2  Martin  Luther

Meisterstochter  freit,  gelangt  nur  schwer  in  den  bevorrechteten  Kreis
hinein;  auch  da  gibt  es  viele  Existenzen,  denen  der  richtige  Lebensberuf
  fehlt,  die  unzufrieden  werden  über  die  lebenslängliche  Unfreiheit.
  Und  auf  dem  Lande  liegt  der  Bauernstand  in  tief  einschneidend
gefesselter  Abhängigkeit  vom  Gutsherrn,  dessen  Launen  und  Willkür
  er  unterworfen  ist.  Das  Eindringen  des  römischen  Rechtes  in
die  deutsche  Jurisprudenz  erzeugte  die  Formeln  der  Abhängigkeit,
die  in  starker  Abstufung  vom  Klienten  bis  zum  Sklaventum  herabgehen.
  Obwohl  die  Bauern  materiell  in  der  Regel  nicht  schlecht
gestellt  waren,  war  es  vor  allem  die  völlige  Rechtlosigkeit,  mit
der  sie  der  Gewalt  der  Herren  ausgeliefert  waren,  die  eine  tiefe-Unzufriedenheit
  in  den  Köpfen  jener  entstehen  lassen  mußte,  die
innerer  Trieb  oder  eine  Anregung  von  außen  über  ihr  Schicksal  nachdenken
  ließ.  Gewiß  sind  Außerungen  feudaler  Brutalität  Ausnahmen
  gewesen,  wie  jene  zwei  berühmten  Beispiele,  der  Gräfin,  die
ihre  Untertanen  tagelang  Schneckenhäuser  sammeln  ließ,  und  jenes
Herrn,  dem  die  Bauern  die  Frösche  in  den  Sümpfen  am  schlasstörenden
  Gequake  hindern  mußten.  Sie  zeigen  aber  doch,  bis  wie  weit  die
Herrschsucht  der  Obrigkeiten  ungestraft  gehen  konnte.  Wir  finden
also  auf  der  einen  Seite  Lebensgenuß  in  vollen  Zügen  mit  ungeschwächten
  Sinnen  und  wetterfesten  Mägen,  auf  der  anderen  Kampf
mit  dem  Dasein  in  den  verschiedensten  Formen.

Was  konnte  damals  den  Menschen  über  das  irdische  Jammertal  erheben?
  Die  Zeiten  kirchlichen  Aufschwungs  —  wir  reden  etwa  von
1450  —  in  der  Baukunst,  das  erste  Stammeln  deutscher  Malerei
waren  vorüber,  ins  Gewerbe  hatte  sich  die  Kunst  geflüchtet.  Die
Wissenschaft  war  immer  mehr  in  öden  Schall  und  Rauch  verdunstet;
  in  Disputierübungen,  in  geistloses  Spintisieren  und  Kommentieren
  waren  Theologie  und  Philosophie  verfallen;  die  Hochschulen
waren  Raufanstalten  geworden,  von  denen  die  fahrenden  Schüler
ihr  geringes  Wissen  und  großes  Saufen  in  die  Welt  hineintrugen;
der  Unterricht,  den  die  Lehrer  gegen  kargen  Lohn  ihren  Zöglingen
  geben  konnten,  war  so  arm,  wie  die  Lehrer  selbst,  und  die  römische
  Kirche,  bisher  die  Vermittlerin  des  Guten  und  Schönen  auf
der  Welt,  lag  im  tiefsten  Verfall.  Reich  waren  ihre  Pfründen,
massenhaft  die  Stellen,  die  sie  vergeben  konnte,  alle  Stände  drängten
  sich  an  ihre  Pforten.  Aber  vor  allem  dem  höheren  Fürstenstande
  bezeigte  sie  ihre  Huld,  elend  war  die  Verfassung  des  niederen
Klerus,  der  aus  tieferen  Ständen  stammte.  Neben  dem  Seelsorger
barg  der  Kirchensprengel  stets  eine  stattliche  Anzahl  von  beschäfti-