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Martin  Tutlker.

Ein  katholischer  Historiker  hat  das  fünfzehnte  Jahrhundert  die
„Kloake  der  Weltgeschichte“  genannt,  und  Martin  Luther  sagt  von
seiner  Zeit  „wollte  man  Deutschland  malen,  so  müsse  man  es  gleich
einer  Sau  malen“.  Es  ist  die  Zeit  roher  Sinnenlust  und  Genußfreude,
  ohne  Empfindung  für  einen  höheren  Beruf  des  Menschen,
ohne  Pflichtgefühl  und  Pflichtbewußtsein.  Es  ist  gleichzeitig  eine
Zeit  des  volkswirtschaftlichen  Aufschwungs  in  Deutschland;  Reichtum,
  damit  Luxus  und  erhöhte  Bedürfnisse  kehrten  ein  in  manche
Kreise,  andere  dagegen  gerieten  in  immer  schlechtere  Lage.  Die  sozialen
  Unterschiede,  die  nie  aufhören  werden,  solange  es  Menschen
gibt,  verschärften  sich.  Während  ein  reicher,  begüterter,  von  Kirche
und  Staat  verwöhnter  Fürstenstand  sich  herausbildete,  fand  sich  der
niedere  Adel  Deutschlands  in  seinen  Existenzbedingungen  bedroht;
der  Rauflust  und  der  Möglichkeit  durch  kecke  Beutezüge  den  Lebensunterhalt
  zu  gewinnen,  machte  der  „Landfriede“  ein  Ende;  zugleich
  verdrängte  der  Gebrauch  der  Feuerwaffen  den  Ritter  aus  seinem,
  man  darf  es  sagen,  handwerksmäßigen  privilegierten  Soldatenberuf.
  Die  vielen  kirchlichen  Stellen,  die  die  katholische  Kirche
in  Kanonikaten  usw.  dem  deutschen  Adel  zur  Verfügung  stellte,  konnten
  trotz  ihrer  Anzahl  dem  kinderreichen  niederen  Adel  nicht  genügen,
  aus  seinen  ungesetzlichen  und  gesetzlichen  Bahnen  herausgedrängt,
  fehlte  ihm  der  gewohnte  Lebensinhalt,  bald  der  Unterhalt
überhaupt.  In  den  Städten  ist  es  der  handeltreibende  Bürger,  der
in  jenen  Jahrzehnten  zu  reicher  Kraftentfaltung,  zu  Vermögen  gelangt
  ist;  in  einigen  Geschlechtern  pflegt  sich  das  zu  verdichten,  die
naturgemäß  auch  in  der  Leitung,  der  Verwaltung  der  Stadt  die
erste  Rolle  spielen  und  nun  eifersüchtig  darüber  wachen,  daß  keine
jüngeren  Familien  in  den  Rat  eindringen.  Ebenso  bewachen  in  den
Handwerkszünften  die  Meister  ihre  Vorrechte,  der  goldene  Boden
eines  Handwerks  darf  nicht  durch  zu  starke  Konkurrenz  unterwühlt
werden.  Tausende  von  fleißigen,  tüchtigen  Gesellen  bleiben  außerhalb
  des  Meistertums;  wer  nicht  eines  Meisters  Sohn  ist  oder  eine

Auch  123:  Weber,  Von  Luther  zu  Bismarck.  I.  2.  Aufl.  1