6  Martin  Luther  I

ten  Kommentar  zum  Römerbrief,  immer  mehr  und  mehr  von  seinen
  bisherigen  Parteigenossen  ab.  Er  erklärte  laut  und  öffentlich
deren  Streben  für  bloße  Werkheiligkeit,  die  sogenannten  guten  Werke
überhaupt  für  unnütz,  da  der  Mensch  ja  gar  nichts  Gutes  tun  könne,
indem  die  auch  nach  der  Taufe  zurückgebliebene  „böse  Begierlichkeit",
die  Luther  mit  der  Erbsünde  identifizierte,  unüberwindlich  sei.
Der  Augustinerkonvent  in  Thüringen  war  nicht  besser  und  nicht
schlechter  als  andere  Orden;  er  besaß  aber  in  Johann  von  Staupitz
einen  Vorgesetzten,  der  manches  mit  offenen  Augen  ansah  und  glücklich
  war,  unter  den  jungen  Ordensgliedern  einen  Mann  zu  finden,
der  gebildet,  ja  gelehrt  war,  und  der  zu  ernster  Pflichterfüllung
neigte.  Den  zog  er  aus  des  Klosters  Dunkelheit  heraus.  Schon  1508
durfte  Luther  in  Wittenberg  Vorlesungen  halten;  auch  erhielt  er  die
Grade  eines  biblischen  Baccalaureus  und  Sententiarius;  denn  kehrte
er  nach  Erfurt  zurück,  um  im  Winter  1510/11  im  Auftrage  des
Ordens  eine  Reise  nach  Rom  zu  unternehmen.  Am  1.  Oktober  1512
wird  er  Doktor  der  Theologie,  er  nimmt  seine  Vorlesungen  in
Wittenberg  wieder  auf,  trägt  aber  nicht  die  üblichen  scholastischen
Bücher  vor  und  begnügt  sich  nicht  damit,  stereotype  Hefte  mechanisch
  herunterzulesen;  er  verweist  seine  Hörer  auf  die  heiligen
Schriften  selbst,  legt  die  Bibel  aus,  hält  in  freier  Rede  1513
bis  1516  vielbemerkte  Vorträge  über  die  Psalmen.  Rastlos  studiert
  er  selbst  weiter,  vervollkommnet  sich  im  Hebräischen,  um  die
Urtexte  lesen  zu  können,  gierig  verschlingt  er  die  Werke  der  deutschen
Mystik,  die  seiner  Seelenstimmung  ganz  entsprechen;  die  Schriften
  Taulers  üben  größten  Einfluß  auf  ihn  aus.  Er  wagte  sich  aufs
literarische  Gebiet,  schrieb  1515/16  seine  Vorlesungen  nieder,  arbeitete
  zur  selben  Zeit  einen  Kommentar  über  den  Römerbrief  Paulus'
  aus,  den  er  aber  erst  später  veröffentlichte.  Gleichzeitig  war
er  Unterprior  geworden  und  hatte  das  Predigeramt  an  der  Wittenberger
  Stadtkirche  übernommen,  das  er  eigenartig  und  ganz  anders
als  seine  Vorgänger  unter  großem  Zulauf  der  Menge  ausübte.
1515  ward  er  zum  Vikarius  der  Meißner  und  Thüringischen  Ordensprovinz
  gewählt,  und  erhielt  damit  die  Aufsicht  über  elf  Augustinerklöster.
  Da  wird  er  nun  von  Amts  wegen  so  manches  über  das
geistliche  Leben  und  die  Handhabung  der  Disziplin  erfahren  haben,
was  ihn  mit  höchstem  Abscheu  erfüllt  hat,  ihm  zugleich  immer  dringender
  den  Wunsch,  mit  mahnender  Stimme  da  einzugreifen,  nahelegte.
  Man  hat  gerne  seine  Fahrt  an  den  Hof  des  Fürsten,  der
damals  als  Julius  II.  die  Tiara  trug,  als  den  Ausgangspunkt