohne  Einfluß  darauf,  daß  im  Wovember  Graf  Andrass  als
Reichskanzler  an  die  Stelle  des  preußenfeindlichen  Grafen  Beust  trat.
In  der  Freundschaft  mit  Rußland  aber  hatte  Kaiser  Wilbelm  von  jeher

Medaille  auf  den  Feldzug  von  1870—1871.
(Königl.  Münzkabinett  in  Berlin.)

das  Fundament  seiner  äußeren  Holitik  gesehen.  Und  es  that  ihm  wohl,
daß  diese  Empfindung  auf  das  herzlichste  von  Kaiser  Alexander  gewürdigt
und  geteilt  wurde.  Rei  dem  Feste  der  Georgsritter  am  8.  Dezember
brachte  dieser  auf  Kaiser  Wilhelm  einen  Trinkspruch  aus,  in  der  Foffnung,
  daß  die  innige  Freundschaft,  welche  die  Herrscher  verbinde,  auch
bei  der  künftigen  Generation  fortdauern  werde;  denn  das  sei  die  beste
Bürgschaft  für  Aufrechterhaltung  des  Friedens  in  Europa.

So  waren  denn  auch,  als  Kaiser  Wilhelm  am  Schlusse  dieses  großen
Jahres  in  der  Stille  der  Meujahrsnacht  Rückschau  hielt  und  was  sein
Herz  bewegte  niederschrieb,  seine  Empfindungen  wie  voll  demütigen  Dankes,
so  voll  Sehnsucht  nach  Frieden:  welch  sprechendes  Denkmal  für  ihn!  Hier
ist,  was  er  schrieb.
        <pb n="528" />
        522  Erstes  Kapitel.

«  »3x.Dezemberx87x.
„Gott  war  mit  uns!
Ihm  sei  Lob,  Preis,  Ehre,  Dank!

„Als  ich  am  Schlusse  des  Jahres  1866  mit  dankerfülltem  Herzen
Gottes  Gnade  dankend  preisen  durfte  für  so  unerwartet  glorreiche  Ereignisse,
  die  sich  zum  Heile  Hreußens  gestalteten  und  den  Anfang  zu  einer
Meueinigung  Deutschlands  nach  sich  zogen,  da  mußte  ich  glauben,  daß
das  von  Gott  mir  aufgetragene  Tagewerk  vollbracht  sei  und  ich  dasselbe
nun,  in  Ruhe  und  Frieden  fortbildend,  dereinst  meinem  Sohne  Elück
bringend  hinterlassen  würde,  voraussehend,  daß  ihm  es  beschieden  sein
werde,  die  südliche  Zälfte  Deutschlands  mit  der  närdlichen  zu  einem
Ganzen  zu  einen.

„Aber  nach  Gottes  unerforschlichem  Ratschluß  sollte  ich  berufen  werden,
selbst  noch  diese  Einigung  herbeizuführen,  wie  sie  sich  nach  dem  von  Frankreich
  auf  das  frivolste  herbeigeführten  ebenso  glorreichen  als  blutigen
siebenmonatlichen  Krieges  nunmehr  darstellt!  Wenn  je  in  der  Geschichte
sich  Gottes  Finger  sichtlich  gezeigt  hat,  so  ist  dies  in  den  Jahren  1866,
1870  und  71  gescheben.

„Der  deutsch-französische  Krieg,  der  wie  ein  Blitz  aus  beiterem
RKimmel  herabfiel,  einte  ganz  Deutschland  in  wenigen  Tagen,  und  seine
Beere  schritten  von  Sieg  zu  Sieg  und  erkämpften  mit  schmerzlichen  Opfern
Ereignisse,  die  nur  durch  Gottes  Willen  möglich  waren.  Dieser  Wille
stellte  mir  Männer  zur  Seite,  um  so  Großes  vollbringen  zu  sollen.

„Dieser  Wille  stählte  die  Gesinnung  der  Kämpfenden  in  HRingebung
und  Ausdauer  und  nie  gekannter  Tapferkeit,  so  daß  an  Hreußens  Fahnen
und  an  die  seiner  Derbündeten  sich  unvergängliche  Ehre  knüpfte.  Dieser
Wille  begeisterte  das  Dolk  zu  nie  gekannter  Opferwilligkeit,  zur  Linderung
der  Leiden,  die  der  Krieg  unvermeidlich  schlägt!

„Mit  demütig  dankerfülltem  Herzen  preise  ich  Gottes  Gnade,  die
uns  würdig  befunden  hat,  so  Großes  nach  seinem  Willen  vollbringen  zu
sollen!  Möge  diese  Gnade  ferner  uns  zur  Seite  stehen  beim  Auf-  und
Ausbau  des  neu  geeinten  Deutschland,  zu  dem  erst  der  Grund  gelegt  ist,
und  Frieden  uns  beschieden  sein  „die  Güter  in  Demut  zu  genießen“,  die
in  blutigen,  heißen  Kämpfen  errungen  wurdenl!

„Herr,  Dein  Wille  geschehe  wie  im  Himmel,  also  auch  auf  Erdenl!!
Amenl
·  Wilhelm.“
        <pb n="529" />
        Bweites  Kapitel.
Der  Ausbau  des  Reiches.

(1871—#  1878.)

Für  das  junge  Deutsche  Reich  war  es  ein  außerordentliches  Glück,
daß  dieselben  Männer,  die  es  geschaffen  hatten,  ihm  auch  fernerhin  noch
auf  eine  Reihe  von  Jahren  erhalten  blieben,  um,  nachdem  sie  den  Aufbau
  zum  Erstaunen  der  Welt  zustande  gebracht,  nun  auch  den  Ausbau
zu  leiten,  der  ihm  erst  Sicherbeit  und  Dauerhaftigkeit  verleihen  konnte.
Die  ehrwürdige  Hersönlichkeit  Kaiser  Wilhelms  allein  schon  wirkte
mäßigend  auf  die  Gegensätze  der  Harteien  im  Dolke;  seine  stets  rücksichtsvolle
  Art  trug  auch  viel  dazu  bei,  die  deutschen  Fürsten  mit  den  Opfern
auszusöhnen,  die  sie  zur  Förderung  des  gesamten  Daterlandes  hochherzigen
Entschlusses  dargebracht  hatten,  und  gab  ihnen  die  Gewähr,  daß  nicht
mehr,  als  das  Wohl  des  Ganzen  erhbeische,  von  ihnen  werde  verlangt  werden.

Um  so  gerechter  war  daher  der  Schmerz  bei  hoch  und  niedrig,  als
es  zu  Anfang  des  Jahre  1872  so  scheinen  wollte,  als  wenn  er  zuerst,
wie  er  denn  an  Lebensjahren  allen  seinen  Haladinen  voranstand,  von
dem  großen  Werke,  das  er  geschaffen,  werde  abberufen  werden.  Um  so
größer  aber  war  darum  auch  die  Srende,  daß  Gottes  Gnade  vor  einer
so  schweren  Drüfung  das  teure  Daterland  bewahrte.  Am  15.  Januar
klagte  der  Kaiser  über  ein  allgemeines  Gefühl  von  Unwohlsein,  das  sich
rasch  so  steigerte,  daß  er  dem  GCrdensfeste  fern  bleiben  mußte.  Eine
ernstliche  Krankheit  entwickelte  sich;  seine  Baltung  war  gebrochen,  seine
Stimme  ganz  tonlos  und  seine  körperliche  Schwäche  zwang  ihn,  wiederholt
  den  Tag  über  im  Bett  zu  bleiben.  Während  des  Februar  und
März  nahm  die  Krankheit  so  zu,  daß  die  Ärzte  einen  TLungenschlag  befürchteten.
  Tur  wenige  Stunden  um  Mittag  konnte  er  außer  dem  Bett
zubringen.  Aber  auch  dann  atmete  er  schwer  und  blieb  unter  dem
Banne  trüber  Stimmung.  Nur  auf  einen  Stock  sich  stützend,  konnte  er
sich  berwegen.  Dann  saß  er  an  dem  Miitteltische  in  seinem  Arbeitszimmer
        <pb n="530" />
        524  Swcuites  Kapitel.

und  starrte  unthätig  vor  sich  hin.  „Auf  wWiedersehen!“  sagte  er  zu
seinem  Bibliothekar,  der  sich  verabschiedete.  „Dielleicht  auch  auf  Michtwiedersehen!“
  Indessen  im  April  begann  doch  die  Kraft  des  Körpers
über  die  Krankheit  obzusiegen.  Der  Kaiser  begab  sich  nach  Wiesbaden,
dessen  heiße  Bäder  ihm  außerordentlich  gut  thaten.  Sur  Nachkur  weilte
er,  wie  es  von  jetzt  an  fast  alljährlich  geschah,  einige  Wochen  in  Gastein
und  kehrte  am  Ende  des  Sommers  in  seiner  ganzen  früheren  Rüstigkeit
nach  Berlin  zurück.

Moch  nach  Wiesbaden  hatte  ihm  Graf  Roon  gemeldet,  daß  alle
Kriegsschäden  in  der  Armee  wiederhergestellt,  alle  Dorräte,  alles  Material
und  Kriegsgerät  wieder  ersetzt  sei.  Das  war  dem  Kaiser  eine  große
Freude.  Er  lobte  die  rastlose  Thätigkeit  des  Kriegsministers.  „Ich
fange“,  setzte  er  ernst  hinzu,  „gewiß  in  meinem  Leben  keinen  Krieg  mehr
an;  aber  ich  habe  auch  gesorgt,  daß  die  anderen  es  sich  wohl  überlegen
  werden,  ehe  sie  mit  mir  Krieg  anfangen.“

In  diesem  Gedanken  war  auch  im  Frieden  Kaiser  Wilhelms  unausgesetzte
  Sorge,  durch  sein  Heer  das  Deutsche  Reich  wehrhaft  und  stark
zu  erhalten.  Es  war  das  gleiche  Streben,  das  ihn  am  Anfange  seiner
Regierung  erfüllt  hatte,  aber  dem  schroffen  Widerspruche  des  preußischen
Abgeordnetenhauses  begegnet  war.  Auch  jetzt  wieder,  trotz  seiner  großartigen
  Erfolge,  trafen  die  Mlaßnahmen  des  ruhmgekrönten  Kaisers  auf
lebhaften  Widerspruch.  Er  verlangte,  daß  durch  ein  Gesetz  der  Friedens-Dräsenzstand
  der  Armee  und  der  Militär-Ausgabeetat  ein  für  allemal
festgestellt  würden;  denn  weder  die  Siffer  des  Effektiobestandes  der
Armee,  noch  die  Kosten  ihrer  Unterhaltung  dürften  von  den  schwankenden
  Abstimmungen  parlamentarischer  Mehrheiten  abhängig  sein.  Die
Linke  des  Reichstages  dagegen  sah  hierin  eine  Beeinträchtigung  der
Mlachtbefugnis  des  Hauses;  sie  stellte  die  Erweiterung  der  parlamentarischen
  Akacht  über  die  Sicherung  des  Reiches.  Allein  sie  hatte  dabei
die  allgemeine  Meinung  des  deutschen  Dolkes  keineswegs  binter  sich.
Darum  konnte  sie  nicht  durchdringen.

Die  Friedenspräsenzstärke  ist  die  grundlegende  Bestimmung  für  die
Organisation  des  Reeres.  Die  Reichsverfassung  setzte  sie  auf  ein  Drozent
der  Bevölkerung  von  1867  bis  zum  Schlusse  des  Jahres  1871  fest  und
bestimmte,  daß  sie  für  die  spätere  Seit  durch  ein  Reichsgesetz  geregelt
werden  sollte.  Da  nun  aber  1871  ein  solches  Organisationsgesetz  noch
nicht  fertig  war,  so  wurde  der  Termin  um  3  Jahre  binausgeschoben  und
bestimmt,  daß  bis  Ende  1874  demnach  die  bisberige  Hräsenzstärke  von
401659  Mann  beibehalten  werden  solle.
        <pb n="531" />
        Der  Ausbau  des  Reiches.  525

Auch  1874  verlangte  die  Regierung  die  Beibehaltung  dieser  Präsenz—
ziffer  bis  zum  Erlasse  einer  anderweitigen  gesetzlichen  Bestimmung.  Damit
  stieß  sie  aber  auf  den  heftigen  Widerspruch  der  Reichstags-Cinken,  die
für  den  Reichstag  das  Recht  in  Anspruch  nahm,  alljährlich  die  Kosten
und  damit  auch  die  Präsenzstärke  der  Armee  zu  bewilligen.  Da  erhob
sich  aber  gegen  den  Reichstag  im  Volke  selbst  eine  lebhafte  Bewegung;

Neichskanzler  Fürst  Bismarck.
Nach  einer  Photographie  aus  dem  Jahre  1880.

die  öffentliche  Meinung  verlangte,  daß  die  deutsche  Wehrkraft  ungeschwächt
  erhalten  bliebe,  daß  das  deutsche  Heer  eine  dauernde,  gesetzlich
gesicherte  Institution  des  Reiches  sei.  Weite  Kreise  des  Volkes  sprachen
sich  in  Wählerversammlungen  und  Adressen  so  einmütig  und  entschieden
gegen  den  Reichstag  aus,  daß  die  große  Mehrzahl  auch  der  Linken  die
Notwendigkeit  einzulenken  schnell  einsah.

Es  war  der  Abgeordnete  von  Bennigsen,  der  einen  gangbaren
Mittelweg  fand,  indem  er  vorschlug,  die  bisherige  Präsenzstärke  auf
sieben  Jahre,  nicht  auf  unbestimmte  Seit,  zu  bewilligen.  Am  Kranken-
        <pb n="532" />
        526  Sweites  Kapitel.

bett  des  Fürsten  Bismarck  hielt  Kaiser  Wilhelm  am  10.  April  1874  mit
diesem,  dem  Grafen  Mloltke  und  dem  Kriegsminister  von  Kameke,  der
an  Roons  Stelle  getreten  war,  eine  Beratung  über  den  Dorschlag.  Das
Ergebnis  derselben  war,  daß  Kaiser  Wilhelm  sich  mit  dem  „Septennat"
einverstanden  erklärte.  Die  Nachricht  hiervon  erregte  im  Zeichstage  den
größten  Jubel,  und  mit  224  gegen  146  Stimmen  nahm  der  Reichstag
die  siebenjährige  Dauer  des  Gesetzes  an.  Eine  Krise,  die  für  Deutschlands
  inneres  Leben  wie  für  seine  äußere  Schlagfertigkeit  große  Gefahren
in  sich  barg,  war  damit  glücklich  vermieden  und,  wie  Kaiser  Wilhelm
in  der  Thronrede,  mit  der  er  am  26.  April  den  Reichstag  schlo,  betonte,
  „dem  deutschen  Heere  war  eine  seiner  Bedeutung  für  das  Reich
entsprechende  Festigkeit  der  Gestaltung  gesichert".

Im  folgenden  Jahre  erhielt  die  Wehrgesetzgebung  des  Deutschen
Reiches  ihren  Schlußstein  in  dem  „LCandsturm-Gesetz“.  Denn  dies  verwandelte
  den  Landsturm  aus  einem  ungeregelten  Aufgebot  der  gesamten
Bevölkerung  in  eine  geordnete  und  militärisch  organisierte  Derwendung
aller  derjenigen  Wehrpflichtigen  vom  17.  bis  42.  Jahre,  die  weder  dem
Beere  noch  der  Flotte  angehörten.  Es  führte  damit  der  auf  dem  Kriegsfuße
  1285701  Mann  zählenden  Armee  für  den  Kriegsfall  noch  eine
Derstärkung  von  000000  Mann  zu,  bestimmt  zur  Besetzung  der  Festungen
und  zur  Landesverteidigung.

Das  war  eine  gewaltige  Rüstung,  mit  der  angethan  das  Deutsche
Reich  keinen  äußeren  Feind  zu  fürchten  brauchte.  Nun  aber  erstand,
gerade  aus  den  großen  Erfolgen  der  letzten  Jahre  heraus  geboren,  im
Innern  ihm  eine  Feindschaft,  geeignet  und  beflissen,  Unruhe  und  Miß—
behagen  in  alle  Derhältnisse  hineinzutragen.  Es  war  die  Feindschaft  der
katholischen  Kirche.

Durch  die  Einigung  Italiens  war  der  Hapst  des  Kirchenstaates  verlustig
  gegangen;  nur  Rom  erbielt  ihm  die  französische  Zesatzung.  Und
gerade  mit  diesem  Italien  verbündete  sich  Hreußen  und  schloß  durch
seine  Siege  das  katholische  Gsterreich  aus  Deutschland  aus.  Das  evangelische
  ODreußen  übernahm  allein  die  Führung.  Das  erregte  bei  den
Katholiken  Mißtrauen  und  Befürchtungen,  so  daß  schon  im  Keichstage
des  Norddeutschen  BZundes  die  katholischen  Abgeordneten  zu  einer  geschlossenen
  Gruppe  sich  zusammenthaten.  So  entstand  die  Sentrumspartei.

Ersatz  für  den  Derlust  des  Fürstentums,  den  er  erlitten,  suchte  nun
der  greise  Dapst  Dius  IX.  in  geistlichen  Entwürfen  außerordentlichster
Art.  Er  unternahm  es,  die  päpstliche  Unfehlbarkeit,  wie  er  selbst  daran
glaubte,  als  ein  Dogma  der  Christenheit  durch  ein  Konzil  zur  allgemeinen
        <pb n="533" />
        Der  Ausbau  des  Reiches.  527

Anerkennung  zu  bringen.  Und  wirklich  unterwarfen,  als  er  fest  auf
seinem  Sinne  beharrte,  die  anfangs  heftig  widerstrebenden  Kirchenfürsten
sich  einer  nach  dem  andern;  und  die  Zahl  der  altkatholischen  Gemeinden,
welche  die  päpstliche  Unfehlbarkeit  nicht  anerkannten,  wurde  bei  weitem
nicht  so  groß,  wie  es  anfangs  bei  der  hochwogenden  Aufregung  den  An—
schein  gehabt  hatte.  Es  war  ein  großer  Sieg,  den  der  Papst  gewann
gerade  zu  der  Zeit,  wo  die  ewige  Stadt,  sein  letzter  Besitz  an  weltlicher
Herrschaft,  ihm  durch  die  Siege  der  Deutschen  verloren  ging.  Denn  das
große  Ereignis  von  Sedan  zwang  die  französische  Regierung,  die  Besatzung
aus  Rom  abzuberufen,  so  daß  nun  die  Jtaliener  die  Stadt  besetzten,
und  der  DHapst  sich  in  seinem  vatikanischen  Halaste  als  einen  „Oefangenen“
  betrachtete.  Da  erschien  denn  im  Großen  Zauptgquartier  in
Dersailles  eine  Deputation  der  deutschen  Katholiken  mit  der  Zitte  vor
Kaiser  Wilhelm,  daß  er  sich  für  die  Wiederherstellung  der  weltlichen
Berrschaft  des  Dapstes  verwenden  möchte.  Allein  der  Kaiser  lehnte  das
ab,  war  überhaupt  so  entschieden  gegen  jede  Einmischung,  daß  er  auch
keinen  katholischen  Geistlichen  hinderte  —  wie  doch  in  mehreren  katholischen
  Staaten  geschah  —  die  Beschlüsse  des  vatikanischen  Konzils  zu
verkündigen.

Durch  das  Dolk,  war  nun  der  Gedanke  der  Jesuiten,  von  denen
der  greise  Hapst  sich  völlig  lenken  ließ,  einen  Einfluß  auf  die  deutsche
Regierung  zu  erstreben.  Für  dies  Siel  entwickelten  sie  jetzt  eine  rührige
Thätigkeit.  Massenwallfahrten  wurden  ins  erk  gesetzt;  die  Jungfrau
Maria  erschien  in  Alarpingen  einem  Kreise  Auserwählter;  erstaunliche
Wunder  geschalen.  Die  Dolksmassen  wurden  fanatisiert  und  durch  die
Kapläne  zur  Wahlurne  geführt.  Das  Ergebnis  war,  daß  die  Sentrumspartei
  als  die  zahlreichste  in  den  Reichstag  eintrat.  Ein  Geist  des  Widerstandes
  gegen  die  Maßnahmen  des  Staates,  von  den  Jegsuiten  geschürt,
machte  sich  bemerkbar.  Der  uralte,  stets  glimmende  Gegensatz  zwischen
Staat  und  Kirche  begann  in  hellen  Flammen  aufzuschlagen.

Mit  klarer  Entschiedenheit  antwortete  Kaiser  Wilhelm  den  preußischen
Bischöfen,  die,  in  Fulda  versammelt,  sich  darüber  beschwerten,  daß  der
altkatholischen  Gemeinde  in  Kattowitz  eine  Motkirche  eingeräumt  war:
„Michts  wird  Mich  abhalten,  auch  in  Zukunft  ebenso  wie  bisher  darauf
zu  halten,  daß  in  Meinen  Staaten  jedem  Glaubensbekenntnis  das  vollste
Maß  der  Freiheit,  welches  mit  den  Rechten  anderer  und  mit  der  Gleichheit
  aller  vor  dem  Gesetze  verträglich  ist,  gewahrt  bleibe.“  Es  handelte
sich  ja  für  die  Regierung  nicht  darum,  ob  sie  das  Dogma  von  der  Unfeblbarkeit
  des  Hapstes  anerkennen  oder  nicht  anerkennen  sollte;  das
        <pb n="534" />
        528  Sweites  apitel.

überließ  sie  der  Glaubens=  und  Gewissensfreiheit  der  einzelnen  Katholiken;
  sondern  darum  handelte  es  sich,  ob  sie  im  Bereiche  ihrer  gesetzlichen
  Mitwirkung  eine  Lehre  unterstützen  sollte  oder  durfte,  die  sie  als
verderblich  für  den  Frieden  zwischen  Staat  und  NRirche  ansab.  Daraus
ergab  sich  denn  alsbald  die  Aufhebung  der  katholischen  Abteilung  in
dem  Kultusministerium,  die,  1841  als  berufene  Ratgeberin  der  Staatsgewalt
  eingerichtet,  nicht  selten  mehr  als  Dertreterin  der  katholischen
Kirche  gegen  den  Staat  sich  zu  betrachten  geneigt  gewesen  war.  Am
4.  Juli  1872  folgte,  durch  Hunderte  von  Hetitionen  angeregt,  die  Derbannung
  der  Jesuiten  aus  dem  Deutschen  Reiche.

Es  wurde  überhaupt  zumal  in  Hreußen  notwendig,  der  katholischen
Kirche  gegenüber  einen  rein  staatsrechtlichen  Standpunkt  einzunehmen.
Ihn  durchzuführen  wurde  an  Stelle  Heinrich  von  Mühlers,  der  mit
Derwaltungsreskripten  den  grundsätzlichen  Widerstand  beugen  zu  können
gemeint  hatte,  am  17.  Januar  1872  Adalbert  Falk  zum  Kultusminister
berufen.  Und  Fürst  Bismarck  bezeichnete  in  dem  Reichstage  den  Standpunkt
  der  Regierung  mit  dem  bekannten  Wort:  „Dessen  seien  Sie
sicher:  nach  Canossa  gehen  wir  nicht,  weder  in  kirchlicher  noch  in  staatlicher
  Zeziellung.“  So  wurden  denn  1875  die  „Maigesetze"“  erlassen,
welche  die  Aufsicht  über  das  Schulwesen  dem  Staate  übertrugen  und  die
den  Jesuiten  verwandten  Kongregationen  aus  dem  Staate  verbannten.
Widerspenstige  Driester  wurden  in  Strafe  genommen,  Bischöfe,  die  gegen
die  Staatsgesetze  handelten,  verhaftet  und  abgesetzt.  Aber  bischöfliche
Rirtenbriefe  schürten  die  Widersetzlichkeit,  und  die  katholische  Hresse  reizte
zum  Widerstand.  Ja,  Hapst  Hius  erklärte  in  der  Encyklika  vom  5.  Februar
  1875  alle  neuen  Kirchengesetze  für  ungültig  und  verbot,  ihnen  zu
gehorchen.  Da  stellte  Hreußen  denn  in  Antwort  darauf  alle  bisherigen
Staatsleistungen  an  die  katholische  Kirche  ein  und  verbannte  sämtliche
geistliche  Orden  mit  alleiniger  Ausnahme  derjenigen,  die  sich  ausschließlich
  mit  Krankenpflege  beschäftigten,  aus  dem  ganzen  Staatsgebiet.  Sugleich
  wurden  die  Altkatholiken  als  berechtigte  Religionspartei  staatlich
anerkannt.  Da  glaubte  denn  der  Hapst,  den  klar  und  fest  vorgebenden
Kaiser  durch  ein  direkt  an  ihn  gerichtetes  Schreiben  zum  Einlenken  bewegen
  zu  können.  Am  7.  August  1873  schrieb  er  an  ihn:  man  teile
ihm  mit,  daß  der  Kaiser  das  Derfahren  seiner  Regierung  gegen  die
katholische  Religion  nicht  gutheiße,  das  dazu  führen  würde,  den  Thron
des  Kaisers  zu  untergraben.  Seine  Oflicht  aber  sei  es,  allen  die  Wahrbeit
zu  sagen,  auch  denen,  die  nicht  Katholiken  seien:  denn  jeder,  der  die  Taufe
empfangen  habe,  gehöre  auf  irgend  eine  Weise  ihm,  dem  Hapste,  an.
        <pb n="535" />
        Kaiser  Wilhelm  und  sein  Kanzler.
Nach  dem  Gemälde  von  F.  Siemenroth.

Kaiser  Wilhelm.  34
        <pb n="536" />
        530  Sweites  Kapitel.

Aber  Kaiser  Wilhelm  war  nicht  der  Mann,  durch  Überhebung  sich
einschüchtern  zu  lassen.  Am  53.  September  gab  er  bündige,  unwiderlegliche
  Antwort.  „Ich  bin  erfreut,  daß  Eure  Heiligkeit  Mir,  wie  in
früheren  Zeiten,  die  Ehre  erweisen,  Mir  zu  schreiben.  Ich  bin  es  um
so  mehr,  als  Mir  dadurch  die  Gelegenheit  zu  teil  wird,  Irrtümer  zu  be—
richtigen,  welche  nach  Inhalt  des  Schreibens  Eurer  Heiligkeit  in  den
Ihnen  über  deutsche  Verhältnisse  zugegangenen  Meldungen  vorgekommen
sein  müssen.  Wenn  die  Berichte,  welche  Eurer  Heiligkeit  über  deutsche
Verhältnisse  erstattet  werden,  nur  Wahrheit  meldeten,  so  wäre  es  nicht
möglich,  daß  Eure  Heiligkeit  der  Vermutung  Raum  geben  könnten,  daß
Meine  Regierung  Bahnen  einschlüge,  welche  Ich  nicht  billigte.  Nach
der  Verfassung  Meiner  Staaten  kann  ein  solcher  Fall  nicht  eintreten,  da
die  Gesetze  und  Regierungsmaßregeln  in  Preußen  Meiner  landesherrlichen
  Zustimmung  bedürfen.

