H  Sein  Werdegang  7

von  Luthers  Abwendung  von  Rom  bezeichnet.  Es  ist  zweifellos,
daß  der  junge,  eifrige,  glaubenswarme  und  sittenstrenge  Mönch
vieles,  was  er  da  gesehen,  nur  mit  staunender  Verwunderung,  mit
Entrüstung  empfunden  hat,  und  daß  die  Eindrücke,  die  er  dort  empfing,
  später  nachgewirkt  haben.  Der  Hof  Julius'  II.  ist  der  Gipfelpunkt
des  damaligen  von  apostolischer  Reinheit  und  Einfältigkeit  abgekehrten
  geistlichen  Lebens  gewesen.  Dieser  Papst  war  ein  kriegerischer,
  gewalttätiger  Herr,  der  aus  dem  Papsttum  ein  weltliches,  insbesondere
  dem  Kunstmäzenatentum  ergebenes,  Fürstentum  machte,
der  in  keiner  Weise  der  Sinnenlust,  der  Genußfreudigkeit  seines
Hofes  entgegenzutreten  Ursache  hatte.  Die  Gleichgültigkeit  der  Romanen
  gegen  fromme  Dinge,  gepaart  mit  größtem  Aberglauben
und  äußerlicher  Beobachtung  der  Form,  einen  Überschwang  in  Reliquienkultus,
  in  Heiligenverehrung  fand  Luther  in  Rom  vor.  Bald
nachher  starb  Julius  II.,  und  ein  Medizeer  kam  als  Leo  X.  auf
den  päpstlichen  Stuhl.  Das  war  nun  ein  Mann  voll  starken  Sinnenlebens,
  politischer  Geschäftigkeit,  finanzieller  Betriebsamkeit,  der
seine  Lust  an  allem  Irdischen,  sei  es  Frauenreiz,  seien  es  Tafelfreuden,
  in  keiner  Weise  durch  Rücksichten  auf  sein  geistliches  Amt
mildern  zu  müssen  glaubte.  Was  jedem  Pfarrer,  jedem  Bischof
damals,  nach  der  landläufigen  Moral  der  Zeit  zu  tun  erlaubt  war,
warum  sollte  der  höchste  geistliche  Fürst  es  sich  versagen?  Leo  X.
war  überdies  ein  eitler  Mann,  der  von  sich  reden  machen  wollte  und
in  grandiosen  Kunstformen,  seinem  Geschmacke  entsprechend,  in
einem  alles  überstrahlenden  Gotteshause,  der  Peterskirche,  seinem
Namen  ein  monumentales  Denkmal  setzen  wollte;  er  führte  damit
  aus,  was  schon  sein  Vorgänger  geplant  hatte.

Für  die  ungeheuren  Kosten,  die  so  die  weltliche  Politik,  das  gesellschaftliche
  Treiben,  die  riesige  Kunstentfaltung  dem  Papsttume  damals
  verursachten,  mußten  die  gewagtesten  Finanzspekulationen
aufkommen.

Luther  hat  sicher  dieses  verweltlichte  Treiben  des  römischen  Hofes
wohl  erkannt,  er  wird  es  aber  damals  noch  als  etwas  Selbstverständliches
  hingenommen  haben,  an  dessen  bedauerlicher  Erscheinung
der  niedere,  zu  Gehorsam  verpflichtete  Mönch  keine  laute  Kritik
üben  dürfe,  für  dessen  Abstellung  er  nur  in  brünstigem,  stillem  Gebete
  ein  Mittel  besitze.

Erst  als  er  in  den  späteren  acht  Jahren  in  rastlosen  Studien  recht
erfaßte,  wie  das  Leben  der  Geistlichen  beschaffen  sein  sollte,  und
als  er  durch  seinen  Kontakt  mit  der  Offentlichkeit  erkannte,  wie  es