4  Martin  Luther

das  Schöne  und  Gute  im  Leben  neu  zu  entwickeln,  die  das  Menschliche
  im  Menschen  gegen  die  rein  tierischen  Triebe  verstärken  wollten.
  Seit  1450  mehren  sich  die  Stimmen,  die  laut  und  herzlich
nach  Reformen  in  der  Wissenschaft,  im  staatlichen,  im  öffentlichen
Leben,  im  geistlichen  Stande  rufen.  Ein  Name  da  für  viele:  Nicolaus
  von  Cues.  Er  findet  Nachahmer  und  Freunde;  es  kommen
Gelehrte,  die  die  Formen  des  Unterrichts  ändern,  die  Schriften  der
alten  Geistesheroen  von  dem  Wuste  der  Kommentatoren  säubern.
wollen,  die  zu  den  Urquellen  der  Bildung  zurückdringen;  mit  den
Schlagworten:  Renaissance  und  Humanismus  bezeichnet  man  diesen
  Ruf  nach  Wiedergeburt,  nach  Veredelung  des  Menschengeschlechts.
  Und  wenn  dieser  Ruf  in  die  verarmten  Raubburgen  der
Ritter,  in  die  Häuser  der  unzufriedenen  Kleinbürger  und  Handwerker,
  in  die  Hütten  der  geknechteten  Bauern  eindrang,  mußte  er  hier  ein
gewaltiges  Echo  erwecken,  das  in  dem  Wunsche  nach  Verbesserung
des  irdischen  und  geistigen  Lebens  ausklang.  Aber  nur  wenig  vorbereitet
  und  geeignet  war  das  damalige  Geschlecht,  solche  Rufe  in
der  Wüste  zu  hören  und  zu  verstehen,  es  mußte  ein  anderer  Weg
gefunden  werden  zu  den  Herzen  der  Verstockten  und  zu  den  Sinnen
der  Niedergedrückten.  Gleichsam  als  Ausgang  aller  Laster,  als
surchtbare  Strafe  für  die  Sünden  der  Welt  hatte  um  1500  eine
schreckliche  Krankheit  Europa  überfallen,  die  den  Menschen  bei  der
Befriedigung  des  natürlichen  Triebes  schlug;  wahrscheinlich  von
Amerika  über  Spanien  und  Italien  war  die  Lustseuche  eingedrungen,
deren  gräßlichen  Verheerungen  ein  völlig  unabgestumpftes  Volk
wehrlos  und  wissenlos  anheimfiel;  sie  traf,  die  Freiheit  des  damaligen
  Sinnenlebens  benützend,  hoch  und  nieder.  In  diese  böse,  schlechte,
traurige  Zeit  mit  ihrer  ganzen  Sehnsucht  nach  Anderung  und  Besserung
  trat  Martin  Luther  ein,  geboren  am  10.  November  1483.

Die  Familie  Luther  stammte  aus  dem  Thüringischen.  Der  Vater,
  ein  Bergmann,  war  in  die  Grafschaft  Mansfeld  eingewandert
und  zu  Eisleben  kam  Martin  zur  Welt.  Die  Mutter  war  eine  geborene
  Ziegler  aus  Eisenach.  Eine  harte  Kindheit  verlebte  Martin;
mit  Wehmut  gedachte  er  später  seiner  freudelosen  Kindertage,  die
ihn  frühzeitig  auf  die  ernste  Seite  des  Lebens  wiesen  und  ihn  mahnten,
  alle  Vorkommnisse  schwer  zu  tragen.  Mühsam  rang  sich  der
Vater  zu  größerem  Einkommen  hindurch;  mit  dem  Ernste  und
Fleiße,  die  keine  Minute  des  Tages  ungenützt  lassen  und  unablässig
nur  das  Wörtchen  „Vorwärts“  kennen,  strebte  der  Mann  empor;
er  übersiedelte  in  die  Stadt  Mansfeld,  erwarb  ein  Haus,  wurde  an-