„Zu  Meinem  tiefen  Schmerze  hat  ein  Teil  Meiner  katholischen
Unterthanen  seit  zwei  Jahren  eine  politische  Partei  organisiert,  welche
den  in  Preußen  seit  Jahrhunderten  bestehenden  konfessionellen  Frieden
durch  staatsfeindliche  Umtriebe  zu  stören  sucht.  Leider  haben  höhere
katholische  Geistliche  diese  Bewegung  nicht  nur  gebilligt,  sondern  sich  ihr
bis  zur  Auflehnung  gegen  die  bestehenden  Landesgesetze  angeschlossen.

„Der  Wahrnehmung  Eurer  Beiligkeit  wird  nicht  entgangen  sein,
daß  ähnliche  Erscheinungen  sich  gegenwärtig  in  der  Mehrzahl  der  europäischen
  und  in  einigen  überseeischen  Staaten  wiederholen.

„Es  ist  nicht  Meine  Aufgabe,  die  Ursachen  zu  untersuchen,  durch
welche  Hriester  und  Gläubige  einer  der  christlichen  Konfessionen  bewogen
werden  können,  den  Feinden  jeder  staatlichen  Ordnung  in  Bekämpfung
der  letzteren  behilflich  zu  sein;  wohl  aber  ist  es  Meine  Aufgabe,  in  den
Staaten,  deren  ZRegierung  Mir  von  Gott  anvertraut  ist,  den  inneren
Frieden  zu  schützen  und  das  Ansehen  der  Gesetze  zu  wahren.  Ich  bin
Mir  bewußt,  daß  Ich  über  die  Erfüllung  dieser  Meiner  königlichen  Oflicht
Gott  Rechenschaft  schuldig  bin,  und  Ich  werde  Ordnung  und  Gesetz  in  Meinen
Staaten  jeder  Anfechtung  gegenüber  aufrecht  halten,  so  lange  Gott  Mir
die  Macht  dazu  verleiht.  Ich  bin  als  christlicher  Monarch  dazu  verpflichtet,
  auch  da,  wo  Ich  zu  Meinem  Schmerz  diesen  königlichen  Beruf
gegen  die  Diener  einer  Kirche  zu  erfüllen  habe,  von  der  Ich  annebme,
daß  sie  nicht  minder,  wie  die  evangelische  Kirche,  das  Gebot  des  Gehorsams
  gegen  die  weltliche  Obrigkeit  als  einen  Ausfluß  des  uns  geoffenbarten
  göttlichen  Willens  erkennt.
        <pb n="537" />
        Der  Ausbau  des  Reiches.  531

„Zu  Meinem  Bedauern  verleugnen  viele  der  Eurer  Heiligkeit  unter—
worfenen  Geistlichen  in  Hreußen  die  christliche  Lehre  in  dieser  Richtung
und  setzen  Meine  Regierung  in  die  Notwendigkeit,  gestützt  auf  die  große
Mehrzahl  Meiner  treuen  katholischen  und  evangelischen  Unterthanen,  die
Befolgung  der  Landesgesetze  durch  weltliche  Mittel  zu  erzwingen.

„Jch  gebe  Mich  gern  der  Hoffnung  hin,  daß  Eure  Heiligkeit,  wenn
von  der  wahren  Lage  der  Dinge  unterrichtet,  Ihre  Autorität  werden  anwenden
  wollen,  um  der  unter  bedauerlicher  Sntstellung  der  Wahrheit  und
unter  Mißbrauch  des  priesterlichen  Ansehens  betriebenen  Aagitation  ein
Ende  zu  machen.  Die  Religion  Jesu  Christi  hat,  wie  Ich  Eurer  Beiligkeit
  vor  Gott  bezeuge,  mit  diesen  Umtrieben  nichts  zu  thun,  auch  nicht
die  Wahrheit,  zu  deren  von  Eurer  Beiligkeit  angerufenem  Hanier  Jch
Mich  rückhaltslos  bekenne.

„Noch  eine  Äußerung  in  dem  Schreiben  Eurer  Beiligkeit  kann  Ich
nicht  ohne  Widerspruch  übergehen,  wenn  sie  auch  nicht  auf  irrigen  Berichterstattungen,
  sondern  auf  Eurer  Beiligkeit  Glauben  beruht,  die  Äußerung
  nämlich,  daß  jeder,  der  die  Taufe  empfangen  hat,  dem  Papste
angehöre.  Der  evangelische  Glaube,  zu  dem  Ich  Mich,  wie  Eurer
Beiligkeit  bekannt  sein  muß,  gleich  WMeinen  Dorfahren  und  mit  der  Mehrheit
  Meiner  Unterthanen  bekenne,  gestattet  uns  nicht,  in  dem  Herhältnis
zu  Gott  einen  andern  Dermittler,  als  unsern  Herrn,  Jesum  Christum  anzunehmen.
  .

„Diese  Verschiedenheit  des  Glaubens  hält  Mich  nicht  ab,  mit  denen,
welche  den  unsern  nicht  teilen,  in  Frieden  zu  leben  und  Eurer  Heiligkeit
den  Ausdruck  Meiner  persönlichen  Ergebenheit  und  Verehrung  darzubringen.
  Wilhelm.“

Der  Eindruck,  den  diese  mannhafte  Abwehr  der  päpstlichen  Ansprüche
  bei  hoch  und  niedrig  machte,  war  ein  ganz  außerordentlicher;  mit
begeisterter  Zustimmung  begrüßten  sie  alle  Patrioten.  Im  Berliner  Rathause
  wurde  (am  7.  Februar  1874)  eine  großartige  Kundgebung  veranstaltet,
  an  der  auch  Abgeordnete  des  Reichstages  wie  des  Landtages  in
großer  Sahl  teilnahmen.  Aber  auch  im  Auslande,  zumal  in  dem  protestantischen
  England  und  Amerika,  erfaßte  man  mit  lebhaftem  Beifall
die  Bedeutung  des  Kampfes,  den  Deutschland  für  die  ganze  Delt
kämpfte.  Der  greise  Earl  Russel  berief  in  London  eine  nach  Tausenden
zählende  Dersammlung,  um  dem  Deutschen  Kaiser  die  Bewunderung  des
englischen  Dolkes  und  dessen  herzliche  Teilnahme  an  dem  Kampfe  Deutschlands
  gegen  Rom  auszudrücken.  Mit  lautester  Sustimmung  wurde  eine

Resolution  in  diesem  Sinne  gefaßt  und  nach  Berlin  gesandt.
347
        <pb n="538" />
        532  Sweites  Kapitel.

Diese  spmpathische  Kundgebung  des  englischen  Volkes  erfüllte  den
Kaiser  mit  Freude.  In  einem  eigenhändigen  Dankesbriefe  schrieb  er  an
Cord  Russel:  „Mir  liegt  die  Führung  Meines  Volkes  in  einem  Kampfe
ob,  welchen  schon  frühere  deutsche  Kaiser  Jahrhunderte  hindurch  mit
wechselndem  Glück  gegen  eine  Macht  zu  führen  gehabt  haben,  deren
Berrschaft  sich  in  keinem  Lande  der  Welt  mit  dem  Frieden  und  der
Wohlfahrt  der  Völker  verträglich  erwiesen  hat,  und  deren  Sieg  in  unseren
Tagen  die  Segnungen  der  Reformation,.  die  Gewissensfreiheit  und  die
Autorität  der  Gesetze  nicht  bloß  in  Deutschland  in  Frage  stellen  würde.
—  Ich  führe  diesen  Mir  aufgedrungenen  Kampf  in  Erfüllung  Meiner
königlichen  Pflichten  und  in  festem  Vertrauen  auf  Gottes  siegbringenden
Beistand,  aber  auch  in  dem  Geiste  der  Achtung  vor  dem  Glauben
anderer  und  der  evangelischen  Duldsamkeit,  welche  Meine  Vorfahren  dem
Rechte  und  der  Verwaltung  Meiner  Staaten  aufgeprägt  haben.“

Es  konnte  nicht  ausbleiben,  daß  von  manchen  Waßregeln,  die  der
Staat  zur  Wahrung  seiner  Stellung  der  katholischen  Kirche  gegenüber
traf,  wie  von  dem  Schulaufsichtsgesetz,  auch  die  evangelische  Kirche  in
Preußen  mitbetroffen  wurde.  Um  so  mehr  lag  Kaiser  Wilhelm,  dem
warmen  und  tiefüberzeugten  Anhänger  des  evangelischen  Bekenntnisses,
daran,  den  Ausbau  der  evangelischen  Kirchenverfassung  zu  fördern  und
damit  diejenige  Selbständigkeit,  welche  die  Verfassung  ihr  zusicherte,
thatsächlich  ihr  zu  gewähren.  So  wurde  denn  1873  die  Lirchengemeindeund
  Svnodalordnung  für  die  älteren  Hrovinzen  des  preußischen  Staates
verkündigt,  und  am  20.  Januar  1876  folgte  die  Derkündigung  der  Generalspnodalordnung
  für  die  evangelische  Landeskirche.  Sie  wollte  eine
größere  Teilnahme  an  dem  Leben  und  der  Entwickelung  des  protestantischen
  Kirchenwesens  und  ein  regeres  Interesse  für  die  religiöse  Bethätigung
  erwecken.  Daher  wurde  dem  TLaienstande  eine  solche  Organisation
  gegeben,  daß  die  in  demselben  vorhandenen,  kirchlich  handlungsfähigen
  Kräfte  zum  Dienste  in  den  Aufgaben  des  Gemeinwesens  möglichst
herangezogen  und  mit  dem  gebührenden  Anteil  an  der  Selbstbestimmung
der  Kirche  ausgestattet  wurden.  Demgemäß  wurde  eine  stufenmäßige
Gliederung  des  kirchlichen  Organismus  von  den  aus  freier  Wahl  konstituierten
  Gemeindekörperschaften,  dem  Gemeindekirchenrat  und  der  Gemeindevertretung,
  durch  Kreis=  und  Orovinzialspnoden  zu  der  allgemeinen
Generalspnode  hergestellt.  Die  Durchführung  dieser  Ordnung  wurde  verbunden
  mit  dem  Gesetz  über  die  Fübrung  der  Standesbücher  durch  weltlicke
  Beamte  und  über  die  bürgerliche  Form  der  Eheschließung  (die
Sivilehe).
        <pb n="539" />
        Der  Ausbau  des  Reiches.  533

Auch  eine  reichlicher  zugemessene  Ausstattung  der  evangelischen  Kirche
ließ  Kaiser  Wilhelm  sich  angelegen  sein.  Er  sorgte  dafür,  daß  die  Ver—
heißungen,  die  1810  bei  der  Einziehung  der  Kirchengüter  der  Kirche  ge—
macht  waren,  ebenso  in  ihrem  vollen  Umfange  erfüllt  würden,  wie  die
Susicherungen,  die  ihr  1874  bei  der  Einführung  der  Sivilstandsgesetzgebung
erteilt  waren.  Denn  für  die  Kirche  einzutreten,  war  für  Kaiser  Wilhelm
Berzenssache.

Manche  schwere  Sorge  dagegen  bereitete  ihm  die  Einfügung  von
Elsaß-Lotbringen  in  das  Deutsche  Reich.  Dor  zwei  Jahrhunderten  durch
die  Oraktiken  Ludwigs  XIV.  dem  Beiligen  Römischen  Reiche  entrissen,
hatte  doch  die  kerndeutsche  Bevölkerung  bis  in  den  Anfang  unfres  Jahrhunderts
  sich  unversehrt  die  deutsche  Sigenart  bewahrt.  Erst  Tapoleon  I.
setzte  mit  Machdruck  die  Französierung  des  deutschen  Landes  ins  erk;
und  so  nachhaltig  war  der  Erfolg,  daß  nach  zwei  Generationen  die  Bevölkerung
  sich  durchaus  als  französisch  fühlte  und  mit  ihren  Gefühlen
an  Frankreich  hing.  Swar  Gegenliebe  fand  sie  wenig.  Denn  wenn
man  sie  in  Frankreich  auch  als  Soldaten  und  kräftige  Bandarbeiter  zu
schätzen  und  auszunutzen  wußte,  so  galt  doch  dem  echten  Franzosen  der
Elsässer  mit  der  Gipfelmütze  als  Typus  der  Einfalt  und  des  Ungeschicks.
Mit  heller  Freude  begrüßte  sie  dagegen  Deutschland,  als  die  deutschen
Siege  die  entfremdeten  Töchter  zur  echten  Mutter  Germania  zurückbrachten;
  es  schien  undenkbar,  daß  sie  nicht  deutsche  Sympathien  sich  sollten
bewahrt  haben.  Aber  es  war  nicht  anders:  die  Elsaß-Lothringer  wußten
Deutschland  wenig  Dank.  Und  doch,  als  jedem  freigestellt  wurde,  sich
für  die  französische  Mationalität  zu  entscheiden,  that  es  nur  eine  kleine
Sahl:  nicht  mehr  als  50  000  von  1½  Millionen!  Die  große  Menge
gefiel  sich  darin,  den  Mißvergnügten  zu  spielen,  gegen  die  deutschen  Beamten
  sich  ungezogen  zu  betragen  und  in  den  Reichstag  Franzosenfreunde
zu  wählen,  die  ihre  Sitze  entweder  gar  nicht  einnahmen  oder  grundsätzlich
ihre  Stimmen  gegen  Kaiser  und  Reich  abgaben.

Es  kam  also  darauf  an,  zunächst  die  Bewohner  dahin  zu  bringen,
daß  sie  sich  als  Elsaß-Lothringer  fühlten,  um  dann  allmählich  deutsches
Kühlen  und  Denken  auch  in  sie  zu  pflanzen.  Demgemäß  wurde  auch
Elsaß-Lotlringen  nicht  als  eine  neue  Provinz  mit  Hreußen  vereinigt,
sondern  als  unmittelbares  Reichsland  unter  eine  besondere  Derwaltung
in  Berlin  gestellt.  Mit  der  Beendigung  der  Diktatur  trat  am  1.  Januar
  1874  die  Derfassung  des  Deutschen  Reiches  auch  in  dem  Keichslande
  in  Wirksamkeit,  und  noch  in  demselben  Jahre  wurde  ein  Landesausschuß
  zur  Beratung  der  elsaß-lothringischen  Angelegenheiten  berufen.
        <pb n="540" />
        534  Zweites  Kapitel.

Er  erfüllte  seine  Aufgabe  mit  voller  Hingebung.  Es  bildete  sich  eine
eigene  Landespartei,  die  ohne  Rücksicht  auf  politische  Stellungnahme  lediglich
  die  Interessen  des  Landes  zu  fördern  suchte.  Sehr  förderlich  für  die
Erweckung  deutscher  Smpatbien  erwies  sich  die  Gründung  der  Universität
Straßburg;  und  nicht  zum  geringsten  war  es  die  ebenso  ehrwürdige  wie
herzgewinnende  Hersönlichkeit  Kaiser  Wilhelms,  die,  als  er  1877  das
Reichsland  besuchte,  die  Gemüter  gewann.  Auf  die  freudigste  Weise  gab
die  Bevölkerung  ihre  Liebe  und  Verehrung  kund,  als  er  am  I.  Mai  in
Straßburg,  am  4.  Mai  in  Metz  weilte.  Einem  Triumphzuge  gleich  war
die  Kahrt  durch  das  schöne  Land,  dessen  Bewohner  von  weither  zusammeneilten,
  um  ihren  gütigen  kaiserlichen  Herrn  zu  sehen.  Woblbegründet
war  daher  die  Hoffnung,  mit  der  er  von  den  Reichslanden  Abschied  nahm.
„Um  einer  ernsten  fürstlichen  Oflicht  zu  genügen“,  sagte  in  seinem  Abschiedserlasse
  Kaiser  Wilhelm,  „bin  Ich  in  die  Reichslande  gekommen.
Allenthalben  auf  Meinem  Wege  bin  Ich  buldigenden  Aufmerksamkeiten
mannigfacher  Art  begegnet,  welche  Ich  gern  als  ebenso  viele  Beweise
dafür  betrachte,  daß  das  Dertrauen,  mit  dem  Ich  diese  Lande  betreten,
auf  gutem  Grunde  geruht  hat.  Jetzt  nehme  Ich  von  denselben  mit  dem
Bewußtsein  Abschied,  daß  Mein  Aufenthalt  dazu  beitragen  wird,  die  Beziellungen
  zwischen  ihnen  und  dem  Reiche  zu  befestigen  und  ersprießlich
zu  gestalten."

Auszugleichen  und  zu  versöhnen  lag  ja  Kaiser  Wilhelm  allezeit  besonders
  am  Berzen.  Darum  gereichte  es  ihm  zu  hoher  Zefriedigung,
daß  nach  der  Wiederaufrichtung  des  deutschen  Kaiserreiches  diejenigen
Fürsten,  welche  1866  ihrer  Throne  verlustig  gegangen  waren,  sich  zu
einem  versöhnlichen  Abkommen  bereit  fanden.  Swar  der  Kurfürst  Friedrich
  Wilhelm  von  Hessen  verharrte  in  seinem  Groll;  aber  als  er  1875
gestorben  war,  entsagten  für  eine  angemessene  Entschädigung  seine
Erben  auf  immer  dem  bessischen  Thron.  Auch  Berzog  Adolf  von  Zassau
entsagte,  wie  auch  Herzog  Friedrich  von  Schleswig-Rolstein.  Und  so
herzlich  war  die  Dersöhnung,  daß  sich  die  beiden  ältesten  Enkel  Kaiser
Wilhelms,  Hrinz  Wilhelm,  des  Kronprinzen  ältester  Sohn,  mit  der  Hrinzessin
  Auguste  Dictoria  von  Schleswig-Rolstein  und  der  Erbgroßberzog
Friedrich  von  Baden  mit  der  Hrinzessin  Hilda  von  Vassau  vermählten.
König  Georg  von  Bannover  freilich  widerstrebte  bis  an  seinen  Tod  (1878)
hoartnäckig  jeder  Aussöhnung.

So  war  denn,  was  nach  den  Seitumständen  zum  Ausbau  des  Reiches
geschehen  konnte,  gescheben.  Die  junge  Einheit  der  deutschen  Stämme
war  entwickelt,  ausgestaltet  und  auf  sichere  Fundamente  gestellt.  Und  das
        <pb n="541" />
        Der  Ausbau  des  Reiches.  535

Verlangen  des  deutschen  Dolkes,  was  es  in  einmütiger  Erbebung  errungen,
seine  Einigung,  die  Wiederaufrichtung  des  Reiches,  in  gemeinsamer  Feier
zu  begehen,  durch  ein  nationales  Denkmal  zu  verherrlichen:  es  ward  zur
That.  Wie  Kaiser  Wilhelm  dem  Gedächtnis  seiner  ruhmreichen  Siege
1875  das  Siegesdenkmal  am  Königsplatz  in  Berlin  geweiht  hatte,  so
legte  er  am  16.  September  1877  auf  dem  Niederwald,  auf  laubumkränzter
Höhe  am  Rhein  den  Grundstein  zu  dem  deutschen  Nationaldenkmal.

Prinz  und  Prinzessin  Wilhelm  von  Preußen  (1881).

„Wie  mein  hochseliger  Dater“,  sagte  er,  „das  Denkmal  auf  dem  Kreuzberg,
  so  weihe  ich  diesen  Stein  den  Gefallenen  zum  Andenken,  den  Cebenden
  zur  Anerkennung,  künftigen  Geschlechtern  zur  Nacheiferung!“  Und
Kanonendonner  mit  rollendem  iderhall  begleitete  den  Bammerschlag,
während  jubelnd  die  unabsehbare  Schar  der  Festgenossen  die  „Wacht  am
Rhein“  anstimmte.

Ja,  der  unablässig  und  aufmerksam  die  Wacht  am  Rhein  hielt,  war
Kaiser  Wilhelm.  Denn  das  unruhige  Derhalten  Frankreichs,  nachdem
1875  die  letzten  deutschen  Truppen  den  französischen  Boden  verlassen
        <pb n="542" />
        536  Sweites  Kapitel.

hatten,  schloß  wie  ein  unter  der  Asche  glimmender  Kohlenhaufen  eine  Gefahr
  in  sich;  zum  mindesten  hemmte  das  Geschrei  nach  Hergeltung  an
Deutschland,  das  immer  von  Seit  zu  Seit  über  den  Rhein  herübertönte,
die  Abkühlung  der  Gemüter.  In  ruhiger  fester  Haltung  stützte  sich  dem
gegenüber  Deutschland  auf  die  alte  Freundschaft  mit  Rußland  und  auf
die  neu  gewonnene  mit  GEsterreich.  Mit  Recht  saben  daher  die  Dölker,
ols  im  September  1872  Kaiser  Alexander  mit  dem  Kaiser  Franz  Joseph
als  Gäste  in  Berlin  weilten,  in  dem  herzlichen  Verkehre  der  drei  Kaisermiteinander
  eine  Gewähr  des  europäischen  Friedens.  Auch  König  Dictor
Emanuel  von  Jtalien  kam  im  nächsten  Jahre,  um  die  alte  Freundschaft
mit  Hreußen  zu  befestigen,  nach  Berlin.  Kaiser  Wilhbelm  erwiderte  1875
den  Besuch  in  Mailand,  von  dem  Dolke  Jtaliens  mit  wahrhaft  überströmender
  Begeisterung  begrüßt.  Auch  Belgien  und  Schweden  pflegten
gern  die  alten  freundlichen  Beziehungen.  «

Durch  das  Vertrauen,  das  man  von  allen  Seiten  dem  Kaiser
Wilhelm  entgegenbrachte,  war  das  Deutsche  Reich,  ohne  daß  der  Kaiser
es  wollte,  die  führende  Macht  in  Europa  geworden.  Durch  den  Berliner
Kongreß  trat  dies  jedermann  in  die  Augen.  Auf  eigene  Hand  hatte  es
Rußland  versucht,  mit  dem  Schwerte  die  orientalische  Frage  zu  lösen.
Mit  Mühe  war  es  der  Türken  Herr  geworden  und  hatte,  bis  vor  die
Thore  von  Konstantinopel  vordringend,  der  Hohen  Pforte  den  Vertrag
von  San  Stefano,  unbekümmert  um  die  andern  Mächte,  auferlegt.  Von
diesen  aber  sahen  sich  zumal  Esterreich  und  England  so  empfindlich  in
ihren  Interessen  verletzt,  daß  Gsterreich  seine  Armee  mobil  machte  und
England  ein  Kriegsgeschwader  in  die  türkischen  Meere  entsandte.  Ein
Krieg  schien  unvermeidlich:  aber  würde  Rußland  den  neuen  Gegnern  gewachsen
  seind  Da  machte  Ssterreich  den  vorschlag,  den  Dertrag  der
Entscheidung  eines  Kongresses  der  Großmächte  zu  unterbreiten;  als  passenden
  Ort  nannte  es  Berlin.  Denn  von  der  unparteiischen  Dermittelung  des
Deutschen  Reiches  versprach  man  sich  den  besten  Erfolg.  Sögernd  stimmte
Rußland,  bereitwillig  die  andern  Großmächte  zu,  so  daß  am  15.  Juni
der  Kongreß  in  Berlin  zusammentrat.  Aber  die  Bevollmächtigten  Europas
begannen  ihre  Derhandlungen  damit,  daß  sie  dem  lebhaften  Wunsche  für
die  Wiederherstellung  Kaiser  Wilhelms  bewegten  Ausdruck  gaben.  Denn
Grauenvolles  hatte  sich  in  Berlin  zwischen  der  Einladung  zum  Kongresse
und  seinem  Susammentritt  zugetragen:  die  seit  langem  schleichende  sozialdemokratische
  Bewegung  hatte  in  scheußlicher  Schreckensgestalt  sich  erhoben.

Von  einer  Spazierfahrt  im  Tiergarten  kehrte  Kaiser  Wilbelm  mit
seiner  Tochter,  der  Großherzogin  Luise  von  Baden,  im  offenen  Wagen
        <pb n="543" />
        —  —  —

—
–—  —  —

Knordnung  Raiser  Wilhelms  1.  vom  28.  Nebruar  1876,

betreffend  die  gottesdienstliche  Feier  des  100.  Geburtstages  der  Königin  Luise.

Faksimile  der  eigenhändigen  Miederschrift.
        <pb n="544" />
        <pb n="545" />
        <pb n="546" />
        <pb n="547" />
        Der  Ausbau  des  Reiches.  537

zurück.  Es  war  am  Sonnabend,  den  11.  Mai,  um  5½  Uhr  nachmittags.
Da  trat  aus  einem  Thorwege,  in  dem  er  sich  verborgen  gehalten,  als
der  Wagen  an  dem  russischen  Botschafterhotel  Unter  den  Linden  vorüberfuhr,
  hinter  einem  dort  haltenden  Privatfuhrwerk  ein  junger  Mensch
hervor  und  feuerte,  den  Revolver  mit  dem  rechten  Arm  weit  vorstreckend,
auf  etwa  vier  Schritt  Entfernung  einen  Schuß  auf  den  Kaiser  ab.  Ohne
zu  treffen,  ging  die  Kugel  über  den  Kopf  des  Kaisers  weg.  Der  Ceib—
kutscher  hielt  sofort  die  Pferde  an,  und  der  Jäger  sprang  vom  Bock.
Unterdessen  aber  war  der  Mensch  hinter  dem  Wagen  herum  auf  die
andere  Seite  des  Fahrdammes  gelaufen  und  gab  einen  zweiten  Schuß  auf
den  Kaiser  ab,  glücklicherweise  wieder  ohne  zu  treffen.  Nun  kroch  er
unter  der  Eisenstange  des  Geländers  des  Mittelweges  der  Linden  hindurch
und  rannte  nach  dem  Pariser  Platze  zu,  von  zahlreichen  Personen  ver—
folgt.  Zweimal  drehte  er  sich  im  Laufe  um  und  schoß  auf  seine  Ver—
folger,  ohne  zu  treffen;  dann  warf  er  den  Revolver,  der  noch  zwei
Schüsse  enthielt,  fort,  wurde  aber  bald  eingeholt,  niedergeschlagen  und  der
Dolizei  übergeben,  welche  die  größte  Mühe  hatte,  ihn  vor  der  gerechten
Empörung  des  Dolkes  zu  schützen.  Der  Verbrecher  war  der  zwanzigjährige
Klempnergeselle  Max  Rödel  aus  Leipzig,  der  sich  selbst  als  Anarchisten,
als  Anhänger  der  extremsten  Richtung  der  Sozialdemokratie,  bezeichnete.

