Soziale  Verhältnisse  3
gungslosen  Geistlichen  „Altaristen“,  die,  man  kann  es  ungescheut
sagen,  ein  gefährliches  Klerikerproletariat  bildeten.  Von  der  Kirche
abhängig  war  damals  das  Bildungswesen,  die  Wohltätigkeit,  Armensorge,
  Spitalspflege,  ja  vornehmlich  im  Dienste  der  Kirche  blieben
  auch  Kunst  und  Wissenschaft.  Und  da  standen  sich  bald  schrofff
zwei  Parteien  gegenüber,  von  denen  die  eine,  dem  Wohlleben  ergeben,
  von  Bildung  und  Humanität  nichts  wissen  wollte  und  die
andere,  um  die  bloße  Existenz  kämpfend,  nichts  wissen  konnte.  Wenig
unterschied  sich  der  geistliche  vom  weltlichen  Stande.  Die  weisen
Vorschriften  der  älteren  Zeit,  die  den  Körper  des  Priesters  mit
Fasten,  Nachtwachen,  rauhen  Frömmigkeitsübungen  vor  sinnlichen
Anwandlungen  bewahren,  zu  rein  geistigem  Aufschwunge  stählen
  wollten,  sie  waren  zum  größten  Teile  vergessen.  Die  Uppigkeit
guten,  sorglosen  Lebenswandels  führte  die  einen  zu  Exzessen  in
Wein  und  Liebe;  das  Elend  kümmerlichen  Dahinvegetierens  reizte
die  anderen,  wenigstens  die  kargen  Genüsse  mitzunehmen,  die  auch
das  Tier  auf  der  Straße  findet.  Gedanken  an  eine  höhere  Pflicht
kannten  beide  Teile  nicht.  Gut,  wenn  der  Geistliche  damals  sich  mit
einem  Eheweibe  begnügte  und  nicht  allzuoft  Wechsel  da  eintreten  ließ.
Daß  sie  die  Verkünder  der  irdischen  und  himmlischen  Lebens  waren,
davon  wußten  nur  die  wenigsten  etwas.  Den  Vorschriften  der  Frömmigkeit
  wurde  meist  durch  rein  äußerliche  Betätigung  Genüge  getan.
  Zahlreich  waren  die  Betbrüder=  und  -chwesterschaften,  die
dieses  Gebiet  zu  bebauen  hatten.  Wir  hören  von  der  gnadenreichen
Vereinigung  der  elftausend  Jungfrauen,  die  durch  die  Lippenarbeit
der  Mitglieder  —  wer  elftausend  Vaterunser  gebetet  hatte,  wurde
Mitglied  —  einen  Schatz  von  6455  heiligen  Messen,  3550  ganzen
Psaltern,  200  000  Rosenkränzen,  200  000  Te  Deum  aufgespeichert
hatte,  der  nun  dem  einzelnen  zugute  kam.  Noch  Kurfürst  Friedrich
von  Sacksen,  der  spätere  Gönner  Luthers,  hat  von  seiner  Fahrt  ins
Gelobte  Land  über  5000  Reliquienpartikel  mitgebracht.  Von  Geistlichen
  und  Weltlichen  gilt  damals  nur  allzuhäufig  der  Spruch  Bernhards
  von  Chiemsee:  „Unsere  ganze  Neigung  geht  auf  Eitelkeit;
was  immer  schlechtes  einem  in  den  Sinn  kommen  mag,  das  wagt
er  ungestraft  auszuführen.“

War  das  die  Regel,  so  gab  es  natürlich  Ausnahmen  davon;  Menschen,
  die  das  sinnlose  und  sinnenbrünstige  Getreibe  anekelte,  die
das  Gefühl  hatten,  der  Mensch  sei  zu  etwas  anderem  auf  der  Welt
als  zum  Fressen  und  Saufen;  Menschen,  die  den  Hauch  des  Göttlichen
  in  der  Natur,  die  das  Bedürfnis  empfanden,  nach  Vorbildern,

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