Einen  Aufschrei  des  Abscheus  rief  die  Kunde  von  dem  grauenvollen
Mordversuche  in  dem  ganzen  Dolke  hervor;  aber  gewaltiger  bewegte
dennoch  der  heiße  Dank  gegen  Gott  aller  Rerzen,  daß  er  unversehrt  den
teuren  Berrscher  seinem  Dolke  erhalten.  „Es  ist  nun  das  dritte  Mal“,
sagte  Kaiser  Wilhelm  zu  den  ihn  beglückwünschenden  Ministern,  „daß  auf
mich  geschossen  worden.  In  der  Teilnahme  der  Bevölkerung  finde  ich
aber  Trost.  Doch  darf  man  solche  Dinge  in  keiner  Weise  zu  leicht  nehmen.
Ich  habe  in  der  GSeit,  als  ich  Mitglied  des  Staatsministeriums  war,  stets
auf  die  Gefahren  hbingewiesen,  welche  sich  aus  der  Geltendmachung  der
damaligen  staatsfeindlichen  Richtungen  ergeben  müßten.  Meine  Befürchtungen
  sind  durch  das  Jahr  1848  leider  bestätigt  worden.  Jetzt  wiederum
und  in  erhöhtem  Maße  ist  es  Aufgabe  der  Regierung,  dahin  zu  wirken,
daß  revolutionäre  Elemente  nicht  die  Oberhand  gewinnmen.“

Aus  dem  gleichen  Gedanken  gab  Fürst  Bismarck  von  Darzin  aus,
wo  er  weilte,  die  Weisung,  ohne  Derzug  ein  Gesetz  gegen  die  Sozialdemokratie
  auszuarbeiten.  In  zwei  Tagen  war  es  fertig,  wurde  vom
Bundesrat  genehmigt  und  am  20.  Mai  dem  Reichstage  vorgelegt.  Allein
mit  überwältigender  Stimmenmehrhbeit  lehnte  dieser  es  am  24.  Mai  ab,
so  daß  der  Kaiser  noch  an  demselben  Tage  den  Reichstag  schließen  ließ.
        <pb n="548" />
        538  Zweites  Kapitel.

Nur  allzusehr  sollte  er  recht  behalten!  Noch  bewegte  die  Trauer—
kunde  alle  Gemüter,  daß  die  Panzerfregatte  „Großer  Kurfürst“  infolge
eines  Susammenstoßes  mit  dem  Hanzerschiff  „König  Wilhelm“  im  Kanal
unweit  Folkstone  gesunken  sei  und  eine  Besatzung  von  250  Mann  mit
in  die  Tiefe  genommen  habe:  als  ein  neuer  Ulordanschlag  gegen  den
von  seinem  Dolke  so  heiß  geliebten  Kaiser  unternommen  wurde,  den
diesmal  die  verruchte  Mörderhand  nicht  fehlen  sollte.

Am  Sonntag,  den  2.  Juni,  fuhr  der  Kaiser  gegen  5  Uhr  in  einem
zweispännigen  Wagen  allein  an  der  Südseite  der  Linden  hinauf,  um  im
Tiergarten  die  gewohnte  Spazierfahrt  zu  machen;  freundlich  und  leutselig
  wie  immer  dankte  er  den  ehrerbietigen  Grüßen  der  Spaziergänger.
Da  fielen  aus  einem  Fenster  des  zweiten  Stockes  des  Bauses  Nr.  18  zwei
Flintenschüsse  auf  den  Kaiser.  Mit  teuflischer  Sicherheit  trafen  sie  ihr
Siel:  durch  mehr  als  50  Schrotkörner  war  der  Kaiser  im  Gesicht,  Kopf,
beiden  Armen  und  dem  Rücken  verwundet.  Auch  Helm,  Mantel  und
Rock  waren  von  Rehposten  durchlöchert.  Mit  dem  Taschentuche  versuchte
er  das  von  der  linken  Wange  niederrieselnde  Blut  zu  stillen;  Totenblässe
bedeckte  das  Gesicht,  als  wolle  er  ohnmächtig  werden.  Sofort  sprang
der  Leibjäger  in  den  Wagen  und  hielt,  den  linken  Arm  um  dessen
Schultern  legend,  seinen  schwer  getroffenen  kaiserlichen  Berrn  aufrecht.
Im  Schritt  kehrte  der  Magen  an  der  Kordseite  der  Linden  in  das
Dalais  zurück.  Es  war  ein  herzzerreißender  Anblick.  Grenzenlose  Bestürzung,
  mit  Sorn  und  Scham  gemischt,  daß  so  verruchte  Schandthat
hatte  geschehen  können,  erfaßte  die  Bevölkerung.  Der  Beldenkaiser,  dem
die  feindlichen  Granaten  in  der  Schlacht  nichts  angethan  hatten,  sollte
er  dem  Mlordblei  eines  nichtswürdigen  Meuchelmörders  erliegend  Reiße
Gebete  bestürmten  den  Rimmel,  und  Gottes  Gnade  wandte  diese  äußerste
Schmach  von  dem  deutschen  Dolke.  »

Sofort  eilten  die  Arzte  herbei.  „Ich  begreife  nicht,  warum  immer
auf  mich  geschossen  wird“,  sagte  der  Kaiser  mit  matter  Stimme  zu  ihnen.
Wann  hatte  je  ein  Berrscher  ein  besseres  Recht  zu  einer  solchen  Fraged  Die
Mitglieder  des  königlichen  Hauses,  alle  hohen  Staatsbeamten  versammelten
sich  alsbald  an  dem  Schmerzenslager  des  kaiserlichen  Dulders;  lautlos,
in  banger  Erwartung  harrte  eine  unabsehbare  Dolksmenge  des  Berichtes
der  Arzte.  Man  atmete  auf,  als  deren  Zulletin  die  Boffnung  auf
Wiederherstellung  nicht  ausschloß:  aber  der  Kaiser  war-  81  Jahrel

In  wilder  Erregung  war  unterdessen  eine  Schar  von  Bürgern  zu
dem  Gimmer  hinaufgestürmt,  aus  dem  die  Schüsse  gefallen  waren.  Sie
fanden  die  Thür  verschlossen;  während  man  sie  einschlug,  fiel  ein  Schuß,
        <pb n="549" />
        Der  Ausbau  des  Reiches.  539

den  der  verruchte  Verbrecher  gegen  sich  selbst  abfeuerte.  Einen  zweiten
feuerte  er  auf  die  Eindringenden  und  verwundete  den  Hotelier  Holtfeuer.
Man  schlug  ihm  den  Revolver  aus  der  Hand  und  nahm  ihn  gefangen.
Es  war  der  50jährige  Landwirt  Karl  Eduard  Nobiling  aus  Kolno  bei
Birnbaum.  Er  bekannte,  daß  er  seit  Monaten  sozialdemokratische  Dersammlungen
  besucht;  von  dorther  stammte  ihm  die  frevle  Ruchlosigkeit,
mit  der  er  die  grauenvolle  Mkordwaffe  gegen  das  ehrwürdige  Haupt
seines  Kaisers  erhoben  hatte.  In  der  Nacht  versank  er  in  Bewußtlosigkeit
  und  erlag  am  10.  September  der  Wunde,  die  er  sich  beigebracht,
während  Hödel  am  16.  August  auf  dem  Schafott  sein  Derbrechen  fühnte.

Des  schwer  verwundet  daniederliegenden  Kaisers  Stellvertretung
übernahm  am  4.  Juni  auf  6  Wonate  der  Kronprinz.  Alsbald  löste  er
den  Reichstag  auf.  Denn  ein  Empfinden  ging  durch  das  Dolk,  daß  der
zweite  Mordversuch  auf  den  Kaiser  nicht  würde  geschehen  sein,  wenn
rechtzeitig  hätte  gegen  die  Sozialdemokratie  eingeschritten  werden  können.
Den  neu  gewählten  Reichstag  beseelte  daher  ein  völlig  anderer  Geist:
am  10.  Oktober  nahm  er  mit  großer  Akajorität  das  Gesetz  gegen  die
Ausschreitungen  der  Sozialdemokratie  an.

Unterdessen  heilten  die  Wunden  Kaiser  Wilhelms  leicht  und  glücklich
über  Erwarten.  Schon  im  Juli  konnte  er  sich  in  Begleitung  der  Großherzogin
  von  Baden  nach  Teplitz  begeben,  um  durch  dessen  Guellen
völlige  Wiedergenesung  zu  finden.  Sur  Toachkur  nahm  er  einen  mehrwöchigen
  Aufenthalt  in  Gastein.  Als  aber  dann  die  Herbstmanöver
bei  Kassel  bevorstanden,  ließ  er  sich  nicht  halten.  Wiewohl  er  den  Arm
noch  in  der  Binde  tragen  mußte,  nahm  er  doch  mit  gewohnter  Oflichttreue
  daran  teil.  Danach  weilte  er  noch  einige  Wochen  in  Baden-Baden
und  in  Wiesbaden,  dessen  heiße  Bäder  die  günstigste  Wirkung  hatten,
und  kehrte  in  alter  Kraft  und  Frische  am  5.  Dezember  nach  Berlin  zurück.
Die  Freude  und  Liebe  des  Dolks  hatte  den  Weg  vom  Hotsdamer  Bahnhofe
  bis  zum  Kaiserlichen  Halais  in  eine  Triumphstraße  verwandelt,
durch  die  der  Kaiser,  von  dem  hellen  Jubel  der  dichtgescharten  Menge
geleitet,  seinen  Einzug  hielt.  Im  Halais  angelangt,  trat  er  mit  der
Kaiserin  auf  den  Balkon,  dem  freudig  erregten  Dolke  zu  danken;  dann
zog  er  sich  in  sein  Arbeitszimmer  zurück,  um  durch  eine  Reihe  von  Gnadenerweisungen
  seine  glückliche  Heimkehr  zu  feiern.

Im  Emnpfangssaale  des  Halais  hatten  sich  inzwischen,  ihrem  kaiserlichen
  Herrn  ihre  Kuldigung  darzubringen,  die  Minister,  die  Landtagspräsidenten
  und  die  Dertreter  der  Hauptstadt  versammelt.  Der  Kaiser
trat  in  ihre  Mitte.  „Sie  werden  mit  mir  fühlen“,  sagte  er  zu  den  De-
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        ½%

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Friedrich  Milhrlm,  Uronprinz  des  Deutschen  Ucicho  und  von  Ureus#ien  (ra.  1875)
Nach  dem  Gemölde  von  B.  v.  Angeli  gestochen  von  G.  Ueser  (Derlag  von  Und.  Schuster  in  Verlin).
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        1875).
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        542  Zweites  Kapitel.

putierten  Berlins,  „mit  wie  gemischten  Empfindungen  ich  in  diesem  Augen—
blicke  vor  Ihnen  stehe;  denn  Sie  haben  ja  mit  mir  die  Zeit,  seit  jenes
schmerzliche  Ereignis  mich  betroffen,  erlebt.  So  schwer  aber  die  körper—
lichen  Leiden  waren,  die  ich  zu  tragen  hatte,  so  waren  sie  doch  nicht  so
quälend  wie  die  Munde,  die  meinem  Herzen  dadurch  geschlagen  wurde,
daß  es  gerade  in  meiner  Residenz,  und  daß  es  ein  Hreuße  war,  durch
welchen  mir  diese  Heimsuchung  auferlegt  wurde!“

Dann  wandte  der  Kaiser  sich  zu  den  Staatsministern:  „Die  schmerzlichen
  Erfabrungen,  welche  mich  persänlich  betroffen,  haben  aber  auch
wunde  Stellen  in  unseren  gesamten  gesellschaftlichen  Derhältnissen  aufgedeckt
  und  erkennen  lassen,  welche  nur  von  der  starken  Hand  des  Gesetzes
  geheilt  werden  können,  dessen  Einwirken  neuerdings  aufgerufen
werden  mußte.  Wird  dadurch  Beilung  auch  dieser  Wunden  erreicht,  so
will  ich  gern  für  das  allgemeine  Wohl  geblutet  haben  und  mich  freuen,
daß  seitdem  doch  schon  so  vielen  die  Augen  aufgegangen  sind,  die  nicht
an  die  Tiefe  jener  Wunden  glauben  wollten.  Ich  sage  daher  allen
denen  meinen  Dank,  welche  in  der  Gesetzgebung  zu  einer  weiteren  Entwickelung
  dieser  Erkenntnis  mitgewirkt,  und  kann  nur  noch  den  Wunsch
aussprechen,  daß  auch  die  ausführenden  Behörden  mit  energischer  und  nach
allen  Seiten  hin  gerechter  Handhabung  wirken  mögen,  die  Absicht  und  den
Sweck  des  Gesetzes  zu  erreichen.  Ihnen,  meine  Herren  Hräsidenten  der
beiden  Häuser  des  Landtages,  wird  es  eine  gewiß  willkommene  Aufgabe
sein,  in  diesem  Sinne  den  Geist  und  die  Siele  der  Dolksvertretung  zu  pflegen."

Damit  übernahm  Kaiser  Wilhelm  nun  selbst  wieder  die  Sügel  der
Regierung.  Während  der  Stellvertretung,  am  15.  Juli  war  der  Berliner
  Kongreß  geschlossen  worden.  Aber  bald  erhoben  sich  über  die  Ausfüllrung
  seiner  Bestimmungen  Schwierigkeiten.  Da  war  es  denn  für  Kaiser
Wilhelm  eine  große  Genugthuung,  daß  seine  ausgleichenden  Bemühungen
von  allen  Seiten  Entgegenkommen  fanden,  so  daß  noch  im  Dezember  die
vollständige  Durchführung  des  Berliner  Dertrages  gesichert  war.

Mit  diesem  Eindruck  schloß  für  Kaiser  Wilhelm  das  „verhängnisvolle“
  Jahr  1878.  Und  in  der  Stille  der  Neujahrsnacht  finden  wir
ihn  in  seinem  Arbeitszimmer,  wie  er  aufzeichnet,  ein  herrliches  Seugnis
erhabener  Seelengröße  und  edlen,  frommen  Sinnes,  was  am  Schlusse
eines  solchen  Jahres  sein  Berz  erfüllt:

„Berlin,  51.  Dezember  1878,  ½11  Uhr  abends.

„Es  geht  ein  Jahr  zu  Ende,  welches  für  mich  ein  verhängnisvolles
sein  sollte.  Ereignisse  von  erschütternder  Art  trafen  mich  am  11.  Wai
und  am  2.  Junil
        <pb n="553" />
        Der  Ausbau  des  Reiches.  543

„Die  körperlichen  Schmerzen  traten  zurück  gegen  den  Schmerz,  daß
preußische  Landeskinder  eine  That  vollbrachten,  die  am  Schlusse  meiner
Lebenstage  doppelt  schwer  zu  überwinden  war  und  mein  Berz  und  Gemüt
für  den  Rest  meiner  Tage  finster  erscheinen  lassen!  Doch  muß  ich  mich
ergeben  in  den  Willen  Gottes,  der  dies  alles  zuließ,  aber  zugleich  seine
Gnade  und  Barmherzigkeit  walten  ließ,  da  er  mir  nicht  nur  das  Leben
erhielt,  sondern  mich  in  einer  Weise  gesunden  ließ,  die  mich  zu  meinen
Berufsgeschäften  wieder  fähig  machte.  So  preise  ich  Gott  für  diese  seine
ührung,  in  der  ich  zugleich  eine  Mahnung  erkenne,  mich  zu  prüfen,  ehe
ich  vor  dem  Richterstuhl  des  Allmächtigen  erscheinen  soll!  Daher  erkenne
ich  in  den  so  sichtbar  gewordenen  Ereignissen  eine  gnadenvolle  Führung
Gottes,  die  zum  Guten  führen  soll,  wie  alles,  was  von  ihm  in  Leid  und
Freude  uns  trifft.  Darum  preise  ich  die  Vorsehung  für  die  schmerzensvollen
Ereignisse  des  ablaufenden  Jahres.  Sie  haben  mir  aber  auch  Erhebendes
gebracht  durch  die  Teilnahme,  welche  mir  von  allen  Seiten  zu  teil  wurde.

„Sunächst  findet  hier  meine  Gemahlin  meinen  heißen  Dank  für  ihre
Liebe  und  Teilnahme,  die  sie  mir,  selbst  leidend,  schenkte,  demnächst  meine
Tochter,  die  mit  kindlicher  Liebe  mich  pflegte  und  mir  so  wohlthat.
Alle  Familienglieder  nah  und  fern  finden  hier  meinen  liebevollen  Dank
für  alles,  was  sie  mir  Teilnehmendes  in  der  Schmerzenszeit  bewiesen.
Allen  denen,  die  in  so  überraschender  Weise  meiner  gedachten,  gebührt
hier  mein  inniger  Dank.  Und  woher  kam  diese  Teilnahmed  Don  wo
anders  als  vom  Allmächtigen,  dessen  Führung  es  wollte,  daß  ich  in  der
Welt  so  gestellt  ward,  daß  Seine  Gnade  sich  jedermann  einprägte,  die
über  mir  waltete.  Und  in  dieser  Waltung  erkenne  ich  wiederum  seine
Liebe  und  Barmhberzigkeit,  daß  er  mich  ausrüstete,  seinen  Willen  hier
auf  Erden  zu  vollführen,  und  er  mich  und  mein  Dolk  würdig  fand,  das
übertragene  Pfund  zu  verwalten.  Also  wiederum  nur  Gottes  Gnade
preise  ich  in  allem,  was  mir  von  Menschen  in  der  Leidenszeit  Gutes  zu
teil  ward.  Aber  nicht  bloß  in  dieser  Leidenszeit  zeigte  sich  diese  Teilnahme,
  sondern  jederzeit  habe  ich  dieselbe  in  einem  Maße  empfangen,
die  weit  über  das  Derdienst  ging,  mit  dem  ich  jenes  Hfund  verwalten
konnte.  Die  Menschen  haben  meine  Schwächen  und  Fehler  übersehen
wollen;  aber  der,  welcher  sie  kennt,  wolle  mir  dereinst  ein  barmherziger
Richter  sein,  wo  ich  die  Lehren  und  Weisungen  des  eingeborenen  Sohnes
des  himmlischen  Daters  nicht  achtete!

„Berr,  dein  Wille  geschehe,  wie  im  Rimmel,  also  auch  auf  Erden.

„Im  Glauben  ist  die  Roffnung,  und  die  himmlische  Liebe  der  Weg
dahin.  Amen!  Wilhbelm.“
        <pb n="554" />
        Drittes  Kapitel.
Zehn  Friedensjahre.

Die  Hohenzollern  haben  von  jeher  das  Prinzip  der  ausgleichenden
Gerechtigkeit  geübt.  Der  Große  Kurfürst  brach  das  Übergewicht  der
herrschenden  Landstände  in  soweit,  daß  er  das  Staatswesen  von  ihnen
unabhängig  machte.  Unter  den  Königen  des  18.  Jahrhunderts  begann
die  Beseitigung  des  Übergewichts  der  privilegierten  Klassen  über  Bürger—
und  Bauerntum.  Friedrich  Wilhelm  J.  und  Friedrich  der  Große  führten
das  Hrinzip  der  Steuergleichheit  ein,  wenn  sie  es  auch  noch  nicht  völlig
durchführten.  Das  Königtum  verschaffte  bereits  den  Domänenbauern
erblichen  Besitz  und  sorgte  für  die  Erhaltung  des  gesamten  bäuerlichen
Besitzes;  selbst  die  Aufhebung  der  Ceibeigenschaft  nahm  im  18.  Jahrhundert
  ihren  Anfang.  Und  die  Bauernbefreiung,  die  das  SEmanzipationsedikt
  vom  0.  Oktober  1807  einführte,  war  kein  Sedanke  der  französischen
Revolution,  sondern  die  Konsequenz  der  Fürsorge,  welche  die  preußischen
Könige  schon  im  18.  Jahrhundert  bethätigt  hatten.  Auch  die  Interessen
der  bürgerlichen  Klassen  wurden  von  den  Königen  wirksam  wahrgenommen.
  In  der  Auflegung  der  Steuern  verfuhr  Friedrich  der  Große
nach  dem  Grundsatz,  daß  sie  „eine  Art  Gleichgewicht  zwischen  den  Armen
und  Reichen  herstellen“  sollten.  Gesellschaftliche  Unzufriedenheit,  welche
aus  dem  Druck  und  der  Herrschaft  der  einen  Klasse  über  die  andere
entstanden  wäre,  gab  es  daher  in  Hreußen  nicht;  namentlich  haben  die
Derirrungen  des  Jahres  1848  nicht  hierin  ihren  Grund.  Dielmehr  ist
der  Frieden  der  Gesellschaft  in  Hreußen  stets  durch  die  vorbeugende
sozialpolitische  Thätigkeit  seiner  Herrscher  erhalten  worden.

Durchaus  in  dieser  Tradition  unternahm  es  nun  Kaiser  Wilbelm,
den  zumal  durch  die  industrielle  Entwickelung  geschaffenen  neuen  Aufgaben
seiner  Seit  gerecht  zu  werden.  Schon  ein  Greis,  hinaus  fast  über  die
gewöhnliche  Grenze  des  MWenschenlebens,  hatte  er  den  Mut  und  das
Gottvertrauen,  das  gewaltige  Werk  einer  Sozialreform,  wie  es  noch
        <pb n="555" />
        Sehn  Friedensjahre.  545

nie  ein  Berrscher  vor  ihm  versucht,  zum  Besten  der  notleidenden  Klassen
in  Angriff  zu  nebmen:  fürwahr  das  schönste  Blatt  in  dem  Ruhmeskranze
seiner  Friedenswerke.

Auch  in  Deutschland  wie  in  andern  Ländern  hatte  die  Entwickelung
der  Industrie  allgemach  die  alten  soliden  Derhältnisse  des  deutschen  Handwerks
  völlig  umgestaltet.  Der  Handwerker  war  zum  Handlanger  an  der
Maschine  herabgesunken,  die  alten  ethischen  Bande,  die  sonst  die  Zandwerksgenossen
  verbunden  hatten,  zerrissen.  Jede  Krankheit,  jede  Geschäftsstille
  machte  den  Arbeiter  brotlos;  in  seinem  Lebensabend,  wenn  das
Alter  ihn  schwach  und  erwerbsunfähig  machte,  sab  er  nur  eine  Zeit  des
Darbens  und  drohender  Not.  Sudem  drückte  der  Freihandel  auf  alle
Dreise  und  kürzte  vielfach  dem  Arbeiter  den  schmalen  Lohn.  Das  alles
machte  die  Arbeiter  unzufrieden  mit  ihrem  Cose,  verbitterte  sie  gegen  die
Fabrikherren  und  ließ  sie  auf  die  aufstachelnden  Brandreden  dreister  Agitatoren
  bören.  Und  was  diese  vortrugen,  leuchtete  den  Urteilsunfähigen
ein:  daß,  wenn  die  Herhältnisse  der  Arbeiter  so  schlecht  seien,  die  Staatsordnung,
  auf  der  sie  beruhten,  nichts  taugen  könne.  Sie  reizten  sie  damit
auf,  diese  Staatsordnung,  das  Hrodukt  tausendjähriger  Kulturarbeit  der
Menschheit,  umzustürzen  und  auf  deren  Trümmern  den  sozialdemokratischen
Staat  zu  errichten,  der  aus  Droduktivgenossenschaften  bestehen  solle,  die,
von  Staats  wegen  geleitet  und  kontrolliert,  die  gesamte  Industrie  und  den
Ackerbau  in  sich  schlössen,  um  jedem  den  gleichen  Lohn  zu  gewährleisten.

Diese  deutsche  Sozialdemokratie  war  aus  dem  „Allgemeinen  deutschen
Arbeiterverein“  hervorgegangen,  den  Ferdinand  Lassalle  1863  gegründet
hatte,  um  Hroduktivgenossenschaften  mit  Staatshilfe  durchzuführen.  Allein
von  dem  Arbeitervereine  trennte  sich  nach  dem  Tode  Tassalles  die  Eisenacher
  oder  die  sozialistische  Arbeiterpartei  ab.  Diese  ging  viel  weiter;
sie  stellte  sich  auf  den  Boden  der  TLondoner  internationalen  Arbeiterassoziation,
  die,  durchaus  kommunistisch,  eine  völlige  Umgestaltung  der
Grundlagen  des  Staats,  der  Kirche,  der  Familie,  des  Wirtschaftslebens
anstrebte.  Mur  den  Staatsbegriff  hielten  die  Eisenacher  noch  fest,  jedoch
von  allem  Einengenden  befreit.  Indessen  1875  vereinigten  sich  die  beiden
Richtungen  wieder:  auch  die  früheren  Lassallianer  nahmen  das  kommunistische
  Drogramm  der  Internationalen  an,  das  scheinbar  die  Umwandlung
  der  Hrivatarbeit  in  Gesellschaftsarbeit  sich  zum  Siele  setzte,  in
Wahrheit  aber  den  Umsturz  der  Staatsordnung  und  die  Dernichtung  der
Kultur  anstrebte.  Das  hatte  die  sozialdemokratische  Commune  in  Haris
gezeigt,  die,  nachdem  sie  sich  der  Zauptstadt  bemächtigt,  in  Blut  und
Greueln  aller  Art  förmlich  gewatet  hatte.

Kaiser  Wilhelm.  35
        <pb n="556" />
        546  Drittes  Kapitel.

Das  also  war  es,  was  man  von  diesen  staatsfeindlichen  Rotten  zu
erwarten  hatte.  Nun  hatten  sie  auch  in  Deutschland  in  den  verruchten
Mordanschlägen  gegen  Kaiser  Wilhelms  ehrwürdiges  Haupt  ihr  wahres
Gesicht  gezeigt.  Denn  erst  durch  die  Brandreden  der  sozialdemokratischen
Dersammlungen  war  den  Mordgesellen  der  grauenhafte  Gedanke  aufgegangen,
  den  Berrscher  zu  töten,  in  dem  sie,  weil  er  so  mächtig  und  so
geliebt  war,  das  stärkste  HRemmnis  für  die  Durchführung  ihrer  den  Umsturz
  von  Staat  und  Gesellschaft  anstrebenden  Pläne  sahen.  Wohl  gab
das  Gesetz  vom  19.  Oktober  die  Randhabe,  den  Ausschreitungen  der
Sozialdemokratie  mit  Machdruck  zu  begegnen;  und  Kaiser  Wilhelm  war
auch  gemeint,  daß  es  mit  energischer,  nach  allen  Seiten  hin  gerechter
Handhabung  angewandt  werden  solle.  Aber  sein  Auge,  man  möchie
sagen  sein  Herz  sah  tiefer:  nur  zu  wehren  und  zu  zügeln  genügte  ihm
nicht;  daneben  zu  bessern  und  zu  heilen  war  sein  hoher  Gedanke.  Ihn
durchdrang  die  Uberzeugung,  daß  in  den  Notständen,  unter  denen  der
Arbeiterstand  schwer  rang,  nicht  zum  wenigsten  die  Ursache  für  das  starke
Anwachsen  der  sozialdemokratischen  Bewegung  zu  suchen  sei.  Er  setzte
sich  daher  zum  großen  Siele,  dem  Arbeiter  Sicherung  gegen  die  Not,
die  gewöhnliche  Folge  von  Erkrankung  oder  von  Unfällen,  zu  gewähren
und  eine  Dersorgung  ihm  im  Allter  zu  verschaffen.

Wo  war  ein  solcher  Gedanke  schon  gefaßt  worden:  die  Sozialdemo-=kratie
  durch  Sozialreform  zu  überwinden!  Den  hochberzigen  Kaiser
schreckte  nicht  die  Aussicht,  daß  viele  Millionen  alljährlich  notwendig  sein
würden  zur  Durchführung  des  großen  Werkes.  Schritt  für  Schritt  ging
er  vor:  erst  galt  es  die  Mittel  zu  beschaffen  und  dann  sie  in  zweckmäßiger
  Weise  für  die  ebenso  neue  wie  große  Aufgabe  zu  verwenden.

Seit  1867  herrschte  in  Deutschland  das  Sstem  des  Freihandels.
Es  wurde  aufgegeben  und  1870  ein  neuer  Solltarif  durchgeführt,  der
eine  Menge  von  Einfuhrwaren,  wie  Getreide  und  Eisen,  zum  Nutzen  der
deutschen  Oroduktion  mit  Schutzzöllen,  andere,  wie  Kaffee  und  Tabak,
zum  Besten  der  Reichskasse  mit  Finanzzöllen  belegte.  Damit  wurde  nicht
nur  der  deutschen  Arbeit  in  Ackerbau  und  Gewerbe  zur  wirksamen  För—
derung  Schutz  gewährt,  sondern  auch  eine  jährliche  Mehreinnahme  von
150  Millionen  Mark  erzielt.  So  hatte  auch  die  Derstaatlichung  der
Eisenbabhnen  in  Hreußen  doppelten  Sweck.  Bisher  hatten  die  Eisenbahnen
im  Hrivatbetriebe  lediglich  den  Sweck  verfolgt,  möglichst  hohe  Dividenden
für  die  Aktienbesitzer  abzuwerfen.  Fortan  in  den  Dienst  der  Allgemeinheit
  gestellt,  brachten  sie  für  Waren=  und  Hersonenverkehr  durch  die
Einbeitlichkeit  der  Grundsätze  große  Erleichterung,  ermöglichten  zugleich
        <pb n="557" />
        Zehn  Friedensjahre.  547.

Durch  solche  Steigerung  der  Einnahmen  war  nun  die  Grundlage
für  die  Durchführung  der  Sozialreform  gegeben.  Schon  die  „Wilhelmspende“,
  jene  Pfennigsammlung,  die  das  deutsche  Volk  in  der  Freude
über  die  Errettung  des  Kaisers  1878  im  Betrage  von  13/  Millionen
Mark  zusammengebracht,  hatte  Kaiser  Wilhelm  den  Arbeitern  als  eine
Stiftung  für  Altersversorgung  überwiesen,  auch  den  Arbeitern  zu  gute,
als  die  sich  hebenden  Finanzen  des  Staats  es  zuließen,  die  untersten
Stufen  der  direkten  Steuer  in  Wegfall  gebracht.  Jetzt  erließ  er  am
17.  Movember  1881  die  mit  Recht  hochberühmte  Botschaft  an  den  Reichstag,
  in  der  er  diesem  die  Sozialreform  als  sein  „Dermächtnis“  in  der
Roffnung  ans  Herz  legte,  darin  „dem  Daterlande  neue  und  dauerhafte
Bürgschaften  seines  inneren  Friedens  und  den  Hilfsbedürftigen  größere
Sicherheit  und  Ergiebigkeit  des  Beistandes,  auf  den  sie  Anspruch  haben,
zu  binterlassen.“  So  wurde  denn  1885  das  Arbeiterkrankenversicherungsgesetz
  gegeben,  das  dem  Arbeiter,  wenn  Krankheit  ihn  erwerbslos  machte,
zu  Hilfe  kam,  und  1884  das  Arbeiterunfallversicherungsgesetz,  das  den
durch  Unfälle  geschädigten  Arbeiter  vor  Not  bewahrte.  Noch  großartiger
war  seiner  Anlage  nach  das  „Gesetz  behufs  Alters=  und  Invalidenversicherung
  der  Arbeiter“.  Es  gewährte  dem  durch  Alter  oder  sonstige
Erwerbsunfähigkeit  brotlos  gewordenen  Arbeiter  eine  Jahresrente  und
sicherte  ihm  dadurch  eine  bescheidene,  aber  sichere  Existenz.  Es  erforderte
bei  einer  Zahl  von  12  Millionen  Arbeitern  einen  jährlichen  Staatszuschuß
  von  nicht  weniger  als  50  Millionen;  aber  es  stellte  den  Abschluß
der  Sozialreform  dar.  Die  wachsenden  Staatseinnahmen  gaben  dem
Kaiser  die  Suversicht,  auch  dies  größte  Werk  zu  unternehmen.  Im
Movember  1887  ließ  er  es  dem  Reichstage  vorlegen,  der  ihm  freundlich
entgegenkam.  Aber  dem  warmherzigen  Schöpfer  des  großen  Gesetzes
war  nicht  mehr  die  Freude  beschieden,  die  Annahme  und  Durchführung
  desselben  zu  erleben.  Aber  Millionen  segnen  sein  Andenken,
deren  Lebensabend  er  vor  Not  und  Sorge  bewahrt  hat.

Reben  der  Allöglichkeit,  die  weit  und  tiefgreifenden  Aufgaben  der
Sozialreform  durchzufülren,  gewährten  die  infolge  der  Steuerreform
wachsenden  Reichseinnabmen  dem  Kaiser  auch  die  Mittel  zur  inneren
Befestigung  des  Reiches.  Die  „Mlatrikularbeiträge,  die  bisher  von  den
Einzelstaaten  zur  Bestreitung  der  gemeinsamen  Reichsausgaben  erhoben
waren,  wurden  allmählich  so  weit  herabgesetzt,  daß  das  Beich  in  seinen
Bedürfnissen  von  den  einzelnen  Bundesstaaten  unabhängig  wurde.  Das
erwies  sich  als  ein  starkes  Band  der  Einheit  neben  der  Gemeinschaftlichkeit

  von  Heer  und  Diplomatie,  neben  der  durchgeführten  Einheit  von
35“
        <pb n="558" />
        548  Drittes  Kapitel.

durch  an  sich  nicht  rentable  Sekundärbalnen  weite  Gebiete  an  den  Groß-=verkehr
  anzuschließen  und  brachten  doch  schon  im  ersten  Jahrzehnt  noch
einen  Überschuß  von  3350  Millionen  Mark,  der  dem  Staate  zu  gute  kam.
Maß,  Gewicht  und  Münze.  Der  Kaiser  fügte  dazu  die  Einheit  des
Rechts.  14  Jahre  verwandte  die  dazu  eingesetzte  Kommission  in  angestrengter
  Arbeit  auf  die  Ausarbeitung  des  Entwurfes  eines  bürgerlichen
Gesetzbuches  für  das  Deutsche  Reich.  Im  Januar  1888  wurde  er  veröffentlicht:
  zur  großen  Befriedigung  für  den  Kaiser.  Der  greise  Berrscher
hatte,  um  sich  ein  selbständiges  Urteil  über  den  Entwurf  zu  verschaffen,
sich  Dorträge  über  Encpyklopädie  der  Rechtswissenschaft  halten  lassen;  ja
er  hatte  sich  die  Mühe  und  Arbeit  nicht  verdrießen  lassen,  viele  Seiten
lange  Auszüge  und  Susammenstellungen  aus  den  ihm  vorgelegten  Entwürfen
  der  Justizgesetze  sich  selbst  anzufertigen:  ein  sprechender  Beweis,
wie  redlich  er  es  mit  seinem  hohen  Amte  meinte.

Daneben  aber  hielt  der  ehrwürdige  Berrscher  mit  unablässiger  Wachsamkeit
  sein  scharfes  Auge  auf  die  äußere  Sicherung  des  Reiches  gerichtet.
In  der  Streitbarkeit  des  Heeres  und  in  der  Suverlässigkeit  der  Derbindungen
  mit  anderen  Staaten  sah  er  die  starken  Grundlagen  für  den
Frieden,  den  er  vor  allem  dem  Reiche  zu  erhalten  strebte.

Auf  sieben  Jahre  hatte  der  Reichstag  die  von  der  Regierung  geforderte
  Friedenspräsenzstärke  des  Heeres  bewilligt;  danach  wiederum  auf
sieben  Jahre  bis  zum  51.  Wärz  1888.  Inzwischen  aber  steigerten  die
Nachbarstaaten  ihre  Friedenspräsenzstärke,  was  einen  unausweichlichen
Druck  auf  Deutschland  ausüben  mußte.  Demgemäß  verlangte  die  Regierung
  noch  vor  dem  Ende  der  Septennatsperiode  eine  Erhöhung  der
Friedenspräsenzstärke  um  41  155  Mann.  Allein  der  Reichstag  verwarf  die
Forderung.  Indessen  von  ihrer  Notwendigkeit  überzeugt,  löste  Kaiser
Wilhelm  am  14.  Januar  1887  den  BReichstag  auf:  er  wandte  sich  an
das  Dolk,  und  das  Dolk  gab  ihm  recht.  Die  Freunde  der  Regierung
bildeten  in  dem  neuen  Reichstage  von  vornherein  die  Majorität.  Dazu
kam,  daß  Dapst  Leo  XlII.,  um  dem  deutschen  Kaiser  sein  Entgegenkommen
zu  beweisen,  der  Sentrumspartei  die  Annalme  des  Gesetzes  empfahl.  Die
Folge  war,  daß  der  Reichstag  mit  geradezu  überwältigender  Stimmenmehrheit
  obne  Debatte  am  11.  Wärz  das  Gesetz  annahm,  wofür  ihm
der  Kaiser  am  Schlusse  der  Session  seinen  Dank  aussprechen  ließ.

Indessen  noch  war  das  bewegte  Jahr  nicht  zu  Ende,  als  dem
Reichstage  ein  „Gesetz,  betreffend  Anderungen  der  Wehrpflicht“  vorgelegt
  wurde.  Denn  war  auch  die  FKriedensstärke  des  Beeres  auf
468  400  Mann  festgestellt,  so  machten  die  drohenden  Rüstungen  der  Nach-
        <pb n="559" />
        Sehn  Friedensjahre.  549

barn  im  Osten  und  Westen  auch  eine  Erhöhung  der  Kriegsstärke  des
deutschen  HBeeres  notwendig.  Dies  neue  Gesetz  stellte  ein  zweites  Aufgebot
  der  Landwehr  her,  dienstpflichtig  bis  zum  30.  Cebensjahre,  und
rückte  für  den  Landsturm  die  Altersgrenze  vom  42.  bis  zum  45.  Cebensjahre
  hinaus.  Damit  wurden  zu  der  bisberigen  Kriegsstärke  noch  weitere
700  000  Mann  gefügt.  Einstimmig  nahm  der  Reichstag  das  Gesetz,  das
Kürst  Bismarck  mit  hinreißender  Beredsamkeit  vertreten  hatte,  am
6.  Februar  1888  an;  und  in  freudiger  Bewegung  unterzeichnete  Kaiser
Wilhelm  es  am  11.  Februar:  es  krönte  sein  nimmer  rastendes  Bemühen,

Palais  Kaiser  Wilhelmo  in  Perlin.

es  vollendete  die  Wehrverfassung  des  Deutschen  Reiches.  ZSugleich  bewilligte
  der  Reichstag  eine  Anleihe  von  278  Millonen,  um  das  Kriegsmaterial
  für  die  ungeheure  Armee  zu  beschaffen.

Die  rasche  Entschiedenheit  und  einmütige  GOpferwilligkeit  des  Reichstages
  machte  den  größten  Eindruck  auf  alle  fremden  Mächte.  Gesteigert
aber  wurde  dieser  noch  dadurch,  daß  gerade  in  diesen  Tagen  der  Deutsche
Reichsanzeiger  den  deutsch.österreichischen  Bündnisvertrag  veröffentlichte.

Die  Grundlage  der  äußeren  Holitik  Kaiser  Wilhelms  war  bis  zum
Berliner  Kongreß  die  schon  von  den  Dätern  ererbte  Freundschaft  mit
Rußland  gewesen.  Bier  aber  zog  der  Schiedsspruch  Suropas  im  Interesse
des  Friedens  den  Ansprüchen  Rußlands  engere  Grenzen,  als  die  besiegte
Türkei  sie  in  dem  Dertrage  von  San  Stefano  hatte  zugestehen  müssen.
        <pb n="560" />
        550  Drittes  Kapitel.

So  schieden  die  Vertreter  Rußlands  in  unverhehlter  Unzufriedenheit  von
Berlin.  Unter  zügellosen  Schmähungen  behauptete  die  russische  Presse,
daß  die  Unzuverlässigkeit,  ja  die  Treulosigkeit  Preußens  verschuldet  habe,
was  doch  der  Frieden  Europas  gefordert  hatte.  Ja,  russische  Generale
erdreisteten  sich,  Preußen  mit  Krieg  zu  drohen.

Dieser  Umschwung  in  der  öffentlichen  Meinung  Rußlands  entging
dem  Scharfblicke  des  Fürsten  Bismarck  nicht.  Er  weilte  im  August  1870
in  Gastein.  Dorthin  lud  er  den  Grafen  Andrassy,  den  österreichischen
Staatskanzler,  ein.  In  regem  persönlichen  Verkehre  schufen  hier  die
beiden  Staatsmänner  das  österreichisch-deutsche  Zündnis.  Denn  gegen
das  altverhaßte  Esterreich  in  erster  Cinie  richtete  sich  der  russische  Ingrimm.
Kaiser  Franz  Joseph  war  daher  dem  Dertrage,  der  im  Falle  eines  Angriffs
Rußlands  die  sich  verbündenden  Mächte  verpflichtete,  mit  ihrer  gesamten
Kriegsmacht  sich  beizustellen,  und  im  Falle  eines  Angriffs  von  anderer
Seite  ihnen  mindestens  eine  wohlwollende  neutrale  RKaltung  gegeneinander
vorschrieb,  sehr  zugeneigt  und  unterzeichnete  ihn  am  7.  Oktober.  Kaiser
Wilhelm  dagegen  war  der  Sache  durchaus  abgeneigt.  Er  hatte  mit
seinem  Reffen,  dem  Kaiser  Alexander  II.,  eine  Susammenkunft  in
Alexandrowo  unweit  Thorn,  und  nun  erst,  in  der  Überzeugung,  dem
Frieden  zu  dienen  und  möglichen  Störungen  desselben  wirksam  vorzubeugen,
  entschloß  er  sich  am  15.  Oktober,  den  Bündnisvertrag  auch
seinerseits  zu  unterzeichnen.  Sunächst  war  dieser  nur  auf  fünf  Jahre  geschlossen,
  wurde  aber  dann  ohne  Seitgrenze  erneuert.  Die  freundlichen
Beziehungen  zu  dem  russischen  Herrscherhause  wurden  davon  nicht  berührt.
Zur  Freude  Kaiser  Wilhelms  pflegte  sie  Kaiser  Alexander  III.  ebenso  wie
sein  hochsinniger  Dater.  Unmittelbar  nach  seiner  Thronbesteigung  sandte
er  zum  Geburtstage  Kaiser  Wilhelms  ein  sehr  herzliches  Glückwunschtelegramm.
  „Vom  neuen  Waiser“,  rief  Kaiser  Wilhelm,  als  er  es  erbielt,
freudig  bewegt  aus,  „die  alte  herzliche  Treue  und  Freundschaft:  das  thut
wohl!“  Aber  auch  später  zeigte  der  Zar  bei  wiederholten  Susammen-=künften
  mit  seinem  ehrwürdigen  Großoheim,  in  Danzig  1882,  in  Berlin  1887,
daß  er  Wert  darauf  lege,  ein  gutes  Derhältnis  zu  Deutschland  und  seinem
Berrscher  zu  wahren.

Unterdessen  wurde  Frankreich  nicht  müde,  in  aufdringlichster  Weise
seine  Freundschaft  Rußland  anzutragen,  das  mit  ziemlich  kühler  Berablassung
  das  würdelose  Buhlen  sich  gefallen  ließ.  Darum  war  es  eine
schwerwiegende  Verstärkung  des  deutsch-österreichischen  Bundes,  daß  1887
IJtalien  auf  seinen  Wunsch  unter  den  gleichen  Bedingungen  in  die
Friedensallianz  ausgenommen  wurde.  Denn  jetzt  mußte  KFrankreich  den
        <pb n="561" />
        Zehn  Friedensjahre.  551

stets  gehegten  Gedanken  aufgeben,  für  den  Fall  eines  Dergeltungskrieges
gegen  Deutschland  Italien  auf  seine  Seite  zu  ziehen.  Damit  war  der
mächtige  Dreibund  geschaffen,  die  Zurg  des  europäischen  Friedens.  Und
auf  der  Sinne  stand  als  getreuer  Wächter  Kaiser  Wilhelms  ehrwürdige
Gestalt!

Der  Unkundige  mochte  meinen,  daß  die  Annäherung  Jtaliens  zu
einer  um  so  größeren  Entfremdung  des  Hapstes  vom  Deutschen  Reiche
führen  würde.  Indes  das  Gegenteil  trat  ein.  Dapst  Dius  war  1878
gestorben.  Sein  KNachfolger  Leo  XIII.,  vorsichtiger  und  besonnener,
wünschte  den  Frieden  mit  dem  Deutschen  Reiche;  war  doch  nirgends  durch
den  Kulturkampf  der  Ultramontanismus  zum  Siege  gelangt.  Aber  doch
durchdrang  die  Mißstimmung  der  Katholiken  tief  das  öffentliche  Leben.=Darum
  war  es  auch  Kaiser  Wilhelms  lebhafter  Wunsch,  mit  der  katholischen
  Kirche  wieder  zum  Frieden  zu  kommen.  Dersähnliche  Schritte
wurden  angebahnt,  die  „Maigesetze“  milder  gehandhabt,  und  der  Kronprinz
  hatte  im  Dezember  1885  eine  persönliche  Susammenkunft  mit  dem
Papste  im  Datikan.  Immerhin  waren  die  nunmehr  eingeleiteten  Friedensverhandlungen
  schwierig  und  langwierig.  Endlich  im  Jahre  1887  wurde
der  Ausgleich  gefunden.  Der  Staat  kehrte  zu  denjenigen  Derhältnissen
zurück,  die  vor  dem  Beginne  des  Kulturkampfes  bestanden  hatten:  wogegen
  ihm  die  päpstliche  Kurie  das  Recht  des  Einspruches  gegen  die  Anstellung
  von  Hfarrern  gewährte,  ein  sehr  weittragendes  SGugeständnis,  das
er  früher  nicht  besessen  Hatte.  Damit  war  denn  der  langjährige  Streit
zur  großen  Befriedigung  für  Kaiser  Wilhelm  beendigt,  wenn  auch  der
tiefer  liegende  Gegensatz  von  Staat  und  Kirche  unausgeglichen  blieb  und
bleiben  mußte.

Auch  die  unerquickliche  Stellung,  die  das  Reichsland  Elsaß-Lothringen
gegen  das  deutsche  Mutterland  eingenommen  hatte,  erfuhr  in  dem  Jahrzehnte
  des  Friedens  eine  erhebliche  Besserung,  wiewohl  noch  nicht  völligen
Ausgleich.  Der  Kaiser  gab  den  lebhaften  Wünschen  des  Landes  nach,
indem  er  1870  den  Sitz  der  Regierung  desselben  von  Berlin  nach  Straßburg
  verlegte.  Sum  Statthalter  des  Reichslandes  wurde  zugleich  der
Feldmarschall  Edwin  von  Manteuffel  ernannt.  Aber  sein  Versuch,  durch
ein  weitestgehendes  Entgegenkommen  die  Frankreich  zugeneigte  Mehrheit
der  Bevölkerung  für  Deutschland  zu  gewinnen,  scheiterte  völlig;  nur  um
so  trotziger  erhoben  die  Franzosenfreunde  ihr  Kaupt,  nur  um  so  dreister
gaben  sie  ihrer  Sehnsucht  Ausdruck,  daß  das  alte  deutsche  Land  unter
die  französische  Fremdberrschaft  zurückkehren  möge.  Oiel  energischer  zog
dagegen,  als  Manteuffel  1885  starb,  sein  Machfolger,  Fürst  Thlodwig
        <pb n="562" />
        552  Drittes  Kapitel.

von  HBobenlohe-Schillingsfürst,  die  Sügel  der  Regierung  anz  er  wehrte
der  antideutschen  Agitation  im  Lande  mit  Nachdruck  und  unterband  den
allzu  intimen  Derkehr  mit  Frankreich.  Nichts  hemmte  ja  mehr  die  Abkühlung
  der  franzosenfreundlichen  Gemüter  im  Reichslande,  als  das  Geschrei
  der  Franzosen  nach  Vergeltung  an  ihren  deutschen  Überwindern,
das  immer  von  GSeit  zu  Seit  gellend  über  die  Berge  des  Wasgau  herüberschallte.
  Dem  gegenüber  imponierte  die  friedliebende,  uneigennützige  und
würdevolle  selbstbewußte  Raltung  des  Deutschen  Beiches;  und  vollends
nun  dies  Deutschland  an  der  Spitze  des  Dreibundes  machte  auch  dem
glühendsten  Franzosenfreunde  die  völlige  Aussichtslosigkeit  der  Dergeltungshoffnung
  einleuchtend.  Da  schloß  denn  doch  im  Reichslande  gar  mancher
ganz  im  stillen  seinen  Frieden  mit  Deutschland.

Aber  nicht  auf  Deutschland,  nicht  auf  Europa  nur  war  das  weitschauende
  Auge  Kaiser  Wilhelms  gerichtet;  wo  es  auf  der  ganzen  Erde
deutsche  Interessen  zu  vertreten,  den  deutschen  Namen  hochzuhalten  galt,  da
hielt  er  es  für  seine  Regentenpflicht,  fördernd  und  schützend  einzugreifen.  In
großartigster  Weise  hatte  Kaiser  Wilhelm  aus  den  bescheidenen  Anfängen
König  Friedrich  Wilbelms  IV.  die  preußisch-deutsche  Flotte  entwickelt.
In  dem  Schutze  des  Handels  fand  sie  eine  friedliche  Bestimmung  von
weittragender  Bedeutung.  Deutsche  Hostdampferlinien  wurden  zur  Förderung
  des  deutschen  überseeischen  Handels  eingerichtet  und  zahlreiche
RKandelsverträge  mit  fremden  Mächten  abgeschlossen.  Aber  der  allgemach
sich  vollziehende  Übergang  Deutschlands  von  einem  ackerbauenden  zu  einem
Industriestaate  drängte  zu  einer  Sicherung  der  Albsatzgebiete,  die  der
immer  weiter  ausgreifende  deutsche  Handel  sich  erschloß,  um  die  Ausfuhr
der  Industrieerzeugnisse  wie  die  Sufuhr  der  Rohmaterialien  ohne  störende
Belästigungen  oder  Einengungen  sicherzustellen.  Das  aber  konnte  nur
der  Besitz  von  Kolonien  gewähren.  So  ist  aus  dem  Schoße  des  deutschen
Volkes  das  Derlangen  nach  der  Erwerbung  deutscher  Kolonien  hervorgegangen.


Schon  vor  zweibundert  Jahren  hatte  sich  der  Große  Kurfürst  auf
alle  Weise  bemüht,  das  Interesse  seines  Dolkes  für  seine  kolonialen  Bestrebungen
  zu  gewinnen.  Jetzt  war  es  das  Dolk,  das  danach  rief.  Aber
der  geniale  Hohenzoller  war  ein  junger  Mann  von  26  Jahren,  als  er
sich  im  Haag  mit  dem  holländischen  Admiral  Gissels  van  Lier  über  seine
kolonialen  Hläne  beriet,  von  denen  er  sich  eine  ertragreiche  Förderung
der  Wohlfahrt  seiner  Länder  versprach.  Kaiser  Wilhelm  jedoch  war  ein
Greis  von  87  Jahren,  als  die  koloniale  Bewegung  an  ihn  herantrat.
Um  so  bewunderungswürdiger  ist  der  Mut,  mit  dem  er  den  Entschluß  faßte,
        <pb n="563" />
        S  00  —  8  BG  TW  9  Pd  —

—–
S

Erklärende  Skizze

zu  der  Beilage
RKaiser  Wilhelm  I.  im  Rreise  seiner  Tamilie.

.  Kaiser  Wilhelm.

.  Kaiserin  Augusta.

.  Kronprinz  Friedrich  Wilhelm.

.  Kronprinzessin  Dictoria.

.  Hrinz  Wilhelm.

.  Prinzessin  Wilhelm.

.  Prinz  Friedr.  Wilhelm  Söhne
.  Hrinz  Eitel  Friedrich  des

.  Hrinz  Adalbert  Prinzen
.  Hrinz  August  Wilhelm  J  Wilbelm.

11.
12.
13.
14.

15

16.
17.
18.
19.
20.

Großherzog  von  Baden.
Großherzogin  von  Baden.

Erbprinz  Bernhard  von  Meiningen.
Erbprinzessin  Charlotte  von  Meiningen.
prinzessin  Feodora  von  Meiningen.
Drinz  Beinrich.

Prinzessin  Jrene  von  Hessen.
Prinzessin  Victoria.

Prinzessin  Sophie.
Drinzessin  Margarete.
        <pb n="564" />
        <pb n="565" />
        Zehn  Friedensjahre.  553

unbekümmert  um  die  Eifersucht  Englands,  um  die  Unruhe  Frankreichs,
dem  Deutschen  Reiche  den  kolonialen  Besitz  zu  erwerben,  dessen  es  zu
einer  gedeihlichen  Weiterentwickelung  bedurfte,  wenn  auch  den  vollen  Er—
trag  erst  die  Enkel  davon  haben  konnten.  Mit  weitschauendem  Blick
ermaß  Kaiser  Wilhelm  die  Folgewichtigkeit  einer  solchen  Erwerbung.
1884  wurde  mit  Deutsch-Südwestafrika,  Kamerun,  Togo  und  Deutsch-Ostafrika
  in  Afrika  ein  Gebiet  von  2  ½  Millionen  Ouadratkilometern
unter  den  Schutz  des  Deutschen  ZReiches  gestellt,  wozu  1885  in  der  Südsee
  noch  ein  weiteres  Gebiet  von  1/  Million  Duadratkilometern  trat,  so
daß  das  deutsche  Kolonialreich  insgesamt  um  das-Fünffache  das  Mutterland
  an  Ausdehnung  übertrifft.  "

Ein  Werk  des  Friedens  schloß  sich  daran.  Nachdem  Deutschland
sich  mit  Frankreich  verständigt,  luden  zum  Erstaunen  Europas  die  beiden
alten  Gegner  alle  seefahrenden  Mationen  Europas  und  die  Dereinigten
Staaten  von  Amerika  zu  einer  Konferenz  nach  Berlin  ein,  um  der  Konkurrenz
  der  Mächte  in  Afrika  durch  gemeinschaftliche  Beratung  bestimmte
Wege  zu  weisen  und  Reibungen  und  Susammenstößen  von  vornherein
vorzubeugen.  Das  Ergebnis  der  Beratungen  war  die  Generalakte  vom
28.  Februar  1885,  gewöhnlich  kurzweg  die  Kongo-Akte  genannt.  Sie
stellt  die  Zedingungen  für  die  Gültigkeit  künftiger  Besitzergreifungen  in
Westafrika  fest  und  giebt  eine  Reihe  bindender  Normen  für  die  Derwaltung
  der  in  Afrika  schon  in  Besitz  genommenen  Gebiete.  Aber
darüber  hinaus  zeigte  sie  klar,  daß  England  nicht  mehr  wie  bisber  den
Ausschlag  gebenden  Einfluß  in  überseeischen  Angelegenheiten  ausübte,
daß  fortan  auch  hierin  das  Deutsche  Reich  ein  schwer  wiegendes  Wort,
das  achtsame  Berücksichtigung  verlangte,  mitsprach.

Sur  leitenden  Macht  Europas  —  das  ist  das  Ergebnis  dieser
Friedensjahre  —  war  das  Deutsche  Reich  emporgestiegen  dank  der  Weisheit
  und  Mäßigung  Kaiser  Wilbelms,  dank  vor  allem  des  tief  begründeten
  Dertrauens,  mit  dem  alle  Welt  zu  der  ehrwürdigen  Beldengestalt
emporblickte.
        <pb n="566" />
        Viertes  Kapitel.
Unser  Kaiser  daheim.

An  jedem  Mittag,  wenn  die  königliche  Purpurstandarte  von  dem
Palais  Kaiser  Wilhelms  wehte,  sammelten  sich  bei  dem  Denkmale
Friedrichs  des  Großen  Unter  den  Linden  Gruppen  von  Wenschen  an,  wie
es  schien,  ganz  in  die  Betrachtung  von  Rauchs  WMeisterwerk  vertieft.
Aber  in  Wahbrbeit  galt  ihre  Aufmerksamkeit  dem  „bhistorischen  Eckfenster",
welches  eigentlich  das  zweite  von  der  SEcke  war:  denn  an  diesem  zeigte
sich  zuzeiten,  wenn  auch  nur  auf  einen  Augenblick,  die  HBeldengestalt
Kaiser  Wilhelms.  Tur  wenn  um  1  Uhr  die  Wachktparade  vorübermarschierte,
  blieb  er  am  Fenster  stehen,  bis  sie  vorüber  war.  Dann
gingen  die  Leute  zufrieden  und  glückselig  nach  Hause,  oder  reisten  ab  in
ihre  ferne  Heimat:  sie  hatten  ihren  Kaiser  gesehen,  zu  dem  ja  jeder  in
einem  ganz  persönlichen  Derhältnis  sich  stehend  fühlte.  Die  Bewunderung
für  seine  Großthaten  war  längst  zu  einer  innigen  Verehrung  durchwärmt;
und  in  dieser  empfand  jeder  den  Kaiser  als  einen  Teil  seines  eigenen
Jch.  Es  war  unmöglich  zu  denken,  wie  man  sollte  ohne  den  Mann
dort  leben  können,  der  das  Wohl  aller  auf  dem  HBerzen  trug,  und  zu
dem  ein  jeder  mit  unbegrenztem  Hertrauen  aufschaute.

In  einem  Gespräche  mit  General  Grant  entwarf  Fürst  Bismarck
diesem  ein  Bild  des  Kaisers.  „Miemals“,  sagte  er,  „gab  es  einen
Menschen  von  einem  bescheideneren,  großmütigeren  und  humaneren
Tharakter  als  den  Kaiser.  Er  unterscheidet  sich  ganz  und  gar  von  den
in  so  hoher  Stellung  geborenen  Menschen,  oder  doch  von  den  meisten
derselben.  Sie  legen  wenig  Gewicht  auf  die  Empfindungen  und  Wünsche
anderer;  sie  meinen,  Menschen  ihrer  Abstammung  sei  vieles  erlaubt;  ihre
ganze  Erziehung  scheint  dabin  zu  zielen,  in  ihnen  die  menschliche  Seite
zu  ersticken.  Der  Kaiser  hält  sich  nicht  für  einen  solchen  Glympier;  im
Gegenteil,  er  ist  in  jeder  Beziehung  Mensch  und  unterzieht  sich  jeder
menschlichen  Oflicht.  Er  hat  nie  in  seinem  Leben  jemand  Unrecht  gethan,
        <pb n="567" />
        —
—

—
-
—

x

Unsing  der  Wa

—
*  2
—  22

————

1
        <pb n="568" />
        556  Viertes  Kapitel.

nie  das  Gefühl  eines  andern  verletzt,  nie  sich  einer  Härte  schuldig  ge—
macht.  Er  ist  einer  jener  Menschen,  deren  gütiges  Naturell  die  Herzen
gewinnt,  der  sich  fort  und  fort  mit  dem  Wohle  seiner  Umgebung  und
seiner  Unterthanen  beschäftigt,  geschmückt  mit  allen  hohen  Eigenschaften
eines  Fürsten  und  mit  allen  Tugenden  eines  Menschen.  Es  ist  unmög—
lich,  sich  einen  schöneren  und  wohlthuenderen  Typus  eines  Edelmannes
zu  denken.“

Der  Grundzug  in  dem  Wesen  Kaiser  Wilhelms  war  seine  tiefe  Reli—
giosität.  Eine  schlichte,  innige  Frömmigkeit,  von  Hochmut  wie  von  Un—
duldsamkeit  gleich  fern,  erfüllte  sein  Herz;  sie  leitete  ihn  bei  all  seinem
Thun;  sie  richtete  ihn  auf  in  schweren  Stunden.  Mit  Innigkeit  hielt  er
zu  dem  Bekenntnisse  seiner  Väter.  „Wenn  etwas“,  sagte  er  bei  dem
Jubelfeste  des  Dom-Kandidatenstifts  (am  17.  Juni  1879)  zu  diesen,  „im
Leben  und  Treiben  der  jetzigen  Welt  Halt  geben  kann,  so  ist  es  der
alleinige  Grund,  welcher  in  Jesu  Christo  gelegt  ist.  Sie  wissen,  daß  ich
aus  voller  und  freier  Uberzeugung  der  positiven  Union  angehöre,  welche
mein  seliger  Dater  gestiftet  hat.  Der  Grund  und  Fels,  an  dem  ich  und
wir  alle  aushalten  müssen,  ist  der  unverfälschte  Glaube,  wie  ihn  die  Bibel
uns  lehrt.“  Damit  erhob  der  Kaiser  wie  zur  Bestätigung  die  Band.
Dann  fuhr  er  fort:  „Möge  Ihnen  allen  der  heutige  Tag  dazu  gesegnet
sein,  die  Erkenntnis  Gottes  und  seines  eingeborenen  Sohnes  Jesu  Christi
als  die  einzige  Quelle  wahren  Beiles  in  ihnen  zu  fördern.  Es  kann  ja
ein  jeder  handeln,  wie  sein  Gewissen  ihm  sagt,  aber  alle  müssen  doch
aufbauen  auf  dem  einen  Grund  der  Bibel  und  des  Evangeliums.“

Aus  diesem  Glauben  stammte  das  unbedingte  Gottvertrauen,  das
sein  ganzes  Wesen  durchdrang.  Er  fühlte  sich  ganz  als  ein  Werkzeug
Gottes.  Darum  empfand  er  seine  großen  Erfolge  als  Randlungen
Gottes,  der  in  allem  ihn  leitete.  „Welch  eine  Mendung  durch  Gottes
Führung!“  schloß  er  in  diesem  Empfinden  die  Siegesdepesche  von  Sedan
an  die  Königin  Augusta.  Und  den  Bürgermeistern  der  ihn  begrüßenden
Residenzstädte  erwiderte  er  am  20.  März  1871:  „Es  war  der  Wille  der
Vorsehung,  daß  diese  großen  Thaten  durch  uns  sollten  vollbracht  werden.
Wir  waren  aber  nur  die  Werkzeuge  in  des  Allmächtigen  Hand.“  Darum
war  Kaiser  Wilhelm  stets  weit  davon  entfernt,  die  Shre  seiner  Groß-=thaten
  sich  anzurechnen:  Gott  vor  allem  galt  sein  Dank.  „Mein  Blick“,
erwiderte  er  den  am  Neujahrstage  ihm  Glück  wünschenden  Generalen,
„kann  sich  nicht  in  die  Dergangenheit  richten,  ohne  mein  tiefbewegtes
Herz  von  Dank  für  die  Gnade  des  allmächtigen  Gottes  überströmen  zu
lassen,  die  wahrlich  Großes  an  mir  gethan  hat.“  Und  nächst  Gott  be-
        <pb n="569" />
        Unser  Kaiser  daheim.  557

kannte  er  für  den  Ruhm  seiner  kriegerischen  Erfolge  sich  seiner  Armee
und  seinen  Haladinen  zu  Dank  verpflichtet.  Beim  Siegeseinzug  in  Berlin
am  16.  Juni  187]  überreichte  Fräulein  Bläser  als  Ehrenjungfrau  dem
heimkehrenden  Kaiser  einen  Lorbeerkranz.  „Jch  nehme  den  Kranz  an“,
erwiderte  er  ihr,  vom  Oferde  die  Rand  ihr  reichend,  „aber  nicht  für
mich,  sondern  für  die  Armee.  Das  ist  zu  liebenswürdig  und  zu  viel  Ehre
für  mich.  Es  sind  noch  andere  Männer  da,  die  den  Kranz  mehr  verdienen,
  als  ich!“  Das  war  in  Wabrheit  nicht  richtig;  denn  niemand
verdiente  in  höherem  Grade  als  Kaiser  Wilhelm  den  Lorbeer:  aber  der
Sieger  von  Königgrätz  und  Gravelotte  war  in  seiner  Selbstlosigkeit  stets.
bedacht,  seine  Ratgeber  möglichst  weit  in  den  ordergrund  zu  schieben,
so  daß  sie  für  ein  blödes  Auge  fast  ihn  selbst  verdecken  mochten.

Aus  dieser  Auffassung  seiner  ganzen  TLebensstellung  entsprang  das
tiefe  Oflichtgefühl,  das  Kaiser  Wilhelm  allezeit  bewährte.  Er  war  im
höchsten  Grade  sorgfältig  bei  jeder  Erwägung,  unermüdlich  fleißig  und
pünktlich  in  der  Erfüllung  seiner  hohen  Hflichten.  „Wozu  bin  ich  denn
dad“  entgegnete  er  dem  schlesischen  Oberpräsidenten  von  Schleinitz,  der
den  ermüdet  vom  Manöverfelde  zurückkehrenden  und  sofort  wieder  an
den  Schreibtisch  sich  setzenden  König  (1867)  bat,  doch  seine  Kräfte  zu
schonen.

Aus  der  gleichen  Quelle  stammte  auch  die  absolute  Furchtlosigkeit,
die  Kaiser  Wilbelm  eigen  war.  Er  wußte  sich  stets  in  Gottes  Hand;
darum  hatte  das  Wort  Furcht  überhaupt  für  ihn  keinen  Sinn.  Er  verstand
  die  treuen  Diener  kaum,  die  ihn  aus  dem  Bereiche  der  „bistorischen“
Granaten  fortzubringen  strebten.  Im  September  1841  inspizierte  er  das
zur  deutschen  Bundesarmee  gehörende  österreichische  Bundeskontingent,
das  unter  dem  Kommando  des  Fürsten  Windischgrätz  bei  Alt-Kolin  in
Böhmen  Manöverübungen  machte.  An  den  Tirailleurslinien  hinreitend,
erhielt  der  Hrinz  einen  Schuß  in  den  Gberschenkel,  nahm  aber,  ruhig
weitertrabend,  gar  keine  Motiz  davon.  „Eure  Königliche  Hoheit  bluten
jal“  rief  Fürst  Windischgrätz  erschrocken  aus,  die  Wunde  bemerkend,
und  schlug  Lärm.  Nun  erst  gab  der  Hrinz  zu,  daß  man  sie  untersuchte
und  verband.  Überhaupt  hat  sich  Kaiser  Wilhelm  37  mal  in  seinem
Leben  in  Lebensgefahr  befunden.  Doch  dreimal  nur  trug  er  eine  Derwundung
  davon.  Auf  einer  Jagd  verletzte  er  durch  das  zu  früh  sich
entladende  Gewehr  den  GSeigefinger  der  rechten  Hand;  nach  dem  Unfalle
bei  Kolin  nannte  er  sich  selbst,  scherzend  an  Friedrichs  des  Großen  Schlacht
erinnernd,  den  letzten  Blessierten  von  Kolin.  Und  das  letzte  Mal  war
an  dem  Trauertage  des  2.  Juni  1878.
        <pb n="570" />
        558  Viertes  Kapitel.

Soldat  mit  Hingebung,  sah  Kaiser  Wilhelm  in  seinem  militärischen
Berufe  bis  zur  Regentschaft  seine  Lebensaufgabe.  Als  aber  dann  auch
große  staatsmännische  Aufgaben  an  ihn  herantraten,  offenbarten  sie  bald
die  außerordentliche  Befähigung  auch  für  dies  große  Gebiet  des  Wirkens,
sie  stetig  weiter  entwickelnd,  die  bisher  in  dem  Hrinzen  geschlummert  hatte.
Er  besaß  eine  unbefangene,  realistische  Auffassung  der  Dinge,  die  sich
über  alle  Dorurteile  erhob.  In  der  Derehrung  für  GEsterreich  erzogen,
erkannte  er  doch  schon  als  junger  Hrinz,  daß  der  Koaiserstaat  in  seiner
inneren  Entwickelung  weit  hinter  Hreußen  zurückgeblieben  sei,  weil  dort
alles  „stagnierte“.  Er  schrieb  damals  (1828)  an  seinen  königlichen  Dater:
„Esterreich  hat  eine  unermeßliche  Kluft  zwischen  sich  und  der  Menuzeit
gelassen,  deren  Forderungen  wir  in  Hreußen  schon  1808  begriffen.  Wenn
es  einst  soweit  sein  wird,  diese  Kluft  mit  einem  Satze  überspringen  zu
müssen,  so  mag  es  sich  in  acht  nehmen,  daß  es  nicht  hineinfällt.“  Sbenso
lagen  die  Mlängel  der  deutschen  Bundesverfassung  klar  vor  seinem  Auge;
er  sah,  daß  Hreußens  Geschichte  es  darauf  hinwies,  wie  er  an  General
von  Natzmer  1840  schrieb,  an  die  Spitze  Deutschlands  zu  kommen;  er
beklagte  tief  die  Glmützer  Hunktation  und  war  darauf  gefaßt,  daß  er
es  nicht  mehr  erleben  würde,  Hreußen  in  der  gehofften  Stellung  in
Deutschland  zu  sehen.  Aber  zur  Seit  seines  Sohnes  oder  seines  Enkels,
erwartete  er,  daß  die  Einheit  Deutschlands  unter  preußischer  Führung  sich
verwirklichen  würde.

Auf  praktisches  Wirken  war  das  ganze  Wesen  Kaiser  Wilhelms  gerichtet.
  Er  besaß  die  Besonnenheit,  was  erreichbar  war,  richtig  abzu
schätzen  und  sich  damit  zu  begnügen.  Hhantastische  Luftgespinste  hatten
für  ihn  keinen  Reiz.  In  bewundernswerter  Weise  vereinigte  er  Festigkeit
  in  seinem  Wesen  mit  einer  den  Dingen  gerecht  werdenden  NWachgiebigkeit.
  Als  konstitutionell-konservativ  bezeichnete  er  selbst  einmal  seinen
politischen  Standpunkt.  Ohne  Wanken  blieb  er  den  konservativen  Grundsätzen
  treu,  in  denen  er  groß  geworden  war;  aber  er  sah  zu  hell,  um
nicht  zu  erkennen,  daß  ein  Erhalten  ohne  fortschreitende  Reform  nicht
möglich  ist:  wie  der  stolzeste  Halast  ohne  stetige  Zachbesserung  bald  Ruine
wird.  Anfangs  voll  schwerer  Bedenken  über  den  Ubergang  Hreußens
zur  konstitutionellen  Regierungsform,  hat  er  sie  dech,  nachdem  dieser
UÜbergang  geschehen  war,  aufrichtig  anerkannt  und  in  uneingeschränkten
SEhren  gehalten.  Denn  er  erkannte,  daß  der  veränderte  Geist  der  Seit
auch  eine  solche  Deränderung  der  Staatsform  verlange.  „Ich  will  nicht
untersuchen“,  sagte  er  1860  zu  König  Max  II.  von  Bavern,  „ob  Konstitutionen
  Leilsam  sind;  aber  wo  sie  existieren,  soll  man  sie  halten  und
        <pb n="571" />
        —  —  —

Kaiser  Wilhelm  an  seinem  Schreibtisch.
        <pb n="572" />
        560  Viertes  Kapitel.

nicht  durch  gezwungene  Interpretationen  verfälschen.  Ich  habe  lange
genug  gesehen,  welchen  Schaden  das  Ministerium  Manteuffel  auf  diese
Weise  gethan  hat.  Die  konstitutionelle  Jdee,  daß  die  Regierungsmaßregeln
  an  die  Gffentlichkeit  gezogen  und  das  Volk  gesetzlich  zur  Teilnahme
an  der  Gesetzgebung  berechtigt  wird,  ist  in  das  Volksbewußtsein  einge—
drungen.  Diesem  entgegenzutreten,  ist  sehr  gefährlich,  da  es  Mißtrauen
des  Herrschers  gegen  das  Volk  bekundet.  Nicht  durch  Restriktionen  der
Verfassung,  die  eben  ein  solches  Mißtrauen  zeigen,  sondern  durch  weises
Nachlassen  und  Anziehen  der  Sügel  ist  die  Regierung  zu  befestigen.  Sie
ist  mit  der  Regulierung  eines  Flußbettes  zu  vergleichen.  Man  muß  die
Ufer  sichern,  die  Dämme  nicht  zu  eng  und  nicht  zu  weit  machen,  vor
allem  nicht  quer  in  den  Fluß  hineinbauen.  In  England  sind  sie  zu  weit,
in  Kurhessen  und  in  Hannover  zu  eng.  Poffentlich  treffen  wir  in  Hreußen
die  richtige  Mitte.“*)

Aber  bei  dieser  scharf  treffenden  Auffassung  der  praktischen  Oflichten
eines  konstitutionellen  Herrschers,  die  von  einem  absolutistischen  Regimente
ebenso  fern  bleibt  wie  von  einem  parlamentarischen,  hielt  Kaiser  Wilhelm
darauf,  daß  das  Königtum  in  Hreußen  der  ruhende  Pol  inmitten  der
schwankenden  Bewegung  sei.  Er  hielt  daran  fest,  daß  die  preußische
Derfassung  eine  freiwillige  Gabe  König  Friedrich  Wilhelms  IV.  an  das
preußische  Dolk  war.  Ein  Regieren  aber  nach  den  Schwankungen  der
öffentlichen  Meinung,  wenn  jeder  Wechsel  der  Kammermajorität  einen
Wechsel  der  Ratgeber  der  Krone  in  sich  schloß  —  bedeutete  es  in  dem
preußischen,  durch  seine  Herrscher  gegründeten,  von  eifersüchtigen  Tach-=barn
  umgebenen  Staate  nicht  eine  Gefahr  für  die  Würde  der  Krone
ebenso  wie  für  die  Sicherheit  des  Staates  nach  außen  hind  Waren
nicht  die  großen  Erfolge  der  preußischen  Holitik  nur  durch  die  strenge
Wahrung  des  monarchischen  Rechtes  errungen  wordend  Mit  bündiger
Bestimmtheit  trat  Kaiser  Wilhelm  daher  dem  hie  und  da  sich  kundgebenden
  Drängen  des  preußischen  Abgeordnetenhauses  nach  parlamentarischer
  Regierungsweise  entgegen.  Toachdrücklich  betonte  er,  dem  das
Königtum  von  Gottes  Gnaden  eine  reale  Wahrheit  war,  in  dem  Erlaß,
den  er  am  d.  Januar  1882  an  das  Staatsministerium  richtete,  sein
monarchisches  Recht.  „Das  Recht  des  Königs"“,  heißt  es  in  diesem  Erlaß,
  „die  Regierung  und  die  Dolitik  Dreußens  nach  eigenem  Ermessen
zu  leiten,  ist  durch  die  Derfassung  eingeschränkt,  aber  nicht  aufgehoben.

*)  Eigenhändige  Aufzeichnung  des  Hrinzregenten,  mitgeteilt  von  v.  Spbel,  Begründung
  des  Deutschen  Reiches  II,  284.
        <pb n="573" />
        Unser  Kaiser  daheim.  561

Die  Regierungsakte  des  Königs  bedürfen  der  Gegenzeichnung  eines  Mi—
nisters  und  sind,  wie  dies  auch  vor  Erlaß  der  Derfassung  geschah,  von
den  Ministern  des  Königs  zu  vertreten,  aber  sie  bleiben  Regierungsakte
des  Königs,  aus  dessen  Entschließungen  sie  hervorgehen  und  der  Seine
Willensmeinung  durch  sie  verfassungsmäßig  ausdrückt.  Es  ist  deshalb
nicht  zulässig  und  führt  zur  Berdunkelung  der  verfassungsmäßigen  Königsrechte,
  wenn  deren  Ausübung  so  dargestellt  wird,  als  ob  sie  von  den
dafür  verantwortlichen  jedesmaligen  Ministern  und  nicht  von  dem  Hönige
Selbst  ausginge.  Die  Derfassung  Hreußens  ist  der  Ausdruck  der  monarchischen
  Tradition  des  Landes,  dessen  Entwickelung  auf  den  lebendigen  Bezielungen
  seiner  Könige  zum  Dolke  beruht.  Diese  Beziehungen  lassen
sich  nicht  auf  die  vom  Könige  ernannten  Minister  übertragen,  denn  sie
knüpfen  sich  an  die  Derson  des  Königs.  Ihre  Erhaltung  ist  eine  staatliche
  Totwendigkeit  für  Dreußen.  Es  ist  deshalb  Mein  Wille,  daß  sowohl
  in  Hreußen,  wie  in  den  gesetzgebenden  Körpern  des  Reichs,  über
Mein  und  Meiner  Nachfolger  verfassungsmäßiges  Recht  zur  persönlichen
Leitung  der  Holitik  UMeiner  Regierung  kein  Sweifel  gelassen  werde.“

In  dieser  Auffassung  duldete  Kaiser  Wilbelm  auch  keine  Eingriffe
in  die  Beamtendisziplin,  wie  sie  das  Abgeordnetenhaus  im  Mai  1883
angeblichen  Wahlbeeinflussungen  gegenüber  versuchte.  Auf  den  Artikel  45
der  preußischen  Derfassung,  der  allein  dem  Könige  die  vollziehende  Gewalt
  giebt,  sich  stützend,  verlangte  er  die  genaue  Beobachtung  der  Grenze
zwischen  der  gesetzgebenden  und  der  vollziehenden  Gewalt.  An  dem
Königtum  „von  Gottes  Gnaden“  hielt  er  ohne  Wandel  fest;  aber  er
empfand,  „welch  tiefer  demutsvoller  Sinn“  in  dem  oft  angefeindeten
Worte  ruhe.  Dom  Altare  des  Berrn  hatte  er  die  Krone  genommen  und
sie  —  wie  er  1860  auf  die  Anrede  des  Oberpräsidenten  der  Hrovinz
Hreußen  erwiderte  —  als  Seichen,  daß  eine  Krone,  aus  Gottes  Gnade
stammend,  zum  Segen  des  Dolkes  zu  werden  bestimmt  sei,  sich  auf  das
Raupt  gesetzt.

Die  preußische  Königskrone  war  für  Kaiser  Wilhelm  demnach  die
Grundlage  und  der  Wittelpunkt  seines  Wirkens.  Darüber  ging  ihm  auch
die  deutsche  Kaiserkrone  nicht.  Und  ebenso  wenig,  wie  er  eine  Derdunkelung
  seiner  königlichen  Stellung  durch  die  Dolksvertretung  zugab,
duldete  er  eine  Beschränkung  dieser  Stellung  über  das  für  die  Einheit
des  Deutschen  Reiches  Totwendige  hinaus.  Sein  gerader  Gerechtigkeitssinn
  machte  da  keinen  Unterschied  zwischen  Hreußen  und  den  übrigen
verbündeten  Staaten  des  Reichs.  Er  verlangte  unbedingten  Respekt  vor

den  gezogenen  ZRechtsgrenzen.  Als  Dorgänge  im  BRieichstage  eine  Ein-Kaiser
  Wilhelm.  36
        <pb n="574" />
        562  Viertes  Kapitel.

wirkung  des  Reiches  auf  die  Politik  Preußens  herauszufordern  versuchten,
trat  Kaiser  Wilhelm  mit  Entschiedenheit  dem  entgegen.  Er  richtete  (am
30.  November  1885)  an  den  Reichstag  eine  Botschaft,  in  der  es  heißt:
„Wir  haben  gleich  jedem  der  verbündeten  Fürsten  wesentliche  und  unbestrittene
  Hoheitsrechte  der  Einheit  der  deutschen  Nation  willig  geopfert
und  dem  Reichstage  bezüglich  Unserer  Staaten  weitgehende  Rechte  eingeräumt.
  Wir  bereuen  die  von  uns  gebrachten  Opfer  nicht.  Wir  haben
die  dadurch  geschaffenen  Rechte  und  Prärogativen  des  Reichstages  stets
unverbrüchlich  geachtet  und  Unsere  gegen  das  Reich  übernommenen
Pflichten  jederzeit  bereitwillig  erfüllt,  auch  den  Frieden  des  Reiches  mit
Erfolg  gewahrt  und  seine  Wohlfahrt  nach  Kräften  gefördert.  Aber  mit
gleicher  Gewissenhaftigkeit  sind  Wir  auch  entschlossen,  die  Rechte  Unserer
angestammten  Krone  so,  wie  sie  nach  den  Bundesverträgen  zweifellos  in
Geltung  stehen,  nicht  minder  wie  die  eines  jeden  Unserer  Bundesgenossen,
unverdunkelt  und  unvermindert  zu  erhalten  und  zu  schützen.  Es  giebt
keine  Reichsregierung,  welche  berufen  wäre,  unter  der  Kontrolle  des
Reichstages  die  Aufsicht  über  die  Handhabung  der  Candeshoheitsrechte
der  einzelnen  Bundesstaaten  zu  üben,  soweit  das  Recht  dazu  nicht  ausdrücklich
  dem  Reiche  übertragen  worden  ist.“

Das  war  eine  Auffassung,  die  besser  als  alles  das  Dertrauen  der
verbündeten  deutschen  Fürsten  zu  der  preußischen  Gberleitung  stärkte;
denn  sie  wehrte  nachdrücklich  dem  Derdachte,  als  wolle  Hreußen  mit
Hilfe  des  Reiches  sich  immer  weiter  greifende  Befugnisse  über  seine
undesgenossen  aneignen.

In  seinem  Buche  vom  Fürsten  rechnet  es  Alacchiavelli  zu  den  wichtigsten
  und  notwendigsten  Eigenschaften  eines  Regenten,  daß  er  es  verstehe,
  die  rechten  Männer  an  die  rechte  Stelle  zu  setzen.  Bei  seiner  fast
irrtumslosen  Menschenkenntnis  besaß  Kaiser  Wilhelm  diese  Gabe  in  ganz
hervorragendem  Maße;  ja  man  darf  sagen,  daß  die  großartigen  Erfolge
seiner  Regierung  sehr  wesentlich  darauf  mit  beruhen.  Und  hatte  er
einmal  jemand  erprobt,  so  hielt  er  mit  wahrhafter  Treue  an  ihm  fest.
Denn  wie  wenige  Fürsten  wußte  er  die  fremde  Überzeugung,  wenn
er  sie  auch  nicht  teilte,  zu  achten;  er  wechselte  nicht  nach  Laune  oder
um  einer  störenden  Kleinigkeit  willen  seine  Ansicht  über  Dersonen.  Um
Unwesentliches  unbekümmert,  drang  er  stets  auf  den  Kern  der  Dinge.
Dabei  hielt  er  darauf,  mit  jedem  nur  zu  besprechen,  was  ihn  anging:
mit  Moltke  nur  militärische  Sachen,  mit  Bismarck  politische  Angelegenheiten,
  niemals  aber  Dinge,  für  welche  sie  ihm  später  nicht  hätten  verantwortlich
  sein  müssen.  Einem  jeden  ließ  er  vollen  Raum  für  das
        <pb n="575" />
        Unser  Kaiser  daheim.  563

Detail  seiner  Aufgabe  und  beurteilte  die  Verdienstlichkeit  nur  nach  den
Resultaten  einer  gesamten  Wirksamkeit.  Ruhig  und  unermüdlich  hörte
er  zu,  selbst  wenn  die  vorgetragene  Ansicht  noch  so  weit  von  seiner
eigenen  abwich.  Nur  wenn  es  sich  um  die  Aufrechterhaltung  der  Würde
seiner  Krone  handelte,  ertrug  er  weder  Widerspruch  noch  schwächliches
Vermitteln;  und  auch  in  Armeeangelegenheiten,  die  er  freilich  besser  als
irgend  jemand  verstand,  gab  er  nicht  leicht  nach.  Er  betrachtete  sich
schlicht  als  den  ersten  Diener
des  Staates,  aber  auch  als
dessen  ersten  Soldaten.  Alle—
zeit  erfüllte  ihn  eine  leb—
hafte  Empfindung  seiner  Derpflichtung;
  die  Dflichten,  die
sich  aus  seinem  hohen  Amte
für  ihn  ergaben,  fühlte  er
viel  lebhafter  als  die  Rechte.

Einen  Günstling  oder
auch  nur  einen  Dertrauten,
den  er  durch  über  den  Dienst
hinausgehendes  Dertrauen
auszeichnete,  hat  Kaiser  Wilhelm
  nie  gehabt.  Dersuchte
einmal  jemand  mit  ihm
über  Dinge  zu  fprechen,
über  die  er  keine  Meinung
verlangt  hatte,  so  hörte  der
Kaiser,  zu  wohlwollend,  um
einen  solchen  Dersuch  zu  verbieten
  oder  einen  Derweis
darob  zu  erteilen,  wohl  ruhig
zu,  leitete  aber  sehr  bald  das  Gespräch  auf  etwas  anderes  über.  Man
fragte  den  Kaiser  einmal,  ob  er  denn  nie  einen  Freund  besessen.  „O  jal"
erwiderte  er,  wie  nachsinnend.  „Ich  habe  zwei  Freunde  in  meinem
Leben  gehabt,  und  zwar  in  meinen  frühesten  Mannesjahren,  ja  eigentlich
noch  Jünglingsjahren:  den  Gbersten,  späteren  General  von  Brause,  den
mir  mein  Dater,  noch  1815,  zum  militärischen  Gouverneur  gab,  und
dann  nöder,  der  mit  mir  gleichzeitig  und  in  denselben  Truppenteilen
stand,  über  den  ich  wegavancierte,  wobei  er  dennoch  stets  mein  militärischer
  Lehrer  und  Dorbild  blieb.  Beide  haben  nie  etwas  von  mir

36°

Kaiserin  Kunnsta.
        <pb n="576" />
        564  Viertes  Kapitel.

gewollt,  und  beide  waren  vortreffliche  Männer.  An  Röder  habe  ich  sehr
gehangen.“

Man  sieht  aus  dieser  Antwort,  wie  ernst  es  Kaiser  Wilhelm  mit
der  Freundschaft  nahm.  So  faßte  er  auch  die  Verwandtschaft  als  eine
von  Gott  gewollte  Ordnung,  der  er  mit  Innigkeit  sich  hingab.  Mit
herzerquickender  Pietät  bewahrte  er  das  Andenken  an  die  Eltern.  An
ihrer  Ruhestatt  im  Charlottenburger  Mausoleum  hatte  er  an  der  Mutter
Sterbetage  Kraft  und  Trost  gesucht,  als  der  Ausbruch  des  Französischen
Krieges  unmittelbar  bevorstand.  Eine  Öflicht  der  Dankbarkeit  war  ihm
die  Errichtung  des  Denkmals  im  Lustgarten  für  den  schlichten  und
biederen  Dater;  mit  grenzenloser  Derehrung  hegte  er  das  Bild  der  früh
verklärten  Mutter  in  seinem  Herzen.  „„Don  Generation  zu  Generation“,
schrieb  er  1876,  als  man  den  hundertjährigen  Geburtstag  der  Rönigin
Tuise  in  dem  ganzen  Hreußenlande  festlich  beging,  in  einem  Dankesschreiben,
  „hat  und  wird  sich  das  Bild  Meiner  Mutter  vererben,  wie
ihre  Tugenden,  ihr  festes  Dertrauen  auf  Gottes  Gerechtigkeit,  ihre  Liebe
zum  preußischen  und  deutschen  Dolke  stets  unter  allen  Wechselfällen  gleich
leuchtend  dastand  —  wenn  sie  auch  die  Erfüllung  des  Gebhofften  nicht
erleben  sollte!  In  Meiner  Kindheit  und  Jugend  verstand  JIch  noch  nicht,
was  sie  abnte,  und  dennoch  hat  Gott  in  Seiner  Gnade  Mich  ausersehen,
diese  Abnung  zu  erfüllen,  als  Ich  kaum  noch  eine  Ahnung  hatte,  was
sich  ereignen  sollte.“.  Wie  war  es  ihm  Herzenssache,  daß  man  über  den
glänzenden  Erfolgen  des  Jahres  1866  „des  königlichen  Bruders“  und
was  dieser  schon  gewollt  und  vorbereitet  hatte,  nicht  vergäße!  Mit  den
Geschwistern  allen  blieb  Kaiser  Wilhelm  Seit  seines  Lebens  in  herzlichem
Einvernebmen.  Tief  beugte  es  ihn  nieder,  als  in  Dersailles  inmitten
der  Derhandlungen  über  die  Wiederaufrichtung  von  Kaiser  und  Reich
im  Dezember  1870  die  Tachricht  von  dem  Tode  seiner  jüngsten  Schwester
Luise  ihn  traf.  In  stiller  Wehmut  verbrachte  er  den  Tag  zusammen
mit  seinem  Bruder,  dem  Drinzen  Karl.  Und  nicht  viele  Jahre
später  waren  auch  die  Brüder  heimgegangen:  nur  die  Großberzogin
Alexandrine  von  Mecklenburg-Schwerin  hat  ihren  Kaiserlichen  Zruder
überlebt.  Jedes  Jahr  am  21.  März  kam  die  greise  Fürstin  nach  Berlin,
um  den  Bruder  zu  seinem  Geburtstage  zu  begrüßen.  Dann  saßen  die
beiden  ehrwürdigen  Geschwister  im  Schlosse  allein  am  CTheectisch,  vergangener
  Seiten  gedenkend.  Sumal  Allexandrinens  ältester  Sohn,  der
Großherzog  Friedrich  Franz  II.,  hatte  dem  Herzen  Kaiser  Wilhelms  sehr
nahe  gestanden.  Als  er  1885,  noch  in  voller  Manneskraft,  gestorben
war,  gab  ihm  Kaiser  Wilhelm  das  schönste  Seugnis.  „Sie  haben  einen
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        Kaiser  Wilhelm  und  seine  Schwester  Klexandrine,  verwitwete  Großherzogin  von
Meckhlenburg--Schwerin.
Hhotographische  Aufnahme  vom  28.  Juni  1883  zu  Ems.
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        566  Viertes  Kapitel.

Dater  verloren,  ich  einen  Sohn!“  sagte  er  zu  den  auf  dem  Schweriner-Bahnhofe
  ihn  Begrüßenden,  wie  er  dort,  die  Trauernden  zu  trösten,  am
Tage  nach  dem  Hinscheiden  des  Großherzogs  eintraf.

Mit  seiner  Gemahlin  verband  den  Kaiser  ein  Band  herzlicher  Zu—
neigung.  Die  Kaiserin  Augusta  war  eine  geistig  hochbedeutende  Frau,
deren  regstes  Interesse  der  Wissenschaft  zugewandt  war.  Die  Vorurteils—
losigkeit  ihrer  Anschauungen  sprach  ihren  kaiserlichen  Gemahl  sehr  an,
wenn  er  auch  ihren  gemäßigt  liberalen  Standpunkt  nicht  ganz  teilte.
Gern  räumte  er  ihr  in  privaten  Angelegenhkeiten  einen  entscheidenden
Einfluß  ein;  aber  den  Angelegenheiten  des  Staats  blieb  sie  aus  Grundsatz
  fern.  An  den  mit  Arbeit  und  Dorträgen  überreich  besetzten  Vormittagen
  nahm  Kaiser  Wilhelm  sich  doch  die  Seit,  die  eiserne  Wendeltreppe,
  welche  aus  der  Bibliothek  direkt  in  die  Simmer  der  Kaiserin  im
ersten  Stock  führte,  emporzusteigen,  um  eine  halbe  Stunde  in  ihrer  Gesellschaft
  zu  verweilen.  An  sie  richtete  er  aus  dem  Feldlager  ausschließlich
seine  Siegesdepeschen.  Und  wo  er  auch  weilte,  zu  ihrem  Geburtstage  am
50.  September  eilte  er  zu  ihr,  um  den  Tag  mit  ihr  zu  verleben.  Seit
Jahren  pflegte  die  Kaiserin  die  schönen  Berbsttage  bei  ihrer  Tochter,  der
Großherzogin  Luise,  in  Baden-Baden  zuzubringen.  Dann  traf  hier  auch,
meist  von  den  Berbstmanövern  kommend,  Kaiser  Wilbelm  ein;  nur  1870
fehlte  er,  der  liebste,  unter  den  Geburtstagsgästen.  So  nahm  das  ganze
Dreußenvolk  herzlichen  Anteil  an  der  Freude,  mit  der  das  Kaiserpaar  am
I11.  Zuni  1870  das  Fest  der  goldenen  HBochzeit  beging.

Des  Kaisers  ganzes  Glück  waren  die  Kinder:  in  ihrem  Glück  verjüngte
  sich  sein  Herz.  Um  sie  erblühte  im  Laufe  der  Jahre  eine  fröhliche
  Snkelschar.  Und  als  dem  Hrinzen  Wilhelm,  des  Kronprinzen
ältestem  Sohne,  1882  ein  Sohn  geboren  wurde,  da  sah  Kaiser  Wilhelm
auf  Generationen  hinaus  die  Thronfolge  sicher  gestellt.  „Burra!  Dier
Könige!“  rief  er  mit  tiefer  Befriedigung.

Man  würde  den  KNaiser  sehr  wenig  gerecht  beurteilen,  wenn  man
nach  den  Erfolgen  seiner  Regierung  ihn  für  einen  rauhen  Soldaten
hielte,  dessen  Interessenkreis  Militär  und  Holitik  vollständig  ausfüllten.
Dielmehr  ist  unter  keinem  Regenten  in  Hreußen  soviel  für  Kunst  und.
Wissenschaft  gescheben,  wie  unter  König  Wilhelm.  Zatten  dem  Hrinzen
auch  solcherlei  Interessen  ferner  gelegen,  so  erfaßte  er  sie  doch,  sobald
er  den  Thron  bestiegen,  mit  lebendiger  Teilnahme,  die,  aus  Oflichtgefühl
entsprungen,  bei  seinem  empfänglichen  Sinne  sich  bald  zur  Freude  an
dem  Gegenstande  erwärmte.  Allem  Dilettantismus  abgeneigt,  erfaßte  er
mit  Ernst  die  Aufgaben,  die  dem  HBerrscher  auf  diesen  Gebieten  erwuchsen.
        <pb n="579" />
        „Hurra,  vier  Könige!“
        <pb n="580" />
        568  Viertes  Kapitel.

Den  Universitäten  widmete  er  seine  besondere  Sorgfalt  und  zeichnete  ihre
Vertreter  aus.  Den  großen  Geschichtschreiber  Leopold  von  Ranke  erhob
  er  zum  Wirklichen  Geheimen  Rat  und  schenkte  ihm  zum  90.  Geburtstage
  sein  lebensgroßes  Porträt.  Über  die  neuesten  Erfindungen  der
Elektrotechnik  ließ  er  sich  eingehende  Vorträge  halten.  Er  schuf  das
ethnologische  wie  das  Kunstgewerbemuseum  in  Berlin;  er  gründete  die
deutsche  Seewarte  in  Hamburg.  Don  den  Künsten  blieb  keine  seinem
Interesse  fremd.  Er  studierte  mit  eingehendem  Verständnis  die  Pläne
für  das  neue  Reichstagsgebäude  und  gab  mit  dem  praktischen  Blicke,  der
ihm  eigen  war,  manche  wesentliche  Verbesserungen  darin  an.  Die  Dollendung
  der  Ausgrabungen  in  Olympia  ist  sein  eigenstes  Verdienst.  Die
Ministerialkommission  hatte  sich  dagegen  entschieden.  Dennoch  gab  Kaiser
Wilhelm,  wofür  die  ganze  gebildete  Welt  ihm  unvergänglichen  Dank
weiß,  seine  Entscheidung  dafür.  Über  die  Bedeutung  des  Seusaltars
von  Pergamos  ließ  er  sich  ausführlich  Vortrag  halten;  dann  befahl  er
die  Erwerbung  der  kostbaren  Reste,  durch  die  er  das  Berliner  Museum
mit  einem  Schlage  zu  einem  Kunstinstitute  ersten  Ranges  erhob.  Selbst
in  der  Poesie  hat  er  sich  einmal  versucht.  Am  nächsten  stand  seinem
Empfinden  jedoch  die  Musik.  Er  besaß.  ein  gutes  Gehör,  so  daß  er
jeden  falschen  Ton  heraushörte,  und  damit  ein  sicheres  Urteil.  Nach
dem  arbeitsvollen  Tage  fuhr  er  abends  daher  gern  in  das  Opernhaus,
wo  er,  fast  unbemerkt,  in  seiner  kleinen  Loge  neben  der  Bühne  dem  Gesange
  lauschte.  Mitunter  trat  er  auch  während  des  Swischenaktes  durch
die  kleine  Seitenthür  aus  der  Loge  zwischen  die  Kulissen,  um  den
Sängern  seine  Anerkennung  auszusprechen  oder  auch  irgendwelche  Anordnungen
  zu  treffen.

Das  ganze  Leben  Kaiser  Wilhelms  war  Arbeit,  angestrengte  Arbeit;
aber  es  war  jene  Arbeit,  die  allein  reine  Befriedigung  gewährt,  Arbeit
für  das  Wohl  der  anderen.  Darum  empfand  sie  auch  der  Kaiser  niemals
  als  eine  Last,  sondern  als  eine  reiche  Quelle  wahrhafter  Freude.
Seine  Seele  befand  sich  stets  im  vollen  Gleichmaß;  darum  sah  man  ihn
auch  niemals  ungeduldig,  niemals  ärgerlich;  auch  gegen  seine  Diener
war  er  stets  freundlich  und  rücksichtsvoll:  wie  ein  stiller  Gottesfrieden
lag  es  über  ihm.  Nur  einmal  sah  man  ihn  tief  verstimmt.  Er  hatte
den  Ring  aus  haaren  seiner  königlichen  Mutter,  den  er  stets  an  der
Rand  trug,  verloren  und  vermochte  trotz  allen  Suchens  ihn  nicht  wiederzufinden.
  Aber  die  Wolke  verzog  sich  sogleich,  sobald  der  Ring  wieder
da  war.  Tkachtragen  kannte  seine  reine  Seele  nicht.  Selbst  als  das
ruchlose  Attentat  des  2.  Juni  ihn  auf  das  Schmerzenslager  nieder-
        <pb n="581" />
        Unser  Kaiser  daheim.  569

geworfen  hatte,  war  er  so  weit  von  jeder  Verbitterung  der  Stimmung
entfernt,  daß  er  am  andern  Morgen  den  eintretenden  Kronprinzen  mit
dem  heiteren  Wort  begrüßte:  „Na,  Fritz,  hast  du  heute  schon  etwas
regiertd“  «

Anderen  eine  Freude  zu  machen,  war  für  Kaiser  Wilhelm  selbst  die
größte  Freude.  In  den  Tagen  vor  Weihnachten  pflegte  er,  meist  früh
morgens,  ganz  allein  auszugehen,  um  Einkäufe  für  die  Bescherung  zu
machen.  Eigenhändig  suchte  er  für  seine  Familie,  für  die  Hofstaaten,  ja
selbst  für  seine  Diener  die  Geschenke  aus,  mit  denen  er  sie  zu  erfreuen
hoffte.  Selbst  baute  er  dann  am  heiligen  Abend  auf  den  Tischen  alles
auf,  nicht  kostbare  Sachen,  aber  sinnig  gewählt  und  zum  Herzen  sprechend;
und  herzlich  freute  er  sich,  wenn  die  Beschenkten  die  Beziehung  erkannten,
die  er  hineingelegt,  oder  die  Erinnerung  verstanden,  die  ihn  bei  der  Auswahl
  geleitet  hatte.

Der  Leutseligkeit  des  Kaisers  sind  auch  die  großen  Subskriptionsbälle
entsprungen,  die  allwinterlich  zweimal  im  Berliner  Opernhause  zur  Seit
der  Hoffestlichkeiten  stattfanden.  Auf  diesen  sehr  beliebten  Bällen,  die  eine
Dereinigung  der  bürgerlichen  Kreise  und  der  HBofgesellschaft  darstellten,
erschien  der  Kaiser  gern,  um  sich  einige  Stunden  ungezwungen  unter  den
Gästen  zu  bewegen.  Sobald  durch  den  feierlichen  Rundgang  des  Bofes
der  Ball  eröffnet  war,  liebte  es  der  Kaiser,  sich  unter  die  dem  Tanze
Suschauenden  zu  mischen,  und  war  erfreut,  stets  manchen  alten  Bekannten
wiederzuselben  und  zu  sprechen.

Eine  schwere  Orüfung  aber  war  es  jedesmal  für  das  in  der  Tiefe
so  gütige  Herz  Kaiser  Wilbelms,  wenn  er  der  schwersten  Oflicht  seines
hohen  Amtes  sich  beugen  und  bei  gefällten  Todesurteilen  „der  Gerechtigkeit
  freien  Lauf  zu  lassen“  befehlen  mußte.  „Ich  mache  es  Ihnen  zur
heiligen  Hflicht",  hatte  er  beim  Antritt  der  Regentschaft  zu  den  versammelten
  Ministern  gesagt,  „bei  jedem  einzelnen  Falle,  den  ich  mir  in
Gegenwart  sämtlicher  Minister  vortragen  lassen  werde,  wenn  es  sich  um
meine  Unterschrift  zu  einem  Todesurteile  handelt,  auch  den  kleinsten  Umstand
  zu  erwägen  und  mich  auf  denselben  aufmerksam  zu  machen,  wenn
dadurch  die  Hinrichtung  vermieden  und  eine  Wilderung  der  Strafe  herbeigeführt
  werden  kann.“  In  jedem  einzelnen  Falle  nun  las  Kaiser  Wilhelm
mit  größter  Gewissenhaftigkeit  die  Akten  selbst,  prüfte  die  Motive  des
Urteils  und  ließ  sich  dann  von  dem  Geheimen  Kabinettsrat  noch  ausführlich
  über  alle  einzelnen  Umstände  Dortrag  halten.  Danach  wurde
die  Sache  dem  Ministerrate  vorgelegt,  und  nur  wenn  dieser  einig  war,
entschloß  sich  der  Kaiser,  die  Sache  nicht  gleich  zurückzugeben,  sondern  sie
        <pb n="582" />
        570  Viertes  Kapitel.

beiseite  zu  legen.  Erinnerte  nun  der  Justizminister  in  Berlin  daran,
so  meinte  der  Kaiser,  die  Akten  lägen  in  Babelsberg;  erinnerte  er  in
Babelsberg,  so  hieß  es,  die  Akten  müßten  in  Berlin  liegen.  Und  trat
nun  mittlerweile  etwa  in  der  königlichen  Familie  irgend  ein  frohes  Ereignis
  ein,  so  sandte  der  Kaiser  sofort  die  sämtlichen  bei  ihm  liegenden
Todesurteile  an  den  Justizminister  mit  dem  Bescheide,  daß  alle  Verurteilten
zu  lebenslänglicher  Zuchthausstrafe  begnadigt  seien.  Mußte  aber  dennoch
einmal  der  Gerechtigkeit  freier  Lauf  gelassen  werden,  weil  gar  keine
Milderungsgründe  sich  ergeben  wollten,  so  erwog  dennoch  der  mitleidige
Rerrscher  noch  tagelang  die  Sache  bei  sich,  bevor  er  seine  Unterschrift
zu  geben  sich  entschließen  konnte.  Der  Tag  der  Vollstreckung  aber  durfte
ihm  niemals  mitgeteilt  werden.  «

Wahrheit  und  Wohlwollen  war  allezeit  der  Grundton  Kaiser
Wilhelms  im  Verkehre  mit  jedermann.  Allem  Phrasentum  war  er  durchaus
  abgeneigt;  seine  Sprechweise  war  schlicht  und  sachgemäß.  „Anekdotenkram“
  war  ihm  vollends  zuwider.  Ungern  las  er  in  den  Seitungen
„Charakterzüge“  von  sich;  denn  die  Sache,  meinte  er,  sei  doch  anders
gewesen.  An  der  militärischen  Biographie  —  scherzend  nannte  er  sie
seinen  „Nekrolog“  —  die  sein  Bibliothekar  Schneider  von  ihm  verfaßt
hatte,  lobte  er  besonders,  daß  sie  alles  Anekdotenwesen  vermiede.  „Dergleichen
  Seug“,  setzte  er  hinzu,  „wird  dann  Geschichte,  weil  man  doch
nicht  alles  widerlegen  kann.“

Auf  seine  eigene  Gesundheit  nahm  Kaiser  Wilhelm  niemals  irgendwelche
  Rücksicht.  Den  Mahnungen  der  Arzte  folgte  er  nur,  wenn  er  sich
selbst  wirklich  unwohl  fühlte.  Nach  Karlsbad,  dessen  Kur  gebieterisch
Ruhe  verlangt,  nahm  er  stets  das  Sivil=  wie  das  Militärkabinett  mit
und  ließ  sich  dort  Dortrag  halten,  als  wenn  es  für  ihn  keine  Kurregeln
gebe.  „Ich  weiß  gar  nicht,  was  Sie  wollen“,  antwortete  er  dann  wohl
auf  die  Dorstellungen  des  TLeibarztes.  „Ich  fühle  mich  ganz  wohl  in  gewohnter
  Beschäftigung“.  Auch  im  Winter,  wenn  es  ihm  im  Simmer  zu
heiß  war,  öffnete  er  ohne  weiteres  das  Fenster  und  blieb  ruhig  mit  aufgeknöpftem
  Rocke  vor  dem  offenen  Fenster  sitzen.  Bemerkte  er  aber,  daß
einem  andern  die  zuströmende  Kühle  nicht  behaglich  war,  so  meinte  er
heiter:  „Wenn  Sie  das  bißchen  frische  Luft  nicht  vertragen  können,  so
will  ich  das  Fenster  gleich  zumachen"“  —  und  ließ  es  schließen.

Trotz  dieser  Achtlosigkeiten,  die  freilich  nicht  selten  rheumatische
Schmerzen  zur  Folge  hatten,  war  die  Gesundheit  Kaiser  Wilhelms  bis
in  die  höchsten  Lebensjahre  hinein  die  allerbeste.  Selbst  als  Siebziger
fühlte  er  noch  kaum  einen  Rückgang  der  Kräfte.  Als  HBeldengreis  feierten
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        Kaiser  Wilhelm  im  Parke  von  Vabelsberg.
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        572  Viertes  Kapitel.

ihn  damals  nach  dem  französischen  Kriege  alle  Dichter,  groß  und  klein.
Das  war  dem  Kaiser  aber  gar  nicht  recht.  „Ich  weiß  gar  nicht“,  sagte
er,  „was  die  Menschen  immer  mit  ihrem  Heldengreis“  wollen.  Mache
ich  denn  den  Eindruck  des  Greisenhaften  d  Ich  dächte,  nicht.  Im  Dienst
siellt  mir  hoffentlich  niemand  mein  Alter  an.  Aber  das  ist  auch  so  eine
Dhrase  geworden  wie  Freiheitskriege"“  statt  „Befreiungskriege“  oder  wie
der  „Dohenzollernaar#.  Die  HBohenzollern  haben  gar  keinen  Aar  im
Wappen;  und  zu  einem  Beldengreise  gehört  doch  vor  allen  Dingen  ein
Greis!“  Man  mußte  ihm  recht  geben,  wenn  man,  stattlich  aufgerichtet
—  er  war  1,88  Meter  groß  —  seine  Gestalt  ansah.  Aber  freilich  zehn
Jahre  später  beugte  die  Last  der  Jahre  sie  doch,  ohne  indessen  sein
Wohlbefinden  merklich  zu  beeinträchtigen.

Kaiser  Wilhelm  hielt,  wenn  die  Gelegenbeit  es  mit  sich  brachte,
auf  stattliche  Repräsentation;  aber  für  seine  Herson  war  er  sonst  sparsam
  und  sehr  anspruchslos.  Als  er  zur  Huldigung  der  Stände  nach
Lauenburg  fuhr,  hatte  er  den  Waffenrock  des  2.  Garderegiments  zu  Fuß
angelegt.  Man  riet  hin  und  her  —  denn  er  wählte  stets  diejenige
Uniform  beim  Empfange  von  Deputationen,  die  der  jedesmaligen  Deranlassung
  entsprach  —  was  für  Beziehungen  das  2.  Garderegiment  zu
dem  HBerzogtum  Lauenburg  haben  könnte,  als  der  Koaiser  selbst  lächelnd
den  Streit  löste:  „Gar  keine  Beziebungen!  Wie  wir  heute  früh  aus
Berlin  abfuhren,  drohte  sehr  schlechtes  Wetter,  und  da  ich  wußte,  daß
ich  eine  Deputation  im  Freien  zu  empfangen  haben  würde,  so  zog  ich
den  ältesten  meiner  Waffenröcke  an.“

Die  Lebensweise  Kaiser  Wilhelms  war  sehr  regelmäßig.  Um  7  Uhr
stand  er  auf;  erst  in  den  letzten  Jahren  gab  er  auf  das  dringende  Derlangen
  der  Ärzte  eine  Stunde  zu.  Sogleich  legte  er  Uniform  an.  Ein
Modewarenhändler  in  Frankfurt  am  Main  hatte  ihm  einmal  einen  eleganten
  seidenen  Schlafrock  zugesandt;  aber  der  Kaiser  ließ  ihn  ohne
weiteres  mit  dem  Bescheide  zurücksenden:  „Die  Rohenzollern  tragen  keine
Schlafröcke!“  Dollständig  angekleidet,  nahm  er  in  dem  neben  dem  Schlafzimmer
  liegenden  Bibliothekszimmer  den  Thee  mit  einem  leichten  Imbiß
und  überflog  dabei  die  an  der  Wand  befestigten  Theaterzettel  aller  Berliner
  Theater.  Dann  sah  er  die  Zeitungen  durch,  aus  denen  die  wichtigsten
  Artikel  ausgeschnitten  und  auf  große  Schreibpapierbogen  geklebt
waren.  Mit  einem  großen  Bleistifte  machte  er  dabei  Ausrufungszeichen,
auch  kurze  Bemerkungen  auf  den  Rand  und  sah  dann  die  gedruckten
Dorlagen  für  das  Abgeordnetenhaus  oder  den  Reichstag  durch.  Danach
trat  er  in  sein  Arbeitszimmer,  in  dem  schon  die  Mappen  der  verschiedenen.
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        Unser  Kaiser  daheim.  573

Behörden  bereit  lagen.  Der  Kaiser  war  überaus  ordnungsliebend.  Als
einmal  vom  VDortrage  sein  Bibliothekar  in  das  Mebenzimmer  ging  und
die  Feder  weglegte,  ohne  sie  auszuwischen,  sagte  der  Kaiser  mit  guter
Laune  im  berlinischen  Dialekt!  „Ordnung  muß  sind!“  und  wischte  sie
selber  aus.  Scheinbar  aber  widersprach  das  Arbeitszimmer  dieser  Ordnungsliebe;
  denn  alle  Stühle  in  demselben,  selbst  das  Sofa,  waren  mit
Büchern,  Karten,  Akten  bepackt;  aber  der  Kaiser  wußte  mit  Sicherheit,
was  er  suchte,  zu  finden.  Nun  las  er  Depeschen,  Berichte,  Staatsschriften.
  Dazu  benutzte  er  einen  hoben  Reitbock,  auf  dem  er  ohne  Lehne,
wie  zu  ferde,  vor  einem  hohen  TLesepulte  —  erst  in  den  letzten  Jahren
einer  altmodischen  Stahlbrille  sich  bedienend  —  saß.  Couvertierte  Berichte
  sandte  er  in  denselben  Briefumschlägen,  nachdem  er  die  Adresse
kurz  geändert  und  sie  selbst  zugesiegelt  Ratte,  zurück.

Der  erste  Gang  indessen,  wenn  Kaiser  Wilhelm  in  sein  Arbeitszimmer
  trat,  galt  dem  Erinnerungskalender,  der  an  der  zur  Deranda
führenden  Glasthür  seine  Stelle  hatte.  Er  umfaßte  so  viel  Tafeln,  wie
Tage  das  Jahr.  Auf  jeder  stand  oben  ein  Bibelvers,  ein  Sprichwort
oder  ein  Dichterspruch;  darunter  waren  Regierungshandlungen,  Gnaden—
erweise,  Familienereignisse,  Truppenbesichtigungen,  wie  sie  auf  das  Datum
sielen,  verzeichnet,  so  daß  sie  ihm  zurückriefen,  was  für  ihn  ein  besonderes
Interesse  hatte.  Käufig  machte  er  eigenhändig  Susätze  dazu,  so  daß
dieser  Kalender  mit  1707  beginnend,  das  getreueste  Bild  von  dem  Leben
des  Kaisers  gab.

Um  10  Uhr  begannen  die  Dorträge,  die  sich  meist  bis  gegen  I  Uhr
ausdehnten.  Dann  nahm  Kaiser  Wilhelm  das  zweite  Frühstück,  etwas
Bummersalat,  kalten  Aufschnitt,  auch  wohl  einmal  ein  Kotelett;  dazu
trank  er  einige  Gläser  leichten  Mosel,  an  dessen  Stelle  später  auf  das
werlangen  der  Ärzte  ein  Glas  TChampagner  trat.  Nun  machte  er  der
Kaiserin  einen  Besuch  und  fuhr,  wenn  das  Wetter  es  erlaubte,  eine
Stunde  im  Tiergarten  spazieren.  Wie  gut  kannte  jeder  Berliner  das
von  zwei  CTrakehner  Rappen  gezogene  schlichte  Gefährt,  in  dem  der
Kaiser,  einen  grauen  Mantel  umgeworfen  und  einen  flachen  Belm  auf
dem  Kopfe,  saß.  Wach  der  Rückkehr  zog  er  sich  sofort  wieder  in  sein
Arbeitszimmer  zurück.  Nur  Truppenbesichtigungen  oder  Revuen  unterbrachen
  die  Regelmäßigkeit  der  Tagesordnung.

Su  dem  Mittagsmahl  bestimmte  Kaiser  Wilhelm  selbst  die  Speisekarte.
  Sie  entsprach  etwa  der  eines  wohlhabenden  Bürgerhauses.  Denn
er  liebte  Kausmannskost;  zu  seinen  TLieblingsspeisen  gebörte  Krebsragout
und  Kalbskoteletts  mit  gequetschten  Kartoffeln.  Frisches  Obst  und
        <pb n="586" />
        574  Viertes  Kapitel.

Süßigkeiten  liebte  er  sehr.  Im  Bibliothekszimmer  stand  gewöhnlich  eine
Sandtorte,  von  der  er  sich  öfters  einmal  ein  Scheibchen  abschnitt.  Waren
Gäste  befohlen,  so  wurde  die  Karte  nach  den  Umständen  reicher  ausgestattet.
  Der  Kaiser  rauchte  nicht.  Um  aber  den  Genuß,  den  doch  nur
der  Raucher  zu  schätzen  weiß,  seinen  Gästen  zu  gewähren,  steckte  er  sich
nach  Tische  eine  Sigarette  an,  legte  sie  jedoch  nach  einigen  Sügen  unmerklich
  beiseite.  Häufig  indessen  speiste  er  allein.  Dann  kam  gewöhnlich
  die  Kaiserin  nach  Tische  herab,  um  mit  ihrem  Gemahl  in  dessen
Arbeitszimmer  ein  Diertelstündchen  zuzubringen.

Am  Abend  fuhr  Kaiser  Wilhelm  gewöhnlich  ins  Theater.  Nach
demselben  nahm  er  den  Thee  bei  der  Kaiserin,  bis  er  sich  gegen  11  Uhr
in  sein  Arbeitszimmer  zurückzog.  Hier  las  er  noch  eine  eile  oder  schrieb
Briefe,  um  meist  noch  vor  Mitternacht  sich  zur  Ruhe  zu  begeben.  Ein
eisernes  Feldbett  war  seine  Ruhestatt,  auf  der  er,  meist  nur  mit  einer
wollenen  Decke  zugedeckt,  in  halb  sitzender  Stellung  schlief.  Eine  Gllampe
und  zwei  Wachskerzen  brannten  auf  einem  CTischchen  zur  Seite.  Im
Mebenzimmer  hielt  der  dienstthuende  Kammerdiener  Wacht.  Aber  der
Kaiser  hatte  einen  so  festen  und  gesunden  Schlaf,  daß  er  fast  nie  dessen
Dienste  in  Anspruch  nahm.  Doch  hatte  er  häufig  sehr  lebhafte  Träume,
die  ihn  auf  das  Schlachtfeld  führten,  indem  er  den  tollkühn  vorrückenden
Truppen  entgegensprengte,  um  ihren  allzu  großen  Kampfeseifer  zu  zügeln:
der  lorbeerbekränzte  Beld  ein  Fürst  des  Friedens,  dem  Ungestüm  des
Kampfes  zu  wehren!

So  vollendet  sich  uns  das  Bild  des  großen  Fürsten.  Einen  zweiten
Herrscher  wie  Kaiser  Wilhelm  weist  die  deutsche  Geschichte  nicht  auf.
Rie  standen  alle  Tugenden  des  Regenten  in  einem  so  glücklichen  Gleichmaß
  und  klangen  so  harmonisch  mit  den  Tugenden  des  Wenschen  zusammen,
  nie  verschmolz  der  Glanz  der  Krone  so  glücklich  mit  der  bescheidenen
  und  gehaltenen  Würde  der  Hersönlichkeit,  nie  schmückten  einen
größere  Siege  und  ein  demütigerés  Gottvertrauen,  nie  war  in  einem
mit  dem  Gefühl  der  Majestät  zugleich  die  Anerkennung  deutscher  Freiheit
  so  lebendig,  wie  in  Kaiser  Wilhelm.  So  zwingt  das  Gesamtbild
des  Kaisers  selbst  denen  Derehrung  und  Bewunderung  ab,  die  mit  dem
Gange,  den  er  der  Weltgeschichte  gegeben,  nicht  in  allem  einverstanden
sind.  Die  Liebe  und  die  Bewunderung  des  Dolkes  aber  ist  für  die
Fürsten  der  Jungbrunnen,  der,  mag  das  Haar  auch  bleichen,  doch  das
Herz  jung  erhält  und  unablässig  mit  neuen  großen  und  fruchtbringenden
Gedanken  es  erfüllt.
        <pb n="587" />
        Cetztes  Kapitel.
Der  Tag  hat  sich  geneiget.

Feste  sind  die  Marksteine  eines  glücklichen  Lebens.  Und  die  innige
Anteilnahme  des  ganzen  treuen  Preußenvolkes  machte  Kaiser  Wilhelm
die  Familiengedenktage  zu  wahrhaften  Nationalfesten,  als  er  am
1I.  Juni  1879  seine  goldene  Hochzeit  feierte,  als  ihm  am  6.  Mai  1882
der  erste  Urenkel  geboren  wurde,  als  am  25.  Januar  1885  der  Kronprinz
  seine  silberne  Hochzeitsfeier  beging,  und  vollends  als  Kaiser  Wilhelm
selbst  am  2.  Jzanuar  1886  sein  fünfundzwanzigstes  Regierungsjubiläum
feierte.  Für  Alldeutschland  aber  war  es  ein  Fest  für  Fürst  und  Volk,
als  Kaiser  Wilhelm,  umgeben  von  den  Hrinzen  des  Königlichen  Rauses
und  zahlreichen  deutschen  Fürsten  und  Staatsmännern  am  28.  September
1885  in  Gegenwart  von  Tausenden  begeisterter  Männer  und  Frauen
das  Miederwald-Denkmal  enthüllen  ließ.  Der  vollendeten  Wiederherstellung
des  Deutschen  Reiches,  nicht  den  ruhmvollen  Waffenthaten  zum  Gedächtnis
war  es  errichtet;  die  tiefe  Befriedigung  des  deutschen  Dolkes  über  die
Wiederaufrichtung  des  Kaisertums,  über  die  in  Einheit  errungene  Wacht
und  Herrlichkeit  sprach  sich  in  ihm  aus.  Und  dem,  der  diese  nationale
Befriedigung  ihm  gegeben,  jauchzte  dankbar  das  deutsche  Dolk  zu  und
pries  des  Kimmels  Gnade,  die  über  das  Maß  eines  MWenschenlebens
hinaus  sein  heilsames  Wirken  ihm  gewährte.  So  gewann  auch  die  Feier
des  achtzigjährigen  Dienstjubiläums  Kaiser  Wilhelms  am  1.  Januar
1887  die  warme  Färbung  eines  nationalen  Festtages  und  vollends  des
Kaisers  neunzigster  Geburtstag.  Den  seltenen  Festtag  dem  kaiserlichen
Hatriarchen  besonders  festlich  zu  gestalten,  versammelten  sich  um  ihn,
innige  Wünsche,  pietätsvolle  Geschenke  darbringend,  die  Mitglieder  des
Königlichen  Hauses,  die  deutschen  Fürsten,  die  Genossen  seines  Ruhmes.
Es  war  eine  Dersammlung  so  glänzend,  wie  sie  Berlin  noch  nicht  gesehen.
An  die  hundert  Fürsten  und  Hrinzen  waren  zu  dem  schönen  Zwecke  zusammengekommen,
  und  unter  ihnen  fast  vollzählig  die,  welche  einst  vor
        <pb n="588" />
        576  CLetztes  Kapitel.

16  Jahren  zu  der  Errichtung  des  deutschen  Kaisertums  mit  dem  Schwert,
mit  der  Feder  oder  mit  eindrucksvollem  Worte  mitgewirkt  hatten.  Es
war  ein  Fest  ganz  einziger  Art,  diese  Geburtstagsfeier,  die  Kaiser  Wilhelm
im  hellen  Glanze  der  Abendsonne  beging.  Mit  innigem  Danke  gegen
Gottes  Gnade  schaute  er  auf  sein  langes,  so  reich  gesegnetes  Leben
zurück  und  verkündete  den  versammelten  Fürsten  mit  vor  Freude  leise
bebender  Stimme  die  Verlobung  seines  Enkels,  des  Prinzen  Heinrich  von
Preußen,  mit  seiner  Cousine,  der  Prinzessin  Irene  von  Hessen.

Aber  es  sollte  Kaiser  Wilhelms  letzter  Geburtstag  sein  und  das
letzte  Familienfest,  das  er  mit  ungetrübter  Freude  feiern  durfte.  Der
Tag  neigte  sich.  Ein  leiser  Schatten  legte  sich  vor  die  goldene  Abendsonne
  und  verdichtete  sich  mehr  und  mehr  zu  düster  drohendem  Gewölk.

Es  war  der  eigenste  Gedanke  Kaiser  Wilhelms,  seitdem  er  Schleswig-Rolstein
  genommen,  die  Nord=  und  Ostsee  durch  einen  für  Seeschiffe  jeder
Größe  fahrbaren  Kanal  zu  verbinden,  wie  es  vordem  wiederholt  erstrebt,
aber  niemals  durchgefülrt  war.  Mit  der  Seit  gewann  der  Gedanke
Gestalt;  nach  jahrelangen  Dorarbeiten  wurde  die  Grundsteinlegung  auf
den  5.  Juni  1887  angesetzt.  Miemand  wagte  zu  hoffen,  daß  bei  seinem
hohen  Alter  der  Kaiser  an  der  Feier  würde  teilnehmen  können.  Daraufhin
wurde  das  Drogramm  entworfen.  Als  es  aber  dem  Kaiser  zur  Genehmigung
  vorgelegt  wurde,  war  dieser  nicht  damit  einverstanden.  „Das
ist  ja  sehr  schön,“  sagte  er,  „aber  warum  soll  ich  nicht  dabei  sein?
Erstens  bin  ich  derjenige,  der  den  Kanal  wieder  ausgegraben  hat.
Sweitens  bin  ich  lange  nicht  in  der  Hrovinz  gewesen,  die  ich  sehr  gern
wieder  einmal  besuchen  möchte;  und  drittens  macht  sich  das  jetzt  noch
sehr  gut,  weil  mein  Enkel  Beinrich  noch  unverheiratet  ist.  Denn  wenn
der  erst  einmal  geheiratet  hat,  weiß  ich  nicht,  ob  ich  noch  im  Kieler
Schlosse  unterkommen  kann.“  Somit  wurde  das  HDrogramm  geändert.
Begleitet  von  dem  Hrinzen  Wilhelm,  traf  der  Kaiser  am  Abend  des
2.  Juni  in  Kiel  ein  und  vollzog  am  folgenden  Tage  persönlich  die
Grundsteinlegung  des  Kanals,  der  nach  ihm  heute  mit  Recht  den  Mamen
trägt.  Allein  bei  der  Feier  in  Holtenau  war  der  Koaiser  längere  Seit
mit  entblößtem  Haupte  dem  heftig  wehenden  Winde  preisgegeben.  Er
zog  sich  dadurch  eine  bei  seinem  Alter  sehr  bedenkliche  Erkältung  zu,  die
er  nicht  mehr  überwunden  hat.  Denn  wenn  er  auch,  krank  nach  Berlin
zurückgekehrt,  nach  längerer  Seit  das  Bett  wieder  verlassen  durfte,  so
gewann  er  doch  die  alte  Widerstandskraft  nicht  mehr  wieder.

Dazu  kamen  die  schmerzlichsten  Gemütsbewegungen.  Den  Kronprinzen,
  der  noch  bei  der  Derlobungsfeier  seines  Sohnes,  des  Hrinzen
        <pb n="589" />
        Der  Tag  hat  sich  geneiget.  577

Heinrich,  in  Kraft  und  strahlender  Mannesschöne  heiter  unter  den  er
lauchten  Gästen  gewaltet  hatte,  ergriff  ein  tückisches  Kehlkopfsleiden.
Monate  vergingen  zwischen  Bangen  und  Hoffen,  bis,  schmerzvoll  verhüllten
  Antlitzes,  die  Hoffnung  von  ihm  wich.  Am  15.  Juni  hatte  der
Kronprinz  sich  von  seinem  noch  krank  daniederliegenden  keiserlichen
Dater  verabschiedet,  um  mit  seiner  Familie  an  dem  Regierungsjubiläum
der  Königin  von  England  teilzunehmen;  von  dort  war  er  nach  dem

Kaiser  Wilbelm,  90  Juhre  ult.

milden  Süden,  nach  San  Remo  an  der  Riviera,  gegangen.  Hier  aber
griff  das  Leiden  so  verderblich  um  sich,  daß  am  0.  Februar  1888  ein
chirurgischer  Eingriff  zur  Gffnung  der  Luftröhre  notwendig  wurde.
Berzerschütternd  waren  die  Klagen  des  schwergebeugten  greisen  Kaisers
um  den  einzigen  Sohn.  Im  Wachen  wie  in  seinen  Träumen  verlangte
er  nach  ihm.  In  der  Sorge  des  väterlichen  Herzens  drängte  es  ihn,  an
das  Schmerzenslager  des  Sohnes  nach  Italien  zu  eilen.  Auf  das
rührendste  bat  er  seinen  Leibarzt,  den  Generalarzt  von  Lauer,  ihn  nach

San  Remo  reisen  zu  lassen.  Und  als  dessen  Assistent  dorthin  gesendet
Kaiser  Wilhelm.  37
        <pb n="590" />
        578  Cetztes  Kapitel.

wurde,  bat  der  Kaiser  ihn  dringend:  „Bitte,  nehmen  Sie  mich  mit!  Ich
will  Ihnen  unterwegs  keinerlei  Sorgen  machen;  ich  will  ein  geduldiger
Reisegefährte  sein.“  Aber  ein  Herrscher  gehört  nicht  sich  selber.  Mit
Entschiedenheit  sprachen  sich  die  Ärzte  gegen  die  Reise  mitten  im  rauhen
Winter  aus.

Da  erschütterte  den  greisen  Kaiser  noch  ein  anderer  Schlag.  Sein
Enkel,  Prinz  Cudwig  von  Baden,  wurde  am  22.  Februar  1888  in
hoffnungsreicher  Jugendblüte  durch  eine  Lungenentzündung  plötzlich  dahingerafft.
  Lauer  fiel  die  traurige  Aufgabe  zu,  es  dem  Kaiser  mitzuteilen.
Er  begann  teilnahmsvoll  von  einer  Derschlimmerung  der  Krankheit  des
Orinzen  zu  sprechen.  „Sagen  Sie  mir  alles“,  unterbrach  ihn  der  Koaiser,
„mein  Enkel  ist  totd“  Lauer  gab  keine  Antwort.  Da  rief  er  klagend
aus:  „O,  meine  arme  Tochter!  Meine  arme  Cochter!“  Die  Thränen
brachen  ihm  aus;  er  ging  in  sein  Schlafzimmer  und  weinte  dort  lange
Seit  in  ergreifendstem  Schmerze.

Mit  unentrinnbarer  Gewalt  erfaßte  ihn  jetzt  die  Ahnung,  daß  er
auch  den  geliebten,  rettungslos  leidenden  Sohn  nicht  wiedersehen  würde;
und  der  Seelenschmerz  erschütterte  die  Widerstandskraft  des  immer  noch
nicht  ganz  genesenen  Leibes.  Er  entsandte  des  Kronprinzen  ältesten  Sohn,
den  Hrinzen  Wilhelm,  dem  Dater  in  seinem  Teide  Trost  zu  bringen.
Aber  als  Drinz  Wilhelm  von  San  Remo  zurückkehrte,  wo  der  Kronprinz
mit  wahrer  Seelengröße  gegen  die  übermächtige  Krankheit  standhielt,
fand  er  auch  den  Kaiserlichen  Großvater  auf  das  Sterbelager  gesunken.

Fast  Ratte  es  scheinen  wollen,  als  wenn  die  eiserne  Gesundheit
Kaiser  Wilhelms,  die  er  durch  seine  spartanisch-einfache  und  regelmäßige
Lebensweise  bis  in  die  höchsten  Jahre  sich  erhalten,  noch  einmal  über
die  tiefen  seelischen  Erschütterungen  dieser  Tage  obsiegen  werde.  Das
Mierenleiden,  an  dem  er  seit  dem  Sommer  litt,  ließ  ein  wenig  nach:  am
Sonnabend,  den  5.  März,  konnte  er  wieder  in  gewohnter  Weise  um  die
Mittagszeit  sich  der  zu  Tausenden  vor  dem  Halais  versammelten  Dolksmenge
  am  Fenster  zeigen  und  an  den  huldigenden  Grüßen  seines  treuen
Dolkes  sich  erfreuen.  Auch  am  Montag  hörte  er  noch  in  großer  geistiger
Frische  Dorträge  und  erledigte  verschiedene  Regierungshandlungen.  Der
Dienstag  war  weniger  gut,  gab  jedoch  zu  ernsten  Besorgnissen  noch  keine
Deranlassung.  Allein  in  der  folgenden  Nacht  zog  der  hohe  TLeidende
sich  eine  neue  schwere  Erkältung  zu:  seine  Berzensgüte  brachte  die
Katastrophe.

Der  Ceibarzt  hatte  angeordnet,  daß  bei  dem  Kaiser  während  der
Vacht  stets  einer  der  Kammerdiener  wachen  sollte.  Aber  wenn  der  hohe
        <pb n="591" />
        Der  Tag  hat  sich  geneiget.  579

Kranke  seinen  treuen  Diener  —  sie  waren  alle  mit  ihm  alt  geworden  —
mit  dem  Schlafe  ringen  sah,  so  schickte  er  ihn  trotz  aller  Einwendungen
ins  Bett.  „Ich  werde  mir  meinen  Thee  schon  selbst  zubereiten“,  beruhigte
  er  den  Sögernden  —  und  blieb  allein.  In  der  verhängnisvollen
Macht  nun  nötigte  das  Leiden,  an  dem  er  litt,  den  Kaiser  aufzusteben.
Allein  dies  ohne  Hilfe  zu  thun,  reichten  seine  Kräfte  nicht  aus:  er  sank
vor  dem  Bette  auf  den  Teppich  nieder  und  blieb  hilflos  liegen,  ohne
sich  selbst  aufrichten  und  das  Lager  wieder  erreichen  zu  können.  Erst
nach  längerer  Seit  fand  ihn  der  unruhig  nachsehende  Diener  in  dieser
Lage,  brachte  den  Kaiser  nun  rasch  in  das  Bett  zurück  und  ließ  ohne
Derzug  den  Dr.  von  Lauer  rufen.  Der  Alrzt  täuschte  sich  keinen  Augenblick
  über  die  hohe  Gefahr,  in  welcher  der  Kaiser  schwebte.  Die  Erkältung
  war  eine  so  schwere,  daß  auf  der  Stelle  die  bederklichsten
Symptome  sich  zeigten.  Der  Huls  ging  rapide  in  die  Böhe  und  zusehends
  traten  Erscheinungen  hinzu,  die  eine  schnelle  Katastrophe  befürchten
ließen.  Noch  in  der  Vacht  trat  das  ärztliche  Konzilium  zusammen;  aber
es  vermochte  an  der  Lage  nichts  zu  ändern  und  trug  nur  Sorge,  den
Mitgliedern  der  Königlichen  Familie,  zumal  der  Großberzogin  von  Baden
Kenntnis  zu  geben  und  sie  auf  den  voraussichtlich  traurigen  Ausgang
vorzubereiten.

Die  Sorge  um  den  kaiserlichen  Großvater,  an  dem  er  mit  tiefster
Seele  hing,  hatte  den  Hrinzen  Willbelm  nur  wenige  Tage  in  San  Remo
verweilen  lassen.  Am  Wittwoch  Morgen  traf  er  wieder  in  Berlin  ein.
Zu  wiederholten  Malen  im  Laufe  des  Tages  ließ  der  kranke  Kaiser  den
Drinzen  an  sein  Bett  rufen  und  sprach  mit  ihm  eingebend  über  das  Befinden
  des  Kronprinzen,  das  der  Hoffnung  nicht  mehr  Raum  ließ,  und
dann  auch  über  politische  und  militärische  Angelegenheiten.  Denn  der
greise  Kaiser,  dessen  Herzen  Hrinz  Wilhelm  immer  besonders  nahe  gestanden,
  der  große  Menschenkenner,  der  von  der  scharf  treffenden  Einsicht
und  Thatkraft  des  Hrinzen  die  günstigste  Meinung  hegte,  sab  in  dem
klaren  Bewußtsein  seines  nahen  Endes  in  dem  lebensfrischen  Enkel  schon
seinen  Tachfolger.

Am  nächsten  Morgen  (8.  März)  traf  nach  langer  Wachtfahrt  auch  die
Großherzogin  Luise,  des  Kaisers  schwergebeugte  Tochter,  mit  ihrem  Gemahl
in  Berlin  ein.  Mit  inniger  Rührung  sprach  der  Kaiser  mit  ihnen  von
dem  heimgegangenen  Hrinzen  Ludwig  und  von  dem  fernen  Kronprinzen,
dabei  auch  „seines  eigenen  Kranken=  und  fast  Sterbebettes“  gedenkend.  Aber
nach  der  sehr  unruhigen  Nacht  hatte  sich  die  schon  am  Mittwoch  bemerkbare
  Abnahme  der  Kräfte  noch  gesteigert,  die  Eßlust  war  noch  mehr

377
        <pb n="592" />
        580  Letztes  Kapitel.

gesunken.  Jetzt  war  auch  in  die  Stadt  die  Kunde  gedrungen,  daß  das
Leben  des  Kaisers  in  Gefahr  sei,  und  eine  bang  schweigende  Menge  von
Sehntausenden  sammelte  sich  vor  dem  Oalais,  angstvoll  einer  Machricht
harrend.

Am  Mittag  ließ  der  Kaiser  den  Fürsten  Bismarck  rufen,  besprach
mit  ihm  die  politische  Lage  und  richtete  Worte  der  Anerkennung  und  des
Dankes  an  ihn.  Dann  begannen  die  Gedanken  sich  zu  verwirren.  In
der  Meinung,  daß  es  Hrinz  Wilhelm  sei,  der  sich  über  sein  Bett  beuge,
sagte  er  zu  Bismarck:  „den  Kaiser  von  Rußland  mußt  du  nur  recht
rücksichtsvoll  behandeln;  das  wird  nur  gut  für  uns  sein.“  Dann  legte
er  ihm  die  Hand  auf  die  Schulter  und  sagte:  „das  hast  du  gut  gemacht!“
  »  «

Das  Schlafzimmer  des  Kaisers,  mit  dem  Bibliothekszimmer  durch
einen  kurzen  Gang  verbunden,  lag  nach  dem  inneren  Hofe  des  Palais.
Dem  einzigen  Fenster  des  kleinen  Gemaches  gegenüber  in  einer  Nische
der  Wand  stand  das  Bett  des  Kaisers.  Hier  war  um  den  Kaiser  die
MKönigliche  Familie  versammelt,  BZismarck,  Moltke,  die  General-Adjutanten
und  mehrere  der  obersten  Hofchargen.  In  schonendster  Weise  fragte  man,
als  um  halb  5  Uhr  drohende  Smptome  sich  einstellten,  den  Kaiser,  ob  er
nicht  den  Oberhofprediger  Kögel  sehen  wollte.  „Ach  ja“,  erwiderte  er,
„es  ist  ja  die  Seit  der  nachmittäglichen  Gottesdienste“.  Als  Kögel  erschien,
  sprach  er  dem  von  der  Erde  sich  losringenden  Kaiser  einige  Kernstellen
  der  christlichen  Zuversicht  vor:  „Ob  ich  schon  wandere  im  finsteren
Thal,  fürchte  ich  kein  Unglück,  denn  du  bist  bei  mir;  dein  Stecken  und-Stab
  tröstet  mich.“  „Das  ist  schön!“  bestätigte  der  Kaiser.  Tach  einer
Pause  fuhr  der  Geistliche  fort:  „Es  sollen  wohl  Berge  weichen  und  Hügel
hinfallen;  aber  meine  Gnade  soll  nicht  von  dir  weichen  und  der  Bund
meines  Friedens  soll  nicht  hinfallen,  spricht  der  Herr,  dein  Erbarmer."“
„Das  ist  schön!“  bestätigte  der  Kaiser  wiederum.  Dann  fuhr  der  Ober—
hofprediger  fort:  „Fürchte  dich  nicht,  denn  ich  habe  dich  erlöset;  ich  habe
dich  bei  deinem  Namen  gerufen;  du  bist  mein.  —  Ich  weiß,  daß  mein
Erlöser  lebt.  —  Christus  ist  die  Auferstehung  und  das  Leben.“  „Das
ist  richtig!“  sagte  der  Kaiser.  Noch  andere  Kernworte,  wie  JZesaias
14,.2°  —  Römer  5,1  —  I.  Joh.  1,7  —  Römer  14,  2—9  sprach  der
Geistliche  vor;  dazwischen  fügte  er  Liederverse,  wie  sie  dem  Kaiser  lieb
waren:  „Wenn  ich  einmal  soll  scheiden  —  Christi  Blut  und  Gerechtigkeit,
das  ist  mein  Schmuck  und  Ehrenkleid.  —  Mach'  End,  o  Herr,  mach'
Ende!“  „Herr,  nun  lässest  du  deinen  Diener  in  Frieden  fahren“,  fuhr
der  Oberhofprediger  fort,  „wie  du  gesagt  hast;  denn  meine  Augen  haben
        <pb n="593" />
        Der  Tag  hat  sich  geneiget.  581

den  Heiland  gesehen.“  Die  Großherzogin  von  Baden  fragte  den  Koaiser,
ob  er  es  verstanden  habe.  Mit  leiser  Stimme  wiederholte  er:  „Meine
Augen  haben  den  Heiland  gesehen.“  Dann  nach  einer  langen  Pause
sagte  er:  „Er  hat  mir  mit  seinem  Namen  geholfen!“  Wieder  nach  einer
Weile  sprach  er  wie  im  Traume  vor  sich  hin:  „Wir  wollen  eine  Er—
bauungsstunde  einrichten.“  Und  wie  aus  dem  Traume  erwachend,  setzte
er  hinzu:  „Jch  habe  einen  Traum  gehabt:  es  war  die  letzte  Feier  im
Dom.“

Da  trat  gegen  halb  6  ein  Augenblick  großer  Schwäche  ein,  der  das
äußerste  befürchten  ließ.  Allein  nach  einer  Weile  erholte  sich  der  Kaiser
(wieder  etwas.  Er  erkannte  die  Anwesenden  wieder  und  fragte  nach
Moltke.  Dann  ließ  er  den  Hrinzen  Wilhelm  dicht  an  sein  Bett  herantreten
  und  sprach  mit  deutlich  vernehmbarer  Stimme,  immer  mit  Re—
gierungssorgen  beschäftigt,  zu  ihm  von  der  Armee  und  von  dem  Hreußenvolke,
  von  den  Bündnissen  des  Reichs,  von  möglichen  Kriegen  und  von
einzelnen  militärischen  Einrichtungen,  die  ihn  in  der  letzten  Seit  beschäftigt
hatten.  Die  Großberzogin  von  Baden  bat  ihn,  sich  nicht  zu  sehr  anzustrengen,
  da  das  anhaltende  Sprechen  ihn  müde  machen  müsse.  Allein
der  Kaiser  antwortete:  „Jch  habe  jetzt  keine  Seit,  müde  zu  sein!“  Das
waren  die  letzten  zusammenhängenden  Worte,  die  Kaiser  Wilhelm  sprach:
giebt's  eine  schönere  Devise  für  sein  langes,  pflichttreuester  Arbeit  gewidmetes
  Lebend

Sichtlich  sanken  im  Laufe  des  Abends  die  Kräfte  des  Kaisers  wieder.
ur  in  abgebrochenen  Worten  sprach  er,  einzelne  Mamen  nennend,  von
den  Truppen  und  von  Erinnerungen  aus  den  Feldzügen.  Die  Kacht
brachte  keine  Ruhe;  gegen  Morgen  wurde  der  Huls  immer  schwächer
und  das  Atmen  schwerer;  das  Bewußtsein  verdunkelte  sich  und  setzte  zuzeiten
  ganz  aus.  Auf  die  Meldung  davon  versammelte  sich  schon  vor
4  Uhr  morgens  am  Freitag,  den  0.  März,  die  Königliche  Familie  um
das  Sterbelager.  Die  Kaiserin  saß  vor  dem  Bette,  die  linke  RKand  ihres
Gemahls  zwischen  den  ihrigen  haltend;  am  Fußende  angesichts  des  von
der  Erde  sich  losringenden  Relden  stand  Hrinz  Wilhelm.  Die  Großherzogin
  Luise  richtete  von  Seit  zu  Seit  kurze  Fragen  an  ihren  Kaiserlichen
  Dater;  aber  sein  Ohr  schien  sie  nicht  mehr  zu  vernehmen.  Nur
ab  und  zu  bewegten  sich  seine  Lippen;  aber  man  vernahm  nur  undeutliche
  Worte.  Von  Schmerzen  war  der  Sterbende  frei;  von  Seit  zu  Seit
hellte  sich  das  Bewußtsein  auf.  „Ich  harre  des  HBerrn“,  betete  der
Oberhofprediger,  „meine  Seele  harret,  und  ich  hoffe  auf  sein  Wort.“
„Es  war  schön!“  sagte  der  Kaiser  ganz  leise.  Dann  nach  einer  eile
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        582  Cetztes  Kapitel.

schlug  er  die  Augen  auf;  einen  langen  klaren  Blick  richtete  er  auf  die
Kaiserin;  dann  schloß  er  die  Augen,  um  sie  nicht  mehr  zu  öffnen:  sein
letzter  Blick  hatte  der  treuen  Gefährtin  seines  Lebens  gegolten.  Der
Morgen  schaute  trüb  herein.  Die  Atemzüge  des  von  hinnen  strebenden
Kaisers  wurden  immer  kürzer:  die  Anwesenden  sanken  um  das  Sterbe—
lager  auf  die  Kniee;  man  hörte  ein  tiefes  Aufseufzen  —  es  war  um
8  Uhr  28  Minuten  —  und  unter  ihren  Gebeten  hatte  die  große  Seele
Kaiser  Wilhelms  sich  losgerungen;  ohne  Todeskampf  war  sie  eingegangen
zum  ewigen  Frieden.  Mit  stillem  Gebet  geleiteten  sie  die  enteilende;
dann  traten  sie  heran  und  küßten,  Abschied  nehmend,  dem  dahingeschie—
denen  Kaiser  wehmütig  die  erkaltende  Hand.

Kopf  an  Kopf,  nach  Tausenden  zählend,  stand  seit  dem  frühen
Morgen  draußen  eine  dicht  gescharte  Volksmenge  vor  dem  Palais.  In
lautlosem  Bangen  harrte  sie  den  Nachrichten  über  das  Befinden  des  geliebten
  Berrschers.  Da  sank  die  Königliche  Hurpurstandarte  auf  dem
First  des  Daches  leise  auf  Halbmast.  Wie  ein  Aufschluchzen  ging  es
durch  die  Menge;  alle  nahmen  die  Hüte  ab;  manchem  starken  Mann
rannen  die  Thränen  über  die  Wangen.  Die  Glocken  in  der  Stadt  schlugen
an,  das  Sterbegeläut  beginnend;  und  wortlos  im  tiefsten  Schmerze  zerstreute
  sich  die  Menge.  Wie  öde  erschien  die  Welt,  nun  der  Kaiser  nicht
mehr  bei  ihnen  war!

Um  Mittag  trat  der  Reichstag  zur  Sitzung  zusammen.  Gleich  nach
Beginn  derselben  erschien  der  Fürst  BZismarck,  den  die  letzte  Unterschrift,
die  der  heimgegangene  Kaiser  am  7.  noch  mit  zitternder  Hand  gegeben,
zur  Schließung  des  Reichstags  ermächtigte.  In  sichtlich  tiefer  Zewegung
nahm  der  Reichskanzler  das  Wort;  in  ernstem  Schweigen  erhob  sich  das
ganze  Raus.  Wit  Thränen  im  Auge  machte  er  dem  Hause  die  amtliche
Mitteilung  von  dem  Heimgange  des  großen  Kaisers,  von  dem  unersetzlichen
  Derluste,  den  das  Reich  erlitten.  „Es  steht  mir  nicht  zu“,  begann
er  mit  vor  Schmerz  bebender  Stimme,  „von  dieser  amtlichen  Stelle  aus
den  persönlichen  Gefühlen  Ausdruck  zu  geben,  mit  welchen  mich  das  Hinscheiden
  meines  Herrn  erfüllt,  das  Ausscheiden  des  ersten  deutschen  Kaisers
aus  unserer  Mitte.  Es  ist  dazu  kein  Bedürfnis;  denn  die  Gefühle,  die
mich  bewegen,  die  leben  in  dem  Herzen  eines  jeden  Deutschen.“"  Und
Fürst  Bismarck  schloß,  oft  vor  innerer  Erschütterung  inne  haltend  und
laut  aufschluchzend,  mit  dem  herrlichen  Machruf:  „Die  beldenmütige
Tapferkeit,  das  hochgespannte  nationale  Ehrgefühl  und  vor  allen  Dingen
die  treue  arbeitsame  Oflichterfüllung  im  Dienste  des  Daterlandes  und  die
Ciebe  zum  Daterlande,  die  in  unserem  dahingeschiedenen  BHerin  verkörpert
        <pb n="595" />
        Die  letzte  Unterschrift.
Nach  dem  Gemälde  von  H.  Beckert.
        <pb n="596" />
        584  Letztes  Kapitel.

waren  —  mögen  sie  ein  unzerstörbares  Erbteil  unserer  Nation  sein,  das
der  aus  unserer  Mitte  geschiedene  Kaiser  uns  hinterlassen  hat.  Das
hoffe  ich  zu  Gott,  daß  dieses  Erbteil  von  uns  allen,  die  wir  an  den  Ge—
schäften  des  Vaterlandes  mitzuwirken  haben,  in  Krieg  und  in  Frieden,
in  Heldenmut,  in  Hingebung,  Arbeitsamkeit  und  Pflichttreue  treu  bewahrt
wird.“

Als  Fürst  Bismarck  geendet,  lehnte  er  sich,  die  Hand  vor  das
chmerzvoll  zuckende  Gesicht  haltend,  in  seinen  Sessel  zurück.  Ein  tiefes
Schweigen,  eine  lange  lautlose  Pause  folgte.  Dann  schloß  der  Präsident
des  Reichstages  von  Wedell-Hiersdorf  mit  dem  Worte  „Keines  Menschen
Mund  kann  dem  Schmerze  Ausdruck  geben,  der  ganz  Deutschland  erfüllt“
die  Sitzung.

In  kurzer  Frist  trug  der  Telegraph  die  Trauerbotschaft  zu  den
Enden  der  Erde.  Die  Dolksvertretungen  aller  befreundeten  Staaten,
auch  die  Schweiz,  schlossen  beim  Eintreffen  der  Trauerkunde  alsbald  ihre
Sitzungen.  Allle  politische  Erörterung  schwieg  unter  dem  schmerzlichen
Eindrucke.  Eine  beilige  Stille,  gleichsam  ein  Gottesfrieden  legte  sich  für
den  Sterbetag  des  großen  Kaisers  über  Europa.  Das  war  eine  stille
Buldigung,  dem  tiefsten  Herzen  der  Dölker  entquellend,  wie  sie  nie  einem
lorbeerbekränzten  Sroberer  zu  teil  geworden  ist.  Und  in  unzähligen
Trauerkundgebungen  der  Fürsten  und  Dölker  offenbarte  sich  dann  die
Teilnahme  der  ganzen  Welt.  ·

Sur  Mitternacht  des  II.  März  wurden  die  sterblichen  Reste  des
großen  Kaisers  in  feierlichem  Suge  von  seinem  Halais  nach  dem  Dom
überführt.  Bier  fand  die  Ausstellung  vom  15.  bis  15.  März  statt.  Ein
fast  freundlicher  Sug  tiefen  Friedens  lag  auf  den  bleichen  Sügen  des
hohen  Entschlafenen,  während  alle  die  Tausende  in  ununterbrochenem
Strome  an  dem  Hurpursarge,  ibren  so  über  alles  geliebten  Kaiser  noch
ein  letztes  Mal  zu  sehen,  vorüberzogen.

Am  16.  März  fand  im  Dome  die  Einsegnung  der  loiserlichen
Leiche  und  dann  nach  dem  Trauergottesdienste  die  feierliche  Beisetzung
statt.  Es  war  der  imposanteste  Sug,  den  Berlin  je  gesehen,  der  sich  die
Linden  und  dann  die  Charlottenburger  Chaussee  hinab  entwickelte.  Sunächst
  hinter  dem  Sarge  folgte,  da  den  aus  San  Remo  berbeigeeilten
Kaiser  Friedrich  sein  schweres  Leiden  zurückhielt,  Drinz  Wilhelm,  jetzt
Kronprinz.  Dertreter  aller  Fürstenhäuser  und  Staaten  Europas  schlossen
sich  ihm  an,  denen  die  Minister  und  die  höchsten  Diener  des  Staates
folgten.  Und  zu  den  Seiten  gab  eine  unabsehbare  Dolksmenge  in
Trauerkleidung  dem  zu  den  Eltern  heimkehrenden  Kaiser  das  letzte  Ge-
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        Der  Tag  hat  sich  geneiget.  585

leit.  Die  tieftraurigen  Mienen,  die  zitternde  Erregung,  die  thränenfeuchten
  Gesichter  zeigten,  wie  tief  der  Schmerz  war,  der  aller  HBerzen
erfüllte.  Don  allen  Kirchen  tönte  das  Glockengeläut  herab,  dumpf  von
Kanonenschüssen  unterbrochen:  so  zog  der  Kaiser  die  alte  Siegesstraße
jetzt  zum  letztenmal  hinab.  Am  Brandenburger  Thor  rief  Berlin  den
letzten  Abschiedsgruß  ihm  zu:  Vale  senex  Imperator!  Bei  der  Siegessäule
  lösten  sich  dann  die  dem  Sarge  vorangetragenen  Zeichsinsignien
von  dem  Trauerzuge  ab,  um  nach  dem  Schlosse  zurückgeleitet  zu  werden.
Jetzt  nahmen,  zu  den  Seiten  der  Chaussee  aufgestellt,  die  Reiben  der
Garde-Regimenter  die  sterbliche  Hülle  ihres  ruhmgekrönten  Kriegsherrn
in  ihre  Mitte  auf:  die  Garde,  sein  Schirm  und  Schutz  in  den  Stunden
der  Gefahr,  sein  Stolz  und  seine  Freude  in  den  Jahren  des  Friedens,
bis  zum  Schluß  auf  seinem  letzten  Gange  durfte  sie  ihrem  Kaiserlichen
Führer  das  Geleit  geben,  bis  am  Ende  der  düsteren  Tannen-Allee  die
Pforten  des  Mausoleums  sich  ihm  öffnen  und  der  Sarg  zu  den  Füßen
seiner  Mutter,  der  Königin  Luise,  niedergesetzt  wurde.  So  hatte  es  der
Kaiser  selbst  bestimmt:  wo  er  in  schweren  Stunden  Trost  gefunden,  da
wollte  er  ausruhen  von  der  Unruhe  dieser  Zeit.

In  unserem  HBerzen  aber  lebt  Kaiser  Wilhelms  hohes  Bild  in  lichtem.
Glanze  fort.  Dem  Wohle  seines  Dolkes  hatte  er  sein  Leben  geweibt;
darum  gewährte  ihm  Gott,  was  er  als  Lebensaufgabe  sich  gesetzt,  voll
zu  erreichen  und  ein  reiches  Leben  voll  auszuleben.  Und  die  dankbare
Erinnerung  schmückt  ihn  darum  mit  einer  dreifachen  Krone:  der  goldenen
des  erhabensten  Amtes,  der  silbernen  des  ehrwürdigsten  Alters  und  der
grünen  Lorbeerkrone  des  höchsten  Ruhmes.

„Wann  wird  wieder  solch  ein  Fürst  das  Diadem  adeln?“

*7ä

Fabksimile  der  letzten  Unterschrift  Kaiser  Wilhelms.
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        —  Pritte  =  Sp  Aamers  völlig  neugestaltete  Auflage.

Dllustrierle  Weligeschichte.

it  besonderer  Berücksichtigung  der  Rulkurgrschichte
unter  Mitwirkung  von

Hrof.  Dr.  G.  Dirstel,  Orof.  Dr.  Ferd.  Roesiger,
Hrof.  Dr.  G.  E.  öchmidt  und  Dr.  K.  Sturmhoefel

neubearbeitet  und  bis  zur  Gegenwart  fortgeführt

Prof.  Dr.  Otto  KRaemmeel.
10  Bändbdr.

Geheftet  je  8  M.  50  Pf.
In  Halbfranz  gebunden  je  10  M.

Auch  in  170  Lieferungen  zu  je  50  Hfg.,  oder  340  Beften  zu  je
25  POfg.  beziehbar.

=

n  der  dritten,  völlig  neugestalteten  Auflage  von  Spamers  illustrierter  Weltgeschichte
hat  sich  den  nicht  allzu  zahlreichen  guten  Werken,  welche  wissenschaftliche  Gründlichkeit  mit
wahrhaft  populärer,  d.  h.  allgemeinverständlicher  und  zugleich  anregender  Darstellung  vereinen,
ein  neues  hinzugesellt,  das  ganz  dazu  angethan  ist,  auf  seinem  Gebiete  alle  ähnlichen  Erscheinungen
in  Schatten  zu  stellen  und  einen  hervorragenden  Hlatz  in  jedem  Bause,  in  jeder  Familienbibliothek
einzunehmen.  Ular  und  übersichtlich,  in  schöner  Sprache  und  fesselnd,  bringt  sie  nicht  nur  die  Geschichte
der  einzelnen  Länder  und  Völker,  sondern  auch  deren  politische  und  geistige  Beziehungen  zur  Anschauung.
Die  Kulturgeschichte  ist  in  ausgiebigster  Weise  berücksichtigt.  Religion  und  Kunst,  der  Stand  der  Wissenschaft
  und  Zildung,  Leben  und  Sitten,  all  dies  wird  in  lichtvoller  Schilderung  vorgeführt.

Zu  diesen  vorzügen  des  textlichen  Inhaltes  gesellt  sich  eine  Al#ustration,  die  an  äußerer
Hracht  und  innerem  Wert  ihresgleichen  sucht.  Nicht  weniger  als  4000  Nummern  zählen  die  Text-Illustrationen;
  durchaus  sachgemäße,  nach  auserlesenen  Vorlagen  unter  Anwendung  aller  Hilfsmittel
moderner  Nunsttechnik  ausgeführte  Abbildungen,  als:  ausgezeichnete  lebenswahre  Horträts  nach  den
besten  gleich  zeitigen  Aufnahmen,  Gemälden  oder  Stichen,  vollkommen  genaue  Nachbildungen  wichtiger
und  interessanter  Handschriften  und  Dokumente,  historisch  getreue  Darstellungen  denkwürdiger  Ereignisse
der  Geschichte  nach  Gemälden  hervorragender  Meister  aller  Seiten  und  Länder,  gute  Reproduktionen
bedeutsamer  Kulturdenkmale,  geschichtlich  wichtiger  Zauwerke,  von  Orten  und  Stätten,  Altertümern;
ferner  Karten,  pläne,  Tabellen  und  vieles  andre;  dazu  kommen  noch  über  300,  zum  Ceil  in
Farbendruck  ausgeführte  Beilagen  und  Uarten  oft  größten  Formates,  so  daß  die  Gesamtausstattung
  mit  Kug  und  Recht  als  eine  musterhafte  und  glänzende  bezeichnet  werden  darf.  Unschätzbar
geradezu  ist  dieses  so  reich  gebotene  und  dabei  doch  sorgsam  ausgewählte  Anschauungsmaterial  für
die  Erreichung  lebendigen  Verständnisses.

So  charakterisiert  sich  die  Spamersche  Weltgeschichte  zugleich  als  ein  Werk  von  eminenkem
Werte  als  Bildungsmilkel  und  als  ein  Prachtwerk,  das  jeder  Bücherei  zur  Sierde  gereicht.
Der  Hreis  von  10  Mark  pro  Zand  ist  in  Anbetracht  der  Schönheit  des  Werkes  staunenswert  billig.

Karl  V.  (nach  Tizian).

Derlag  von  Otto  Spamer  in  Ceipzig.  —
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        —  Seixners

illustrierte
Deutsche  Likteraturgeschicht
4.  Auflage.  4.  Auflage.
Mit  135  Druckbogen  gr.  8°
55  zum  Ceil  farbigen  mit  1080  Seiten.
Beilagen  —
und  Preis:
423  Abbildungen  Geheftet  16  M.
im  Terte.  ««-  anmchteinbandsom
Es  ---"·:T"   H

Schiller.

3  besitzt  alle  Eigenschaften,  die  den  Litterarhistoriker  auszeichnen:
Teizner  eine  umfassende  Zeherrschung  des  mächtigen  Stoffes  und
hervorragende  Belesenheit,  ein  selbständiges,  sichergehendes  Urteil  und
eine  glanzvolle,  abgerundete  Darstellung.  Sein  ästhetisches  Urteil  ist  auf  der  Erkenntnis
  begründet,  daß  die  höchsten  Schöpfungen  der  deutschen  Litteratur  den  Einklang
  der  Schönheit  der  Form  und  der  höchsten;  edelsten  Sittlichkeit  zeigen,  sein
kritischer  Sinn  auf  Hervorhebung  des  Idealen,  Bleibenden,  Tiefen  vor  dem  bloß
äußerlich  Glänzenden  gerichtet  —  gewiß  eine  hohe  Auffassung,  die  an  sich  schon
dieses  Werk  ganz  besonders  zur  Einführung  in  die  Renntnis  der
Titteratur  geeignet  erscheinen  läßt.  Auf  die  neuere  Titteratur  ist  die
gröhte  Sorgfalt  verwendek.  Zesondere  Bervorhebung  verdienen  zumal  die
letzten  Abschnitte,  in  denen  Teixner  die  geistigen  Strömungen  der  jüngsten  Dergangenheit
  und  der  Gegenwart  kennzeichnet  und  die  Jungen  und  Jüngsten
schildert.  Die  Derlagsbuchhandlung  hat  ihrerseits  der  Ausstattung  des  Werkes
die  größte  Sorgfalt  gewidmet  und  keine  Kosten  gescheut,  um  durch  eine  mit  allen
Mitteln  der  modernen  Kunsttechnik  hergestellte  möglichst  vielseitige  Illustrierung
der  Leixnerschen  Litteraturgeschichte  den  Ruf  der  Gediegenheit  und  Dornehmbeit  zu
sichern.  Der  Bilderreichtum  ilk  hinsichtlich  der  Auswahl,  wie  der
Güte  der  einxelnen  Porlagen  unübertrefflich.  Leixners  Litteraturgeschichte
ist  also  ein  vortreffliches  Zildungsmittel  und  dabei  eine  genußreiche  Lektüre,  sie  ist
zugleich  ein  Hrachtwerk  edelsker  Krt,  das  jeder  Bücherei  zur  Sierde  gereicht.

—VDerlag  von  Otto  Spamer  in  TLeipzig.  —
        <pb n="600" />
        SpbaMEREB

HAND-AILA

150  Kartenseiten

nebst  alphabelischem  Namenverzeichnis

ern  150  Folio-Seiten  Text

enthaltend  eine  geographische,  ethnographische  und
statistische  Beschreibung  aller  Teile  der  Erde,  bearbeitet
von  Dr.  A.  Hettner,  a.  o.  Prof.  a.  d.  Universität  Leipzig.

im  Text  ca.  600  topographische,
physikalische,  ethnographische,  Pistorische  und  statistische
Karten  und  Diagramme.

BGeheftet  16  M.  —  klegar“  gebundenv  20  —M.

—
—

Mit  diesem  HAND-ATLAS  ist  zu  wirklich  billigem  Preise
ein  Kartenwerk  geschaffen,  das  nicht  nur  gelegentlich  als  Nachschlagewerk
  dienen,  sondern  zugleich  ein  Bildungsmittel  von
dauerndem  Werte  sein  soll,  das  man  jederzeit  mit  Interesse  zur
Hand  nehmen  kann.  Die  sonst  nirgends  gebotene  Vereinigung
der  Karten  eines  grossen  Hand-Atlas  mit  einem  von  einem  ausgezeichneten
  Fachmanne  bearbeiteten  Abriss  der  Geo-Fraphie
  und  mit  Hunderten  von  kleineren  Detail-  und  bersichtskarten
  ist  in  ganz  besonderem  Maasse  geeignet,  anregend
und  instruktiv  zu  wirken,  und  dürfte  für  viele,  ja  die  meisten,  den.
Besitz  eines  derartigen  Werkes  erst  wirklich  fruchtbringend  gestalten.



Verlag  von  OTTO  SPAMER  in  Leipzig.
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